Hlnterhaltungsbtatt des Worwärts ?dr. 71. Freiwg, den 11. April. 1902 (Nochtmick verbotkn.» P3 Aufdev letzten Schnee. Roman von Gustav a f G e i j e r s t a m. Die Siirchenglocken läuteten und riefen alle zusammen, und die Männer, die in den Fischerbooten heimgekonimen waren und nächste Woche wieder das Meer durchziehen sollten, die Frauen, die ihre Männer wieder daheim hatten und nächste Woche aufs neue mit ihrer Unruhe und ihrer Erwartung zu Hause sitzen würden, alle hatten sie sich eingefunden, und alle fasten sie, als die Glocken verstummt waren, und die neue Orgel— der Stolz der Insel— zu spielen begann, auf den alten Bänken und warteten darauf, das Gebet für die Seefahrenden zu hören und die Danksagung für die, die glücklich heimgekehrt waren. Da fasten sie alle, Grost-Lars und Olausson, Mutter Albertina und ihre Tochter und zwischen beiden der kleine Algot, frisch und munter, in Feiertagskleidcrn. Selbst die erwachsene Jugend war heute in die Äirche gegangen. Sowohl Märta als Niels waren da, obgleich sie in schicklicher Entfernung von- einander fasten, und in Reihen sah man die Besatzung des „Polarsterns", des„Delphins" und der andren Boote, alle mit neuen, lichten Halstüchern,»veisten Krägen, geschoren, hoch aufgerichtet, ernsthaft und still. So lauge die Predigt währte, mag es wohl sein, dast einer oder der andre abfiel und in seinen eignen Gedanken dasast. Denn die Hitze ist stark zur Sommerszeit, und das Fleisch ist schwach zu allen Jahreszeiten. Aber als endlich das Gebet ckam, auf das alle gewartet hatten, da ging ein Seufzer durch die kleine Gemeinde, der zeigte, dast jetzt alle mit dabei waren. Und als nach dem letzten Psalm die O rgel erklang rnd das schwere Traben der Füste auf dem Holzboden der Kirche laut wurde, da war es manchen. als hätte in dieser Stunde Gott der Herr im Himmel ihnen die Versicherung gegeben, daß er sie, wenn wieder eine Zeit verstrichen war, aufs neue vollzählig und wohlbehalten an demselben Orte versammeln wollte. Mutter Beda hatte auch andächtig dagesessen und der Predigt gelauscht und sie hatte das Gebet gleich den andern gesprochen. Aber trotz aller Anstrengungen fühlte sich Mutter Beda zerstreut und sie wußte sich nicht zn helfen. Ihre Gedanken beschäftigten sich mit lmiter weit- lichen Dingen. Mutter Beda fühlte gleichsam einen kleinen Stich im Herzen, als sie merkte, dast die Worte des Gebets an ihr vorbeigeglitten waren, ohne dast sie ttefere Andacht gefühlt und wirklich mit Herz und Mund die Worte des Gebets nachgesprochen, und sie konnte sich von der Ahnung tlicht befreien, dast dicS vielleicht etwas Böses für Niels zu bedeuten hatte, der aus der andren Seite der Kirche fast, mit halb aufgerichtetem Kopfe und einem harten. verbitterten Ausdruck in seinen Zügen. Mutter Beda fühlte sich so«n- sicher, daß sie in aller Stille versuchte, das Gebet für sich selbst zu wiederholen, nachdem der Pgstor längst zn etwas andrem übergegangen war. Aber die Andacht, die einmal aus ihrem Herzen gewichen, liest sich nicht wiedercrringen. Mutter Beda murmelte die Worte des Gebets, doch sie fühlte selbst, dast sie ohne Wirkung blieben. Die Ursache von alledem lag darin, dast Mutter Beda, wie sie dasast. die ganze Zeit mit den Augen in der Kirche henimgesucht hatte, um zu ergründen, ob sie nicht irgendwo Fille Bumms ansichtig werden konnte. Während der ganzen Predigt hatte sie gegen ihre sündige Lust gekämpft, sich umzudrehen und ganz rückwärts in die Kirche zu schauen, um heranszubekoimne», ob er nicht etwa dort war. Aber die ganze Zeit waren die Augen des Geistlichen gerade auf sie gerichtet gewesen, und ehe Mutter Beda ihrem eigenen Pastor gezeigt hätte, dast sie Gottes Wort nicht mit Andacht hörte, würde sie sich lieber die Zunge abgebissen haben. Doch die Folge davon war, dast Mutter Beda ihre Gedanken auf jeden Fall nicht gesammelt halten konnte, und als sie sich erhob, um zu gehen, lvar ihr erster Gedanke, nachzusehen, ob sie Bumin irgendwo hinter sich hatte oder nicht. Aber Bumni war nirgends aufzufinden. Er tvar nicht in der Kirche und nicht auf dem Kirchenhügel. Auch nirgends auf dem Wegs zeigte er sich. und unten bei der Dampsichiffbrücke kam er ebenfalls nicht zum