Zlnterhaltungsblatt des Worwürls Scr. 49. Dienstag, den 11. März. 1902 (Nachdruck oerbolen.) 49z Govdjejetv. Sloman von Maxim G o r k i. Deutsch v??' K�ara Brauner Elftes Kapitel. „Ljuba I" sagte Majakin eines Tages, als er von der Börse nach Hanse kam,„bereite Dich für heute abend vor— ich»verde den Freier mitbringen! Richte uns einen recht soliden Imbiß her. Thu' viel altes Silber auf den Tisch. Nimm auch die Fruchtvasen heraus, damit ihm unser Tisch in die Augen fällt! Er sols nur sehen, daß bei uns jedes Stück etwas Seltenes ist!" Ljuba saß am Fenster und stopfte die Socken ihres Vaters, ihr Kopf war auf die Arbeit gesenkt. „Wozu ist das alles, Vater?" fragte sie unzufrieden und gekränkt. „Damit � die Sauce mehr Geschmack bekommt. Und der Ordnung wegen. Denn ein Mädel ist kein Pferd, man kann es ohne Geschirr nicht los werden." Ljuba warf nervös den Kopf auf, schleuderte die Arbeit von sich, blickte den Vater, ganz rot vor Kränkung, an, nahm die Socken wieder in die Hand und senkte den Kopf noch tiefer darüber. Der Alte ging im Zimmer auf und ab und zupfte sich sorgenvoll den feuerroten Bart; seine Augen blickten in die Ferne, und man sah, daß er ganz in eine große, komplizierte Denkarbeit versenkt war. Das Mädchen wußte, daß er ihr nicht zuhören würde, und daß er nicht verstehen wollte, wie erniedrigend seine Worte für sie waren. Ihre romantischen Träume von einem Mann, der zugleich ihr Freund wäre, von einem gebildeten Menschen, der mit ihr zusammen vernünftige Bücher lesen und ihr helfen lvürde, sich in ihren vagen Wünschen zurecht zufinden,— all das war durch den»»beugsamen Entschluß des Vaters, sie mit Smolin zu verheiraten, erstickt, getötet, es war in der Verwesung begriffen und bildete auf dem Grund ihrer Seele einen bitteren Satz. Sic war gewöhnt, sich als etwas Besseres und Höherstehendes zn betrachten, als es die leicht- sinnigen, dummen Mädchen ihres Standes gewöhnlich waren, die nur an Kleider dachten und fast immer nach den Speku lationen ihrer Eltern, aber nur selten nach der freien Wahl ihres Herzens heirateten. Und jetzt sollte sie selbst nur des- halb heiraten, weil es Zeit Ivar, und weil ihr Vater einen Schwiegersohn und Teilhaber im Geschäft brauchte. Der Vater glaubte offenbar, sie könne durch ihre Person schwerlich die Aufmerksamkeit eines Mannes ans sich lenken, und wollte sie mit Silber umringen. Sie Ivar empört und arbeitete nervös, stach sich dabei in die Finger, zerbrach die Nadeln, schwieg aber, da sie wußte, daß nichts von dem, was sie sagen konnte, dem Vater ins Herz dringen würde. Der Alte ging noch immer im Zimmer herum und sang bald halblaut Psalmen, bald belehrte er die Tochter darüber, wie sie sich gegen den Freier verhalten sollte. Dabei rechnete er etwas an den Fingern aus, runzelte die Stirn und lächelte. „Hm, so ist's? Möge mich Gott richten und mich vor dem Ungerechten und dem Falschen beschützen... Ja— a... Steck die Smaragden von der Mutter an, Ljubowj!" „Genug, Vater!" rief das Mädchen bange aus.„Lassen Sie das, bitte." „Sag nicht nein! Hör zu, was man Dich lehrt." Er versenkte sich wieder in seine Nechnungen, kniff die grünen Augen zn und spielte niit den Fingern vor seinem Gesicht. „Das macht fünfunddreißig Prozent... hm�... der Bursche ist ein Schelm. Gieb mir Dein Licht und Deine Wahrheit." „Vater!" rief Ljuba traurig und erschrocken aus. „Was?" „Wie... gefällt er Ihnen?" „Wer?" „Smolin." „Smolin? Ja, er ist ein Schelm, ein tüchtiger Kerl, ein guter Kaufmann! Nun, ich gehe. Also sieh zu, be- waffne Dich." Als Ljuba allein war, warf sie die Arbeit fort und lehnte sich mit festgefchlossenen Augen in den Sessel zurück. Ihre zusammengepreßten Hände lagen auf ihren Knieen, und die Finger knackten. Von der Bitternis der verletzten Eitelkeit erfüllt, empfand sie bange Furcht vor der Zukunft und betete still: „O mein Gott! O Herr? Wenn er ein anständiger Mensch wäre!... Gieb, daß er anständig ist und ein Herz besitzt. O Gott! Es kommt ein fremder Mann, schaut mich an und nimmt mich für lange Jahre mit, wenn ich ihm ge- falle! Wie schändlich das ist... wie schrecklich... Gott. mein Gott! Wenn ich... fliehen könnte! Wenn ich mich mit jemand beraten könnte, was ich thun soll! Wer ist er? Wie soll ich ihn ergründen? Ich kann nichts! Und ich Hab' ja nachgedacht... ich habe so viel nachgedacht! Ich habe ge- lesen.... Wozu habe ich gelesen? Wozu brauche ich zu wissen, daß man anders lebt, so wie ich nicht leben kann? Und vielleicht, wenn es keine Bücher gäbe, würde ich leichter, einfacher leben. Wie qualvoll das alles ist! Wie unglücklich, wie bedauernswert ich bin I So allein. Wenn wenigstens Taraß da wäre!" Bei der Erinnerung an den Bruder wuchs die Kränkung in ihr, und sie bemitleidete sich selbst noch mehr. Sie hatte an Taratz einen langen, jauchzenden Brief geschrieben, in dem sie von ihrer Liebe zu ihm und von den Hoffnungen, die sie auf ihn setzte, sprach; sie flehte den Bruder an, recht bald zum Vater zu kommen, sie malte ihm die Pläne ihres gcineinsamen Lebens aus. versicherte Taraß, der Vater sei außerordentlich klug und könne alles verstehen, erzählte von seiner Einsamkeit, war von seiner Lebensfähigkeit entzückt und beklagte sich gleich darauf über sein Verhalten ihr gegenüber.