Anlerhaltungsblatt des Vorwärts 9lz. 70. Donnerstag, den 10. April. 1902 Mackdruck ottboten.) 8] Nufdev lctzken Srhsve. Noman von Gustnv af Geijerstam. Niels gab sich auch nicht zufrieden. Er sah auf, und sein Gesicht war von unterdrückter Heftigkeit verzerrt. Was er sagte, wußte er nicht so genau, aber er glaubte klar und deutlich zu beweisen, daß es am besten war, wenn Vater da- heim blieb. Er wendete sogar List an und behauptete, daß nur Mutter allein im stände wäre, den Alten zur Raison zu bringen. Da8 wußte das ganze Dorf. „Aber Dein Haus?" versuchte die Alte zuletzt.„Du wolltest ja daheim bleiben und bauen. Da richtete Niels sich empor, und als Mutter Beda sein Gesicht erblickte, ließ sie den Teig entsetzt los. „Gott im Himmel. Junge, was ist Dir?" Er antwortete nicht, sondern stand nur da und rang nach Atem, als wollte ihn etwaS ersticken. „Wer ist die, die Dich so West gebracht hat?" schrie die Alte außer sich.„Mit der möchte ich ein Wort reden." „Thut das nicht, Mutter." sagte Niels ruhiger.„Aber richtet es so ein, daß ich fahren kann. Sonst nimmt es kein gutes Ende." Damit packte er seine Mütze, und bevor die Mutter ihn noch hindern konnte, war er durch die Thür ver- schwenden. Niels trieb sich ohne Ziel herum, und die ganze Zeit über hatte er die Empfindung, als schaukelte sich der Boden unter seinen Jüßeu und als könnte nichts von dem, was ihm an diesem Tage geschah, wirklich wahr sein. Wie war doch alles zugegangen? Wie konnte es möglich sein? War der Teufel los an diesem unseligen Tag? Oder was war eS? Da hörte er Plötzlich einen Laut, der ihn innehalten ließ. Der Weg, auf dem er stand, führte zu einem kleinen, mit kurzem Gras bewachsenen Thal hinab, wo die Jugend sich zu versammeln pflegte, um des Abends zu tanzen. Da fiel ihm plötzlich ein, wie etwas, das er vor langer, langer Zeit gehört hatte, daß es Sonnabendabend war, und erging den Tönen der Ziehharmonika nach, die unten im Thalc spielte. Niels beschleunigte seine Schritte und hatte bald den Platz erreicht. Die Mädchen saßen in einer Reihe auf dem Rasen, der jäh gegen eine Felsenkante abfiel, und die Burschen standen in Gruppen herum. Es waren junge Lotsen und Fischer. Zollwächter und ein paar Seeleute aus benachbarten Kirchspielen. Einige Paare schwangen sich auf dem Plan, und iure von einer unwiderstehlichen Macht angezogen. trat Niels näher. Er wollte nicht tanzen, wollte nicht einmal mit jemand sprechen. Es brannte in ihm bei dem bloßen Gedanken, daß jemand ihn anreden könnte, und für cinen Augenblick war es ihm, als müßte er umkehren. Was hatte er hier zu suchen, unter all diesen fröhlichen Menschen? Aber gleichzeitig war etwaS da, was ihn antrieb, zu gehen, etivas, das seine Schritte zwang und kettete. Was es war. wußte er nicht. Es war, als sei er in eine tiefe Furche geraten, in der er gerade weiter gehen mußte, ohne zur Seite abzuweichen, ohne einen Gedanken daran, umzukehren. Und wie er näher kam, hatte er das Gefühl, als hätten ein Paar Augen lange auf seinein Antlitz ge- brannt, und er sah ans. Nie glaubte er so deutlich gesehen zu haben, nie war er so höllisch klarblickend gewesen in seinem ganzen Leben. Gerade vor sich sah er Märta tanzen. Sie hatte ihn ge- sehen, und er inerktc, daß sie ihn auch erblickt hatte, als er kam, und daß sie es vernncd, ihre Blicke nach der Seite zu richten, Ivo er stand. Rot, warm, das Tüchlcin ans dem Rücken hinabhängend, tanzte sie, und das Herz stand Niels in der Brust still, als er merkte, daß sie mit Sjöholm tanzte. Er erinnerte sich, daß sie von ihm gesprochen, ihn in Gedanken gehabt schon bei ihrer ersten Zusammenkunft nach der Trennung. Was ging es ihn an? Konnte sie nicht tanzen, mit wem sie wollte? Warum nicht ebensogut mit ihm wie mit einem andern? Aber Niels konnte diesen Zusammenhang nicht aus seinem Kopfe bringen. Wieder stand es vor ihm, daß Märta am vorhergehenden Abend dieses Mannes Namen genannt, ob- gleich es damals an ihm vorbeigeglitten war, als hätte es nichts zu bedeuten. Er fühlte, wie ihn» das Blut in die Wangen stieg und er flammend rot wurde. Nun saß der Gedanke in Niels fest. Nun blieb er auch sitzen. Ihn hatte sie also im Kopfe gehabt. Er hatte sie aufgehalten, als sie säumte. Nicht einmal damals hatte sie sich enthalten können, seinen Namen zu nennen.