Anlerhallimgsblatt des Jorwärts Sir. 46. Donnerstag, den 6. März. 1S02 «Nachdruck verboten.» 4SI Fonr« GovdjejelV. Noinan von Maxim Gorki. Deutsch von Klara Brauner Für Foma klangen diese Worte laut, aber leer, und sie verhallten, ohne auch nnr ein einziges Gefühl in seinem Herzen aufzurütteln und einen einzigen Gedanken in seinem Kopf aufkeimen zu machen. „Man muß immer in etwas Unerreichbares verliebt sein. Der Mensch wachst, weil er sich in die Höhe reckt." Jetzt, als Jeschow von sich zu erzählen aufgehört hatte, sprach er in einem andren, ruhigeren Ton. Seine Stimme klang fest und bestimmt, und das Gesicht nahm einen»vichtigen, strengen Ausdruck an. Er stand mitten im Zimmer, hatte die Hand mit dein vorgestreckten Finger erhoben und sprach, als läse er: „Die Menschen sind gemein, weil sie zur Sattheit streben. Ein satter Mensch ist ein Tier, denn die Sattheit ist die Selbstzufriedenheit des Körpers, auch die Selbstzufriedenheit des Geistes macht den Menschen zum Tier." Er zuckte zusammen, als spannten sich plötzlich alle seine Sehnen und Muskeln an, und begann»vieder in höchster Er- regung durch das Zimmer zu rennen. „Ein selbstznfriedener Mensch ist eine verhärtete Ge- schlvulst auf der Brust der Gesellschaft... das ist»nein ver- hasztcster Feind! Er stopft sich mit Wahrheiten voll, die keinen Groschen ivert sind, mit abgenagten Weisheitsfetzen, und gleicht einer Kanuner. in der die geizige Hausfrau allerlei Kram aufbelvahrt, den sie gar»ncht brauchen kann. Wenn man einen solchen Menschen anrührt, tvcnn man die Thür öffnet, die in ihn hineinführt, weht einem der Gestank der Verwesung entgegen, und in die Luft, die man einatmet, ergießt sich ein mnsfiger Hauch. Diese Unglücklichen nennen sich charakterfeste Menschen» Menschen der Ücberzcugnng und des Princips... und niemand will sehen, daß ihre Ueber- zeugungen nur Kleider sind, init denen sie die bcttler- hafte Nacktheit ihrer Seelen bedecken. Ans der engen Stirn dieser Menschen leuchtet stets die allen sichtbare Aufschrift: Ruhe und Sicherheit! Diese Aufschrift ist aber falsch. Reibe die Stirn mit fester Hand ab. und Du»virst das wahre Schild sehen, ans dem Stumpfsinn und Eng- Herzigkeit abgebildet sind!" Foma sah,»vie Jeschow im Zimmer herumrannte, und dachte traurig: „Wen schimpft er? Das ist unverständlich. Man hat ihn wohl verletzt, daS sieht man..." „Wie viel solche Menschen habe ilh gesehen!" rief Jescholv zornig und entsetzt ans.„Wie diese kleinen Lädei» sich im Leben vermehrt haben I Man findet darin Leinen für Totenhemden. Teer, Kandiszucker und Borax für die Vertilgung der Schaben— man findet aber nichts Frisches, Warmes, nichts Gesundes darin! Man kommt mit kranker Seele, von der Einsamkeit ermattet hin, man koinint mit der Sehnsucht, et>vas Lebendiges zu hören... Sie bieten einem etivas zum Wiederkäuen an,— das sind die von ihircn durch- kanten, vor Alter sauer gclvordenen Gedanken. Und diese trockenen, harten Gedanken sind immer so armselig, daß eine ungeheure Menge von lauten und leeren Worten erforderlich ist, um sie auszudrücken. Wenn ein solcher Mensch spricht, kommt er mir vor»vie eine satte, aber an Banchschlag leidende Stute, die, mit Schellen behängt, eine Fuhre Mist ans der Stadt fährt, und � die Unglückliche I— mit ihrem Schicksal zufrieden ist." „Es sind also auch überflüssige Menschen," sagte Foina. Jescholv blieb ihm gegenüber stehen und sagte mit einem beißenden Lächeln ans den Lippen: „Nein, sie sind nicht überflüssig, o»rein! Sie sind da, um als Beispiel zu dienen und um den Menschen zu zeigen, wie sie� nicht sein sollen. Eigentlich ist ihr Platz in de»» anatomischen Museen, dort, wo verschiedene Mißgeburten und allerlei krankhafte Abweichungen vom Normalen aufbewahrt werden. Im Leben giebt es nichts Ucberflüssiges, mein Lieber... sogar ich bin darin notwendig I Nur die- jenigen Menschen, in deren Seelen sklavische Feigheit vor dem Lebeir»vohnt, die in ihrer Brust an der Stelle des toten Herzens das ungeheuere Geschlvnr der ekelhaftesten Selbst- anbetung tragen, nur die sind überflüssig... doch auch sie sind nötig, und sei es nur, damit ich meinen Haß auf sie ergießen kann." Jeschow sprach den ganzen Tag bis zum Abend und bespie die ihm verhaßten Menschen mit seinem Tadel. Seine Reden steckten Foma mit ihrem zornigen Eifer an und riefen in ihm Kampflust hervor, obgleich ihr Sinn ihm dunkel war. Manchmal flaminte in ihm das Gefühl des Mißtrauens gegen Jescholv auf, und in einem dieser Augenblicke fragte er ih»� gerade heraus: „Nun... und sagst Du das den Menschen ins Gesicht?" „Bei jeder Gelegenheit... Und jeden Sonntag in der Zeitung... Soll ich es Dir vorlesen?" Ohne Foinas Antwort abzuwarten, riß er ein paar Zeitungsblätter von der Wand und begann ihm daraus vor- zulcsen, rndein er»vieder im Zimmer herumrannte. Er brüllte, quietschte, lachte, fletschte die Zähne und glich einem bösen Hund, der in inachtlosem Zorn an seiner Kette zerrt. Ohne die Gedanken in den Aufsätzen seines 5kameraden zu verstehen, fühlte Foma ihren Mnt, den giftigen Spott, den leidenschaft- lichen Zorn, und das»var ihm so angenehm wie ein heißes Dampfbad. „Das ist geschickt!" rief er aus, indem er irgend einen einzelnen Satz auffing.