■ Zwei Wochen lang erwartete sie bebend die Antwort, und als diese eintraf, bekam sie vor Freude und Enttäuschung einen Weinkranrpf. Die Antwort war trocken und kurz■, Taraß teilte darin mit, er känie in einem Monat in Geschäften an die Wolga und würde es nicht unterlassen, den Vater zu besuchen, falls dieser thatsächlich nichts dagegen hätte. Der Brief war kalt wie ein Eiszapfen! sie las ihn unter Thränen ein paar Mal durch, zerknitterte und ballte ihn zusammen, doch er wurde davon nicht warm, sondern nur durchnäßt. Von dem rauhen Briefbogen, der mit einer großen, festen Handschrift beschrieben war. schien ihr ein runzeliges, miß- tranisch gefurchtes, mageres Gesicht, das dem des Vaters ähnlich sah. entgegenzublicken. Auf Jakoiv Tarassowitsch machte der Brief des Sohnes einen andren Eindruck. Als der Alte erfuhr, daß Taraß ge- antwortet hatte, wurde er erregt und wandte sich eilig, ge- spannt und mit einem besonderen Lächeln an die Tochter: „Run, gieb mal her! Zeig es mir! Ja! Wir wollen lesen, was die gelehrten Leute schreiben. Wo ist die Brille?... Hm...„Teure Schwester! Ja..." Der Alte schwieg, las den Brief des Sohnes, legte ihn dann auf den Tisch und schritt mit erhobenen Brauen und erstauntem Gesicht durch das Zinnner. Dann las er den Brief nochmals durch, klopfte mit den Fingern nachdenklich aus den Tisch und sagte; „Der Brief ist nicht übel, er hat Hand und Fuß, und es sind keine überflüssigen Worte darin. Na also! Vielleicht ist der Mensch bei der Kälte kräftiger geworden. Dort ist bittere Kälte. Er soll kommen, wir wollen sehen. Ich bin neugierig. Ja, wir wollen in Frieden miteinander reden." Der Alte bestrebte sich, ruhig und mit einem gering- schätzigen Lächeln zu sprechen, doch das Lächeln wollte ihm nicht gelingen, die Runzeln zuckten erregt und die Augen glänzten seltsam hell. „Schreibe ihm, Ljuba.... nur los, er soll nur dreist kommen." Ljuba schrieb nochmals, an Taraß, doch diesmal war ihr Brief kurz und ruhig; jetzt erwartete sie von Tag zn Tag seine Antwort und versuchte sich vorzustellen, wie dieser geheimnisvolle Bruder sein könnte. Früher hatte sie mit Herz- klopfen an ihn gedacht, mit jener Andacht, mit der die Gläubigen an die Märtyrer und die Gerechten denken,— jetzt fürchtete sie ihn, denn er hatte um den Preis schwerer Leiden, um den Preis seiner in der Verbannung vertrauerte» Augend das Recht erworben, über das Leben und die Menschen zn Gericht zu gehen. Er wird kommen und wird sie fragen: „Du wirst also frei, mis Liebe heiraten?" „Was wird sie ihm sagen? Wird er ihr Ihren Klein- tnut verzeihen? Und warum heiratet sie eigentlich? Ist das wirklich das einzige, was sie thuu kann, um ihr Leben zu ändern? Die traurigen Gedanken erstanden einer nach dem andern im Kopf des Mädchens, sie quälten und verwirrten sie, die machtlos war, ihnen irgend einen bestimmten, alles besiegenden Wunsch entgegenzustellen. Trotzdem sie sich in einer erregten, nervösen Stimmung befand, der Verzweiflung nahe war und die Thränen mit Mühe zurrickhielt, erfüllte sie doch alle An- ordnungen des Vaters gewissenhaft, wenn auch halbbcwuszt: sie schmückte den Tisch mit altem Silber und seltenem Krystall, zog ein stahlfarbenes Seidenkleid an und begann vor dem Spiegel die riesengroßen Smaragden in die Ohren zu stecken — diese Steine, ein Faniilienschmuck der Fürsten Grusinski, waren mit einer Menge andrer seltener Stücke bei Majakin als Pfand geblieben. Inden» sie in dem Spiegel ihr erregtes Gesicht be- trachtete, aus den» die vollen, saftigen Lippen durch die Blässe der Wangen noch röter erschienen, und ihre üppige Büste sah, die von der Seide fest umspannt war, fühlte sie sich hübsch und der Aufmerksamkeit eines jeden Mani»es würdig, wer es auch sein mochte. Die grünen Steine, die in ihren Ohren funkelten, beleidigten sie als etwas Ueberflüssiges, und außerdem schien ihr, daß ihr Leuchten sich als ein seiner, gelblicher Schatten aus ihre Wangen legte. Sie nahm die Smaragden ab und steckte statt dessen kleine Rubinen in die Ohren, während sie an Smolin dachte und daran, was für ein Mensch er sein könnte? Wie mochte sein Charakter sein? Was ivollte er? Ob er»vohl Bücher las? Dann mißfielen ihr die Räieder um ihre Augen, und sie begann sie behutsan» mit Puder zu bedecken, dabei dachte sie fortwährend daran, was für ein Unglück es sei, eine Frau zu sein, und machte sich Vor- würfe ihrer Willenlosigkeit wegen. Als die Ränder um die Augen unter einer Schicht