Interhaltungsblatt des Horwärts 42. Freitag� den 28 Februar. 1902 iNnchdruck verdaten.! 42) Govdjejvtv. Roman von Maxim G o r l i. Deutsch von Klara Brauner Ljuba senkte den Kopf, doch sie erhob ihn gleich wieder und rief voll Schmerz aus: „Sie sagen ja selbst, die Freiheit.. „Schweig' I" schrie der Alte sie brutal an.„Du siehst selbst das nicht, was jeder Mensch allen sichtbar nach außen trägt. Wie können alle glücklich und gleich sein, wenn jeder über den andern hinaus will? Selbst der Bettler hat seinen Stolz und prahlt mit etwas vor den andern. Ein kleines Kind tvill seinen Kameraden auch voraus sein. Und ein Mensch wird niemals dem andern weichen— nur die Narren glaupen daran. Jeder hat seine Seele und sein Ge- ficht, man kann nur diejenigen, die ihre Seele nicht lieben und ihr Gesicht nicht schonen, nach einem Muster abhobeln. Ach Du? Du hast allerlei Unsinn gelesen, hast Dich damit vollgestopft." Das Gesicht des Alten drückte bitteren Vorwurf und giftige Verachtung aus. Er rückte lärmend seinen Sessel vom Tisch fort, sprang auf, legte die Hände auf den Rücken und begann rnit kleinen Schritten, den Kopf schüttelnd, durch das Zimmer zu laufen, wobei er boshaft und pfeifend etwas flüsterte. Ljubowj, die vor Aufregung und Kränkung bleich war und sich vor ihm dumm und hilflos fühlte, lauschte diesem Flüstern, und ihr Herz schlug unruhig. „Ich bin allein geblieben, ganz allein. Wie Hiob... O Gott, was soll ich thun? O, allein! Bin ich denn nicht klug? Bin ich nicht schlau? Das Leben hat aber auch mich überlistet. Wen liebt es? Wen schont es? Es schlägt die Guten und sieht den Bösen nichts nach. Und seine Gerechtig- keit ist niemand verständlich." Es schmerzte das Mädchen, den Alten so zu sehen; sie wurde von deni heißen Wunsche ergriffen, ihm zu helfen; sie wollte ihm etwas sein. Sic folgte ihm mit erregten Augen und sagte Plötzlich leise: „Lieber Vater! Verzweifeln Sie nicht... Taraß lebt ja noch... vielleicht daß er..." Majakin blieb plötzlich wie angewurzelt stehen und hob langsam den Kopf. „Der Baum, der sich in der Jugend krümmt und nichts aushält, wird im Alter erst recht brechen. Aber doch... auch Taraß ist für mich jetzt ein Strohhalm, obgleich er wohl kaum mehr wert ist als Foma. Der Gordjejcw hat Charakter, er hat den Mut vom Vater her. Er kann viel aus sich machen. Aber Taraß... Du hast zur rechten Zeit an ihn gedacht... ja— a!" Und der Alte, der vor einer Minute so niedergeschlagen war, daß er klagte und vor Gram im Zimmer herumrannte wie eine Maus in der Falle, trat jetzt mit nachdenklichem Gesicht ruhig und fest wieder an den Tisch, rückte bedächtig seinen Sessel heran und setzte sich, indem er sagle; „Wir müssen uns eiunial nach Taraß umsehen. Er lebt in einer Fabrik in Ussolje. Ich habe von den Kaufleuten gehört, daß dort Soda fabriziert wird. Ich kann es genau erfahren. Ich werde ihm schreiben." „Erlauben Sie, Vater, daß ich ihm schreibe?" bat Ljubowj, vor Freude zitternd und ganz rot. „Du?" fragte Majakin und blickte sie flüchtig an, dann schwieg er, dachte nach und sagte: „Gut I Das ist sogar... besser. Schreibe.... Frage ihn, ob er verheiratet ist? Wie er lebt? Was er denkt? Ich werde Dir übrigens sagen, was Du ihm schreiben sollst, wenn es Zeit ist." „Thun Sie das bald, Vater!" sagte das Mädchen. „Man muß Dich bald verheiraten. Ich sehe mir hier einen rothaarigen Burschen an... er scheint nicht dumm zu sein. Er hat übrigens ausländischen Schliff." „Ist es Smolin, Vater?" fragte Ljubowj neugierig und aufgeregt. „Und wenn er es wäre, was ist dann?" erkundigte sich Jakow Tarassowitsch in geschäftlichem Ton. „Nichts... Ich kenne ihn nicht," antwortete Ljubowj unbestimmt. „Ich werde Dich mit ihm bekannt machen. Es ist Zeit, Ljubowj, es ist Zeit! Von Foma ist nichts zu erhoffen... obgleich ich mich nicht von ihm lossage." „Ich habe auf Foma nicht gerechnet... Was ist er mir?" „Da hast Du unrecht gehabt. Wenn Du klüger wärst, wäre er vielleicht nicht auf Abwege geraten! Als ich Euch zusammen sah, dachte ich: mein Mädel wird den Burschen festhalten! Das wird schon klappen! Ich habe mich aber geirrt, ich dachte. Du kannst Deinen Vorteil verstehen, ohne daß man's Dir sagt. So ist's, Mädchen!" sagte der Vater belehrend. Sie sann, indem sie seinen eindringlichen Worten lauschte. In der letzten Zeit kam ihr, die gesund und stark war, immer öfter der Gedanke an das Heiraten, denn sie sah keinen andren Ausweg aus ihrer Einsamkeit. Den Wunsch, den Vater zu verlassen und irgend Ivohin zu reisen, um zu lernen und zu arbeiten, hatte sie schon längst überwunden, wie sie einsam in sich viele andre, ebenso scharfe, aber untiefe und unbestimmte Wünsche überwunden hatte. Von