Antcrhaltnngsblatt des Horwürts ?cr. 61. Donnerstag, den 27. März. 1S02 lNalbdruck verbalen.! V11 FotttK Gordjejetv. {Roman von Maxim G o r k i. Deutsch von Klara Brauner Fvma limch in lautes Lachen aus, faßte sich an den Seiten und wiegte sich auf den Beinen hin und her. indem er den 5lopf emporhob. In diesem Augenblick winkten einige bon den An- wesenden einander schnell zu, stürzten ans einmal über Foma her und preßten ihn mit ihren Körpern zusammen. Es begann ein Gewühl. „Hat man Dich nun!" keuchte jemand. „So macht ihr's?" schrie Foma heiser auf. Eine halbe Minute lang tvälzte sich ein ganzer Haufen schwarzer Gestalten auf demselben Fleck herum, stampfte schwer mit den Füßen, und man hörte halberstickte Aus- rufe: „Stürzt ihn zu Boden!" „Haltet seinen Arm... o!" „Beim Bart!" „Gebt Servietten her... bindet ihn mit Servietten..." „Du willst beißen?" „So! Nun? Na also!" „Schlage nicht! Untersteh Dich nicht, zu schlagen!" „Jetzt sind wir fertig." „Er ist aber kräftig." „Tragen wir ihn dorthin... zum Bord.. In die Luft... hihi!" Sie schleiften Foma zum Bord hin. legten ihn an die Wand der Kapitänskajüte und traten beiseite, indem sie sich die Kleider ordneten und die schweißigen Gesichter abwischten. Vom Kampf ermüdet und durch die Schmach seiner Nieder- läge entkräftet, lag Foma schlveigend, zerluinpt, verschmiert, mit Servietten und Handtüchern an Händen und Füßen gebunden da. Mit blutunterlaufenen runden Augen blickte er in den Himmel, sein Blick war stumpf und trübe wie bei einem Idioten, mid die Brust hob sich schwer und ungleichmäßig. Jetzt kam die Reihe an ihn, verspottet zu werden. Snbow begann damit. Er trat zu Foma hin, stieß ihn mit dem Fuß in die Seite und fragte mit süßlicher Stimme, zitternd vor Vergnügen, sich rächen zu können: „Nun, Du donnergleicher Prophet? Koste jetzt einmal die Süßigkeit der babylonischen Gefangenschaft aus, haha!" „Warte," sagte Foma mit heiserer Stimme, ohne ihn anzublicken.„Warte... bis ich ausgeruht bin. Ihr habt mir meine Zunge nicht festgebunden." Doch während Foina das sagte, begriff er schon, daß er nichts mehr thun und sagen konnte. Nicht weil er gebunden war, sondern weil etwas iil ihm verbrannt war, und es in seiner Seele dunkel und leer wurde. Resnikow gesellte sich zu Snbow. Dann kamen die andren... Bobrow. Kononow und noch ein paar Kanfleute gingen unter der Führung Jakow Majakins auf das Roof zu, indem sie leise mit einander sprachen. Das Schiff näherte sich mit vollem Dampf der Stadt. Von der Erschütterung des Schiffskörpers zitterten und klirrten die Flaschen ans den Tischen, und dieser klirrende, klagende Ton drang am deutlichsten zu Foma hin. Um ihn stand eine Menschenmenge, die ihm boshafte, kränkende Worte zurief. Doch Foma sah die Gesichter dieser Menschen wie im Nebel, und ihre Worte drangen ihm nicht bis ans Herz. In ihm wuchs aus der Tiefe seiner Seele ein großes, bitteres Gefühl; er verfolgte dessen Wachstum,'und obgleich er es noch nicht begriff, fühlte er schon etwas Banges und Erniedrigendes darin. „Ueberleg Dir's nur. Du Windbeutel, wie Du Dich zugerichtet hast," sprach Resnikow.„Was für ein Leben ist für Dich jetzt möglich? Jetzt wird ja niemend von uns Dich auch nur anspucken wollen." „Was habe ich gethan?" fragte sich Foma. Die Kauf- Mannschaft stand als eine dichte, dunkle Masse um ihn herum. »Ja", sagte Jaschtschurow,„jetzt ist es aus mit Dir, Foma." „Warte nur", brummte Subow leise. „Macht mich frei!" „Schon gut I Wirst auch so liegen können." „Macht mich frei!". „Nein. Wir danken schön dafür!" „Ruft den Paten." Doch Jakow Tarassoivitsch kam jetzt selbst. Er trat heran, blieb vor Foma stehen, musterte dessen ausgestreckte Gestalt forschend mit den strengen Augen und seufzte schwer auf. „Nun, Foma.. begann er. „Bindet mich los!" bat Foma leise, mit tonloser Stimme. „Du würdest wieder etwas anstellen. Nein, bleib' nur so liegen," antwortete ihm der Pate. „Ich iverde kein Wort mehr sagen; ich schwöre bei Gott l Bindet mich los, ich schäme mich! Um Christi willen, ich bin ja nicht betrunken. Ihr braucht mir ja die Hände nicht frei- zugeben." „Schwörst Du, daß Du nichts mehr anstellen willst?" fragte Majakin. „O Gott! Nein, nein." stöhnte Foma. Man band ihm die Füße los, während die Hände gefesselt blieben. Als er sich erhoben hatte, blickte er alle mit einem kläglichen Lächeln an und sagte leise: „Ihr habt gesiegt!" „Wir siegen immer," antwortete ihm der Pate, düster lächelnd. Mit auf dem Rücken festgebundenen Händen ging Foma schweigend, ohne die Augeil zu heben, zum Tisch hin. Er er- schien kleiner und magerer. Die zerzausten Haare fielen ihm auf die Stirn und die Schläfen; die zerrissene und zerdrückte Hemdbrust war aus der Weste