„Das ist gut gezielt I' Er hörte ununterbrochen die Namen der bekannten Kauf- leute und der angesehenen Stadtbürger, die Jescholv bald dreist und scharf angriff, bald ehrerbietig mit einem nadel- feinen Stachel verlvundete. Fomas Beifall, seine vor Vergnügen leuchtenden Augen und sein erregtes Gesicht spornten Jescholv noch mehr an, und er heulte und brüllte immer lauter; bald sank er ermattet auf den Diwan, bald sprang er wieder auf und lief an Foma heran. „Nun lies einmal von mir vor!" rief Foma aus, der noch immer nicht genug hatte. Jeschow stöberte in einem Zeitungshaufen heruill, riß ein Blatt heraus, nahm es in beide Hände und blieb mit»veit voneinander gespreizten Beinen vor Foma stehen, während dieser sich in einen Sessel mit durchgedrücktem Sitz zurück- lehnte und lächelnd znhörte. Die Notiz über Foma begann mit der Beschreibung des Gelages auf den Flößen, und Foma fühlte beim Zuhören, daß emzelne Worte ihn wie Mücken stachen. Sein Gesicht lvnrde ernster, er senkte den Kopf und schlvieg düster. Es kamen immer mehr Mücken... „Du bist schon ganz außer Rand und Band geraten!" sagte er endlich verlegen und unzufrieden.„Durch die Verleumdung der Menschen erweist Du Gott keinen Ge- fallen." „Schweig! Warte! rief ihm Jescholv kurz zu und las weiter. Nachdein Jeschow in seinem Artikel festgestellt hatte, daß der Kaufmann im Anstiften von Schändlichkeiten und Skandalen unstreitig den Vertretern der andern Stände überlegen ist, fragte er. warum das so sei, und antivortctc: „Mir scheint, daß diese Vorliebe für wilde Streiche ebenso sehr aus dem Mangel an Kultur entsteht,»vie sie durch den Ucberschnß an Energie und Nichtsthun bedingt ist. Es kann nicht bezlveifelt werde»», daß unfre Kaufmannschaft — mit geringen Ausnahmen— der gesündeste und zugleich der unthätigste Stand ist...." „Das stimnit!" rief Foma aus und schlug mit der Faust ans den Tisch.„Das ist so! Ich habe so viel Kräfte»vie ein Stier und so viel Arbeit»vie ein Sperling." „Worauf soll deiin der Kaufinann seine Energie ver- wenden? Auf der Börse kann er nicht viel davon verbrauchen, und er vergeudet den Ueberschuß an Mnskelkapital bei den Gelagen in den Schenken, ohne eine Vorstellung von einer andre»», produktiveren und für das Leben»vertvollercn An- »vendung der Kraft zu haben. Er ist noch ein Tier, das Leben ist ihm schon zum Käfig gelvordei», und es ist ihm. bei seiner Gesundheit und bei seiner Zügcllosigkeit, zu eng darin. Von der Kultur cingezlvängt, können sie sich nicht davon ab- halten lassen, ab und zu über den Strang zu hauen. Die Ausschweifung der Karifmannschaft ist immer die Revolte eines gcfange»ien Tieres. DaS ist natürlich schlimm. Aber ach! es wird noch schlimmer, wenn dieses Tier zu seiner Kraft noch ein wenig Vernunft hinznfiigt und sie einer Discipli» unterwirst! Glauben Sie mir, er wird auch dann nicht aufhören, Skandale anzustiften, das werden aber schon Geschichtsereignisse sein. Gott behüte uns vor solchen Er- eignissen I Denn sie werden aus dem Streben des Kaufmannes nach Macht entspringen, sie werden die Allmacht dieses Mannes zum Ziel haben, und der Kaufniann wird bei der Wahl der Mittel zur Erreichung dieses Zieles keine Rücksicht nehmen." „Nun, was sagst Du, stimmt das?" fragte Jeschoiv, als er die Zeitung zu Ende gelesen und sie beiseite warf. „Ich verstehe das Ende nicht," erwiderte Foma.„Aber das von der Kraft ist richtig. Worauf soll ich meine Kraft verwenden, wenn niemand sie beansprucht! Ich sollte... mit Räubern kämpfen oder selbst ein Räuber sein... über- Haupt irgend etwas... Großes thun. Und das müßte nicht mit dem Kopf, sondern mit den Armen und der Brust geschehen. Und dabei soll man an die Börse gehen und zusehen, daß man einen Rubel gewinnt. Und wozu braucht man ihn? Und wie ist es denn eigentlich? Ist denn das Leben für alle Zeiten so eingerichtet? Was ist das für ein Leben, wenn alle stöhnen und es allen darin eng ist? Das Leben muß doch nach dem Ge- schmack der Menschen sein. Wenn es mir enge ist, muß ich es ausdehnen, damit darin mehr Raum ist. Man niuß es also niederreißen und umbauen. Aber wie? Das ist eben der Haken für mich. Was muß man thun, damit das Leben freier wird? Ich verstehe das nicht und stehe hier am Ende." „Ja— a l" sagte Jeschow.