den verschiedenartigen Büchern, die sie gelesen hatte. war in ihr ein trüber Satz zurückgeblieben, es war zwar etwas Lebendiges, aber in der Art, wie ein Protoplasma lebendig ist. Aus diesem Satz entwickelte sich in dem Mädchen das Gefühl der Unzufriedenheit mit ihrem Leben, das Streben nach persönlicher Unabhängigkeit und der Wunsch, sich von der schweren Vormundschaft des Vaters zu befreien; doch sie hatte weder die Kraft zur Verwirk- lichung ihrer Wünsche, noch eine klare Vorstellung von der Art dieser Verwirklichung. Dazu übte die Natur ihren Einfluß, und das Mädchen hatte mehr als ein- inal beim Anblick junger Mütter mit Kindern am Arm eine bange, quälende Sehnsucht gefühlt. Manchmal, wenn sie vor dem Spiegel stehen blieb, musterte sie traurig ihr volles, frisches Gesicht mit den dunkeln Rändern um die Augen und bemitleidete sich; sie fühlte, daß das Leben sie vergaß und sie beiseite schob. Während sie jetzt dem Vater zuhörte, stellte sie sich vor, wie dieser Smolin sein könne. Sie hatte ihn noch als Gym- nasiastcn gekannt, er war damals ganz voller Sommersprossen gewesen, stumpfnasig, immer rein gewaschen, solid und langweilig. Er tanzte schwer und plump und sprach un- interessant. Seitdem war viel Zeit vergangen: er war im Ausland gewesen und hatte dort gelernt,— wie mochte er jetzt sein? Von Smolin gingen ihre Gedanken zu ihrem Bruder über, und sie dachte mit Herzklopfen daran, was er ihr auf ihren Brief erwidern würde. Wie er wohl war? Die Gestalt des Bruders, wie sie ihn sich vorstellte, verschlang die Gedanken an den Vater und an Smolin, und sie hatte schon beschlossen, vor Taraß' Ankunft für nichts in der Welt in die Heirat ein- zuwilligeu, als der Vater ihr plötzlich zurief: „He. Ljuba! Worüber denkst Du nach?" „So... Alles ist so schnell gekommen," antwortete Ljuba lächelnd. „Was ist schnell gekommen?" „Alles... vor einer Woche durfte man mit Ihnen nicht von Taraß sprechen, und jetzt..." „Das macht die Not, Mädel! Die Not ist eine Macht, sie biegt den Stahl zur Springfeder, und der Stahl ist widerspenstig. Wir wollen eiunial schauen, wie der Taraß ist! Der Mensch hat Wert, wenn er der Macht des Lebens Widerstand leistet; wenn nicht das Leben ihn, sondern er das Leben nach seiner Art wendet. dann zolle ich ihm meine Hochachtung! Erlauben Sie, daß sich Ihnen die Hand drücke, wir wollen unser Geschüft zu- sannncn führen. A— ch, ich bin alt. Und das Leben ist jetzt so bewegt! Es wird mit jedem Jahr interessanter, es gewinnt immer mehr an Geschmack! Ich möchte innnerzu leben und etwas leisten!" Der Alte schnalzte mit den Lippen, als koste er etwas Schmackhaftes, rieb sich die Hände, und seine Augen glänzten gierig. „Und Ihr habt dünnes Blut! Ihr seid noch nicht aus- gewachsen und seid doch reif und welk wie ein alter Rettich. Und ihr begreift nicht, daß das Leben immer schöner wird. Ich lebe ans dieser Erde schon siebenundsechzig Jahre und stehe schon an meinem Grabe, ich sehe aber, daß es früher, als ich jung war, auf der Welt weniger Blunien gab und diese Blumen nicht so schön waren wie jetzt. Alles wird schöner! Was es jetzt für Gebäude gtebt! Was für Hilfsmittel für den Handel! Tie Danlpfschifsc! In allem ist eine solche Unmenge von Verstand enthalten! Man schaut und denkt: die Menschen sind aber Hauptkerle! Alle Achtung! Ihr habt das Leben geschickt eingerichtet. Alles ist gut und angenehm... nur Ihr, unsre Erben, habt kein lebendiges Gefühl in Euch! Der nächstbeste lumpige Klein- bürger ist gewandter als Ihr... dieser Jeschow, was ist er denn? Und er spielt sich auf den Richter über Euch und sogar über das ganze Leben hinaus. Er hat Mut in sich. Und Ihr... pfui! Ihr lebt wie Bettler; wenn Ihr lustig seid, seid Ihr wie das liebe Vieh, und im Unglück seid Ihr ekles Gewürm I Ihr seid durchfaulte Menschen... nian sollte Euch Feuer in die Adern lassen... man sollte Euch die Haut abziehen und das bloße Fleisch mit Salz bestreuen, dann würdet Ihr schon tanzen!" Der kleine, runzlige, knochige Jakow Tarassowitsch mit den schwarzen Zahnstümpfen im Munde, mit der Glatze und der dunklen Haut, die in der Hitze des Lebens versengt und durchräuchert zu sein schien, zitterte vor leidenschaftlicher Er- regung und warf seiner jungen, großen, starken Tochter laute, verächtliche Worte zu. Sie sah ihn mit schuldbewußten Augen an, lächelte verlegen, und in ihrem Herzen wuchs die Achtung vor diesem lebendigen Greis, der in seinen Wünschen fo beharrlich war. *« Foma irrte immer herum und setzte seine Lebensweise fort, indem er die Tage und Nächte in Gasthäusern und Spelunken verbrachte und minier tiefer von den verächt- lichen, haßerfüllten Gefühlen gegen die ihn umringenden Menschen erfüllt wurde. Manchmal erweckten sie in ihm den bangen Wunsch, für sein boshaftes Gesühl in ihrer Mitte irgend ein Gegengewicht zu finden, einem würdigen, mutigen Menschen zu begegnen, der ihn durch ein leidenschaftliches Wort des Vorwurfs beschämen könnte. Dieser Wunsch wieder- holte sich in ihm mit immer größerer Klarheit, es war die Sehnsucht eines Menschen nach fremder Hilfe, der fühlte, daß er sich verirrt hatte und zu Grunde ging. „Brüder!" schrie er einmal auf, als er halbbetrunken am Tische eines Gasthauses saß und von zweifelhaften, gierigen Menschen umringt war. die so viel aßen und tranken, als hätten sie ganze Tage lang keinen Bissen im Mund gehabt.