Anterhaltungsblatt des Vorwärts N?. 58. Sonntag, den 23. März. 1902 cNachdruck verbotene 68] FontÄ Govdjejenr. Roman von Maxim G o r k i. Deutsch von Klara Brauner „Geh fort!" schrie Jeschow hysterisch und schmiegte sich unter Fomas Andrang mit dem Rücken an die Wand. Er stand verwirrt, niedergeschlagen und erbost da und wehrte Fomas nach ihm ausgestreckte Arme ab. Jetzt öffnete sich die Zimmerthür, und auf der Schwelle erschien eine ganz schwarz gekleidete Frau. Ihr Gesicht drückte Zorn und Entrüstung aus, und die eine Wange war mit einem Tuche verbunden. Sie warf, den Kopf zurück, wies mit der Hand auf Jeschow und begann zischend und pfeifend: „Nikolai Matwejitsch! Verzeihen Sie... das ist aber unniöglich! So ein tierisches Heulen und Brüllen! Jeden Tag sind Gäste da... Die Polizei komnit her... Nein, ich kann das nicht länger ertragen! Ich habe Nerven... Haben Sie die Güte, morgen die Wohnung zu räumen. Sie leben nicht in einer Wüste/.. um Sie herum sind Menschen... Und Sie wollen ein gebildeter Mann sein! Ein Dichter Alle Menschen brauchen ihre Ruhe... Ich habe Zahnweh... Ich bitte Sie also, gleich morgen auszuziehen... Ich werde einen Zettel ankleben und es der Polizei melden." Sie sprach schnell, und ein großer Teil ihrer Worte der schwand im Zischen und Pfeifen; man hörte nur jene Worte deutlich, die sie mit ihrer quietschenden, gereizten Stimme herausschrie. Die Enden ihres Tuches standen wie kleine Hörncr auf ihrem Köpfe und zitterten bei den Bewegungen ihrer Kiefern. Foma begann beim Anblick ihrer erregten und komischen Gestalt allmählich zum Diwan zurück zu weichen, während Jeschow dastand, sich die Stirne rieb, sie angestrengt anblickte und ihren Worten folgte. „Daß Sie's also wissen!" schrie sie auf und wiederholte hinter der Thür:„Gleich morgen! Das ist unerhört!" „Der Teufel hol's!" flüsterte Jeschow und blickte stumpf auf die Thür. „Ja— a! Die ist aber streng," sagte Foma, indem er ihn «staunt anblickte, und setzte sich auf den Diwan. Jeschow zuckte die Achseln, trat an den Tisch, schenkte ein TheeglaS bis zur Hälfte Mit Schnaps voll, trank es aus und setzte sich mit tief gesenkten! 5kopf an den Tisch. Eine Minute lang schwiegen beide. Dann sagte Foma schüchtern und leise: „Wie ist das alles gekommen? Wir haben nicht einmal Zeit gehabt, mit dem Auge zu blinzeln, und auf einmal ein solches Donnerwetter, was?" „Du." sagte Jeschow halblaut, indem er den Kopf zurück- warf und Foma erbost und wild anblickte,„schweige I Daß Dich der Teufel hol' I Leg Dich hin und schlafe I Du Un- geheuer... Du Alpdrücken... o!" Und er drohte Foma mit der Faust. Dann schenkte er sich noch einmal Schnaps ein und trank ihn aus... Nach ein paar Minuten lag Foma ausgekleidet auf dem Diwan und beobachtete mit halbgeschlossenen Augen Jeschow, der in einer verrenkten Stellung unbeweglich am Tisch saß. Er blickte auf den Fußboden, und seine Lippen bc- wegten sich leise. Foma war erstaunt. Er begriff nicht, weshalb Jeschow ihm zürnte. Doch nicht deswegen, Iveil man ihm die Wohnung gekündigt hatte? Er hatte ja selbst geschrien... „O, zum Teufel!" flüsterte Jeschow und knirschte mit den Zähnen. Foma hob vorsichtig den Kopf vom Kissen. Jeschow seufzte tief und laut auf und streckte die Hand wieder nach der Flasche aus. Jetzt sagte Foma leise: „Wollen wir lieber in irgend ein Hotel gehen? Es ist noch nicht spät." Jeschow blickte ihn an und lachte seltsam, indem er sich den Köpf mit den Händen rieb. Daun erhob er sich vom Sessel und sagte kurz: „Zieh Dich an!" Und als er sah, wie langsam und unbeholfen Foma sich auf dem Dilvan bewegte, schrie er ungeduldig und zornig auf: „Nun mach, daß Du bald fertig wirst!... Du Verkörperung der Dummheit... Du symbolischer Mastbaum, Du I" „Schimpfe nicht!" sagte Foma friedfertig lächelnd.„Lohnt es sich denn, deswegen zornig zu sein, weil ein Frauen- zimmer Dich angeschnattert hat?" Jeschow blickte ihn an, spuckte aus und begann laut zu lachen. Dreizehntes Kapitel. „Sind alle hier?" fragte Jlja Jefimowitsch Kononow, der auf dem Vorderteil seines neuen Dampfschiffs stand und die Scbar der Gäste mit strahlenden Augen musterte.