Hlnterhaltungsblalt des Vorwärts Nr. 65. Donnerstag, den 3. April. 1902 cNackidruil verboten.! n Anfdev letzten Schnee. Nomon von Gnstov af Geijerstam. Dies hing so zusammen, das} der Alte einen Enkel hatte, der mit auf dein erwarteten Fischerboot war. Das war ein Junge, der kaum zehn Jahre zählte, und er ikonnte nicht eines Mannes Arbeit thun. Aber an dem Boote hatte sein Vater seinen Anteil gehabt, und als dieser auf der Herbstreise im vorigen Jahre von einer Welle weggerissen ward, da wußten alle, daß, wenn die Witwe ihren Boots- anteil verkaufen sollte, nicht viel übrig blieb, wovon sie mit ihren Kindern leben konnte. Und im Dunkel der Nacht, während sie noch die Nähe des Kameraden spürten, der in: Meere verschwunden war, gelobten die neun über- lebenden Männer, daß der älteste Junge des 5?ameraden schon im nächsten Sommer mit ans die Reise komnien sollte. Die nenn wollten zusammen helfen und die Arbeit unter sich verteilen, und der Bursche sollte seinen Anteil alL vollcrwachsener Mann haben, che daß sie einen Fremden ins Boot aufnähmen. Nur einer murrte. Aber seine Stimme wurde von den andern zum Schweigen gebracht, und als der Sommer kani, hielten die neun Männer ihren Eid, und der kleine Algot kani niit auf die Reise und war schon einmal glücklich mit Fischen heimgekehrt. Seht, daran dachte wohl jetzt die alte Albertina, wie sie dasaß, und darum konnte auch das junge Mädchen sich entschließen, mit ihr von dem Boote zu sprechen, das nicht gekommen war. Sie hatte eS so vorsichtig angestellt. Sie hatte nur gesagt:„Ihr habt Euern noch nicht daheim?" und Märta war überzeugt, daß aus so wenigem niemaild Ver- dacht schöpfen konnte, und sie freute sich, daß sie so gut ge- fragt hatte. Mutter Albertina ließ sich auch nichts anmerken. Sie nickte bloß mit ihrem alten Kopfe und wiederholte: „Nein, das haben wir noch nicht." Und dann schwieg sie. Da sagte Märta: „Habt Ihr keine Angst um den Buben?" „Nein," antlvortetc die Alte. „Habt Ihr denn waS gesehen?" fragte Märta. Die Worte waren ihr so heftig cntschlnpft. daß sie selbst nichts merkte, bis sie schon ausgesprochen waren, und sie fühlte, wie sie rot wurde. Aber während ihr die Röte bis über die Schläfen stieg, sah sie der Alten ruhig in die Augen und fuhr fort, ohne sich kriegen zu lassen: „Ist es wahr, daß Ihr so was könnt?" In gewöhnlichen Fällen würde Mutter Albertina vielleicht überhaupt nicht geantwortet haben, und es ist nicht leicht zu ergriinden, was sie jetzt so mitteilsam machte. Aber wie das nun immer war, sicher ist, daß die Alte mit einem wunderlich abwesenden Blick hinaus in die Luft sah und er- widerte: „Ja, da? ist sicher, daß ich sehen kann." „Habt Ihr also was gesehen?" Die Worte kamen leise und rasch, beinahe atemlos. „Ich habe den„Delphin" gesehen," sagte die Alte mit derselben ruhigen, ein wenig abwesenden Stimme.„Er ist nicht weit fort. Morgen früh ist er vom Ausguck zu sehen." Morgen, morgen! Es jubelte in Märta. und sie hätte der Alten um den Hals fallen können. Aber da»vürde sie sich ja verraten haben, sie, die sich die ganze Zeit so gut verstellt. Sic schwieg eine Weile und sagte dann nachdenklich: „Nein, so etlvas sehen zu können!" „Wünsch es Dir nicht, Kind." sagte Mutter Albertina. Aber Märta hörte es nicht. Sie war schon auf dem Heimweg. Sie eilte zwischen den kleinen niedrigen Häusern durch, die sich in der Dämmerung noch enger aneinander drängten, und ihr Herz schlug hoch vor Freude. Sie kümmerte sich nicht einmal darum, daß zwei Katzen, eine nach der andern, ihr gerade vor den Füßen über den Weg sprangen. Sie blieb nicht einmal so lange stehen, uni auszuspucken. Morgen! sang es in ihr. Morgen! Auf ihren bloßen Füßen sprang sie leicht die kleine steile Sttege in ihr Zimmer hinauf, und als sie im Bette lag, da nahm sie das Kopfkissen in ihre Arme und herzte und küßte es und schlief ein, die Wange an die grobe Spitze geschmiegt. Aber auf der Bank saß Mutter Albertina allein und lächelte über die Jugend. „Ja, ja," sagte sie für sich selbst.