„Brüder I Mir ist bange und langweilig bei Euch! Schlagt mich, jagt mich fort I Ihr seid Schurken, Ihr steht aber einander näher als mir... Warum? Ich bin ja auch ein Trunkenbold und ein Schurke, und ich bin Euch doch fremd I Ich sehe, daß ich Euch fremd bin... Ihr trinkt aus mir und spuckt heimlich in mich hinein, ich fühle es I Warum?" Sie konnten ihn natürlich nicht anders behandeln; in der Tiefe der Seele hielt sich vielleicht nicht ein einziger von ihnen für geringer, doch er war reich, und das hinderte sie daran, ihn kameradschaftlicher zu behandeln; außerdem führte er immer solche spöttische, zornige, ins Gelvissen dringende Reden, das genierte sie. Und dann war er stark und wurde leicht Hand- greiflich-— sie wagten es nicht, auch nur ein Wort gegen ihn zu sagen. Und er wollte gerade das, er wünschte immer heftiger, jemand von diesen Menschen, die er ver- achtete, möchte sich Brust an Brust gegen ihn stellen und ihm etwas Wuchtiges sagen, das ihn wie ein Hebel von diesem abschüssigen Wege abwenden könnte, dessen Gefahr er fühlte und dessen Schmutz er sah, mit machtlosen! Widerwillen davor eifüllt. Und Fonia fand, was er suchte. Eines Tages, als er von seinen Zechgenossen nicht genügend beachtet wurde und dadurch gereizt war, schrie er sie an: „Ihr Ungeziefer! Schlveigt alle! Wer giebt Euch zu essen und zu trinken? Habt Ihr das vergessen? Ich werde Euch an Ordnung gewöhnen! Ich werde Euch lehren. mich zu achten! Ihr Zuchthäusler! Wenn ich spreche, müßt Ihr alle schweigen!" Sie schwiegen in der That, sie fürchteten wohl die Möglich- keit, sein Wohllvollen zu verlieren, oder erwarteten vielleicht, er, der einem gesunden, starken Tier glich, würde sie schlagen. Sic schwiegen eine Weile und nährten in sich ihren Groll gegen ihn, sie beugten sich über die Teller und suchten ihre Furcht und ihre Verlegenheit zu verbergen. Foma blickte sie selbstzufrieden an und sagte prahlerisch, von ihrer sklavischen Unterwürfigkeit befriedigt: „Na also I Jetzt seid Ihr verstummt. So will ichS haben! Bei mir gehts streng zu! Ich..." „Grünschnabel!" ertönte ein ruhiger, lauter Ausruf. „Wa— as?" brüllte Foma und sprang vom Sessel auf. „Wer sagt das?" Jetzt erhob sich am Ende des Tisches ein seltsamer, großer Mensch, in einem langen Rock, mit einem ganzen Wald halb ergrauter Haare auf dem riesengroßen Kopf. Seine Haare waren borstig und standen in dichten Strähnen nach allen Seiten hin, das Gesicht war gelb, rasiert, mit einer großen, buckligen Nase. Er erschien Foma einem Schwabber ähnlich. mit dem man das Teck der Dampfschiffe scheuert, und das amüsierte den halbbctrunkenen Burschen. Fortsetzung folflt.) Mackdruit verboten.) Dev Vvokverkiittfvv. Von M. A n d e r s e n- N e x ö. Deutsch von O. N e V e n t l o Iv. An andren Orten war cs schon lange Tag, aber in Granada steht die Sonne spät auf— die Berge sind ihr im Wege. Ganz allmählich erhob sie sich über die Gletscher der Sierra Nevada, n»d «La Granadina" erwachte, streckte sich, kroch aus dein hohen Bett ans einen Stuhl, von da auf den Fußboden herab, und machte sich dann an das schwierige Geschäft, ihre Locken zn kräuseln und ihr Antlitz zu pudern. Und ehe die Stadt noch ibre Tagesgcschäfte da wieder aufgenommen, wo sie gestern aufgehört hatte, waren die Schatten schon ganz kurz geivorden. Als die gähnenden Hausfrauen und Dieiistinädche» mit ihren leinenen Säcken ans den Markt kamen, um ihre Einkäufe für den ganzen Tag zu machen, waren die Bauern mit ihren Eseln schon da- gewesen, um die Früchte der Bega aii die Verkäuferinnen und frisches Fleisch an die Schlächter abzuliefern. Und Tintenfische, Scekrcbse, Garneclen, Schallen, Muscheln und andre Erzengnisse des Meeres (alle»>it dein Sammelnamen Fisch bezeichnet) waren mit dem Früh- znge von Malaga angekommen. Die Morgcnsoune, tvclche die eng- gedrängten Buden vergoldete, schien auf glitzernde Schuppen und Pcrlninttemnlscheln, auf Pyramiden von gelben und grünen Melonen, purpurfarbigen Tomaten, Granatäpfeln und spanischen