„So weit bist Du also ge- kommen I Das ist recht, Bruder! Ach, Du solltest etwas lernen! Wie steht's bei Dir mit den Büchern? Liest Du etwas?" „Nein, ich liebe das nicht... ich lese nicht." „Darum liebst Du es auch nicht, weil Du nicht liest". „Ich fürchte mich sogar zu lesen... Ich kenne hier semand... für sie ist das Lesen schlimmer als das Trinken für den Säufer I Und was hat man von den Büchern? Jemand denkt sich etwas aus und läßt es drucken, und die andern lesen es. Wenn es interessant ist, dann ist es gut. Daß man aber aus den Büchern lernt, wie man zu leben hat, das ist schon etwas ganz Sinnloses. Das hat ja ein Mensch und nicht Gott geschrieben, und was für Gesetze und Beispiele kann denn der Mensch selbst für sich feststellen?" Foma fühlte sich sehr wohl, da er sah, daß Jeschow ihm aufmerksam zuhörte und jedes Wort, das er sagte, abzuwägen schien. Da Foma sich zum erstenmal im Leben so behandelt sah, teilte er seinem Kameraden seine Gedanken frei mit ohne nach Worten zu suchen, denn er fühlte, jener würde ihn ver- stehen, weil er ihn verstehen wollte. „Du bist wirklich ein interessanter Bursche," sagte Jeschow zwei Tage nach ihrer Begegnung zu ihm. Und obgleich Du schwer sprechen kannst, fühlt man in Dir doch vieles, vor allem einen großen Mut des Herzens. Wenn Du nur ein wenig Kenntnis von den Einrichtungen des Lebens hättest I Dann würdest Du, glaube ich, recht laut sprechen... ja— a!" „Man kann sich aber doch mit Worten nicht reinigen... und nicht befreien," bemerkte Foma seufzend.„Du hast ein- mal von den Menschen gesprochen, die heucheln, daß sie alles wissen� und können. Ich kenne auch solche Menschen... zum Beispiel mein Pate... gegen die sollte man kämpfen... sie der Lüge überführen. Sie sind ein recht schäd- liches Volk!" „Ich kann niir nicht vorstellen, Foma. wie Du leben kannst, wenn Du das beibehältst, was Du jetzt in Dir trägst," sagte Jeschow nachdenklich. „Es ist mir schwer zu leben... Ich habe keine Aus- dauer in mir... Im Augenblick könnte ich schon etwas thun... Ich verstehe sehr gut, daß das Leben allen schwer und eng ist, und daß auch der Pate sich dessen bewußt ist— ich weiß es! Doch er zieht daraus Nutzen. Er fühlt sich wohl in der Enge; er ist wie eine scharfe Nadel und kann überall durchdringen, wohin er will. Und ich bin ein großer, schwerer Mensch... darum ersticke ich! Darum lebe ich auch wie ge- fesselt. Ich könnte mich ja mit einem Schlag frei machen: ich niüßte meinen Körper nur ordentlich ausstrecken... dann wären alle Fesseln gesprengt!" „Und was dann?" fragte Jeschow. „Dann?" Foma sann nach und machte dann eine Geste der Resignation.„Ich weiß nicht, was dann wird... das werde ich schon sehen!" '— r-, „Wir wollen sehen," stimmte Jeschow zu. Dieser kleine, vom Leben zerschundene Mann war ein Säufer. Sein Tag begann damit, daß er des Morgens beim Thce die Lokalblätter überflog und dabei aus den Notizen der Berichterstatter das Material für sein Feuilleton schöpfte, das er gleich am Rande des Tisches abfaßte. Dann eilte er in die Redaktion und stellte dort aus den Aus- schnitten auswärtiger Zeitungen die„Bilder aus der Pro- vinz" zusammen. Am Freitag mußte er das Sonntags- Feuilleton schreiben. Für alles das zahlte man ihm monat- lich hundertfünfundzwanzig Rubel; er arbeitete rasch und widmete seine ganze freie Zeit„der Besichtigung und dem Studium der Wohlfnhrts- Einrichtungen" wie er es nannte. Er irrte zusammen mit Foma bis tief in die Nacht in den Klubs, Hotels und Gasthäusern herum und schöpfte überall Stoff für seine Aufsätze, die er„Bürsten zur Reinigung des gesellschaftlichen Ge- Wissens" betitelte. Den Censor nannte er den„Ileberwacher der Verbreitung der Wahrheit und Gerechtigkeit im Leben," die Zeitung hieß„die Kupplerin", die die Bekanntschaft des Lesers mit den schädlichen„Ideen" vermittelt," und seine Mitarbeiterschaft daran bezeichnete er als„den Detail- verkauf der Seele" und als„das Unterfangen, sich gegen die göttlichen Einrichtungen aufzulehnen." Foma konnte schwer unterscheiden, wann Jeschow scherzte und wann er ernsthaft sprach. Er sprach über alles eifrig und leiden- schaftlich und griff alles scharf an. Das gefiel Foma. Aber oft, wenn er die Rede voll Begeisterung begonnen hatte, widerlegte er ebenso leidenschaftlich seine eignen Worte und schlug sich selbst oder schloß mit irgend einer komischen Wendung. Es schien dann Foma, dieser Mensch habe nichts, was er liebte, was tief in ihm säße und ihn be- herrschte. Nur über sich selbst sprach er mit einer ganz bc- sonderen Stimme, und je eifriger er von sich sprach, desto schonungsloser und boshafter schimpfte er über alle und über alles. Auch seine Beziehungen zu Foma waren zweispältig— manchmal ermutigte er ihn und sagte zu ihm, am ganzen Körper bebend: „Nur los! Widerlege und stürze alles, was Du kannst l Stoße mit der ganzen Brust nach vorwärts! Es giebt nichts, was mehr Wert hätte als der Mensch, wisse das l Schreie mit aller Kraft:„Freiheit I Freiheit!" tForlsetzung folgt.» (Nachdruik verboten) Sin Sxmkist crls VUniltererziehev. Das kleine Malheur der Blumenjoiigleurin Rothe liefert äugen- blicklich alle» ungläubigen Spaßvögeln reichlichen