„Ja, ja, das wird schön für Niels, wenn er kommt." Fille Bnmm hieß ein wunderlicher kleiner Mann, der mitten im Dorfe wohnte, ganz unten am Meere. Er ge- hörte zu de r bekanntesten und hervorragendsten Persönlichkeiten der Insel, und er war gerade draußen und spaltete Späne, an dem Abend, an dem die junge Märta ging und ihr Geheimnis verriet, iichcm sie Mutter Albertina fragte, ob sie zu prophezeien verstände, und ob man den„Delphin" recht bald zurückerwarten könnte. Fille Bnmm ging näinlich auch umher und wartete, das der„Delphin" heimkehrte, und er hatte seine eigne Meinung darüber, warum just dieses Boot länger ansblieb als all die anderen. Fille Bumm zeichnete sich wie gesagt dadurch aus, daß er ein bißchen wunderlich war, und von allem, was mit ihm zusammenhing, galt das gleiche. Seine Hütte war wunderlich. Denn sie lag mit dem Giebel zum Meere und so nahe dem Wasser, daß man am Fenster sitzend Krabben und kleine Dorsche fischen konnte. Aber die Breitseite des Gebäudes stieß knapp an eine steile Klippe, so daß nian von diesem Hanse niemals über die Treppe ging. wenn man üis Freie wollte, sondern gcradeswegs auf den Felsen kletterte, und von da ging es Wetter, beinahe in gleicher Höhe mit dem Dach. Fille Bununs Kleidung war auch eigentümlich. Denn sie bestand ans einer fadenscheinigen blauen Wolljacke, die einstnials blanke Knöpfe gehabt und so irgend eine Art Uniform gelvesen war, ans einem alten Hut, der mit den Jahren graugrün geworden, und, wenn es kalt war, einem langen Radmantel, den Fille Bnmm von einem Stadtherrn bekommen, und der große Hirschhornknöpfe und rückwärts eine Tasche hatte. Bununs Frau war auch wunderlich, und das kam daher, daß sie in beständiger Angst war, daß Bumm sich vollsaufen und sie schlagen würde. Denn Bumm war jetzt der einzige Mensch auf der ganzen Insel, der wirklich soff, so daß es etwas zu sagen hatte, und das war auch eine seiner vielen Wunderlichkeiten. Eine andre Wunderlichkeit war, daß Bnmm sich einen Hund hielt, etwas, das— ans Furcht vor Ungelegenheiten und Scherereien— im Fischcrdorfe zu den Seltenheiten gehörte, und dieser Hund war an sich auch eine Wunderlichkeit. Es war nämlich ein Bastard, etwas zwischen Dachs und Pudel, und zeigte das eigentüniliche Phänomen einer schmalen Schnauze und eines langgestreckten, mit gediegener Pudel- »volle bedeckten Dachskörpcrs. der ans kurzen. schiefen Beinen melancholisch cinherivackelte.- Der eigentliche Name des Hundes war Phhlax, aber auf der ganzen Insel war er nur unter dem Namen Filibumm bekannt, etivas, das mit dem»vitndcrlichen Namen dieses»vnnderlichen Mannes zusammenhing. Fille Bumm war nämlich Philipp nach seinem Vater getauft worden, der diesen Namen trug und für den Alltag; so wie jetzt der Sohn, Fille genannt wurde. Einmal hatte es sich jedoch zugetragen, daß einer der Kameraden bei einem Schmause, der nach einen»»vohlgeglückten Makrelen- fang abgehalten»vnrde, ans die Idee gekominen»var, den Alten Fille Bumm zu nennen, ans Anlaß eines berühmten Schusses, den der alte Philipp einmal in seiner Jugend aus eine graue Robbe abgegeben hatte und der bei fröhlichen Gelegenheiten hervorgeholt»vnrde, um ihn aufzumuntern, als er älter zu»Verden begann. Der Name fand begeisterten Anklang, und der alte Philipp, der eigentlich Persson hieß, hatte sein Lebenlang keinen andern Rainen mehr als Fille Bumm,»>nd seine Kinder wurden nach ihm auch immer niit dein gleichen Kosenamen gerufen. Das heißt, sie wurden mit einem gcmcinsmnen Namen die Bummer genannt, und da sie drei Ivaren, verteilte sich die Benennung so. daß sie Filibumm. Filibummbuinm und Filibummbummbumm gerufen wurden. Als der nunmehrige Inhaber des Namens jung war. über- trug er sich natürlicherweise mit ganz besonderer Stärke auf ihn. teils»veil er ja des alten Bumm ältester Sohn»var, . teils weil man ihn Philipp getauft hatte, was die Zusammen- setzung um so viel natürlicher und geeigneter erscheinen ließ. Schon in seiner Jugend zeichnete sich Philipp Persson junior durch ein Temperament aus, das eine eigentümliche Mischung von jovialer Gemütlichkeit und unausrottbarer Neigung zu hitzigen Zarnesausbrüchen war. Daß er sein Leben lang mit einem Spitznanien einhergchen sollte, der in jedes Mannes Mund war, die ganze Küste entlang, das wurmte und verdroß ihn Tag und Nacht, und er hatte manche Schlägereien wegen dieses Namens zu bestehen, wenn der Zorn ihn gerade übennannte. Aber er dachte doch, daß es ein Mittel geben müßte, um diese Unbill los zu werden, und ohne sich einer Menschenseele anvertraut zu haben, faßte Fille Bumm eines Tages seinen Entschluß und ging hinauf zuni Pfarrer. Der Pfarrer war nun kein Mann, an den sich jeder- mann niit jedwedem wagte, und besonders war es nicht aus- geschlossen, daß Bun>m ein bißchen Angst vor dem würdigen Herrn hatte, der ihm öfters als einmal die Leviten gelesen und ihn mit zeitlicher und ewiger Verderbnis bedroht, weil Vunim sich, weiß Gott, zu sehr an die Flasche hielt. Aber dieses Mal war Bunun sicher, daß sein Anliegen ein redliches war, und darum trat er, als der Pfarrer sein Klopfen mit einem deutlichen„Herein" beantwortete, ruhig über die Schwelle und deponierte mit einer gewissen Sicherheit die Mütze auf dem Boden. „Nun, was will Persson?" fragte der Pfarrer. Bumni guckte mit seinen kleinen grauen Augen dem Pfarrer ins Gesicht und sah scharf aus. „Ja, ich komme, weil ich im Sinn habe, meinen Namen zu ändern," sagte er. „Ja so," sagte der Pfarrer.