Ilnterhaltuttgsblatt des Horwärts Nr. 51. Donnerstag, den 13 März. 1902 (Nackdruck verbolen.i 511 Fimrci Govdjejetn. Ronian von Maxim G o r k i. Deutsch von Klara Brauner Majakin ging mit gebeugtem Rücken und gesenktem Kopf, in dem er schwer mit den Füßen schlurrte. Als die jungen Leute allein waren, wechselten sie ein paar leere Phrasen, und da sie Wohl fühlten, daß das sie einander nur cntsremdetc, schwiegen sie, und es entstand ein schiveres. unbehagliches, abwartendes Schweigen. Ljnba nahm eine Apfelsine und begann sie mit über- triebener Achtsamkeit zu schälen, während Sniolin mit gesenkten Augen seinen Schnurrbart betrachtete, ihn dann sorgfältig mit der linken Hand glättete und eine Weile mit dem Messer spielte; dann fragte er plötzlich das Mädchen mit gesenkter Stimme: „Entschuldigen Sie meine Unbescheidenhcit? Es fällt Ihnen wohl in der That nicht leicht, mit Jhrenr Pater zu leben. Ljubowj Jakowlewna... er hat so vcrgltctc An- sichten und— verzeihen Sie— er ist ein wenig hart- herzig!" Ljuba fuhr zusammen, blickte Smolin mit dankbaren Augen an und sagte ihm: „Es ist nicht leicht, ich habe mich aber daran gewöhnt. Er hat auch seine Vorzüge." „O, das ist unzlveifelhaft! Aber Sic, die Sie so jung, schön, gebildet sind und solche Ansichten haben... ich habe ja manches von Ihnen gehört." Er lächelte so freundlich und mitfühlend, und seine Stimme klang so weich. Durch das Zimmer ging ein Hauch, der die Seele erwärmte. Und im Herzen des Mädchens leuchtete immer heller die schüchterne Hoffnung auf, das Glück zu finden und aus der engen Gefangenschaft der Einsamkeit erlöst zu werden. Zivölftcs Kapitel. Ein dichter, grauer Nebel lag über dem Fluß, und ein Dampfschiff schwamm, dumpf ächzend, langsam gegen die Strömung. Die feuchten, kalten einsarbig-starren Wolken preßten das Dampfschiff von allen Seiten zusammen und der- schlangen alle Töne, die sie in ihrer trüben Nässe auflösten. DaS Briillen der Signale, das sich ans den Pfeifen losriß, klang gedämpft, traurig und seltsam kurz: der Ton schien in der von dichtem Nebel durchtränkten Luft keinen Platz zu finden und sank naß und erstickt herab, lind daS Plätschern der Dampfschiffräder klang so phantastisch dnnips, als»verde es nicht hier, am Bord des Dampfers, erzeugt, sondern irgend- lvo tief unteu, auf dem dunklen Grund des Flusses. Man sah voin Dampfschiff auS weder das Waffer, noch die Ufer, noch den Himmel: es»var von allen Seite» von etlvaS Blei- grauem und Trübem umfaßt, das keinerlei Abtönungen hatte, bekleinmcnd eintönig nnd regungslos war. das Dampfschiff mit seiner unermeßlichen Schwere niederdrückte, seine Bcivegung hemmte nnd es gleichsam in sich sangen»vollte,»vic es die Töne in sich sog. Trotz der diimpfcii Schläge der Schaufeln auf dem Wasser und des gleichmäßigen Zittcrns des Schiffs- körpers schien das Fahrzeug auf einer und derselben Stelle schlver zu ringen, in der Agonie zu ersticken, Ivie ein ver- endendes Märchenungchener zu zischen und in der Todespein vor Schmerz und Angst zu heulen. Die Lichter des Dampffchiffes»varen leblos. Um die Laterne am Mastbaum hatte sich ein gelber, nnbeiveglichcr Fleck gebildet; er stand glanzlos im Nebel über dem Schiff und beleuchtete nichts als das graue Dunkel. Das rote Bordfeuer glich einem riesengroßen Auge, das von irgend einer grausamen Hand herausgedrückt, jetzt blind nnd blut- überströmt»var. Bleiche Lichtstrahlen fielen aus den Schiffs- fenstern in den Nebel und hoben nur dessen kalten, freudlosen Triumph über das von der reglosen Masse der drückenden Feuchtigkeit zusammengepreßte Dampfschiff hervor. Der Rauch aus dem Schornstein sank herab und durch- drang zugleich»nit den Nebelfetzen alle Ritzen des Decks, auf dem die Passagiere der dritten Klasse sich schiveigend in ihre Lumpen hiillteii und sich wie Schafe in einzelne Haufen zn- famnrendrängten. A»S dem Maschinenraum drangen schivere, angestrengte Seufzer, zitterndes Läuten, dumpfe Koinmandonife und abgeriffene Worte des Maschinisten herüber: „Jaivohl— langsainer Gang!... Jalvohl— Mittelgang." Auf dein Hinterteil des Schiffes, in einer mit Salzfisch- fäffern gefüllten Ecke, hatte sich eine Mcnschengruppe ge- lagert, die von eincin elektrischen Lämpchen beleuchtet war. DaS waren gesetzte,»varin und sauber gekleidete Bauern, der eine von ihnen lag mit nach oben gekehrten Rücken auf einer Bank, ein zweiter saß zu seinen Füßen, ein dritter stand da und lehnte sich au ciu Faß, und zwei hatten sich einfach aufs Deck gesetzt. Ihre nachdenklichen, aufmerksamen Ge- sichter»varen eincin untersetzten Mann in einem verblichenen Mcßgeivand und in einer zerrissenen Pelzmütze zu- gctvandt. Dieser Mann saß mit gebeugten» Stücken auf einer Kiste, blickte auf seine Füße und sprach mit leiser, sicherer