herausgekrochen, und der Kragen bedeckte ihm die Lippen. Er drehte den 5topf hin und her, um den Kragen unter das Kinn zu schieben, doch es ge- lang ihm nicht. Da trat der grauhaarige Alte an ihn heran, brachte ihm alles wieder in Ordnung, blickte ihm lächelnd in die Augen und sagte: „Man muß darüber hinwegkommen." „Jetzt, in Majakins Anwesenheit, schwiegen alle, die Foma verspottet hatten, blickten den Alten fragend und neu- gierig an und erwarteten etwas von ihm. Er war ruhig, doch seine Augen glänzten, dem Vorfall ganz unangemessen, zufrieden und hell. „Gebt mir Schnaps." bat Foma, der sich an den Tisch gesetzt hatte und sich mit der Brust auf den Rand stützte. Seine gebückte Gestalt war armselig und hilflos. Um ihn herum sprach man halblaut und ging mit einer gewissen Vorsicht hin und her. Und alle blickten bald ihn, bald Majakin an, der sich ihm gegenüber hinsetzte. Der Alte gab seinem Taufkind nicht gleich Schnaps. Er blickte ihn erst forschend an, schenkte dann langsam ein Gläschen voll ein und brachte es endlich schweigend an Fomas Lippen. Foma saugte den Schnaps in sich und bat: „Mehr!" „Es ist genug," antwortete Majakin. Gleich darauf trat eine bedrückende Minute des voll- kommcncn Schweigens ein. Alles trat lautlos aus den Fuß- spitzen zum Tisch hin und reckte dann den Hals aus, um Foma zu sehen. „Nun, Foma, verstehst Du jetzt, was Du gethan hast?" fragte Majakin. Er sprach leise, doch alle hörten seine Frage. Foma schüttelte den Kopf und schwieg. „Dir wird nicht verziehen lverden," sprach Majakin fest und mit erhobener Stimme ivciter.„Trotzdem wir alle Christen sind, werden wir Dir nicht verzeihen. Das sollst Du wissen!" Foma hob den Kopf und sagte nachdenklich: „Und Sie habe ich ganz vergessen, Vater. Sie haben von mir nichts zu hören bekommen." „Da haben wir's! rief Majakin erbittert ans und wies mit der Hand ans sein Taufkind hin.„Seht Ihr?" Man hörte ein dumpfes Murmeln des Protestes. „Nun, es ist ja ganz einerlei," sprach Foma seufzend weiter.„Es ist einerlei. Es ist nichts, gar nichts dabei herausgekommen." Und er beugte sich wieder über den Tisch. »Was wolltest Tu denn?" fragte der Pate streng. »Was ich wollte?" Fomn l?ob den Kopf, blickte die Kaufleute an und lächelte.„Ich wollte etlvaS.. „Trunkenbold, Schurke I" »Ich bin nicht betrunken!" entgegnete Fonia mürrisch. »Ich habe nur zwei Gläser getrunken. Ich war ganz nüchtern..." „Du hast also recht, Jakow Tarassolvitsch," sagte Bobrow, »er ist nicht bei vollem Verstand.. (Schllch folgt.) (SRüfCdnitf tetSofen.) Dio Schickung des Vcum Du. Von R u d p a r d Kipling. Deutsch von Erich PeterSso n. ES gab einmal eine Sorte Leute in Indien, die einen neuen Hinnnel und eine neue Erde schufen— a»S ein paar zerbrochene» Theetassen, einer oder zwei Mcssingbroschen und einer Haarbürste. Diese Sachen waren unter Büschen versteckt oder in Löcher an den Bergabhängc» gestopft, und ei» vollständig eingerichteter Dienst von lnitcrgeordncte» Göttern pflegte sie zu finden und wieder auszu- bessern und jcdcrntann sprach:»Es gicbt mehr Dinge zwischen Hinmiel und Erde, als unsre Schulweisheit sich träuinen lägt." Verschiedene andre Sachen passierten auch noch, aber die Religion schien doch nie iveit über ihre ersten Offenbnrniigen hinauszugehen, abgesehen davon, das; sie noch einen Luftlinicn-Postdienst einführte, und Orchestcr-Esiekte, um aus der Höhe der Zeit zu bleiben und die Konkurrenz zu unterdrücken. Zum geivöhnlichen Gebrauch war diese Religion zu elastisch. Sie streckte sich und eignete sich Stücke von allem au, was die Medizinmänner aller Zeitalter fabriziert haben. Sie fand Gefallen an einigem aus der Freimaurerei mid stahl es sich, plünderte die Rosenkreuzer um die Hälfte ihrer sügliche» Worte, nahm sich einige Fragmente ägyptischer Philosophie, die sie im KouvcrsatiouSlcxikon fand, anneklierte so viel aus dem Bedas, als ins Französische und Englische überseht worden ist, und salbaderte zu allem den Rest selbst hinzu. Aus deutschen Uebersetznngen baute sie sich das zurecht, was von der Zcnd Avesta übrig geblieben ist i sie»nterstützte weihe, graue und schwarze Magie, samt Spiritismus, Wahrsage» aus der Hand und Prophezeien mit Karten, gerösteten Kastanien. Nüssen mit Doppelkcrncn und Talgtropfcn. Sie hätte auch VoodoO-Lmibereien in ihr Programm aufgenommen, wenn sie etivns davon geivnht hätte, und beivieS sich überhaupt in jeder Beziehung als eine der gefälligsten Einrichtungen, die jemals seit Bestehen des Meeres er- funden worden sind. Als die Maschinerie im vollsten Gange war, und alles in Ordnung und vollständig, bis zn de» Subskriptionen herunter, da kam Dana Da an, von nirgendwoher mit leeren Händen, und schrieb ei» Kapitel in der