Hlnterhaltungsblatt des Dorwäris Nr. 59. Dienstag, den 25. März. 1902 (Nachdruck verboten.) KZI Fomk» Gordjejetv. Roman von M a xim G o rk i. Deutsch von Klara Braun er „Brüder," krächzte der unförmig dicke Dainpfschiffbe sitzer Iaschtschurow.„Ich kann ohne Hering nicht leben I Ich fange unbedingt niit dem Hering an... so bin ich einmal." „Musikanten, spielt den„Persischen Marsch"!" „Wartet! Spielt lieber:„Wie herrlich thront der Herr".. „Also los: Wie herrlich.. Das Stöhnen der Maschinen und das Lärmen der Dampf- schiffräder verschmolz mit den Mnsiktönen und bildete in der Luft etivas. was dem wilden Gesang des Wintersturmes ähnlich war. Das Pfeifen der Flöte, der schrille Ton der Klarinette, das düstere Brummen der Bässe, das Wirbeln der kleinen Trommel und das Donnern der großen— das alles vereinigte sich mit dem monotonen, dumpfen Plätschern der das Wasser zerteilenden Räder, drang ruhelos durch die Luft, ver- schlang den Klang der Menschenstimmeu. folgte wie eine Winds- braut dem Dampfschiff und machte die Leute noch lauter schreien. Manchmal ertönte in der Maschine das boshafte Zischen des Dampfes, und in diesem Ton, der unerwartet in das Chaos des Dröhncns, Heulens und Schreiens drang, war etwas Gereiztes und Geringschätziges. „Warum wolltest Dil mir meinen Wechsel nicht diskon- ticren? Das werde ich Dir bis aus Ende uicht vergessen l" schrie jemand mit wilder Stimme. „Laßt das! Ist denn hier der Ort, um miteinander ab- zurechnen?" ertönte Bobrows Baßstimme. „Brüder, man muß Reden halten!" „Die Musik— pst l" „Komme zu mir in die Bank, ich werde Dir erklären, Warum ich ihn uicht diskontiert habe..." „Eine Rede! Ruhe..." „Die Musik soll aufhören!" „Spielt„Auf der Wiese.. „Madame Angot!" „Nein! Jakow Tarassowitsch— wir bitten!" „Das heißt„Straßburger Pastete"..." „Wir bitten! Wir bitten!" „Die Pastete? Nein, ich glaube nicht... nun, ich werde aber doch essen.. „Tarassitsch, sauge an..." „Meine Brüder l Es ist lustig! Bei Gott..." „Und in der„Schönen Helena" ist sie fast ganz nackt ausgetreten," erklang plötzlich im Länu Robustows dünne, gerührte Stimme. „Wart einmal! Jakob hat Estrn betrogen? Na, also!" „Ich kann nicht! Meine Zunge ist ja kein Hammer, und ich bin nicht mehr jung..." „Jakow! Wir alle bitten!" „Thu uns die Ehre au!" „Wir werden Dich zum Bürgermeister wählen!" „Tarassowitsch, laß Dich nicht bitten!", „Pst! Still! Meine Herren, Jakow Tarassolvitsch will ein paar Worte sagen!" „Pst!" Und gerade jetzt, als der Lärm ver-stumnite, ertönte ein lautes, entrüstetes Flüstern: „Und wie sie mich da gekniffen hat. das Luder!" Und Bobrow fragte mit lauter Baßstinnue: „An»velcher Stelle?" Ein donnerndes Lachen ertönte, verstummte aber bald, denn Jakolv Tarassowitsch erhob sich, räusperte sich, strich über seine Glatze und musterte die Versammlung mit einem ernsten Blick, der nach Aufnlcrksanikeit heischte. „Nun, Brüder, öffnet die Ohren!" rief Koiuouow ver- gilügt aus. „Meine Herren Kaufleute!" begann Majakin lächelnd. „In den Reden der Gebildeten und Gelehrten konimt ein Fremdwort vor. das Kultur heißt. Ich will also über dieses Wort reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist." „Sieh mal an, wo der hinaus will!" ertönte ein zu- fricdener Ausruf. „Pst! Ruhig!" „Verehrte Herren!" sprach Majakin mit erhobener Stimme.„Man schreibt in den Zeitungen unablässig davon, daß wir Kaufleute mit der Kultur nicht bekannt sind, sie nicht wollen und nicht verstehen. Und man nennt uns wild und unkultiviert. Was ist denn die Kultur? Mich alten Mann hat es gekränkt, solche Reden zu hören; ich habe dieses Wort untersucht und habe finden wollen, was es enthält." Majakin machte eine Pause, musterte das Publikum und sprach deutlich weiter, indem er triumphierend lächelte: „Nach meinen Untersuchungen hat es sich ergeben, daß dieses Wort Vergötterung bedeutet, das heißt Liebe, höchste Liebe zur Lebensarbeit und Lebeusordnung.„So!" habe ich gedacht,„also das!" Ein Kulturmensch ist also derjenige, der die Arbeit und die Ordnung liebt..., der es überhaupt liebt, das Leben zu ordnen, der zu leben liebt, der sich seines eignen Wertes und des Wertes des Lebens bewußt ist. Gut?" Jakow Tarassowitsch zuckte zusammen; die Runzeln zogen sich strahlenförmig von den lächelnden Augen zu den Lippen hin, und sein ganzer kahler Koips sah einem dunkeln Stern ähnlich. Die Kaufmannschaft sah ihm schweigend und aufmerksam in den Mund, und alle Gesichter waren voll gespannter Auf- merksamkeit. Die Leute waren in der Stellung erstarrt, in welcher Majakius Rede sie vorgefunden hatte. „Wenn dieses Wort so gedeutet werden muß, wenn es so ist— es ist aber so—, dann verleumden und lästern die Menschen, die uns unkultiviert