Nnterhaltungsblatt des Worwärls N?. 38. Sonntag, den 23 Februar. 1902 (Nachdruck verboten.» 88] JTanm Govdjcjezv. Nomon von Maxim Gorli. Deutsch von Klara Brauner Am nächsten Morgen standen Foma und Sascha neben- einander auf der Schiffstreppe des Dampfschiffes, das sich der Bucht näherte. Saschas riesengroßer, schtvarzer Hut lenkte durch seine verwegen gebogenen Ränder und die Weißen Federn die Aufmerksamkeit des ganzen Publikinns auf sich, und es war Foina unangenehm, neben ihr zu stehen und zu fühlen, wie die neugierigen Blicke über sein verlegenes Gesicht gleichsam krochen. Das Dampffchiff zischte und zitterte, während sein Bord sich der Landungsbrücke näherte, die mit einer soinmerlich hcllgekleideten, das Schiff crlvartenden Menschenmenge bedeckt war, und es schien Foma, daß er unter den verschiedenen Gesichtern und Gestalten jemand sähe, den er kannte, der sich iinMer hinter den Rücken der andern zu verstecken schien, aber kein Auge von ihm wandte. „Gehen»vir in die Kajüte!" sagte er unruhig zu seiner Begleiterin. „Gewöhne es Dir nicht an, Deine Sünden vor den Menschen zu verbergen", antwortete Sascha lächelnd.„Hast Du vielleicht einen Bekannten bemerkt?" „Hm... ja— a... jemand lauert mir auf." „Eine Kinderfrau mit einer Milchflasche I Ha. ha, ha I" „So, jetzt»vieherst Du!" sagte Foum und schielte zornig zu ihr hinüber.„Glaubst Du, ich fürchte mich?" „Ich sehe schon, wie niutig Du bist..." „Du Ivirft sehen I Ich»verde es init jedein auf- nehmen", sagte Foma erbost, als er aber die Menge an der Laudungsstelle genauer ins Auge gefaßt hatte, er- bleichte er Plötzlich und fügte leise hinzu:„Ah, das ist der Pate..." Ganz am Rande der Landungsbrücke stand Jakow Tarassowitsch Majakin, zlvischen zwei dicke Franen gepreßt, und schwenkte mit höhnischer Höflichkeit die Mütze in der Luft, indem er sein Gesicht, das einem Heiligenbild ähnlich sah, in die Höhe streckte. Sein Bärtcheu zitterte, die Glatze glänzte, und die Augen drangen wie kleine Bohrer in Foma ein. „Ist das ein Geier!" nmrinelte Foma, zog auch seine Mütze und nickte dem Paten zu. Sein Gruß schien Majakin großes Vergnügen zu bereiten. Der Alte»vand sich förnilich, stampfte mit den Füßen, und sein Gesicht wurde durch ein giftiges Lächeln erhellt. „Der Junge wird Wohl was zu kosten kriegen I" reizte Sascha Foma auf. Ihre Worte und das Lächeln des Paten schienen in Fomas Brust ein Feuer angefacht zu haben. „Wir»vollen sehen, was geschehen tvird," sagte er durch die Zähue und erstarrte plötzlich in zorniger Ruhe. Das Dampfschiff landete, und die Menschen fluteten wie eine Welle auf die Landungsbrücke. Majakin wurde von der Menge zurückgedrängt»>ud Verschlvand für eine Minute aus Fomas Augen, dann tauchte er mit einem scharfen, höhnischen, triumphierenden Lächeln»vieder auf. Foma blickte ihn mit gerunzelten Brauen fest an und rückte ihn: entgegen, indem er langsam über die Bretter schritt. Man stieß ihn in den Rücken und drängte ihn, und das alles regte Foma noch mehr auf. Jetzt stand er Brust an Brust mit dem Alten; dieser cnipfing ihn mit einer höflichen Verbeugung und mit der Frage: „Wohin geruhen Sie zu reisen, Foma Jgnatjitsch?" „Ich habe meine Geschäfte zu erledigen," antlvortete Foma fest, ohne den Paten zu begrüßen. „Das ist lobenslvert, mein Herr!" sagte Jakow Tarassoivitsch mit einem strahlenden Lächeln."„Und in welchem Verhältnis steht das Dämchen mit den Federn zu Ihnen?" „Das ist meine Geliebte," sagte Foma laut, ohne vor dem scharfen Blick des Paten die Augen zu senken. Sascha stand hinter ihm und musterte über seine Schulter den kleinen Greis, dessen Kopf Foma kaum bis ans Knie reichte. Durch Fomas lautes Wort angelockt, blickte das Publikum sich an und witterte einen Skandal. Auch Majakin fühlte sofort die Möglichkeit eines Skandals und taxierte richtig die kampflustige Stimmung seines Taufkindes. Er be- wegte seine Runzeln, kauke an seinen Lippen und sagte fried- fertig zu Foma: „Ich habe mit Dir zu sprechen... Kommst Du mit mir in den Gasthof?" „Ja, wenn's nicht lange dauert..." „Du hast wohl keine Zeit? Es ist klar, Du hast Eile, noch eine Barke zu ruinieren?" sagte der Alte, der sich nicht mehr beherrschen konnte. „Warum sollte man sie nicht zerschlagen, wenn sie sich zerschlagen lassen?" entgegnete Foma herausfordernd, aber fest. „Ja, gewiß!... Du hast sie ja nicht selbst erworben .