von Schminke und Puder verschwunden waren, schien es Ljuba, ihre Augen hätten dadurch an Glanz eingebüßt, und sie wischte den Puder fort... Der letzte Blick, den sie in den Spiegel»vars, überzeugte sie davon, daß sie von einer iinponiercndcn Schönheit war, von der gediegenen, dauer- haften Schönheit einer harzigen Fichte. Dieses angenehine Bewußtsein beruhigte einigermaßen ihre erregte Stimniung und sie trat mit dem ruhigen Gang einer reichen Braut, die sich ihres Wertes bewußt ist, in das Speisezimmer. Der Vater und Smolin waren schon da. Ljuba blieb niit annmtig gesenkte»» Augen»»nd stolz zusammengepreßten Lippen eine Sekunde lang in der Thür stehen. Smolin erhob sich von seinem Sitz, schritt ihr entgegen und verneigte sich ihr erbictig. Ihr gefiel diese tiefe geschickte Verbeugung, ihr gefiel auch der teure Rock, der auf Smolins biegsamem Körper elegant saß. Smolin hatte sich wenig verändert— er war ebenso rothaarig, glattgeschoreu und voll Soinmersprossen wie ehemals; nur sein Schnurrbart »var lang und dicht geworden, und die Augen erschienen größer. „Wie er sich gemacht hat, was?" rief Majakü» seiner Tochter zu, indem er auf den jungen Mann hinlvies. Smolin drückte ihr die Hand und sprach lächelnd mit klangvollein Baryton: „Ich wage zu hoffen, daß Sie den alten Kameraden nicht vergessen haben." „Gut I Ihr werdet später miteinander sprechen," sagte der Alte und iiiusterte die Tochter.„Ordne alles an, Ljuba, und wir wollen unser Gespräch beendigen. Nun, Afrikan Mitritsch, setze also alles a»lscinander." „Sie entschuldigen ja, Ljubowj Jakoivlewna?" fragte Smolin freundlich. „Bitte, genieren Sie sich nicht," sagte Ljuba. „Er ist höflich und geschickt!" sagte sie zu sich und bc- gann den Worten Smolms aufmerksam zuzuhören, indem sie vom Tisch zum Büffett durch das Zimmer schritt. Er sprach ruhig, sicher und mit einer Einfachheit, in der eine gewisse Herablassung dem Zuhörenden gegenüber zu fühlen war. „Ich habe also im Laufe von ungefähr vier Jahren die Rolle gründlicb beobachtet, die das russische Leder auf dem ausländischen Markt spielt. Das ist eine traurige und neben- sächliche Rolle! Vor etwa dreißig Jahren wurde unser Leder dort für mustergültig angesehen, und jetzt geht die Nachfrage danach ünmer mehr zurück, selbstverständlich Hand in Hai»d mit dem Preis. Und das ist ganz natürlich— bei dem Mangel an Kapital und an Kenntnissen haben all die kleinen Pro- duzenten keine Möglichkeit, die Produktion auf der notwendigen Höhe zu erhalten und sie zugleich wohlfeiler zu machen. Ihre Ware ist»»nglaublich schlecht und teuer. Und sie alle tragen vor Rrißland die Schuld, sein Renommee als des das beste Leder erzeugenden Landes geschädigt zu haben. Ueber- Haupt ist der kleine Produzent, der keine technischen Kel»ntnisse und kein Kapital besitzt und folglich keine Möglichkeit hat, seine Produktion i»n Verhältnis zur Entwicklung der Technik zu verbessern, ein Unglück für das Land und ein Parasit seines Handels." lFortsetzniii, folgt.) Vveizev im DentMen TheÄkcv. Die drei kleinen Einakter Drcyers, die ain Sonnabend im Deutschen Theater zur Aufführung kamen— ein vierter, der den vielversprechenden Titel„Stichwahl" führte»uid»n einem »icckleiivurgifchei» Banerudorf spielt, hatte leider,»vcgcn Plötz- lichcr Erkrankung einer Schauspielerin, noch zurückgestellt werden müsse», iverden die Freunde de» Dichters eutläuscht haben. Nichts mehr von jenem eigenartig feinen Stimmuugszauver, der in dem Schauspiel„Winterschlaf" webt, noch von dem quell- frischen Humor, der so fröhlich in seiner Doktoriu-Koinödie.In Behandlung" sprudelte. Schon der„Probeknndidat", durch den Drehers Nanic dann mit einen» Schlag berühmt»vnrde, zeigte in vielen Partie» ein Nachlaffen der gestaltenden Phantasickrafl. Eine freiheitlicher Sinn hatte auch jene ersten Stücke niit belebender Wärme durchströmt. Hier dokumentierte er sich in einer scharf zugespitzten Tendenz. Das Strebertrim in der Lehrerschaft, die Unterdrückung der ehrlichen, selbstcrivorbcuen Uebcrzengung sollte gebrandmarkt, der Kampf für das freie Wort, auch in den Hörsälen der Schule, gefeiert»verde»». Tie Absicht»var vorzüglich, aber bei dem Vcrfilche, die Figuren und Situationen dieser Absicht an- zupasscn, ging es' nicht ohne mancherlei Zlvangs- und Gewaltnrittel. ohne mancherlei den unmittelbaren Eindruck störende Absickitlichkeite» ab. Jnnuerhin, so»vie die heutige dramatische Produktion beschaffen ist,»var es ein Stück, das sich noch innner mit Ehren sehen lassen durfte. Vom „Sieger", der dann folgte, lägt sich, lvie sympathisch auch hier die sehr aktuelle, gegen das fürstliche Mäceiratcntnm gerichtete Tendenz berührt, das gleiche nicht mehr sagen. Die Gelvaltsamkeiten, das künstlich Konstruierte, die Nonchalance, mit»velcher der Tendenz zu Liebe von den» Natürlichen abgewichen wird,»virken hier bereits um