Stnnine: „Gottes Langmut wird ein Ende nehmen, und sein Zorn »vird sich über die Menschen entladen. Wir alle sind Würmer vor ihm,—»vie können»vir seinen Zorn von uns ab- »venden, mit»velchcn Klagen sollen wir seine Gnade an- rufen?" Von seiner trüben Stimmung gejagt, war Foma aus seiner Kajüte allfs Deck gestiegen und stand schon lange in» Schatten eines mit Segcltlichjjedecktci» Warenhaufens, indem er der erinahncndei», sanften Stimme des Predigenden lauschte. Beim Spazierengehen auf dem Deck war er auf diese Gruppe gestoßen»md blieb stehen, von der Gestalt des Wallfahrers an- gezogen. In diesen» großen, festen Körpermit dem strengen, dunkeln Gesicht und den großen, ruhigen Augen schien ihm etwas be- kannt zu sein. Das krause, halbergraute Haar, das unter dem Käppchen hervorschaute, der ungekämmte, dichte Bart, der sich in dicke Strähnen teilte, die lange, gebogene Nase, die spitzen Ohren und die dicken Lippen— das alles hatte Foma schon einmal gesehen, er konnte sich aber nicht erinnern, wann und >vo das geivesen»var. „Ja— a, wir sind vor dem Herrn tief verschuldet!" sagte einer von den Bauern schiver seufzend. „Man muß bete»»," flüsterte kaum hörbar der Bauer, der auf der Bank lag. „Ka>»n man denn»»»it den Worten des Gebets die sünd- hafte Ruchlosigkeit von der Seele»vegscheuern?" rief jemand seitivärts mit lauter»»nd fast Verziveifelnder Stimme aus. Niemand von denen, die die Gruppe uin den Wallfahrer bildeten,»vandte sich nach dieser Stinime uin, aber die Köpfe aller senkten sich tiefer herab, und diese Menschen saßen lange Zeit unbeweglich und schweigend da. Der Wallfahrer musterte alle Zuhörer»nit einen» ernsten, sinnenden Blick seiner blauen Augen»»»»d sagte leise: „Bei Jefrem Sirin heißt es:„Bilde Deine Seele durch die Beschaulichkeit Deiner Geda>»ken und festige Deinen Wille»», indem Du Dich von der Sünde befreist."" Er senkte»vicder den Kopf und ließ den Rosenkranz lang- sam durch ferne Finger gleiten. „Man muß also nachdenke»»," sagte einer von de»» Bauern. „Und»vann soll der Mensch, der in» Weltgetriebe lebt, nach- denken?" „Man ist von einer Wirrnis uniringt." „Man»nuß in eine Wüstenei fliehen!" sagte der liegende Bauer. „Nicht jeder kau»» daS..." Nach diesen Beinerkungen schwiegen die Bauern wieder. Ein Pfiff ertönte, im Maschinenraum läutete eme Glocke. Bon irgendwo drang der laute Ruf herüber: „Iwan! Zun» Pegel!" „O Gott, o heilige Jungfrau!" ertönte ein schiverer Seufzer. Nnd eine tonlose, halbersticktc Stimme verkündigte: „Neu— ei»»», neu— eun." Die Nebelfetzeu drangen auf das Deck herein und schlvammeu als ein nackter, grauer Rauch darüber hin. „Jetzt hört die Worte des 5löiiigs David an, liebe Leitte!" sagte der Wallfahrer»»nd begann deutlich zu lesen, indem er den Kopf hin und her bewegte: „Herr, leite»»»ich in deiner Gerechtigkeit um meiner Feinde»Villen; richte deinen Weg vor»nir her. Dem» in 2( ihrem Munde ist nichts Gewisses' ihr'Inwendiges ist Herze- leid', ihr Nachen ist ein offenes Grab! mit ihren Zungen heucheln sie. Schuldige sie. Gott, dah sie fallen von ihrem Vornehmen.. „A— acht... Sie— leben.. ,r ertönte es in der Ferne in schweren Seufzern. Das Dampfschiff zischle zornig auf und fuhr weiter. DaS tosende Zischen des DampseS übertönte die Worte des Wallfahrers, und Foma sah nur. wie seine Lippen sich be- ivegten. „Mach, dast Du weiter kommst!" ertönte ein ärgerlicher. lauter Aufschrei.„DaS ist mein Platz I" „Dein Platz „Gewitz ist das mein Platz!" „Ich werde Dir einS herunterhauen, dann wirst Du schon eineir Platz finden. So ein Prinz I" „Fort!" Jetzt begann ein Handgemenge. Die Bauern, die den: Wallfahrer zuhörte», wandten ihre Köpfe dorthin, wo sich die Streitenden befanden, und der Wallfahrer schwieg seufzend. Ilm den Maschinenraum herum flammte, gleich trocknen Aesten, die in ein verlöschende? Feuer geworfen werde», ein lebhaftes, lautes Gespräch mif. „Wartet nur. Ihr Teufel! Fort mit Euch!" „Führt sie zum Kapitän." „Ha— ha— ha! Das ist aber ein kurzer Prozefz l" „Er hat ihn tüchtig aus den Nacken gehauen I" „Die Matrose» find ein geschicktes Volk I" „A— cht... Neun.. rief der Lotse auS. „Jawohl— mehr Dampf 1" ertönte der laute Ausruf des Maschinisten. Foma schmiegte sich, von der Bewegung des Dampfschiffs wankend, an daS Segeltuch und lauschte wachsam allem was um ihn tönte, und das alles verschmolz für ihn in ein ihm bekanntes Bild. tForisetzling folgt.) iNacbvnu! verboten.» In Ivengifknn nov einem Inhetnttsettd. Bald, nachdem ein unaufhaltsamer Siegeslauf die erobernngs- tustigen Junger des Propheten Mohammed vis an die Sliulc» des Herkules geführt hatte, begannen die Berührungen zivijcheii den braunen Söhnen der arabischen Wüste und den deutschen Stämme». die zum Teil auch die Urwälder der