-.. warum sollte es Dir leid thun? Also gehen»vir. Und könnte man das Dämchen nicht für eine kurze Zeit im Wasser ertränken?" sagte Majakin leise. /.Fahre in die Stadt. Sascha, und bestelle ein Zimmer im Sibirischen Hof... ich komme bald!" sagte Foma, dann wandte er sich zu Majakin um und erklärte mit Bravour: „Ich bin fertig!... Gehen»vir..." Bis zum Gasthof gingen sie beide schweigend. Als Foma sah, daß der Pate Sprünge machte, um nicht zurückzü- bleiben, beschleunigte er absichtlich seinen Gang, und der Unistand, daß der Alte mit ihm nicht Schritt halten konnte, unterhielt und bestärkte das stürmische Gefühl des Protestes, das er jetzt kaum noch beherrschen konnte. „Kellner," sagte Majakin freundlich, als er im Speisesaal des Gasthofs angelangt»var und sich in eine entfernte Ecke setzte.„Gieb»ilir eine Flasche Moosbeerenkwaß..." „Und mir einen Cognac," bestellte Foma. „So— o... Bei schlechten Karten muß man stets den letzten Trumpf ausspielen!" riet ihm Majakin spöttisch. „Sie kennen mein Spiel nicht!" sagte Foma, indem er sich an den Tisch setzte. „Wirklich? Du irrst Dich doch wohl I Viele spielen so..." „Wie?" „Wie Du... Mit Mut, aber ohne Verstand.. „Ich spiele so, daß entiveder mein Kopf in Stücke springt oder die Blauer entzlvei geht!" sagte Foma hitzig und schlug dabei mit der Faust auf den Tisch. „Hast Du heute noch nichts getrunken?" fragte Majakin lächelnd. Foma setzte sich aus seinem Stuhl zurecht und begairn mit vor zorniger Erregung verzerrtem Gesicht: „Pate! Sie sind ein kluger Mensch... ich achte Sie Ihres Verstandes wegen..." „Habe Dank, mein Sohn!" Majakin stand auf und verneigte sich, indem er sich mit den Händen auf den Tisch stützte. „Sie haben keinen Grund dafür... Ich will sagen, daß ich nicht mehr zlvanzig Jahre alt bin... Ich bin kein Kind mehr..." „Geiviß, gelviß l" gab Majakin- zu.„Du hast genügend gelebt, dagegen kann man nichts cimvcnden! Wenn eine Mücke so lange leben»vürde, würde sie so groß wie ein Huhn »verden..." „Warten Sie mit den Späßen I" warnte ihn Foma und that es so ruhig, daß Majakin zusairrmenfuhr und die Furchen auf seinem Gesicht erregt zuckten.„Warum sind Sie her- gekommen?" fragte Foma. „Dn hast hier Schaden angerichtet... und ich»vill sehen, wie viel! Siehst Du, ich bin ja einigermaßen Dein Verlvandter, und Du hast nur mich..." „Sie machen sich unnütze Sorgen... Wissen Sie was, Vater: entiveder Sie geben mir volle Freiheit, oder Sie nehmen mein ganzes Geschäft in Ihre Hand... nehmen Sie alles! Bis auf den letzten Rubel!" Dieser Vorschlag fiel Foma ganz unerwartet ein, er hatte früher nie an etwas Aehnliches gedacht. Als er aber jetzt zu dem Paten mehrere Worte gesagt hatte, kam ihm plötzlich der Gedanke, daß,»venu der Pate ihm sein ganzes Vermögen nehmen»vürde, er ein ganz freier Mensch »väre; er konnte dann gehen, wohin er»vollte, und thun, was ihm beliebte. Bis auf diese Minute»var er durch etwas gebunden und gefesselt, doch er kannte seine Fesseln nicht und verstand sich von ihnen nicht zu befreien, und jetzt fielen sie selbst so leicht und einfach von ihm. In seiner Brust flammte eine auflegende und freudige Hoffnung auf, er sah, daß in sein trübes Leben plötzlich von irgendwo Licht hereinflutete, und vor ihm schien sich ein weiter, geräumiger Weg zu eröffnen. In seinem Hirn stiegen verschiedenartige Bilder auf, er verfolgte erstaunt ihren Wechsel und murmelte zusammenhanglos. „Das wäre... am allerbesten I Nehmen Sie alles— dann ist Schluß I Und ich gehe in die weite Welt hinaus! Ich kann so nicht leben... es ist mir, als ob Gewichte an mir hingen... als sei ich gebunden... Das eine und das andre ist mir nicht erlaubt... ich will frei leben... damit ich alles selbst weiß... ich werde mir mein Leben ein- richten... Was bin ich jetzt? Ein Zuchthäusler! Nehmen Sie, bitte, das alles... zum Teufel damit! Befreien Sie mich, bitte! Was bin ich für ein Kaufmann? Ich liebe das nicht... Dann werde ich von den Leuten fortgehen ... von allem... ich würde mir meinen Platz finden... ich würde irgend eine Arbeit finden und würde arbeiten... bei Gott, Vater! Geben Sie mich frei... Sie sehen, ich trinke... und habe mit Frauenzimmern zu schaffen..." Majakin sah ihn an und hörte seinen Worten aufmerksam zu, sein Gesicht war streng und unbeweglich, wie versteinert. Um sie herum war alles von dem Gasthaus- lärm erfüllt. Leute gingen an ihnen vorüber, Majakin wurde gegrüßt, doch er sah nichts, indem er Fomas erregtes Gesicht eingehend betrachtete, das verlegen, fteudig und zu- gleich kläglich lächelte. „Ach, Du saure Brombeere I" unterbrach er Foma seufzend. Ich sehe, daß Du Dich verirrt hast... Und jetzt schwatzt Du unsinniges Zeug zusammen. Ich möchte nur wissen, ob das vom Cognac oder von der Dummheit kommt?" „Vater I" rief Foma aus.