Geschichte dieser Religion, das bisher noch nicht veröffentlicht lvorden ist. Er erzählte, daß sein erster Name Dana>väre, und sein zweiter Da. Nun ist aber Dana ein Name der Bhils, und Da nennt sich kein Eingeborener Indiens, wenn man nicht das bengalische Dö als die ursprüngliche Aussprache ansehen will. Da ist lappländisch oder finnisch; und Dana Da war weder Lappe, Finne, Chinese, Bhil, Bengale, Nair, Gond, Romane, Tnrkmene. Magh, Kurde, Arincnier, Levantlner, Jude, Perser, Parse, Pendschabman», Madrase, noch sonst irgend eine Gattung Mensch, die den Ethnologen bekannt ist. Er war einfach Dana Da und lehnte es ab, iveitere Aufklärungen zu geben. Der Kürze halber und um seinen Ursprung so ungefähr anzudeuten, nannte man ihn den.Eingeboren". Viel- leicht ivar er der originale»Alte von den Bergen", der, wie man sagt, das einzig richtige Oberhaupt der Theetassen-Rcligion sein soll. Einige Leute sagten, daß er es wäre, aber Dana Da pflegte zn lächeln und leugnete jede Verbindung mit jenem Kultus ab, iudeui er erklärte, er sei ein»unabhängiger Experimentator". Wie gesagt, er kam von nirgendivoher, die Hände auf dem Rücken, uiid studierte die Religion drei Jahre lang, indem er zu den Füßen der besten Deuter aller ihrer Mysterien saß. Dann lachte er laut und ging fort, und das Lachen mochte entweder von Bewunderung oder von Verachtung herrühren. Als er iviederkam, hatte er zivar kein Geld, aber sein Stolz war ungebrochen. Er erklärte, daß er mehr über die Dinge im Himmel und ans Erden wüßte, als die, die ihn belehrt hätten, und wegen dieser Lästerung verließ man ihn von allen Seiten. Sein nächstes Erscheinen im öffentlichen Leben fand in einem Militärquartier in Oberindicn statt, und dort verkündete er die Zu- krmft mit Hilfe dreier Bleiwürfel, eines sehr schmutzigen alten Tuches und einer kleinen Zinnbüchse voll Opiumpillen. Er iveissagle besser, wenn man ihm eine halbe Flasche Whisky spendierte; aber die Dinge gar, die er im Opinniraiiich hervorbrachte, ivaren das Geld vollauf lvert. Er befand sich in heruntergekommenen Verhältnissen. Unter andren Leuten weissagte er auch einem Engländer, der sich früher auch für die Theetassenrichtung interessierte, dann aber geheiratet und *) Voodoo— Beschwörer, Zauberer, bei den Ungarn der»ord- amerikanischen Südstaatcn. all sein Wissen über der Beschäftigung mit DabieS und ähnlichen Dingen vergessen hatte. Der Engländer erlaubte Dana Da aus Gnade und Barmherzigkeit, ihm die Zukunft zn verkünden, und gab ihm fünf Rupien, ein Mittagessen und ein paar alte Kleider. Als er gegessen hatte, bedankte Dana Da sich und fragte, ob er irgend etwas für seinen Gastgeber thnn könnte. „Giebt es jemand, den Ihr liebt?" fragte Dana Da. Der Engländer liebte seine Frau, aber er trug kein Verlangen, ihren Namen in diese Unterhaltung zu ziehen. Er schüttelte also den Kopf. »Giebt es jemand, den Ihr hasset?" fragte Dana Da. Der Engländer sagte, daß es mehrere Leute gäbe, die er a»S tiefster Seele haßte. .Sehr schön," sagte Dana Da, ans den der Whiski und das Opinm schon ihre Wirkung auszuüben begänne»,»nennt mir nur ihre Namen, und ich will eine.Schickung" gegen sie loslasse» und sie töten." Eine Schickung nun ist eine schreckliche Einrichtung, die zuerst, wie man sagt, in Island erfunden wurde. Es ist ein Ding, das von eine»» Zauberer ausgeschickt wird und jede Fonn nnnchmeu kann; in den meisten Fällen aber wandelt es in Gestalt einer kleinen purpurnen Wolke über das Land, bis es den findet, gegen den es ausgeschickt ist, und dann tötet es ihn. indem es die Gestalt eines Pferdes oder einer Katze oder eines Mannes ohne Gesicht annimmt. ES ist nicht gerade ein Patent der Eingeborenen, obschon clwmars der höheren Kasten, wenn sie geärgert werden, eine Schickung loslassen könne», die nächtlich auf der Brust ihres Feindes sitzt und ihn beinahe tötet. Ans diesem Grunde getrauen es sich auch sehr wenig Eingeborene, einen ebamar zu erzürnen. „Laßt mich eine Schickung loslassen", sprach Dana Da;»ich bin jetzt beinahe tot nach dem laugen Rotlciden und vo«n Trinken und vom Opinm, aber bevor ich sterbe, möchte ich noch gern einen Menschen töten. Ich kamt eine Schickung senden, Ivohin Ihr nur ivollt, und in jeder Gestalt, auSgcnonunc» in der Gestalt eines Mannes." Der Engländer hatte keine Feinde, die er zn töten Ivünschte, aber, teils»in Dana Da zn beruhigen, deffc» Augen rollte», und teils um zu sehe», ivas erfolgen würde, fragte er, ob sich nicht eine saiiftere Art von Schickung vornehme» ließe, eine Schickung, die einem Menschen das Leben zur Last Iverden ließe, und ihm doch Weiler keinen Schaden zufügte. Wenn dies möglich wäre, er- klärte er sich bereit, Dana Da zehn Rupien für den Scherz zn geben. .Ich bin nicht mehr, was ich einst war," sagte Dana Da,.und ich muß das Geld nehmen, denn ich bin arm. Gegen welchen Eng« länder soll ich die Schickung loslassen?" »Laß eine Schickung los gegen Lone Sahib". antivortete der Engländer, den Namen eines Mannes nennend, der ihm einst bittere Vorwürfe über seinen Abfall von dein Thectasseuglaubc» gemacht hatte. Dana Da lachte und nickte. „Ich selbst hätte keinen besseren Mann auswählen können", sagte er.