nordischen Heimat verlassen hatten nnd südivärls vorgedrmigen ivnre» Zahlreiche Scharen abeiitcuernder Sarazenen setzten unter der Führung jenes Tarnt, dem die Meerenge von Gibraltar ihre» Namen verdankt732). Seitdem hörten die Bc- zichnngen der Franken und dann auch der i»r heutigen Deutsch' iand gebliebene» Stämme mit dem Ralifenreiche»nd seinen Tcil- staaten nicht mehr auf.' Beziehungen teils seiiidlichcr. teils aber auch freundlicher Art. Schon im Jahre 801 erschien eine Gesandi- schasl des. Kalifen von Bagdad Harnn-al-Raschid am Hofe Karls des Grotze» mit Geschenken von dem verbündeten Beherrscher der Gläubigen. Und sv fanden sich im Jahre 973 denn auch bei Otto I., der damals gerade in Merseburg Hof hielt, arabische Gesandte im Austrage des Kalifen von Cordova ein. Ein Mitglied dieser Ge- smidtschaft, Ibrahim» ib»- Jgknb, ein arabischer Jude— auf Deutsch lautet der Name Abraham Jakobsohn—, hat einen fchristlrcheu Bericht über seine Reise- Eindrücke hinterlassen, woraus imS ein arabischer Geograph des II. Jahrhunderts iverlvolle Auszüge erhalten hat. Während seine Mitteilungen Haupt- sächlich von den slavischcn Stämmen handeln, die Böhnien und den östlichen �Teil des heutigen Deutschland belvohnten, beschäftigt flch ein andres Mitglied wahrscheinlich derselben Mission, des Namens Tartuschi, in den daraits erhaltenen Bruchstücken hauplsächlich niit deutschen, westelbischen Verhältnissc». Beide Berichte zusammen er- geben also ein merkwürdiges Bild von dein Deutschland und de» imgrenzenden Slabculänder» oder— nach arabischer Aushrucksweise 2 — Po» dem Frengistan des zehnten Jahrhunderts, wie es höher Civilisierte» erschien; denn das waren die Araber dazumal. Von deutsche» Städte» beschreibt Tartuschi u. a. Soest, Paderborn, Fulda; indes kommt, Ivos er darüber sagt, im großen und ganzen nicht über Allgemeinheiten hinaus, die für Araber jener Tage interessant sein mochten, es aber nicht für uns Deutsche von heute sind. Belehrender ist schon seine Beschreibung von Mainz, als einer „sehr großen Stadt, von der ein' Teil bewohnt und der Rest besät ist. Es liegt im Lande der Franken an einem Fluß, der Rin genannt wird, und ist reich an Weizen, Gerste, Roggen. Weinbäumen nnd Obst. Dort giebt es Dirhcms sGoldstücke) aus der Samarkander Münze vom Jahre 301. und 302(der Hcdschra— 913 und 914 n. Chr.) mit dem Namen deS Münzherrcn und dem Datum der Prägung... Ferner ist es auf- sällig, daß es dort Gewürze giebt. die nur im fernste» Morgenlaude vorkommen, z. B. Pfeffer, Jngiver, Geivürzuelkcu... Sie werdet» ans Indien importiert, wo sie in Menge vorkommen." Die An- sänge des Handels mit dem Orient waren also schon da, obschon andrerseits ein Ort wie Mainz noch so sehr Ackerbanstadt war, daß er weite Getreidefelder in seinen Maiiern einschloß. Von dem heute holländischen Utrecht lveiß Tartuschi zu melden, daß eS i»»»fruchtbarer Moorgegend liegt, weshalb seine Be- völlermig ihren Unterhalt aus der Viehzucht zieht. Der Moor wurde aber schon damals auch anderweitig nutzbar gemacht.„In ihrem Laude giebt es kein Holz zum Heizen, sondern nur eineir Lehm, der die Stelle deS Holzes vertritt. Und zwar gehen sie im Sommer, wenn die Wasser sich verlaufen haben, auf ihre Wiesen nnd ichnciden dort den Lehm mit Beilen in Ziegelform. Ein jeder schneidet sich soviel davon, als er braucht, und breitet ihn au der Souue zmn Trocknen aus. Infolge davon wird er sehr leicht. Bringt man ihn ans Feuer, so entzündet er sich, die Flamme er- faßt ihn. ivie sie das Holz erfaßt, nnd er macht ein großes Feuer mit mächtiger Glut, ivie das Feuer eines Glafcrofciis. Ist ein Stück davon verbrannt, so hinterläßt es keine Kohle, sondern Asche." Man sieht, der Araber hat sich die Gewinnung und Verwendung des Torfes genau angesehen; er ist ein sorgfältiger Beobachter, der also Ver- trauen verdient. Bis zu dem abgelegene» Schleswig„am äußersten Ende deS Weltmeers" ist der ivißbcgierigc Reisende vorgedrungen. Von dieser Stadt, die damals hauptsächlich von Heiden vewohnt war, erzählt er allerdings etwas, ivobei er ganz sicher mit dein langen Messer aufgeschnitten hat Er behaliptet nämlich, die Einwohner würfen ihre neugeborenen Kinder ins Meer, um sich die Ausgaben zu er- sparen! Hier ist natürlich zum mindeste» stark übertrieben. Wahr mag dagegen sein, daß in Schlcsivig vor 1000 Jahren„das Recht der Scheidung bei den Weibern" tvar; er konstatiert dicS für einen Araber äußerst befremdende Faktum nochmals mit andren Worten: „Das Weib scheidet sich selbst, wann sie will." Und zweifellos wahrheitsgemäß, wenn auch durchaus ungeschmeichelt, ist Tartnscbis abfällige Kritik des deutschen Gesanges, wie er ihn in Schlesivig gehört hat:„Nie hörte ich häßlicheren Gesang, als den der Sckiles- tvigcr. er ist ei» Gebrumm, das heransloniint ans ihren Kehlen gleich dein Gebell de, Hunde, nur noch viehischer als dieses." Wer es nicht glaube» will, daß Deutschland vor cineni Jahrtausend in musikalische» Leistungen noch nicht an der Spitze der Civilisatioi» marschierte, der lese mir bei einem deutschen Chronisten ans der Zeit Karls des Große», bei dein Franken Eginhard, was er über den Kirchcngcsang seiner Landsleute sagt. Er vergleicht ihn, nicht ganz so grob freilich wie der Araber, mit dein Kreischen nnd Knarren eines Wagens, der über einen Knüppel- dämm fährt Von allgemein deutschen Zuständen und Sitten beschreibt Tartuschi vor allem jene„Gottesurteile", die man die Fener- und die Wasserprobe nennt.