— damals, als sie sich beide wiedersahen und alles, was zwischen ihnen geschah, so heilig und hoch gewesen war. Und jetzt tanzte sie mit diesem andern, als sei nichts vorgefallen. Konnte überhaupt tanzen. Wollte tanzen. Niels stand still und sah, wie die beiden im Tanze innehielten. Er sah, wie der junge Lotse sich über Märta beugte und wie seine Augen glühten, so wie sie es immer zu thun pflegten, wenn sie einem schönen Mädchengesicht be- gcgncten.' Niels stand so nahe, daß er sehen konnte, wie Märta ihm einen langen, schönen Blick zurückgab. Niels sah alles dies, ohne sich von der Stelle zu rühren, und er glaubte zu träumen, als er einen Augenblick später Märta schnür- gerade auf den Platz zugehen sah, wo er selbst stand. Sie sah nicht einmal verlegen aus, nur schelmisch, und sie sagte, beinahe als sei nichts geschehen: „"Willst Du nicht auch niit mir tanzen?" Niels begriff dunkel, daß dies eine Annäherung bedeuten sollte, und einen Augenblick durchzuckte es ihn wie eine Ahnung, daß er das Ganze zu schwer genommen und daß es vielleicht gut werden könne, und für eine Sekunde kam etwas in ihm ins Wanken. Aber im nächsten Moment packte ihn der Zorn aufs neue. Aufs neue war er in der Furche, über deren Ränder die Sonne nicht hinabdrang, und während es ihm war, als schlüge und peitschte er sich blutig, weil er sich selbst treu bleiben mußte, stieß er die Hand des Mädchens weg und sagte mit einer Stimme, die vor Haß zitterte: „Geh Du mit dem, der will. Ich will nicht." Als er das gesagt hatte, war es ihm, als würde es vor seinen Augen dunkel. Und einen Augenblick später kam ein andrer und holte Märta. 7. Ohne irgend welchen Lärm zu machen oder Aufsehen zu erregen, beschloß Mutter Beda, herauszubringen, wo der Schuh drückte, und wer es war, der Niels so außer sich gebracht, daß er aufs Meer wollte, um nur keine Menschen sehen zu müssen. Diese Art war an der Küste gebräuchlich, und Mutter Beda„ hatte mehr als einen gesehen, der so von Haus und Hof gelaufen war, und von Glück und Frieden dazu. Ja, sie hatte welche gesehen, die so weit gelausen waren, daß sie nie wieder zurückkehrten. Freilich hatte Mutter Beda so eine leise Ahnung, welche Wege Niels ging. Denn auf der Schäre war es nicht leicht, seine Geheimnisse ganz für sich selbst zu behalten. Etwas Sicheres wußte sie �jedoch nicht, und da einzugreisen, wo die Liebe mit im Spiel war. dazu war Mutter Beda zu alt und zu klug. Aber ihre offenen Mutteraugen spähten forschend uniher, wo sie ging und stand, und was sie hörte und sah, stellte sie zusammen und barg es in ihrem grauen Kopfe. Daß sie so thun mußte, wie der Sohn sie gebeten, sah sie bald ein, und darum geschah eö eines Tages, daß der alte Olansson steif und fest überzeugt war, er könne die schwere Reise nicht aushalten, und es sei das beste, wenn er daheim blieb und der Sohn fuhr. Woher er diesen Gedanken hatte. wußte Olansson nicht. Aber er war ganz von der Gewißheit durchdrungen, daß es der Jugend zukäme, aus dem Meere zu fahren, und dem Alter, daheim zu bleiben, und es kam ihm beinahe wahnsinnig vor, daß er je etwas andres gedacht haben sollte. Darum war auch der alte Olansson beinahe befangen. als er eines schönen Tages mit der Frage herausrückte, ob denn nicht der Sohn an seiner Stelle fahren könnte, und er war förmlich dankbar gestimmt, als Niels, ohne irgend welche Ueberraschung an den Tag zu legen, ans seinen Bor- schlag einging und erklärte, daß es mit dem Hansbau keine solche Eile habe. Seht, das hatte Mutter Beda ausgerichtet, nur init ein paar klugen Warten.?lber was ihr nicht glücken wollte, das war, eine ordentliche Errliinmg dafür zu finden, was eigent- lich mit Niels vorgegangen war. Nun giebt es nichts, was für eine alte Frau schwerer zu ertragen wäre, als wenn sie etwas sehr gerne wissen will und sich darein finden muß, es als unerklärlich zu betrachten. Und ist die alte Frau zugleich eine Mutter, und betrifft das, was sie nicht wissen kann, den einzigen Sohn, da steigt ihre erregte Unruhe über alles Maß und ihr Erfindungsgeist dazu. Trotz alledem hielt sich Mutter Beda jedoch still und ging nicht in die Nachbarhöse, um ihre Wißbegierde zu be- friedigen. Um keinen Preis wollte sie Niels dem Geklatsch des Dorfes aussetzen. Da wollte sie lieber ihre Sorge bis zum Tage des jüngsten Gerichts umhertragen. Aber es gab doch einen, den Mutter Beda nach reif- licher Ueberlegung ein wenig anbohren zu können meinte. Und dieser eine war kein andrer als der alte Burnm, der alles wußte, was sich bei der Jugend zutrug und immer umherging und nach Liebesabenteuern schnüffelte, als glaubte er. es könnten einige Krümchen von der reich besetzten Tafel der Jugend hinab auf den Tisch seines armen Alters fallen. Mit Bumm konnte man von allem möglichen plaudern, scherzen und Unsinn treiben, als sei das ganze Leben ein Spaß, und kein Mensch brauchte sich dabei etwas zu denken. Und übrigens— Bumm war nicht dumm. Aber Mutter Beda war mit sich selbst darüber einig, daß sie eine alte Frau kannte, die Heller war, und daß diese alte Frau es so einrichten würde, daß sie den alten Bumm überlistete. Sie hatte schon öfters Männer drangekriegt. Mutter Beda hatte ihr Taschentuch um das Psalmen- buch geschlagen und Sonntagskleider angelegt. Fein und geputzt trat sie auf die Straße und schlug den Weg zum Kirchenhügel ein. Es war Sonntag, und die Glocken hatten gerade angefangen zu läuten. Munter hallte ihr Klang über die Schäre, und aus den lichten Häuschen begannen die Menschen zu strömen. Männer und Frauen, jung und alt'wanderte zu der kleineu Holzkirche, die vorm Winde