„Nun, wie will Persson sich denn nennen?" Der Mann an der Thür blickte noch schärfer drein und antwortete: „Bumm.* Er sagte es mit einem solchen Nachdruck, daß es wie ein Kanonenschuß dröhnte. In diesem Ausruf preßte er gleichsam all das Aergernis zusammen, das dieses kleine Wort seit langen Jahren über sein unschuldiges Haupt heraufbeschworen, und es kochte in ihm, als er merkte, daß der Pfarrer sich nicht enthalten konnte zu lächeln. „Was in aller WeltI" sagte der Pfarrer.«Das ist ja ein Spitzname." „Ja, aber wenn der Herr Pastor ihn ins Kirchenbuch schreibt und Persson ausstreicht, dann ist es kein-Spitzname mehr," versetzte der andre. Als Fille das Zimmer verließ, war es seiner Beredsam- keit gelungen, den Pfarrer zu überreden, und er hieß nun wirklich Bumm. Und sobald jemand ihn Bunim nannte, paßte er immer auf und antwortete mit einer Stimme, die von Stolz und Befriedigung geschwellt war: „Jawohl, das ist mein Name, ja." Und da genoß Fille Bumm den größten Triumph, der ihm in dieseni Leben widerfahren war. Denn er meinte. daß er die ganze Insel überlistet habe und ein verfluchter Kerl sei. Nun war seither lange Zeit vergangen, und es gab nicht diele, die sich erinnerten, daß der Name Fille Bumm eigent- lich ein Spitzname war. Nur wenn jemand aus einem andern Kirchspiel kam und den wunderlichen Namen hörte, wurde die Erinnerung an sein Entstehen mit Mühe wieder aufgefrischt, und unter mancherlei scherzhaften An- spielungen erzählte man dem, der danach fragte, die Geschichte. Der alte Bumm lvar mit der letzten Schäre verknüpft und sie mit ihm, und ohne Bumm wäre das ganze Fischerdorf nicht das gewesen, was es war. An demselben Abend, an dem Märta ihren Besuch bei Mutter Albertina machte und erfuhr, daß ihrem Niels /keine Gefahr drohte, hatte sich der alte Bumm in dem unbestimmten Gedanken vom Hause wegbegeben, sich möglicherweise auf die eine oder andre Art irgend eine kleine Herzensstärkung zu der- schaffen. Er machte sich in der Handelsbude zu thun, indem er nach etwas fragte, wovon er wußte, daß es nichtvorhandenwar, und er fühlte sich ein wenig beleidigt darüber, daß der Handels- mann die Anspielung nicht verstand und ihm nicht wenigstens eine Dose Schnupftabak anbot. Mit einer unwilligen Be- wegung nahm Bumm ein Fünförestück heraus und kaufte den Tabak selbst, um zu zeigen, daß er sich nicht spotten ließ und »in Kerl war, dem es auf eine solche Kleinigkeit nicht ankam. Fortsetzung folgt.). (Nachdruck veriot-n.1 Ans dem Spreemnld nnchl Vevlin« Die Entwicklung zur Riesenstadt hat im Weichbilde Berlin in erster Linie natürlich auch alle Gewerbe beeinflußt. Zwischen den Riesenhäusern ist das Wohnhaus des Kleinhandwerksmeisters längst verschwunden. Auch der Handwerksmeister selbst ist verdrängt worden durch die mit Dampf und Maschinen und Hunderten menscb- lichcn Arbeitskräften thätigcn Fabriken. Wo der Handwerksmeister sich im Getriebe der Weltstadt erhallen hat, da fristet er meist ein reckst kümmerliches Dasein und ist mit seiner ganzen Existenz abhängig von dem größeren Produzenten, so gut wie der Fabrikarbeiter im Hinterhaus oder in der Dachstube. Dagegen finden wir noch in der Nähe der Weltstadt die Spuren einer Prodnktionsiveise, wie sie in längst hinter uns liegenden Zeiten auch in Berlin geherrscht hat. Es ist interessant, diesen Spuren nach- zugehen. Hinein in den Sprcewald! An seinem Rande finden wir die letzten Ausläufer der Großindustrie. In den Dörfern de? Ober- sprcclvaldcs aber hat sich der frühere wirtschaftliche Charakter noch erhalten, der der Hefftellung nnsrcr Erzeugnisse eine ganz andre Gestalt gab, als sie die Produktion der Großstadt besitzt. In den Dörfern wohnen die Häusler und Tagelöhner eng zu- smnmen, während die größeren Eigentümer auf ihren Einzelgehöften sitzen. Zu allen Zeiten hat der Bauer auch bei der Herstellung von Handwerkserzeugnissen so viel als möglich eignes Rohniaterial verarbeitet. Er war zunächst auch sein eigner Schuhmacher, Weber, Schneider nsiv. und erst die größere Geschicklichkeit des Berufs« Handwerkers zwang ihn. diesem die bisher selbst her- gestellten Waren zur Ausfübnnig zu übergeben. Dadurch ent- stand die Form des Lohnwerks, wobei der Handwerker ins Hans seincS Kunden kam und dort die verlangten Waren herstellte. Ancb im Spreewald komnit der Handwerker noch in den Hof des Bauern und wenn der Sprccwaldbauer auch sein Brot nicht selbst backt, so kauft er es doch auch nicht. Er sendet vielmehr an den Bäcker das Mehl und ans einer bestimmten Menge hat ihm dieser, gegen Be- zahlimg der Arbeit, so und so viele Brote zu backe». Der Müller vermählt dem Bauer gegen Bezahlung sein Korn zu Mehl und selbst das Leinöl