vieles verstimnicnder. Die Unsicherheit hat sichtlich zngenonnnen. Und leider bedeuten die neue» Einakter einen iveitcren Rückschritt. ES ist»vicder Tendenzpoesie, nur das» diesmal in der Vermählung beider Eleineute die Poesie noch mehr lvie früher zu kurz gekommen ist. In»„Putz" und„ V o l k s a u f k l ä r u n g"»vird die Satire geradezu programnunätzig, init einer breite», überdeutlichen Lehr- hastigkeit vorgetragen, die nicht an die„Rote Robe", wohl aber an frühere,»veniger gelungene Werke Brieux' erinnert. Ungleich besser, von den» verfehlten Schlug abgesehen, gefiel»nir das erste Stückchen mit den» allerdings gar zu anspruchsvollen Rainen:„E c c l e s i a t r i u m p h a n S", die triunlphierende Kirche. Die Situation, in die uns Drel»er hier hineinführt, hat Ivette Perspektiven. Ein alter Seemann, dessen Tochter an einen streberhaften Arzt verheiratet ist, hat auf- recht und furchtlos»vie er inimer»var, seinem Leben ein Ende ge- inacht, als das Alter ihm die letzte Kraft zn rauben und ihn zu kindischer Hilflosigkeit zu verdammen drohte. Seine starke Natur konnte den Gedanken einer solchen Herabivürdignng nicht ertrage»». Die Tochter, die an den» Alten mit belvmidernder Liebe hing, ver- steht und ehrt die Gründe auch dieser seiner letzten Handlung, aber ihr kleinlich denkender- Mann ist empört. In seinen Augen ist der Selbst- »nord des Schiviegervaters eine ungeheure Takt- und Rücksichtslosigkeit. Ganz davon abgesehen, daß die Lebensverstcherung zum Teufel geht, »vas»Verden die Leute,»vas Iverden die Honoratioren zu einen derart peinliche» Vorfall sagen? Solche offenbaren Reglements- ividrigkciten färben kompromittierend auf die gauze Familie ab. Und »velche Blamage gar, ivc>»n nun der Leichnam ohne kirchliches Be- gräbnis bestattet werden müßte I Die einzige Möglichkeit, eincin solchen Skandal zu entgehen,»väre, daß die Schädelsektion krankhafte Erscheinungen im Gehirn des Selbstmörders bloßlegte, die mit Be- stinnntheit auf Unzurechnungsfähigkeit schließen lasse»». Geistes- kranke Selbstmörder genießen ja den Vorzug, unter Umstäiidcii dann doch noch geiveihter Erde teilhaftig zu»verde»». Indes, bei aller Sorgfalt, mit der der Doktor Schiviegersohn den Schädel wieder und»vieder untersucht, er hat nichts Anormales finde» können. Da kommt Herr Claassen, Reeder, Senator, Abgeordneter und alt« bewährte Stütze von Thron und Altar in der Hafenstadt, seiner wissenschaftlichen Kurzfichtigkeit zu Hilfe. Herr Claassen als Groß- kapitalist ist, lvie er mit schmatzender Selbstzufriedenheit von sich rühmt, in allen Dingen an große Maßstäbe geivöhnt. So auch in seiner Philosophie der socialen.Znsanimeu» hänge". Ein Selbstmörder unter den alteingesessenen besten Bürgerfamilien der Stadt— das ist vor allen:, nachdem die Socialdemokraten sich hier mit solcher Frechheit rühren, schlimm genug. Gerade skandalös aber iväre es, wenn er ohne kirchliches Bc- gräbnis zur Ruhe käme. Das iväre gegen alle vernünftigen„socialen Znsammenhänge". Nichts scheint Herrn Claasscn, der mit den: Herr» Superintendenten über den Fall bereits konferiert hat, demnach natürlicher, als daß der Doktor den Sektionsbcfund in: Interesse der gute» Sache einzurichten haben wird. Der Alte n: u ß eben verrückt gewesen sein und damit basta! Das und nichts andres hat der Doktor zu bescheinigen I Mit leutseliger Herablassung, so- zusagen als väterlicher Freund, animiert er ihn.' Dann, als der andre nicht gleich parieren will, wird Claasscn un- gemütlich, droht nnt Entziehung seiner hohen Protektion, ja mit höchster Ungnade. Das Resultat ist eine Verständigung zwischen beiden Ehrenmännern. Die Toten sind geduldig, so ivird man also un- gestraft in: Sektionsbefund die Wahrheit etwas korrigieren, aus daß der Alte würdig und mit allen: Anstand in das eivige Leben eingehe. An diese Sccne schließt sich mit wirkungsvoller Steigerung die Ans- einaudersctzung zwischen Mann und Frau. Die Tochter, die den tieseil Wahrheitssinn von dein Gestorbenen geerbt hat, lehnt sich mit flammendem Proteste gegen den feige», schmachvollen Kompromiß des Maimcs auf. Sie wirft ihn: seine Schande ins Gesicht, sie droht in der Erregung, wenn er von seinen: Vor- haben nicht absteht, die Fälschung, durch die er das Angedenk«» des Vaters befleckt, öffentlich auszurufen. Umsonst 1 Und dann— dann thut sie gar nichts, bleibt bei ihrem Manne, der nnt ehenier Stirn seinen Betrug verteidigt, und tröstet sich, daß ihr in ihren: Jungen, der nnt den Schulausgaben herbeigesprnngcn kommt,— wie es in seinem lateinischen Pensum heißt,—„ein Rächer entstehen werde". Dieser abrupte Vcrlegcuheitsschlnß verdirbt mit einem Schlage jede Stimmung. Mai: hat den Eindruck eines plötzlichen Vcrsageus aller dramatische» Erfindungskraft, einer tastenden Unsicherheit. Warum verläßt die Frau, nachdem auch die letzten Bande der Liebe und Achtung