„Ich will sehen, daß er die Schickung auf seinem Wege und ans seinem Bett findet." Er ivarf sich auf den Kaminteppich nieder, verdrehte seine Augen, bis nur das Weiße zn sehen war, zitterte am ganzen Körper und fing an, fürchterlich zn schnauben. Das ivar Magie oder die Wir- kung des Opilims, oder die Schickung oder alles zusammen. Als er seine Augen wieder in Ordnung gebracht hatte, versicherte er, daß die Schickniig sich ans den Kriegspfad gemacht hätte und in diesem Augenblick der Stadt zufliege, Ivo Lone Sahib lebte. „Gebt mir meine zehn Rupien," sagte Dana Da ermattet, „und swrcibt einen Brief an Lone Sahib. Sagt ihm und allen, die seinen Glauben teilen, daß Ihr und ein Freund eine Macht ge« braucht, die größer ist, als ihre. Sie Iverden sehen, daß Ihr die Wahrheit sprecht." Er entfernte sich schwankenden Schritte?, nachdem man ihm noch ein paar Rnpien versprochen hatte, für den Fall, daß sich die Schickung irgcndivie bemerkbar machte. Der Engländer schickte einen Brief an Lone Sahib, in dein er alles anbrachte, was ihm noch von der AnSdrnckSweise deS Thec- tasseii-Glaiibeiis erinnerlich Ivar. Er schrieb:„Auch ich habe in den Tagen, da Du mich für einen Abtrünnigen hieltest. Erleuchtung erlangt, und mit der Erleuchtung ist Macht gekommen." Tann wurde er so unergründlich tieffinnig, daß der Empfänger des Briefes sich durchaus keinen Vers daraus machen konnte. Die Sache machte aber doch ziemlichen Eindruck auf ihn, denn er nahm an. daß sein Freund ein„fünffach Gesiegelter" geworden sei. Wenn ein Manu ein „fünffach Gesiegelter" ist, kann er mehr thun, als alle Geister zu- fammen. Lone Sahib la? de» Brief auf fünf verschiedene Arten und fing gerade eine sechste Deutung an, als sei» Diener hereinplatzte, mit der Neuigkeit, daß eine Katze auf den: Bett liege. Wenn es nur ein Ding gab, das Lone Sahib mehr als alles in der Welt haßte, so ivar es eine Katze. Er schalt den Diener, daß er das Tier nicht ans dem Hanse gebracht hätte. Der Diener sagte, er hätte Angst. Alle Fenster und Thüren des Schlafzimmers seien vom Morgen an gc- schlössen gelvesen, und eine wirkliche Katze bätte unmöglich dort hineingelangen können. Er hätte keine Lust, sich mit der Kreatur einzulassen. Lone Sahib ging sacht in? Schlafzimmer, und dort, auf dein Kopfkissen keines BetleS, wälzte sich leise winselnd ei» kleines weißeS Kätzchen herum; kein vergnügt herumhüpfendes kleines Vieh, sondern eilt faul und mühsam krnl'bcliides Tier, das die Aiigen kaum auf« machte und seine schwachen Krallen nanz ohne Zweck ausstreckte, ein Kätzchen, das in de» Korb zu seiner Maina gehört hätte. Lone Sahib packte es am Genick und übergab es dem Hansknecht, damit er es ertränke. Der Diener wurde niit bicr Annas beschwichtigt. Als Lone Sahib an diesem Abend in seinem Zimmer sah und la?, schien es ihm mit einem Male, als ob sich etwas ans dem Kamin» teppich bewege, anhcrhalb des Lichtkreises, den die Lampe warf. Als das Ding anfing zu miauen, erkannte er, dafi es ein Kätzchen war, ein kleines weißes Kätzchen, fast noch blind und in höchst elendein Znstande. Er wurde ernstlich wütend tmd schalt ärgerlich den Diener, der ihm jedoch sagte, daß keine Katze im Zimmer gewesen sei. als er die Lampe hereingebracht habe; und bei wirk- lichen Katzen von so zartem Alter wäre überdies gewöhnlich die Mutter in der Nähe. „Wenn der Gebieter ans die Veranda hinausgehen und horche» will," sagte der Diener,„wird er nirgends eine Katze hören. Wie können also das Kätzchen auf dem Bett und das Kätzchen auf dem Teppich wirklich Katzen sein?" Lone Sahib ging hinaus, um zu horchen, und der Diener folgte ihm, aber nirgends hörte man eine Katze nach ihren Kindern schreie». Er kehrte ins Zimmer zurück, nachdem er das Kätzchen den Abhang des Hügels hinuntergeworfen, und schrieb die Ereignisse des Tages zum Besten aller seiner Mitgläubigen auf. Diese Leute hielten sich für so vollständig frei von Aberglauben, daß sie alles, was nur ein wenig vom gewöhnlichen Laus der Tinge abivich, geheimnisvoll wirkenden Kräften zuschrieben. Da eS ihr Geschäft war, alles Über diese Kräfte zu wissen, standen sie auf einem beinahe undelikat ver- trauten Fuße mit Offenbarungen jeder Art. Ihre Briefe fiele» von der Zimmerdecke herab— ohne Poststenipel—, und