Unterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 47. Freitag, den 7. März. 1902 (Nachdruck verboten.! 471 Govdjejeiv. Nomon von M a x i in G o r k i. Deutsch von Klara Brauner Wenn Foma. von den brennenden Funken der Jechowschen Worte entzündet, davon zu träumen begann, wie er damit beginnen würde, jene Menschen zu widerlegen und zustürzen, die ihres Vorteils wegen das Leben nicht erweitern wollen, unterbrach Jeschow ihn oft: „Laß das! Du kannst nichts s Solche Menschen wie Du kann man nicht gebrauchen. Eure Zeit,— die Zeit derer, die stark, aber nicht klug sind, ist vorüber. Bruder! Du hast Dich verspätet. Du hast keinen Platz im Leben!" „Keinen Platz? Du lügst!' schrie Foma auf, vom Wider- spruch gereizt. „Nun, was kannst Du?" .Ich?" „Ja, Du!" „Ich werde Dich zum Beispiel totschlagen." „Ach, Du Narr I" sagte Jeschow überzeugt und bedauernd und zuckte die Achseln.„Ist denn das etwas Rechtes? Ich bin so wie so schon halb tot vor Wunden." Und dann flammte er in verzweifelter Bosheit auf, zuckte zusammen und sagte: „Mein Schicksal hat mich zu kurz kommen lassen! Warum habe ich mich erniedrigt, indem ich das Almosen der Menschen annahm, warum habe ich zwölf Jahre nacheinander wie eine Maschine gearbeitet? Um zu lernen. Warum habe ich jahrelang im Gymnasium und auf der Universität rast- loS den trockenen, langweiligen, für mich gnnz unbrauchbaren Schund und das von Widersprüchen erfüllte Zeug verschluckt? Um Feuilletonist zu werden, um tagaus, tagein Possen zu treiben, das Publikum zu amüsieren und mich selbst zu über- zeugen zu suchen, daß das notwendig und nützlich sei. Wo ist das Schießpulver meiner Jugend? Ich habe die ganze Ladung meiner Seele verschossen, den Schutz für drei Kopeken. Was für einen Glauben habe ich mir angeeignet? Nur den Glauben daran, daß nichts in diesem Leben etwas taugt, daß alles zerstört und vernichtet werden muß. Was liebe ich? Mich selbst, und ich fühle, daß der Gegenstand meiner Liebe ihrer unwürdig ist. Was kann ich thnn?" Er weinte fast und betastete mit seinen dünnen, schwachen Händen seine Brust und seinen Hals. Aber manchmal kam ein Andrang von Lebensmut über ihn und er sprach in einem andren Ton: „Was mich anbelangt, so ist mein Lied noch nicht zu Ende! Meine Brust hat vieles eiuacsaugt, und ich iverde wie eine Peitsche durch die Luft sausen! Warte, ich werde die Zeitung beiseite schieben, werde etwas Ernstes beginnen und ein kleines Buch schreiben... Ich werde es„Die Seelenmesse" nennen. Es giebt ein solches Gebet, das man den Sterbenden vorliest. Und diese Gesellschaft, die vom Fluch der inneren Kraftlosig- keit getroffen ist, wird vor dem Tode mein Buch wie Weih- rauch aufnehmen." Foma verschlang jedes Wort, beobachtete ihn, verglich seine Reden und sah, daß Jeschow ein ebenso schwacher und vcrirrter Mensch war, wie er selbst. Aber Jeschows Stimmung steckte Foma noch immer an, seine Worte bereicherten seine Sprache und manchmal bemerkte er mit freudigem Erstaunen. wie gewandt und mächtig er den einen oder andern Gedanken ausdrückte. Manchmal traf er bei Jeschow seltsame Menschen, die wie es ihm schien, alles wußten, alles begriffen, allem wider- sprachen und überall Betrug und Falschheit sahen. Er be- obachtete sie schweigend und lauschte ihren Worten; ihre Keckheit gefiel ihm, doch etwas Herablassendes, Stolzes in ihrem Verhalten ihm gegenüber beengte ihn und stieß ihn ab. Außerdem fiel es ihm sehr auf, daß in Jeschows Zimmer alle klüger und besser waren, als auf der Straße und in den Hotels. Sie hatten besondere Gespräche. die sie im Zimmer führten, besondere Worte und Gesten, die außerhalb des Zimmers durch das Gewöhn- lichste und Menschlichste ersetzt wurden. Manchmal, wenn stc in Jeschows Zimmer Ivaren, flammten sie alle wie ein großer Scheiterhaufen auf, und Jeschow war die grellste Flamme in ihrer Mitte, doch das Leuchten dieses Feuers erhellte das Dunkel von Foma Gordjejews Seele nur schwach. Einmal sagte Jeschow zu ihm: „Heute amüsieren wir uns. Unsre Setzer haben eine Genossenschaft gebildet und bekommen beim Verleger die ganze Arbeit im Accord. Aus diesem Anlaß wird getrunken, und ich bin dazu eingeladen— ich habe das Ganze vor- geschlagen. Wollen wir gehen? Du mußt sie gut be- Wirten." „Gut!" sagte Foma, dem es gleichgültig war, mit wem er seine Zeit, die ihm zur Last ivar, verbrachte. Am Abend dieses Tages saßen Foma und Jeschow in der Gesellschaft von Menschen mit gewöhnlichen Gesichtern außer- halb der Stadt, an der Lichtung eines Haines. Es waren etwa zwölf Setzer dabei; sie waren anständig gekleidet und benahmen sich gegen Jeschow einfach und kameradschaftlich; dieser Umstand wunderte Foma ein wenig und machte ihn verlegen, da in seinen Augen Jeschow trotz allem für diese Menschen eine Art von Chef und Meister