geschützt hinter den Steinmauern auf ihrem grünen Plane lag, wo die alten Weiden über verwitterte Grabsteine und geneigte Kreuze wuchsen. (Fortsetzung folgt.) Nakttvmissonsäjttftliilze Vebvvlichk. Von C u r t G r o t t e Iv i tz. Seit historischer Zeit hat sich der Landschaftscharaktcr irgend eines größeren Landgedietes der Erde ohne Ziithun des Menschen kaum verändert. Der Mensch allerdings hat einen sehr großen Teil der Erdoberfläche unter seine Votmäßigkeit gebracht und ihm den Steinpcl der Kultur aufgedrückt. Es giebt aber doch auch noch einige Landstriche, wo die Natur selbst, allerdings in Wcchselimrknng mit menschlicher Tbätigkeit eine völlige Umwandlmig des Landsäiafts- bildes hervorgebracht hat. Ein solcher Fall liegt in einem großen Landstriche des nordwestlichen Deutschlands vor. der ehemals Wald war und im Lause der Zeit zur Heide geworden ist. L. Gräbner hat in seinem Buche.Die Heide", die als fünstcr Band des große» pflanzen- geographischen Werkes von Engler und Drude.Vegetation der Erde" vor kurzer Zeit erschienen ist, die Bedingungen dargelegt, unter welchen die Heide den Wald ablöst. Der norddeutsche Dilnvialboden war, auch soivcit er aus Sand besteht, ursprünglich nicht arm an Nährstoffen. Es geht dies daraus hervor, daß die tief unter der Erdoberfläche gelegenen Sandschichten ziemlich reich an den Mineral- salzen sind, deren die größere» Pflanzen, also besonders die Bäume, zu ihrem Gedeihen bedürfe». Wciin die obere Schicht dagegen sehr arm an diesen Nährstoffen ist.so liegt das vor allem daran, daß das Wasser, die seit der Eiszeit wirkenden Niederschläge den Boden ausgelaugt, die Mineralsalze in den tiefen Untergrund geführt haben. L. Gräbner hat auch iu einem Artikel.Nährsloffkonzentration und Pflanzendecke" in der.Naturwissciischaftlichen Wochenschrift" Berechiinngen auf- gestellt, die es sehr wahrscheinlich mache», daß allein die Nieder- schlüge seit 6000 Jahren— dein kürzesten Zeitrenin, den man seit dem Ende der Eiszeit als verflossen annehinen kann, also daß allein diese Niederschläge die Auslaugung des BodenS herbeigeführt haben können. In dem Sandboden fließt ja nur bei sehr schweren Gewittergüssen Wasser seitlich ab. für gewöhnlich sickert es in den Boden ein, löst die Nährstoffe auf und führt sie mit sich in die Tiefe. In lehmigem Boden allerdings fließt das Wasser meistens in Rinnen und Bächen ab. es laugt daher das Erdreich nicht aus. Aber das norddeutsche Flachland besteht ja hauptsächlich ans Sand, und hier konnte sich daher die auslangende Wirkung der Nieder- schlage in großem Matzstab« geltend niacken. Im westlichen Teile ist min bei' niaritimcm Klima die jährliche Niederschlagsmenge viel größer als im östlichen Teile, dort beträgt sie V Centiiucter. hier nur 40 Teiitimeter. Dazu kommt, daß die Niederschläge im Westen viel intensiver wirken können als im Osten. Denn hier herrscht während eines großen Teiles des Jahres Frost und Schnee und beim Auftauen im Frühjahr fließt viel von dem Schmelzwaffer oberhalb des gefrorenen Bodens zur Seite ab. Im westlichen Dcnlschland ist der Winter viel milder, die meisten Nieder- schlüge fallen in Form von Regen und der Schnee taut im Winter mehrmals; es sammeln sich also nicht so große Schiieemassen an, eS bilden sich also auch nicht große Thauiväffer. die seitlich in Bäche und Flüsse abziehen würden. Diesem Umstände schreibt es Gräbner z», daß in Nordlvestdcntschland die Heide viel größere Strecken eiimimmt als im östlichen Flachlande. Dieser Verannniigsprozeß, der die Hcidcbildung zur Folge hat. ist aber durch menschliches Eingreifen sehr beschleunigt worden. Durch das Fällen von Holz seit historischer Zeit find dem Walde große Nähr- stofflncngen entzogen werden, ein Prozeß, der zwar nicht so er- hcblich vcrarincnd wirkt wie die Auslaugung, aber doch nicht gering zu veranschlagen ist. An vielen Stellen zeigt sich aber Hand in Hand mit der Verarnning der oberen Bodendecke ein gefährlicher Feind-der Waldvegetation, der Orlstein. Durch die herabsickerndcn Mineralstoffe und Hnmustcilcheil bildet sich in geringer Tiefe unter dein Erdboden eine steinharte Schicht von Raseneiscnstein, dem sogenantcn Ortstein. Gelangen die Wurzeln der jungen Bännie auf diese Schicht, so können sie nicht weiter, da aber der obere Boden ausgelaugt, also erschöpft ist, so verkümmern sie und gehen zu Grunde. An ihrer Stelle tritt das Hnidclraut auf, dieses niedere dürre Sträuchlein, das zum Ansban seines schmächtigen Körpers nur wenig der eigentlichen Pflanzen-Rührstosse beansprucht. Diese Ortsteinbildung hat iinn in Westdeutschland cincn erschreckenden IlMfaug angenommen, die Verarmiing des BodenS geht schrittweise immer weiter vor sich. Einst zur altgermanffclien Zeit war selbst die Lünebnrger Heide noch mit Buchen bedeckt, dem anspruchsvollsten Baninc unsres Waldes. Jetzt kostet eS große Mühe und große Bodeiibcarbcitimg, imi nur die Kiefer dort aufzubringen. Die Heide- bildmig