„Mir scheint, es sind alle da!" Er hob sein dickes, rotes, glückliches Gesicht in die Höhe und rief dem Kapitän zu, der schon beim Sprachrohr auf der Schiffsbrücke stand: „Abfahren, Pjetrucha!" „Jawohl!" Der Stapitän entblößte seinen riesengroßen, kahlen Kopf, bekreuzte sich, schaute nach dem Himmel, fuhr mit der Hand durch den breiten, schwarzen Bart, räusperte sich und kom- mandierte: „Zurück!" Die Gäste beobachteten aufmerksam und schweigend alle Bewegungen des Kapitäns und bekreuzten sich auch, seinem Beispiel folgend, wobei ihre Hüte und Cylinder wie ein Zug schivarzer Vögel durch die Luft huschten. „Gott spende uns seinen Segen!" rief Kononow ge- rührt aus. „Mit dem Bug ausweichen! Vorwärts I" kommandierte der Kapitän. Der reckenhafte„Jlja Muromez" blies mit einem mächtigen Seufzer eine dichte weiße Dampfivolke nach der Landungs- brücke hin und schwamm stolz wie ein Schwan gegen die Strömung. „Wie er losgerückt ist!" sagte entzückt der Kommerzienrat Lup Grigorjewitsch Rcsuikow, ein großer, magerer und an- ständig aussehender Mensch.„Ohne zu zittern I Wie eine Dame zum Tanz geht!" „Mittelgaug!" „Das ist kein Schiff, sondern ein Leviathan," sprach der pockennarbige, untersetzte Trofim Subow, der Kirchenrat und erster Wucherer der Stadt, indem er fromm aufseufzte. Es war ein grauer Tag; der dicht mit Herbstwolken be, deckte Himmel spiegelte sich im Flußwasscr wieder und verlieh ihm eine kalte, bleierne Färbung. Durch die Frische seiner Farben glänzend, schwamm das Schiff als ein ungeheurer, greller Fleck über den einfarbigen Hintergrund des Flusses, und der schwarze Rauch seines Atems stand als eine schwere Wolke in der Luft. Ganz Ivciß, mit rosa Radkasten und grellroten Rädern, zerschnitt es mit dem Bug leicht das kalte Wasser und trieb es den Ufern zu, während die Scheiben in den runden Fenstern am Bord und am Roof hell leuchteten, als lächelten sie selbstzufrieden und triumphierend. „Meine sehr geehrten Herrschaften!" verkündete Kononow mit gezogenem Hut und verneigte sich tief vor den Gästen. Da wir jetzt sozusagen Gott geboten haben, was Gott ge- bührt, gestatten Sie, daß die Musikanten dein Kaiser bieten, was deni Kaiser gebührt!" Und ohne die Antwort der Gäste abzuwarten, preßte er die Faust an den Mund und schrie: „Musikanten, spielt:„Sei geehrt!" Das Militärorchester, das sich hinter der Maschine befand, donnerte einen Marsch. Und Makar Bobrow, der Direktor und Gründer der städtischen Kommerzbank, begann mit angenehmer Baßstimme mitzusingen, indem er auf seinem ungeheuren Bauch mit den Fingern den Takt schlug: „Sei geehrt, sei geehrt, unser Nnssen-Zar I Tra-ta-ta I Bum!" Bitte, zu Tische, meine Herrschaften! Bitte schön! Ich will Sie damit bewirten; was Gott mir gegeben hat... ha, ha I Bitte höflichst..." lud Kononow ein, indem er sich in der engen Gruppe der Gäste herumdrängte. ES Ivaren ihrer dreißig, lauter solide Menschen, die Blüte der städtischen Kaufmannschaft. Diejenigen unter ihnen, die älter waren und Glatzen und graue Haare hatten, trugen altmodische Röcke, Mützen und hohe Stiefel. Es waren aber nur wenige: die Cylinder, Stiefeletten und modernen Gehröcke herrschten vor. Sie alle drängten sich auf dem Bug des Dampfschiffs und begaben sich langsam, den Bitten Kononows Folge leistend, nach dem rückwärtigen Teil, der mit Segeltuch überdeckt war und auf dem die Tische mit dem Imbiß standen. Lüff Resnikow ging mit Jakolv Majakin Ann in Arne und flüsterte ihm etivas zu, indem er sich gegen sein Ohr neigte. Majakin hörte zu und lächelte sein. Fonia, den der Pate nach langem Zureden zu der Festlichkeit mitgebracht hatte, fand" unter allen diesen ihm unangenehmen Leuten keinen Kameraden und hielt sich nnt bleichem, düsterem Gesicht einsam und zurück- gezogen. In den letzten zwei Tagen hatte er in Jcschows Gesellschaft stark getrunken, und jetzt brumntte ihm der Kopf. Er fühlte sich in dieser soliden, lustigen Gesellschaft un- behaglich. Das Sunimcv der Stimmen, das Donnern der Musik und der Lärm des Dampfschiffes—-das alles reizte ihn. Er fühlte das dringende Bedürfnis, etwas zu trinken, und unablässig verfolgte ihn der Gedanke, warum der Pate mit ihnr heute so srerindlich war und warum er ihn in die Vcrsanimlung der angesehensten Kariflcute der Stadt mit- genommen hatte. Warum hatte er ibm so inständig zugeredet und ihn sogar darum gebeten, zu der Einweihung und dem Festessen zu Kononow zu kommen? „Mache keine Dummheiten, komm nur I" hatte ibm der Pate zugeredet.