„Das geht ja I Es ist ja vor- gekommen, daß Menschen ihr ganzes Vermögen fortwarfen und so ihre Seele retteten..." „Das war nicht zu meiner Zeit... das waren auch Menschen, die mir nicht nahe standen!" sagte Majakin streng. „Sonst hätte ich ihnen schon meine Meinung gesagt!" „Viele sind heilig geworden, als sie fortgingen..." „Hm... ich hätte sie nicht gehen lassen I... Die Sache sst hier einfach— kennst Du das Damenbrettspiel? Da muß man den Ort wechseln, bis man aufgezehrt Ivird, und wird man nicht aufgezehrt, dann hat man die Dame I Und dann stehen Dir alle Wege offen. verstehst Du? Warum spreche ich nur ernst mit Dir? Pfui l..." „Vater l Warum wollen Sie nicht?" rief Foma zornig aus. „Höre zu k Wenn Du ein Schornsteinfeger bist, dann kriechst Du aufs Dach l Bist Du ein Feuerwehrmann, mußt Du auf dem Wachtturm stehen I Und jede Menschenart muß ihre Ordnung im Leben haben... Kälber können nicht wie Bären brüllen l Du mußt Dein eignes Leben weiter leben I Schwatze nicht, und krieche nicht dorthin, wo Du nicht hin- gehörst. Richte Dir Dein Leben auf Deine Art ein." lForlsetzinu, folgt.) Sonntttgsplnttdrver. DaS strahlende Blau des Himmels, der leuchtende Schnee, die erquickende Reinheit der durchsonnten Luft hatten mein körperliches und moralisches Befinden so weit gesteigert, dafi mein lange zögernder Wille» endlich zum Enlschlusie reifte. Ich machte mich also auf den Weg und ging zu meinem guten Bekannten. Der Mann beteuerte, daß er sich über meinen Besuch»»endlich freute, und dann kamen>vir ins Gespräch. Ich steuerte e§ heimlich zu einem gewissen Ziel, und richtig sprachen wir bald von der Hochbahn. Mein Bekannter schimpfte gewaltig: daß sie nicht rechtzeitig fertig geworden, daß sie Ungeheuern Lärm verursache, das sie die Schönheit der ganzen Stadt schände, daß sie die prächtigsten Pro- menaden in staubige Katakomben verwandelt habe, daß sie gänzlich unrentabel und überhaupt durchaus überflüssig sei. Ich verteidigte daS Unternehmen, nicht anders, als wenn ich durch Aktienbesitz an ihm beteiligt wäre. Ich erklärte, daß diese effernen Höhenzüge der nüchternen Geradheit des modernen Stadt- baueS erst Reiz und Interesse verliehen. Hat hier die Technik nicht «ine neue Art romantischer Schönheit geschaffen? Ist diese Axlze Ueberwindung der plumpen Schwere der Materie nicht ein begeisternder HhmnuS auf die Schöpferkraft deS MenschengeisteS? Ist die Hochbahn nicht das gigantische Lied der Arbeit in Stein und Eisen? Ach, wäre die übrige Stadt nur dieses Bauwerks würdig, und möchten sich die Seelen der Menschen, die auf der Bahn fahren, zu der Höhe der Kultur erheben, die solches Wunder schuf! Aber, leider, die Seelen find in der Pfahlbauzeit zurückgeblieben, die Technik des menschlich- gesellschaftlichen Handels ist noch ebenso primitiv wie barbarisch, und das fliegt auf der Hochbahn mit elektrischen Schwingen durch Raum und Zeit. Sie treiben den alten blöden Unsinn, ivie seit Fahrtausenden, töten und verkrüppeln sich, schänden tausendfältig das heilig blühende Leben, unterwerfen fich jeglichem Wahnwitz, be- staunen alle Dummheit— und fahren doch auf der Hochbahn!... So schwärmte ich und klagte ich. Mein Bekannter aber be- merkte mürrisch: Das mag alles sein, aber das kannst Du nicht leugnen, daß die Gesellschaft unverschämte unerschwingliche Preise nimmt; wer soll bei dem Tarif die Bahn benutzen I Ich atmete auf. Endlich war der Mann dort, wo ich ihn haben wollte. Da hast Du recht, teuer ist die Geschichte, verflucht teuer. Ich selbst habe keinen sehnlicheren Wunsch, als einmal so in Alpenhöhe elektrisch dahinznsausen, aber ich gestehe Dir, ich habe bisher nicht die Mittel gehabt, mir dies Vergnügen leisten zu können. Mein Freund lachte: Na, däzil wirst Du's wohl noch haben! Nein, nein, ich versichere Dir. es ist mir beim besten Willen nicht möglich. Höre, willst Du mich glücklich machen, willst Du mir zu einer Hochbahnfahrt verhelfen?— Aber gewiß 1 Ich schloß die Augen und errötete. Jetzt kam der entscheidende Augenblick. In stürmischer Auflegung flüsterte ich die bebenden Worte:„Pumpe mir hundert Mark!"