Pfeffer- friichten, auf goldglühende Orangen, bleiche Eitronc» und saftige Trauben, die teils klar wie Alabaster, teils glänzend schwarz lvie die Haut eines Negers schimmerten. Es war mitten im Januar, nachts über hatte es gefroren und die Leute schauderten vor Kälte. Die Händler ivareu träge, die wenigen Käufer schlenderten gleichgültig umher und wollten Neues hören. Die Sonne hatte sie noch nicht genügend erwärmt. Eine einzige Sennorita rauschte in blauer Mantilla über die Straße, gefolgt und bclvacht von ihrer sorgsamen Multcr und alten Amme. arme Frauen knieten auf den« Straßcnpflaster und fachte» das Feuer ihrer halb erloschenen Kohlenbecken von neuem an. Aber die Sonne stieg höher und höher, und damit wuchs auch das Gedränge auf dein Marktplatz, laute ötufe erfüllten die Luft— das Leben erwachte. Die Verkäufer schrien und die Käufer ant- warteten, man stieß und drängte sich, gelle Stiiume» schollen über den Marktplatz. Zwei Frauen begegneten sich in, Gewühl und begrüßten sich nach andalusischer Sitte mit einem Kuß.»Jesus Maria I" schrie ein Fisch- Händler,»bekomme ich auch einen?" „Ja, wenn Du uns sagen kannst, wie alt Deine Fische siiid,� rief die eine Frau zurück. »Caramba. nicht so alt, wie Deine Häßlichkeit, Weib!" „Geh nur," rief die andre,„und laß Deine Fische auf öffentliche Kosten begraben,— sie stinken schon!" Kleine Knaben liefen barfüßig durchs Gedränge.„Zivanzig Zlviebeln für einen Centime schrien sie.—»Drei Citronen sür zivei Centimes I" rief die Obstfrau. Sonnenschein und blauer Himmel und ein Neichtum an frischen, saftigen, farbenglühenden Früchten. Und eine Schar zerlumpter Bettler, die sich einen ganzen Tag wie hungrige Hunde herumtreiben und-drücken, um so viel lvie 10 Centimes für einen Laib Brot zn erhaschen. Das sind die unglücklichen Liebhaber des Lebens— die sich daran festklammern, während es sich ihnen lvie ein kokettes Mädchen entlvindct; sie verfolgen cs, aber es iveicht vor ihnen zurück. Sie sind nicht hier, um zn kaufen, diese elenden Scharen; sie kommen nur in der Hoffnung, daß etlvas für sie abfällt. Und jeden Tag kommen sie lvieder, unermüdlich, grau vor Kälte, abgemagert, ver- hungert,— aber der unsterbliche Funke Hoffnung glüht' in ihren eingefallenen Augen. Und die Hoffnung läßt zu Schanden iverden. Am Eingange des Marktplatzes steht ein Bettler und bietet einige kümmerliche Citronen dar. Er zupft eine gutgeklcidete Frau am Rock:„Kauft diese." sagt er bittend,„dann kann ich mir dafür ein Brot kaufen. Ich bin hungrig!"—„Ihr habt nicht nötig, mich am Nock zu zupfen," erwidert sie,»ich werde schon kaufen, wenn ich etwas brauche." Und zornig rafft sie ihre Nocke zusammen, um weiter zu gehe».— Rebe» der letzten Fischbude. a»l Stande der Tintenfisch- Händlerin, stand ein Man» mit zivei großen Brotlörben. Er hatte einige Brote herausgenonimc» und reckii verlockend vor sich auf das Pflaster gelegt, und sah sehr vergnügt ans. Jetzt eben nahm er zwei Brote zur Hand, sprang damit ins Gedränge, schivenkte sie hoch über seinem Kopf und rief:'„Brotl Wer will Brot kaufen? Zwei Centimes für ein großes Brot! Wer Ivill—" „— Band kaufen?" fiel der Bandverkäufer ein, der eben die Straße herabkam.„IS Ellen Band für eine» Spottpreis I Mädchen lan zivei alte Matronen), fesselt Eure Liebsten mit bunten Seiden- bändern. Band ist immer gut zn brauchen." „Brot ist besser! Ein Segen für die Annen! Zivei Centimes für ein großes Brot!" Eine Frau kam im Strome der Menge die Straße herauf und strich an dem Brotverkänfcr vorbei. Er iviukte mit dein Hut und rief:„Holla! Seunora Beppa! Maestro!" Sie ivandte sich nach ihm zurück.„Wie seht Ihr heute froh ans, Don Rafael— habt Ihr in der Lotterie gcivonncn?" „Roch nicht, aber bald," erwiderte er, auf die Körbe deutend. „Es ist überraschend. Euch hier zu treffen." sagte Beppa,„und die Kinder— Eure Frau— geht's ihnen gut?" „Es wird ihnen noch besser gehen, wenn ich dies hier erst vcr- kauft habe," und er deutete noch einmal auf die Korbe. Seunora Beppa bekreuzte sich und der Brotverkäufcr folgte ihrem Beispiel. Sie dachten offenbar dasselbe, an die Sorgen des Lebens, die nicht s i e drückten, sondern ihn. Sie war rundlich und wohlgenährt und blickte teiluehmcud auf ihn, der hohläugig und stock- mager vor ihr staud. Aber in diesem Augenblick beherrschte sie»och ein andres Gefühl, ebenso stark und aufrichtig und ebenso menschlich wie die Teilnahme— die Neugier. Und er beeilte sich, sie auf- zuklärcn:„Ich handle nicht für einen Bäcker," sagte er,„dies ist mein eignes Brot— gewissermaßen." „Auf dem Pfandhaus gewesen?" Ivarf Beppa fragend ein. Er nickte und fuhr fort:„Wir haben schwere Tage durchgemacht, bis wir so weit ivaren, aber nun ist das Schlimmste überstanden. Heute tvird sichs schon machen." „Mit Gottes Hilfe," sagte Beppa, aber sie dachte sich iveiter nichts bei ihren Worten. Das Volk pflegt diese Redensart in ge- dankculoser Weise anzuwenden. Sie nahm zivei Brote und reichte ihm das Geld dafür.