war, während sie seine Untergebenen waren. Sie schienen Gordjejew nicht zu be- merken, obgleich, als Jeschow sie mit Foma bekannt machte, sie alle ihm die Hand drückten und sagten, daß sie sich freuten, ihn zu sehen. Er legte sich abseits unter einen Haselstrauch und beobachtete alle, da er sich in dieser Gesellschaft fremd fühlte und bemerkte, daß auch Jeschow sich wie absichtlich von ihm fern hielt und ihm auch wenig Beachtung schenkte. Ihm fiel bei Jeschow etlvas Seltsames auf. Der kleine Feuilleton- schreiber schien den Ton und die Sprechweise der Setzer nach- ahmen zu wollen. Er machte sich mit ihnen zusammen am Feuer zu schaffen, entkorkte die Bierflaschen, schimpfte, lachte laut und gab sich jede Mühe, ihnen ähnlich zu sehen. Er war auch einfacher gekleidet als sonst. „Ach, Brüder!" rief er mit Bravour aus.„Ich fühle mich so wohl bei Euch I Auch ich bin ja kein großer Vogel, ich bin nur der Sohn des Gerichtsdieners und Unteroffiziers Matwej Jeschow!" „Wozu sagt er das?" dachte Foma.„Kommt es denn darauf an. wessen Sohn man ist? Man wird doch nicht nach dem Vater, sondern nach dem Verstand geehrt." Die Sonne ging unter, und auch am Himmel flammte ein ungeheurer, feuriger Scheiterhaufen, der die Wolken goldig und blutig färbte. Aus dem Walde roch es feucht, die Stille wehte herüber, und an der Lichtung bewegten sich lärmend die dunkeln Gestalten der Menschen. Einer davon, ein kleiner, magerer Mann mit einem breiten Strohhut, spielte Harmonika, ein andrer, mit einem sch Warzen Schnurrbart und niit der Mütze im Nacken, sang halblaut dazu. Zivei audre zogen an einem Stock, um ihre Kraft zu erproben. Einige Setzer waren bei den Körben mit Bier und Eßwaren be- schäftigt, ein großer Mann mit einem halbergrauten Bart warf Zweige in das Feuer, das von schwerem, Iveißeu Rauch umhüllt war. Die feuchten Zweige quietschten kläglich und knisterten im Feuer, die Harmonika spielte herausfordernd eine lustige Melodie, und die Falsettstimme des Singenden ver- stärkte und vervollständigte ihr lautes Spiel. Abseits von allen, am Abhang eines kleinen Dammes, hatten sich drei junge Burschen gelagert, und vor ihnen stand Jeschow und sprach laut: „Ihr tragt die heilige Fahne der Arbeit, und ich bin ebenso wie Ihr der Soldat derselben Armee, wir alle dienen ihrer Majestät der Presse und müssen in treuer, einiger Freundschaft leben." „Das stinimt, Nikolai Matwejitsch!" unterbrach ihn eine tiefe Stimme.„Und wir wollen Sie bitten, wirken Sie auf den Verleger ein! Beeinflussen Sie ihn! Man kann Krankheit und Betrunkenheit nicht verlvechsel». Nach seinem System ist es so: Wenn einer von den Kameraden betrunken ist. wird ihm zur Strafe sein Tageslohn abgezogen, ist er aber krank, soll dasselbe geschehen. Wir könnten im Fall der Krankheit eine Bestätigung von: Doktor bringen, damit es sicher ist, und der Verleger sollte, wenn er gerecht sein will, dem Vertreter des Kranken wenigstens die Hälfte des Lohnes zahlen. Sonst ist es uns schwer, wenn zum Beispiel drei auf einmal krank werden..." „Ja, das ist natürlich richtig," gab Irsch ow zai.„Aber, meine Freunde, das Princip der Koopernrion.. Foma hörte auf, der Rede des Freundes zuzuhören, da er durch ein andres Gespräch abgelenkt wurde. Zwei Männer sprachen miteinander, der eine war groß, sah schwindsüchtig aus, war schlecht gekleidet und blickte mürrisch drein; der zweite war ein junger Mann mit blondem Haar und blondem Bart. „Meiner Ansicht nach," sagte der Große düster und hüstelnd,„ist das dumm. Wie kann unsereiner heiraten? Es komnien Kinder— wird es dann für alle reichen? Man muß die Frau kleiden, und es kommt noch darauf an, waS für eine nian kriegt." „Sie ist ein braves Mädel," sagte der Blonde leise. „Nun, jetzt ist sie brav. Eine Braut ist etwas andres als eine Frau. Das ist auch nicht die Hauptsache, man kann es ja versuchen, vielleicht wird sie auch wirklich brav sein. Aber die Mittel werden nicht ausreichen, Du wirst bei der Arbeit selbst zu Grunde gehen und Du wirst auch sie zn Grunde richten. Das Heiraten ist für uns ein ganz un- mögliches Ding. Können wir denn bei diesem Lohn eine Familie erhalten? Du siehst ja, ich bin nur vier Jahr ver- heiratet, und es geht bald zu Ende mit mir. Und ich habe gar keine Freuden gekostet, habe nichts als'Sorgen und Unruhe gehabt." Er bekam einen Hustenanfall und hustete lange auf- heulend; als er aufhörte. sagte er keuchend zu seinem Kameraden: „Laß das. dabei kommt nichts heraus." Jener senkte den Kopf, und Foma dachte: „Er spricht zur Sache, er versteht Wohl auch vieles I" Das Ignorieren seiner Person kränkte ihn ein wenig und erregte in ihm zugleich ein Gefühl der Achtung vor diesen Menschen mit den dunklen, von Blcistanb durchsetzten Ge- sichtern. Fast alle führten ernste, sachliche Gespräche, und in ihren Reden flimmerten eigenartige Worte auf. Niemand von ihnen schmeichelte ihm und belästigte ihn mit der Auf- dringlichkeit, die seinen Bekannten im Gasthaus und seinen Zechgenossen eigen war. Das gefiel ihm. „Wie sie sind," dachte er und lächelte innerlich,„sie haben ihren Stolz." „Sie sollten nicht nach den Büchern, sondern nach der lebendigen Wahrheit urteilen, Nikolai Matjewitsch ," ertönte eine vorwurfsvolle Stimme.