Stoff, um sich Über das Geisterbeschivören und ähnlichen faulen Zauber lustig zu machen, wie er gegenwärtig einmal ivieder bei einem erheblichen Teile der oberen Zehntausend zum guten Ton gehört. Der spiritistische Mumpitz ist eine spccifisch aristokratische Liebhaberei. Das erhellt ja auch ans den saftigen Eintrittsgeldern, die das verunglückte Medium Rothe von ihre» Verehrer» eingesackt hat. ES ist aber schon eine alte Erfahrung, daß derartiger Aberglauben sein dankbares Publikum findet in absterbenden Gesellschaftsschichlcn, die den Glauben an sich selbst, wie jeden andren inneren Halt verloren haben und darum allerlei merkiviirdige Kitzel in ihrem nobclen Spleen ge- brauchen. Zumal in den letzten Jahrzehnten vor der großen französischeit Revolution ivar der Spiritismus eine so verbreitete Sache in den feinsten Kreise» und bei gottbegnadeten Fürstlichkeiten, daß man ihn unter die Verfallssyniptome und unter die Vorboten der nahenden Sündflut rechnet. Der bekannteste Geisterbeschwörer des 18. Jahrhunderts ist jener Italiener Cagliostro, der ein LcbciiScIixier entdeckt hatte zur Verlängerung des irdischen Daseins bis ans ausgerechnet 5557 Jahre, seine Gläubigen mit den Geistern von Heinrich IV., Voltaire und Rousseau zu Tische lud, unter ungünstigen Umständen freilich auch anstatt der versprochenen Engel Affen erscheinen ließ, bis ihn seine Vcrlvicklnng in die Halsband-Äffaire ans Frankreich ver- trieb, und er schließlich im Kerker der Inquisition zur Ruhe kam. Wer sich über das Treiben dieses„Großkophta" unterrichten will, lese Goethes gleichnamiges Schauspiel, worin die Schilderung des spiritistischen Schwindels dem Cagliostro'schen Original naturgetreu nachgebildet ist. Der Großkophta Ivar nur einer unter vielen, die gleichzeitig anderswo ihr Wesen hatten. In Schweden z. B. ließ sich König Gustav III, von seinen, Sekretär Björnram mit Citiernngen er- lanchter Ahnen mystifizieren, bis es den, Leibarzt Sven Hedin ge- lang, den Gauner zu entlarven. Und König Friedrich Wilhelm II. von Preußen hat sich während seiner gaiize» Regiernngszeit in dem Banne Johann Rudolfs von'Bischofswerder befunden. der mit seinen Geisterbeschwörungen in Sanssouci es zuwege brachte, eigentlicher Regent Preuhcns zu werden: in brnderlichem Zusanripnwirken mit Wöllner und der königlichen Maitresse Lichtenau. Worin seine Taschenspielerkunststückchen bestanden, darüber ist bc- grciflicherweise nicht eben viel Verbürgtes bekannt. Dagegen kennen wir sehr Ivohl seinen geisterbeschwörenden Lehrer in der Kunst spiri- tistischen Umgangs mit Menschen im allgemeinen, hochgestellten Personen im besonderen: Johann Georg Schräpfer. In seiner Vaterstadt Leipzig anfänglich Kellner, dann Kneipwirt, hatte Schräpfer sich bald auf das einträglichere Hansieren mit spiri- tistischem Schwindel geworfen und sein Debüt abgelegt unter dem Deckmantel der Freimaurerei, indem er sich auf den angesehenen Logenmeister Herzog Karl von Kurland berief. Dadurch geriet er mit diesem Herrn in Zwistigkeiten, in deren Verlauf er sich 10v wohlgezählte Stockprügel ziizog. wofür er noch obendrein eine schriftliche' Quittung auszustellen hatte. Die erste Bekanntschaft mit dem Charakter und den Kniffen Schräpfers hat jenen vornehmen Gönner des Mnurertums nachher nicht verhindert, Hals über Kopf auf die weiteren Schwindeleien des erfindungsreichen Jndnstrieritters hineinzuplumpsen, der mm so weit gcwitzigt'war, zu erkennen, daff man die kleinen Gauner hängt. Schräpfer steckte sich also höhere Ziele. Er verließ die große Seestadt an der Pleiße, wo eine zahl- reiche Schar betrübter Manichäer seiner Rückkehr sehnlichst harrte, auf einige Zeit, fand sich aber nach der Ostermesse des Jahres 1774 ivicder ein, durch eigne Machtvollkonunenheit zum französischen Obersten Baron v. Steinbach ernannt. Er nahm nun seine spiritistischen Söancen in größerem Stile wieder auf und mit solchem klingenden Erfolge. daß er das kost- spielige Leben eines hohen Herrn führen konnte; seine alte» Gläubiger hat er übrigens als großer Geist zu bezahlen vergessen. Er Ivar ein tüchtiger Organisntor der Erfolge, insofern er seine Gäste vor Er- ösfming der Vorstellung durch reichliche Vcrabfojgung geistiger Ge- tränke in zlveckcntsprechende animierte Stimmung versetzte und noch weiter berauschte durch starke Verwendung intensiven Räuchertverks. So gelang es ihm u. a., den reichen Leipziger Seidenwarenhändler du Böse in seine Netze zu ziehen. Dadurch Ivnrden einerseits statt- liche Geldmittel für ihn flüssig, andrerseits brachte du Bosc ihn durch Empfehlungsschreiben in Beziehmige» zu hochgestellten Dresdener Persönlichkeiten, vor allem zu dem Konferenzministcr von Wimnb. Auch der Herzog von Kurland, der Schräpfer ehemals hatte verhauen lassen, wurde nun sein Freund und Gönner. Schräpfer konnte also an die Ausführung seines eigentliche» Feldzugsplancs gehen. Er