und wild nennen! Denn sie lieben nur das Wort und nicht dessen Sinn, und wir lieben die Wurzel des Wortes und dessen wahren Inhalt, wir lieben die That I Wir haben ja den richtigen Kultus des Lebens, das heißt die Vergötterung des Lebens in uns, nicht sie I Sic lieben das Räsonnieren und wir das Handeln... Und das Beispiel unsrer Kultur, das heißt der Liebe zur That, ist die Wolga, meine Herren Kaufleute! Hier ist sie, unser teures Mütterchen! Sie kann mit jedem Tropfen ihres Waffers unsre Ehre ausrecht erhalten und die leeren Verleumdungen tviderlegen... Meine Herren, es sind nur hundert Jahre ver- gangen, seit unser Zar, Peter der Große, auf diesen Fluß Segelboote gesetzt hat, und jetzt schwimmen darauf Tausende von Dampfschiffen... Wer hat sie gebaut? Der russische Bauer ist ganz uuwiffeud! Wem gehören alle diese ungeheuren Dampfschiffe und Barken? NnS! Wer hat sie sich ausgedacht? Wir! Hier gehört alles uns, hier ist alles die Frucht unsres Verstandes, unsres russischen Scharfblicks und der großen Liebe zur Arbeit! Niemand hat uns dabei geHolsen! Wir haben auf der Wolga selbst Fischereien eingerichtet, haben für unser eignes Geld Arbeiter gemietet, und haben dann auf all den Tausenden von Werften ihres Laufes Tausende von Dampfschiffen und allerlei Booten schwimmen lassen. Welche ist die beste Stadt an der Wolga? Die, wo die meisten Kaufleute wohnen. Welche Häuser sind die besten in der Stadt? Die der Kauf- leute! Wer sorgt sich am meisten um die Armen? Der Kaufmann! Er sammelt Groschen und Kopeken und speiset so Hunderte von Tausenden. Wer hat die Kirchen errichtet? Wir! Wer giebt dem Staat am meisten Geld? Die Kaufleutek Meine Herren! Nur wir lieben die Arbeit um der Arbeit willen, um unsrer Liebe zur Regelung des Lebens willen, nur wir lieben die Ordnung und das Leben! Und wer über uns anders spricht, der spricht Unsinn und sonst nichts! Lassen wir sie nur reden! Wenn der Wind weht, rauscht die Weide, und wenn er zu wehen aushört, schweigt die Weide. Und man kann aus der Weide weder eine Deichsel, noch einen Besen machen, es ist ein nutzloser Baum! Sie lärmt auch nur ihrer Nutzlosigkeit wegen. Was haben denn unsre Richter gethan, wodurch haben sie das Leben verschönt? Das ist uns unbekannt. Und unsre Thaten sind allen sichtbar! Meine Herren Kaufleute! Da ich in Euch die lebensfähigsten, arbeit- samsten Menschen sehe, die ihre Arbeit lieben, da ich in Euch die Menschen sehe, die alles gethan haben und alles thun können, erhebe ich von ganzem Herzen, voll Liebe und Achtung für Euch diesen vollen Becher nnd trinke auf das Wohl der tüchtigen, seelenstarken, arbeitsamen russischen Kaufmannschaft, Hoch soll sie leben! Gedeiht zum Wohl des Vaterlandes l Hurra— a!" — 2< Majakins schriller, zitternder Aufschrei rief ein betäubendek., begeistertes Brüllen der 5lanfleute hervor. Alle diese großen. fleischigen Körper, die vom Wein und von der Rede des Alten erregt wciren, fuhren onf und ließen einen so einigen, massiven Schrei aus ihrer Brust dringen, daß alles um sie herum sich zu bewegen und zu zittern schien. „Jakow! Du bist Gottes Posaune!" schrie Subow und streckte sein Glas Majakiu hin. Die Kaufleute stürmten erregt, manche mit Thränen in den Augen, die Gläser in den Händen, ans Majakiu zu, wobei sie die Sessel umwarfen und gegen den Tisch stießen, so daß das Geschirr und die Flaschen klirrten und fielen. „Weißt Du, was da gesagt wurde?" fragte Kononow, indem er Robustow bei der Schulter packte und ihn schüttelte. „Begreife nur I Das war eine bedeutllngsvolle Rede!" „Jakow Tarassowitsch I Erlaube, daß ich Dich umarme!" „Hoch Majakiu 1" „Musikanten spielt..." „Einen Tusch! Den Persischen Marsch!" „Wir brauchen keine Musik, zum Kuckuck!" Hier ist die Musik I Ach, Jakow Tarassowitsch I Der hat einen Verstand I" „Gering war ich unter meinen Brüdern, ich war aber mit Verstand begnadet.. „Du lügst Trofim!" „Jakow! Du wirst bald sterben... ach, das ist schade! Es ist gar nicht zu sagen,>vie schade!" „Aber was das für eine Beerdigung sein wird!" „Meine Herren,»vollen wir einen Majakin-Fouds stiften? Ich gebe einen Tausender her." „Schweigt! Wartet I" „Meine Herren!" begann Jakow Tarassowitsch zitternd wieder zu sprechen. Und wir sind auch noch darum die lebenstüchtigsten Menschen und die waren Herren in unsreni Vaterland, weil wir Bauern sind l" „Das ist wahr!" „So I Ist das aber ein Alter!" „Wartet! Laßt ihn sprechen!" „Wir sind Urrussen, und alles, waS von uns kommt, ist urrüssisch l Es ist also das Richtige, das Nützlichste und Not- wendige I" „Wie zweimal zwei vier ist!" „Das ist einfach I" „Er ist klug wie eine Schlange!"