in der Ehe zerrissen sind, nicht ihren Mann, warum flüchtet sie sich hinter eine hohle Phrase? Daß die„meisten Frauen" in solchen Fällen vor den: Aeußersten zurückschrecket: werden, das ist doch keine Erklärung. Sie ist ebeir ganz anders als„die meisten" gezeichnet, von ihr muß man den Schritt als innerlich notlvendige Konsequenz erwarten. Vermutlich thut sie ihn nur darum nicht, weil ihre Kollegin Nora ihn gethan hat, und ivcil ihr Schöpfer den Vergleich mit Ibsen fürchtete. Ein kalter littcrarjscher Kalkül, nicht innere Notwendigkeit entscheidet über den Ausgang. Die Aufführung bot Glanzleistungen. Der nervös zerfahrene DoktorRittncrs mit der schneidenden, trockenen Stimme, ebenso tvie der knallig aufgeblasene Claasen Hans Fischers Ivaren unüber- trefflich echt. Vorzüglich ivirktc auch Reinhardt in seiner kleinen Neben- rolle, als Freund des Gestorbenen. Die junge Frau gnb Lotti S a r r o w mit sympathischer Einfachheit, nur vielleicht zu Mädchen- hast in der Erscheinung. Der zweite Einakter„P n ß" ist nicht viel mehr als eine drama- tisiertc Debatte über Kindererziehuug. Reduziert auf einige charak- tcristische Wendlnige» und als kleine Episode dein Rahmen eines größeren Dramas organisch eingefügt, hätte die Satire sehr wohl interessieren können. Als selbständigcs Ganze wirkte sie ärmlich. P»ß ist der Name einer Angorakatze, die, in einen: hochhcrrschafllichen Hanse aufgenommen, die Ilnanständigkeit begeht. Junge zu bekommen. Damit die Kinder durch dieses schlechte Exempel an der Nichtigkeit der Storchfabel nicht irregemacht werden, wird das Untier in die Bodenkammer gesperrt. Das Töchterchcu entdeckt dort die Versteckte gerade in: kritischen Augenblick und kommt nun triumphierend zu der Mama gelaufen, das große Ereignis zu verkünden. Mama hat gelogen, wenn sie sagte, daß auch die Katzen ihre Jungen von den: Storch erhalten I Fürchterliche Entrüstung. Das Kind soll abbitlen. Sein Wahrheitssinn wehrt sich. Dann kommt Vater mit der Rute; und die Abbitte geht nach vollbrachter Exekution unter bittereu: Schluchzen von statten. Die Mutter schließt das artige Mädchen in die Arme, und die vernünftig räsonnierendc Freundin, die der Dichter als Gegenpart eingeführt hat, verläßt, empört über die systematische Erziehung zur Heuchelei, das Haus. Das Spiel Else Lehmanns, welche die selbstgefällige Borniertheit der exemplarischen Hausfrau und Mutter nnt verblüffender Natnrwahrhcit herausbrachte, die gute Tendenz und die Heiterkeit, die daß Schicksal der nnanstän- digen Katze hervorrief, verhalfen der Kleinigkeit zu einen: unerwartet starken demonstrativen Applaus. Auch das dritte Stückchen„V o I k s a n fk l ä ru n g" handelt von der gesellschaftlichen Heuchelei. Hier ist es der menschliche Kindersegen, der Anstoß erregt. Der abgeklapperte Herr Geheimrat, Mitglied eines standesgeinäßenSittlichkeitsvereins, aberauchaus weniger ideellen Gründen allen Extravaganzen persönlich abgeneigt, entrüstet sich beim Morgenkaffee, daß sein Portier soeben bei::: sechsten Kinde angelangt ist, Mit ironischen: Vergnügen hört seine junge Frau, die sich für das, was er ihr nicht niehr bieten kann, bei einem hübschen Assessor ent- schädigt, seine nnt einigem geheimen Neid versetzten Lamentationen an. Diese Familiensceue, besonders in der glänzenden Darstellung durch Herrn Sauer und Fräulein Dumont, setzt mit ganz lustiger Pikanterie ein. Aber bald ist das Pulver verschossen. Statt einer Steigerung nur immer Wiederholungen, die peinlich und peinlicher auf die Nerven fallen I Auch die im Wiederholungsfall Entlassung androhende Strafrede, die der würdige Geheimrat dein verständnislos- lächelnden Portiersmann hält, bringt keine neuen Effekte. Nach den» Gehcimrat— das ist die satirische, allzulang hinaus« geschobene Schlußpointe— thut sich dann die tolerante und erfahrene Geheirnrätiu als Volkserzieher auf. Sie spricht den: Eingeschüchterte» gut zu und sagt, er möge nur seine kleine Frau zu ihr hinaufschicken. sie wolle mit ihr reden, bei ettvas Aufklärung da ließe sich, auch ohne Tugend, in dem von dem Geheimrat angezogenen Punkte viel erreichen. Ohne Augenmaß und ohne Sinn für Theaierproportionen hin« geworfen, wirkten die Seen«: wie eine grobgeklcxte Karikatur. In den Beifall mischte sich energisches Zischen.