Geister pflegten bei ihnen allnächtlich ans der Treppe ans und nieder zu steigen. Mir Katzen hatte» sie aber noch niemals zu thun gehabt. Lone Sahib verzeichnete also alle Geschehnisse und notierte Stunde und Minute, wie es jeder ordentliche Beobachter von überirdischen Vorgängen thnii muß. Des Engländers Brief heftete er dem Schrift- stiick bei. denn eS war ein höchst mysteriöses Dokument und mochte in irgend einer Beziehung zu irgend etwas in dieser oder jener Welt stehen. Ein Unbefangener hätte das ganze konfuse Gewästh vielleicht so übersetzt:.Gebt Acht! Ihr habt Euch einmal über mich lustig gc- macht, und jetzt werde ich Euch dafür herankriegen!" (Schluß folgt.) Kleines Fenillekon» � oe. Zukuuststriinnie. Früher mochte das Zimmer elegant gc« Wesen sein, jetzt sah es zieinlich leer ans. An den Wänden fehlten Bilder, auf den Dielen markierten sich die Stellen, wo ehedem Möbel gestanden hatten. Nur der große Trnmean mahnte noch an vergangene Pracht. Die Tante blieb ans der Schwelle stehen und überflog mit einem langen Blick das leere Zimmer:„Die Bilder habt Ihr auch schon verkauft?" „Ja, eS bot sich gerade die Gelegenheit." Die Witwe seufzte. „Ich hätte den Spiegel' mich schon fortgegeben, es wollte ihn aber keiner, weil er oben rund ist." „Ach, wir geben ihn überhaupt nicht fort." meinte Lotte. „Das Hab' ich Mama schon gesagt. Wir verkaufen überhaupt nichts mehr. Wie sitzt man denn schließlich da?" „Lotte nimmt es so schwer," schluchzte die Witlve. „Nein, ich null bloß, daß mau es ein bißchen anständig behält." Lotte rümpfte die Nase:„Das Büffett will Mama auch noch ver- kaufen." „Ja, eS wird wohl nichts andres übrig bleiben," die Mutter trocknete ihre Thränen, setzte sich auf daS Sofa und zog die Ver- wandte neben sich nieder:„Die Trödler geben ja so wenig. Für die Saloncinrichtimg habe ich hundert Mark bekomme», für die Bilder hundertfünfzig; wenn wir das Büffett verkaufen und den Pfeilerspiegel dazu, gicbt es vielleicht noch mal hnndertfiinfzig. Das wäre doch immerhin etwas und man könnte es als Kaution stellen, vielleicht bekäme man eine Filiale." „Hättest Du lieber die Möbel behalten und Zimmer vermietet," sagte Lotte. „Ja, Lotte hat sich nun partont das Zimmervermiete» in den Kopf gesetzt, aber man kann doch das nicht! Solche große Wohnung! Was kostet da nicht allein an Miete, und wenn man nun nachher alles leer behält! Was uteinst Du?" Sie sah die Tante fragend an. Die schüttelte den Kopf:„Nein, nur nicht Zimmer vermieten! Nein, Loltchen, da hat Mama ganz recht, es ist viel besser, ihr seht zu, daß ihr ein kleines Geschäft bekommt. Bei einer Filiale ist wenigstens kein Risiko." „Und obenein, wo ich mich noch von früher her anfs Geschäft verstehe," nickte die Witlve.„Ich Hab mir auch schon ein paar Adressen ans der Zeitung notiert." „Das ist ja alles zu teuer," sagte Lotte,„acht- und nennhnndcrt Mark Kaution, soviel hast Du ja doch nicht." Es lag ordentlich eine Befriedigung in Ihrer Stimme. „Aber eins ist dabei, Ivo man nur dreihundert braucht, eine kleine Bäckereifiliale im Westen, ich Hab' mich auch schon erkundigt, wir könnten sie gleich übernehmen, sie soll auch gut gehen." „Dann nur zugegriffen," mahnte die Tante.„Ihr wißt dann weliigstens gleich, wovon Ihr leben könnt!" „Aber doch nur nicht in'ner Bäckereifiliale I" Lotte fuhr auf: „Wo Papa schon Rentier war, soll Mama in'ne Bäckereifiliale! So etlvas Ordinäres!" „Weint man sein Geld verloren hat, darf man danach nicht fragen, dann heißt es leben." Die Tante machte ein ernsthaftes Ge- ficht, dann lächelte sie plötzlich schalkhaft:„Und was findest Du denn am Zimmervermieten Feines?" Lotte verzog das Mäulchcn:„Aber'ne Bäckereifiliale! Und eS kommen nur Dienstmädchen hin und man soll ivomöglich noch mit jeder reden. In die Zimmer kann man doch vornehme Herren nehmen. Bei der Frau Müller unter u»S ivohnte mal'» Doktor, und dann hat ihn Fräulein Müller geheiratet." „Ach und Du willst auch heiraten," die Tante lachte: selbst die Mutter versuchte ein Lächeln. Aber Lotte lvurde ärgerlich:„N?, das Hab' ich doch gar nicht gesagt; aber'ne Bäckereifiliale, da bekommt man überhaupt keinen feine» Mann." „Sei zufneden, wenn Du zu leben hast." sagte die Mutter.„Ich möchte überhaupt mal erst wisse», ivas Du für Pläne mit denr Leben hast, wir müssen doch etlvas anfangen!" „Wir können doch aber ivas Feines anfangen," maulte Lotte. „Du kannst ja thun. was Onkel Fritz sagt," sie' ivandte sich zu der Tante.