dringl von Westdeutschland ans immer weilcr nach Osten vor. auch hier Iverden die Kiefennvälder immer ärmer und Ivcnn der Ver- armuiig dcS Bodens nicht künstlich Einhalt geihan Ivird, so wird auch hier der Wald allmählich durch die Heide abgelöst werden. Auch im südlichen Schweden giebt es ausgedehnte Heide» ländereicn, die ehemals Wald gewesen sind. Anw hier gab, wie A. RilSson in einer Abhandlung über südschwcdiswe Heiden in einer nordischen Fachzeitschrift betont, in den meisten Fällen der Mensch den erste» Anstoß zur Entstcbung dieser öden Landschaften. Er hieb nicht nur die Bäume um, sondern brannte den Wald nieder, nm Weideland zu bekommen. Dadurch wurde schnell die ganze Holz- Vegetation samt dem Nachwuchs vernichtet. Daß dann keine neuen Bäume wieder aufkanten, lag daran, daß es an Sameiibamnen fehlte und vielfach auch' daran, daß in den kahlen Gegenden der Wind keinen höheren Pflanzenlviichs bestehen ließ. Der Boden dieser Heidelandschaften ist jetzt meist sehr armer Sand. Ob er aber früher so steril gewesen ist, das er» scheint doch sehr fraglich. Da Nilsson bemerkt, daß Laftfenchtigleit die Heidebildnng begünstigt, so wird man doch auch hier mit Gräbner aiiiichmeii müssen, daß in den Gebieten mit reichen Nieder- schlügen der Sandboden am schnellsten ausgelangt wurde, so daß er Baiumviichs nicht mehr tragen konnte. Auf dein nieder- gcbramitcii Waldbodcn entwickelt sich zwar zmiächst ein einiger- maßen freudiger Gras- und Kränterwnchs. lind das ist ja der Grund, weshalb der Wald niedergebrannt wurde. Aber der Nach- teil dieser unsinnigen Vodcnivirtjckiasl zeigt sich sehr bald. Gras und sonstige Kräuter werden durch niedere rasenartige Moos- decken und Rcnntierflechtcn verdrängt, das Heidekraut breitet sich ans und bildet schließlich eine einzige geschlossene Decke, die den ganzen Loden der Landschaft gleichförinig überzieht. Einzelne Lirken. vom Weiderich zerstört, und einige Krüppelkicfern ragen hier und da in der Heide ans, aber immer nur ganz spärlich und dnichans nicht überall. Auch die Heidclandschaft zeigt ja noch verschiedenes Gepräge, je nach der Pflanzengesellichast. auS der sie hervorgegangen ist. In manchen finden sich alte Waldpflanze», ivie der Sauerklee, die Erd- beere, das Steinlabkrant. In andren, die noch einen höheren Grad von Unfruchtbarkeit erreichen, sind die arniseligen Pflanzen verbreitet, die aixb in märkischen Ocdländereien vegetieren, der Zivergampfer, das Waldruhrkrant, die Bergjasione. In ganz im- fruchtbaren Heiden, und das sind bezeichnenderweise die allerällcstcii, ist auch das Heidekraut verschwunden, hier ist nur noch eine niedere Decke von Moos und Flechten vorhanden. Ein Beispiel der merkwürdigsten Uinwandlinig eines großen Landstriches bietet das südwestliche Frankreich. Hier wird die alte, im Süden an Spanien und im Westen a» das Meer angrenzende Provinz Gascogne zu einem großen Teile von den sogenannten „Landes" eingenoinmeii. Unier dein Namen Lande, der vom deutschen Worte Land abgeleitet ist, veistcht der Franzose ein sandiges Oedland, das mit Hnidekraut und Ginster bewachsen ist. Diese Landes haben eine eigenartige Vcrändermig im Laufe der Zeil durchgcmackit. Nach einer eingehenden Studie, die Arnold Engler hierüber jüngst in der„Naturwisseiischaftlichen Wochenschiist" veröffentlichte, war dieser große Landstreifen einst zur Nömerzeit mit Scekiefeni lind Eichen beivachseu. Die Be- völkerniig gclvann ans den Kiefern Harz, das von der Küste ans mit Schiffen nach allen Teilen der damals bekannten Welt gc« bracht wurde. Im fünfte» Jahrhmidcrt unsrer Zeitrcchnnng begann indes mit der VötkcrivM�erung auch für die Gascogne eine unruhige - 279— Zeit. Die neue» Emluflnderec unterdrückten die ulk Bevölkerung, infolgedessen versandeten die Häfen, der Dünensand begann sei» niörderisches Zerstörungswerk, die Küste wurde aus meilenwcite Entfcrnnug landeinwärts mit Flugsand überschüttet.«der auch im Innern wurden durch Menschenhand die Wälder zerstört, und so wurde denn aus dein schönen Wald- lande, daS eine reiche Bevölkerung ernährt hatte, eine weite Einöde. Der Boden, der schützenden Waldbcdeckuug beraubt, vrr- armte mm sehr bald. Die Gascogue ist warm und seucht, vielleicht trug auch hier der Siegen viel dazu bei, die von dichten» Pflanzen- wuchs cntblötzte Oberfläche anszulauge». Nach der Verarmung des BodeuS bildete sich auch hier der Ortstciu, und zwar in sehr ausgedehntem Mage. Es entstand so eine zusainin.enhängende Schicht unter dem Erdboden, dag daS Wasser keinen Abzug mehr fand und so die Gegend ganz versnmpfte. Bis ins neun- zehnte Jahrhundert blieben die Landes ein unfruchtbares, vcriumpstcS und versandetes Land. Da raffte sich unter dem Einflüsse eines Ingenieurs der Staat zn einem groflen Werke auf. Fast das ganze ucunzebuteJahrhnndert ist mit den großartigste» Ilmacslaltnngsarbeitcn zur Rultivicrnng des verivilderte» Landstrichs ausgcjiillc worden. Aber der Erfolg ist