HlnterhaltimgsHlatt des Uorwärks Nr. 68. Dienstag, den 8. April. 1902 (Nachdruck brrbsten.) er Nufdsv Iclifc« Schiive. Noincin üou G>i st n v a f GeijerSta in. Niels sagte das, als wäre es gar nicht an eine einzelne Person gerichtet, sondern an alle Frauenzinimer zu gleicher Zeit, und verlegen blieb er stehen und ließ seine Augen rings über daS belebte Bild schweifen, die vielen Frauen, die Berge von Fischen, die Brücke, das Wasser und die Felsen, Aber er sah eigentlich nichts von alldem. Er hörte nur den Klang der Stimme, die ihm dies ins Ohr geflüstert, und da er selbst so geradeheraus und unbehilflich war, empfand er beinahe Ehrfurcht für jene hurtige Geistesgegen- wart, die ihm ein Stelldichein zugeflüstert hatte, ohne daß jemand außer ihm es hören konnte. Niemand hatte es auch gehört, so leise hatte Märta die kurzen Worte gehaucht. Als Niels weiter den Hügel hinauf zur Windmühle ging, warf bloß Mutter Albertina Märta einen bedentnngs- vollen Blick zu. Doch Märta war so froh, daß sie dem Blick trotzte. „Ihr habt wirklich recht behalten, Mutter", sagte sie,„der .Dclpbiw ist richtig heute früh morgens gekommen." Mutter Albertina verwunderte sich in ihrem stillen Sinn über die Kühnheit des Mädchens. Auch liebte sie es nicht, wenn man in Gegenwart von Zeugen auf ihre prophetische Gabe anspielte. Sie kniff verdrossen die Lippen zusammen, und auf ihr Antlitz legten sich düstere Gewitterwolken. 5. Der Tag ging zur Rüste und die Arbeit wurde beiseite ge- legt. Golden und warm stand die Sonne am Horizont, und ihre langen gelben Strahlen küßten das Wasser, rosenrote Streifen hervon'nfcnd, die sich zu Purpur sammelten, ans einer langen, silbergcränderten Wolke, welche in einem weiten Bogen zu beiden Seiten des lichtblauen Raumes schwebte, so weit daS Auge blicken konnte. Die Farben glitten vom Himmel hinab auf die schimmernden Flüchen der äußersten Schären und ver- Nlischteu sich mit dem Wasser, dessen großer, weiter Spiegel rosig und violett leuchtete, gleichsam in mattcrem Glänze daS wiedergebend, was dort oben brannte. Es senkte sich jene Stimmung auf die Schäre, in der die Stille tief und ruhig ist und selbst der eintönige Laut der Wellen in dem allgenicinen Schweigen zu ertrinken scheint. In dieser Stille klingt nichts wunderlicher als das Quaken der Frösche in dem Sumpfe, der sich an dem äußersten Ende der großen Insel befindet. Es schneidet so seltsam durch die Stille und hört sich so wunderlich in all dem Schweigen an. Es scheint beinahe, als diente dieser herbe, mühselige Laut dazu, die Gedanken sachte auf jene Wege zu leiten, die unmittelbar in die gehcimnis- volle Werkstatt der Natur führen, wo nichts still steht, wo beständig etwas Neues geschieht. Der Küstenbcwohner kann zuweilen dasitzen und diesem Laut zuhören, und wäh- rend er darauf horcht, verbindet sich dieser Laut in seltsamer Weise mit dem großen Anblick des Meeres, das unaufhörlich wechselt. Und was er sieht, scheint sein eigenes Leben zu vertiefen. Die Sonne sinkt immer mehr. Sie versinkt in die triangel- förmige Vertiefung zwischen zwei dunkeln Felsen, die sich gleich phantastischen Schabten über dem Wasser erheben. Je tiefer die Sonne sinkt, desto schwärzer wird der Schatten am Fuße der LUippen, während ihre Kämme und der Himmel ringsherum in stärkeren Farben glühen. Ein Blinken, ein sachtes Glitzern, das sich zusammenzieht, als glitte eine be- hutsame, unsichtbare Hand über das ganze Farbenspiel— und ein ruhiger weißer Schimmer löst den Glanz der starken Farben ab. Die Dämmerung beginnt sich gleich einem Schleier über Wasser und Schären zu senken, und das Quaken der Frösche ertönt lauter, als wäre es vorher durch den Glanz der Sonne gedämpft gewesen, die nun dahin- gegangen ist. Da blitzt es wie ein leuchtendes, ungeheures Auge aus der milden Julidämmerung auf, und über den unermeß- lichen Spiegel des stillen Meeres ergießt sich eine Lichtflut; die Lichtstnt kommt vom Leuchtturm, und wie ans das Ticken eines magischen Uhrwerks wird der Schein über Klippen und Wasser geivorfen, lichte, breite Wege in den Schatten schneidend, den die Sonne hinter sich gelassen, als sie verschwand. Ucbers Meer hinmis und hinein in die Schären werden die Licht- wellen geschleudert, und sieht man weiter hinaus, so entdeckt man kleine leuchtende Pünktchen, die aus dem Meere empor- zusteigen und in den Schlagwellen zu ertrinken scheinen: es ist, wie wenn ein starkes gesundes Menschenkind in seligem Schlumnier sachte atmet. Der Küstenbewohner ist an all das gewöhnt. Aber den- noch kann er lange sitzen und es betrachten, und er kann fühlen, wie die Gedanken verstummen und sich gleichsam nur ehrfürchtig und sachte regen vor dieser Majestät de? Schweigens;»ind er fühlt, wie die Unruhe betäubt wird, und alles, was sich empören, was verwunden und verletzen will, senkt die Waffen und beugt das Knie vor jener großen Stille. Ich weiß nicht, warum dieser Anblick des Meeres in seiner Abendruhe so oft in mir selbst den Gedanken an eine barmherzige Macht erweckt