— Conrad Schmidt. Kleines L'euillekon. k. Von einer Expedition zn den Völkern der Torrcsstraffe erstattet Dr. H a d d e:: in einen: soeben unter den: Titel„Head HnnterS, Black, White and Brown" in London erschienenen Buche Bericht. Er schildert darin besonders die eigenartige Bevölkerung der nahe der Sndküste von Neu-Guinea gelegenen Murray-Jnsel. Die Bewohner derselben sind schwer zur Arbeit heranzuziehen, ihre geringen Bedürfnisse sind leicht befriedigt. Dr. Haddon hat inter- essante Uiltersuchuugen über ihre Fähigkeit, Farben zu unterscheiden, vorgenommen und dabei festgestellt, daß sie blau und grün nicht gut unterscheiden können. Schreibvcrsuche. besonders bei Kindern, ergaben, daß sie mit großer Leichtigkeit in der Spiegel- schrift auszubilden ivaren. Wenn die Kinder aufgefordert wurden, mit der linken Hand zn schreiben, so konnten sie alle leserlich schreiben. Krankheit und Tod wird der Zauberei zugeschrieben. Ist zun» Beispiel jemand krank, so nähern sich seine Freunde den Männern, die zu„Tomog Zogo"(eine Gruppe von Steinen und Muscheln) gehören und bitten sie, ausfindig zu machen, wer das Unglück über ihren Freund gebracht hat. Am nächsten Tage stehen die„Zogo"-Leute vor Sonnenaufgang auf und fragen die „Zogo":„Wer»nachte Soundso krank?" Dann setzen sie sich in eine Reihe und warten. Wenn da eine Eidechse herauskommt, so be» zeichnet diese das Hans, in dem der Mann lebt. Dann sagen sie ihn», er solle seinen Zaubcrstein ins Meer legen, und wenn das Wasser ihn abgekühlt hat, wird der Kranke genesen. Ob der Mann Zauberei getrieben hat oder nicht, er thut immer, was ihn: jje» heißen wird, teils:»:: sich Aerger zn ersparen, teils, weil er sich darüber freut, in den: Ruf zu stehen, diese Art Zauberei zn betreiben. Eine höchst seltsame Prozedur ist aus den Inseln der Torresstrnße das Zahnziehen. Bein: Zahnziehen liegt der Kranke auf der Erde auf den: Rücken mit den: Kops im Schoß des Operateurs. Dieser nimmt in die linke Hand einen Käuguruhknochcn, in die rechte einen Stein und führt den Stein in den Mund. Mit Knochen und Stein lockert er den Zahn. Der Zahn wird dann leicht berührt und bei jedem Schlag der Name eines der „Länder" genannt, zu den: Vater, Mutter oder ein andrer der Ver- wandle:: gehört. Ter Name, der ausgesprochen wird, wenn der Zahn ausbricht/ ist das Land, zu den: der Betreffende in Zukunft gehört. Eigenartig sind die W c r b e s i t t e n. Mit Tänzen suchten besonders in früheren Zeiten die Jünglinge auf die Mädchen Eindruck zu machen. Während der zahlrcicheu langen Tänze beobachteten die Mädchen die lebhaften Bewegungen der springenden Jünglinge, be« wunderten ihre glänzende Haut, ihr krauses Haar und ihre zahllosen bunten Zierrate. Der beste Tänzer war auch der mcistbegehrte Mann. Auf den westlichen Inseln halten die Mädchen um die Männer an. In Mabniag macht das Mädchen ein Kettenarmband und giebt es der Schwester des Mannes, ans den sie ein Auge geworfen hat, oder einer Vertrauten. Bei einer passenden Gelegenheit sagt dann die Vertraute zu den: jungen Manne:„Ich habe etwas für Dich." Er erwidert:„Zeige es»nir." Dann erfährt er de» Namen des Mädchens, und wenn er das Anerbieten annimmt, trägt er das„tiapnruru" und schickt den: Mädchen zwei Fußspangen, worauf sie ihn: bis zur Hochzeit täglich Nahrung schickt. Als Kopfjäger waren die Männer in den Augen der Frauen besonders anziehend. Kein Mädchen sah günstig ans einen jungen Mann, bis er nicht seinen Zoll an Köpfen zählen konnte. Die grausame Gewohnheit war noch vor ganz kurzer Zeit bei den Inselbewohnern sehr in Uebuug. Wenn ein Feind ge« tötet wurde, schlugen die Leute den Kopf mit einen: Bambusmeffer ab und hingen ihn zn Hause über ein Feuer, bis alle Haare ab» gesengt waren. Während dieses Vorgangs versammelten sich alle jungen Mädchen aus dem Dorf und tanzten in einem Kreis in der Nähe und sangen dabei. Dann wurde alles Fleisch von: Kopf ent- fernt, dieser gewaschen und in den Schädel ein geschnitzter Pflock gesteckt, mit den» er an den Pfosten des Hauses gehängt wurde.— Musik. Es ist noch nicht hundert Jahre her, da erhielt das durch an- geblasene Pfeifen wirkende Instrument, die Orgel, ein Seitcnstiick in einen: Instrument, das zwar ebenso wie es die Orgel größtenteils thut, schwingende Zungen tönen läßt, jedoch erstens nur Zungen und keine Aufsätze über ihnen(also keine Pfeifen) hat und zweitens seine Zungen nicht auf ein Widerlager„aufschlagen", sondern vielmehr „frei schwingen",„durchschlagen" läßt. In: Jahre ISIS zuerst ganz so gebaut, 1840 mit mehreren Registern wie bei der Orgel(d. i. mehreren in der Klangfarbe verschiedenen Reihen von Zungen) gebaut, ist es nachgerade ein Hausinstrument geworden, das sogar schon den» Klavier Ko»k»tre»z' iitrtd&t. Sange Zeit vorwiegend in Frankreich gebaut, wurde eS allinählich eine amerikanische Specialitär, Daran war besonders ein Arbeiter einer französischen Fabrik beteiligt, der später nach Amerika auswanderte. Er machte die Erfindung, die Zunge» nicht wie sonst durch ansströmende, sondern durch eingesogene Luft' zum Tönen(„Ansprechen") zu bringen, womit ei» milderer Klang erzielt werde» soll,„Sangluftsystem" gegen„Drucklnftsystem" I Namentlich dieser Fortschritt ist es. der— feit 1860— die„amerikanischen Orgeln" und eine berühmte Harmoniumfabrik in Boston zur Blüte gebracht hat, I» jüngster Zeit gebe» fich Harmoniumfrcuude viel Mühe, ihrem Justimment die Gleichberechtigmig