„Frauen haben gute Herzen, ich Ivciß keine besseren," sagte er lächelnd und warf das Geld in eine kleine Büchse.„Nächst den Männern," fügte Beppa hinzu.„Gott bewahre Euch," sprach sie dann und ging davon. „Geht mit Gott," tvar seine Autivort. Und dann stand er wieder auf der Straße und schwenkte seine Brote hoch in die Lufb, damit jeder sie sehen konnte:«Brot I Brot! Ein Segen für die Annen! Nur zivei Centimes für ein großes Brot!" Sein Weib brachte ihm das Mittagessen in einem irdenen Gc- fäß. Sic reichte ihn« einen Zinulöffcl und er setzte sich auf de» Rand des einen Brotkorbes, hielt das irdene Gefäß vor sich ans den Knieen und begann zu essen: Reis und spanischen Pfeffer durcheinander gc- kocht. Sie kauerte sich vor ihm nieder. Er zog ein Messer aus seiueni roten Gürtel, griff nach einem Brot und sah sie fragend an. Sie nickte. Dann schnitt er das Brot mitte» durch und gab ihr die Hälfte. „Es ist sehr gut gebacken," sagte sie. „Es ist süß und ivohljchincckend," sagte er,„ich glaube jetzt wirk- lich, daß wir über den Berg sind." „Ojala I Gott gebe cS I Die Zeiten sind schlecht!" „Es ist lustig, endlich einmal sein eignes Brot zu essen, meinst Du nicht?" fragte sie»ach einer Pause. „Ja, noch dazu, ivcun man es selbst gebacken hat. Dies Brot versieht uns gleichsam mit»ciiei» Brote," fügte er mit einem uu- fichcrcn Auflug von Philosophie hinzu. Jetzt war seine Mahlzeit beendet.„Es hat gut geschmeckt," sagte er zu seiner Frau, in den l er das Messer au' seinem Aermel aliivischte. Und von neuem sprang er vor und rief noch lauter tvie bisher: „Brot! Brot!" Zivei Beamte traten ans ihn zu, von denen der eine ein Getvicht auS der Tasche zog.„Ist das Brot volllvichtig?" fragte er. Der Brotverkänfer machte dem Beamte» Platz, der in nach- lässiger Weise ein Brot zu iviegen begann. Aber plötzlich stutzte er, blickte den Brotverkänfer scharf an und wog das Brot mit großer Sorgfalt zum zweitenmal. Es fehlten zwei Unzen am vor- geschriebenen Gelvicht. Der Beamte lvog mit spöttischem Lächeln ein Brot nach dem andern, ivährend ihn der Brotverkänfer erst verwirrt, dann zu Tode erschrocken anstarrte. Alle Brote hatten zu leichtes Gewicht. „Wieviele habt Ihr verkauft?" Der Brotverkäufcr reichte ihm mit bebenden Händen die Geld- büchse; der Bcaintc zählte den Inhalt und leerte ihn in seine Tasche. Die verkauften Brote tonnte man ja nicht mehr ausfindig machen, aber der Gerechtigkeit muß auf alle Fälle Genüge geschehe». dann rief er einen Eseltreiber herbei und befahl ihm, die Körbe aus seinen Esel zu laden. Wehrlos, ivic gelähmt, ließ der Brotverkänfer alles über sich er- gehen: seine Kraft war zn Ende. Was sollte er nun mache»? Seine starken Arme konnten ihm nichts nützen, in Granada hat kein Mensch Verwendung dafür, am ivenigsten im Winter. Er hatte schon gc- bettelt, und die Kleinen hatten gebettelt, und seine Frau hatte auch gcvettelt', wer wollte es ihnen verdenken? Aber es gehört nur gar zu viel dazu, eine große Faurilie zu ernähren! Und so hatten sie gehungert. ES giebt Taufende von Menschen in Spanien, die hungern und schließlich auch Hungers sterben; aber diesen war auf eiilinal ein Gedailke gekommen— der hier zu Lande seltene Gedanke, sich ans eigne Hand etwas zu ertverben. Und so hatten sie ihr Hab und Gut verpfändet und eine Arroba Mehl(25 Pfd.) gekauft und sich selbst aus alten Ziegelsteinen einen kleinen Ofen anfgemanert und ihn mit Treibholz geheizt, das der Flntz ans Land spült. Und alles war ihnen geglückt. Aber eins hatten sie nicht bedacht: daß daS Brot beim Backen an Gewicht verliert,— und nun kam die Obrigkeit und nahm ihnen alles ab I Er flehte um Erbarmen, berief sich auf seine Unschuld, seine Armut, erbot sich, das Brot nach Gewicht zu verkaufen, den Bc- trogcnen Ersatz zn gebe». Aber die Beamten ließen seine Brote unerbittlich fortschaffen— ins Hospital oder i»S Armenhaus. Da brach er in Thräneu aus. Er lehnte sich gegen einen Pfosten und iveinte still, aber herzbrechend, während seine Frau jammernd die Hände rang und laute Klagen ausstieß. Ein kleiner Kreis von Neugierigen sammelte sich um die beiden. „Was ist denn los?" fragte man. „Ach, er hat die Armeil mit zu leichten Broten betrügen wollen I" lvar die Antivort. „Pfui, möge Gott daS zehnfach an ihm strafen!" schrie ein Weib, das für einen Bäcker Brot austrug—„was hat er sich ins Gewerbe ehrlicher Leute einzudrängen?" Und höhnend stellte sie sich vor ihm hin n»d rief mit gellender Stininic:„Brot! Brot I Zivei Centimes für ein großes Brot! Ein Segen für die Armen— hä— hä— hä I Vollwichtiges Brot!"