„Man kämpft ja um das Stück Brot nicht nach dem Buch, sondern nach der Notwendigkeit, wie Gott es einem eingiebt, und nicht wie es in ihren Vor- schristen steht." „Erlaubt, meine Freunde I Was lehrt uns die Erfahrung unsrer Brüder?" Foma wandte den Kopf dorthin, wo Jcschow laut sprach: er hatte seinen Hut abgenomnien uud schwenkte ihn über seinen: Kopf. Jetzt sagte jemand zu Foma: „Rücken Sie näher, Herr Gordjejcw I" �Fortsetzung folgt.) «Nachdruck verbalen.) Ans dvv Nindheik dev Vrvlinev PveflTc. Auf dem Gebiete des deutschen Zeituiigslvesens hat Berlin ivohl die großartigste Entlvicklnng durchgemacht.. Es hat nicht bloß heute von allen Städten des llteichcs die größten Zeituugsdruckcrcien, die an« lveitesien verbreiteten und in der Auflage stärksten Zeitungen, sondern auch Blätter aller politischen Parteien, aller ivissenschaft- lichen, kiinstlerischcn. litterarischen, religiösen, socialen Richtungen. Inmitten des Zcitungswesens unsrer Tage vermag man sich kaum noch an die ersten Anfänge, an die Kindheit der Berliner Presse zu erinnern. Die erste Berliner Zeilung erschien bereits zn Anfang des 17. Jahrhunderts. Andre Städte waren Berlin dabei längst voran- gegangen. Der Anfang dazu war die mündliche Uebennittelung von Nachrichten des Handels usiv. gelvesen, die sich die großen Kauf- Herren durch reitende Boten und unter bedeutenden Kosten znkonimen ließen. Die Entwicklung des Verkehrs, des Handels und der poli- tischen Verhältnisse machten diese mündlichen Nachrichten schließlich unzureichend. Die Kaufherren besoldeten deshalb an de» großen Plätzen bestinimte Personen, die ihnen allwöchentlich die wichtigste» Nach- richten in Form von Korrespondenzen zutrugen. So entstand die „briefliche Zeitung", eine Einrichtung, welche die Fürsten und die Natsherreil der Siädte bald nachahnilen und so allgemein«lachten. Hierzu geselltei: sich mit der weitere:: Ausbreitung, welche hie Bnchdrnckerei nahm, die gedruckten politischen Nachrichten. Den öffentliche» Verkehr vermittelten die Postmeister. In ihre Hände gelaugle» die„Avisis" zuerst und es ist natürlich, daß sie den Buchdruck ausnutzten, um die allgemein interessierenden politischen Neuigkeiten durch den Druck als„Fliegende Blätter" größeren Kreisen bekannt zu machen. Es waren bloße Nachrichten, im Stil der heutigen Extrablätter, und die Postmeister waren die ersten„Zeitungs- nienschen", Redactenre und Verleger in einer Person. Die politischen Ereignisse häuften sich und jagtei: einander, so daß immer öfter„Fliegende Blätter" erschienen. Das führte dazu, sie schließlich periodisch erscheinen zu lassen, uud so kamen denn, und zwar wöchentlich eimnal, die ersten gedruckten periodischen Zeitungen heraus. Auch die erste Zeitung Berlins wurde von dem„Botenmeister" herausgegeben, bei dem die Bote» ihre Sendungen abzugeben hatten. Ans ihren Berichte:: und Briefen lvnrde die Zeitung zusammen» gestellt. Ihr Erscheinen Ivar unregelmäßig, da es von dem Ein» treffen der Boten abhing, deren Pünktlichkeit die verschiedensten Um- stände beeinträchtigten. Damals aber konnte schon eine Nachricht ziemlich alt sein, da das Berliner Bürgertum sie durch die Zeitung des Postuieisters zuerst erfuhr, Ivar sie ihm stets neu. Ost war diese Zeitung auch nur die Wiedergabe von Nachrichten, die auS andern Blättern entnommen waren. Dennoch hatte auch diese Zeitung eine bedeutende. Wirkung, wie uns die Klagen und Beschwerden bc- weisen, die gegen sie geführt wurden. Die Kriegswirren der Zeit- drückten schwer ans die Berliner, und der hilflose Kur- fürst Georg Wilhelm hatte den Grafen Schwarzenberg zur diplomatischen Verhandlung an den kaiserlichen Hof nach Wien geschickt. Er konnte aber nichts Rechtes erzielen, und um sich selbst reinzuwaschen, schob er in einem an den Kurfürsten gc- richteten, ans Wien von: 5. November 1628 datierten Briefe die Schuld der Zeitung in die Schuhe.