schließlich auch ein großartiger. Herne sind die Landes wieder ein Waldland wie ehernals zur Stömerzeit, dieselbe Seekiefer, die ehemals hier große Bestände bildete, bildet auch heute einen Wald von so geivaltiger Ausdehnung, wie es in Westeuropa keinen ziveüeu giebt. Man suchte zunächst den» brcilen Dünenlandc eine Vegetation zu geben. Reithgras, das den lockeren Bode» einigermaßen bindet, erwies sich dazu geeignet. Durch Ueberlegen von Zweige» gelang es, die Seckiefcrsaat zu schützen, und die jungen Pflanze» in die Höhe zn bringen. Natürlich war diese Arncil nicht leicht, da sie auf der mehrere hundert Kilometer lange» Kiislenslrecke einen steten heißen Kampf mit dem Winde und dein Flugsande erforderte. Die Arbeit wäre aber vielleicht doch aussichtslos gelvesen, und der Mensch hätte im Kampfe mit den mächtigen Naturgewalten unterliegen müssen, wenn man nicht durch eine ingeniös« Scbntzbarrierc die Wir- knng des WindcS und des Fliigsaudcs»eutralisirrt hätte. Es wurde nämlich über die ganze imgchcilre Ansdehimng der Küste hin eine Littoraldüne vor dem breiten Tüneiistreife» geschaffen, eine mit re- glilicrbarer Umzäniiiiilg versehene Saiidmancr, die zwar nach dreißig- jähriger Banarbcit immer noch in Ordnuiig geHallen werden nulß, ober doch verhältnismäßig leicht in Ordnung gehalten werden kann. Hand in Hand mit diesen Arbeiten ging eine wunderbar durchgeführte Enl'vässeinng des gaitzen versliiiipften Jnnenlandes, so daß auch hier an Stelle des Heidesninpfrs ein Waldland getreten ist. So ist denn nun hier die Landschaft zu dein alte» Charakter ziirüik- gekehrt, den sie ursprünglich besessen hat. Wie ehedem gedeihe» die Scetiefcrn n»d liesern ein vorzügliches Harz, jetzt wieder das Haupl- produtt des Landstrichs, wie früher in aller Zeit.— Nloines �euillekon» el. Kinder. Der Kontrakt war unterzeichnet und alles, ivas zn besprechen war, besprochen; eigentlich häticn die ne»e» Mieter»»» gehen löniien, sie gingen aber doch nicht. Ter Wirt holte seine» Cigarrenkaste» lind schob ihn dem Herrn hin. Die Wirtin setzte sich auch mit an den Tisch. Man fand sich gegenseitig„sehr iliiiipathisch" und so plauderte man iniincr weiter. Der Wirr sagte: „Was mir am besten gefällt, ist eben, daß Sie keine Kinder habe». Nun bat niaii doch>vc»igstc»s Stühe im Hans." .Ja Kinder machen soviel Leben", nickte die junge Fra». .Nichts ivie Acrger hat»lau mit ihnen", meinte die Wirtin. .Sehen Sie die Leute, die jetzt oben ivohucii. habe» drei Kinder, ivciiii die Jiiiigcils die Treppe heriuiterlaufe», lachen und singe» sie durchs ganze Hans; cS ist nicht zum Anöhalte« nnd oben trappeln sie auf nnd ab.»»d nachts quarrt daS kleinste, das bekonrint jetzt Zähne. ES ist utiausslchlich!" „Läßt sich vorstelle»!" Die junge Frau nickte:.Bei nns, Ivo wir jetzt Ivohne», ist es beinahe ebenso. Etvig spielen sie auf dem Hausflur, und ivcnu ma» drüber redet, werde» die Eltern noch grob." .Natürlich, natürlich", der Wirt wurde ordentlich eifrig,'.was meinen Sic wohl? Auf der Treppe spiele» sie Versteck nnd auf'm Hof jage» sie sich mit de» Rachbarskiudcnl. Iii mein Hof'» Kindergarten? Hab' ich die Mutter gefragt. Wissen Sic, ivas sie nur geaittivortet hat? Der wäre noch viel zu schlecht dazu und Über- Haupt inir'ii Notbehelf, nud wenn die Kinder lachen nnd singen, dann wäre» es dafür eben Kinder, haben Sic Worte?" „In die Mütter!" Die junge Frau zuckte die Achseln..Die Mütter machen sich ja iiimicr zn Assen für ihre Kinder." „Sie habe» wohl selbst nie ivclchc gehabt?" erkundigte sich die Wirtin.' „Leider nicht!" antworlele der Herr nnd klopfte die Asche von seiner Cignrre. Seine Frau warf ihm iiidcffen einen Blick zu. „Ach, na ja, leider nicht, ich bin ganz froh, daß nur keine haben, wir haben gerade mit n»S zn thim. Was Kinder kosten!" „Wenn sie da find, bringt mau sie auch mit durch." .Gott, das Durchbriiigeu! Natürlich bringt man sie mit durch," die junge Frau sah die Wirtin an:„Ja, mein Mann bedauert's niauchnial sehr, daß wir keine haben. Ich ivill aber doch keine, so hat man doch viel mehr vom Leben. Du. was meinst Du?" sie gab ihm einen Klaps ans die Schulter..Wenu nur Kinder hatten, könnten ivir nicht solche seine, teure Wohnung mieten und die Sonnnerreise gäbe eö auch nicht!". I,Ga»z gewiß nicht!" Die Wirtin lachte. .Aber man hätte doch andre Freuden." „lind noch viel mehr Sorgen." Die junge Frau schüttelte den Kopf: „Nee, es ist ganz gut so! Und wenn sie dann trank werden? Dam» lann man noch's Geld zum Doklor tragen, und ivomöglich könnte ich mitverdien«» müssen. Sieh' mal NU, wie fein ich Dir die Woh- unng dnile. Jetzt Hove ich für dreißig Mark neue Portieren geknnfl." Sic sah die Wirtin trilimphicrend an:.Von gespartem Geld. Hätte ich das sparen tönneu, wenn wir Kinder hätten? Und schließlich hat man ivomöglich noch nicht mal Dank für all' seine Plackerei." .Ach nee. Dank..." „Na nein, man rechnet nicht drauf." sie ließ ihren Mann nicht ausreden; aver es ist doch wahr, erst soll man sich hinopfcm für die Kinder, und lvenn sie groß sind, gehen sie doch ihre eigenen Wege." „Sicht nian ja an meiner Tochter," der Wirt brummte vor sich hin.