... Die Wirkung meiner Enthüllung war schrecklich. Der Mann panzerte sich fünf Minuten lang in Schweigen. Seine Züge nahmen die Starrheit einer Totenmaske an. Und dann sprach er in herber erschütternder Strenge: „Lieber Freund, Du hättest Dir den Umweg ersparen können. Wozu erzählst Du von der Hochbahn, von Wundern des Menschen- geisles und der Niedrigkeit der Seelen, wenn Du doch nichts andres willst als mir hundert Mark abknöpfen! Ich bin ein Geschäftsmann. und liebe Kürze und Offenheit. Wer etwas von mir will, muß es mir gleich sagen. Was nun Deinen Wunsch anlangt, lieber Freund, so erfülle ich derlei Bitten prineipi ell nicht. Erstens sind solche Darlehen das beste Mittel, Freunde in Feinde zu verivandeln; denn jeder Schuldner betrachtet seinen Gläubiger als Feind. Zlveitens Ivill ich Deinen Leichtsinn nicht fördern. Du könntest mir sonst mit Recht Vorwürfe machen. Und endlich bin ich niomeutan gar nicht in der Lage, hundert Mark entbehren zn können, zumal die Rückzahlung doch ihre Schwierigkeiten haben dürfte!" Ich seufzte aus schwer verwundeter Brust. So schön hatte ich das Gespräch eingefädelt, so sicher es zu dem berechneten Ziel ge- lenkt, und nun Ivar alles vergebens. Was soll man gegen Principien thu» I Wenn ein Mensch das unglückliche Princip bat, nichts zu borgen, so muß man sich mit dieser Charakterstärke abfinden! Niedergeschlagen griff ich zn meinem Hut. Auf dem Hinivcge hatte ich schon die sicher erwarteten hundert Mark in Multiplikation mit sich selbst phantasievoll für unzählige höchst notwendige Zwecke vcr- ausgabt, jetzt war alle Kauflust erloschen. Und abermals seufzte ich tief aus. Da ergriff meinen Bekannten ein christliches Erbarmen, scm Gesicht hellte sich auf, und ich begann aufs Nene zu hoffe». Er ist doch ein guter Kerl und schwört seine Principien ab, dachre ich. I» der That klopfte er mir zärtlich auf die Schulter, nötigte mich zum Niedersitzen und begann mit weicher Ergriffenheit inir folgendes zu erzählen: „Sieh, lieber Freund, Geld habe ich zwar nicht, aber einen guten Rat will ich Dir geben. sMeiue letzte Hoffnung verschied am Schlagfluß!) Hast Dn den Treberprozeß gelesen?"' Ich schüttelte wehmütig den Kopf! „Das ist schade," fuhr mein Gönner fort,„aber Du wirst auch ohne diese Kenntnis mich verstehen. Also, patz auf! Es ist ebenso unanständig, wie numöglich, hundert Mark zu leihen. Wenn Du seit drei Tagen keinen Bissen Brot gegessen hast, wenn Deine Familie im ungeheizten Zimmer hungert, die Kinder vor Erschöpfung lranl danieder liege», glaubst Du, daß irgend jemand Dir hundert Marl giebt V Nicht fünfzig, nicht fünf. Höchstens speist Dich eine besonders nntleidige Person mit einem Groschen ab. Ich habe es auch nie begriffen, wie jemand so lhöncht sein kamt, wenn ihn die Not drückt, irgend eine» lumpigen Wertgegenstand zu stehlen, für den er vielleicht ein paar Mark erlöst und— ans vier Jahre ins Zuchthans gesperrt wird. Der zwerghaste Kleinbetrieb im Pinnpen n»d Stehlen— was so ziemlich dasselbe ist— bat keinerlei Existenzberechtigung in unsrer ifiodernen Gesellschaft. Er ist entehrend, dumm, zwecklos und gefährlich, Dahingegen der Großbetrieb auch auf diesem Felde menschlicher Betriebsamkeit von nnerschöpflicher Produktivität ist. Ein Lnnip, der unter einer Million leiht, ein Narr, der unter einer Million stiehlt I Hundert Mark kann ich nicht geben, und auch kein andrer Ivird sie Dir leihen. Und wenn Dn es wagen solllest, mir meine goldne Uhr zu entivenden, so bringe ich Dich hinter Schloß und Riegel. Aber ich bin bereit,»nit Dir— eine Aktiengesellschaft zu Stünden. Ein moderner Mann auf der Höhe der Zeit pumpt und iehlt nur auf dem Wege einer Aktiengesellschaft. Ein Kinderspiel ist's, in der Weise, durchaus gesetzlich, Millionen über Millionen zu raffen.— Hast Du vielleicht irgend etivas erfunden?" „Schnee mit HUfe bloßer Sonnenstrahlung in Wasser zu ver- wandeln I" „Vorzüglich I Eine glänzende Idee I Unendliche Perspektiven I Wir lassen uns die Erfindung patentieren. Dann leihen wir uns für eine Stunde hunderttausend Mark, um das nötige Aktienkapital dem Notar in Bar vorzeigen zu können. Und das Geschäft geht los. In vier Wochen haben wir die kolossalsten Buchwerte fabriziert. Die Aktienkäufer drängen sich. Wir verdoppeln, vervierfachen das Kapital, bezahlen davon ungeheure Dividenden, die Kurse steigen wahnsinnig, die ganze Welt ist voll von unsrcn Tochtergesellschaften, uud alle reellen Werte fließen in unsre Taschen, den andern über- lasten wir das schönbedrnckte Papier. Nach zwei Jahren find wir beide Millionäre. Vielleicht hat fich inzivischen die Erfindung wirklich bewährt. Vielleicht auch nicht. Das ist auch gleichgültig. Ist die Sache nicht mehr zu halten, so schmeißen wir den ganzen Krempel zusammen und gehen ins Ausland. Aber das ist nicht einmal nötig. Hast Du Furcht vor ein paar Monaten Gefängnis?" „Für ein Wort, das dem Staatsamvalt nicht gefällt, krieg' ich leicht ein Jahr. Warum soll mir ein Millionen-Verinögcn nicht einige Wochen Staatspension wert sein?" „Bravo I Ich sehe, Du eignest Dir bereits die nötige Ge- finnung an. Also wir lassen es auf eine Gerichtsverhandlung an- kommen. Du als der Hauptschuldige— ich bitte, lvidersprich nicht!