„Warum bist Du so nienschenschen? Ter Mensch hat seinen Charakter von Natur aus, und Deinem Geld nach kannst Tu Dich nur nnt wenigen nicht messen. Man muß sich mit allen auf gleicher Hohe halten. Konim!" „Wann werden Sie mit mir ernsthaft sprechen, Vater?" fragte Fonia und verfolgte das Mienenspiel und den Blick von Jakow Tarassowitschs grünen Augen. „Ueber Deine Befreiung von den Geschäften? Haha! Wir werden schon darüber sprechen, niein Freund! Du bist ein seltsamer Kauz... Also wie ist's? Willst Du Dein Geld von Dir werfen und ins Kloster gehen? Nach dem Bei- spiel der Heiligen?... was?" „Ich werde es mir schon überlegen," antwortete Foma. „So... Also vorläufig, bevor Du ins Kloster gehst, wollen wir hinfahren I Mache Dich schnell fertig. Reibe Dir die Visage mit etwas Nassem ab, denn sie ist bei Dir sehr geschwollen. Und bespritze Dich mit Eau de Cologne— bitte Ljuba darum—, daß Tu nicht so nach der Schenke riechst. Also los I" Fonm kam während des Gebets aufs Danipfschiff, blieb abseits stehen und beobachtete die Kaufleute während des ganzen Gottesdienstes. Sie standen in andächtigem Schweigen da; ihre Gesichter hatten einen frommen, in sich gekehrten Ausdruck; sie beteten eifrig, seufzte» dabei schwer, verneigten sich tief und erhoben die Augen gerührt zum Himmel. Foma schaute bald den einen, bald den andern an und dachte an das. was er von ihnen wußte. Da stand Lup Resnikow; er hatte seine Lausbahn als Besitzer eines Freudenhauses begonnen und war auf ein- mal reich geworden. Man erzählte, er hätte einen von seinen Gästen, einen reichen Sibirier, erdrosselt... Subow hatte sich in seiner Jugend mit dem Einkauf des von den Bauern gesponnenen Garns beschäftigt. Er hatte zweimal bankrottiert. Kononow hatte vor etwa zwanzig Jahren wegen Brandlegung mit deni Gericht zu thun, und jetzt wurde gegen ihn die Vor- Untersuchung wegen Notzüchtigung einer Minderjährigen ein- geleitet. Zugleich mit ihm wurde schon zum zweitenmal auf Grund derselben Anklage Sachar Kirilowitsch Robustow vom Gericht belangt; er war ein kleiner dicker Kaufmann mit einem runden Gesicht und lustigen blauen Augen. Unter diesen Menschen gab es fast keinen, von dem Foma nicht irgend etivas Gemeines wußte. Und er wußte, daß sie alle sicherlich auf die Erfolge Kononows neidisch lvarcn, der jahraus jahrein die Zahl seiner Dampfschiffe vergrößerte. Viele von ihnen waren miteinander verfeindet, im Gcschäftskampf kannte niemand von ihnen Schonung für die andern, und sie alle wußten schlechte, ehr- lose Handlungen voneinander. Doch jetzt hatten sie sich um den triumphierenden, glücklichen Kononow versammelt, waren zu einer dichten, dunkeln Masse verschmolzen, standen schweigend da, atmeten wie ein Mensch und lvaren von etwas Festem, wenn auch Unsichtbarem uniringt, das Foma von ihnen ab- stieß und in ihm Furcht vor ihnen erregte. „Sie sind Betrüger," dachte er, indem er sich zu ermutigen suchte. Sie hüstelten leise, seufzten, bekreuzten sich, verneigten sich, nniringte» die Geistlichkeit wie eine starke Mauer und standen unbeweglich und fest da, wie große, schwarze Steine. „Sie heucheln!" rief- Foma innerlich aus. Der neben ihm stehende bucklige und krumme Pawlin Guschtschin. der noch vor kurzem die Kinder seines halb Wahn- sinnigen Bruders an den Bettelstab gebracht hatte, flüsterte inbrünstig, indem er mit seinem einzigen Auge in den trüben Himmel schaute: „O Herr! Durchschaue mich nicht in Deiner Strenge, und strafe mich nicht in Deinem Zorn..." Und Foma fühlte, daß dieser Mensch Gott mit einem unerschütterlichen, tiefen Glauben an seine Barmherzigkeit anrief. „Herr unser Vater, der du Noah, deinem Sklaven, an- befohlen hast, eine Arche zur Rettung der Welt zu bauen", sprach der Geistliche nnt tiefer Baßstimme, indem er die Augen zum Himmel emporhob und die Arme ausbreitete, „beschirme auch dieses Schiff, gieb ihm einen gütigen Schutz- enge!... und beschütze diejenigen, die darauf schwimmen wollen!" Die Kaufmannschaft bekreuzte sich einmütig, wobei die Hände nnt vollenr Schwünge die Brust berührten, und alle Gesichter drückten dasselbe Gefühl, den Glauben an die Macht des Gebetes ans. Alle diese Bilder prägten sich Fonias Gedächtnis ein und erregten in ihm das Gefühl der Verblüfftheit diesen Menschen gegenüber, die an Gott so fest glauben konnten und zugleich sich gegen die Menschen so grausam verhielten. Er beobachtete sie beharrlich und wollte sie bei ihrer Heuchelei ertappen und sich von ihrer Verlogenheit überzeugen. Ihn erboste ihre solide Standhastigkeit, dieses einmütige Selbstbewußtsein, ihre lauten Stimmen und ihr Lachen. Sie setzten sich schon an die mit Speisen bedeckten Tische und bc- wunderten lüstern den nngehenreri, fast eine Saschenj langen Stör, der mit Laub und großen Krebsen malerisch geschmückt war. Trofim Subow band sich