in der künstlerischen Musik zu er- obern, namentlich seine Ersetzung des Klaviers in Kombination mit Streicher»(also in der„Kammermusik") zu demonstrieren. Ein „Verein der H a r m 0 n i» m f r e u n d e" wirkt in Berlin. Aus seinem nenlichen Vortragsabend gewannen wir den Eindruck, daß dieses Instrument thatsächlich mehr leiste» kann, als Choräle be- gleite». Harmonie- und Akustikstudien erleichter».und die Bläser eines Orchesters markieren. Nur muß man es seine eigne, nicht fremde Sprachen spreche» lassen. So war eine Uebertragung von Wagners Tristan-Vorspicl geradezu abstoßend. Jedoch in Original- kompositionen von Franz P 0 e» i tz und Karl K ä»r p f konnte man mit Wohlgefallen dem weiteren Vereich von Klangfarben und selbst vo» Rhythmik, freilich nicht auch von Metrik(Accentgebnng) lauschen, dessen das Harmonium fähig ist. Es ist wie in der bildenden Knnst, zumal im Kunstgewerbe 1 auch dort verlangen»ene Techniken eine eigne Ansdrucksiveise, nicht die Imitation fremder Techniken,—" sz. Physiologisches. en. D i e Unterscheidung des Scheintodes vom wirklichen Tod macht trotz der schier unzähligen Mittel, die dafür angegeben sind, noch immer einige Schwierigkeit»ud so lange nicht ein schnelles und durchaus sicheres Verfahren dafür z» Gebote steht, wird auch die weit verbreitete Furcht vor dem Lebendig- begrabemvcrden nicht aufhöre». Alles mögliche hat man gegen de» Scheintod mobil gemacht, zuletzt auch die Röntgenstrahlen, die in der That ei» sehr wertvolles Erkemunigsmittel sei» solle». Dennoch werden auch sie nicht gerade oft angewandt werde», da immer die Beschaffung eines umständliche» Apparats und auch die Be- streitung erheblicher Kosten dazu notwendig ist. Jetzt endlich scheint ein Verfahren entdeckt zu sein. das alle» An- forderuugeil enlspricht und in Anerkennung dessen auch von der Pariser Akademie der Wissenschaften mit einem Preis ans- gezeichnet worden ist. Sei» Erfinder ist Dr, Jeard ans Marseille; zur Anwendung kommt der bekannte Farbstoff Fluoresci», Die Prüfung beruht auf einer wissenschaftlich begründeten Thalsache. Kein Stoff kann von den Geweben des Körpers anfgeuommeu und weiter verbreitet iverden, wen» nicht der Säftekreislauf i» Thäligkcit ist. Wird ein dazu geeigneter Stoff, der unter die Haut gespritzt ist. sich durch den Körper verbreitet, so besteht eben der Säftckreislauf noch, Man nehme an, der Stoff werde in das Bein geimpft und einige Zeit darauf i» den Gewebe» des Armes nachgeiviefeu, so muß er durch den Blutstrom dorthin geschafft sein; ist aber der Blutstrom rorhanden, so ist auch noch Leben in dem Körper. Eine Lösung von Fluorescin. wie sie Dr. Jeard benutzt, besitzt eine ungeheuer stark färbende Kraft, so daß ei» einziges Gramm 45 000 Liter Wasser z» färben im stände ist; dabei ist es nicht im geringsten giftig. Wird etwas davon unter die Haut eines lebende» Menschen geimpft, so zeigen schon nach 2 Minuten die Haut und besonders die Schleim- ininte eine starke Färbung und der Mensch hat das Aussehen, als ob er an akuter Gelbsucht litte. Die Gewebe des Auges nehmen eine hellgrüne Färbung an. die Pupille verschwindet und das Auge sieht aus, als ob ein prachtvoller Smaragd hilleingesetzt wäre. Die Thräuen, der Speichel und der Urin sind sämtlich gefärbt und ein Blulötropfen erzeugt in einem Glase Wasser eine helle grasgrüne Färbung, In einer Stunde oder zwei sind alle diese Erscheinungen verschwunden, da dann das FluoreScin durch die Niere aus- geschiede» ist.— Slus dem Pflflitzeuleben. — Altersschwäche im Pflanzenreich. Bekannt ist die Thatsache. daß gewisse Pflanze» sich durch Stecklinge vermehren laffe», eine Forlpflanzungsart. welche in gewissem Sinne auch im Tierreiche nicht fehlt; es gicbt genug niedere Tiere, deren Teile, wen» das Ganze durch irgend welche gewaltsame Ereignisse zerspalten, selbständig zu besonderen und neuen Individuen sich auswachseu. Da hat man i» Deutschland eine merk- würdige Erfahrung gemacht. Alle dort wachsenden Pyra- m i d e u p a p P e l u stammen notorisch von einem»länn- lichcn Exemplare ab, das, ans dem Orient transportiert, im Parke zu Wörlitz sich befindet, Stecklinge dieses Baumes wurden überallhin versendet und so sind eigentlich sämtliche Pyramiden- päppeln Deutschlands ein einziger großer Leib, der sich förmlich in viele tausend Teile gespalten hat. Neueste»? wird aber wahrgenommen, daß alle Pyramidenpappel» zu kränkeln anfangen und Merkmale des beginnenden Absterbens zeigen. Dr, Ochfenins vermutet, wohl mit Recht, die Ursache dieser Erscheinung in der Thatsache. daß eben alle deutschen Pyramiden- pappel» ein einziger Organismus sind und' daß sie nun alle, alt geworden, gleichzeitig die Zeichen des herannahenden Todes . Verantwortlicher Redacteur; Carl Lejp m Berlin, erkennen lasse», Prof. Witt konstatierte dieselbe Erscheinung des Verfalls merkwürdigerweise