— kriegst drei Monate, ich als der minder Belastete sechs Wochen Gefängnis. Es wird festgestellt werden, daß wir durch unser Verhalten Tausende kleiner Existenzen vernichtet haben. Können»vir für so viel Dummheit? Wir sind uns selbst am nächsten. Ucbrigens wird uns die Untersuchungshaft angerechnet werden. Bald sind ivir wieder in Gottes freier Natur. Der unangenehme Zwischenfall ist schnell vergesse». Wenn wir hernnskoniinen, beginnen wir ein Neues Leben. Millionenreich, brauchen wir nicht mehr zu schwindeln und zu betrügen. Jetzt mehrt die solideste Ehrbarkeit unser Vermöge». All- mählich werden wir die angesehensten Mitbürger. Man preist unsre Wohlthätigkeit. Die Armen vergöttern uns. Wir sterben im Kreise unsrer Lieben, verehrte, glückliche, nützliche Glieder der gesellschast- lichen Ordnung und Ritter hoher Orden. Und all dieser Glanz und Segen hat uns nicht mehr gekostet als einige Wochen Gefängnis I Wenn wir Glück haben, können mir auch dieses kleine Opfer noch sparen und wir schreiten ohne jede Unterbrechung mid Berufsstörung zur Höhe. Siehst Du nun ein, wie niedrig, gemein imd utopisch eS ist, 100 Mark zu leihen? Ein Ehrenmann thnt's nicht unter einer Million. Erst dann stellt fich Gottes Segen ein. Bist Du mit meinem Plan einverstanden?" „Ich will's mir überlegen," erwiderte ich schüchtern und ging von bannen—.mit zivei Groschen bar und der Anweisung auf zahl- lose Millionen.— Joe. Kleines Meuillekon. eg. Die ucnci» Schuhe.„Wo Ist denn das Schuhlager?" „Oben im zweite» Stock, meine Damen „Ach Du liebe Güte, da soll man wieder hinauf." Die Dicke stöhnte ans Herzensgrund. „Sie könne» den Fahrstuhl beutzeit", meinte die Verkäuferin. „Ach nee, das lasten wir lieber." „Daun reißt a>» Ende die Kette", sagte die jüngere Dame etwas ironisch. „Na, so dick bist D n doch nicht I" Die Dicke warf ihrer Be- gleiterin eine» wütenden Blick z», Sie empfand die Anspielung anf ihre Korpulenz offenbar als eine Beleidigimg. Sie war allerdings etivas in die Breite geraten. Gcmäckilich stiegen sie die eleganten Treppen hinauf, die Dicke keuchte trotzdem. Sie schalt:„Auch'nc Verrücktheit, das Schuhlager so hoch zu legen, überhaupt das Treppensteigen!" „Siehst Du. tvarum bist Du nicht Fahrstuhl gefahren?" „Ach Einmy, Du mit Deinem einigen Fahrstuhl; Du weißt docki. mich rührt der Schlag vor Angst. Du hättest ja im Laden kaufen können." „Gotr, wir find ja schon oben, Tante!" Die Jüngere hatte den zweiten Stock schon erreicht.„Im Laden bekomme ich auch keine billigen Schuhe; nein, nu mach' doch mau!" Sie hastete voran durch die verschiedenen Gänge. Die Dicke konnte kaum mit; sie brimunte Ivicder:„Renn' doch nur nicht so! Wir haben ja gar nichts zu ver- säumep. Was willst Du denn überhaupt drüben? Hier rechts stehen ja die billigen Schuhe." „Ich will mir aber die auch ansehen. Sie, Fräulein, zeigen Sie mir doch mal'n paar Prouieuadenschuhe." Sie ivandte sich an eine Verkäuferin, die mit einem großen Paket im Arm zur Kasse eilte »Gleich, ickt komme gleich meine Dame!" „Nun warte man erst, bis es einer gefällig ist", sagte die Dicke: fie pflanzte sich in ihrer ganzen Breite auf einen Stuhl, stützte die fände aus den Regenschirm uud spähte mit Adlerblicken in daS asten der Verkäuferinnen. »Sie, Fräulein, wie lange soll man denn hier warten? Das ist ja'ne schreckliche Bedienung!" „Aber ich komme ja schon, meine Dame!" Die Verkäuferin kehrte von der Kasse zurück:„Was soll es denn sei», meine Dame? Ein Paar Promenadenschuhe? Was Besseres?" „Ja. natürlich," meinte Emmy,„so zu zwölf oder dreizehn Mark." „Ich denke. Du willst heut' billige nehmen?" wunderte sich die Dicke. Emmy gab sich ein Air:„Na, find die etwa teuer? Das sind doch billige I Aber nein, Fräulein, ich möchte welche mit Gummizügen." Sie schob den Karton, den die Verkäuferin brachte, zurück. „Man trägt jetzt so wenig Gummizüge, meine Dame, und doch besonders nicht in guten Schuhen, man trägt sie nur zum Knöpfen." „Ich will aber keine zum Knöpfen," sagte Emmy.