„Man hat allhier", so schreibt er,„ein ziemliches Mißfallen an den neuen Zeitnngen, die allemal ans Berlin geschrieben und gedruckt werden. Man sagt: es sey kein Ort in: ganzen Reiche, da man also frey und schlimm schreibe gegen Ihre Kaiserliche Majestät oder gegen die Armee als in Berlin. Allemal attribnire man der Kaiserlichen Macht Verlust und deren Feinden Victoria I" Der Kurfürst befand sich in: fernen Preußen, in sicherer Eni- fernung von den kaiserlichen Truppen, die in der Mark und in Berlin hausten. Er schickte den Brief seines Kauzlers Schlvarzcnberg an das Geheime Ratskolleginn: nach Berlin,„man solle doch nach dem Rechten sehen und sorgen, daß Kaiserliche Majestät nicht ossendiret werde!" Aber das Ratskolleginn:, welches die Brandschatzungen durch die Truppen vor Augen hatte, stand auf feiten der Zeitung und antwortete:„Es ist gewiß, daß kein Wort in solcher Zeitung geändert wird, � sondern, wie die aus andern Orten gedruckt und geschrieben komnien, also drucket sie der Botemncister. Wir haben ihn aber nichts desto minder vor uns gefordert, und ihm geraten, dies Zeitungs» drucken auf eine Zeitlang einstellen, oder doch des Kaisers lieber gar nicht zu gedenken. Er wird sich hicrinnen wohl recht erweisen, wiewohl er klaget, daß er sonst nicht zu leben hätte; denn die Be- soldung, die er hat, ist nicht groß." Hierauf sandte der ängstliche Kurfürst ein Reskript folgende» köstlichen Inhalts: „Ob es ivohl eine Sache, daran sich die Wiener von Billigkeit wegen nicht zu skandalieren hätten, weil ja leichtlich zu erachten, daß die Zeitungen anders bei uns nicht werden in Druck gegeben werden, als wie man sie unsrem Botenmcister aus andren Orten schreibt, so ist nnS doch lieber, damit diesfalls den Leuten aller Praetcxt genommen werde, daß man das- jenigc ungedruckt lasse, was vermutlich Offension erregen möchte.— Doch könne man denen, ivelchen die Avisen zugeschickt werden, das Ausgelassene beschreiben." Den Nachsatz versteht man in seiner erheiternden Naivität erst wenn man weiß, daß dem Kurfürsten die Avisen selber zugeschickt wurden. Er wollte also selbst das Amüsement unfrenndlicher Bemerkungen Über den Kaiser in Wien nicht entbehren. Bloß vor der Verantwortlichkeit Ivar ihm bange. Der Schlußsatz zeigt Übrigens, daß neben der gedruckten noch immer die geschriebene Zeitung ausgegeben wurde. Die Ursache war wohl banptiächlich darin zu suchen, daß die gedruckten Blätter, trotz aller Vorsicht ihrer Herausgeber, immer ivicder den Verboten versielen. Als 1632 der Berliner Botenmeistcr Veit Frischmänn um eine neue Erlaubnis zum Druck und Verlag der Staalszeitnngcn eingekommen. wurde ihm dieselbe zivar erteilt, aber mit der besonderen Ver- Warnung:„indes nichts von Pasquillen, sie sehen auch wider tven sie wollten. oder sonst etwas, jo einen oder den andern, zumnhl Standespersoncn anzüglich, darinnen sein soll. Erst von 165S ab gab der Berliner Buchdrucker Christoph Runge eine regelmäßig und zwar wöchentlich eimnal erscheinende Zeitung heraus.' Aber mit welchen Schwierigkeiten hatte er dabei zu kämpfen I Wie ein Vebrecher lvnrde er beobachtet. Es wurde ihm ein kürfürst- liches Privileg, aber auch ein eigner Cenior erteilt. Trotz aller dieser Vorsichtsmaßregeln waren die Zcitnngsblätter noch immer nicht„gut- gesinnt" genug, und 1672 wurdei: sie wieder unterdrückt. 1698. wurden dann auch alle geschriebenen Zeitnngen in Berlin verboten. Seit 1690 konnte wieder eine gedruckte Zeitung erscheinen, jedoch nur für kurze Zeit, bis 1706. Dann erhielt ei» gewisser Lorenz ein Berliner Zeitungs- privileginim Doch so sehr hingen diese Drucker mir ihrer Existenz von fürstlicher Gunst und Gnade ab. daß 1721 das Druckpriinleiz dem Manne wieder gänzlich entzogen wurde. 1722 ivard es an Joh. Andr. Rüdiger übertragen. Er hatte mehr Glück; persönlich bekannt bei Hofe, gelang es ihm, sein Blättchen durch alle An- fechtungen hindurch zu bringen. In die ersten Regierungsjahre Friedrichs II. fallen die Gründungen Iveiterer Zeitungen, so die von Friedrich selbst vcranlaßte Gründung einer litterarisch-politischen Zeitung in französischer Sprache, die jedoch schon nach dreiviertel Jahr wieder einging, und die Gründung der „Berlinischen Nachrichten von Staats- und Gelehrtensachen" durch Haude. Lobhudelnde Geschichtsschreiber suchen es gerne so darzustellen, als sei durch dieses Friedrichs„edlen Willen" ein großer Aufschwung des Berliner Zeitnngswesens hervorgerufen worden. Sein Wort „Gazetten sollen nicht genieret werden", wies ja hin auf die uneinge- schränkte Preßfreihcit, die dieser König der Berliner Presse erstmalig verschaffte. In Wahrheit lies; der König dem östreichischen Hofe durch„den Berliner Zeitungsschreiber" allerlei Unangcnebmcs an- hängen, damit er selbst aber dafür nicht verantwortlich gemacht werde, gab er den Schein von Preßfreiheit. Deutlich zeigt dies der Brief des Kabinettsniinislers v. PodewilS, den dieser unterm S. Juni 1740, also wenige Wochen vor Ausgabe der neuen „Handeschen Zeitung" schrieb:„S. K. M. haben mir nach auf- gehobener Tafel nllergnädigst befohlen, daß dem hiesigen Berlinischen Zeitungsschreiber eine unbeschränkte Freiheit ge- lassen werden soll, in dem Artikel von Berlin von demjenigen, was aniho hierjelbst vorgeht, zn