behauptete, von dem aufgehobenen Jesurtcnorden mit der Aufbewahrung eines Teiles von dessen un- ermcßlichen Schätzen betraut worden zu sein. Die wolle er seinem Vaterlande zu gute komme» lassen und auch seine Freunde daraus bedenken. Als Belveis für seine hochtrabenden Verheißungen legte 'er nicht etlva den fabelhaften Hort zur allgemeinen Ansicht aus, sondern er veranstaltete Geistererscheinungcn in Dresden, die denn auch zur allgemeinen Zufriedenheit verliefen. Noch beruhigender war, daß thatsächlich nach eingezogenen Erkundigungen bei den Ge- drüdcrn Bethniann in Frankfurt a. M. ein versiegeltes Paket gegen Quittung deponiert ivar, tvorin sich nach Schräpfers Angabe Millionen sächsischer Stencrschcine befanden. Soweit ivar alles gut gegangen, hatte Schräpfer irr dulci jubilo, in Macht und Ansehe» gelebt. Da trat ein ärgerlicher Zwischenfall ein, insofern der französische Geschäftsträger am Dresdener Hof die Echtheit von Schräpfers Obcrstcnpatent bestritt und ihn als Betrüger zu entlarven drohte. Außerdem ließ es sich nicht länger vermeiden, das mysteriöse Paket nach Dresden kommen zu lassen und einen Tag für seine Eröffnung anzusetzen. An dem großen Tage Ivar alles zur Stelle, nur— der Baron ließ sich entschuldigen und war zu Pferde nach Leipzig. Als man es schließlich wagte, die Siegel zu erbrechen, erwies sich der Inhalt des Pakets als aus lauter Papier- schnitzeln bestehend. Darum wußten aber zunächst nur Wurmb und du Bosc, die aus guten Gründen reinen Mund hielten. Indes wurde Schräpfers Lage auch in Leipzig bald ungemütlich, daß er es für das Geratenste hielt, dieser schönen Welt,' wo die Gimpel so zahlreich sind, Valet zu sagen. Er besorgte das mit einem grotesk-abschenlichen Witze. Auf den 7. Oktober 1774 lud er einige seiner Hauptanhänger zum Abendessen ein und teilte ihnen mit:„Diese Nacht legen wir uns nicht zu Bette; denn morgen mit dem Frühesten, noch vor Sonnenaufgang, sollen Sie ein ganz neues Schauspiel zu sehen bekommen. Bis jetzt habe ich Ihnen Verstorbene gezeigt, die ins Leben zurückgerufen wurden; morgen aber sollen Sie einen Lebenden sehen, den Sie für tot halten werden." Gegen 5 Uhr brach man nach dem Noscnthal auf, wo er seiiie Begleiter mit den Worten verließ:„Rühren Sie sich nicht von der Stelle, bis ich Sie rufen werde; ich gehe jetzt in dieses Gebüsch, wo Sie bald eine wunderbare Erscheinung sehen sollen." Kurz darauf fiel ein Schuß, den die gespannt der kommenden Enthüllungen Wartenden nicht beachteten, sondern irgend einem frühzeitige» Jäger zuschrieben. Als sie aber, nach allzu langem Harren schließlich ungeduldig und unruhig geworden, in das Gebüsch eindrangen, fanden sie ihren Meister tot' am Boden liegen: er hatte sich mit einer Taschenpistole erschossen. Der Minister v. Wurmb hatte nichts Eiligeres zu thun, als durch einen Helfershelfer die Papiere Schräpfers, die ihn hätten kompromittieren können und vom Leipziger Rat beschlagnahmt und versiegelt worden waren, stibitzen zu lassen. Er kam also mit einem blauen Auge davon. Dagegen hatte du Bosc, der 4000 bis 6000 Thaler au Schräpfer gewandt hatte» das Nachsehen. Wirklichen Gewinn trug nur einer der Zeugen von Schräpfers Thaten und dem überraschenden Schlußakt davon: Johann Rudolf von Bischofswerder. Er war erst ein gläubiger Jünger des Propheten gewesen. Nun war ihm freilich der Staar gestochen, aber er cnt- nahm der Wirksamkeit und dem Ende seines Lehrers im Geister- beschwören die Erkenntnis, wie man es anzufangen hat, um ohne Gefährdung die Dummen auf den Leim zu locken. Er suchte sich dann zu diesem edlen Zweck den König von Preußen ans, mit dermaßen durch» schlagendem Erfolge, daß er 1803 als Minister a. D., Ritter p. p. und frommer Christ friedlich gestorben ist.——. Kleines Feuillekon. t. Die Wetterseite der Bäume. Selbst einem ungeübten Naturbcobachter muß die Erscheinung auffalle», daß an einem in freier Umgebung stehenden Baumstamm eine Seite besonders stark mit grünem Moos bewachsen ist und sich also durch ihre Färbung auszeichnet. Man wird auch leicht eine gewisse Gesetzmäßigkeit darin erkennen können, indem die Moosbewachsung der Bäume durchschnitt- lich in einer bestimmten Himmelsrichtung besonders reichlich vor- Händen ist. Da sich als Erklärung dieser Thatsache die Vermutung aufdrängt, daß die Witterung, insbesondere der Wind dabei die Hauptrolle spielt, so spricht man auch einfach von der Wetterseite der Bäume. Uebrigens lassen sich ähnliche Wahrnehmungen auch an toten Gegenständen, im Besonderen an Holzpfählen. Zäunen und ähnlichem machen. Es ist nun eine ganz interessante Frage, ob diese Wetter- seite der Bäume in ihrer Entstehung wirklich in so engem Zusammen- hange mit wesentlichen Elementen des Wetters stehi, daß man sich nach ihrer Lage zu den Himmelsrichtungen wie»ach einem Kompaß richten kann, eine Behauptung, die oftmals geäußert worden ist. Der Botaniker Krämer