Vorschein. MutK. Beda ging den Weg heiin mit kurzen, trippelnden Schritten, das Kopftuch tief in die Stirne gezogen und das reine iaschelitluy um das Psalmenbuch geschlagen. Sie war fömlich aufgebracht daß ihre Nachforschungen so nustglückt waren, aber noch m-r,- darüber, daß sie in ihrem Gebete Gott nicht erreicht hatte. Uud � konnte den Gedanken nicht verscheuchen, daß sie. ohne e.. zu w.jfen, vielleicht"twaS BöseS verbrochen habe, das an Niels heimgesucht werden konnte. Fille Bumin ging inzwischen allein weit weg a,.. Strande umher, wo niemand ihn sehen konnte und war fuchsteufelswild. Er setzte sich nieder und starrte auf den Tang, der die Klippe bis hinab zum Meeresgrunde bekleioete, und rief alle Teufel, die er nur kannte, am'helllichten Sonn- tagvormittag an. War es vielleicht seine Schuld? Gab es einen Menschen, der sagen konnte, dast es seine Schuld war? Kannte nicht das ganze Dorf die Alte des schivarzen Jakob und ihre Rangen, und konnte er wissen, daß sie um sein Haus herum- liefen und ihr Unwesen trieben und seinen Hund auf den Tod erschreckten? Die Sache war die, daß Fille Bumm, als er an diesem Sonntagmorgen, kaum in die Kleider geschlüpft, die Flur- thür geöffnet hatte und hinters Haus gehen wollte, plötzlich ein Schreien und Laufen und Toben hörte, als sei Feuer los. Da war der Lärm von eilenden Schritten über Felsen, Kindcrschreie, Thüren, die zugeschlagen wurden, und Hunde- gebcll. Zuerst hörte er, daß sein eigner Phylax bellte. Dann antworteten ein paar andre, gröbere Hundestimmen von der andern Seite der Insel, und hierauf durchschnitt eine kreischende Weiberstimme den Lärm:„Jesus, der Bub!" Dann wurde es grabesstill, und wie ein Pfeil kam Phylax daher- geschossen, den Schwanz zwischen den Beinen, und schlüpfte durch die Flnrthür herein. Bumm hatte sich noch kaum gefaßt und die wenigen Schritte auf die Klippe zurückgelegt, welche- ihn auf die gleiche Höhe mit seinem eignen Dach brachten, als er ein altes Weib mit einem heulenden Kinde an der Hand auf sich zukominen sah, und bevor Bumm noch fragen konnte, waS es gab. zeigte die Alte ihm den blutenden Finger des Jungen und begleitete diese Vorweisung mit einem Schauer von Schimpfworten. Bumm und die Alte des schwarzen Jakob waren von alters her just nicht die besten Freunde. Das gereizte Weib war nämlich für den Alltag sanft und weich, und man behauptete, dast ihre Gabe, sich einzuschmeicheln, recht einträglich sei, wenn sie vom Pfarrhof oder vom Kramladen kam und sich unglücklich gestellt hatte, um nicht das bezahlen zn müssen, was sie und die Rangen asten. Dies, war wenigstens Bumms Auffassung, und die hatte er auch öfters als einmal ehrlich ausgesprochen. und Bumm wußte nur zn gut, dast die Alte das nie vergessen hatte, ebensowenig wie Jakob, ihr Herr und Gemahl. Dieser Jakob gehörte zur Besatzung des„Delphin", und er war gerade derjenige, welcher geknurrt hatte, als die Kameraden beschlossen, den kleinen Algot mitzunehmen und ihm seinen Anteil an den Fischen zn geben, unr so der Mutter zu helfen, die eben Witwe geworden. Dies hatte seinerzeit dem Wohlwollen, das Fille Bumm für die ganze Familie hegte. neue Nahrung gegeben, und als Fille Bumm die Geschichte zu hören bekam, hatte er mitten auf der Dampfschiffbrncke gestanden und so gelacht, dast man es ein gut Stück Weg lvcit hörte, und dann hatte er gesagt, es sollte ihn freuen, die alte Hexe an dem Tage zu sehen, au dem der Alte er- soffen wäre. Dies hatte Bumm gesagt, und dafür stand er ein. Daß es denen. Ivelchen es galt, ordentlich und richtig rapportiert worden war. dafür hatte er im Laufe der Jahre zahlreiche Beweise erhalten, und nun sollte er wohl den Dank für alles einheimsen. Darum liest er die Alte keifen und stand selbst nur mit grimmiger Miene dabei, und als sie Atem holte, be- merkte er: „Wenn Du glaubst, dast dabei ein Verdienst für Dich herausschaut, dann bist Du wohl auf dem Holzweg." Immerhin ließ es sich nicht in Abrede stellen, daß Phhla� den Jungen in die Hand gebissen hatte, und Bumm war eigentlich im Grunde ein bißchen unruhig. Aber er sah bald, daß es nichts Gefährliches war. Das ganze war eine Schramme mit einer Geschwulst ringsherum, und um sich nicht unnach- gicbig