schreiben, was er will, ohne daß solches ccnsiert werden soll, wie Höchstdero- selbe» Worte waren, weil solches dieselben üikertire, dagegen aber auch sodann fremde �linistri sich nicht würden beschwere» können, wenn in de» hiesige» Zeitungen hin und wieder Passagen anzutreffen, so ihnen mißfallen könnten. Ich nahm mir zwar die Freiheit, darauf zn regerirc», daß der***sche Hof über dieses Sujet sehr xoiutillsux wäre; Se. Majestät erwiderten aber, daß Gazette», wenn sie interessant sein sollten, nicht genirt werden müssen." So sieht sich das Wort wesentlich anders an und es wäre auch nicht zu verstehen, Ivoher die übrigens rasch verflogene Preßfrcibcit- liebe des Königs sonst gekommen sein sollte. Wie sein Vater, der„Soldatenkönig", in die Zeitungen die rohen Witze bringen ließ, mit denen er seine» gelehrten Hofnarren Gnndling im Tabaks- kolleginm hänselte, so empfand Friedrich II. eine boshafte Schaden- frende, wen» er die„Zeitungsschreiber" zwingen konnte, erdichtete Ulknnchrichten über Unwetter bei Spandau und dergleichen mehr anfzimchmen, wodurch er sowohl den„Zeitungsschreibern" seine Verachtung zn erkenne» gab, als die Leser in Schrecke» oder ohnmächtigen Grimm versetzte. Schon im März 1741 befahl der König wieder„in publicis" die Ccnsnr des Kabinettsmiiiisteriums. Sie wurde seitdem noch fortwährend verschärft; Konfiskationen, brutale Unterdrückungen hinderten die Entwicklung der Berliner Presse, die bis in die lvtitte des nenn- zehnten Jahrhunderts hineilt eine klägliche, von Censors Gnaden ge- führte Existenz hatte. In der sogenannten vormärzlichen Zeit Ivurde die Zeitnngs- ccnsnr zu einem pfisfig-brntal ausgebauten System. Das bißchen Sonnenwärme, ivelches der vierte Friedrich Wilhelm der Berliner Presse gegönnt hatte, Verivandelte sich bald in eine noch schlimmere Unterdrückung als sie je zuvor geherrscht hatte. Unter dem Rotstift des Censors konnte sich die Presse nicht entlvickeln und am besten wird ihre klägliche Lage ge- kennzeichnet durch ihr Aussehen, ein paar Zeilen Deutschland, ein bißchen Berliner Theater- und Konzertnachrichten und seitenlange Ergüsse über fremdländische Politik. Selbst nach 48 änderte sich der Charakter der Berliner Presse nur auf kurze Zeit, denn die Jahre der Reaktion vernichteten alles wieder, was sich die Presse errungen hatte. Hinckeldey richtete seine Geivalthcrrschaft über die Berliner Presse auf. Unter dem allmächtigen Polizeipräsidenten Berlins, der alle Tage tietie„Verschwörungen" entdeckte und, gleich den Leuten der Kamarilla. den König mit der Wieder- kehr eines 13. März zu ängstigen wußte, waren willkürliche Konfiskationen an der Tagesordnung. Sie hinderten die innerliche »nd die änßere Entwicklung der Berliner Presse. Erst mit dem Beginn der 60er Jahre, den politischen und socialen Umwälzungen, die Berlin durchmachte, wurden die Bedingungen für die moderne Ent- Wicklung der Presse geschaffen, durch die sie zn ihrer heutigen Größe eniporkomme» konnte.— E, R. Kleines Sfenillekon» k.„Erinttcrnngcn eines ToufflcnrS." Unter diesem Titel veröffentlicht ein italienischer Soufflenr, Monaldi, der in dieser Thätigkeit weit umhergekommen ist und reiche Erfahrungen ge- sammelt hat. bei Bocca in Turin ein interessantes Büchlein, das manchen heitere» Zug aus dem Tbeaterleben zn berichten weiß. Dazu gehören z. B. die Formen, die das Begeisternngsfieber des Publikums für seine„Stars" manchmal anzunehmen pflegt. Als die berühmte Tänzerin Fanny Elßlcr zum erstenmal in Richmond auftreten sollte, ivurde ihre Ankunft in der Hauptstadt Virginiens mit Kanonenschüssen angekündigt. Ihr Einzug in die Stadt war ein wahrer Triumphzug; ein langer Zug. in dem sich alle bedeutenden Behörden der Stadt, der Bürgermeister, die Ratsherre», die Staatsrate, die Richter usw. befanden, geleitete die Tänzerin. Unter einem andern Begeisternngsansbruch des Pn- blikums hatte der berühmte Kontrabassist Bottesini in einem russischen Theater zu leiden. Er entlockte nämlich seinem Instrument so wundervolle Harmonien, daß das Publikum zwar zn Beifallssalven hingerissen wurde, zugleich aber zweifelhaft wnrde, ob es möglich Iväre, ans dem Kontrabaß solche Töne hervorzuzaubern. Es witterte einen Betrug und drang wütend auf die Bühne, um heraus zu bekommen, ob nicht hinter den Kulissen ein Vivlinspieler sich verberge und Bottesini nur ein Spiel vorgetäuscht hätte. Der berühmten Ballett-Tänzerin Foco entschlüpfte eines Abends, während sie tanzte, ein Schuh, der mitten in den Zuschauerraum fiel. Ein Ivütender Kampf folgte. Niemand konnte natürlich dieser kostbaren Reliquie ungeteilt habhaft Iverde». aber hundert Zuschauer konnten sich rühmen, ein ganz kleines Teilchen des kleinen Toilettenobjekts er- obert zu haben und das Knopfloch damit zieren zu können. Die Gunst des Publikums