� „Und sanft wie.. „Ein Geier! Ha— ha!" Die Kaufleute bildeten einen engen Ring um ihren Redner; sie blickten. ihn mit glänzenden Augen an und konnten vor Aufregung seiner Rede nicht mehr folgen. Um ihn herum erhob sich ein Stimmengewirr, das mit dcni Lärm der Maschine und mit dem Plätschern des Wassers unter den Rädern ver- schmolz und einen Wirbelwind von Tönen bildete, der die zitternde Stimme des Alten verschlang. Die Aufregung der Kaufleute wuchs immer mehr; alle Gesichter strahlten vor Genugthuung. Hände mit Gläsern streckten sich zu Majakiu hin; man klopfte ihm auf die Schultern, stieß ihn, küßte ihn und blickte ihm gerührt ins Gesicht. Jemand quietschte vor Entzücken: „Die Komarinskaja! Den Nationaltanz!"f „Das alles haben wir gemacht!" schrie Jakow Tarasso- witsch und wies auf den Fluß hin.„Das alles gehört uns! Wir haben das ganze Leben aufgebaut!" Plötzlich erklang ein lauter Ausruf, der alle Leute über- tönte: „So! Ihr seid es? Ach ihr..." Und gleich darauf drang deutlich durch die Luft ein ge- Meines Schimpfwort, das in großem Zorn mit dumpfer, doch kräftiger Stimnie ausgesprochen wurde. Alle hörten es auf einmal und schwiegen eine Sekunde lang, indem sie mit den Augen denjenigen suchten, der sie beschimpft hatte. Man hörte jetzt nur das schwere Stöhnen der Maschine und das Knarren der Ruderketten. „Wer schimpft da?" fragte Kononow mit gerunzelten Brauen. „Ach? Es kann bei �uns nie ohne Skandal abgehen!" sprach Resnikow und seufzte bekümmert. „Wer hat grundlos geschimpft?" Die Gesichter der Kaufleute spiegelten Unruhe, Neugierde, Erstaunen und einen Vorwurf wider, und alle Anwesenden gerieten in Verwirrung. Nur Jakow Tarassowitsch war ruhig und' schien von dem Vorfall sogar befriedigt zu sein. Er hob sich auf die Fußspitzen, sah mit ausgestrecktem Halse irgend wohin an das Ende des Tisches, und seine Augen glänzten seltsani. als habe er dort etwas Angenehmes erblickt. „Gordjejew..." sagte Jona Juschkow leise. Alle Köpfe wandten sich nach der iRichtung, wohin Jakow Majakiu blickte. Dort stand Foma und stützte sich mit den Händen auf den Tisch. Sein Gesicht war vor Zorn verzerrt, er fletschte mit den Zähnen und blickte mit flammenden, weit offeneil Augen schweigend auf die Kaufleute. Seine untere Kinnlade zitterte, die Schultern zuckten und die Finger, die sich an den Tischrand festkrallten, kratzten krampfhaft am Tisch- tuch. Beim Anblick seines wolfsähnlichen, zornigen Gesichts und seiner erregten Stellung schwieg die Kaufmannschaft von neuem eine Weile. „Was glotzt Ihr so?" fragte Foma und begleitete seine Frage wieder mit einem kräftigen Schimpfwort. „Er ist betruilken I" sagte Bobrolv kopfschüttelnd. „Warum hat man ihn nur eingeladen?" flüsterte Resnikow leise. „Foma Jgnatjewitsch!" sagte Kononow ernst.„Mache keinen Skandal. Wenn es Dir etlva schwindlig ist, geh' still und sriedlich in die Kajüte und leg' Dich dort hin. Bruder! Leg' Dich hin, meiu Lieber, und..." lFortsetzung folgt.) Die tU'ehiingnisttolle flDuvff. lieber ein Zollkuriosuin erster Ordnung berichtet ans Aachen das dortige„Politische Tageblatt" in folgenden amüsanten Dar« legungen: Fränlein Müller in Aachen besuchte vor einigen Wochen ihren Bruder Müller, der seit langem in Neapel ansässig ist. Sie macht dort, ivie selbstverständlich, einige Einkäufe, Geschenke fnrAngehörige usiv., und sandte einen Teil des Gepäckes nach Aachen voraus. Im letzten Augenblick stellt sich nun heraus, daß der Handkoffer der Dame wohl noch die nötigen täglichen Gebranchsgegcnständc aufnehmen konnte, für zwei Paar Stiefel aber keinen Raum mehr bot. Fräulein Müller ließ nun diese Stiefel zurück und kam mit ihren sämtlichen Sachen, von denen nichts zu verzollen ivar, imangefochten nach Aachen. Ihre Stiefel standen aber in Neapel und harrten der Riicksendnng. Herr Müller in Neapel steht geschäftlich mit einem in Aachen wohnenden Schivager Namens Meier in regelmäßiger Verbindung. In der Familie des Herrn Meier verkehrt nnn Fräulein Müller. Und so ist es Ivohl begreiflich, daß sich Herr Müller in Neapel sagte, es sei richtiger, die Stiefel der Schivester statt an deren Privatadresse an die des Schwagers zu senden, der ja, ivie er wußte, außer italienischen auch englische, fran- zösische und belgische Waren empfing, und dem also ein Er- scheinen an der Zollabfertigungsstelle keinerlei Unbequemlichkeit bot. Außer einigen frischen Kitronen legte Herr Müller den Stiefeln noch eine hochfeine geräucherte Wurst bei, von der er sich mit Recht eine angenehme Bereicherung des schlvesterlichen Friihstückstijches versprach. Herr Meier in Aachen erhielt nn» am vorigen Donnerstag, morgens, von der Zollabfertigungsstelle die offizielle Benach- richtigung, es sei für ihn eine Sendung ans Neapel angelangt, die der Abholung harre. Herr