— Kleines Feuilleton« Giu Abend in der Arbrüer-BildungSschule. Es ist 0 Uhr abends. In dem von der Arbeiter-Bilduiigsschnle für den lluterricht belegten Saal im Geiverkschaftshans« ist eine stattliche Zahl von Lernbegierige» versamuielt. Nach vollbrachtem Tagewerk suchen sie hier ihr Wissen zn vervollkommne», um es in der Werk- statt oder in Versamintnngcn z» verwerten. Eifrig studieren sie die ausgelegten Zeitschriften und Zeitungen. Heute ist R�deübnng. Ein Klingelzeichen ertönt:„Ich bitte Herrn Schmidt, seinen Vortrag über:„Die Gewerkschaften und die Politik" zn halte». Nachher loollen wir über das Thema dis- kutiercn. Ich bitte die Anwesende», sich recht zahlreich daran zu beteiligen." Etil junger Mann tritt schüchtern, ei» paar Blätter mit Notizen in der Hand, ans das Podium.„Verehrte Antvesende," beginnt er. Eine Panse. Sein Blick ist fest aus den Beleuchtungskörper des Saales gerichtet. Die Lippen bcivegen sich, doch kein Laut ist zu hören. DaS Lampenfieber hat ihn. ivie schon viele vor ihm, erfaßt. Es flimmert ihm vor den Auge», es braust ihm in den Ohren. Wie schön hatte er den Vortrag zu Hanse, in seiner Schlafstelle, gehalten, glatt flössen ihm da die Worte von den Lippen, aber jetzt... Die vielen ans ihn gerichteten Blicke! Damit hatte er nicht ge- rechnet. Mit vor Aufregung gerötetem Gesicht beugt er sich über seine Notizen: und wieder beginnt er. stockend, unzusammenhängend, aber seine Energie überwindet alliuählich die Schwäche, immer fließender tvird der Vortrag. AlS er geendet, gehl er stolz, von dem Beifallsklatschen der Mit- schüler begrüßt, au seinen Platz. Die Feuerprobe hat er hinter sich. Er ivciß jetzt, daß er da« nächste Mal schon viel freier und»n- gezwungener sprechen wird. Im Geiste sieht er sich als Redner vor einer tausendköpfigen Menge, die seinen Worten lauscht und ihm zujubelt. Die Stimme deS Lehrers reißt ihn ans seinen Gedanken.„Ich eröffne die Diskussion über den Bortrag des Herrn Schmidt." Ein Dutzend Hände strecken sich empor. Unbarmherzig wird der Vortrag zerpflückt. Falsche Voranssctznugen werden korrigiert, neue Gesichtspunkte tauchen ans. Ein Parlanient im Kleinen, konnte man sagen. Nachdem der Lehrer noch einiges zum Vortrag gesprochen— der Zeiger ist mittlerweile aus U Uhr gerückt— wird der interessante Nedeübnngs-Abend geschlossen.— An der Wand hängt das Bild unsres alten Liebknecht. Sinnend scheint er ans diese Bildnngsdurstjgcn zu blicken: er, der Gründer dieser segensreichen Bildnngsstätte. Und mancher von dem„Nach- Ivuchs" mag beim Anblick des Unvergeßlichen sich geloben, so viel in seinen Kräften steht, mitzuwirken an der Aufklärung der Massen und der Befreiung des Proletariats.— Musik. Inmitten des vielen Gekünstelte», Raffinierten, Gequälten sowie des Ucbercrnsten, das alles zum Charakter des gegenwärtigen Standes der Künste, zumal der Tonkunst, gehört, erscheint wie ein Klang aus einer andren Welt ein Zug des Schlicht- Naiven, Kind- lichen. Leichtfüßigen, sotvie des heitersten, hellsten Humors. Diese paradoxe Kombination, die ja sür die weitere Entwicklung der Kunst anscheniend mit grcutcn begrüßt w erben kann, trat vor li»S in modernisierten Voltsiiedern von G. Mahler und in seiner neulichen Simphonic mit dem Engleingesang. Auch Eugen d'Alberts Klavicrspiel gab uns noch letzthin solche Eindrücke. Während aber solche Erscheinungen im großen Ganzen ausgeglichene, einheitliche Jneinanderarbeitungen des Verschiedenen sind, haben wir es heute mit einem Werk zu thu», das diese seine zwei Seiten recht wenig ineinanderfügt, vielmehr die eine, die himmlische Heiterkeit und Ein- falt, mit kindlichem Nrbehagen über die andre, die gekünstelt Tragische, mag sie»och so hoch traben und tragen, hiniveg- tanzen läßt. Die Oper„ D e r I in p r o v i s a t o r die am Mittlvoch im Opernhaus Unter den Linden zum erstenmal vorgeftihrt Ivnrde, ist eine an die pyramidalsten Beispiele der französischen„großen* Oper gemahnende Jntrigncn-, ilampf-»nd Balletigeschichte, die aber ein echter Künstler mit allem Zauber seines lieblichen Könnens so übergössen hat. daß man die Halbheit dieser Zusammenfiignng stellenweise ganz vergißt, stellenweise freilich nin so drückender cm- pfindet. Der Podesiü der von Venedig abhängigen Stadt Padua sieht sich während rauschender Karnevalsfeste von Feinden umgeben und fällt ihnen dann auch schließlich in die Hände. Mittlermeile aber hat ei» Sänger, dessen Improvisationen alle Frauen ivenigstens zum Nachäffen hinreißen, einen Teil der Jntrigncn mitgespielt, ent- puppt sich