hat, die ohne Empfindsamkeit, doch mit unendlicher Milde die Wogen ans dein großen Meer der Leidenschaft zwingt, innezuhalten und sich zu glätten. Der Spiegel ist blank, und selbst in der Tiefe herrscht Ruhe. Dort unten blüht nur die ganze Flora der Tiefe, die niemals ans Tageslicht kommt. Auf dem Abhang des Felsens sitzt ein Mann in dunkel- blauem Anzug, mit weißer Mütze und neuen, dunkelblauen Segeltnchschuhcn. Er hat sich so gesetzt, daß er vom Dorfe ans nicht bemerkt werden kann, und wenn er sich von Zeit zu Zeit erhebt, um über den Abhang den Steg hinunter zu spähen, aiff dem man von der Kirchhofsmauer hinaus zu den Klippen gelangt. da nimmt er die Mütze ab, damit sie nicht in der Dämmerung gegen die klare Lnft leuchtet und ihn den Kameraden oben auf dem Lotsenausguck verrät. Hie und da versinkt er in eine träumende Stellung, als könnte er seine Augen nicht am Anblick jenes Bildes sattigen, das er doch so viele Male zuvor gesehen. Der Mann- ist auch in einer wunderlich weichen Stimmung. Er ist nicht ungeduldig. Denn er weiß, daß sie, die er erwartet, kommen wird, und daß er nicht zu fürchten braucht, vergeblich harren zu müssen. Er ist in einer glücklichen Stimmung, doch dieses Glück ist nüt einem Zusatz dumpfer Unruhe vermischt, als sollte ihm aus deni Grunde des Meeres des Ungekannten etwas entgegentreten, das er niemals kennen zu lernen wünschte. Er ist ein Arbeiter des Meeres. aber es ist zugleich ein Träumer, und wenn er auch nicht alle seine Gefühle in Worte kleiden oder sie auch nur zu klaren Gedanken formen kann, so ist doch der lichte Spiegel des Meeres, die Sonne, die versunken ist, und die Dämmerung. die sich über die Höhen gebreitet hat, die Frösche mit ihrem knarrenden Gesang im Moor, und die Wellenbrandung, die ans Ufer schlägt— all dies ist ihm entgegengetreten und hat in ihm gerade jene Gedanken zum Leben erweckt, die sich in die Stille einfügten. Und in dieser Stunde erlebt er das, was vor nienschliche Gedanken tritt, wenn alles, was das Leben birgt, sich in jener großen Woge vereinigt, die von einer Sommernacht in ein Menschenherz strömen kann. Der Mann auf der Klippe legt sich nieder und sieht zum Himmel empor, wo die Sterne im matten Schein der Juli- nacht erstrahlen und das Firmament tiesblau ist mit einem Schimmer ins Helle, das an Sonnwendzeit und Frühling er- innert, aber die ganze, volle Wärme des Sommers hat. Und wie er da liegt, vergißt er sein Sehnen, vergißt alles außer seinen eignen Gedanken. Und er erinnert sich. Ach, er er- innert sich an so vieles. Er erinnert sich, wie er hier als 5kind just über diese selben Klippen sprang, gleich einem köstlichen Schatz seine erste Krabbe, seinen ersten Fisch in der Hand haltend. Er erinnert sich, wie er hier umherging, als er schon so weit war. nachzudenken, wie er die Welt groß fand und gar zu gerne wissen wollte, ob er je das zu sehen be- konimen würde, was sich hinter der tiefen Linie befand, in der Himmel und Meer ineinanderfließen. Er erinnert sich, wie er als vierzehnjähriger Knabe hier herumwanderte, als das Unglück mit Vater geschehen war, und er sich als ganzer Plann fühlte und meinte, daß nun er allein es wäre. auf den Mutter sich fortan stützen sollte. Tann erinnerte er sich auch, wie seine Traume, fortzukommen, verdunkelt wurden, und wie er das Gefühl hatte, als fesselte ihn das Schicksal mit eiserner Hand an dies Land, wo seine Vorväter vor ihm gelebt hatten, gealtert und gestorben waren. So jung er war, hatte er doch, wie er sich erinnerte, solches gefühlt, und wie ein scharfes Eisen hatte dieser Gedanke die Phantasien seiner Knabeujahre zerrissen und beivirkt, daß er kalt und nüchtern die Wirklichkeit betrachtete. Aber wie dies nun sein niochte, die Zeit war vorbeigeglitten, und er fuhr fort und kam zur See. weil er dem Verlangen nicht widerstehen konnte, die Welt zu sehen, die lockte. Tann hatte er eine lange Segelfahrt angetreten und das gesehen, was andre von fremden Ländern berichtet, er hatte die Tranben des Südens gekostet und schwarzäugige Frauen lächeln sehen, wenn er um ihre Liebe warb. Aber dennoch war er zurückgekehrt, und hier, an derselben Stelle, wo er jetzt saß, hatte er gesessen, und es hatte sich in ihm die Gewißheit bahngebrochen, daß, wo er auch in der Welt unlherschweiftc, er sich stets Ivieder nach der felsigen Insel an der felsigen Küste zurücksehnen würde, wo kein Baum in die Höhe wachsen konnte, aber wo er sich daheim fühlte und die Wellen seines Lebens sich zur Ruhe legten. Wieder schrak Niels auf und richtete sich empor. Warum kam sie nicht? Und was bedeutete eigentlich all dies? Wo- hin schweiften seine Gedanken heute abend, warum war ihm so wunderlich zu Mute? Was war es, das anstieg und Macht über ihn erlangte an diesem wunderlichen Sommer- abend? Wieder sah Niels übers Meer hinaus, als könnte es ihm Antwort geben, und es kam ihm in den Sinn, wie viele vor ihm hier gesessen hatten und über dieses selbe Meer hinaus- geblickt und gesonnen und gegrübelt, als sollte die Antwort von