ist aber für die auftretenden Künstler ein Talisman, den keiner von ihnen missen möchte. Nicht nur die Debütanten kranken am„Lampenfieber", mich die berühmten„Stars" können es häufig nicht überwinden. Zn diesen gehört z. B die Patti, auf die, ivie Monaldi erzählt, die Rampe dieselbe Wirkung übt, wie das Wasser von Montecatini. Die Waldmann und die Nevada verloren vollständig die Sprache, die Theodorini hatte heftigste Magenschmerzen; Gayarre mußte, um das Lampenfieber zu überwinden, sich die Augen mit dem Ranch von einem Dtitzend Cigarettcn nmnebeln, die er in wenigen Minuten aufrauchte; der sonst immer liebenswürdige Stagno war vor seinem Auftreten immer geradezu nnaitsstehlich. Eine Gewohnheit vieler Sängerinnen ist es. sich schnell vor ihrem Auftreten zu bekreuzigen.— — Einer, der daS Gesetz kennt. Ans Wien vom 2. d, M. berichtet die„Wiener Morgenzcitung": Der Fiakerkntscher F r a n z D a n g e r m a y e r hatte sich beim Bezirksgcrichle Josesstadt wegen Zusanniienstoßens mit einem Brotwagen zu verantworten. Richter:„Sie sind schon achtzehmnal bestraft?" A n g e l l.:„Aber niemals wegen K 481." Richter:„Weshalb denn sonst?" A n g e k l.:„Polizeilich und meistcus wegen§ 430, das is auf» sichtSloscs Zeug!" Richter:„Voriges Jahr sind Sie aber doch tvegen§ 431 zu viernndzivanzig Stunden verurteilt worden?" A n g e k l.:„Ah! Das war wegen einer Kreuzung, aber es war keine Gefahr für körperliche Sicherheit dabei." Richter:„Dann wär"s ja nicht Z 431 1" An gekl.:„Waß eh... dös war SchneNfahren nach 8 4271" Richter:„Sie bekunden da eine außerordentliche Gesetzes» künde 1" A n g e k l.:„I Hab' lang an A d v o k a t e n...'n Doktor B. g'führt... und der hat mir a alt's G'setz geb'n... no, und ivann i am Standplatz nix z'thun g'habt Hab', da Hab' i's Büchel halt durchstudiert I" Richter:„Bei dieser Gesetzeskenntnis sollten Sie sich aber beim Fahren doch mehr in Acht nehinen!" A» g e k l.:„Herr Richter! Was nutzt meine Gesetzkenntnis, wnmi's Roß stutzig is? Vom Kutschbock aus siecht die G'schicht' ganz anders aus, als wie im Strafgesetz!" Richter(nach Einvernehniiing der Zeugen):„Eine llnacht- samkcit liegt doch vor I Haben Sic noch etwas zu bemerken?" A n g e k I.:„I bitt' um an' Milderungsgrund, weil ka Schaden entstanden is I" Das Urteil lautete auf vierimdzwanzig Stunden Arrest. A n g e k l,:„I kitinm' binnen drei Tag'... i mnaß um Zwölfe auf der Bahn sein, sunst Hab' i mit'» Polizeig'jetz z'thun!"— Theater. Lessing-Theater.„Die Kollegin", Schauspiel von Hermann Katzsch.— Schon seit einiger Zeit taucht der weib- liebe Doktor hier und dort in Dramen. Novellen und Roniaiicn auf; und die Versuche, diese neue interessante sociale Figur litterarisch ausznmünzeii, werden aller Voraussicht nach in nächster Zukunft immer zahlreicher werden. Eine ganze Reihe, in dieser speciellen Rüancierimg neuer Probleme und Konflikte bietet sich dar. Der Einschuß neuen Wissens, neuer Ideen und eines neuen kritisch-wissen- schaftlichcn Denkens, den der weibliche Charakter so erhält, ebenso wie die neue Art selbständiger Berufsthätigkeit wird nach allen möglichen Richtmige» hin das Seelenleben der Betreffenden modifizieren und so zn allerhand Widerstreit gegen ererbte Empfin- düngen und Werturteile führen müssen. Vor allem auch in der Liebe. Das kann ernste und tragische, aber das kann auch lustige Situationen und Verwickelniigen geben. Bis jetzt ist das einzige Doktorinnen- drama, welches sich über äußerliche konventionelle Mache erhebt, eine— Komödie, Drehers überaus hnmorvollcr Schwank: „In Behandlmig". Aber in diesem Schwank steckt mehr frische Charakterisierungskunst als in manchem Dutzend höchst ernsthaft einherstolzierender Schauspiele. Die Lisbeth, die junge Doktorin, die mit lustigem Uebermnt den Kampf um die Praxis atifnimmt, die eigensinnige burschikose Verächtcrin aller Sentimentalität, die sich so drollig gegen die Liebe wehrt, bis sie endlich mit einem urwüchsige» Ausbruch des Aergers die Waffen von sich wirft, ist eine prächtige Figur, voll strotzender Lebenskraft, im Tüchtigen, wie in ihren lächerlichen Eigenheiten von gleicher Echtheit; und die Be» kehruiig zur Liebe hnt. so wie Dreher die Sache wendet, keine Spnr' von philiströsem, Kochtopfbegeistertem Beigeschmack. Bei so viel Trefflichem nimmt man dann schon einen Haufen krasser UnWahrscheinlichkeiten gerne mit in Kauf. An krassen UnWahrscheinlichkeiten fehlt es auch nicht in dem Katschschen Schauspiel, aber leider an einer Charakteristik, deren Fülle über solche Mängel hinweghelfen könnte. Das Fräulein Marianne, das uns hier als neugebackene Doktorin der Natur- Wissenschaften entgegentritt, ist ein bleichsüchtiges Stubengewächs. eine kleine humorlose Pedantin, die sich nie, wie die Drehers Lisbeth, den frischen Wind des Lebens um