Meier sandte daraufhin einen seiner Angestellten, der mit den zollauitlichen Geschäften immer betraut' wird, am Donnerstagnachmittag zur Zollbehörde, aber statt mit dein erwarteten Sticfelpaket kommt der Angestellte mit dem Bescheid, zurück, Herr Meier inüsse s e l b st kommen, indem Paket befinde sich eine Wnrst, die nicht ausgeliefert werden könne, sondern vernichtet lverdxn müsse. Herr Meier glaubte an irgend ein Mißverständnis und eilte schleunigst zum Hauptzollamt. Dort wurde ihm der überraschende Bescheid, es befände sich bei der Sendung neben gebrauchten Stiefeln und frischen Citronen eine italienische Wnrst. Letztere dürfe ans Grund des Fleischbeschau-- Gesetzes vom 3. Juni 1900, das die Einfuhr zerkleinerten Fleisches ans dem Auslände verbietet, nicht ausgefolgt werden. Auf die Frage des verblüfften Herrn Meier, der bis dahin von der Existenz dieser Wnrst im Sticfelpaket und erst recht von deren Gesetz- und Polizei- Widrigkeit nicht die mindeste Ahniing hatte, was denn nnn geschehe» solle, erfolgte die Antwort; Entweder müsse die Wurst nn Ort und Stelle vernichtet werden, oder aber der Empfänger müsse sich zur Wiedemusführung verpflichten. Diese letztere Bedingung'wurde Herrn Meier dann Ivie folgt erläutert: Er möge sich zu einer von ihm z» bestimmenden Stunde in, Hanptzollamtc einfinden, dort iviirde man ihn, die Wnrst übergeben, ein Zollbeamter würde ihn bis zur holländischen Grenze nach Baals geleilen, und was er dann mit de», Objekt beginne, sei seine Sache, nur sei ein Rücktransport auf deutsches Gebiet ausgeschlossen. Durch diese Erklärung, die sich völlig mit den gesetzliche» Vorschriften deckte, kam Herr Meier zur richtigen Würdigung der tragikomischen Situation. Zu ändern war die Sache nun einmal nicht, und deshalb sagte er fich i»Ich bringe die Wurst ruhig morgen nach Vaais in das Ne- staurant meines Freundes Schulze, und Sonntag früh lade icfi die Mitglieder des Radfahrerklubs, den, ich augehöre, ganz einfach zu einem Wurstfriihstücl in Baals ein!" Herr Meier erklärte dann, an, nächsten Tag, Freitagnachinittag 3 Uhr, die Wurst ausführen zu wollen. Der Freitag brachte aber für Herrn Meier soviel geschäftliche Verpflichtungen und Anforderungen, daß an die Tour»ach Baals unter keinen Umständen zu denke» gewesen wäre. Zudem wurde das Wetter so schlecht, feucht und regnerisch, daß auch die Veranstal- tung einer Radfahrt für den Sonntag unmöglich oder mindestens aussichtslos erschien. Aergerlich antwortete der Physisch ganz Ab- gespannte einem Bekannten, der sich scherzend nach der Wurst er- kundigte:„Mag man sie vernichten! Ich laufe ihretwegen nicht nach Baals!" Ohne das Verhängnis zu ahnen, das sich über seine», schuldlos- schuldigen Haupte zusammenzog, arbeitet Herr Meier seelenruhig am Samstag in seinen, Bureau' Da wurde ihn, durch einen Eil- boten ein amtliches Schriftstück ausgehändigt des Inhalts:„Sie werden aufgefordert, die für Sie auf'nusrer Post- Zollabfertignngs- stelle lagernde Wurst wieder ins Ausland auszuführen, widrigenfalls wir uns veranlaßt sehen, eine wissentliche bezw. fahrlässige Ver- letzuug des in§ 12 Abschnitt 1 des Fleischbeschau- Gesetzes von, 3, Juni 1900 ausgesprochenen Einfuhrverbots anzunehmen und eine strafrechtliche Verfolgung anzuordnen." Herr Meier weiß nichts andres zu thnn, als direkt zum Zollamt z» stürzen und dort zu bitten, nian möge die Wurst vernichten. Achselzuckend erklären die Beanlten das nun für gesetzlich unmöglich, da Herr Meier bei seiner Vernehmung ausdrücklich erklärt habe, die Wurst wieder ausführen zu wollen. Unter diesen Umständen blieb Herrn Meier jetzt nichts übrig, als sei» Erscheinen zur Ausfuhrprozedur für Montagnachmittag 3 Uhr zuzusagen. Um diese Stunde hat sich denn auch das hochnotpeinliche Er- eiguis begeben. Herr Meier fand, au, Zollamt angelangt, einen Beamten in der für Grcnzangelegeuheiten angeordneten Ausrüstung, mit geladenem Gewehr usw. bereit, der ihn»ach Baals geleiten, und also die Aus- fuhr der Wurst auf holländisches Gebiet überwachen sollte. Die Wurst wurde ans de», zollamtlichen Verschluß hervorgeholt, und, nachdem ihre Identität festgestellt war, Herrn Meier übergeben, der sie vor den Augen des bestellten Begleiters in seine Rocktasche schob. Nach Erledigung aller Förmlichkeiten wanderten nun Herr Meier und der Beamte nach Baals. Aus der Vaalser Chaussee angelangt, niachte Herr Meier den Vorschlag, die gerade von, Zoologischen Garten her- kommende Straßenbahn nach Baals zu besteigen. Der Beamte lehnte aber diese gntgcn, einte Abkürzung des Verfahrens ab init de», Bemerken, daß' er im Dienst sei, deshalb gehen müsse und nicht fahren dürfe. An der holländischen Grenze angelangt, wurden Herr Meier und