„Er will nämlich vermitteln, daß Mama ins Bürgerivitlven- Stift kommt, da hätte sie ein Zimmer für sich und Essen und alles, und wenn sie noch ein bißchen stickt, hat sie auch ihr Taschengeld, und sie braucht noch nicht mal z» sagen, daß sie für andre stickt." „Lotte. Du bist schrecklich," stöhnte die Mntter,„jetzt will sie mich noch ins Spittel schicken; wir können doch arbeiten. In das Biirgerwitwai-Stift soll ich hinein? Das wäre mir gerade, als läme ich ins Armenhaus." „Es wäre doch aber innner noch feiner wie'ne Bäckerfran," sagte Lotte.„ES komme» da auch überhaupt, nur feine Frauen hin. solche, die anstandshalber nicht arbeiten können. Onkel Fritz sagt: es wäre noch'ne Auszeichnung, weint Mama da angenommen ivird I" „Aber Du könntest doch auch nicht bei mir bleiben," schluchzte die Witlve,„ivas soll denn aus Dir werden?" „Ich kann ja als Gesellschafterin gehen." sagte Lotte.„Siehst Du, Tante, das ivär' doch auch fein, oder als Reisebcgleiterin, und dann reise ich mit'ner feinen Dame und bleibe doch immer in guter Gesellschaft. Und neulich habe ich gelesen,'ne Reisebegleiterin hat sich einen Bankier geheiratet; vielleicht finde ich dann auch'» reichen Mann und dann kommt Mama natürlich auch gleich wieder aus'm Stift und bleibt bei uns und wir'haben alles wieder, wie es ivar I" „Gott, solche Träume." Die Mutter sah gen Himmel. „Backfischidccn," stimnite die Tante bei. Aber Lotte fuhr auf:„Na ich Hab doch aber gelesen, daß so waS passiert, und warum soll eS uns denn nicht passieren? Und Mama sagt immer, ich tväre dummstolz, ich will doch aber bloß, daß wir so anständig bleiben, wie wir waren."— Litterarisches. lt. Litterarische Moden. Ancti in den Romanen giebt es Moden, so gut wie in andren Dingen. Besonders deutlich läßt sich dies, tvie ein Londoner Journal ausführt, an den englischen Neu» erscheinungen verfolgen. Vor einigen Fahren behaupteten die Problemrontaiie und Novellen das Feld, Sie Ivurden meist von Damen geschrieben; am meisten in Erinnerung sind noch Sarah Grands„Henvenly Tlvins", Mrs Henry Normans„Gnllia", George Egertons„Keynotes", Iotas„Velloiv Aster" und Emma BrookeS „The Snperfluous Womatt" geblieben. Der Ruhm Robert Louis Stevensons brachte die Abenteuergcschichte in Mode, und viele Dichter erwarben Ruhm und ein Vermögen dadurch, daß sie„zurück zu Scott" gingen. Wohl auch von Stevenson inspiriert war die regelmäßige Verlegnng des Schauplatzes der Handlung nach Schottland, ivie überhaupt die eng- tischen Vtomanschreiber oft bestimmte geographische Vorlieben haben. Dorsel ist der Schauplatz aller Romane von Thomas Hardy, Qniller Couch Ivählt fast unverändert Eornwall für seine Scenen, Eden Phillpotts seine Heimat Devonshire, und W. W. Jacobs die Esscxknste. Hall Caiiie schrieb Geschichten von der Insel Man, Rider Haggnrd geht nach Afrika und Marion Crawford fast immer»ach Italien, das er so gut kennt. Eine große Zahl neuerer Bücher be- fchästigt sich mit der Tragödie und Komödie der Londoner Armen, was vielleicht auf George Gissing zurückzuführen ist. In Verbindung damit denkt man an Arthur Morrison, Richard Whitcing und Pett Ridge. In Amerika behauptet der historische Roman das Feld. Messrs. Honghton, Mifflen and Co. machen bekannt, daß sie 125 000 Exemplare der ersten Auflage von„Andrey" heransgegeben, einem neueli historischen Roman von Mary Johnston.— Theater. Berliner Theater. Die„Gioconda"- Tragödie von Gabriele d'Annunzio.— Die„Gioconda" ist schon früher auf Berliner Buhnen aufgeführt, deutsch und italienisch. Die Duse, die den Dichter zu diesem eigenartigen Werk inspiriert haben soll» trat in der Rolle der Silvia auf. Damals ist viel über das Stück gestritten worden. Jedenfalls, zu einer rechten Bühnenwirkung— die Aufführung im Berliner Theater bestätigt das wieder— fehlt es ihm an Reichtum der Chciraktcristik nnd innerer Eutwickl»»�. Nithrcnd ,i»d i�roß ist die Gestalt der Silvia Scttala init der alles hingebeiideii nnd vcr- zeihenden Liebe im Herzen; ein tief er>ireifendcs Bild— ihre Erscheinung im letzten Akt, Ivo sie in de» Falten des lang herab- fallenden weißen Atantels ihre verstiimmelten Arme bewegt, Aber tvie farblos bleibt ihre Gegnerin, die„Gioconda", ans deren Namen d'Annnnzio sogar' das Drama getauft hat, nnd vor allem tvie peinlich und gesucht tvirkl die Katastrophe, der Kampf der beiden Frauen um die von Silvias Mann ge- nieißelte Statue, die, timgestoßen von Gioconda, beim Niederstürzen den herrlichsten Schmuck Silvias, ihre tvnndcrbar beseelten Hände, mit denen sie das Knnstivcrk Lucios schützen will, zerquetscht. Die ausgcllügelte Abfichtlichtcit in diesem Zufall, raffiniert und brutal zu gleicher Zeit, läßt keine reine Stimmung nnfkonnnen. Das rührende Bild der verstümmelten, still duldenden Silvia im letzten Akte ist tun diesen Preis zu schtvcr erkauft. Störend berührt auch die naive Technik, die nach alier Tradition der Silvia einen weibliche» nnd Lucio einen männlichen Vertrauten zucrtcilt, die