die Serviette um, blickte mit glücklichen, selig zugekniffenen Augen den Riesenfisch an und sagte zu seinem Nachbar, dem Mühlenbcsitzer Jona Jüschkow: „Jona Nikiforoivitsch, sieh mal den Walfisch an! Er könnte für Deine Person vollkommen als Futteral dienen, was? Haha! Tu wirst wie der Fuß in einen Stiefel hineinpassen, haha!" Der kleine, nrnde Jona streckte seine kurze Hand vor- sichtig nach dem silbernen Kübel mit frischem Kaviar aus, schmatzte gierig mit den Lippe» und schielte nach den vor ihnr stehenden Flaschen hinüber, die er umzuwerfen fürchtete. Kononow gegenüber stand auf einem Gestell ein Halb- eimersaß mit altem Branntwein, den er ans Polen verschrieben harte. I» einer riesengroßen, in Silber eingefaßten Muschel lagen Austern, und über allen Schüsseln erhob sich eine bunte Pastete, die die Form eines Turmes hatte. „Meine Herrschaften, ich bitte! Jeder soll nach seinem Wunsche zugreifen!" schrie Kononow.„Bei nur ist alles da ... nach dem Wunsche von jedermann... Unser Eignes, das Russische und das Fremde, das Ausländische... es ist alles beisammen. So ist's am besten. Was wünschen die Herren? Wer wünscht diese Schnecken und Muscheltiere? Sie sollen aus Indien gekonimen sei»..." Und Subow sagte zu scinenr Nachbar Majakin: „Das Gebet Zur Einweihung des Schiffes paßt nicht ans einen Schleppdampfer, der auf dem Fluß fährt, das heißt, es paßt schon, genügt aber nicht. Der Flußdampfcr ist der be- ständige Wohnort der Mannschaft und müßte mit einem Haus verglichen Iverden. Man muß also außer deni Gebet„Zur Einweihung des Schiffes" noch das Gebet„Zur Einweihung des Hauses" beten... Was willst Du denn trinken?" „Ich bin kein Freund von Wein, schenke mir einen Kümmel ein," antwortete Jakow Tarasfowitfch. Fonia saß am Ende des Tisches zwischen ihm unbekannten, bescheidenen und schüchternen Menschen und fiihlte unablässig die scharfen Blicke des Alten auf sich. „Er fürchtet, daß ich einen Skandal mache," dachte Foma. jForlsctzimg folgt.) Sonntttgsplaudevei. Bisweilen begrübt«»an doch freudig das Wunder der Wunder, dag man lebt, immer noch lebt. Im gewöhnlichen und gewerbsmäßigen Getriebe der Tage findet man die Zeil nicht zu solchem verweilende» Verwundern: Es fällt einen« nicht ein, daß man lebt, nnd man findet an dem Gewaltige» gar nichts Auffälliges: Man lebt eben, bafta! Dann konunen feierlich- erfüllte Stunden, an denen all das lastende Gehänge des Tages ins Wesenlose zerrinnt und e i n Gefühl nur strömt: Wie feltsmn— ich lebe! Ueberlegt Euch nur. Leser, wie ganz unbegreiflich es ist, daß ich, der Joe, bis heute, d. h. bis zu diese«» Frühlingsanfang des Jahres 1902, von« Geschick aufgespart Ivorden bin,»in Euch mit meinen Janne» und Narrheiten den Sonntag zn verstören. Ich bin an keiner Kinderkrankheit gestorben, ich habe niemals versehentlich kon- zentrierte Schwefelsäure statt Bitterwasser geschluckt, ich bin nicht ins Wasser gestürzt, kein Ziegel ist mir zerschmetternd auf den Schädel Uefallen, ich bin an keiner Gräte erstickt, nicht bei einem Eisenbahn- zusammenstoß nnigekoininen, nnch hat kein Mörder nächtens auf einsamer Chaussee überfallen, ich habe niemals geerbt und brauchte deshalb nickt vor Freude mir einen Schlaganfall zuzuziehen, ich bin niemals die scktvindelndcn Abhänge deSKrenzbergs tödlich hinabgerntscht, kein Straßenbahnwagen, lein Lastfuhrivcrl hat niich gerädert, der Blitz mich nicht auf freiem Felde getroffen, das Plötzciisccr Grund- Wasser hat mich trotz langen Knrgebranchs nicht zn töten vermocht, ich bin nicht verhungert, nicht verziveifelnd im Alkohol z» Grunde gegangen, ja, ich bin endlich»tcht einmal am gebrochenen Herzen stracks verschieden, oblvohl es des öfter«! bedenklich klirrte. Dieser ganzen miNionenfältigen Accnmulation von Lebensgefahren, die das Leben bedeuten, bin ich bis zum heutigen Tage entgangen nnd in frommem Jubel preise ich das unverständlich gütige Geschick, das«nick bis zur Stunde durchgeschmuggelt und dnrchgclistet hat. Denn die Drossel bereitet«vieder auf die Nachtigall vor. Die Kroknsblütcn strecken ihr lichtes Gefieder zur Sonne, und die Weiden treiben ihr wcickcn Kätzchen. Natur spinnt Geheimnisse, lockende, bolde Geheimnisse. Irgend woher aus den Paradiesen des Weltalls quillt eine»ene Lnft, die nicht nur, wie nnsr« irdische Atmosphäre ein Gemenge ans Sauerstoff, Stickstoff und etlichen andren Zusätzen ist, sondern die irgend ein»inbckanntes Element enthalten muß, irgend eine träumende Lebenskraft, die innre Seelen