„Wenn jemand unrechtmäßigen Besitzes oder eines Mordes beschuldigt ivird, nimmt man ein Slück Eisen, macht es im Feuer glühend nnd liest darüber etivnS aus der Thora nnd dein Evangeliinn. In der Erde werden zwei aufrecht stehende Hölzer befestigt und man nimmt das Eisen mit einer Zange vom Feuer nnd legt cS aus die Enden der beiden Hölzer. Daun kommt der Beschuldigte, wäscht seine Hände, nimmt das Eisen und gehl init ihm drei Schritt. Dann läßt er es fallen, nnd man umwickelt seine Hände mit einer Binde, versiegelt sie nnd bestellt ihm einen Ausseher einen Tag nnd eine Nacht. Und ivenn an» dritten Tage noch eine Blase gefunden ivird, aus der Wasser kommt, so ist er schuldig, wen» irichl so ist er unschuldig.„Die Unschuldigen" dürften also seltne Vögel geivesen sei». Ebenso probat wie die Feuerprobe ist die Kallwasser- behaiidlmig:„Die Wasserprobc besteht darin, daß die Hände»nd Füße des Beschnldigien gefesselt und an einem Strick befestigt werden. Und der Priester geht niil ihm dorthin, Ivo viel Wasser ist, und wirft ihn hinein, indem er den Strick festhält, und werni er an die Oberfläche kommt, so ist er schuldig; sinkt er aber unter, so ist er unschuldig: sie meinen nämlich, daß das Wasser ihn annimmt." Das Reiseziel der Gesandtschaft tvar Merseburg, nahe der öst- licheu Grenze des Deutschtums. Von dort ans aber machte einer der arabischen Diploniatcn, Ibrahim- ibn- Jakub, Abstecher in die Slavengebiele des Ostens: den einen»ach Prag, den andren nach Mecklenburg. In diesen Gegenden sah es damals anders aus als heute: das tvenige Ackerland verschwand fast in den Urwäldern und Sümpfen; Ivo heute Berlin steht, lag giinstigsten- falls ein erbärmlicher, slavischer Kietz. Die Slavenstämme lebten zunt größeren Teil in Unabhängigkeit von einander. Indes gab es drei bedeutende Potentaten: Boleslab, König von Böhmen. Miesko, König vo» Polen, und in, heutigen Mecklenburg den Herrn der Obotritcn. Nocon. Auf der beschwerliche» Reise nach des letzteren Residenz hatte Ibrahim u. a. eine hölzerne Brücke zu passiere», die eine Meile lang war und jedenfalls über einen der ausgedehnten Sümpfe fiihrte. Daran hatte das Land des Ochsenkopfes damals keinen Mangel:„Heere dringen in das Gebiet Nacons". wie Ibrahim sagt,„nur mit großer Mühe ein, da das ganze Land niedriger Wiesenboden, Sumpf und Morast ist." Schließlich gelangte' der eifrige Streber bis zu Nacons Residenz- bürg, 11 Meile» vom Meere:„Die Burg heißt Wili-Grad. welcher Name bedeutet: große Burg. Wili-Grad ist in einem Landsee erbaut, wie die meisten Burgen der Slaven. Ibrahim hat also die uralte Festung mit Augen gesehen, der Mecklenburg seinen Namen verdankt. Ins Mittelhochdeutsche übersetzt heißt Wili-Grad nämlich Mikilinburg; ihre Trümmer sind noch heute, 1 Meile von Wismar entfernt, zu sehen. Höher civilisiert, als das Land der Obotritcn, war Böhmen, wenigstens insofern, als es in seiner Hauptstadt Prag einen bc- deutenden Handelsplatz besaß. Der Weg nach diesem Kultur- ceutrum führte unsern Gewährsmann freilich durch einen Ilrwald von 40 Meile» Länge.„Ter Weg dahin geht über Berge und durch Wildnisse. Am Ende des Waldes ist ein Snmps von ungefähr zwei Meilen, über den eine Brücke geschlagen ist bis an die Stadt Prag." Hierher kamen bereits Russe» und andre Slaveu mit Waren von Krakau her, Muselmänner, Juden und Türken aus dem byzantinischen Reiche und dem Morgenlande, um ihre Handelsartikel gegen Sklaven, Biberfelle und andres Pelzwerk einzutauschen.«Dieses Land ist von allen Länder» des Nordens das beste und an Nahrungsmitteln reichste. Für einen Pfennig kauft man so viel Weizen, als der Manu für einen Monat nötig hat, und um denselben Preis so viel Gerste, als mau braucht, um ein Pferd einen Monat lang zu füttern. 