keinen andere» Beruf im Drama habe», als daß sie den beiden Hauptpersonen Gelegenheit geben, ihre Empfindungeu, Absichten nnd Pläne gesprächsweise darzulegen. So rhhlhniisch schön beschwingt, so bilderreich nnd so anschaulich nnd duftig stimninngs- voll die Sprache ist, in der sie reden— Lucios Schilderung von Giocondas Schönheit erhebt sich zur Gewalt eines hinreißenden Hymnus — fehlt es ihr an der eigentlich dramatischen Klangfarbe, an der andeutenden bezichinigsreichen Kürze, an jenen schinucklos natürlichen Worten, die tins tvie mit Blitzesklarheit plötzlich in die entlegensten Tiefen der Charaktere und in ihr Gcwvrdcnscin hincinschanen lassen. Dies Andeutende und durch Andentungen Spannende der Sprache, in dem Ibsen bisher der unerreichte Meister ist, geht dem Dialoge d'Annuncios völlig ab. Er hat von seinen Personen nicht allzuviel z» sagen, nnd ivas er sagt, das läßt er sie selbst mit doppelt und dreifach nnterstricheneur Pathos in die Welt hinausrufen. Der lyrische Stiinmungsdichter ist in ihm vielmals stärker als der Charakterdarsteller und Dramatiker. Die Aufführung im Berliner Theater bot viel Erfreuliches, Sehr sympathisch, in der Erscheinung tvie in Sprache und Spiel, war Frl, Maria M a y d r als Silvia. Eine innere Wärme nnd seelische Anmut lag über der Gestalt nnd den sanften Bcwegnnge» ihrer Arme, Rührend, aber doch in all ihrer Hilflosigkeit von tröstender Schönheit tvar diese Silvia in den Sccnen dcS letzten Aufzuges. Dafür tvurde die undankbare Rolle der Gioconda von Marie Frauendorfer recht undankbar gespielt. Lucios Schtvärnievei für diese Dame schien unter solchen Umständen völlig unbegreiflich; die Strcitscene der beiden Frauen, ohnedies durch allzu lange De- klamalionen überlastet, konnte so erst recht zu keiner Wirkung kommen. Die Darstellerin, die hier über den Dichter hätte hinaus- gehen sollen, blieb weit auch hinter den ganz bescheidene» An- forderungcn zurück. Herr Pittschan hatte sich mit der seiner Eigenart wenig liegenden Rolle des Lucio über Erwarten gut ab- gefunden. C o n n a r d Ivnr ein Ivürdiger Lorenzo Gaddi, S i c b e r t ein Cosimo Dalbo, der die herrlichen Landschaftsschildernngeii des Dichters anschaulich nnd natürlich im Gespräche wiederzugeben vcr- stand. Fräulein T a l i a n s k y als Sirenetta erschien mir etivas süßlicher als nötig. Sehr stimmniigsvoll nnd fein waren, worauf die d'Annnnzio großen Wert legt, die Dekorationen. Das vollbesetzte Hans folgte der Anfführnng mit lebhaftem Beifall. -�ckt. 3lus dem Tierleben. — U e b e r d i e Möwen auf der A I st e r sprach ein Herr Jtzerodt kürzlich im Hamburger„Verein für naturwisienschaftliche Unterhaltung". Der„Hamburgische Korrespondent" berichtet über den Vortrag: Sckion seit mehreren Jahren hielten sich während des Winters einige Möiven ans der Alster auf, wo sie, von den Menschen gefüttert, über die Zeit des Futtcrniangels hinwegkamen. Jeden folgende» Winter kamen mehr nnd jetzt sind Tausende als Gäste bei uns. Es sind in großer Mehrzahl Lach in ö w e n nnd die übrigen Sturmmöwen. Erstere brüte» in großer Zahl auf einigen Inseln der holsteinischen Seen; ans dem Plöner und Sibbersdorfer See zählte Referent Taufende von Nestern dicht aneinander gedrängt, so daß man kaum einen Fuß hineinsctzeu konnte, ohne Eier oder Jnnge zu beschädigen; sie nisten nur in größeren Kolonien. Da sie durch Vertilgung des Ungeziefers sehr nützlich sind, stehen sie unter behördlichem Schutz und nur selten »vird die Erlaubnis zum Betreten der Inseln während der Brutzeit erteilt. Gegen das Frühjahr bekommen sie einen duiikelbrannen Lkopf und Vorderhals, was jetzt am besten zu beobachten ist, und ziim Winter wird beides wieder iveiß. Die Sturmmöven niste» auf Inseln der See, z, B, auf Sylt und auf dem Langen Werder bei Poel sWismar), wo Referent an hundert Nester auf der kurz» grasigen Wiese zählte, etwas entfernt von einander nnd stets in Ge- fahr, von den weidenden Kühen zertreten zu werden.— Geologisches. ie. Der größte unterirdische See d e r W e l t ist, soweit bekannt, der im Jahre tSSö von dem Franzoscn Martel entdeckte nnd benannte See Miraniar, Er befindet sich in der Drachengrotte(Oueva äel Dracb), die 18 Kilometer von Manacor auf der Insel Majoren sBalcarcn) gelegen ist. Die Höhle ist schon seit langen! berühmt, war jedoch bis zu den Forschungen von Martel nur in einer Länge von 800 Metern erkundet, während Martel ihre Fortsetzung bis zu zwei Kilometer Länge erforscht hat. Die Höhle ist eigentlich eine Mccresgrotte, sie wird von keinem unter- irdischen Fluß durchströmt, nnd das Wasser ihrer Seen stammt zum Teil aus eingesickertem Meercswasser, zum andren Teil aus Quellen im Gestein, Der See Miramar hat eine Länge