nnscrstehe» läßt, daß wir über uiisre Schwachmnt hinauswachsen den ganzen stürmischen Stolz des Lebens berauscht in seiner Tiefe empfinden nnd de» wichiiglhncrischen Plunder unsrer Werkeltage abstreifen. Prometheus wird in uns wach, nnd cö ist kein Zufall. daß die Menschen vom revoliitionären Schöpferdrang gerade dann ergriffe» werden, Ivan» der Frühlmgsstiinn die Wolken jagt. Unsere Sinne werden schauend für die Größe des Lebens, das die lln- venunift der Menschen so elend verhunzt und vcrstüiinnell hat. Die Erbsünde der Mensche», das feige, enge Phitisterlnni, verkriecht sich vor der wilden Jagd der Frühlingsgcistcr. und die alte Barbarei kracht im nnaiishallsamen Eisgang. Das Ewige treibt und atmet um uns, nnd alle Herrlichkeit des Lebens tanzt. Lasset uns jauchze»«, daß wir sind, lastet uns das Glück des Daseins hinausschreten-- uatüilich, so weit es die Polizei erlaubt. Demi die Polizei darf die Maßlosigkeiten der FrnhliiigSphan- tasien nicht dnldeii; wie Überhaupt dir Phantasie in polizeilich nnan- gemeldeter Gestalt durchaus anstößig ist nnd höchstens in der gc- inilderteu Form zulässig ist. in der sie die Textilindustrie bemitzt, wenn sie sinnig von wollenen Phantasie-Arlikeln spricht. Es scheint mir. als ob dieser Allsdruck vorzüglich die Rolle charakterisiert, die der Phantasie in der bürgerlich crwcrbSthätigen Gesellschaft vergönnt ist: es sind alles nur wollene Phaniasie-Ariikcl. Die hiiiimelfliegenden AuSschlveisungen des Geistes aber gehören ins Narrenhaus oder ous die Polizeiwache. Von RcchlS«vcgcn! Denn die Phantasie, die das goldene Zeitalter aus Erden erträumt, ist revolutionär und unter- gräbt die Grnudlagcn nnd die vcrsassnngsmäßig paragrapbierten wollenen Phanlasic-Artikcl der Gesellschaft. ES ist aber Sache der Polizei, den ruhige», warm und iolid gekleideten Staatsbürger gegen die Exzesse der Phantasie zu schützen... Am letzten Dienstag gedachte ick die Gefühle dcS Frühlings- stnrmcs zu genießen, der einst die Besten mahle, damit aus ihrem Blut verjüngte Zeit erblühe. Wie ich aber so recht mich versenken wollte, da merkte die Polizei meine böse stnalsgcfährkiche Absicht und wies mich durch energische Maßnahmen den Pfad des Sittlichen Es ist doch gut, daß man den Friedhof der Märzgefallenen nicht durch ein steinernes Portal«ingezlväiigt hat. So ruht er frei im Sckoße Berlins, ganz schütz- und piiniilos, epheubeipoune», nur ge- schirmt von der tiefen Stiiinniuig, die dieses Stück Erde nitd diese grauen verwitterten Steine onsslrömen. Ein Bölkerfchickfnl schlummert hier, harrend der Zukunft. Woz» ancli eine gemauerte Wehr! Schntzlentc bilden gern, gleißend in fteckenloseii Pickelhauben, einen lebendigen Stahldrahtzann. Hier darf man Freiheil nicht einmal träumen. Schutzleute, nichts als Schutzleute! Und, siehe da, als wir just in den Äreisgang einbiegen wollten, auf dem man zwischen de» Malen wandelt, da gewahrte der Oberste der Schntzlentc, ein irischer, schlanker Lieuleuanl, inisre» Kranz, er las mit lächelnder Miene den Spruch auf dem roten Bande, und als er die Lektüre beendigt hatte, faßte er die linke Schleife zierlich zwischen den Fingern und er riß, ohne Schere und fvnstigc Apparate, mit einer Gewaiidtheit, als ob er jrüher Conunis t in einem Seidenwaren-Geschäst gewesen wäre, die goldenen Verse glatt ab. Den also verstümmeltei» Kranz legten wir dann nieder. Langsam gingen wir zwischen den Gräbern; als ivir aber ein zweites Mal den Rundgang beginnen wollten, da trat wiederum ein Main« des Pickelhauben-Gesetzes heran und gebot uns barsch, den Ausgang zu gewinnen: Kein Sterblicher soll an diesen» Tage, zweimal den Friedhof umkreisen I Allzu bedrohlich wär's für den Staat, wenn das geschähe! Es ist ausreichend der Toten gedacht, wenn man fünf Minuten bei ihnen verweilt. Der Schutzmann wacht. Seine Herrschaft ist fester denn je. Die ganze Eiitwicklung der zweiten Hälfte des vorigen Jahrh»uiderts spiegelt sich in dieser polizeilichen Ueberivachuug der Märzgefallenen, die es nicht duldet, daß wir unsre Toten feiern, wie uns das Herz drängt. Der Schntzmaini darf inffre heiligsten Gefühle jäh zerreißen, er darf nnsren innigsten Menschendienst stören, die Polizei gestattet sich, selbst die Weihe von Totenspendcn zu vernichten, die auch die finstersten Zeiten als unverletzlich dem Kampf der feindlichen Ge« walten entzogen. Man stelle sich vor, daß jemand, der im alte» Wilhelm den Standrechtler von 1849 und den Kaiser des SocialisteugesetzcS haßt, von