läßt der Bauer noch, alten Grundsätzen treu bleibend, in der Mühle gegen Lohn bereiten, wobei ihm zu statten kommt, daß die Mühlen im Spreewald zugleich Mehl-, Oel- und Brettmühlen find. Das Aufbringen der Aussteuer der Kinder geht noch genau nach der Väter Weise vor sich. Von langer Hand her wird der Besitz ge- sammelt, damit die Aussteuer nicht ein plötzliches tiefes Loch in den väterlichen Geldbeutel reiße. Ist die Tochter eingesegnet worden, so sieht der Sprcewald« baner den Erlen- und Eichenbestand an, der seinen Hof um« säumt. Darunter luählt er mit sorglich enr Blicke aus. Die Bäume werden gefällt und wandern in die Mühle, wo sie zu Brettern geschnitten werden. Dann liegen sie auf dem Hof, bis der Tag gekommen ist, da die Banenitochter sich dem Liebsten verlobt hat; dann erscheint der Tischler beim Bauern. Denn der Bauer kauft nicht im Möbclmagazin der Stadt das kostbar fonrnicrte und glänzend polierte, geschnitzte Möblcnient ein. Der Tischler fertigt vielmehr der Tochter auf des Vaters Hof anS dem abgelagerten Holz die nötigen Möbel an; sie sind derb und in der Dauerhaftigkeit auf ein paar Generationen berechnet. Und selbst, lveun dem Kinde ein Haus zu bauen ist, ist der Bauer sein eigner Ban-Unternehmcr. Die Steine werden eüigckauft und auch das Bauholz nach Bedarf; dann werden Maurer und Zimmerer vom Bauern selbst angenommen und so der Bau unter Dach gebracht. Auch die Handwerksmeister selbst sind auf solch« Weise halbe Bauern. Neben dem Handwerk betreiben sie Landwirtschaft, und eins muß das andre tragen. Und da der Baner, in dessen Augen bare? Geld einen ungleich höheren Wert hat als in denen des Städters, den Thalcr lange in den Fingern dreht, che er ihn ans- giebt, so kommt der Handwerker auf keinen grünen Zweig, zumal sich der Bauer die durch die Zuwanderung aus den Städte» entstandene Konkurrenz unter den Handwerkern zu Nutzen gemacht hat. „Selten kann ein solcher Tischler", sagt Paul Voigt,„jährlich mehr als ein Schwein schlachten; dann giebt es ungefähr ein halbes Jahr lang dreimal wöchentlich Fleisch; ist das Schwei» aufgegessen, so kommt nur noch Sonntags Fleisch auf den Tisch. Fisch, Mehl- speisen, Kartoffeln und Brot sind die Hauptnahrnngsmittel. Der sogenannte„Kaffee" ivird meist aus gebrannter Gerste bereitet." Die Entstehung dieser Bauern- Handwerker weist auch noch dieselbe Spur nach ivie in den Zeiten der längst unter- gegangenen Zunftherrlichkeit. Damals machten es die Zunft- schranken den Handwerksgesellen in den Städten unmöglich, sich das Meiftcrrecht zu erringen. Sie verließen daher die Städte und siedelten sich in den Dörfern der Umgegend bald so zahlreich an. daß die Städte mit Verordnungen heraus kamen, Ivonach� eine „Bannmeile" im Umkreise der Stadt von jedem Gewerk in jedem Dorfe nur ein Handwerker wohnen durfte und solchen überdies der städtische Markt verschlossen wurde. Aehnlich entstehen noch heute im Spreewald die Dorfhandwerker. Die LehrlingSzüchterei in den Städten treibt die Gesellen aus den an der Berlin-Görlitzer Bahn gelegenen Orten in die Dörfer. In den Städten verliert das Handwerk den dörflichen Charakter. Der halbbäuerliche Lohnhandwerker tritt zurück vor dem selbstäiidigeü Meist», der in seinem Zwerfldetrieb selbständig Erzeugnisse für eigne Rechnung herstellt»nd verknnft. Aber mir eine Weile beharrt dabei die Hcrstellungstveise der Waren, dann geht sie über zur Massen- Produktion, die wiederum eine Folge des beginnenden Handels nach auswärtigen größeren Plätzen ist und die Fabrikproduktio» hervorruft. In Lübbe» und Lübbenau im Spreewald besteht solche Produktion. Sie liefert ihre Erzengnisse nach B.erlin, und von hier aus gelangen sie durch ganz Deutschland und ins Ausland. Die Lnbbencr Handwerker— Drechsler— beschäftigen meist wenige Gesellen. Früher betrieben sie vielfach Pfcifeudrcchslcrei. Im Hanse war der Laden, in welchem Pfeifen, lgörbe, Bürsten, Galanterielvaren zc. verkauft wurden. Aber von auswärts drang die billige Konkurrenz ein und vemichtete zugleich de» Export. So ging die PfeisendrcchSlerei zurück. Dasselbe Schicksal erlitt die Spinnraddrcchslerci. Sie war so recht ein ur- sprünglich bäuerlicher Betrieb. Im Winter, wenn die zahlreichen Wasserarme der Spree, die diese bruchige Niederung durchziehen, ver- eist waren, und die Kähne auf dem' Lande lagen, saßen in den Dörfern die Bauern bei»: Spinuraddrechseln an primitiven Dreh- bänken. Kam das Frühjahr, so ließ sich beim Händler in der Stadt ein Stück Geld für die Ware erlösen, und der Händler sandte sie weiter durch Deutschland. Aber die Spinnstuben sind auf den Banernhösc» eingegangen sowohl im Sprcewald als anderwärts. Damit verschwand auch die Spinnraddrechslcrei. Die Produktion der