irgendwo aus weiter Ferne kommen, von einem Orte, den niemand erreichen kann, wo Himmel und Wasser eins werden. Er dachte daran, als er plötzlich bei dem Laut von Schritten auffuhr. Eine Beklemmung überkam ihn, als fürchtete er, es könnte jemand anders als die Erwartete kommen. lForlsetzung folgt.) „Dev Mog mm ITiriif." (Deutsches Theater.) Die Saison steht unter dem Zeichen der ZnckeNvasser-Tramatik. Die billigen Scntiinentalitätcn von„Alt-Heidelbcrg" brachten es am„Berliner Theater" zu einem Kassenerfolg, hinter dein sogar Björnsons„Ucber die Kraft" sich bescheiden verstecken mußte, und die Flut der unglückseligen„Märchendrauien" ist noch dauernd im Steigen. Die„schöne Melusine", der„Herr von Abadcssa",„Frau Anne" und nun zngiltertctzt noch Georg Hirschfelds„Der SZeg zum Lickt", welch' ein überschwenglicher Segen von romantischen Süßigkeiten I „Werdet wie die Kindlei»", das scheint der Mahnsprnch zu sein, nach dem im neuen Jahrhundert das dramatische Handwerk betrieben Ivcrden sollt Die Stücke überbieten einander an Naivität. Die primitivsten Mittel werden hervorgesucht, mid das Publikum, das unter dem Ei»» flnß einer ernsthaft nnturnlistischen Kunst bereits so übertrieben feilt- fühlig getvorden war, daß es sogar den kurzen, nur andeutenden Monolog in modernen Stücken nicht mehr ertragen mochte, läßt sich nun ohne Protest die windigsten Allegorien, die leersten Menschen» puppen, die seelenloseste, zu glatten Versen aufgeputzte Geschivähig» keit auf der Bühne geiallen. Da» Dichten ist bei dieser Konjunktur ein leichtes Ding. Man nininit irgend ein paar meist recht alt- ehrwürdiger„Wahrheiten", erfindet— was, da es auf Wahrscheinlich- keit und innere natürliche Entwicklung nicht mehr ankommt, doch wirklich keine schwere Sache ist— eine mytische Fabel dazu, und verteilt die„Handlimg" ans einen Kreis von Per- jonen, deren Charakteristik sich je in einem Stichwort erschöpft. Dann kann mit Gottes Hilfe— denn gern gesellt sich dieser Art von Märchenhaftigkeit, wie auch das neueste Drama wieder zeigt, ein frommer Augcnaufschlag bei— das große Schöpferwerk des Nieder- schreibenS losgehen. Daß nun auch Georg Hirschfeld, der so viel- verheißend mit den„Müttern" begann und dessen«Agnes Jordan" noch so viele mit echtem Poetenange gesehene Züge anfiveist, den Künstlerstolz des nach Natur und Wahrheit ringenden Naturalisten so weit vergessen konnte, um diesen„Weg zum Lichte" zu lvandeln, ist beschämend. Die Kritik hat ihn von je nicht sonderlich sanft angefaßt, und gegenüber den Mängeln in seinen Gegenwartsdramen das Tückitige, das sie enthielten, wohl oftmals unterschätzt. Aber ist das ein Grund, um Hammer und Meißel entmutigt fortzuwerfen und ans der Werkstatt künstlerisch ringender, tvenngleich nicht immer erfolg- reicher Bildncrarbeit in das Nebelreich nichtiger, gestalt- und Wesen» toser Fabulistik zu fliehen? Der laute Beifall, den sein Stück vei der Premiere sand, kann ihn darüber, ivas dieses Stück bedeutet, iiä nicht täuschen. „Die wahre Liebe überwindet alles"— ein solches erbausames Sprüchlein ctlva wäre als passendes Motto dem Drama in der Buchausgabe vorauzuschickeu. Es ist zugleich das Thema, welches lehrreich darin abgehandelt wird. I» den Tiefen der Salzburger Berge haust mit andcrm dunklen Zivergenvolk zusammen, als ihr König und Herr, ein ganz besonders mißgestalteter, rothaariger und buckliger Duukelelb, der Hahngickl, den' ein brünstiges Verlangen nach iveiblicher Schönheit verzehrt. Irgendwie hängt diese ganze Sippschaft, ebenso wie die ans den Höhen frei umherschweifenden .Wildfrauen" mit der alten heidnischen Geistcrwclt zusammen; vom neuen Christengotte, der über die Menschen herrscht, wollen die Ver- ruchtc» nichts wissen. So ist einstweilen auch Hahngickls Sinn noch aller„wahren Liebe" fremd. Der Arge hat nur böse Lust im Herzen. Da er bei den Wildfranen, so viel glitzernde Bergschätze er ihnen bietet, ans Gründen seines Buckels kein Gehör findet, spinnt seine mitfühlende Mutter einen verbrecherischen Plan. Eine reine Jnngfran, obendrein»och eines Pfalzgrafen Tochter, soll sein eigen werden. Hahngickl soll ihr, die jetzt in unheilbarer Krankheit hinsiecht, ei» Zaubcr-Tränklciu bieten, das sie gesund machen wird und als Entgelt verlangen, daß ihn das Mädchen als sein Weib in die Berge folge. Der Pakt kommt dann im zweiten Aufzug in höchst merkwürdiger Weise zu stände. Hätte Hahngikl, der, als Arzt verkleidet, z» der Kranken schleicht, seine Bedingungen genauer formuliert, so hätte ihn Jungfran Mechthilde, wenn sie nicht ihres edlen Namens völlig iniwert sein soll, mit Absche» von sich weisen müssen, und was wäre dann ans den nächsten zwei Akten geworden? Also hält sich der Zwerg dem Dichter z» Liebe mehr im allgemeinen, er redet ihr davon, daß sie als „Wildfrau" weiterleben soll, und andres derart, ivorauf sie unter Wahrung ihrer ästhetischen Würde zur Not schon eingehen kann. Daß er nach den schlimmen Erfahrungen, die er mit den andern Wildfranen gemacht hat, so seinem Ziele noch um keinen