10 Hühner gelten gemeiniglich eine» Pfennig. In der Stadt Prag macht man die Sättel, Zännie und Schilde, welche in diesen Länder» gebraucht werde». Im Lande Böhmen verfertigt mau dünne, sehr lose ivic Netze gewebte Tüchelchen, die man zu nichts gebrauchen kann, die aber bei ihnen den festen Wert von V10 Pfennig haben, und im Handel und Perkehr verwandt werden. Sie gelten bei ihnen als Geld, und man besitzt davon Kisten voll. Die kostbarsten Sachen sind für diese Tüchlein zu kaufen: Weizen. Sklaven, Gold und Silber." Diese böhmischen Leinlappen sind also den andren be- kannteren Geldwaren anzureihen, die vor den Edelmetallen iin Gebrauch gewesen sind. Wie Tartuschi über Deutschland, so nracht Jbrah!ni-ibn-Jak»b in Bezug ans die Slavenländer auch Angabe» über allgemein verbreitete Verhältnisse, Zustände und Sitten. So erzählt er, es gebe bei ihnen „zwei Krankheiten, von denen fast niemand frcibleibt. Rose und Hämorrhoiden. Sie vermeiden das Esten von jungen Hühnern, da dieses nach ihrer Meinung ihnen schädlich ist und die Rose befördert. Aber sie genießen Rindfleisch und Gänsefleisch und das bekommt ihnen gut. Sic tragen weite Kleider, aber die Aennel sind unten eng... Ihr Wein und starkes Getränk wird aus Honig bereitet." In Bezug auf die Pflege der Reinlichkeit traf Ibrahim bei den Slaven des 10. Jahrhunderts bereits dieselben Gebräuche, die noch heute beim russischen Muschik allgemein herrschen.„Bäder haben die Slaven nicht, aber sie inachen ein Geniach von Holz, dessen Ritzen sie zustopfen mit etwas, das arif ihren Bäumen wächst und ivie Wassermoos aussieht, und das sie moch nennen. Sie gebrauchen es auch zu ihren Schiffen statt Pech. In einem Winkel dieses Gemachs bauen sie einen Feuerherd von Steinen und lassen darüber eine Oeffuung, um de» Ranch hinansznlassc». Wenn nun der Herd erhitzt ist. so verstopfen sie das Luftloch und verschließen die Thür. In den» Gemach sind Gefäße mit Wasser, woraus sie nun Wasser auf den glühenden Herd gießen,. so daß der Dampf aussteigt. Jeder hat ein Bündel Heu in der Hand, womit er die Lust bewegt und an seinen Leib treibt. Dann öffnen sich die Poren und das Ucbcrflüssige vom Körper kommt heraus und läuft in Strömen von ihnen ab, so daß an keinem von ihnen mehr eine Spur von Ausschlag oder Geschivulst bleibt. Einen solche» Verschlag nenileu sie itba." Besonderes Interesse hatte für de» Araber die Stellung des weiblichen Geschlechts bei den Slaven, die denn i» der That so vcr- schieden ivar vo» den Zustände» in seiner Heimat, daß er wohl staunen konnte. Zivar den Gebrauch, daß dem verstorbenen Gatten die Witwe im Tode folgte, kannte er schon von Indien her. Bei den Slaven bestand übrigens ihn, zufolge kein Zwang dabei.„Die Frauen der Verstorbenen machen sich Mcsscrschnitte in die Hände und ins Gesicht, und wemi eine beweisen will, daß sie ihn lieb gehabt hat. so hängt sie einen Strick auf, steigt a»f eine» Stuhl, legt den Strick um ihren Hals und stößt den Strihl tveg. So bleibt sie zuckend hänge», bis sie tot ist. und wird dann mit ihrem Ehegemahl begraben." Wie mochte dein an die Haremssklaverci geivöhnten Araber aber zu Mute sein, als er folgende Bcobachlnng machte?„Die Frauen sind keusch nach der Hochzeil. Wenn aber ein Mädchen einen Mann liebgewinnt, geht sie zu ihm und befriedigt ihr Verlangen. Wenn ein Mann ein' Mädchen zur Ehe nimmt und findet, daß sie noch Jungfer ist. so sagt er:„Wenn etivas Gutes an Dir wäre, so Ivürdcn sie Lust nach Dir gehabt haben, und Du hättest Dir wohl einen Liebhader ausgesucht." Und er schickt sie weg und will nichts mehr von ihr wisjen." Wie seinem Kollegen Tartuschi, so ist auch Ibrahim eine bessere Räuberpistole mit untergelaufen. Er weiß nämlich von einem Aniazoncnvolke zu berichten.„Von den Nüssen gegen Abend liegt die Stadt der Frauen. Diese besitzen Becker und Sklaven. Vo» ihren Sklaven tverden sie schwanger, und wenn eine von ihnen einen Knaben gebiert, tötet sie ihn. Sie reiten zu Pferde, führen selbst Krieg und sind voll Mut und Tapferkeit." Das ist natürlich ein Märchen. Man muß Ibrahim aber zu gute halten, daß er sich auf einen gewichtige» Gewährsmann berufen kann; er fügt nämlich hinzu:„Und der Bericht über diese Stadt ist wahr, Otto, der römische König, hat es mir selbst erzählt." Im übrigen stehen die Angaben sowohl Jbrahnn-ibn-Jaknbs, als Tartuschis in Bezug aus Zuverlässigkeit, Wahrheitsliebe und Beobachtungsgabe himmelhoch über de» Berichten abendländischer Schriftsteller des Mittelalters vom mohammedanischen Orient. Ein noch sehr gelindes Beispiel von letzteren genügt, um zu zeigen, was für Märchen selbst tüchtige Chronisten ihren Lesern über das Morgenland auftischten. In der Zeit der Krcuzzüge noch giebt Bischof Otto von Freisiug, ein Vetter des Kaisers Friedrich Barbarossa und einer der besten mittelalterlichen Geschichtsschreiber, als Anfang des Korans folgende» famosen Satz an:„Anfang dcS Evangeliums Mahomets, des Sohnes Gottes, des aller- höchste» Propheten: wascht Euch und seid reinlich." Ein solches ZieinIichkeitScvangelium Iväre für u»sre Vorfahren damals anscheinend recht heilsam gewesen; den» der iveise Bischof fährt als- bald im Text fort:„Diese Vorschrift beobachtet vorbenannteS Volk dminncriveise und pflegt sich die geheimeren Körperteile täglich ab- znwaschen." Der prächtige Schnitzer des gelehrten Frcisingcr giebt beim Vergleich mit den Berichte» Ibrahims und Tartuschis einen nicht unerheblichen Anhallspnnkt zur Beantwortung der Frage. Ivo im Mittelalter die höhere Civilisation sich befand, ob bei den christ- lichcn Abendländer», oder bei den mohammedanischen Arabern?