hat in der„Botanical Gazette" eingehende Untersuchungen veröffentlicht, die eine Aufklärung nach dieser Richtung hin herbeiführen solle». Er verzeichnet zunächst die Thatsache, dajj in den Vereinigten Staaten von Amerika, wo er seine Beobachtungen gesammelt hat, die Ansicht vorherrschend ist, die Wetterseite der Bäume sei im allgemeinen nach Norden gerichtet. In Dentschland ist man wohl ebenso im allgemeine» der Meinung, daß die Wetterseite nach Westen zeigt. Krämer wählte eine gewisse Anzahl von Bäumen: Eichen, Kastanien und andre zu seinen Prüfungen aus. Er konnte feststellen, daß einige Moose sich auf allen Seite» der untersuchten Baumstämme fanden. Immerhin ergaben sich für die Belvachsung der Stämme mit Moosen und andren Schmarotzerpflänzchen zuweilen bestimmte Unterschiede. Es war aber nicht die Nordrichtung, sondem die östliche Himmelsgegend, die bevorzugt erschien. Es sollte nun auch einmal in unsrer Heimat eine eingehendere Nachprüfung statt- finden, um zu ermitteln, ob der allgemeine Glaube an die westliche Wetterseite der Bäume bei uns besser begründet ist als der ent- sprechende in Nordamerika. Völlige Klarheit haben auch die Arbeiten Krämers nicht gebracht. Die Vermutung liegt nahe, daß sich die Belvachsung der Baumstämme auf der Seite am kräftigsten ent- wickelt, wo sie die meiste Feuchtigkeit von außen her empfangen. Danach würde man die Wetterseite in der Himmelsrichtung zu suchen habe», ans der die hänfigsteii rcgenbringeuden Winde kommen und damit würde die Beobachtung übereinstimmen, daß die Wetter- seite der Bäume in der nördlichen gemäßigten Zone von Europa nach Westen weist. Andrerseits glaubt aber Krämer nachweisen zu können, daß sich an den Bäumen häufig die moosgrüne Seite des Stammes in der Richtung findet, die vor dem Wind am meisten ge- schützt ist. Dieser Widerspruch müßte erst«och aufgeklärt werden. Auch wird man zwischen vereinzelt stehenden Bäumen und denen eines Waldes zu unterscheiden haben, da im Innern eines Waldes die Windrichtung weniger zum Ausdruck kommt und die Ausbildung einer Wetterseite daher auch weniger zu erwarten ist. Jeder Natur- freund kann durch mühelose Beobachtungen dazu beitragen, daß die über obige Fragen noch bestehende Unsicherheit beseitigt wird.-- Musik. Wer sich für Oestreich interessiert und dabei irgend eine Be- ziehnng zur Musik hat, wird leicht die Eindriicke jenes Länderganzen doppelt genießen können: in der Wirklichkeit und in der Tonkunst. Zwar läßt sich nicht gut von einer national-östreichischen Musik sprechen, etwa so, wie uns Französisches oder Italienisches oder Norwegisches oder Russisches einheitlich erscheint. Dafür ist jenes Länderganze— Ungarn eingerechnet— doch allzusehr national zer- kliiftet; und die specifisch ungrischen oder slavischen oderandreWeisen sind es nicht einmal, was wir hier meinen. Vielmehr gilt unsre heutige Erinnerung vorwiegend der in Oestreich zur Entfaltung gelangten klassische» und modernen Knnstmusik Deutschlands. Nachdem durch sächsische Tonkünstler, zumal durch Haendel, durch Bach und zum Teil noch durch dessen Söhne, die höchste Blüte der neueren Musik vorbereitet war, in jenem gebundeneren, strengeren Stil, den alle Späteren noch nicht Übertroffen haben, und nachdem von verschiedenen Ansätzen her— durch Mannheimer Tonkünstler, durch einige Bach- Söhne selber und durch Andre— eine weitergreifende Schaffensweise angeregt war: da sind es östreichische Meister gewesen, die dag Ergebnis dieser Entwicklung, eben jene höchste Blüte der neueren Musik, auf ihrem Heimatsboden gezogen haben. Voran Hahd» und Mozart, dann der in denselben Boden verpflanzte nordische Rhein- länder Beethoven, mJ) ihnen nachfolgend neben dem Größten der Spätere». Schubert, noch manche Kleine», wie Hummel. Der Gegensatz zivilchen jenen Sachsen und diesen Oestreichern lädt sich bis in vortragstechnische Einzelheiten verfolgen. Und war der tanzinägige Bestandteil jeder Musik dort der internationalen Fülle italienischer, französischer und noch andrer Tänze«nt»ommen, so gestaltete er sich hier allmählich heimisch. Dazu trug denn auch ganz besonder« das, neben der eigentlichen Kunstmufit einhergehende Wirken der originell östreichischen Tanzmusiker. der Lanner und Straust, bei. Kaum ein Meister, bei dem all diese Elemente so innig zusammenarbeiten wie bei Schubert. In seine» deutschen Tänzen, in seinen Märsche», in den Trios seiner dritten Sonatensätze und dergleichen, in manchen seiner Impromptus nsiv. werden uns östreichische Landschaft und Volks- frcude lebendig;»vir liegen mit ihm im Freien und hören ausgelassene niederöstreichische und schwermütige»nigrische Weisen. Zahlreichere Koinponiste», als man vor näherer Betrachtung ahnt, haben diese Linien fortgesetzt. In Julms Zellners Deutsche» Tänze» lebt ein ziveiter Schubert. Ein Sachse ivar es. der, dem großen sächsischen Romantiker Robert