Schritt näher komme» würde, das scheint dem Hahngikl gar nicht einzufallen, oder er verschlveigt es taktvoll, um die Handlung nicht zu stören. Das Tränklein wirkt, und jubelnd stürzt die Jungfran— der man den Vorwurf einigen Leichtsinns nicht ersparen kann, denn im Nu hat sie die unbequemen Berspreckmngen vergessen— dem edlen Ritter und Miiiiiejänger Rcinmar von Ziveter in die Arme. Das ist die wahre Liebe, ivie sich im dritten Akt, wo beide hcrzbewcglich in einem leiizcsgrüiien Garten mit einander schwärmen, und dann vor allem in den finsteren Stunden der Gefahr, im vierten Akte zeigt, als der Priester das Paar getraut hat. So lange wartet nämlich der betrogene Hahngikl, eh' er zur Gewalt greift. Mit einem mächtige», rotglühenden Zauber- Hammer erscheint er da zur mitternächtigen Stunde, i» wilder Brunst Mechthilde zum Weibe begehrend. Kuhn tritt der Ritter zum Kampf vor; aber machtlos gleiten seine Streiche vor dem Hammer des Kobolds ab. Und ivie der Ritter für seine Mechthilde, null sie für ihren Ritter sterben. Auch ein Tenfel könnte solchem Opfermut nicht widerstehe»! Hahngikl erkennt, was wahre Liebe heißt, er läßt den schon zum Schlag gehobenen Hammer sinlen und— entsagt. Tapfer ist der Löwenfieger, tapferer iver sich selbst bezwingt! Und siehe, welch' tiefsinniges Wunder I Der Ruck der inneren Umwandlung ist so gewaltig,'daß mit der Seele auch der Körper neugeschaffen wird. Die bremicud-rote Perrücke und der ausgestopfte Buckel fallen ivie Zunder vo» ihm ab, ein verklärter Jüngling, im frischgetvaschcnen weißen Engelhemdchm steht der Zivcrg vor aller Augen plötzlich da. Die Ahnung wahrer Liebe hat ihn nmgeschaffen. Ohne Zweifel, jetzt wird kein Wildfräulein ihn mehr verschmähen I Zwei dieser hübschen Geisterwcibchcn kommen den» auch sofort mit lüsterner Begierde angeschtvcbt, doch Hahn- gikl ist über derlei iviudige Abenteuer, an denen die Seele leine» Anteil hat. jetzt tvcit erhaben. Mit stolzem Schritt geht er an de» losen Geschöpfen vorüber. Als sinniger Engelsgruß des Per- klärte» fliegt anS unsichtbarer Höhe ein— Edelweiß vor die Füße der Liebenden. Und damit Scklnß inid Amen. Die Schauspieler thatcn stir das Stück, was möglich Ivar. Theresina Geßner war eine anmutige Mechthilde, S o m m e r s t o r f ein echt ritterlicher Held. Das weitaus Jntcr- essanteste bot Reinhardt in der Rolle des Zwerges. Die finstere, wilde Energie der verhaltenen Begierde brachte er zu wunderbare»» Ausdruck, Schade, daß solche Kunst an eine solche Dichtung ver- schweudet war.— Conrad Schmidt. Kleines„A'enillekon. Ilr. Jusektcnaqiiarinm. Die allgemeine Ansicht verlangt für ein Aquanuin, das diesen Namen verdienen soll, unbedingt einen oder nichrere Fische als Betvohner, und so mancher langweilt sich »ach diesem Princip über seine lieben Goldfische, weil er es nicht anders kennt und nicht weiß, daß das Leben in eiiicm Aquarium ohne Fische oft Ivcit interessanter ist als im Fischaquarium. Was ein einziger kleiner Fisch sonst gnadenlos seinem gute» Appetit opfern würde, das eiitwickelt sich bei seiner Abtvesenheit zu einem überraschend viel- seitige» Leben. Gerade jetzt ist die beste Zeit zur Einrichtung eines Jnsekten-Aquariunis. Der Boden des gewählten Gefäßes wird mit einer zollhohen Schicht Gartenerde oder mit Erde vom Rande eines Gewäffers bedeckt und darüber misgewaschencr Flußsand geschüttet sodaß eine weitere Schicht von einem Zoll Höhe entsteht. Um zu vermeide», daß das Füllen mit Wasser den Boden iviedcr aufrührt, — 27 legt nimt ein Stück Pappe auf den Grund und gießt da- Wasser langsam auf diese Unterlage; dann lvird die Pappe luieder entfernt. Pflanzen mit Wurzeln vor dem Aufschütte» des Sandes eingepflanzt, schlvimmende Pflanzen einfach auf das Wasser geworfen. Besonders empfehlenswert ist Eloclsa. densa, die bei jedem Aquariumhiindler zn haben ist und durch schöne Forme» inid rasches Wachstum sich dank- bar erweist. Man kann sich die Pflanzen aber auch aus heimischen Gewässern selbst holen. Bei dieser Gelegenheit bringt man mittels eines feinmaschigen Netzes eine nicht zu kleine Quantität der Wasser- linse mit. die jeden Teich mit einer grünen Schicht überdeckt; sie wird in einem Glasgcfäß nach Hause transportiert und, ebenso wie einige selbstverständlich mitgenommene Schnecken, in das Aquarium entleert. Beim nächsten Gang zu einem Teiche oder Graben wird man das Treibe» im Wasser bereits so gut verfolgen können, um mit einem iiiitgebrachte» kleinen Fangnetz oder auch mit der Hand kleine Wasserkäfer, kleine Wasscrkrebschcn und zahlreiche andre Wasser- iuselten eiufangcil zu können. Das weitere kann mau dann ruhig abwarten. Besonders die Wasserlinse steckt gelvöhnlich voll von Keime» verschiedener Tierchen, die sich im Aquarium von selbst entwickeln und fast täglich neue Entdeckungen machen lassen. Wohl das interessauiestc dieser Lebewesen ist der gemeine Wasserpolyp(Hydra), der sich nach einiger Acit plötzlich unter der Wasserlinse oder an Pflauzenstengclii im Wasser bemerkbar macht. Das ganze