auch bei der beliebtesten aller Rosen- arte», der La France-Rose,„Wem ist es nicht schon auf- gefallen," schreibt er,„daß seit einigen Jahren La France-Rosen nur»och schwer erhältlich sind und überall höher bezahlt werde« müssen, als jede andre Rose? Erkundigt man sich nach der Ursache dieser merkwürdigen Thatsache, so- hört man die klägliche Geschichte von der La France- Krankheit, an welcher weitaus die Mehrzahl aller Stöcke dieser schönen Rose erkranken»ud zu Grunde gehen. I» der Umgebung von Frank- f u r t sollen Handelsgärtner ganz enorme Summen dadurch verloren habe», daß alle ihre La France-Rosen trotz der sorgfältigsten Pflege absterben, und auch im gesamten übrigen Deutschland wird über dieselbe Erscheinung geklagt. Andere dicht neben den La France stehende Rosenpflanzen befinde» sich dagegen vollkommen wohl und schon sind die Rosenzüchter damit beschäftigt, eine Rose zu erziehen, welche bei möglichster Aehnlichkeit mit der alten La France-Rose die Widerstandsfähigkeit gegen die La France- Krankheit ver- bindet. Die Ursache dieser Krankheit in der Bodenbeschaffen- heil oder in irgend welche» Schmarotzer» suchen zu wollen. wäre aber ganz thöricht; richtiger scheint zn sein, die La France- Krankheit gar nicht als Krankheit, sondern als natürliche Altersschwäche dieser Nosenspielart anfznfasse». welche zu den ältesten gehört, die wir haben. Die Thatsache ist jedenfalls genauer Er- ivägnngen und Untersuchungen wert; wen» sie sich bestätigte, würde sie uns vielleicht über eine Reihe wichtiger biologischer Probleme Aufklärung geben, so über daS Problem des Niederganges von Arien und Rassen, das bisher noch völlig dunkel gebliebe» ist.— („Bohemia",) Humoristisches. — Eine sonderbare Geschichte wird dem„Figaro" ans Angers gemeldet; In einer Gemeinde bei Cholet beauftragte der Maire den Feldhüter und eine» Bäcker, das wahnsinnige Genieindemitglied Legrand in das JrrcuhauS St, Gemmes bei Angers zu führen, Untcrivegs bemerkte der Feldhüter, daß Legrand jnst an diesem Tage ganz vernünftig war und es schwer fallen würde, ihn gntwillig zum Eintritt in das Irrenhaus zu bewegen. Man be- schloß, den Irre» daher betrmcken zu»lachen»ud die drei Helden führte» in einer Schenke in Angers eine kleine Orgie auf, Legrand war bald stark berauscht, aber seine beiden Wächter noch mehr, und als das Trio in der Irrenanstalt erschien, konnte der Direktor ans den Rede» der drei Bctrnnksnen nicht klar werden. Er telegra- phierte' daher au den Maire der Gemeinde kurz:„Welcher ist der Verrückte von den Dreien?" Der Maire antwortete„Legrand". Der Tclcgraphist aber übertrug:„De Franä"(der Große), Der Direktor ließ nun die drei Männer messen und ließ den Feldhüter kurzer Hand als den größten von ihnen in die ZivangSjacke stecken. Vergebens schrie dieser:„Ich bin ja gar nicht der Verrückte, ich bin der Feldhüter!" Je mehr er sich aber wehrte, um so überzeugter ivar man vo» seinem Wahnsinn. Der Irrtum winde erst drei Tage später enthüllt, als der tolle Legrand bei der Frau des Feldhüters eintrat und ihr sagte:„Ich wußte nicht, daß Dein Mann wahnsinnig ist, aber ich habe ihn selbst i» die Irrenanstalt geführt." Notizen. — H e r m an» A l l m e r S. der Dichter der Marsch, ist am Sonntag zu Rechleufleth a. d. Unterweser im 82. Lebensjahre g e- st 0 r b e n.— — Eine D e h m e l- M a t i» e e findet am 23. März, mittag«, im Bechstein-Saale statt.— — Das PreisanSschreiben des neugegründeten s ä ch s i- scheu Volks-Theaters für das beste Dialektstück ist res» l ta t- los verlaufen.— — Ernst C l a u s e n S Schauspiel„ II m S H e i m r e ch t" erzielte bei der Erstanfftthrnng in W e i m a r eine» Erfolg.— — M a e t e r l i 11 k s Stück„Der Tod des TintagileS" fand bei einer Anfführnng des Wiener K 11 n st- und Litte- r a t u r- V c r e i>1 S im Joseph st ädter Theater eine g e- teilte Aufnahme,— — Die Vertiefung des S u e z k a n a l S, die im letzten Jahre durchgeführt wurde, ist vollendet, so daß seit Anfang dieses Jahres die passierenden Schiffe einen Tiesgang von 26' 3" habe» können(bisher nur 25' 7"),— — Der schnellste Zug in Deutschland wird vom l, Mai ab der Berlin-Hamburger Abeudzug sei». Dieser Zug wird die 286 Kilometer lange Strecke in 3 Stunden 27 Minuten zurücklege»; seine Geschwindigkeit beträgt 90 Kilometer in der Slimdc,— e. Der höhere Spleen, Die Amerikanerinneu haben sich neuerdings dem K a m p h e r gcnnß hingegeben; sie behaupten, daß der Kampfer einen frischen, zarten, rosigen Teint verleihe. Man be- ginnt mit kleinen Dosen und gewöhnt sich nach und nach so sehr an den Kamphcr, daß man zuletzt nicht mehr ohne ihn leben kann. Das Resultat ist: Schläfrigkeit, Stumpfsinn und körperliche Schwäche. Das Gesicht nimmt einen gleichgültigen, apathische» AnSdrnck an und sieht ans, als wenn es mit einer Larve bedeckt wäre.— Druck und Vertag von Max Bading tu Berk».