seine Wurst zollamtlich unanfechtbar befunden. Noch eine kurze Wegstrecke— und mit freundlichem Gruß verabschiedete sich der Aachener Beamte und sah der Wurst und dem Träger derselben im Gefühle treuer Pflichterfüllung»ach— die Grenze lag jetzt zwischen Deutschland und dem italienischen Eindringling. Herr Meier aber eilte schnellen Schrittes iveiter. Am Halte- platze der Kleinbahn angelangt, sah er einen Kleiubahnwagen in der Vorbereitung zur Abfahrt. Es blieb ihn, eben Zeit, auf seineu Freund, den Restanrntcur Schulze. der gerade in der Hansthür seiner Restauration stand, zuzustürzen, um ihm das Paket mit den Worte»:«Da ist eine Wurst" in die Hand zu drücken. Herr Schulze rief dem Forteilende» nach;„Was soll ich damit?"„Aufbeivahren," lautete die Antivort,»nd bald saß Herr Meier in der Straßenbahn und fuhr heim. Am Zollhause gab es dann noch ei» rührendes Widerschcn zwischen Herr» Meier und den Zollbeamte», und es war selbstverständlich, daß diese eine besonders genaue Visitation des von ihm benutzten Wagens vor- nahmen. Herr Meier traf um 5 Uhr von der ivichtigeu Expedition dahcin, ei». Und die Veranstalterin der ganzen Begebenheit die Wurst?— Ja die genießt vorerst die Gastfreundschaft des Herrn Schulze und wird sich unter dessen kundiger Pflege;vohlbefiude», bis der Rad- fahrksub eines schöne» Morgens demnächst in Baals anlangt, um sie nebst einigen Erzeugnissen der Schiilzcsche» Küche ihrer rechten Bc- stinunung zuzuführen.—' Herr Müller in Neapel wird beim Durchlesen dieser Zeitung Ivohl zn dem Entschlüsse gelangen, seine brüder- liche Teilnahme nicht ivieder durch Sendung einer Wurst zu bc- künden.— Kleines Lenillekon» kr.„Hinter den Couliffcn des„Variöte" ist eine interessante Plauderei betitelt, die ein ehemaliger Direktor eines„erst- klassigcu SpecialitäteutheaterS" in der April,, uimner von„Bclhagcn und KlasingS Monatsheften" veröffentlicht; er gicbt darin eine Charakteristik des eigenartigen Völkchens der„Artisten" und macht besonders über die Einkoinmensverhältnisse derselben ganz über- rascheude Angaben. Von den Gagen, die den Artisten gezahlt werden, schreibt er, macht ein Unbeteiligter sich keinen Begriff. Selbst gutgestellte Hosschauspieler schauen mit Neid zu solchen Snniinen empor. Die teuren Opcrnkräfte allein können den Ver- gleich aushalten.- I» der That steht das Einkommen der erstklassigen Artisten ineistens in einen, schreienden Gegen- satz zn' ihrer Bildung und zun, Knnstwert ihrer Leistungen. Aber es denkt ja auch niemand daran, hier mit künstlerischem Maßstab zu n, essen. Nur der Unterhaltungs. und Knriositätswert beeinflussen das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Technische Geschicklichkeit, mit der„Arbeit" verbundene Lebensgefahr, Prunk der Kostüme und der Ausstattung sind vor allem von Bedeutung. Auch die beliebteren Komiker haben sehr hohe Bezüge. Der billigste Konnkcr, den ich überhaupt auf mein erstklassiges Brettl stelle» durfte, erhielt 600 bis 000 Mark, die Durchschnittsgage für Konnker oder vielmehr für Humoristen betrug während meiner Amtszeit 800 bis 1200 Mark nionatlich/ Ein bekannter älterer Süddeutscher hat oder hatte in jenen Jahren den festen Preis von 2000 Mark, sein meistbegehrter norddeutscher Kollege 3000 Mark für den Monat. Dieser, der sich seine meist witzigen und bislveilen satirischen Couplets selber zn schreiben pflegt, soll eS seitdem auf die doppelte Summe gebracht haben. Wenn dies anch für deutsche Ver- hältuiffc eine Ausnahme ist, so darf man doch sagen, daß das Brot eines Komikers im allgemeinen eines der wenigst harten auf dieser hartgebackeuen Erde ist. Die Gagen der Soubretten, d. i. der kürzer geschürzten, jetzt meist„französisch- lange" oder„fußfreie" kostüin- tragenden, zu etivas Vortrag»nd etwas Temperament verpflichteten Sängerinnen bewegen sich in ähnlichen Grenze». Bescheidenere An- spräche mache» die seriösen, lange Konzertroben tragenden, nur singenden, meist recht langweiligen Lieder- und Walzersängerinuc», die fast ausschließlich in den kleineren und mittleren Betrieben vor- kommen und zn de»„Füllnuiumern" gehören. Dainenduette er- halten in den besseren Varietes sechshundert bis tausend Mark, Tanzduette etivas mehr; komische Duette, die ans einem Herrn »nd einer Dame bestehen, tausend bis zwcitausendvierhundert Mark, in manchen Fällen, namentlich wenn es sich um die ersten Vertreter der französischen Excentrikkomik handelt, noch mehr. Bessere Dameu-Enscmbles von fünf bis sechs Mitgliedern acceptieren nicht unter 1800 bis 2000 M., die erfolgreichsten der angelsächsischen„Sisters"- Zusanimenstellunge» forder» 2400 bis 4000 M. monatlich und erhalten sie auch. Beneidenswert erscheinen jene Solodame», dene» Mutter