Tierchen besteht aus einem kleinen, grünen oder grauen Schlauch von einigen Millimetern Länge und der Dicke einer starken Stecknadel, der mit dem einen Ende fest sitzt, am andren aber acht als Tcntakeln bezeichnete Fäden trägt, die in der Ruhe sternförmig ausgebreitet sind. In diese» winzigen Fäden beherbergt das Tier, das in venvandlschaftliche» Beziebunge» zu den Quallen des Meeres steht, eine Unzahl, nur im Mikroskop bemerkbarer Nesselorgaue, überaus winzige, giftgetränkte Nadeln, mit denen cS kleine Lebewesen, die es gern verschlucken möchte, überschüttet, sowie sie in seine Nähe geraten. Das an- gegriffene Tierchen wird,>vie man leicht im Aquarium beobachten iaun, von dem Ncsselrege». den man mit bloßem Auge natürlich nicht sehen kann, auf der Stelle betäubt und regungslos, läßt sich willenlos von den Fangarmcn des Polypen einspannen und der Muudöffnung des Schlauches zuführen, in den es dann hinein- gestopft Ivird. Findet der Polyp ausreichend Futter vor, so daß er nicht Hunger leidet, so beginnt er ab und zu a» seinem Leibe Auswüchse zu bekomme», die nach wenigen Tagen die Gestalt eines neuen Polypen aufweisen, sich dann loslösen und als selbständige Tiere das Geschäft fortsetze». Auf diese Weise erhält man im Jnsektcu-Aquarium(der Wasserpolyp gehört allerdings nicht zu den Insekten) bald eine stattliche Anzahl dieser interessanten Tiere. Wem die Bermehmng nicht rasch genug geht, der kann sich eine andre bekannte Eigenschaft des Polypen zu nutze machen, indem er denselben mit einem Messer in Stücke schneidet. Jedes dieser Teile wächst bald zu einem neue» Tiere aus, und eS ist bei diesem Ver- halten mit Sicherheit anzunehmen, daß der Polyp mit Organen zur Schmerzempfindung nicht versehen ist.— — Tie Entstehung von Krystallcn in Lösungen ist ei» Vorgang, dem zahlreiche Hörschel mit den stärksten Mikroskopen nach« gespürt haben, ohne wirklich die Art und Weise, wie der erste Krystall dabei entsteht, entdeckt zu haben. Gewöhnlich ist im Gesichtsfelde des Mikroskops an ekuer bis dahin durch nichts anffalleude» Stelle ei» Kryställcheu plötzlich da, ohne daß man sagen könne, wie es geworden ist. Anderseits hat man schon in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhruiderts behauptet, es bildete» sich zunächst kleine Kügelchen in der Flüssigkeit und aus diesen flössen die Krysialle zusammen. Bei dieser Lage der Sache haben, wie die„Kölnische Zeitung" bc- richtet, W. Richards und H. Archibald ihre Zuflucht zur Moment- Photographie im Mikroskop genommen, um durch eine Reihe»ach- einanderfolgeuder Aufnahmen den Augenblick der Krystallbildnng zu erhaschen. Ter von ihnen konstruiert« Apparat ist höchst sinnreich und in de» Aufnahmen können Objekte, deren Durch- messer nur den tausendsten Teil von einem Millimeter bc- trägt, deutlich erkannt werden. Das Ergebnis der Auf- nahmen war, daß i» keinem Fall das Auftreten kleiner Flüssigkeitskugeln nachweisbar ist, dagegen selbst unter de» stärksten Vergrößerungen immer bereits fertige Kryställchcn erschienen. Diese zeigien sich schlecht begrenzt, jedoch nicht aus Mangel an eiiier bc- stimmten krystallinischen Struktur, sondern weil die jungen, bereits vorhandenen Krystalle überaus schnell im Durchmesser größer werden. Dieses Amvachsen geschieht so rasch, daß schon der Zeitraum von Vs Sekunde verschiedene Wachstnmsstadien zu umfassen scheint. Ueber- Haupt ist dieses Wachstum in der ersten Sekunde des Krystalllebeus bedeutend größer als während der folgenden Periode.— — Alte Geniiisesamen. Der Gartenbesitzer wird oft in der Lage sein, ältere Samen, Reste aus früheren Jahren, zur Anzucht junger Gemüsepflanzen verwenden zu wollen. Bekanntlich verlieren alle Samen»ach kürzerer oder längerer Zeit ihre Keimkraft. Will der Gartenfreund sich daher Aerger und unnütze Arbeit mit nicht mehr keimfähigen Same» ersparen, so ist ihm anzuraten, vor der Aussaat eine Probe« Aussaat im Kleinen zu mache». Man benutzt dazu flache Schalen oder Blumen- töpfc, in die man eine geringe Anzahl von Samen sät. Man wird dann leicht ersehen, ob und Ivie viele der Samen noch keimungsfähig find und also die Aussaat noch lohnend. Zu beachten ist aber, daß nicht alle Samen bei niedriger Temperatur austreiben, sondern manche erst bei höheren Wärmegraden. So keimt durchschnittlich bei wenig über 0 Grad CelstuS der Samen von weißem Senf, 1- Hanf, Weizen, Roggen, bei l bis 6 Grad Celsius keimen Garlenkresse, Lein, Spinat, Zwiebeln, Mohn, bei S bis 11 Grad Celsius Gartenbohnen und Sonnenblumen, Kürbissamen verlange» schon 11—16 Grad Celsius und Gurke» und Melonen mehr als 16 Grad Celsius. Die Keimkraft behalte» die Same» von Kohl 5—6 Jahre, Bohnen 4, Erbsen 3— 4, Gurken 6—8, Salat 4— 5, Petersilie und Spinat 1—3 Jahre, d. h. wenn man die Samen luftig und trocken aufhebt. Ist der Anfbelvahrnngsplatz feucht und dumpfig. so büßen viele Samen schon bedeutend früher ihre Keimkraft ein. Für manche Samen ist es nach gemachte» Erfahrungen vorteilhaft, wenn sie nicht frisch ausgesäet werden, da ältere Sauren eine bessere Keimkraft erwerbe».