Handwerker war auf das Rohmaterial an- getviesen, welche? der Spreewald bietet: Erlenholz. Kein Holz zur Fabrikation kostbarer Gegenstände, aber doch zur billigen Massen- tabrikation. So begaimcn denn die Handwerker zn arbeiten, und eS kamen immer neue Artikel auf: Rauchtische, Salonsäulen, Bogel- bauer. Schirmständer, ivie Voigt es anschaulich zn schildern tveiß. Die Großhändler in Berlin dehnten das Absatzgebiet immer Iveiter aus, aber da sie natürlich verdienen wollten, so fiel für den Meister in seinem Kleinbetrieb wenig ab. Dabei geriet er in immer größere Abhängigkeit von» Händler, ohne den er nichts war, weil er weit- entlegen von seinen» Absatzgebiet ivohnte. Dazu kan», daß er mit seinem primitiven Arbeitsgerät nichts ausrichten konnte; und so erhob sich denn»eben der Werkswbe de? Kleinnicisters bald die leistungsfähige Fabrik, die das Absatzgebiet an sich reißt und es beherrscht. Je mehr man spreeabwärts sich der Riesenstadt nähert, desto mehr sieht man den ursprünglichen Kleinbetrieb verkümmern. Eilt- ivedcr der kleine Meister paßt sich den Bedürfnissen des großen Marktes an, und»venu er Glück hat. wird er selbst ein„Großer", oder, ivas meistens der Fall ist, die Produktion der Riesenstadt ver- drängt ihn mit leichter Mühe. So ist's in den Schifferdörfern nach Berlin zu. Die airne Sch i fferb e v ölkerung,»velche in, Winter über- dies ihrem Erwerb nicht nachgehen kam», sondern froh ist, mit Waldarbeiten ein paar Groschen z» verdienen, hat keine großen Bedürf- nisse. Einen Teil derselben deckt sie auch auf ihren Fahrten in Berlin selbst. Infolgedessen führt der Dorfhaudwerler ein kümmer- liches Leben. Jinmer näher rückt die Riesenstadt. Das Dorf hat sich zum Vorort ausgewachsen, die Häuser haben vielfach schon ei» städtisches Gepräge. An den schönsten Stellen«heben sich Billeubauten kleineren und größeren UmsaitgS. Ueberall wird gebaut, denn die endlosen Häuserreihen Berlins können die Menscheiimnffen nicht mehr fassen. »stündlich hört man die Borortzüge daherbrausen, die einen schnellen, bequemen und billige» Verkehr init Bctli» vermitteln. Viele Hunderte von Arbeitern hasten morgens in der Däminermtg zum Bahnhof und kehren erst spät abends nach gcthaner Arbeit ivieder heiin. Hier iiinimt das Handwerk die großstädtischen Formen an, den» bei der Einführung von Arbeiten konkurrieren die Großunternehmer Berlins. Die Handvoll Kleinhaudwerksmeister jammert lind klagt. Sie alle führen kaum eine bessere Existenz wie die Arbeiter der Fabrik, aus deren Reihen sie auch meist hervorgegangen sind. Sie waren arbeitslos und nachdem sie lauge genug tagtäglich in die Riesenstadt hineingehetzt»varen, um Arbeit zu suchen ohne sie zu finden, haben sie sich schließlich, mehr aus Verzweiflung„selbständig" gemacht, wenn ei» paar Hundert Mark ihnen ermöglichten, einen Laden und eine Werkstatt zn etablieren. Ein bißchen Handel und Flickarbeit, meist ober die Thätigkeit für die aus der Erde empor- schießenden Bauten nährt sie und ihre Familien, bis die wachsende Großstadt auch diese Kleinexisrenzen der Vororte zerschlägt. Denn die Riesenstadt wächst»md ihr anders geartetes sociales Treiben zcrinalmt in seinem Räderwerl alles, was diesen» Wachst»»»» im Wege steht.— E. E. Kleines Feuilleton. — AuS Urteilen und Reden Wiener Richter, Staatsanwälte und Verteidiger stellt ein Landgerichtsrat nn„Neuen Wiener Tag- blatt" einiges zusanunei». Hier ein Auszug: „Diese Diebstähle atmen alle Zeit und Ruhe." „Durch die Zeugen ist konstatiert, daß der Angeklagte seincn Maulkorb ohne Hund auf der Gusse laufen ließ." „Mildernd ist auch die Trunkenheit, die in dem Verdikte der Geschivoruen zun» Ausdrucke kommt." „Sie scheinen sich auf dein nicht ganz guten Wege der Besserung zn befinden." „Wenn Sie hundert Personen neben einander stelle»», werden Sie kaum eine finden, die sich gleich sieht." „Jetzt sind wir dort angelangt, wo der Suff hervorbricht und sich in schlechter Gesellschaft in seiner eignen Gruppe darstellt." „Die verspätete Konkurseröffnung,'das ist der rote Faden auf den»»veißci» Leiutuche des Augeklagten." „Dieser Unistand ist ein einschichtiger Halm auf den» Stoppelfelde der Anklage." „Unter der Menge der Beweise zerstiebt die Anklage in ein Nicht? wie die Molecüle des Weltalls." „Die Verhandlung konmit mir vor Ivie ein Apfelbaum. Auf einem Ziveig sitzt der Herr Präsident, auf dem ziveiten der Herr Staatsanwalt und auf dem dritten ich, der Verteidiger. Und nun frage ich: Wo ist der Schuldbeweis?" „Muß denn jeder, der die Gelegenheit dazu hat, stehlen? Sehen wir nicht im Gegenteil, daß raffinierte Diebe oft gar nicht. vorhandene Gelegenheiten auszunützen verstehen?" „Der Herr Staatsanwalt hat ganz recht; mein Klient ist ein sehr gefährliches Individuum. Wenn jedoch das Wasser nnsrer socialen Zustände auf ein solches Mühlrad fällt, ivie mein Klient ist, muß hieraus das Mehl des Verbrechens resultiere»»."