die Backen hat pfeifen lassen. Sie ist fleißig und versteht etwas von schwierigen Experimenten. Das sehen wir im ziveiten Akt, allwo ein ganzes Labora- torium auf die Bühne kommt. Aber damit ist auch das. was der Dichter von ihrem Wesen uns glaubhaft iviederzugcben vermag. in der Hauptsache erschöpft. Daß sie für den jungen Universitätslehrer, unter dessen Leitung sie in dem physiologischen Jnstitnt arbeitet, eine kritiklos-bewundernde MädchenschwSrmcrei hegt, macht die Figur nicht gerade intcrcssaiitcr, stimmt aber mit ihrem allgemeine» Weic» ganz wohl Überein. Doch hier hört dann der Glaube auf. Die Liebesgeschichte, die an die Schwännerei sich anknüpft und die uns nacb des Dichters Inten- tioncn eine Art tragisches Interesse für das Mädchen einflößen soll, wirkt in ihrer völligen Unniotiviertheit geradezu niederschlagend. Der angeschwärmte Doktor Westphal ist ein absolut herzloser, ab- stoßend korrekter Streber und Carrieremacher. Auch die Wiffcnschaft gilt ihm nur als Mittel, die Zivccke seines Ehrgeizes zu befriedigen. Alles, was er thnt, geschieht mit klarer, egoistischer Berechnung. Und dieser Mami, von dem wir schon im ersten Akte hören, daß er der Tochter des einflußreichen UuiversitätSdeceruente» den Hof marbt, der nichts so sehr wie einen ihn koinpromittiercnde» Skandal fürchtet, der soll, leidenschaftslos wie er ist. den Dnmmenjungenstreich be- gehen und seiner Schülerin, der Tochter eines Kollegen, mit aller- Hand schönen Romanphrasen ein freies Liebesverhältnis vorschlagen I Das ist absurd. Die Liebessccne, in der er sie gewinnt, wirkt geradezu peinlich in ihrer inneren Umvahrhaftigkeit— uinsomehr, da der Streber auch hier die kälteste Besimmng zu bewahren, ja. um das noch recht possenhaft zu markiere», bei der Umanmmg heimlich nach der Uhr zu schielen hat! Und so geht es weiter. Abgesehen von der starken Unwahrscheinlichkeit, daß das uns bisher nur als äußerst fleißig bekauntc und in ihrer Art korrekte Professoren- töchterlcin von der abstrakt platonischen Liebe, die man ihr zutraut, auf jene Aufforderung hin sofort zu einer sehr konkreten Liebes- Praxis umschwenkt,— soll man dann noch glauben, daß der Herr Docent drei bis vier Wochen»ach Beginn dieses Verhältnisses der schon längst aufs Kor» genommenen Dccerneulentochter einen Heiratsantrag macht: soll man glauben, daß er die Naivetät besitzt, dem Mädchen auch so noch eine Fortführung des Verhältnisses zuzumuten; soll man endlich glaube», daß die betrogene Doktorin, wie eine völlig Hilflose, nach der ersten großen Enttäuschung schleunigst zun, Gift greift! Dieser sinnlose Selbstmord, der nur beweist, wie wenig innere» Halt ihr die wissenschaftliche Arbeit, von der sie innner mit so viel Begeisterung sprach, gegeben, bringt das Mädchen auch um die karg- lichen Sympathien, die es hier und dort in einzelnen Scene» dcS Stückes erregt. Und kein psychologisches Interesse entschädigt dafür. Die typische Bedeutung, die demDichter imSinnegelegen haben mag ist, daß die elementare» Seelenerregnngeii alle sichernde» Dämme, die Wissenschaft und Denken anfgeschüttet habe», immer wieder durchbrechen, kommt bei dem Mangel einer auch nur einigermaßen überzeugenden Charakterentwickelung in dein Siücke selbst nicht heraus. Wenn das Drama trotz dieser fmidamentaleu Mängel einen starken Applaus fand, so mag sich das aus dem ganz aNgememe» Interesse an dem Stoffe und aus dem gefälligen Bühnengeschick, mit deur einige episodisch schildernde Scenen. bor allem die Laboratoriumsscene im zweiten Akt, erfunden sind, erklären. Dann aber that auch die Aufführung alles, ivas möglich ivar, für den Erfolg. Agnes Gorma spielte die Hauptrolle. Sehr gut waren, um ans der übrigen Besetzung Einiges hervorzuheben, Herr W a I d o w als hannlos zerstreuter, von Vaterstolz gehobener Pro- fessor, Lore Jona als unausstehlich»orgelnde Professorsgattin, Willy Peters und Joseph Klein in ihren� Nebenrollen, endlich auch von den unmöglichen LiebcSscenen abgesehen— Herr Patry in der Stolle des' trockenen, geschniegelten Schleichers Westphal. dt. Geologisches. ti. Verändert sich die Länge des ErdentageS? Unter allen astronomischen Größen gilt die Länge des Erdentages, also die Daner der einmaligen Umdrehung der Erde um ihre Achse als die zuverlässigste. Nach dein berühmten Grundsatz des griechischen Philosophen Heraklit ist zwar alles in der Welt in dauerndem Fluß begriffen, demnach müßte-ailch die Länge des Erdentages einer all- mählichen Veränderung unterworfen sein, jedoch hat der große Laplace aus seinen Berechnungen den Schluß gezogen, daß die Länge des Tage« zum iniiidcste» seit den letzten 2000 Jahren nicht um einen neunensiverte» Betrag geschwankt habe» könne. Mit dieser Angabc ist freilich die Frage nur vorläufig erledigt, den» die Menschheit besteht