Natur zwar ivenig Stimme und Talent, dafür aber besonders ivohlgefälliges Aeußere mitgab, und die sich dann durch staunenswerte Sparsamkeit eine prächtige Brillaiiteusammlung und fürstliche Toiletten zn criverben verstanden. Mit nicht allzu verschämter Reklame bringe» sie es leicht zur „Attraktion" und erzielen als solche, namentlich wenn sie aus Paris kommen, in nnsren größten hauptstädtischen Brettlinstituteii!4000, 5000, 6000 M. im Monat und mehr. Auch Gymnastiker können glänzende Honorare' erreichen. Die Lnft-Tnrntrios erhalten durch- schnittlich 2000 bis 3000 M. pro Monat, zwei erstklassige Reckturner beziehen zusammen 1200, 1500 M. und mehr, ein renommiertes Necktrio 1500 bis 2000 M. Körperliche Leistungen lverden um so höher honoriert, je origineller die„Anflnachung" ist. Die höchste kollegiale An- erkenninig des Artisten lautet:„Er versteht seine Nummer zn ver- kaufen." Hat eine wenigstens teilivcise durch Neuheit verblüffende Einkleidung oder ein neuer Haupttric(das Ziel der Sehnsucht jedes rechten Artisten) noch den Vorzug einer starken komischen Wirkung, so wird die Nummer— hervorragende gymnastische Produktionen selbstverständlich vorausgesetzt— schier mit Gold aufgewogen. So ist die Normalgage eines englische» Excentric-Schlappseil-Specialisten 1600 M.. der paar besten Originaljongleure bis 3 und 4000 M., der begehrtesten„Kuock-Abouts"(je zwei bis drei exccntrische Akrobaten amerikanischer und englischer Abkunft) 2 bis 4000 M. Bei dein ungeheuren Angebot guter Normalakrobaten sind indessen ganze Familien von fünf bis 3 Köpfen, die in einem Programm zivei bis drei tüchtige, wenn auch unoriginelle Nummern stellen können, schon unter 1000 M. zu haben.— Theater. S ch a u sp i c lh a n s.„Frau Anne." OstermSrchen von Marx Möller.— Es handelt sich dabei um die Illustration zu einem Predigttext: die Trauer um die Toten. Auch die tiefste, die der Mutter um das gestorbene Kind, soll nicht zu dumpfbrütender Verzweiflung werden; nicht durch endlos wiederholte Thräncu- ströine, die das Herz ausdörren und die Augen blind macheu, sondern durch werkthätige Liebe und Hingebung im Geiste der Verstorbenen wird das Gedächtnis dieser wahrhaft geehrt. Eine sehr beherzigenswerte Mahnung, die ihren menschlich guten Sinn auch dann noch nicht verliert, ivemi sie mit allerhand vagen christ- lichen Glaubens Vorstellungen und Jenseitshoffnuugcn vermischt vor- getragen ivird. Rur ist eiir solcher Vortrag nicht das Amt deS Dichters. Was wir von ihm erwarten, ist die in die Tiefe dringende Gestaltung von Schicksale» und Charakteren, die unsre Phan- taste machtvoll in ihre» Bann zwingt. Uns an ethische Gedankenkreise zu erinnern, ist darum freilich dem Poeten nicht versagt. Das Vcruiiuflige, lebendig Konkrete der Gestaltung schließt die zu allgeineineren— also auch ethischen— Ideen aufsteigende Reflexion natürlich nicht von sich ans. Aber hierauf eben, daß die Erinnerung an Allgemeines durch ein Lebendiges, das uns als solches bewegt und erschüttert, vermittelt werde, kommt es au. Dies entscheidet. Und was die meisten ethisicrcndcn Dichtungen so unausstehlich macht, ist nichts andres, als daß st« ohne solche Vermittelnug durch ein Lebendiges ihre Gedanken a» den Mann bringen wollen, daß sie Überhaupt nicht Dichtungen, sondern nur nüchtern cxeinplisiziercnde und illustrierende Vor- träge zu irgend lueMieit moralischen Texten sind. Die poetische Forin dient da als bloße Maskerade für die Gedanken. Das Märchenstück des Herrn Möller ist ein hervorragend ver- unglückteS Exemplar dieser unglücklichen Gattung. Es gemahnt in seiner gezierten Einfachheit an die Paul Thnmannschen Illustrationen selige» Angedenkens. Frau Anne, die blonde Gemahlin eines irgendivo herrschenden Königs, der auf den Namen Astolph der Große hört, hat ein Mädchen Namens Jaira geboren, de» Inbegriff alles Köstlichen und Schönen. Das ganze Lebe» des Hofes dreht sich um dieses«unser gnädiges Kindchen." Um uns das klar zu machen, braucht's einen ganzen Akt. Die Handlung des zweiten Aktes, der mit einem überaus ge- schickt insceniertcn Kinderreigen einsetzt, besteht dann darin, daß die kleine Jaira hinter den Conlisscn von einer giftigen Schlange gestochen wird und stirbt. Die des dritten darin, daß Frau Anne, mit Gott und Welt zerfallen, iin Tramn den Himmel und im Himmel ihr Kind sieht. Was übrigens den Himmel betrifft, so hatte Herr Ober-Fnspektvr Brandt ihn Prächtig in modern secessioiiistischcm Geschmack eingerichtet: Eine in unbestiminte» Weiten verdämmernd�Landschaft. vorn schlank aufstrebende, iveiß- stämmige Bäume und hochgeivachsene Lilien, zwischen denen iveiß- gekleidete Engel hin und ivicdcrgehen. Als die kleine Jaira, von Petrus