—(„NerthuS".) Theater. Matinee im Seeessions-Theater:„Anca.* Numänisches Drama in zwei Akten von I. L. C a r a g i a I e. „Eine interessante Geschichte." Drama in einem Aufzug von Adolf Flachs.— Der Einakter des Herrn Flachs hätte die Bemühungen einer Sountagsvormittags-Vorstellnng ganz gewiß nicht gelohnt. Er geht über das übliche Niveau jenes spielerisch-natur» losen Einaktergeures, das mit einer gewissen Vorliebe im Residenz-Theater gepflegt wird, im Grunde uicht hinaus. Die sattsam bekannte junge Frau, die, geärgert durch die Eifersuchtslosigkeit ihres Mannes, sich in Koketterien mit dem Hausfreund einläßt, treibt es— aus Gründen der Originalität— hier soweit, ihrem etwas von oben herab über die verheirateten Weiber philosophierenden Manne ins Gesicht zu sagen, daß das an ihrer Seite sitzende junge Herrchen soeben vor ihr auf den Knie» gelegen habe. Und diesen Coup, der ih» demütigen soll, pariert der Herr Gemahl in einer nicht weniger originellen Weise. Er thut, als ob er die Geschichte äußerst hannlos fände, setzt sich zum Karten- spiel mit dem angenehmen Jüngling hin und beeifcrt sich alsbald, zur bessereu Eutwickelung der Komödie mehrmals von der Bühne zu verschwinden. Die beiden treibe» hinter seinem Rücken ihr Spiel weiter und, als er sieht, Ivohin die Dinge laufen, da rächt er sich, indem er feierlich dem tieferschrockenen Hausfreund seine Frau zur Ehe abtritt. Die boshafte Pointe, an Sardous„Cyprienne" erinnernd, ist nicht übel, aber sie so wenig wie einige andre hübsche satirische Spitzen können über die gekünstelte Verzwicktheit und die verworrene Unnatur in Seenenführung wie Charakteristik hinwegtäusche». Es ivar nicht mehr als recht und billig, daß das Publikum die kleine Novität ablehnte. Eine reiche Dosis äußerlicher Theatralik war auch dem rumäni- scheu Dorfdrama Caragiales beigemengt. Aber neben der Theatralik gab es da wirkliche Kraft, die auch, wenn sie zu wilder Brutalität der Wirkungen sich steigert, noch immer fesselt und anzieht. Es ist ein Stück der elementaren, bodenwüchsigeu Leidenschafte», ein Stück der Nachsucht und Gewissensangst, das in seiner Stimmung a» Zolas dramatisierte „Therese Naquin" gemahnt. Der DorfschenkDragomir hat, um die schöne Anca zur Frau zu gewinnen, ihren ersten Mann, dem sie in tiefster Liebe ergeben war, heimlich gemordet. Ein andrer ist statt seiner wegen der Unthat verhaftet worden und zur Zwangsarbeit verurteilt. In den langen Jahren der Ehe wächst und wächst in dem Weibe der schreck- liche Verdacht, daß ihr eigner Gatte der Mörder sei; ein stilles, furchtbar unerbittliches Ringen zwischen den beiden Menschen bc» ginnt. In glühender Nachsucht beschwört sie Tag für Tag das Ge- speust des Gemordeten zur Qual des Mannes herauf, immer lauernd, ob nicht endlich seiner geängsteten Seele doch das Geständnis ent- schlüpfen wird, das ihn ans Messer liefert. Der erste Akt, der daS Gemälde dieser inneren Zusläude in einfachen und eindrucksvollen Zügen aufrollt, wirkt mit unmittelbarer Wahrheit, aber leider, wie so oft, blieb die Lösung hinter der Exposition zurück. Im zweite», dem abschließenden Aufzuge, da häufen sich die krassen, wenig vorbereiteten Effekte, die statt das Interesse zu steigern, es verwirrend zersplittern; und der Ausgang, der durch das plötzliche Erscheine» des schuldlos verurteilten Sträflings und durch seinen im Wahnsinn verübten Selbstmord gewonnen wird, hat geradezu etwas ernüchternd Verblüffendes. Aber auch hier erklingen da und dort schrilldurchbohreud, zumal in de» Scenen zwischen dem nun völlig zermürbten Dragomir und Anca noch immer die echten Töne wirk« lichcr Leidenschaft. Das Weib, wie eS de» Schuldigen niederzwingt, erscheint hier ms Dämonische gesteigert. Der reiche Beifall galt nicht zum geringsten Teile der äußerst gelnugeuen Dnrstcllnng. Gut und mit feinem Verständnis gab Herr T h u r n e r den brutalen Schaukwirt, Herr Rothenburg den armen, eingeschüchterten und geisteskranken Sträfling. Geradezu vorzüglich aber war das Spiel R o s a V a l e t t i s in der Hauptrolle.——dt, Musik. Episoden aus dem Kllnstlerleben, von Künstlern selber zum Gegenstand ihrer Schöpfungen gemacht, sind seit jeher als besondere artistische Feinschmeckereien bekannt. In der Dichtkunst ist GoetheS „Tasso" ein vielgenanntes Beispiel dafür. In der Musik sind Richard Wagners„Meislersinger" ein Exemplar dieser Art, das man sogar lehrhaft nennen könnte, wäre damit nicht der Gedanke au künstlerisch Minderwertiges verbunden. Im Sinne des Phantastischen � wurde dieses Thema ergriffen von Hector Berlioz. Schuf dieser später in seiner Oper„Benveuuto Celliui" das musikdramatische Bild eines augefeindeten und doch durch sein Werk sieg» reichen Bildkünstlers, so hat er bereits als ein der Schule kam» Erwachsener(1829) eine»Episode aus dem Leben eines, KiiiistlerS" als sinfonische Dichtung komponiert. In fünf Abteilungen führt er seinen Helden aus vagen Affekten heraus zu denen der Liebe, in welchen ein„fixes