schon viel länger als 2000 Jahre und wird ohne Zweifel auch noch länger bestehen. Wann wird nun der Tag. der vor 2000 Jahren bereits die Länge Verantwortlicher Redaeteur: Carl Leid in Berlin. von24 Stunden hatte.mcrkbar länger oder kürzergewordenfein? In einer Untersuchung dieses Problems zieht Smith Woodivard zunächst die Ber- änderung innerhalb der Erdmasse in Betracht, die sich als Folge der zunehmenden Abkühlung nnd Schrumpfung der Erdkugel vollzieht. Auf der andern Seite erfährt nun unser heimatlicher Wcltkörper eine fortgesetzte Maffenvermehrung durch die ans dem Weltraum auf ihn herabfallenden Meteore. Der elftere Vorgang ivirkt auf eine Ver- kürzung, der zweite auf eine Verlängerung des ErdentageS hin, das heißt, auf ei»e Beschleunigung beziehungsweise Verlangsamung der Erdumdrehung. Nach den Berechnungen, die Smith Woodward in Anlehnung an Laplaces„Himmelsmechanik" ausgeführt hat, kommt er zu dein Schluß, daß die Abkühlung der Erde so langsam vor sich geht, baß die Länge des Tage? während der ersten zehn'Millionen Jahre nach dem Beginn der Erdverdichtung sich nur um eine halbe Sekunde verändert haben könne. Wenn die Erkaltung vollendet sein ivird, muß sich jedoch in der Dauer des Tages eine sehr nennenswerte Verschiedenheit herausgebildet haben, und aus dieser Annahme würde sich ergeben, daß die Erdgeschichte mit ganz ungeheuren Zeiträumen zu' rechnen hat. Woodward nimmt am daß die Erde zunächst eine Temperatur von 3000 Grad besessen habe, ferner daß ihre Zu- sammenzichung bei der Abkühlung in gleicher Weise vor sich geht, wie sie beim Eisen verfnchsiveise beobachtet ist. Alsdann würde sich die Länge des Tages bei völliger Erkaltung des Erdkörpcrs um fast IVe Stunden verkürzen. Welche Zeit ivürde nun bis dahin ver- strichen sein? Es läßt sich darüber überhaupt nur mit einer Ein- hcit von Jahrinillioncn rechnen, denn es würde eine Billion von Jahren darüber vergehen, ehe die Erdabkühlnng zu einer fühlbaren Vcrändernn'g in der Länge des Tages geführt hätte. Auch dieses ungeheure Zeitmaß ivürde theoretisch noch zu klein sein, denn die Vemiehniug der Erdmasse durch nieder- fallende Meteore wirkt ja der Verkürzung de» Tages durch die Ab- kühlnng entgegen. Es muß nun»och bestimmt werden, inwieweit dies der Fall ist. Woodward ist der Ansicht, daß die Vermehrung der Erdmaffe durch Meteore überhaupt kaum in Betracht komme, denn der Zuwachs aus dieser Ursache geht wahrscheinlich so langsam vor sich, daß er eine Berlängernng dcS ErdentageS nur um eine Einheit herbeiführen könnte, iveim gleichzeitig die Erkaltung eine Verkürzung des Tages um 200 000 Einheiten bewirkt hätte. Diese Schätzung beruht bereits auf der weitgehenden Annahme, daß täglich 20 Millionen Meteore, allerdings nur im Durchschnitsgewicht von einem Gramm, aus dem Weltraum der Erde zuströme». Unter dieser Voraussetzung ivürde eine Billion von Jahren vergehen, ehe sich der Erdentag aus dieser Ursache um nur Ve Sekunde verlängert haben würde. Hmuoristisches. — Wahres G e s ch i ch t ch c». Pfarrer und Lehrer sitzen in eifriger Unterhaltung am Biertisch zusammen. Der Pfarrer ist im Begriffe, sich eine frische Cigarrc anzustecken. Schnell entzündet der aufmerksame Lehrer ein Zündholz und will es seinem geschätzten Nachbar überreichen. In demselben Augenblicke verlöscht das Zündholz. Pfarrer: Sehen Sic, mein lieber Herr Lehrer, das Licht der Schule verlöscht! Lehrer: Sehr richtig,— sobald es die Kirche in die Hand nimmt.— — AnS dem Aufsatzheft«?ines Backfisches: , Z>v i l l i 11 g e sind kleine Wesen, die sich sürchteten, allein auf die rauhe Welt zu kommen."— („Jugend".) Notizen. — Preise von 200 Mark, 100 Mark u nd zwei Preise von je 30 Mark schreibt die Verlagsgesellschaft „Harmonie" lBerliu) für die besten sangbaren Vrettl-Lieder aus. Letzter Einliefernngstexmin ist der 15. April.— „ D i c r 0 t e A ni p e l', ein Schivanl von Kurt Kraatz nnd Wilhelm I a c 0 b y erzielte bei der Erstaufführung im Mannheimer Modernen Theater einen Lacherfolg.— — Martin Greifs Trauerspiel„Konradin der letzte H 0 h c n sta u f e" wurde im Stadttheater zu Wien durch Studenten aufgeführt und beifällig nnfgcnonimen.— — Z u r E r r i ch t u n g eines g r i c ch i s ch e n T h c a t e r s in Rom, in dem Aufführungen in der Art wie vor 2000 Jahren stattfinden sollen, will die„Gesellschaft der römischen Hotelbesitzer" 800 000 M. stiften.— — D i e fünfte A n S st e l l n n g ber Berliner S c c e s s i 0 n soll am 20. April eröffnet" werden und bis zum 1. Oktober danern.— — Der erste Kongreß der Deutschen Gesellschaft für orthopädische Chirurgie wird am 1. April in B e r l i n (Chirurgische Universitätsklinik) eröffnet.— Die nächste Nummer des Unterhalrungsblattes erscheint am Sonniag. den 9. März. Druck und Berlag von Max Bading in Berlin.