„Alles hat man für sie gcthnn, nnd mm läuft sie hin und Heirat' sich'n Buchhalter,'n ganz gewöhnlichen Buchhalter, der nichts hat.'n reichen Holzhändlcr halt' sie kriegen können!" „Sie liebte ibn doch aber nicht," entschuldigte die Mutter.. Allein der Wirt schrie:„Ach was, Liebe! Cr hätte mich mit in'» jlirchcnrat gebracht, jetzt grüßt er mich nicht mal mehr, nnd mit dem Kirchenrat ist es Essig! Aber Frau Bruckner hat ganz Stecht, nichts lvie Undank hat man von den Kindern!" „Na ja, also, da hört man's ivicder!" Frau Bruckner errötete ordentlich vor Freude über das Lob: „Nein, ich sage auch, bloß keine Kinder! Wenn niaii sie hat, na ja, dann bat man jawohl auch Freude dran, aber ohne Kinder kann man sich das Leben bequemer einrichten!" „Ganz gewiß," nickte die Wirtin,„aber Ivie ist es denn ge- wöhnlich: diejenige» die selbst lauin ivas zn beißen habe», haben die meisten Kinder." .lind die Stadt kann sie ihnen ernähren helfen," kniirrte der Wirt..Nichts zn beißen nnd zn brocken, jawohl; ober siinf, sechs Jähren! Und dann bauen sie Kinderhorte und möchten ihnen noch srei Frühstück geben nnd sonst was, nnd wer soll's bezahlen? Wir, die ivir was haben." .Die Not ist aber auch sehr groß," verteidigte der neue Mieter. .Gewiß ist sie groß," der Wirt zog die Stirne kraus,.müssen die Mensche» denn aber soviel Jähren haben? Die Kinder wären ihre einzige Freud«, antwortet mir so'11 Arbeiterweib. Sind wir vielleicht dazu da, dem Volk seine Freude zn bezahlen?" .Mau müßte nichts geben für die Horde," stimmte die junge Frau bei. .Wenn die armen Leute absolut Kinder haben lvolle», solle» sie sie sich auch allein ernähren." „Und wen» sie daS nicht können?" fragte der Mann,„sie kriegen doch nur schlechte Löhne!" „Dann sollen sie sich keine anschaffen," rief der Wirt entrüstet. „Hören Sie mal: für die Kinder armer Leute ist unser Geld am Ende doch zn schade!"— Theater. L c s s i n g- T h c a t c r.„Fremde Mütter." Schauspiel in drei Aufzügen von Eugene V r i e n x.— Brieux' Schauspiele find Tciidcnzslücke und ivollcn es sei». Auch da, wo die sociale Satire weniger scharf hervortritt, wie in seinen älteren Dramen, in den„Wobithätcrn" nnd den„Entsprungenen", ist es immer eine bestimmte These, der sich die Erfindung nnd Gruppierung der Hondlnng»»terordiiet. Nicht nur darstellen, was ist und wird, möchte er. sondern durch seine Darstellung die Menschen aufrütteln, sie bessern nnd bekehren. Was er als Mensch und Bürger ans dem Herzen hat, eindrucksvoller und ergreifender vor- ziltr-igcii, als es die bloße Rede vermöchte, dafür soll ihm die Bühne als Kanzel dienen. Dieser ivarm- herzige und chrcnbnfte Eifer muß nicht nolivendig— das Beispiel von Tolstojs„Krenzersonalc", seiner„Anferstehnng" und „Macht der Finsternis" beweist es—, aber er kann leicht der künstle- rischen AnSreisnng gefährlich sein. Auch in dem unvergleichlich bc- dcntendsten, von dramalijchcr Beivegmig durchpulstem Stück des Franzose», in seiner„Roten Robe", ist die ttinsetznng des Gc- dankenS in den geschlossenen Znsauunenhang einer organisch cnt« wickelten Handlung nur zum Teil gelungen. Die Ungeduld, den allgemeinen Gedanken nur ja selbst dem cinfachstcii Sinne recht drastisch zum Bewußlfein zu bringen, läßt es auch hier zu einer ruhigen und stillen Hingabe an das Werk der Gestaltung nicht lvNnncii. Immerhin, es war ein großer und kühner Wurf, die nnerjchrockenste Satire und zugleich das bestkomponicrte Drama welches dein Dichter bisher geglückt ist. Ja den„Fremden Miiltern" ist er zu seinem früheren, einzelne Bilder ohne recht dramatische Steigerung nnd Konzenlralion lose aneinander reihende» DarstcllimgLsiil zurückgekehrt. Es ist eine ähnliche Art der Teckmi!, Ivie i» den„Drei Töchtern des Herr» Duponl". dcm Stück, mit dem Brieux in Berti» vor ein paar Jahren auf dem Lesfing- Theater debütierte, nur daß ein Stich ins Bolksflückmäßige binzngekominen ist. Die Stimmniig ist weniger bitter, und schließlich fügt sich alles zu gutem Ende znsamnicn. Im langsam- bequemen Tempo schreiten die Scciien, das sociale Thema, das hier behandelt iverdcn soll, bald von dieser, bald von jener Seite her im Sinne der Tendenz verständig beleuchtend, fort, und zivifchendurch meldet sich — 280— d an» auch der Dichter selbst in den Pluidtchers cineZ Landarztes zum Worte. Die gradlinige unpoetische Prvgramuchastigkeit scheint überall durch den dünnen Firnis von Psychologie hindurch. Und doch, das Stück—'.venigstens in der ganz vortrefflichen Darstellung, die es im Lessing- Theater fand— wirkt nicht langweilig. Immer wieder, wenn das Interesse eben erlahmen ivill, kommt irgend ein hübsches Epigramm, irgend eine unvermutet- frische, charakteristische Wendung, die die Verstimmung verscheucht. Die„Fr em d e n Mütter'— das