— -y. Kleines Feuillekon« k. Wie Antiquitäten gemacht werden, darüber teilt ein englischer Sammler in einer Londoner Revue einige Beobachtungen mit. Die Mittel und Kniffe, die manche Händler zur Hand haben, sind oft so sinnreich und geschickt, daß sogar Sachverständige zeit- weise getäuscht werden können, während der Durchschnittskäufer fast immer der Gefahr ausgesetzt ist, hineinzufallen. Es handelt sich bc- sonders um antike Möbel, die heutzutage so begehrt sind, daß die Nachfrage bei weitem das Angebot übertrifft. Ganz gewiß wird es an Angebot niemals mangeln, so lange nur die Nachfrage besteht. Da aber thntsächlich sehr wenige alte Möbel jetzt noch auf- zutreiben sind, muß der Händler entweder gute Kunden weg- gehen lassen oder die antiken Möbel fabrizieren, eine Kunst, in der mancher Vorzügliches leistet. Da kauft zum Beispiel einer für einige Mark eine alte Bettstelle auf dem Lande und macht daraus einen antiken Schrank, der jeden, mit Ausnahme deS Kenners, täuscht und für den er einen Käufer für 000 oder 800 M. findet. Mit Schwefelsäure und Schcllackpolitnr macht er den Gegenstand schwarz wie Ebenholz und eine Schrolflinte durchlöchert ihn künst- lerisch und realistisch mit Wurmlöchern,«o kann eine alte Kommode oder ein aller Schrank in ein kostbares Möbelstück verwandelt werden, das ein gut erhaltenes Exemplar ans dem 16. oder 17. Jahrhundert zu sei» scheint. Durch einen kleinen Kunstgriff wird auch ein einziges echtes Möbelstück in eine Anzahl Möbel ver- wandelt, von denen jedes mehrmals den Preis des Originals ein- bringt. Eine beliebte Art. diese Möbelsälschungen zu verkaufen, ist, sie in entlegene Häuser auf dem Lande zn� schicken, wo der vorher eingepaukte Besitzer dem ahnnugslosen Sammler erklärt, sie wären„seit Jahrhunderten in seiner Faniilie gewesen". Der Sammler hat keinen Grund, daran zu zweifeln: er vermehrt seine Sammlung um einige falsche Schätze und begliickwmischt sich noch zu dem selten schöne» Kauf. Gelegentlich entdeckt der Händler auch ein ganzes Schatzhaus wirklich alter Möbel in einem entlegenen Winkel der Welt. In der Regel kennt der Besitzer den wirklichen Wert nicht und hält seine Sachen für Trödelkrani. Wenn daher der Händler sich erbietet. sein Haus gegen den„Plunder, für den er nun einmal eine Vorliebe hat", nach dem neuesten Stil zu möblieren, willigt der Landmann meistens ei» und denkt, daß er einmal wieder einen Städter überlistet hat. Er weiß nicht. daß alle seine neuen Möbel nicht den zwanzigsten Teil des„Plunders" wert sind, dessen er sich so gern entledigt hat. Auch der Käufer alten Silbers kann leicht getäuscht werden. Es ist ein ganz gewöhnliches Verfahren, das Zeichen aus einem kleinen Stück echten alten Silbers, z. B. ans einem Löffel auszuschneiden und es geschickt in ein großes Stück moderne» Metalls einzufügen, dessen Wert dadurch ungeheuer vermehrt wird. Dieser Betrug täuscht leicht, und nur ein Sach- verständiger entdeckt die Täuschung sogleich, wenn er de» Farbenunterschied zwischen dem dunklen alten Silber und der Weiße des modernen Metalls beachtet oder die Kleinheit des Zeichens gegenüber der Größe des Gegenstandes. Diese llebcrtragung der Zeichen von altem anf neues Silber ist die gewöhnlichste Falle für den llnbcdachtsamen, und die Käufer sollten dagegen ans ihrer Hut sein. Auch alte Waffen sind gegen die Künste der Fälscher n?cht gcfcU,«nd sehr dicke voklstündiqe Msiun�en, die, wie stolz de- tont wird,„von einem meiner Vorfahren dei Ottenbonrnc oder Azincourt getragen wurden', gab es vor zwölf Jahren noch nicht. Diese alten Rnstnngen nud Waffen werden sogar en gros in Fabriken auf den, Kontinent hergestellt. Ein Vermögen wird auch bei alten Tapisserien verdient, die verblichen, zerlnnipt und geflickt find und vor sechs Jahrhunderten von schönen Schlostfrauen gc- arbeitet zn sein scheinen.— Theater. Schall und Rauch. Einaktcrabend.