herbeigeführt, die Mutter erkennt, tröstet sie dieselbe mit etivaS altklug klingender Engelweisheit. Es machte einen recht peinliche» Ein- druck das Kinderstimmchen in feierlicheuHeilsarmeemanicren wieder und ivieder erllären zn hören: Ich bin in Gott und Gott in mir. Dan» crkärt sie, sie habe schon oft um die Mutter hernmgeschivebt und am nächsten Tage»verde sie ihr dreimal erscheine». Im letzten Akt wartet Frau Anne, zum erste», nal tvieder festlich augetha», tu fieberhafter Erregung auf die Verheißung. ES koinmt ein Bettlerkind, dann eine Vcttlermntter. einem Säugling in Arm, die mit kleiner Gabe abgefunden werde», endlich ein Brief aus der fernen cimat, in der Annes Mutter schreibt: Gott ist in der Liebe. »d nun wird ihr die Erleuchtung zu teil. Das waren die Er- scheinungen, in der ihr Kind ihr hatte nahe» und sie zn einem neuen Leben dienender, werkthätiger Hilfeleistung hatte mahnen Wollen. Es trifft sich, daß in demselben Augenblick auch ein Bote von Astolph dem Großen anlangt mit der Nachricht, der Feind sei aufs Haupt geschlagen und vierzig Dörfer lägen eingeäschert. Ein Priester— doch vermutlich einer von denen, die für die blutigen Siege ihres Landesherrn den Segen Gottes in der Kirche herabgcbetet haben— appelliert darauf im Namen eben dieses Goltes init fulminanter Rede an Annes„landes- mütterliches Herz", llnd stehe da. sie, die„Landesnnitter" drückt das Kind der Bettlerin an ihr Herz— und all' den Leuten aus den vierzig Dörfern wird geholfen Werde»! Die Verse sind genau so schemenhaft, so dumm und abgegriffeu, wie die Fabel selbst, ein klingendes Neimspiel, dessen Monotonie nirgends durch ein überraschendes, eigen geprägtes Wort von tieferem Klange unterbrochen wird. Aber die Prosa in einzelnen, offenbar scherzhaft gemeinten Scenen ist noch schimmer wie diese Poesie. Trotz alledem: das Publikum des Schauspielhauses war hochzufriedeu mit dem Poeten. Wan fand die Kinder allerliebst, den Himmel reizend, Frau Anne mit den langen blonden Haaren äußerst rührend und klatschte- voll Begeisterung Beifall.—— ckt. Musik. In jeglicher Pflege der redenden Künste wird stets die schwierige Frage wiederkehre», ob man ältere Werke möglichst so aufführen soll, ivie sie zu ihrer Zeit arrsznführeu waren, oder so, wie es den gegen- wärtigeu Darstelluugsmitleln entspricht. Sollen wir für Shakespeare die alteuglische Bühne mit ihrer primitiven Scene wicdererivcckcn oder ihn im Stil der Meiningcr wiedergeben? Wenn wir ihn in unsrer Sprache, mit unsrer Bildung nsiv. hören, so wird es wohl nur Konsequenz sein, ihn auch sonst zu modernisieren? Für die Musik liegen ähnliche Probleme bei den Oratorien von Händel<1685 bis 1759) vor, die noch dazn oft so durstig überliefert sind, daß es ohne Be- arbeitung nicht abgeht. Da sind nun mehr oder minder üppige Modernisierungen unansbleiblich. Der feinsinnige Liederlomponist Robert Franz hat die Hälfte seines Lebcn-Zioerkes auf solche Her- stellungen verwendet, zu großem Verdruß der„historisch" gesinnten Gegner. Jedenfalls ist zn bedauern, daß wir Frauzsche Bear- beiiungen selten zn hören bekomme». Die entgegengesetzte Richtung hält an der„geschichtlichen Treue" fest und will gerade das Primi- tive der Alten möglichst zur Geltung bringen; beispielsweise läßt man hier die Bläser während einer Gesangsstelle schweigen, Ivo der Modernificrer sie mi spielen heißt. Der vor einige» Monaten ver- ftordene Chrhsander, der rast seine ganze Lebensarbeit der Pflege Händels gewidmet, gab sich viele Mühe, Händelsche Oratorien im historischen Sinne zu bearbeiten und in eigner Werkstätte zn stechen; doch hat der stille Gelehrte diese Arbeiten der Beröffent- lichuug entzogen, so daß bei den jetzt häufiger werdenden Händel- Auffiihrnngen nach Chrysaudcr die Noten ans dem Familien- besitz erbeten werden. Natürlich hatte nun auch wieder der Alter- türnler die Gegner ans dem Hals: angenommen, daß es mit der historischen Echtheit wirklich stimme, so komme doch ein so dünner Klang heraus, daß wir Hörer von heute unbefriedigt bleiben. Ich möchte noch besonders auf de» Mangel an Klangfülle in den tiesen Tonlagen hinweise»: gerade darin ist aber das Jnstnimentiereu seit jener Zeit beträchtlich fortgeschritten, so daß uns ein Chrhsander- Händel, zumal bei der ganz zaghaften Verwendung der Orgel, streckenweise in der Luft zu schweben scheint. Freilich erzielt dieser Purismus an günstig gearteten Stelle» wundervolle Wirkungen: im „Josua" ist gegen Ende der dreiteilige Chor mit den paar Begleit- tönen der Orgel, an deren Stelle erst zum Abschluß ein gewaltiges Orchesterpanken tritt, von einem ganz eigenaAigen Zauber. Gerade an diesem Oratorium Händels, einem seiner späiesten, hat Chrhsander durch