sind die arnien Bäuerinnen, auf welche die reichen, vornehmen Damen die Last der eigne» Mütterpflichtcn ablvälzcn. Weil sie selbst, um das Leben der Feste und Vergnügungen fortzuführen und um dem Gatten eine stets ge- fällige und begehrte Geliebte zn sein, nicht nähren wollen, reihen sie ohne Bedenken jene Mädchen von ihren Äindern, jene Frauen von ihren Kindern und Männern los. Weil die Amme bezahlt wird, iveil'sie als Inventar des Herrschaft- lichen Haushalts, ebenso ivie Hund und Pferde, glatt ausgefüttert wird, weil man sie mit bunten Kleidern und Bändern protzig be- hängt, findet egoistische Gedankenlosigkeit, das; Alles nach dem Schema von Leistimg und Gegenleistmig hier aufs beste bestellt sei. Wer denkt von jenen Damen an die ungtücklichen kleinen Würmer, die, um den herrschaftlichen Säugling mit fremder Muttermilch von Primaqualität zu versorgen, zn fremden Leuten miSgeliche» werden müssen und dort in Massen, mütterlicher Pflege beraubt, elend zn Grunde gehen, lver an all die Schmerzen und die Versuchungen, die, i zumal tvenn die„fremden Mütter' selbst„Frauen' sind, an solchen Dienst sich knüpfen? Im Dorf der Lazarette Plomchet ist's alte Tradition, daß die Bnucrinncn, sobald sie geboren haben, als Annnen nach dem nahcir Paris gehen. In wenigen, aber eindrucksvollen Zügen entwirft der erste Alt ein Bild der Zustände, wie sie unter dein Einfluß dieser korrumpierenden Sitte sich hier entivickelt baden. Bei den Ehe- schlicßnngcn ist die Spekulation auf jenen lünftigeu Verdienst der ausschlaggebende Faktor. Tritt irgcndivo ein glückliches Familien- ereignis ein, gleich ist der Agent zur Stelle. Der reiche Ammcnlohn aber, den die Frauen pünktlich an ihre Männer einzusenden haben, bringt keinen Segen. In der Abivescuheit der Frau geht die Wirt» schaft zurück und das Geld wird in der Schenke verjubelt. Daneben bat sich ein regelrechtes Erpressertum ausgebildet. Die resolute, hübsche Frau Plauchot, die ihr Neugeborenes über alles liebt, muß. so sauer es ihr ankommt, gleichfalls den Weg nach Paris mache». Mit ihrem gutmütigen, schwerfälligen Manne, der längst das Regiment im Hanse ihr hat abtreten müfseu. märe sie schon fertig geworden, aber der Schwiegervater— ei» vorzüglich gezeichneter Typus pfiffiger Bancrnvcrschmitztheit— läßt ihr keine Ruhe. Der ziveite Akt zeigt Lazarette in ihrer Pariser Ammen- Herrlichkeit, wie sie verwöhnt, gehätschelt, geputzt und gestopft wird, und alle Nnansstehlichkeitcn ihres neuen Ranges angenoinmen hat. Erst als sie Nachricht von ihren, Kinde erhält, kommt wieder Lebe» und Bewegung in sie. Weniger originell ist die satirische Zeichnung der Her-rschafte» und der Damengesellfchaft ans- gefallen, in der der schlichte Landarzt ans dem Dorfe Planchots seine große Rede, mit der er die Gcivissen anfrnltcl» möchte, hält. I», dritten Aufzug endlich kehrt Lazarette, die ihrer Miilterschnsucht nicht länger widerstehen kawi, zu ihrem bäuerlichen Ehehcrrn. der in der Zivischenzcit auf allerhand Abwege geraten ist, zurück und richtet— das ist mit drastisch volkstümlicher Komik ausgeführt— ihre häuS- liche Herrschaft von neuem und anf noch festerem Fundamente auf, so fest, daß nun auch der habgierige Schtvicgervater ihr gegenüber n, achtlos ist. Den Zechbrüdern dcS MauueS weist sie die Thürc und ci»c Ncbeubuhlcriu wird sogar höchst handgreiflich in die Flucht geschlagen. Während sie ein Licdchcn an der Wiege des Kleineu singt, fällt der Vorhang. Die Wirksamkeit des StückeS beruht nicht in der Handlung — dieselbe fehlt, wie man sieht, so gut ivie ganz— sondern, neben der Tendenz, in den vielen scharf gefehcueu Emzelzügen, die in der fein und sorgsam abgeschliffenen Vorstellung sehr glücklich zur Gclinng kamen. Fräulein Jenny Groß, die mir im ersten Akte allzu ivenig bäuerisch aussah, erfreute als Amme im ziveite» Aufzug»nd dann in den kriegerischen Sceucn deS Schlußaktes durch prächtig- robuste hatte a»S der a» sich so nndankbaren Rolle des Reden haltenden Landarztes ein kleines Kabinetlstück diskreter Charakteristik gemacht, Mit lebhaftem, teilweis demonstrativel» Beifall nahm daS Publikum die Sillcnkomödie anf.— ctt. Technisches. — Ein Wunderwerk der I n g e n i e n r k n n st. Die „Technische Rundschau' schreibt: Wer anf der Reise von Indien nach China die Eisenbahn benutzt, welche die Gebirge von Burma durch- quert, kann in der tiefen und felsigen Schlucht von Gockteik ein anf- fallendes Werk der Jngcnieurwissenschaft bewundern: den größte» Viadukt der Welt, der in wenigen Monaten von 33 Amerikanern errichtet wurde. Als die englische Regierung vor drei Jahren die Eisciivahn baute, mußte sie einen Wettbewerb zur schnellniöglichsten Er- richtung dieses Viaduktes ausschreiben, da keinJngcnieur dieAusführuiig in der vorgeschriebenen Kürz» der Zeit üvernehmen wollte. Die Stahl» werke in Steelton, Pennsylvania, bewarben sich darum und erhielten den Zuschlag. Schon am folgenden Tage bereitete man i» Steelton