von 177 und eine Breite von 30—40 Meter und ist 4— U Meter tief. Die chemische Ilntersiichiiug hat erlviesen, daß das Gewässer zu einem Teil ans Scewasser nnd zu 3 Teilen ans Süßwasser besteht. Diese Znsammcnsctzung gilt nicht auch von den übrigen Wasseransamm- liiiigcn in der Höhic, die vielmehr um so salzhaltiger sind, je näher sie dem Eingang der Höhle liegen. Im vorigen Jahre hat Martel die Grotte von iieueiu besucht und mit Zuhilfenahme von Magiiefiuin» Blitzlicht einige ihrer schönsten Räume photographisch aufgenomnie». Die Bilder, von denen der Pariser„Cosnios" Proben giebt, lasten auf eine unerhörte Pracht in der natürlichen Ausstattiing der Höhle schließen. Die Decke eines der untcrirdischeu Säle ist durch eine große Zahl von Tropfstein-Sänlen gestützt, die das Aussehen von schlanken Palinciistäinme» vortäuschen nnd das Gewölbe ivie mit einer Blätter- kröne zu stützen scheinen. Eine große Sehenswürdigkeit ist ferner der„See der Freuden", desien Wasser beinahe ganz süß ist. In ihn hinein ragt eine Art von Vorgebirge in Form eines scharf ge- schnittenen Kreuzes, und von den Wänden sprießen unzählige glänzende Krystallnadeln hervor, die sich bei scharfer Belenchtnng in dem stillen Wasser wicderspiegeln. Das größte Wunder derGrotte ist aber ohne Zweifel der See Miramar mit seinen Säulen, Obelisken, schimmernd weißen Jnselchen und dem Glitzern der Milliarde» und Abcrmilliarden von Krystallen, die ihn wie mit einem feenhaften Schleier umgeben. Man kann es fast verstehen, daß Martel in seiner Begeisterung über diesen Zauber der Natur an die Paläste in„Tausend und einer Nacht" denkt und daß ihm gar der Einfall gekoininen ist. die maurischen Banküustler könnten sich in einer solchen, und gerade dieser nämlichen Grotte, die Vorstellungen geholt haben, nach denen sie ihre Städte im alten Spanien mit ihrer wundersamen Pracht schmückte».— Humoristisches. — Resignation,„Herr Maier, Sie haben Trauer, doch nicht ctiva Ihre Frau gestorben?" „Na, da kennen Sie die schlecht,"— — I m n e u e st e n intimen I! e b e r b r e t t l- C a b a r e t- Theater, Der P h i l i st c r: Was wird eigentlich hier auf- geführt? Ich sitze hier mm schon drei Vicrlclstimden und sehe n o ch i in in e r nichts auf der Bühne, Der C a b a r e t in e n s ch: Sehen? Oh. darüber sind wir längst hinweg, hier denkt sich jeder was er will!— — Tiefsinnig. Sie: Du bist doch so nachdenklich, Joseph? Er: Ja, Rosa, mir is heute so philosophisch. Weißt Du, wie mir das ganze mciischlichc Leben vorkommt? wie c Schatten ander Wand. Wersste um de Wand,— eweg is der Schatten!"— s. Lustige Blätter.") Notizen. — Im S e cessio ii s-Theat er findet am 2, Ostcrtage eine Matinee statt. In Sccne gehen:„ A n c a". ein Zweiakter des Nninäneu I. L. C a r a g i a l c. nnd„Eine interessante Geschichte" von Adolf Flachs.— —„Die Tragödie des Genies", ein Einakter von Karl Höger, gelangt demnächst in W o l z o g e n S„Bunte m Theater" zur Anfführnng,— — H c n n i e 91 n ch e§ Lustspiel„II e b e r der Liebe..." wird am 1. April im Ha in bürget Thaliatheater seine Erstaufführnng erleben.— c. Für die neue Oper von C am i l I o S a i n t- S a e n S ., P a r y j a t i S", deren Partitur bereits fertiggestellt ist, wird eine großartige Jiiscenierung vorbereitet; die Dekorationen werden nach den Kopien künstlerischer Denkmäler angefertigt. Ein sehr originelles Ballett wird von 60 Tänzerinnen getanzt werden. Die Franenchöre werden in den Konzerten nnd Hanpttheatcrn von Paris und der Provinz ausgesucht, die Männerchöre ans den Gesangvereinen von Bszicrs; es werden im ganzen 240 Sänger sein. Die Orchester werden ziijammcn nicht weniger als 360 Mann zählen. Die Auf- führuug in der Arena von Bvziers wird im nächsten August statt- finden.— — Ein internationaler kulturhistorischer Kon» g r e ß wird vom S. bis 12. September in Innsbruck abgehalten. Mit dem Klongrcß ist eine Ansstellmig von Werken lebender Tiroler Künstler sowie älterer Kmistwerke Tirols und aus tirolischem Privat» besitz verbunden.— — Die große, von den Südstaaten Australiens her ausgesandte Forschungsreise unter Spencer n n d G i l l e n sitzt an der öden Küste des Golfs von Carpenlaria fest und kann nicht von der Stelle, Die Regierimg von Queensland hat Anfang Februar den in Nonnanton stalioiiicrten Lootsendampfcr Vigilant nach Barroloola gesandt, um die Mitglieder der Expedition, die bereits Mangel zu leiden begannen, abzuholen. Der Zweck der Forscher- gcscllschaft ist erreicht: der Kontinent wurde in der bestimmten 9lichtnng von Süden nach Norden durchquert und die wissenschaftliche Ausbeute dürfte sehr reich fein,— Verantivorllicher Rcdactcur:<5 ort Leid in Berlin. Druck und Verlas von Max Badtug in Berlin.