„Zeigen Sie mir Schuhe mit Gummizügen." „Die haben wir aber nicht in der Preislage, meine Dame, die haben wir nur noch in billigen Sorten, die besseren bekommen wir erst ivieder." „Ach Gott, billige Sorten! Das sind doch hier aber schon billige Sorten I" „Na eben," sagt die Dicke,„Schuh' zu zwölf Mark das Paar sind doch nicht etwa gute Schuh'. Sehen Sie doch mal»ach andren, Fräulein!" „Aber meine Dame, wir haben keine andren, wenigstens heut' nicht. Mit Gummizügen haben wir heut' nur die billigen zu vier Mark fünsundachtzig. Bessere kriegen wir erst in acht Tagen." „Na, das mag Zeug sein." Die Dicke rümpfte die Nase. „Nein, ich will gute Schuhe haben," sagte Emmy sehr von oben herunter. „Dann nehmen Sie doch welche zum Knöpfen, meine Dame, die Knöpfschuh' find doch auch viel eleganter." „Na wenn doch meine Nichte aber Knöpfschub' nicht will," ent- rüstete sich die Dicke:„Was kosten übrigens die Gummizugschuh'?" „Vier Mark fünfnndachtzig, meine Dame, es sind auch ganz gute Schuh', meine Dame. Sie kosten sonst acht Mark, aber weil Gummizüge aus der Mode sind, haben wir sie heruntergesetzt." Emmy sah die Tante an:„Ob man eS mit den billigen ver- sucht, wenn andre nicht zu haben sind?" „Man trägt ja doch lange Kleider," nickte die Dicke,„und wenn Du Dich vorläufig behilfst, kannst Du Dir ja in acht Tagen bessere kaufen." „Kann ich machen; prachtvoller Einfall!" Emmy setzte sich auf einen Sessel.„Denn werde ich mal anproben." Sie begann ihren Halbschuh aufzuschnüren, die Verkäuferin kam heran:„Aber das kann ich ja machen, meine Dame, bitte, zeigen Sie, ich werde helfen." „Nein, nein, lasten Sie nur, Fräulein, ich mach' das schon allein I" Ennny war auf einmal sehr liebenswürdig geworden:„Wozu sollen Sie denn meine nasten Schuh' anfassen, Fräulein? DaS kann ich Ihnen doch gar nicht zumuten." ,O, das thut ja nichts, meine Dame, daS müssen wir ja immer. „Darf ich beim Anziehen helfen?"„Laß sie doch helfen I" sagte die Dicke.»Nein, bemühen Sie sich nicht, Fräulein", Emmy wehrte ab und zog den neuen Schuh an,»aber die Nummer ist mir viel zu klein." „Ja, ich werde gleich eine größere holen." Die Verkäuferin ging nach dem Schrank hinüber. Emmy sah zu der Dicken empor: „Na, siehst Du? Nu Hab' ich die billigen Schuh'. Denkst Du. ich werde daö gleich sagen? Sie sollen doch nicht denken, wir wären ordinär!" "„Ja, ja l" Die Dicke war aufgestanden, ungeduldig stapfte sie auf und ab.„Ja, thu' mir bloß den Gefallen uud mach' nu rasch! Und was sollen den» die Fisemateüten mir dem Mädel, von ivegen „die nassen Schuh' nicht anfassen" und„nicht zumuten können"; Ivcrde man nicht üderaustäudig! So'n Ltideumädel, dazu ist sie ja da I" „Na ja, aber eigentlich sind sie doch sehr schmutzig." Emmy Ivarf einen Blick auf ihre nasten Schuhe.„Denk' mal, wo wir überall herumgelaufen sind, und das soll so'n Mädchen nn anfassen I Und dann weißt Du. um offen zu sein, die Hauptsache ist auch die, sie soll es nicht merken, ich habe nämlich ein großes Loch im Strumpf!"— d. Klagen iibcr die italienischen iklrbciter, die als Wander- arbeiter über die Alpen ziehen und in Frankreich, der Schweiz, Ocslrcich und auch im Deutsiben Reiche für einige Monate Be- schäftiguug suchen, sind nicht bloß in unsreu Tagen erhoben worden. E. Gothein ivcist in seiner Wirtschaftsgeschichte des Schwarzwaldes nach, daß sich schon am Ende des 16. Jahrhunderts im Breisgan die sämtlichen Bauhandwcrker über die welschen Slörer beschwerten. Jährlich wanderten aus Italien Zimincrleule, Steinmetzen, Maurer, die nirgends seßhaft seien, in Scharen zu. entzögen ihnen das Brot und schleppten fast den ganzen Verdienst in barem Gelde mit sich fort. Die Zunft der Freiburgcr Bauleute beantragte im Jahre 1589: entweder sollten diese Welschen mit Gewalt ausgerottet oder genötigt werden sich zünftig zu machen. In Württemberg wie in der Markgrafschaft Baden forderten die an- sässigen Meister Schlitz vor den wandernden welschen Maurern. Damals begann jenes Uederströmen italienischer Hausierer, das für die Wirtschaft nach dem 30 jährigen Kriege charakteristisch werden sollte. Während die Fremden von den einheimischen Meistern bei der Regiermig angeklagt wurden als Leute, die das Geld auS Deutschland holen und wieder dadon ziehen, ivnrden sie von Ober- und UntervvAten in Schutz genommen: nur sie legten der Ueber- tenerung und der unverbesserlichen Ncichlüssigleit der einheimischen Maurer einen Zügel an, so ward von dieser Seite vorgestellt. I» die Zunftordnung, die damals— 1609 in der Markgrafschast Baden— zum erstenmale gegeben wurde, brachte» sie wenigstens einige Be- stinnnungeii. welche die Zuziehnng der fremden Handwerker in alle» Fällen der Versäumnis und unbilligen Steigerung gestatteten, und die Arbeitszeit im Tagelohn regelten. Mit den lässig ausgeführte» Ordnungen tvnbten sich die schmieg- samen, an den Druck einer despotischen Staatsgewalt� gewöhnten Italiener damals ivie später abzufinden. Vor dem Hilssmittct, sich mit dem Opfer einiger Gulden selber in die Zunft einzukanfen, scheuten sie nicht zurück: den Zünften aber mußte es bedenklich er- scheinen, auf solche Weise ihre Feinde in ihrem eignen Schoß aufzu- nehmen. In Freibnrg im Breisgau lvar bereits im Jahre 1S98 ei» Ratsbeschluß nötig: kein Welscher solle mehr zum Zünftigen auf- genommen werden. Daß diese Maßregel nicht den Gang der Wirt- schastlichen Entwicklung hemmen konnte, ist männiglich bekannt.