verändertes Gewicht der einzelnen Bestandteile eine besonders intcrcffnute Eigenarbeit geleistet. Herr Mnsikdireklor C. Mengewein führte uns am Sonntag im Namen des„Ausschusses zur Veranstaltung von Volks anfführungen' den„Josna und Othnie'l" vor (wie das Werk bei Chrhsander heißt), und wird ihn am nächsten Freitag nochmal bringen. Der Grnndziig von Händels Schaffensart ist wnchtig-gewaltige Größe; die magere, mehr auf Älangfeinheiten ausgehende Chrysaiidermig nimmt davon ein gut Stück weg; bleibt für den Dirigenten die besondere Aufgabe, in den Vortrag hin- reißende Wucht, erschütternden Gigautentritt hineinzulegen. Herr Mengewein hat sieb mit der Zusammenhaltnng seiner Musiker und mit der Hcransarbcitnng vieler Feiuheile» ein beträchtliches Verdienst erworben, darf aber doch gebeten werden, bei der Wiederholung sowie bei späteren ähnlichen Vcranstallnngen gewichtiger, energischer, temperamentvoller ins Zeng zu gehen. Vor alicin waren einige Zeitmaße zn langsam: so der Marsch zn Anfang de» zweiten Teiles(man lasse sich nickst durch die Bezeichnung„Grave" lauschen), der zweite Chor im 3. Teil und einigermaßen auch der dritte Chor darin. Ferner müßten doch Stücke wie die«Kriegerische Musik" gegen Ende des zweiten Aktes und der Chor zn Anfang des dritten Teiles mit schärferen Takt-Accenten genommen werden.— Uebec die Mitwirkenden urteilen wir am besten dadurch, daß Wir die eine treffliche Sängerin, die Altistin Martha Stnpelfeldt, weiterer Ans- merksamkeit empfehlen. Hätten wir das Chroinsteninteresse für die ciiigeheiids Behandlung kleiner Tagesereignisse, so würden wir im Augenblick viel zu thun bekommen. Das Oper»Hans hat wieder einmal eine Premiere verschieben müffcn und begnügle sich am neulichen Freitag mit der Nencinstudierung eines Einakters„Ma ra". Der Kom- ponist, Ferdinand Hummel(geb. 1855), nicht zn ver- wechseln init dem Klaistker-Epigonen I. N. Hummel(1778—1837), konnte für die freundliche Wiederanfiiahnre seines, einer solchen cnt- schieden Würdigen, Werkchcns persönlich danken. Er hat einen grusligen Blntrache-Stoff mit einer Musik von sozusagen„tüchtiger älterer Art" versehen, die doch vor scharfer Charakteristik nicht zurück- scheut. Mit einer verhältnismäßig gute» Leistung von Fräulein N o t h a n s e r in der Titelrolle ging den» auch die Aufführung (Dirigent: von Strauß) befriedigend ab. Von der daran an- geschlossenen Wiedergabe der„Cavalleria rusticana" MaScagnis läßt sich besonders über eine sorgsame Regie berichte». Die zum Schluß gegebene„Slawische Brautwerbung", ein typisches älteres Ballelt (Dirigent: Stein mann) wurde heruntergegeigt, wie um» eben etwas heruntergeigt.— sz. Notizen. c. Der Riesenerfolg eines RomanS. 500 000 Exem- plare Wurden von dem Roman«David Harum" des Amerikaners Edward Rohes W e st c o t t verkauft, ein Erfolg, der fast dein von«Onkel Toms Hütte" gleichkommt. Der Dichter schrieb daS Buch, während er an einer unheilbaren ztrankbeit litt. Sechs Verleger hatten das Buch zurückgewiesen! Erst der siebente, die Firma Applctvn and Co.. nahm es an. Westcott konnte noch die Korrektur lesen; dann starb er. Von dem Buch sind bis jetzt 050 000 Eremplare gedruckt.— — Die Schiller-Theater-Filiale im Friedrich- W> l h e l in sl ä d t i s ch e» Theater beginnt am 1. September ihre Spielzeit; das Personal des Schiller-Theaters wird für diese Bühne durch Reuengagements verstärkt werden.— — Die„Elf Scharfrichter" veranstalten ihre Anfführungen im Künstl erHans am 10.. 11., 13., 14.. 15. und 10. April. Subskriptionen werden mir bis zum 5. April berücksichtigt.— — Das neue Leipziger Schauspielhaus Ivird am l0. September mit Schillers«Demetrius" in der Laubescheu Bearbeitnng eröffnet werden.— — Die öffentliche Hauptprobe zum 10. Sinfonie- abend der kgl. Kapelle findet am 27. März, abends 7Vs Nhr, statt. Zur Aufführung gelangt Beethovens«Nennte S i ii f o ii i e."— — 81. Goodvich schildert in„Worlds Work" den ungeheure» Aufschwung, den der Tabakbau in E o n n e c t i c n t dadurch ge- noinmen, daß man die Felder mit Zeltdecken überwölbte. Unter diesen Zelten herrscht beständig eine tropische Wärme. Der Regen dringt nur in Gestalt eines feinen Nebels hindurch und die Insekten- plage ist ans ein Minimum reducicrt. Der unter diesen Zelten ge- zogene Tabak, der dem besten von den Sunda-Jnseln gleichkommt, trägt ca. LGs Shilling pro Pfund, während der draußen gezogene kaum eine» Shilling einbrachte. Die Errichtung eines solchen Zelt- dache», daß ans 200 Pfosten ruht, kostet per Acre 5V Psnnd. doch hofft man durch diese Einführung eine ncne Acra in der Tabakknltnr eingeleitet zn haben.— Verantwortlicher Redacteur:(Carl Leid in Berlin. Druck und Vertag von Max Babing in Berlin.