seinen! Sarkophag den am Todestag niedergelegten Kranz nähme nnd die Widmung zerfetzte. Wie würden die Zeitimgen entsetzt anfbrüllen, wie«vürden alle Staatserhaltendcn nach Rache lechzen,«nie würden sie über die Verrohung der roten Rotte zetern, die selbst vor der Majestät deS Todes in ihrem blinden Haß nicht znrückbebt I Hier aber gilt es mehr als bloß einen verstorbenen Monarchen. Märtyrer siud's, die wir ehren wollten, und deren Ehrung Ihr verletzt habt. Und Märtyrerblut ist das Erhabenste, was die Mensch- heit besitzt. Wie fremd ist Euch doch das Christentuin geblieben I Die Gestalt eines Märtyrers ragt in der Mille des ChristeuglanbcnS, eines Menschen, der als Hochverräter ans Kreuz geheftet worden. Ueberau gräbt Ihr die Zeichen seines Todes in die Erde, überall blickt Ihr betend z» dem Bild des zermarterten Körpers empor, Ihr kränzt seine Wunden mir Blumen und schmückt das Kreuz mit glitzernden Gaben Eurer Andacht. Hier aber zerstört Ihr die Zeichen nnsrer Liebe nnd Ehrfurcht, die wir zu de» Gräbenr von Märtyrern trugen, am Tage, da sie starben, nm die Welt von der Knechtschaft zn erlösen. O. Herr Polizcilicutenaiit, ick tvünsche Dir nichts BöieS, weil Du unsre Feier verdarbst. Aber eines hoffe ich: daß Du einen Buben hast, einen vierzehnjährigen, lind der Bube soll in Deiner Rocktasche das arme rote Band mit den goldenen Versen erstöbern, nnd Dich überfallen mit der glühenden Botschaft: Vater, ich habe heute einen wunderschöne» Spruch gelesen. Du, Herr Polizeilieutcnant, wirst ihn dann bitten, seine Vers» herzusagen. Und strahlenden AugeS wird der Bnrsch feurig spreche»: Sie ist nicht tot. ihr könnt sie nicht erschlagen, Sie lackt ob eurem Wüten, eurem Drohn, Ob ihr sie hundertmal zu Grab getragen, Unsterblich lebt die Nevolnlion.— Joe. Kleines Feuilleton. ee. Der Frühling..Wir waren in der Wuhlheide," erzählte Ida..Wir find schon am Mittag Hinansgefahre» nach Carlshvrst und dann um die Rennbahn herumgebummelt, eS war aber wirklich herrlich!" .Ja, der Frühling in» Walde ist wunderschön," fügte die kleine blonde Trnde hinzu. Sie waren beide eben von» Ausflug zurück- gekommen und auf dem Heimwege bei der Tante eingekehrt, nur so auf Rippvisile zum Gntenlagsagrii; sie blieben aber doch noch länger. Es waren auch noch andre Bekannte da, ein paar Damen und ei» junger Mann. .ES war wirklich schön," wiederholte Ida.„Ich habe nie gedacht, daß die Wnhlheide so prachtvoll ist." .Wuhlhcide... wie das klingt!" kicherte eine junge Frau.„Ist das überhaupt ein Name, wo liegt denn die?" .Draußen im Osten." erklärte der Herr,„ganz unmögliche Gegend, daß Sic da hineingehen, mein gnädiges Fräulein!" .Ja, ich weiß auch nicht, Kinder!" Die Tante schüttelte miß- billigend den Kopf:.Konuict Ihr denn nicht nach Halensee gehen? Da trifft man doch gutes Publikum." .Wir wallen ja gar kein Pliblilum," sagte Trnde..Wir wollten bloß den Wald im Frühling, und der ist wirklich wundervoll!" Sie «var förmlich begeistert. „Schwärmerin!" lächelte der Herr. „Wir haben doch noch gar keinen Frühling", stimmte die junge Frau ihm bei:„Frühling, das ist erst der Mai. wenn Blätter wachsen." „Ob«vir Frühling haben—" Ida war beinah entrüstet:„Der Mai ist herrlich, aber dieses erste Erwacheii, das ist bald noch schöner. Wir waren in einem Erlenbrrich, das war ja entzückend." „Ich kann mir gar nicht vorstelle», was dabei entzückend sein soll." verwunderte sich eine andre Dame.„Frau Peter hat recht, es giebt dock noch gar keine Blätter, die Natur ist tot." „Ach min!" Trnde nnd Ida sprachen säst gleichzeitig:„Wo schon «alle Ziveige voller Knospen hängen," sagte Ida,„und dieses Schwellen, dieser Saft am Holz und dann die Felder mit de» junge» Saaten. Das soll tot sein?" „Na ja, es giebt ja Menschen, die finden es schon himmlisch, wen» sie eine» frisch gepflügten Acker sehen." Die junge Frau zuckte die Achseln. �Das ist auch himmlisch." beharrte Trude..Gepflügte Becker und junge Saaten und darüber fort ein Lerchengesang. Man möchte innner mitjnbelu." „Sie sind beide auf dem Lande grotz geworden, Fran Peter," sagte die Tante zu der flmgcn Frau. Es ltang, als wollte sie die Nichten entschuldige». „Danil allerdings," meinte der Herr, der die Entschuldigung zu verstehen schien. „Ich denk' mir, ein Städter müßte das noch niehr fühlen," meinte Ida etwas eigcufinuig. „Ich fühle es jedenfalls nicht," sagte Frau Peter.