schließlich als der große genuesische Graf soundso und nimmt in Gennas Namen Besitz von der Stadt. Natürlich hat's ihm des Podestü. Tochter angcthau,.und so löst sich denn fast alles in Wohlgefallen und langgezogenen hohen Töncir mit großartiger Chorbegleitimg ans. Die„Stadien* der„Handlung" bestehen an? einem solchen Trödelkram von Verrätereien. Verkleidungen, Eutpnppungen, Ans- horchungen, Verhaftungen, Einkerkerungen, AnSkerkernngen n. dgl. m., daß der litteratiirlosesle Possenautor von der Vorstadt mit Stolz darauf herabsehen kann. Da wird der eine über die Kerker- treppe hinunter-, der andre über sie hinaufgelvorfen. der dritte wird wieder hinniitergewörsen, der vierte entkommt dabei, und der fünfte wird mit eingesperrt. Alles Geheimste wird just dort verhandelt und versnnge», Ivo ganz gewiß hinter einer Säule oder unter einem Balkon jemand lauscht uslv. usw. Wie sich die persönlichen Charaktere, ansgeuominen die ganz auf Fröhlichkeit angelegten, mit all dein Kreuz- und Qucrzeug verkiüipfen, hat dein Autor G u st a v K a st r o p p keine Sorge gemacht; wieso die zwei als Bettler verkleideten Mandatare der Oberregiernng als solche zu ihrer Urkomik kommen, mag schwerlich jemandem einleuchten. Ein wirkliches Interesse ist dein Zusammenhang und seinen griindlegcndc» Einzelheiten nicht abzugeivinnen. Und der„Held" ist ein so farbloses Nichts, daß eine„abstrakte Idee" gerade so gut genügt hätte. Die Sprache deS Textbuches, mit ihren in moderner Weise»ach Satz- Phrasen abgeteilten Verse», ist vernünftig und hübsch und in den Grundlagen für die heiteren Wirkungen des Komponisten ganz verdienstlich, lind Ivo noch etwas fehlt, dort springt im echtesten Wortsinn das Ballett ein. d'Albcrt hat, wahrscheinlich ohne es zu wissen, da? Textbuch nicht eigentlich komponiert, sondern vielmehr parodiert. So ist das Ernsteste das Lächerlichste und das Lächerlichste das Ernsteste geivorde». Die wühlende Tragik des„Kain" ist hier weit weg geblieben. Wo die düster sein sollenden Wciidnngen der Handlung kommen, da giebt sich d'Albcrt iveder die Mühe, vorher etiva ein unheilvolles Nahen des Schicksals nns drückend auf« Herz zu legen, noch auch im Augenblick uns mit nnheiinlicher Gewalt zu packen. Sonder» es komme» ein paar recht gemütliche Tonfolge», die kaum noch den hnmoristischcn To» abgestreift haben, und rasch geht es wieder weiter in jenem tänzelnden, humoristische». freudensprüheuden Zug, der schon den Einakter d'Alberts„Die Abreise" durchlveht. Die drei Jnstrnmentalstiickc: Ouvertüre. Entreact II, Entreact III, sind nicht etiva Vorbereitungen oder Erklärungen des„Dramas", sondern lustsprühende Orchesterstücke, denen der Weg z» populären Konzerte» iveit offen steht. Das letztgenannte enthält eine Gavotte von entzückendster Lieblichkeit, mit der denn auch zur Ueberraschung des Publikums der dritte Akt bcginut. Folgt ein Menuett und»och eine Tanzcrci. Und im Orchester tanzen dazu die Holzbläser, daß es nur so eine Freude ist, und sie tanzen auch dort, wo es andres giebt. Daß das„Drama" eine dramatische Vernunft erst dann wirklich bekommen würde, wen» der Titelheld- Sänger— und sei es ans eine»och so italienische Weise— großartig sänge, ist-nicht schivcr zn sehen: er recitiert recht gelvöhnlich. tändelt recht uninnsikantcnhaft mit der Mandoline, und das Orchester, das sozusagen eine Darstellung dieses theatra- lischen UnglückSinstruin ent» geben will, muß mit seiner rauschenden Pracht ersetzen. was droben fehlt. Im Vokalen leistet der Komponist noch mii ehesten etwas Besonderes, wo es die Narreteien, Buffonerien uslv. gilt. So sind die Faschingschöre vom prächtigsten Ulk. die schweren Schlußchöre von knnstvoller Stimmen- führnng, die Nolle einer Hansnärrin und die zwei Rollen jener ver- kleideten Bettler mit markauteui Humor bedacht; auch einige Neci- tative sind gehaltvoller gefaßt, als man sonst gewöhnt ist. Nur wie es über die Tanzseligkeit hinausgeht, fehlt nachgerade alle Erwecknng eines tieferen Interesses: wo nicht mehr Dölibcs oder Nicolai durch- klingt, dort klingt Wagner— trotz des dem Preislied im 3. Alt folgenden Chores— erst recht nicht wirklich durch. In der Aufführung muß eine Heidenarbeit gesteckt haben. Reif Leranlwvrlitaier Redacleur: Carl Leid in Berlin. lvar daS Ganze keiuesivegs. Der Chor gab sich für seine schlvierigen Aufgaben redliche Mühe: und mit Dr. Mucks Dirigentenhilfe, von ängstlichen Blicken herbeigerufen, ging's denn auch öhne Unfall zu Ende. Herrn Droeschers Regie formte die Riesenmassen von Mitwirkenden auf der nach gut moderner Weise eng zusammen- gebauten Bühne geschickt zu imposanten Bildern durch. Köstlich waren seine Allerwelts-Mohrcn, die den verschiedensten Triumph- wagen n. dergl. gerecht iverdcn mußten.