— c. Der, ,W i»hl»n tc ruchn» er". In Paris giebt es einen Bürger, der offiziell, in den Schriften der Präfektnr, de» Titel„Wahl- nnternehiner" führt, und der also fast ein Beamter ist. Es handelt sich um den Lieferanten des Materials für die Säle der Wahl- abteiluugen in Paris, das alle vier Jahre in den geivöhnlichen Ver- »valtnngsforinci» i» Submission gegeben wird. Die Licferliiig besteht in Tischen, Sitzen, Wandtafeln, Schere», Stecknadeln«nd ver- schiede»»«» Bureau-Erfordernissen. Jede Wahl kostet der Stadt Paris 200 000 Fr. für den ersten Wahlgaug und 60 000 Fr. für den ziveiten. In dieser Sunnne sind mit eurbegriffen: die Mietskostcn für besagten Unternehnier, die Entschädigtmgen für die Stimmzettelzähler in den Abteilungen nird die Centralisation auf der Präfektur. Die Wahlen des Jahres 1898 kosteten genau 180 000 Fr., wovon 120 000 Fr. auf die Beamten und 60 000 Fr. auf das Material kainc». Die Wahlen von 1902»verde», ctivas mehr kosten, da die Wahlabteilungen u»» 10 vermehrt sind; im ganzen giebt es 342 Abteilungen. Die Seillepräfekwr hat sich die'Lieferung der Urnen vorbehalten, die vor der Eröffnung der Abstiii»»nung angesichts des Publikums, das die Abstiiinnung über- ivachcn darf, von den Abtei lungspräsideuten geprüft werden. Eine zweite Urne wird den» Vorsitzenden jeder Abteilung zur Verfügung gestellt, falls infolge von großen» Lärin und Störungen die Urne zerbrochen»vürde. Aber dieser Fall ist äußerst selten, wenigstens in Paris.— Theater. — Schauspielhau«. Heinrich IV.(erster Teil) von Shakespeare.— Was kümmern einen heute die mittelalterlichen Kämpfe um den englischen Königsthron, Ivas die dabei bewiesenen Tapferkeiten und Verrätereien? Die Leute aus dem Hause Lancastcr und Jork sind uuS so gleichgültige Schatten wie die Markgrafen und Kurfürsten, an deren Marmorfront man beim Passieren unsrer glorreichen Sieges-Allee vorbei muß. Kein Faden spinnt sich von ihnen zu irgend einer der großen Ideen, von denen unsre Zeit erfüllt ist. Mit völlig andern Augen als Shakespeare, der in seinen Köi»igsdra>i>e>» von jenen Kämpfen erzählt, sehen»vir die Geschichte, init»ivllig andern Maßstäbe»» werten wir sie. Der loyal-patriotische, aristokratisch-»nonarchische Geist, der in ihnen»veht, ist Geist, der mit dem unser»» nichts zu schaffen hat. Was ein Landsmann und Zeitgenosse des Dichters solchen Historien nachrühmt, daß sie zur Nacheiferring anspornen, daß ein„eirglischer Fürst, wenn er auf der Bühne Heinrich V. oder Eduard III. sähe, »vie er Frankreich verheert und einen großen König in seinen» eigenen Lande gefangen nimint". von Begeisterung ergriffen werden niüffe, daß endlich jene Stücke„den vorzeitigen Untergang der Empörer, das blühende Glück derer darstellen, die sich treu eriveisen wird von verräterischen Anschlägen fernhalten", und so die„Unier- thanen" Geschichte und„Gehorsam lehren", scheint ganz gewiß kein Vorzug,"der sie heilte empfehlen köirnte.— Aber Shakespeares Kraft vermag Funken auch aus verivittcrten» Gestein zu schlagen. Nicht überall gelingt es ihn» das tote Gelvicht, den schiveren' Ballast des Geschichtliche» in seinen Königs- drarmn zn übcrivindcn. Vieles bleibt fremd und gleichgültig »vie die historischen Thatsachei» selbst. Aber Ivo der Stoff ihm freieren Bewegungsrai!»» gestattet, da regt seine Phantasie ihre mächtigen Schwinge»» und läßt Gestalten von »vnnderbar natürlicher Beseelung und typischem Gehalt entstehen, von denen ein Glanz und Schimnier dann auch auf die längst gestorbene, uns völlig entftemdete Geschichte wieder zurückfällt. So vor allem in Richard III. und in den beiden Teilen von Heinrich IV. Der feiste Sir John Falstaff. diese Parodie alles Heldenhaften, der arme Schlucker und pfiffige Gauner, von den» keine Chronik etivaS zu melden hat, ist der Atlas, der auf seinen breiten Schülkern das Heinrichsdrama trägt. Der alte König, seine Granden und die grimmen Kämpfe zwischen ihm und den Empörer», all das Geschichtlich-Vaterländische tritt an lebendigem Interesse hinter diese» einen, nur von des Dichters Gnaden lebenden Figur, dein un« sterblichen Gefteiistiick bc5 niisterblicheu Donquixotc. ziiriirl Und von Fnlstaff her, durch die Beziehung zu ihm erhält mich erst die Gestnlt deS Prinzen Heinrich ihre prächtig individuelle, allen Prinzentraditionen so schnurstracks ividersprcchendc Eigenart. Wie kalt lassen dein gegenüber all seine spätem hochbernhintcn Waffenthaten, tion denen Shakespeare's Heinrich V. dann weiter Patriotisch be- richtet! Die Auffnhrmig im Schanspielhause war so wie man