— Schall und Rauch oder das„Kleine Theater", ivie sich die Bühne jetzt nennt. hatte am Montag seinen ersten litterarischen Abend. Alle lieber- brettlspnrcn ivarcn ausgelöscht, sogar Serenissimus zeigte sich nicht »»ehr in seiner Hofloge. Die Direktion hatte die größten Anstren- gunge» gemacht: Eniannel Reicher, Rosa Bertens und Gertrud Eysoldt waren als Gäste gewonnen, und auch für eine ausreichende Besetzung der Nebenrollen war Sorge getragen. Der erste Teil brachte zwei ältere, aber in Deutschland noch unbekannte Einakter des grimmen WeiberhasserZ S tri» db er g, gcist- reich und originell in der Idee, aber doch ohne recht überzeugende Kraft in der Aufführung. Auch die treffliche Darstellung von Reicher und Rosa B e r t e n s vermochte darüber nicht hinweg zn täuschen. Die kleine Komödie„D a s B a n d" erinnert au Strindb'crgs „Vater". Ein kaltherziges, borniertes, tückisches Weib vernichtet das Lcbensglück eines ihr geistig überlegenen, aberweichherzigen Gatten. Die Scene spielt im Gerichtsbof, den das Paar, hin eine gesetzliche Trennung zn erwirken, aufsticht. Mit leisen eindringlichen Worten erinnert der Baron seine Frau an die Abmachungen, ans die sie sich geeinigt haben: Der Schmutz ihrer Ehe soll nicht vor den Richter gezerrt werden, dafür mag sie das Kind das erste Jahr hindurch bei sich behalten. Nochmals bekräftigt die Baronin ihr Verspreche», aber ,so bald der Richter erscheint und die Verhandlung mit ein paar verfänglichen Fragen eröffnet, ist altes vergessen. Ihr blindfanatischer, rachsüchtiger Haß flammt bei der ersten Reizung wieder auf und entladet sich in den wahnsinnigsten Beschuldigungen. Der Mann wird mitgerissen, er will sich verteidigen, aber die Ver- teidigung wird zur Anklage, und Stoß mit, Stoß zerfleischen sich die beiden in wildem Wüten. Zug um Zug entrollt sich das schmachvolle Bild ihrer Ehe. In starker dramatischer Steigerung bauen sich diese ersten Sceneu auf. Aber dann stockt die Kraft. Das lange Gespräch der beiden Feinde, die der Gerichtshof, sich zur Beratung zurückziebend, allein läßt, enttäuscht. Gerade hier, Ivo man die tiefsten Ausschlüsse über ihr Wesen und Schicksal erwartet, — welchen Reichtum intimster Beziehungen hätte nicht Ibsen in einer solchen Scene entwickelt,— werden die Farben blaß und schemenhaft. Zumal das Bild des Barons bleibt ganz im Unbestimmte». Auch der Ausgang— ans Grund der schlimmen Enthüllungen trifft ein. ivas der Baron erivartet hatte: der urteilslose Gerichts- hos entzieht beiden Eltern das ErziehnngSrecht an ihrem Kinde. und zerstört so das Letzte, was ihrem Leben noch Inhalt gab— kann das erlahmende Interesse nicht mehr beleben. Das zweite Stückchen„Die Stärkere" ist ein einziger Monolog, den eine verheiratete Schauspielerin vor einer im- verheirateten, mit hartnäckiger Bosheit schweigenden Kollegin hält. Am Weihnachtsabend in einem einsamen Nestaurationszimmer trifft sie die frühere Freundin. Mit überströmenden Freudebezcugnngen, immer emsig schwatzend von ihren Mann, den Kinderchen und den Geschenken, die sie eingekauft, nimmt sie an ihrer Seite Platz. Ganz allmählich erst fällt ihr das Schweigen der Kollegin ans. Warum erwidert sie nichts? Warum stimmt sie in das Loblied, das sie über die Standhafligkeit ihres Mannes begann, nicht ein? Nun steigt bei den eisigen, feindlichen Blickender andern ein Verdacht in ihrans: Ihr Mann betrügt siOmt der Freundin! Aber sie kann nicht still sein, in wild sich überstürzender Jdeenflncht, durch das Schweige» der andern mehr und mehr gereizt, redet sie weiter. Ein Verdachtsgrund nach deni andren wird hergezählt und im Handumdrehen ist daraus Gewißheit geworden. Aber triumphieren soll darum die andre nicht. S i e ist im Besitz, f i c hat den Mann und s i e wird ihn behalten! Sie hat Kinder und ein Heim»nd sie braucht sich nicht ivie jene einsam»nd verlassen am Weihnachtsabend sich herum- znstoßrn, sie ist die—„Stärkere". Mit höhnischem Gruße eilt sie fort. Eine bessere Darstellerin dieser Rolle als Rosa Bert cns hätte man nicht deuten können. Mit prächtiger Kunst brachte sie das Hysterische der Person, das plötzliche Umschlagen in de» Empfindungen und die sich steigernde Erregung zum Ausdruck. Indessen, um recht glaubhaft zu wirken, ist dieses geistreiche Experiment einer rein monologischen Charakteristik doch von dein Dichter allzu weit ansgespoiinen. Die besten Trümpfe sind in der ersten Hälfte, nachher läßt die lebendige Fühlung nach. Den Abschluß des Abends bildete„ Li e b e S tr änm e", eine ältere, durch mancherlei feine Züge erfreuende Komödie Drehers und F r a u M i IN i ein„Satirspiel" von G n st a v Wied. Das alte Thema von der jungen verliebten Frau, die ihren Mann den ganzen Tag für sich allein haben und immer wieder küssen will, wird hier bcizentend weniger harmlos als man es sonst gewohnt ist, abgehandelt— lustiger aber auch ernster. MimiS armer Man» mag sich hüten. Glänzend war G e r t r n d E y s o l d t in der Rolle des verivöhnten, putzige» Schineicheltätzchens, Da blitzte alles von Temperament.