— Unter den Sängern sei zuerst Herr Philipp erwähnt, der, anscheinend im letzten Not- aiigenblick, eine kleine Nolle für den erkrankten Herrn Alma über- nommen hatte, llnter den Hauptfiguren ragten Herr Hoffmann und Frl. D e st i n n als der Podestü und seine Tochter hervor. Aus der Titelrolle etlvas besonderes zu gestalten, war Herrn Sommer nicht beschieden. Die drei Hauptspaßmacher wurden von Frau Herzog und den Herren L i e b a n und Nebe mit aller Ge- schicklichkeit dargestellt. Premieren in diesem Haus finden wohl immer ein dankbares Publikum. Man kommt ja als die„gute Gesellschaft" hin, deren Welt schön sein in n ß; man hat einen Riesenrespekt vor der Stätte, die einem so viel Geld abnimmt, und die dafür aber auch mit der Masse von Menschen und Dingen auf der Bühne nicht spart. Und doch und trotz der Beliebtheit d'Alberts lvar die Aufnahme der Novität großenteils so gezwungen wie die eine Seite des Werkes selbst. Nach dem ersten Akt brachte man den Komponisten viermal heraus, das dritte und vierte Mal nur mehr auf das hartnäckige Verlangen Einiger hin: nach dem ziveiten Akt haften alle vier Hervor- rufe etwas Künstliches. Räch dein dritten Akt auch noch die Rufe zn zählen, iväre doch etlvas zu viel Pflichtbewußtsein geivcsen. Genug an den gcdchiitcn Zivischcnaklen, mit denen die ohnehin schon lange Oper noch hinausgezogen wurde!— sz. Aus dem Tierlcben. «. Etwas vom Maikäfer. Die Tage Iverdcn länger. die Sonnenstrahlen nehmen zu an erwärmender Kraft, da beschäftigt mau sich schon im Geist mit dem, Ivos uns die Natur bald an Zeichen des Frühlings gewähren soll. Nicht zu den nnbeachtelsten Erscheinungen des Frühlings gehört der Maikäfer, aber trotzdem diese Tiere in jedem Jahre sich zeigen»nd trotzdem gerade die Jugend, die sich viel mit den Maikäfern beschäftigt, Zeit und geistige Sammlung genug besitzt, um große Beobachtung den Gegenständen ihrer Veschäfligung zuzuwenden, ist doch noch manche falsche Meinung über die Maikäfer vorhanden. So ist cS z. B. unrichtig, weuu man von dem Maikäfer als einer cinzigen Käferart spricht; bei uns kommen vielmehr zwei Maikäferarten vor, nämlich der gewöhulichc Maikäfer fMolotontba vulgaris) und der Roßkastanieu- Maikäfer sNelolcmUia hippocastania). Der letztere ist kleiner und beweglicher als der andre, und ist außerdem durch schivarze Beine ausgezeichnet; die Kinder pflegen diese Art als„Schuster" oder„Schornsteinfeger" zu bc» zeichne», während die„Müller",„Kaiser" und sonstigen von den Kindern nutcrsckicdencn Sorten den gewöhnlichen Maikäfern zu- gehören. Die Roßkastanien- Maikäfer haben auch die Eigen- tttinlichkeit, daß sie zu ihrer Entwicklung fünf Jahre bc- dürfen. während die geivöhnlichen Maikäfer bei uns nur vier Jahre nötig haben; übrigens scheint das Klima bei der EiitwicklnugSzeit eine große Rolle zn spielen; im kälteren Ostpreußen braucht auch der gewöhnliche Maikäfer fünf Jahre, der in Süd- enropa seine Entwicklung in drei Jahren vollendet. Wie empfindlich die Maikäfer überhaupt gegen Temperaturunterschiede sind, folgt auch aus der Thalsachc, daß sie, iven» sie nach mehrjährigem Aufenthalt in der Erde endlich an die Oberfläche kriechen, noch einige Zeit liegen bleiben, von cnicm lockereu Häufchen Erde bedeckt, um nicht plötzlich und ganz ungeschützt der Luft ausgesetzt zu sein.— Notizen. — In C s a t a d lUngarn), dem Geburtsorte Nikolaus Leu au' s, soll dem Dichter ein Denkmal errichtet werden.— —„Die Wienerinnen" von Hermann Bahr werden als nächste Novität des Berliner Theaters am 8. März in Sceue gehe».— — E l s a Samek, eine llngarin, ist vorläufig auf ein Jahr für das Opernhaus verpflichtet worden.— — Das Neue k L n i g l. Operntheater(Kroll) wird in diesem Sommer zum reinen G a st sp i e l h a u s iverdeu. Außer Fereuczy werden noch Angela Ncuniann(Verdi-EykluS mit italieni- schcni Ensemble und MusterausfAhrnngen von klassischen Dramen) und die Truppe des Stuttgarter HostheaterS Vorstellungen(Mascagnis „Ratclifi" und Weingariners„Orestes") geben.— — Im Salon C a s s i r e r findet von Sonnabend, den 1. März, bis Sonnabend, den 8. März, zum Besten des Vereins ssür HauS« pflege eine AuSsteNuug der Seegers che» P r i v a t s a in», l n» g statt, die Meisterwerke von Leibi, Liebermann, Menzel, F e u e r b n ch, ll h d e n. a. enthält. Unter andre»» kommen zur Ausstellung: die berühmte„Tischgesellschaft".„Die junge Französin" von Leibi neben AI andre» Bildern deS Meisters; ferner von Liebennaim„Der Kartoffelacker" und von llhde„Das große Abend- mahl".— Die nächste Nummer des UnterhaltungsblatteS erscheint am Somuag. den 2. März. Druck und Verlag von Max Boving in Berlm.