— Theater. Schall und N a n ch.— Sehr glücklich ist das Programm deö Serenissimus-Thcatcrs, Unter den Linde», durch das Gastspiel E m a n u e I N e i ch e r s eriveitert tvorden. Der kleine Einakter „Die Frau des Andern", in dem der berühmte Schauspieler auftrat, erhebt sich ganz bedeutend über das Durchfchnittsnivea» dieses Genres und brachte es, dank der ausgezeichnete» Darstellung der Hauptfigur, des Julius Langh, durch Reicher zu fast dramatischer Spannung. Schwermütig, wie betäubt durch irgend ein entsetzliches Erlebnis, erscheint er bei dem lauge nicht gesehenen Jugend- freunde, der mit seiner Frau und einem elegante» Hausfreund in animierter Stimmung eben ans dem Theater zunickkehrt. Prickelnd-amüsant hatte der neue Schivank das alte, unerschöpfliche Thema von den» betrogenen Ehemann variiert; zumal der junge Gatte, dem es, wie den meisten seiner Leidcusgenossen, im Traume nicht einfällt, daß das Schicksal, das er bei andern so lächerlich findet und mit solcher Schadenfreude goutiert, ihm selbst bestimmt sei» könnr, ist ganz entzückt. Ei» zufälliger Blick in die Nebeiistnbe, in die Hausfreund und Frau getreten sind, enthüllt dem Gast, daß hinter dem Rücken des MaiineS hier die gleiche Komödie wie in dem Theater sich abspielt, derselbe in Wirklichkeit so triste, widrige Betrug, den er selbst soeben erst in seinem eigne» Haus entdeckt hat. Und in der wachsenden Erregung seines Zornes, durch die Blindheit und das koiiveutionell- frivole Gerede des Freundes noch mehr gereizt, tverden seine Worte, ju einer Anklage gegen die Heuchelei des Ehebruchs fich zufpitzeud. »nimer persönlicher: drohend umkreisen sie nah und näher da? Haupt der beiden Schuldigen und des ahnungslosen Gatten, bis endlich unter dem Druck einer unerträglichen, nervösen Spannung die Frau, die alles schon verloren glaubt, durch einen Anfschrei ihr Gc- heimnis verrät. Vernichtet bricht der Man» zusammen. Der Spaß. den er in der Komödie eben»och so herzhaft belacht hat, ist furcht- barer, Leben zerstörender Ernst gelvorden. Vorzüglich war Reicher dann in der Soloscene. in der er. als alter, pfiffig-vergnügt dreinschauender Jude mit langem Kaftau und Käppl, die' schnurrigen„Geschichten vom toten Rabbi" erzählt. Es lag mehr als bloße Komik, es lag Humor in dem Spiel. Der naive Stolz, mit dem er die talmndistisch-spitzfindigen Einfälle des weisen Rabbi vortrug und anpries, hatte bei aller Lächerlichkeit etwas Rührendes, Herzgewinnendes. Lustig ivar auch, was sonst der Abend von älteren Sachen bot: die Weisheiten von Serenissimus, die flottparodistische bayrische„Banernknmedie" und SchnitzlerS„Abschisdssonper".—— dt. Ans dem Tierreiche. — Eine neue H a i f i s ch a r t. Di« Wochenschrift„Die Umschau" lH- Bechhold, Frankfurt a. M.) schreibt: Im vorigen Sommer wurde an der japanischen Küste ein riesiger Haifisch an- getrieben, von Fischern geborgen und dann im Asakuia-Park bei Tokio nebst andren Merklvürdigkeiten zur Schau gestellt. Der Besitzer der Sammlung hatte das Tier von de» Fischern gekauft und unter' großen Schwierigkeiten. die durch die ungeheure Größe und das enorme Gewicht des Fisches bc« dingt wurden, nach der japanische» Hauptstadt zum Ausstvpfe» ge« bracht. Das Tier besitzt»ach der Beschreibung von Kishinouye im �Zoologischen Anzeiger" einen platten, stumpfen Kopf, ein gerade» Maul am äußersten Ende des Kopfes und sehr kleine Augen. Die Haut ist mit Ansnahnie einiger Streifen fein gekörnt. Die Lustlöcher haben fast eine gleiche Größe wie die Augen. Die Nasenlöcher befinden sich am Ende des Kopfes gegen den Rücken hin. Von den Nüstern»ach den Mundwinkeln und von den letzteren nach dem Unterkiefer ziehen sich große Hantfalteit. Die Zahl der sehr kleinen, scharfen Zähne beträgt im Ober- und Unterkiefer je 300. die in mehreren Reihen angeordnet sind. Die fünf Kiemenöffnunge» find sehr groß; das zweite Paar mißt 86 Centimeter. Die Haut- färbe ist graubraun mit weißen, runden Flecken und quer laufenden Streifen, die ganze Bauchseite jedoch ist färb- los. Das ausgestopfte Tier maß 8 Meter in der Länge und 3,gS Meter im Umfang. Da die Haut jedoch sehr zusanimengetrocknet war. mußte das Tier lebend eine Länge von 10 Meter besessen haben. Als der Fisch gefangen tvurde, war er mit vielen Saugfischen(Schildfischen) bedeckt, die fich an seiner Haut angehängt hatten. Im Magen des Haifisches fand sich ein etwa 30 Centimeter langer eichener Pfahl. Wahrscheinlich vertritt diese? Tier nicht nur eine neue Art, sondern sogar eine neue Gattung der Haifischgruppe, die sich von andern durch die eigentümliche Kopfform und die Falte» in der Kopfhaut unterscheidet.