„Der Frühling... na ja, hübsch ist er! Aber die Blätter müssen erst raus sein, damit mau ivas sieht. Und dann wird nia» immer so nüide, und die Müdigkeit niacht auch traurig. Der Frühling vcr- stimmt mich immer." „Ja, besonders der Vorfrühling." Die andre Dame stimmte ihr zu:„Man iveiß da gar nicht mehr recht, ivas anfangen. Für de» Wald ist es doch noch zu kalt und feucht, und, wenn man ins Theater geht, ist es noch hell, das macht die ganze Zeit so ungemütlich!". „Und niemals weiß man. ivas nran anziehe» soll," fiel Frau Peter ein, heute hagelt und schneit es. und man ist froh, daß mau seinen Pelz hat und denkt nicht an Frühjahrskostiime, und niorgcu ist schön Wetter und man hat nichts, worin man ausgehen kann, das kann mir den erste» Frühling auch verleiden." «Nichts Halbes und nichts Ganzes," warf der jimge Mann ein. „Nein allerdings, es ist alles noch ein Werden." Trndes Stimme klang etwas spöttisch. „Und weil» man sich ein Frühjahrskleid gekauft hat und denkt, man kann in den Biergartcu gehen, regnet es ganz bestimmt." Frau Peter unterdrückte ein Gähnen. „Aber wenigstens hört nun das Heizen auf" meinte die Tante. „Ja, Gott sei dank, das hört aufl Ich lasse schon seit acht Tagen jeden Tag zwei Preßkohlen iveniger auflegen, das find pro Tag gespart zwei Pfennige." Die andre Dame iah sich triumphierend um.„Zwei Pfennige pro Tag macht im Mouar sechzig Pfennige, dafür kami man schon zweimal mehr in die Konditorei gehen." Die ganze Gesellschaft lachte. „Bloß, daß nian nicht zum Konditor komnit, sagt« die Tante, „was mau am Heizeu spart, geht für das Gemüse drauf, das ist in der Uebergangszeit so furchtbar teuer." „Man kann ja Konserven lochen," sagte Frau Peter,„dann kommt es auf eins raus." „Nein, Konserven schmecken nicht. Die in Wasser gehen noch an, aber die getrockneten find wie Stroh. Denken Sie etwa, mein Mann ißt Konserven? Das muß alles frisch sein." Die Tante seufzte. „Mein Mann ist gerade so," klagte die andre Dame. Darum sage ich ja auch, der'Vorfrühling ist gräßlich. Gerade wo mau sich Hut und Mantel und ivomöglich noch einen Sonnenschirm kaufen soll, wird das Gemüse so teuer." „Es giebt ja aber bald frisches." tröstete die Tante,„lassen Sie es nur erst richtig warm iverdeu, dann kostet der Spinat: drei Pfund einen Groschen; es muß sehr bald Spinat geben." „Es giebt ja sogar schon frische Veilchen," nickte Trade ernsthast. „Ja, die giebt es," stimmte Frau Peter bei.„ich glaube auch, wenn es weiter so warm bleibt, brauchen wir bald gar nicht mehr zu heizen." „Ich glaube, wir brauchen es schon Ostern nicht mehr." nieinte die andre Dame,„es wäre großartig, was wir dann sparen; man könnte es gleich in Eiern anlegen." „Oder hätte einen kleinen Zuschuß zum Osterkuchen," nickte die Tante und patschte Trade gegen die Backe:„Ach ja, das Kind hat schon recht, es ist doch gut, daß es Frühling wird!"— c. Das Land der Lilien. Die Bewohner der Bermudas- Inseln sind stolz auf ihre Lilieiifelder; denn nirgends sonst in der Welt sieht man die Lilien in so strahlender Pracht wie dort. Die schöne» Felder in Frankreich und auf den Scilly-Jnseln können sich in Größe und Schönheit mit den berühmten Lilienfeldcrn der Tropen nicht vergleichen. Auch in einigen Teilen Japans wird die Lilie in großem Maßstab« angebaut, und in Südknlifornien kann man jeden Frühling große Felder mit Callalilicn sehen, aber am weitesten ist diese Industrie auf den Bcrnindas-Jnscln entwickelt. Wegen ihres schönen Klimas sind die Inseln, wie in„Harmsworthö Magazine" erzählt wird, ein beliebter Rintrranfentbalt für die Bewohiier der Vereinigten Staaten und Kanadas, und sie werde» von ihnen„das Land der Lilien und Rosen" genannt. Letztere wachsen jedoch nicht in so reichem Maße auf den Bermudas- Inseln; die Farmer bemühen sich in erster Linie um die Lilienzucht. Viele schiffe» jedes Jahr Taufende von Ziviebeln und Blülen ein. die hauptsächlich nach New Dork gehen. Einer der Hanptlilienzüchter der Insel ist Mr. Onterbridge, dessen 30 Acres große? Feld im Frühling eine einzige Masse schöner blühender Osierlilien ist. Das Feld erstreckt sich bis zu einem bewaldeten Abhang, von dessen dunklem Hinter- grund sich die vielen tausend hohen, weißen, anmutigen Blüten wirkungsvoll abheben. Die Zwiebeln werden im Herbst gepflanzt, Lerannvorllichcr Redacreur! Gart Lei» m Äcrlm. und im März darauf werden die lieblichen weiße» Blüten sorgfältig abgepflückt, in kleine weiße Kisten gepackt und nach New Aork und Kaiiada eingeschifft. Man sollte meinen, daß die Blumen zu teuer für den New Docker Marst wären, da die Fracht hinzukommt und Hannlton, die Hauptstadt der Bermudas-Jnseln, 700 englische Meilen von New Dort entfernt liegt. Aber die Züchter bauen die Pflanzen in solchen Mengen und so billig an, daß sie sie zu geringen Preise» exportieren können. Die Bewohner der Bermudas-Inseln sollen jährlich von den Lilien einen Erlrag von 400 000 M. haben.