Schinna»»» nahestehend, auch ein Oestreicher geworden ist und als solcher die Musiktradition gepflegt hat: Robert B o l km a n n, zuletzt Theorie-Professor in Budapest, und dort Ivohl ärmer an Nir- regnngen, als es an eigentlich deutschen Kunststätten möglich gcivescn »väre. Auch in seinen verschiedenen„Skizzen", im„Buch der Lieder" und in andren Klavierstücken»vie z. B. dein CykluS„Bise- grab", dam» selbst in seiner v-moll-Sinfonie nsiv. töne» Klänge jener heimisch- ländlichen Art Schuberts. Allmählich treten RichtWiitschc hinzu: vor allen, der ivohl älteste große Tonkinlstlcr der Czechen: Friedrich Snietana s1824— 1884); seine symphonische Dichtung „Mein Vaterland", in der ebenfalls ein„Visegrad" erscheint, ist wenigstens brnchstiickiveisc in weitesten Musikkreisen bekannt ge- lvorden. Und Anton D v o r s ch a k sgeborcn 1841>, der jetzige Glanzname der Musik ans Böhmerland, genießt ja überall eine über seine Bedeutung noch Hinansreichende Anerkennung. Koinmt man von Aufführungen einiger Werke ans dieser östreichischen Tradition her, so»vird man leicht zu solchen all- geineinen Betrachtungen sortgezogen. Jene Kon, Positionen»virken allesamt nicht durch frappierende Einzelheiten und Neuheiten, die einen intensiv beschästigten: es ist viclinehr der so tief erivärmende und erfreuende Zug ihrer Gesamthallnug, etwas Volkscchtcs mit einem unleugbaren' Zug des Allzubcqnemei» in der Faktur, des riihrei»d Naiven und Primitive», selbst ein»venig Leiermäßigen. Lange trafen»vir nichts so Schlichtes, Effektfrcics, dabei ff-cilich dramatisch Belangloses und doch ganz entschieden Riinstmäßiges an. »vie die einaktige komische Oper. I»n B r u n» e n" von dem Prager Professor Wilhelm Blodek(1834— 1874), die am Dienstag im Theater des Westens ans ihrer 3ö jährigen Vergaugciiheit»viedereriveckt»vurde. Sie besitzt eine so entzückende altvaterische Lyrik des Gesanges und des Sceneubildes, daß man Stelle für Stelle daraus citieren möchte. Weit geivichtigerer Art. zun» Teil stark drainatisch, doch eben- falls von guter Schlichtheit ist Sinetanas„Voltsopcr" in 2 Akten; „Der K n ß", die uns nach jenem Einakter vorgeführt»vurde. Unter Smetanas Opern, die mit der„Berkmiften Braut" von 1866 beginnen, ist sie eine der jüngeren(1876) und eines der beliebtesten Repertoirestücke in Wien und Prag. Sie ist schon von vornherein günstig gestellt durch ihr, gleich dem des vorigen Werkes, recht vcr- „ünfti'ges Textbuch. Allerdings ist dieses nicht unschuldig daran. daß die Oper— sür die e i n Akt genügt hätte— manche Breite» enthält, und ist der Komponist nicht nuschnldig daran, daß in diesen Breiten seine Leistungen auch geringer»verde»». Allein diese Breiten sind nicht zu vergleichen mit jenen»»veitschivcifigc» und gezwungenen Rebemverk, das in den jüngst vorgeführten Oper» von Kienzl und von d'Albert so gefährlich auf den Werten und auf uns lastete. Die Schlichtheit dieser Volksoper besteht auch darin, daß keine Ärenz- und Ouerinteressei» von der Hauptsache ablenken; es liegt in dein Ganzen etwas so WohlthnendeS. Direktes, Iliiinitlel- bares.' Desivegen war es auch von jenen» Theater nicht»vohlgcthan, daß es ganze Stücke aus den» ziveiten Akt herausstrich. Und noch »venigcr»vohlgethan»vär das viele Schlcchisingcii und die nicht eben sehr sorgfältige Durcharbeitung des„Kusses". Vielleicht, daß Otto Maroi, der in jenem Einakter gastierte, mit seiner frischen und gilt, nur iiicht gleichmäßig, gebildeten Tenorstimme dem Westen- theater so»lützlich»verde»» kann,»vie ihn» etiva die Damen C a n» i l l a Goetzel, Marg. Lieban-Groß und auch L i n a D o n.i» g e r nützlich sind. Ein Zurückgreifen auf Bolkinann ist. in» Verhältnis zu seiner Bedeutung, in Berlin so selten, daß mau den»»»«ulichen großen Philharmonischen Konzert die Vorführung der ersten von seinen zivei Sinfonien hoch anrechnen kann. Bolkmanils O- inoll- Sinfonie verdient die ihr läiigst zu teil gcivorbene Anerkeunung als einer Bcethovci»- Nachfolge in der That. Keine neue Sprache, aber in der alten Sprache Großes und Geivaltiges, und alles klar ein- leuchtend. Dainit»»ns jene östreichischen Klänge recht vielseitig tänicu. »vnrde das Philharmonische eingeleitet mit der Dvorschakscheu Ouvertüre für großes Orchester,„Catiieval" betitelt(op. 92), einem der von Trivialitäten frcicsten Werke Dvorschaks.— VortragSkunst »oar aus Herr»» Ni lisch' Leitung des Konzertes nicht eben zu lernen; außer man»vill sich den Mangel an notorischer Schärfe. mit»velcher der Dirigent das Andante bei Dvorsckink und das Scherzo � bei Volkmaun wiedergab, zun» Muster dafür nehmen,»vie man's nicht machen soll. Eine»vahrhaftc Veraiitwortlicher Redacreur: Carl Leid in Berlin. Erqnicknng bot dagegen Edouard Risler mit dem Vortrag von Mozarts Klavierkonzert C-inoll. Auch die dazu koinponierte Cadenz von Raynaldo Hahn, einem juirgen vielseitigen, besonders in Klaviersachen fruchtbaren französischen Kon»ponisten,»var eine inter- essante Bekanntschaft. Noch sind zahlreiche ältere»nid jüngere Tondichter ans Oestreich i>n deutschen Stanunland recht»venig bekannt, so mannigfaltige Aus- »vahl auch zur Verfiiglliig steht. An Zeit und Raun» und Kräfte» zu einer ausgleichenden Gerechtigkeit nach dieser Richtung fehlt eS im Berliner Konzertleben jedenfalls nicht.