Motiv" durch alle Erlebnisse der Phantasie hindurch wiederkehrt, bis zu den Traumerlcbnissen eines Ganges zum NichtPlatz und eines Hexensabbats. Mit dieser „phantastischen Sinfonie" hat Berlioz in Sturm und Drang, Ver- kenniing und Befchdung d i e Welt der„Programm-Musik" eröffnet, die heute zum täglichen Konzertbrot gehört»nd hat die Fortschritte eröffnet, die durch ihn in die Konipositionsform und in die Jllstnmientiernngskunst hineingekommen sind. Es war ein guter Griff der Philharmoniker, dafi sie zu ihrem Peniionsfonds-Konzert von gestern und vorgestern diese Frühschöpfnng gewählt haben. Damit wurde dem Genuß und der Vcwnndernng, frei von Problemen für die Kritik, nur so mehr Gelegenheit dargeboten, als sich an diesem Werke das Können nnsrcr Philharmoniker und ihres Dirigenten Ni lisch, ihr gewandtes, klares, reinliches, vornehmes Spiel ganz besonders gut zu zeigen ver- mochte. Auch die Soloimmmer des Programms war in diesem Sinne ausgewählt. Die weltberühmte Klaviermeisterin Teresa C a r r e» o konnte nicht bald ein für ihre Vorzüge geeigneteres Fug- stück finden als daS erste Klavierkonzert von Tschaikoivsky. ein Werk, das im ivesentlichen weniger als andre Schöpfungen dieses russischen Komponisten über seine deutschen Vorbilder(zumal Schumann) hinausgeht und mit seinem etwas robusten Charakter vor allem eine Krafttcchnik und die Fähigkeit, aus einer immensen Tonfülle die großen Linien der Gestaltung herauszuarbeiten, verlangt. Dazu rangt eben jene Künstlerin so gut, daß auch in diesem Teil das Konzert zufrieden machen und mit Anerkennung über die kluge Erfolgsicherheit dieser Konzerte von ihnen scheiden lassen konnte. In wesentlich andre Verhältnisse führte uns ein Opern- gasispiel dieser Tage, das wir unter zahlreichen Gastspielen mit gutem Grund ausgewählt haben. Theodor R e i ch m a n u ver- dient den Ruhm eines der allerbesten Barytonisten thatsächlich. Gar nicht zu sprechen von seinem technischen Können, ohne das gerade ein„Wagner-Sängcr" gar nicht zu stände kommt, ist er einer von den wenigen Tonkünstleni, die den simplen Satz bewähren, daß Töne zum Betonen da sind. Sein Gesang— und sein Spiel nicht minder — hat etwas wunderbar„Sprechendes", natürlich ohne jemals aus dem Sington in den Sprechton umzuschlagen. Wie er die einzelnen Tongnippen je für sich zu eincm Ganzen gestaltet, mit all den dazu nötigen Nuance» des Acccntcs, der Klangfarbe nstv., das ist eine Kunst, die zlvar selbstverständlich sein könnte, aber doch kaum in einer Schule so gepflegt wnrde wie in der Richard Wagners. Als Hans Sachs' in den„Meistersingern", als Ainforta's im „Parsifal" usw. hat er zu Bayreuth und im übrigen besonder« zu Wien seit langem sich seinen historischen Platz geschaffen. Nun ist im „Theater deS W e st e n s" Gelegenheit, den Künstler in ein« fächeren Rollen zu hören(den Wagner hat ja die Königliche für sich behalten). Wir möchten zumal ans die bei diesem Gastspiel noch bevorstehende Wiedererweckung des„Bampyr" von Marschner auf- inerksam machen, einer seltener gehörten Hanptoper der romantischen Gattung. Dagegen gehört der„ H a n s H e i l i n g" zu den gc- wohnten Repertoirestücken, und als den„Heiling" hörten wir denn cmch Reichmann. Er konnte uns— obschon er an jenem Abend nicht recht frisch zu sein schien— ganz besonders wieder zeigen, ivie ein Künstler des sprechenden Ausdrucks inr kleinsten, als den wir ihn oben ge- schildert, gar keine Effcktpunkte,„Plätzchen" u. dgl. nötig hat, um durchschlagend zu wirken. Daß die Sänger vom„Theater des Westens" neben dem Gast nicht gerade sehr gut bestanden, dürfte weniger ihnen persönlich als den allgcnieinen Verhältnissen einer Privatbühne zuzuschreiben sein. Ich möchte nicht nachfragen, wie tvenig auf die Einstudiermig eines solchen Werkes zu entfallen pflegt, und. wie noch lvenigcr an er- zieherischcm Einfluß, da ans die Mitglieder ausgeübt werden kann. Camilla Goetzl beispielsweise, die in diesem Stück die Anna sang, könnte unter günstigeren Vcrhältnisicn Ivohl sehr hoch ge- bracht werden. Während das, was man bei Opern als„Textbücher"(die „richtigen"„nur im Theater") auSgicbt, von»ns schon öfter als ein Hohn auf litterarische Würde bezeichnet wurde, bildet sich mehr in der Stille eine sehr beachtenswerte Bcgleitlitteratnr— sozusagen — des Opernwesens aus. Voran stehen hier die musterhaften TextauSgaben von Carl Friedrich Wittmann(in Reclams „Universalbibliothck"), die noch dazu nur einen kleine» Teil deffen kosten, ivas auf jenen Schund verschwendet zu werden pflegt. Daneben werden nun auch die„Opernführer" häufig, das sind kurze musikalische Leitfäden, die insbesondere die Hauptthemcn an- geben. An einigen Beispielen, darunter der dem„Heiling" ge- widmeten Nummer, erprobten wir„Wossidlo's Opern-Bibliothek" alS empfehlenswert und ebenfalls billig. Unter den„Opernführern" des Berlages Hermann Seemann Nachfolger in Leipzig erwähnen wir die uns vorliegende Nununer, die der im alten Opernhaus nun aber ganz bestimmt und sicher kommen sollenden„Louise" von Charpentier gilt(auch deren Textbuch vom Verlag Albert Ahn in Paris usw.) er- hebt sich über die gelvöhnlichen Textansgaben. Dem für die nächste Woche bevorstehenden neuen Oratorium von F. Woyrsch hat der Verlag Viciocg in Quedlinburg eine„thematische Analyse" gewidmet. Alles wenigstens kleine Symptome dafür, daß es mit der Musik- bildung heute immerhin vorwärts geht und vorwärts gehen kann.