—— dt. Aus dem Pflanzeuleben. t. Der R i c s c n- Ä a l t u s im Aussterben. Eine Nach- richt, die bei allen Gelehrten und Liebhaber» der Pflanzenkmide eine gewiffe Aufregnng Hervornifen wird, ist in der letzten Ausgabe der „Science" wiedergegeben. Der von Engelinann in Kalifornien entdeckte Nicscii-KakML befindet sich angeblich im Aussterben. Dieser Kaktus ist eine der merkwürdigsten Pflanzenforme» der Erde. Er wächst in der Form einer dicken Säule bis zn 10 Meter Höhe anftvärts, von dem Hauptichaft zweigen sich kleinere, stets auswärts strebende Säulen ab. Einige Exemplare sollen sogar eine Höhe bis zn 18 Meter erreichen. Das Wachstnin ist ein sehr schnelles, die Lebensdauer des Gewächses entgegc» der gelvöhulichen Meinung nur kurz. Während andre Pflanzen der Feuchtigkeit als cincs unentbehrlichen Rahrnngs- mittels bedürfen, hat sich der Riescnkaktus dem dürren Wüstenklima so vollkommcu angepaßt, daß für ibn die Feuchtigkeit geradezu gc- sährlich tvird. Sobald das ihm als Boden dienende Erdreich dauernd mit Wasser versorgt wirb, gerät er in Verfall und stirbt schließlich ab. Es sind min in den letzten Fahren durchgreifende Pläne zur Veivässcrnng weiter Landstriche in Kalifornien zur AiiZführnng ge- kommen und innerhalb dieser Ländercicn ist der Riesenkaktus, der sich übrigens durch zahlreiche schöne bis zn 20 Ceutimetcr lange Blüten auszeichnet, thatsächlich znin Verschwinden gebracht worden. Dennoch ist es nicht recht denkbar, daß eine wirkliche Ausrottung der Wnnderpflrnize mnnittelbar bevorsteht, da noch immer viele und ausgedehnte Wüstenstrecken vorhanden sein muffen, wo die Be- Wässerung nicht mir bisher nnversilcht, sondern wahrscheinlich Über- Haupt«»möglich ist.— Bergbau. — Unterseeische P c t r o l e n ni b o h r u n g c n. Die „Technische Rimdschan" schreibt: Da? so migehener reiche Kalifornien bietet sogar noch dort, wo seine Küste schon unter das Meer ver- snnkeir ist. dem Menschen reiche Ausdeute und zwar in Gestalt von Erdöl. Die mitcrseeischcn Petroleninfelder dortsclbst— man kennt solche übrigens auch-am Kaspisce, wo sie aber noch nicht bearbeitet werden— haben eine merkwürdige Industrie hervorgerufen, und in der Nähe von Sivmnerlaiid befinden sich etwa hundert Bohrtürme(Derricks) im Betrieb. Man schlägt zunächst einen Landungssteg vom Ufer bis zn der Stelle, an der man bohren will, und bringt dann in einer Tiefe von 5— 7 Meter de» „Condiictor", d. b. ein ctiva 20 Eentinietcr weites Mantelrohr nieder, welches bkS zur Spitze des zu errichtenden Dcrricks ans dem Wastcr ragt. Die Bohrung vollzieht sich ivie gewöhnlich, man setzt mit ihrem Fortschreiten immer engere Rohre ein und dnrchsinlt nach ein- ander Seesand. Thon, Sand, Konglomerat, bis man auf den öl- führenden Sand und den Oelschiefer kommt. In diesen Meeren ist der grfürchtete Bohrwurm sehr hänsig. indcffen geht er nicht an das Holzwerk der Bohrtürme und Laudnugsbrücken, iveil eS immer mit Petroleum iiuprägniert ist.— Hnmoristischcs. — II n t c r der Würde.„So krank war mitte Mieze— nun hat sie uns der liebe Gott wieder gesund gemacht." „Pfui. Elisabeth, um Katzen kümmert sich der liebe Gott nicht. Die werden von selber wieder gesund."— — K ü n st l e r e h e. Er:„Wenn ich den HundSstiefcl nicht find', inüsscii wir einfach zn Hanse bleiben."— („SimpIicissiinuS.") Notizen. c. Der Generalbericht der Pariser Wclt-Ans- stell» n g ninfaßt 40 000 Oktavsciten in 00 Bänden. DaS Werk wird Ende 1002 erscheinen.— — M a x Drehers neuestes Werk, der historische Schwank „DaS Thal des Lebens", das in nächster Spielzeit iin Deutschen Theater in Scene gehen sollte, ist von der C e n s u r verboten worden.— — Die nächste S o u d c r v o r st e l l u n g dcS Berliner Theaters wird eine» llr-Hamlet bringen. Man plant eine Aufsühruiig in der Art, wie das Stück vor dem eigentlichen Bekannt- werden der Shakespeareschen Dichlnug durch reifende englische Schau- spielet in Deutschland dargestellt wurde.— — Im O P e r n h a n i e ist die Erstanssühnnig der neuen Oper „Der Wald" von C. M. S in yth aus Mittwoch, den 19. März, angesetzt.— — StaidaS Operette„Prinz OrlofSky". Text von Leon Treptow leine Fortsetzung der Handlnng aus der„Fledcr- niaiis"s, geht am 10. Marz am Theater der C c n t r a l h a l l e in Hamb u r g erstmalig in �ccne.— — Im Konkurs der Gesellschaft..Lebende Lieder" entfallen auf 0423 M. Aktiva 117 000 M. Forderungen.— — Ein M a in in n t- O b c r k i c f e r mit alle» Zähnen ist in den B r i tz c r Kiesgruben ausgegraben worden.— — In E n g l a n d ist gegenwärtig der alte Sl b c r g l a n b e d e S»S pi e g e l i ch a n e n s" wieder modern, natürlich unter den reichen Weibern, die sonst nichts zu lhun haben.— Beraiiiwortlichcr Nrtaacur; Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von Ntax Badiug in Berlin.