— sz. Gesundheitspflege. ie, A n st e ck»»» g durch Husten und Niese n. In den» Hygienischen Institut der Universität Gießen hat Dr. Kirstein Unter- suchungen über die Frage angestellt, deren Ergebnisse auch für ein nichtärztliches Publik»»»» beachteuswert sind. Es»var der deutsche Hygieuiker Flügge, der vor geraumer Zeit den Rachiveis führte, daß die beim Sprechen, besonders aber beim Husten und Riesen heraus- geschlenderten»vinzigen Wasscrtröpfchcn Trägerj von Krankheiten sei» und infolge dessen bei geivissen Krankheiten auch eine Au- steckung vermitteln können. Es muß nun.»vie die„Blätter für Volks-Gesuudheitspflege" hervorheben, inuner»viedcr betont »verde», das; man au? solchen Thatsachen keine Beranlasiung zu besonderer Aengstlichkeit zu entnehmen braucht,»veil für einen gesiiuden Menschen das Vorhandensein von Krankheits- keimen i» feiner Umgebung oder auch die Aufnahme solcher noch keine unmittelbare Gefahr bedeutet, da noch mehrere Umstände zu- saninienkoinmeu»nüssen, ehe eine»virklickic Anstecknng erfolgt. Andrer- seits läßt sich der Schluß nicht abivcisen, daß die Gefahr der An- steckung beim Vorhaiideusein der Keime beginnt und daß infolge- dessen auf ihre Vernicidnng oder Vcruichtunq nach Möglichkeit geachtet»verde» muß. Daher forscht die Gesundheitspflege so eifrig danach, Ivo ansteckende Keime vorkommen,»vie groß ihre Lebens- fähigkeit ist.»vie sie sich von Mensch zu Mensch verbreiten und»vie sie am gründlichsten unschädlich gemacht»verde» können, che sie Schaden gestiftet haben. Dr. Kirstein hat nun prüfen»vollen,»vie lange die feinen bei»»» Sprechen. Husten und Niesen ausgespritzten 'Tröpfchen die in ihnen etiva befindlichen Keime lebend erhalten.' Der- artige Tröpfchen sind äußerst klein, etiva nur vom hundertsten Teil eines Millimeters im Durchmesscr, sie enthalten daher auch»ur einen oder»venige Keime. Trotzdem ist ihre Rolle in der Verbreitung besonders der Sch>vii»ds»cht und der Diphtherie nicht zu unterschätzen. Die Lebensfähigkeit der so verspritzten Keime ist ver- schieden, je nach der Widerstandsfähigkeit des betreffenden Krankheit- erregers; im allgeineinei» aber ist sie nicht von langer Dauer, falls sie den» Licht ausgesetzt sind. Verspritzte Diphthcrievncillen sterben ii» hellen Räume»» nach 1— 2 Tagen,»»» dunklen Kellern»ach 6 Tagen'. Tie Tnberkclbacillcn haben eine längere Lebensdauer von 6 Tage»» bei Lichtzutritt und sogar von 22 Tagen bei Dunkelheit. Noch länger halten sich die Keinre der Eiterinigen und des WnndfieberS. Im Verhältnis zur Lebensdauer der Keime steht selbstverständlich die Gefahr der Ansteckung. Jeder Vernünftige »vird aus diesen Mitteilungen einige Sckjlüsse ziehen und deren In- halt auch beachten. Zunächst zeigt sich»viedcr einmal die ungeheuere gesundheitliche Bedentnng des Sonnenlichts und, daraus folgend, die Schädlichkeit dunkler Wohnnngen und besonders dcr KcNerivohnuugen. Sodann»vird sich auf Grund dieser Nebcrlegungci» jeder Kranke selbst sagen ninssen, daß er die größte Rücksicht auf seine Hingebung zu nehmen hat, und er muß dazu nötigenfalls von den hin ihn beschäftigten Personen angehalten»verde»». Trotzdein»vird eine gründ- liche Desinjektion auch nach überstandener Krankheit nicht zu ent- behrei» sei». Die Veröffentlichung solcher Thatsachen soll erzieherisch »virken. nicht durch Erzengnng einer an Aberglauben streifende»» Furcht, sondern durch die Einsicht in die Notivendigkeit einer ver- ständigen Vorsicht.— Humoristisches. — I n Trauer. E r st c Freundin: Wie, noch innner in Trauer?" Z»v eite Frei» n bin:„Ach ja. die gute Tante kann ich nicht vergessen... dies ist nun schon das dritte schlvarze Kleid, »velchcs ich mir habe machen lassen."— — Schade. A.:„Wie ich höre, hat ihr Lieschen»viedcr anf- gehört mit dem Klavicrspicl, gnädige Frau! Warum eigentlich,»veiin ich fragen darf?" B.:„Ach Gott, eS hatte»virklich keinen Ztveck, denn sie ist voll- koinnien lmmnsikalisch—" A.:„Sehr, sehr schade— sie halte es doch schon so schön in den Fingern."— —©in Prinz im Examen. Prinz:„Bevor die Prüfung beginnt, eine Frage. Herr Professor:„Sind Sic der Meinung, daß die akademische», Bürger g l e i ch>v e r t i g sind?" Professor:„O. k e i» e s>v e g s!" Prinz:„Und haben Sie selbst immer den Standesvorrcchtei» hochgeborener Studenlen Rücksicht getragen?" Professor:„Ganz geiviß."' Prinz:„Sehr gut. Ich bin befriedigt. Sie haben das E x a in e>» cum 1 a u ä v b e st a» d e>» I"— _(„Lustige Blätter.") Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.