— — sz. Medizimsches. — Das Gerstenkorn u» d seine Heilung. Ein all- bekanntes Angenübel ist das sogenannte„Gerstenkorn", dessen Eni- stehnng auf einer Entzündung der sogenannten Meibomschen Drüsen des AugenlidrandeS beruht. Es beginnt mit Rötung und Schwellung, die sich auf das ganze Lid erstrecken und so hochgradig lverdeii kann, daß das Ocffnen der Lidspalte fast unmöglich ist. Dazu gesellen sich mehr oder minder heftige, prickelnde und stechende Schmerze», verbunden mit Lichtscheu und Thränenflnß. Nach einigen Tagen erscheint an einer Stelle ein gelblicher Punkt, anS dem sich später unter lebhaften Schmerzen Eiter entleert. Bisweile» bildet sich auch tiefer im Lidknorpel ein hartes Geschwür. Man befördert die Erweichung des Gerstenkorns und beschleunigt den Aufbruch des Geschwüres durch halbstündlich wiederholte lvarnre Vrei-Umschlage von Semmel mit Milch Auch die Schmerzen werden dadurch bedeutend gemildert. Ist die Rötung und Schwellung erst im Entstehen begriffen, so ivende man kalte Wassernmschiäge mit einem weichen Leinwandläppchen an. Das Gerstenkorn kehrt gern Wieder, ja in manchen Fällen folgt ein Gerstenkorn dem andren, und eS entsteht dadurch ein langwieriges, das Gesicht verunstaltendes Leiden. Namentlich in den Entwicklungsjahren treten solche Rückfälle ein, dann ist vor allem eine säftcreinigende Kur und reizlose Diät, ivelche mehr in Obst. Gemüse, Milch und Eiern, als in Flcischgennß besteht, nötig dazu, täglich fleißig Betvegnng in frischer, freier Luft. Dadurch heilen auch selbst bis dahin hartnäckig eingetrocknete Gerstenkörner; natür- lich muß man auch die Ursachen vermeiden, welche die Entstehung des Leidens begünstigen. Hierzu gehören der Aufenthalt in heißer, trockener oder mit Staub. Tabaksqiuilm sowie Gasen verunreinigter Lilft, ferner alle Uninäßigkeitcn im Trinken ec.— Hmnoristisches. — Anekdotisches a u S Alt-Frankfurt. Als im Jahre 1833 am 3. April die Studenten die Haupt- und Konstabler- wache stürmten, besetzten nach deren Wicdcroberung abwechselnd preußische, östreichische, Frankfurter Linientrnppen und Stadlivehr die Hanptivache. Die beiden erstgenannten Truppenteile waren vom Bundestag von Mainz her beordert worden. Am Sylvester- tag 1833 hatte die Stadtivehr mit einem Lieutenant die Hanptivache bezogen. Abends um 7 Uhr brachte eine Patrouille ein„verdächtiges" Individuum. Ter Lieutenant befahl, ihn auf die Pritsche im Innern der Haupt- wacht zu setzen und zog sich in den Pariser Hof zurück, um seinen Schoppen zu trinken und sein Spielchen zu machen, nicht ohne seinem Feldwebel eingeschärft zu haben, auf das verdächtige Individuum ja acht zu geben. Um Mitternacht kommt der Lieutenant herüber ans dem Pariser Hof zurück.„Prosit Neujahr!" sagte er, und dann:„Wo ist denn der Kerl?" „Denke Se an, Herr Leutnant, mer haivlve unS, tveil'S doch Neujohr i-, Punsch gemacht, hawwc dem auch zu trinke gcwe. gut- mütig, Ivie mer is, und als des Oos e Bisse in'» Kopp krieht Hot, Hot er angcfange, n f F r a n k f o r t zu r a i s o n n i e r e n. Da haw we m'cr'n aber genomme und hoben ihn'nausgeschmiss e I" Die pnnschseligen Bürgerwehrleute hatten nämlich vcrgeffe», daß sie auf der Haupltvache waren, sie dünkten sich in» WirtS- Haus.— Von einrm Herrn namens P..., der an der Börse thätig war, erzählt man sich folgende Geschichte: Als P.... der viele Reisen machte, einst von einem längeren Aufenthalte in München zurück- kehrte, fragte ihn ein Bekannter in» Laufe des Gesprächs: „Warst Du auch oft in der Pinakothek?" „Oh. ja." „Und m der Glyptothek?"' „Aach." „Was hat Dir da eigentlich bester gefallen?" „No, ich glaab, wenn ich mich recht entsinn, so Hat'S deS besser Bier in der erste Thek(im Frankfurter Dialekt soviel wie Laden- tisch) getvwe, die De genannt hast, und die bessere Würscht in der anner..(„Frankfurter Zeitung".) Notizen. — G o rki soll an.Lungenentzündung schwer erkrankt sein.— — Dr. Arthur Pserhofer wird am 1. September die künstlerische Leitung des„ L»» st i g e n Theaters"(SecessionS- Theater) übernehmen.— — Das Trianon-Theater ist von einem Konsortium auf acht Jahre gepachtet worden; es werden ausschließlich Lustspiele und Schwanke auf dieser Bühne gespielt werden.— —„Der neue Stern," ein fünfaktigcs Drama von Willy Pastor, wird am 3. Mai von der N e u e n F r e i e n Volksbühne zum erstenmal aufgeführt werden.— —„I u g e n d s p i e l", ein Schauspiel von Franz Johnsen, deutsch von' Ernst B r a u s c w e t t e r, wird noch in dieser Saison im Deutschen Volkstheater in Wien in Seen« gehen.— Kerantivortlicher Redacteür: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Bertin.