den iiolosjalbn» vor, und i» ivcnigcn Wochen ivaren Taniende von eisernen Schienen gegossen, in Extrazügen nach New Dork gebracht mid von dort auf drei Schiffen Iveiter transportiert. Als das letzte Stück verschifft war, wählte ma» unter den Arbeitern die 35 tüchtigsten ans, die nach London sichren und sich von dort mit dem indischen Postdampfer nach Rangoon begaben. Man brauchte sodann einen Monat, bis das gewaltige Material die 450 Meile» zwischen Rangvo» und Burma hinter sich hatte. Die Arbeiter waren bei Riesenbauten ans de», Mississippi»nd dem Niagara geschult, aber als sie die Schlucht von Gockteik sahen, die weit zwischen den Bergen klaffte, verloren auch sie den Mut. Denn man sollte in einer Höhe von Über 110 Meter ans der Thaliohle Mctallkörper im Gewicht von je LOToiine» errichten»nd eine Weite von ungefähr 800 Meter von Kante zu Kante überspannen. Die mittleren Pfeiler des Viadukts fußen auf einer natürlichen, von großen Felsmassen gebildete» Brücke, unter welcher der 50 Meter breite Fluß hindurchgeht. Man begann mit der Konstruktion einer sehr große» provisorische» Brücke für den Transport der Materialien, baute sodann einen Lnflkrahii mit einem 60 Meter langen Arm, welcher die Stahlichiciien zur Höhe brachte. Dieser Lnftkrahn, den die Eingeboreiici, für Zauberei hiellen, war ein Meisterwerk. Er enthielt eine vollständige Werkstatt und einen Arbeitsranm für die In- genienre mit Telephoneinrichtnng und Signalstation. Mit Ketten „nd Tanen hob der Riesenarm in wenige» Augenblicken enorme Laste»»nd legte sie mit Scitwärtslvendnng ans ihren richtigen Platz. Sobald einer dieser Türme fertig ivar. wnrde dieser Lauf- ktahn von einer Lokomotive bis zn der Stelle vorgeschoben, wo der nächste Pfeiler errichtet werden sollte. Die Eingebornen sollte» die Grundpfeiler einrammen, aber sie hielten auch die Dampframme für ein TcnfelSwerk und waren nicht zur Arbeit zu bewegen, wie es auch sonst schwer ivar, Hilfskräfte zu sinde». Die amerikanischen Arbeiter selbst widerstanden der Hitze und dem Fieber schlecht; zudem war bei starkem Wind nicht an Ar- Veit zn denken, denn das stählerne Skelett des BaneS bog sich wie der Wipfel eines Banmes. Im April war der Auftrag zur Vorbereitung des Materials den Stecltoner Stahlwerken überwiese» worden; im Oktober wehte die amerikanische Flagge bereits anf den» Viadukt, welcher bei der Länge von 800 Meter und bei der Höhe von 110 Meter von der Thal- sohle»nd 170 Meter über de», Flusse sowie bei de». Gewichte von 50 000 Tonnen der größte der Welt ist. Denn die sonstigen Viadukte ans de», Eric in Pennsylvania, i» Texas, in den Anden habe» alle kleinere Dimensionen»nd waren»nter leichtere» Bedingungen z» er- richten. Und dieser Wnndcrba» ist zwecklos: Di« englische Regierung erkannte zu spät, daß die gewählte Bahnlinie nicht die richtige sei. iim Indien mit China zn verbinden; iiia» hat die Arbeiten etwas oberhalb der Schlucht von Gockleit aufgehoben.— Hnmonstisches. — Bei der Schmiere. Schauspielerin: Herr Direktor, ich bitte»m meine Gage im Betrag von 00 M. Direktor(ihr 6 M. gebend): Außerhalb der Bühne brauchen Sie doch nicht die Naive zu spiele»!— — Strenge Observanz. A.: So, der Sekretär T ist ans dem Vegctariervcrcin wieder ausgestoßen worden? B.: Ja, er ist mal dabei ertappt ivorden, Ivie er au seinen S ch» u r r b a r t s p i tz e n gekaut hat.— — Der Kenner. Junge Dame: Schrecklich diese Musik heute, es ist rein um aus d e r H a n t zufahren! C o m m i s: Um Gotteswillen nicht, gnädiges Fräulein. So etwas Passendes finden Sie in der ganzen Stadt nicht wieder l— s, Lustige Blätter.') Notizen. — Die Versammlung deutscher Bibliothekare wird ani 22. und 23. Mai in Jena tagen. Als Verhandlungs- gegenstände tverden u. a. gciinniit:„Die Finanzlage der deutschen Bivliolheken' und„Die Bibliolheken und der Buchhandel'.— —„H e i t e r e t h c i.' ein Volksstück von Heinrich W e Ick er, nach der gleichnamigen Novelle von Otto Ludwig bearbeitet, geht Ende dieses Monats im S ch a u s p i e l h a u s e in Scene.— — Adolf LÄ r r o n g e s Volksstück„Mein Leopold' wird im Schiller- Theater an, Sonnabeiid gegeben werden. Auch„Doktor Klans' ist von derselben Bühne zur Aufführung er» warben ivorden.— — Ein neues Drama von August Strindberg«Die K r o n b r a n t' erscheint Anfang Mai in Stockholm.— — Von den in den letzten Jahren n e n e n t d e ck t e n Gasen tritt in der Atmosphäre am reichlichsten das Argon auf, und zwar enthält die Luft in 100 Volmnteileu 0,937 Argon. Nach den neuesten Mitteilungen W. RanisayS finden sich dagegen in 100000 Teilen Luft nur 1 bis 2 Teile Neon, 0.1 oder 0,2 Teile Helium, ungefähr 0,1 Teil Krypton, und endlich in 20 000 000 Volum- teilen Luft mir 1 Teil Teno». Namsay hält für nicht ausge- schloffen, daß Xenon noch ein schwereres Gas nmschließt, doch ist dies nicht gerade wahrscheinlich.— VerantworUicher Redacteur: Carl Leid m Berlin. Druck rnö Verlag von Max Babing in Berlin.