— Technisches. — Feuersicheres und konserviertes Holz. M. Hein r i ch schreibt in der„Umschau": Wenn auch das Holz in letzterer Zeit besonders im Bauwesen durch das Eisen verdrängt wird, so besitzt es doch eine Reihe von Eigenschaften, die es im- ersetzbar machen: vor allein ist es leicht und rostet nicht. Gelänge es gar. seine nnangeuehmsteu Eigenichofte», seine Fenergefährlichkeit und Fäulnisfähigkeit beiseite zu schaffen, so könnte es sich viele Gc- biete wieder erobern, die es verloren hat. Der Verfahren zur Herstellung von„unverbrennlichem" Holz ist Legion. Unverbrcnnliches Holz aber giebt es nicht; der Ztveck ist er- reicht, wenn ein eiitzündetes Holz nicht von selbst weilerbrennt, ja nicht einmal glimmt. Früher glaubte man durch äußere Anstriche mit Wasserglas, Borax er. das Ziel zu erreichen, es zeigte sich aber, daß dies nichts nützt und daß man die ganze Masse durchtränken, imprägnieren müsse. Fast ebenso wichtig wie die Sicherung des Holzes gegen Feuer ist aber auch eine solche gegen Fäulnis und Wurmfraß. Die Eisenbahneu kehren vielfach zu Holzschwellen zurück, nach- dem die eisernen sich nicht bewährt haben, und in der neueren Zeit gehen auch die Bergwerkverwaltungeu zn imprägnierten Grubenhölzern über; auch die Holzpflastenuig findet in den Groß» slädten iunuer mehr Anhänger. Bei einer rationellen Imprägnierung ist zu beachten, daß das Mittel oder dessen Zerfctzungsprodnkte die Holzfaser nicht angreifen und so die Festigkeit vermindern dürfen. Viel Erfolg scheinen die„Märkischen Jmpräguierungswerke System Hasselmami" zu haben. Der wesentlichste Unterschied des neue» Verfahrens gegenüber den älteren Methoden besteht darin, daß dabei die Substanz der Holzfaser eine chemische, im Wasser im» lösliche Verbindung mit de» Jmprägniernngsstoffen cingehr, nicht aber nur die Zellengänge im Holze mit Fäulnis verhütenden Stoffen an» gefüllt und die Holzfaser mit der Schutzmasse umgeben wird. Das imprägnierte Holz ist nicht nur gegen Fäulnis und Wurmfraß ge» schützt, sondern behält sein gutes Anssehen, nimmt keinen im- angenehmen Geruch an, gewinnt an Härte und liefert ein feuersicheres Material, das sich leicht verarbeiten und polieren läßt. Die Im- prägniermischnng besteht im wesentlichen aus Mctalloxydulen, Eisenvitriol, schivcfelsaurer Thonerdc. Kupfervitriol. Kaimt oder Sylvin, eventuell Chlorcalcinm. Die Jmprägiiierniasse wird miter An» Wendling von feuchter Wärme in das zu behmidrlnde Holz ge- bracht.— Humoristisches. — Nach und nach.„Hat Ihr Rachbar die Schinipstvorte zurückgeuomnre», die er in der Wirtjchast gegen Sie ausgestoßeii?" „Ja, alle— bis auf den.Schafslops erster Klasse"... darüber stehen wir noch in Unterhandlung!"— — Stoßseufzer. Mutter(die sich eben mit ihrem Manne gezankt hat, wütend):„Ach, so eine große Familie ist gräßlich I Wenn man'mal in Ohnmacht fallen will, fitzt man gewiß ans einem kleinen Kind!"— — Die junge Hausfrau.„Wie, die Suppe schüttest Du wieder aus?" „Ach ja, ick bin gestört worden, und da muß ich noch einmal von vorne anfaiigen I"— („Fliegende Bläiter'.) Notizen. — Als Fortsetzung des Strindberg-Eyklus in Schall und Rauch werden nächstens die Einalter„Der Fried» lose",„Debet und Credit" und„Samum" in Sccne gehe».— — Das Bausewein-Ueberbrettl„mausert" sich zum Beginn der nächsten Spielzeit in ein„wirkliches" Theater mit heilerem Genre.— — H a d d o n Chambers Lustspiel„Die Tyrannei der T h r ä ii e n" erzielte bei seiner ersten deutschen Aufsührnng im Hamburger d e u t s ch e u S ch a u s p i e l h a u s e einen starken Erfolg.— — Kammersänger B u l ß. früher lange Jahre am hiesigen Opernhause, ist auf einer Konzerttournö in Temcsvar(Ungarn) plötzlich g e st o c b e n.— — Der Londoner Botaniker E. H. Wilson ist von einer dreijährigen Forschuugsfahrt durch China zurückgekehrt; zwei Jahre hielt er sich im Jangse- Thale und ein drittes Jahr in Hönau auf. Er hat gegen 2000 zum Teil neue Arten nach London gebracht.— — Der S i m p l o n t u ii Ii e I war am 1. März auf 11 150 Meter vorgestoßen; es verbleiben noch LäSI Meter. Am 13. Mai 1904 soll der Tinnicl dem Verkehr übergeben werden.— Druck und Verlag»on Max Babing in Berlin.