— Aus dem Pftanzenleben. — Hauptsächlich als einen Beitrag zur Kenntnis der Wirkung des Windes auf die Pflanzenwelt bezeichnet Adolph Hansen eine Broschüre: Die Vegetation der ostfriesischen Inseln lDannstadt, Bergsträsscr 1901). Nach seinen Ausführungen ist es ganz allein der Wind, ivelcher der Aufforstnug Schwierigkeiten, ander Nordsee wahrscheinlich sogar unüberwindliche entgegensetzt. Es ist nicht der Salzgehalt und das Sandtreiben des Windes, noch dessen mechanischer Anprall, sondern einzig das Vertrocknen der Blätter durch den Wind, ivelcher den Baumwuchs ohne Schutz unmöglich macht. Den Aus- spruch Gebhardts sHandbuch des deutschen Dünenbaues), daß man überall, wo man die Bäume nicht aufbrachte, Fehler gemacht habe, entweder bei der Auswahl der Kullurflächen oder bei dem Kultur- verfahren in der Mischung mit andren Holzarten und im Verband, hält Hansen für nicht gerechtfertigt. Mau hat stets den Wind unterschätzt. Natürlich zeigen die Gewächse graduelle Verschiedenheiten in Bezug auf Windcmpfindlichkeit. Erlen und Weiden sind beispielsweise ividerstandsfähiger als andere Laub- bäume: niedriger Wuchs ivie bei?inus montana, Salix repens»flu. ist o» sich bereits Windschutz. Die Landwirtschaft hat scheinbar die Schädlichkeit des Windes bereits früher erkannt: daher die Hecken »nd Knicks in Holstein und Belgien, welche wohl ursprünglich mehr Windbrcchcr ivie Grenzpflanzungen waren und erst zu letzteren im Laufe der Zeiten ivnrden. Nachgcivicscnermaßcn ergaben derart ein- gefriedigte Grundstücke einen dnrchiveq höheren Ertrag als offenes Gelände.—(„Globus".) Humoristisches. — E i n m o d c r n e S K i n d. Mama(zum Kindermädchen): „Der fade Hampelmann eininyicrt meinen Sohn— drehen Sie ihm lieber„das Ueberbrcttl" anfl"— — Verkannte Schüchternheit.„Mit meinem Mann bin ich ganz zufrieden— tvenn er nur nicht so schüchtern wäre!" „Ja. Ivieso denn?" „Jetzt sind wir doch schon zwei Jahre verheiratet und, denken Sie ficd. er traut sich hent' noch nicht, mit mir in eineit Laden zu gehen!"— — Rücksichtsvoll. Chef(zum neuen CommiS):„Ihr Vorgänger war ein sehr a n st ä n d i g e r Mensch. Zinn Beispiel, ivie er gestorben ist, hat er das im Urlaube g e t h a n!"— („Fliegende Blätter.") Notizen. — Die Mehrheit de? B a u e r n f e l d- Ku r a t o r i u m s ist darüber einig, vom nächsten Herbst au den Bauernfeld- preis nicht nur Dramatikern, sondeni auch Novellisten znzu« erkenneii.— — B u n g e r t' s Mnsiktragödie„N a u s i k a a" erzielte bei ihrer ersten Anffnhrmig im Hamburger Stadt-Theater einen glänzenden Erfolg.— — Dr. Richard Batka, der Mnsikredactenr deS„Kiinst- wart", hat in Prag die„Bunte Bühne' begründet. Die erste Aufführung, die im Deutschen Landes-Theater stattfand, erzielte einen großen Erfolg.— — In der Großen Berliner K n n st a u S st e l l n n g 1902. die am 3. Mai eröffnet wird, werden in besonderen Sälen mit deni Rechte eigner Ansivahl erscheinen: aus Müncheii die Knnst- geiioffenschaft, die Luitpoldgruppe und die„Scholle", ferner die Dresdener Knnslgenosscnschnft. Eine kleinere Sammlung schickt die Frankfurter Künstler-Gesellichaft. Daß die ans der Secession aus- geschiedene Gruppe der Sechzehn eigne Säle und eigne Jury erhält, haben wir bereits berichtet.— — Josef Sattler's Originalzeich nun gen zu dem Boosschen Werk„Geschichte der rheinische» Städte- Kultur' sind gegenwärtig im Lichthofe des K n n st g e w e r b e- Museums ausgestellt.— — Eine S o n d e r- A n S st e k l u n g von Webereien, Wirkereien und Stickereien ivird das Museum für deurscke Volkstrachten und Erzeugnisse des Hansgewerbes(Klostcrstr. 36) Ende März veranstalte».— — Ein M ä r ch e n b r ii n n e n wird in M e i n i n g e n zum Andenken an den dort im Jahre 1860 verstorbenen Märchendichter Ludwig Bechstein errichtet werden.— — Der Afrikaforschcr Dr. E m i l H o l u b isk in Wien naeb längerer Krankheit im Alter von 54 Jahren an der Malaria gestorben.— Berantwortlichcr Redacteur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.