erwarten konnte, gnt im allgemeinrii, doch ohne überraschende Leistungen. Herr Pohl gab den Falstafs in dein Stile, der für diese Rolle üblich gelvorde» ist Allzusehr betont« er, Ivie mir schien, die Schwäche und Gebrechlichkeit des alten Sünders. Die funkelnde Lonvrc, die Behendigkeit des WitzcS, das Selbstbewnsttscin seiner intellektuellen Ueberlegenheit, all da§,>vas diesen Lninpeu doch auch wieder in gewisser Hinsicht liebensivürdig und sympathisch crschciiicii lästt, kam darüber nicht völlig zu sciiicm Rechte. Frisch und lebendig war Herr C h r i st> a n? in der dankbaren Rolle des Prinzen, eigenartig und von vollblütiger Realistik Matkowsky als Heißsporn Percy. Brillant gelang ihn, die Sccnc mit Äätchen im zweiten Akt. Die Abschiedsscene zwischen ihnen kurz vor der entscheidenden Schlacht war leider— wahrscheinlich doch ans Hoftheatcrpriiderie, die sich auch sonst in äußerst lächerlichen Streichungen zeigte— ans- gelassen Gnt war auch, wenigstens zum größten Teile, die Be- sctznng der vom Dichter nur ganz flüchtig skizzierten Nebenrollen. Ganz ausgezeichnet lvirkte die gejchlvätzig-lustige Wirtin Hurtig der Frau Schramm.— 6t. Medizinisches. Is. Aug enkopf schmerz. Dauernde Kopfschmerzen könne» sehr verschiedene Ursachen haben und gehen in sehr vielen Fällen von den Augen ans. Sie können die Folgen einer Ueberanstrcngnng der Augen sein, die sich anS Knrzsichtigkcit oder im allgemeinen ans Fehlern in der Sehschärfe ergiebt. Es ist neuerdings durch Vertreter der Augenheilkunde festgestellt ivordcn, daß sehr viele der so- genannten Ncurasthcniker, die große Reisen zu ihrer Kur unter- nehmen, ohne Heilimg zu finden, erhebliche Besserung er- zielen, wenn fie zum' Tragen einer Brille veranlaßt werden. Dr. Hall hat im besonderen auch ans die nachteiligen Einflüsse niangekhaftcr Augen aiif das Allgemeinbefinden von Schlvindsüchtigen hingeiviescn. Einer der bedentendsten Augen- ärzte eröffnete einen seiner Vorträge unlängst mit den Worten:„In allen Fällen von Kopfschmerz sollten zuerst die Zähne nachgesehen tverden und zu zlveit die Augen. Die gelvöhiilichste Ursache von Kopfschmerz ist ohne Zweifel irgend ein fehlerhafter Zustand der Augen. Zur Erzeugung von Kopfschmerzen ivirken überhaupt zivei Bedingungen: erstens eine allgemeine mit gestörter oder unvollkommener Ernährung, und ziveitcnS eine besondere. Die erstere macht den betreffenden Menschen gleichsam schmerzcmpfiildlich. die letztere bestimmt den Ort der Schnierzempfindung, und dieser letzte Faktor sind sehr häufig schlechte Zähne oder schlechte Augen. Die Nervenschwäche oder Neurasthenie gehört zu jenen allgemeinen Vor- bedingungen für die Entstehung von Kopfschmerz, indem ein solcher durch schlechte Augen auch dann zu stände kommt, wenn letztere ihn ohne das niangeihafte allgemeine Befinden nicht verursacht haben würden; der Kopfschmerz kann dann wiederum zur stärkeren Störung des nervöscii GlcichgelvichlS hinwirken, so daß der circulus vitiosus dadurch geschlossen wird. Das Tragen eines sorgsam angepaßten Augenglases kann zu einer vollkommenen Befreiung von den Kopf- schmerze» führen. Dieser Angen-Kopfschmerz ist nicht zu Vcrivechsel» mit den, neurasthenischen Kopfschmerz, der nach seinem Ursprung eine Art von Vergiftung darstellt und auch bestehen bleibt, nachdem jede etwaige Quelle eiueS Reizes seitens äußerer Organe be- seitigt ist.— Aus dem Tierleben. � Rentiere in Alaska. Als zu Anfang des vorige» Jahrzehnts die Goldfnude in Alaska ganze Scharen von Goldsuchern »ach diesem arktischen Gebiete lockten, wnrde der Mangel an Transport- Nutteln immer drückender. Hunde hatten sich zur Aufrcchterhaltuug des Verkehrs als völlig unzulänglich erivieseu, ivas aber wohl nur dein Mangel an geeigneten Tieren zuzuschreiben ist, denn gute Polar- Hunde haben sich stets als ein vorzügliches Zugmaterial bewährt. Da man jedoch in dem schwierigen, gebirgigen Gelände Vorzugs- ivcisc anf Zugtiere angcivicse» ist, führten die Bereinigten Staaten in, Jahre 1892 843 Rentiere ein. und eS zeigte sich 1898, daß sich die Herden bis zu diesem Zeitpunkt ans 2092 Stück vermehrt hatten. Die Zahl wäre sogar noch bedeutend größer, ivenn nicht zahlreiche Tiere zu Nahrinigözwecken geschlachtet ivordcn wären. Bon ihrer schnellen Zunahme zeugt u. a. der Umstand, daß sich eine Herde von 29 männlichen niw 80 weiblichen Rentieren in, Laufe von fünf Jahren auf 978 Stück vermehrte. Die Lappländer, die mit den angekauften Herden aus Norivegcn mit herüberkamen und die Aufgabe hatten, die Einivohncr Alaskas in der Bchandlnng der Rcnnlierc zu uuterweisen, erhielten einen monatlichen Lohn von 30—40 Dollars, zum Teil auch noch Vekösligung und Klei- dungsstücke. Bei so günstigen Bedingungen fühlten sich dem, auch die Lappländer bclvogeu, im Laude zii bleiben und das anierikanischc Bürgerrecht nachzusuchen. Im Jahre 1898 erhielten nicht ivcniger als IIb Norlveger von a», erikanischen Agenten Angebote, sich in Alaska Beranlivortticher Rcvacteuri Varl Lei» in Berlin. anzusiedeln, und ein Teil derselben wird längs des großen Nnkonstromes verteilt werde», um hier den Postvcrkehr mittels Rentieren zu unter- halten. Der Versuch ist um so interessanter, als die Rentierc auf der skandinavischen Halbinsel in den letzten Jahren so bedeutend abnehmen, daß auch dicZahl der Nomaden, der ivnnderndcn Lappländer immer mehr zusaminenschmilzt. Die Verbreitung der nützlichen Tiere erstreckt sich auf das ganze nördliche Europa und bildet die eigentliche Daseinsberechtigung aller nomadisierenden Stämme, der Lappländer, Samojcdbn usw. Sie sind echte Polartierc, abgehärtet und genügsan,. Ihren Besitzern, den Nomaden, dienen sie als Besörderungsnlittel und außerdem liefern sie den Nomaden alles, ivas diese an Kleidung und Nahrung gebrauchen. In Norwegen erstreckt sich ihre Ansbreitnug über einen Gebirgsgürtel von 1000—2000 Meter Höhe. Ihre Nahrung besteht im Sommer aus verschiedenen Gebirgspflanzen, in, Wiuter aus RenticrmooS, das sie unter dem Schnee zu finden wissen. Wie nun ihre große und schnelle Vermehrung in Alaska zeigt, fehlt eS also auch dort nicht an geeigneter Nahrung, und unter solche» Ilmständen ist den Einwohnern jener öden Gebiete ii, den Rentiere» eine Ivichtige Hilfe in» Kampf ums Daseii» erstanden.— („5tölnische Zeitung.') Humoristisches. — Summarisch. R o s c n b a u e r:„Na, Sepp, hat'S lvaS 'geben anf der G'flügelauSstellmig?" Sepp:„Dös glaub' i, guat is gange, meine Toulouser sGänse) hau, den„Ehrenpreis" kriagt, meine Zwerg-Henne de»„erschien Preis", meine Kropftaubuer den zivoaten und i bin in„Ausschuß" keunna!"— — Boshaft. Dichter seinen Brief in der Hand):„Sehen Sie.„lau schickt mir meine Gedichte nur ein geschrieben zurück." Herr:„DaS geschieht au? Vorsicht, damit sie kein zlveiter in die Hände bekommt."— — Neues Wort.„Der reiche Metzgenneister hat dreilausend Mark für daS Wohlthätigkeitsfest gezeichnet und mm ist die Liste nicht einmal veröffentlicht worden." „Hm, da hat er sich gründlich verprotzt."— s.Meggendorfer Blätter.") Notizen. — Heinrich StobitzerS neues Lustspiel„Seeluft" ist vom Schauspielhanse zur Aufführimg in der nächsten Saison angenoinmen worden.— —„Der Klavierstimmer', eine Operette von Franz Lebnr, wird anfangs kommender Spielzeit im Central-Thcatcr in Sceue gehen.— — Ei n Preisausschreiben für Entwürfe zu einer Decken» und W a n d in a l e r e i hatte der Verein „O r n a>n e n t" sauf Veranlassung der Elberfeldcr Firma Engel- Hardt u. Häbrich) nnsgeschrieben,»in ein mustergültiges Werk für Dekorationsmalerei zu schaffen. Es ginge» inßgesanlt 12S Mappen mit 342 Blatt ein. Drei Preise sjc 400 M.j wurden zugesprochen den Malern Karl T h o m a in Würzbnrg. Paul Ecke in München, E i ch l e r und M ü l l e r zu Berlin. Aiißerdein wurden vorlänfig zwölf Entwürfe(teils Wand-, teils Deckenuialcrcien) a» g e- kauft.— — Den Zwölftansend Mark-Preis der Ham« bürg er Otto B a h l b r» ch- S t i f t u n g hat in diese», Jahre Professor Dr. Ludwig B o l tz m a n n in Leipzig erhalten. Der genannte Preis wird alle zwei Jahre, und zwar für diejenige in deutscher Sprache geschriebene»nd bereits veröffentlichte Arbeit vcr» liehen, die in dem gleichen Zeitran», den größte» Fortschritt in dei« Natnrivissenschafte» gebracht hat. Professor Dr. Boltzinann hat im Fahre 1900 eine Arbeit über die„Tbcorie der Gase" verfaßt, die zivar viel Widerspruch, aber auch viel Anerkennnng gefnndcn hat.— — Der 31. deutsche Chirurgen-Kongreß wurde gestern hier im Langenbeck-Hause eröffnet.— — Giftigkeit des P r ä s c r v e s a l z c s. H. Kionka teilt in der„Deutsch, med. Wochenschrift" als Ergebnis einer lange» Reihe von Versuchen mit. daß das sogenannte.Präscrvesalz. schwcfligsaure» Natron, in üblicher Menge den, Fleisch zugesetzt, bei Hunde» schivere Bergiitmigen bewirkte. Besonders Liebreich und Lcbbin waren bisher für die Znlässigkeit der Verwendung des Mittels, das dem Fleisch seine schöne rote Farbe erhält, ohne in, Übrigen die Zersetzung zu hindern, eingetreten.—(„Technische Rnndschali.") — Flüssiger L e i m. Flüssigen, säurefreien Leim, der nicht gelatiniert und seine Bindekraft behält, ohne zn faulen, gewinnt man wie folgt: Man löse Leim oder Gelatine in einer Mischung von gleichen Teilen Chlorcaleium und Wasser. Die Auflösung kann anf kalten, oder lvarnien, Wege geschehen. So hergestellte Leim- lösnngen eignen sich namentlich auch zum Anfkteben von Etiketten.— Druck und Vertag von Max Badliig ,» Berlir,.