zu zeigen, ging Bumm ins Haus, holte eine Schere und schnitt deni Hund ein Büschel Wolle ab, daß die Alte dann in die Wunde legte, denn das weiß jeder, dofc,� wenn man von einem Hunde gebissen wird, dies nicht anders ge- heilt werden kann, als indem man in die Wnnde Haar von demselben Hund legt, der den Schaden verursacht hat. Wenn diese Art der Heilung durch ihre s*r>G-"> die Angst vor Hunde- bissen vermehrt haben sollte, es wohl niemand mibe- areislich finden. Während die Alte mit dem Auflegen der Wolle be- schäftigt war, entstand eine kleine Pause in dem Geschimpfe, und Bum»- öegann bereits zu glauben, daß das Unwetter �s,�serziehen werde. Aber als er aufblickte, sah er den Alten über die Klippe klettern, und da begriff er, daß eL von neuem angehen werde. So geschah es auch, und es gab ein Schimpfen, das gar kein Ende nehmen wollte. Alte Schwächen wurden hervorgesucht und neue mit der größten Behendigkeit hinzu- gefügt. Bumm nannte den schwarzen Jakob— was ja an und für sich schon ein Spitzname war, wenn auch durch den Gebrauch geheiligt— seines eignen Teufelsweibes Memme, und Jakobs Ehehälfte schalt Bumm ein altes Aas. In kurzer Frist hatten sich reichlich Zuhörer eingefunden und in aller Gegenwart wurde das Leben des Hundes als Blutrache und Versöhnungsopfer geheischt. Die Ursache dieser wunderlichen Forderung lag darin, daß. wenn ein Hund einen Menschen beißt und manches liebe Jahr später krank wird, diese selbe Krankheit auf den Menschen übergeht, der gebissen worden ist. Wird der Hund toll, so wird der Mensch auch toll, wenn gleich zehn Jahre seit dem Biß verflossen sind. Bumm konnte auch nicht leugnen, daß er das wußte, und das schwächte seine Position. Aber als es ihm klar wurde, daß er Phylax, der sein Aug- apfel war, für den Rangen des schwarzen Jakob opfern sollte, da stieg ihm die Galle wieder und er schwor, daß er Phylax behalten wolle, wenn er auch alle Satansbälge bisse, die im ganzen Dorfe umherkrauchten und krabbelten. Dies machte, daß der Streit von neuem aufloderte, und es ist nicht unmöglich, daß er zu Handgreiflichkeiten ausgeartet wäre, hätten nicht im selben Augenblick die Kirchenglocken zu läuten angefangen. Dies machte dem Zank ein plötzliches Ende. Denn ein gewaltthätiger Auftritt während des Gottesdienstes wäre eine ewige Schmach für die Insel gewesen. Fille Bumm drehte sich um und ging in seine Hütte, indem er sich mit einer vielsagenden Gebärde begnügte, die seine tiefe Verachtung für den schwarzen Jakob, seine Alte, deren Rangen und alles, was ihnen zugehörte, ausdrücken sollte. Und das beleidigte Paar ging seiner Wege, Verwünschungen gegen Fille Bumm und sein ganzes Haus ausstoßend und den Jungen führend, der über dem Ver- gnügen, die schönen Worte anzuhören, die von den Felsen wiederhallten, den kleinen Schmerz des Bisses völlig ver- gessen hatte. Aber Fille Bumm nahm seinen lieben Hund mit und ging weit weg den öden Strand entlang, wohin sonst kein Mensch kam. Und nachdem er dort ein paar Stunden fluchend gesessen und die erste Hitze sich gelegt hatte, faßte er seinen Entschluß und schielte zu Phylax hinüber, als fürchtete er, der Hund könne verstehen, was sein Herr dachte. Bumm faßte diesen Beschluß, nicht weil er Angst hatte und nicht weil er nach dem schwarzen Jakob, seiner Alten oder deren Rangen fragte. Nein, aber der Hochmut stieg in ihm auf, und er wollte nicht, daß so ein Satansweib etwas über Fille Bumm sagen könnte. Am Sonntag durfte so etwas, worüber Fille Bumm jetzt nachgrübelte, nicht ge- schehen. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck»erdeten.) ViKkttalieit�VUtkÄkion zu Alkbievling. Skizze aus dem.Bahrischen" von Lina Leibi. .Na also, jetzt weißt Du eSI" sagt der Bürgermeister von Alt- bierling zu seinem Gemeindeschreibcr..Jetzt kannst Dich richten danach. Ich schätz', bis gegen neun Uhr werden wir die Sach' in Augriff nehmen." „Mr ist's ein Ding," sagt der drauf.„Ich kann um acht Uhr auch schon beim Zeug sein, wenn es sein muß." Dabei schlägt er mit dem geivic�tigen Hammer auf das auf dem Ambos liegende, glühende(Äsen, daß die Funken nach allen Seiten stieben. E'- ist nämlich Schmied seines Zeichens, ri�tihet Groaschmied. Seine für sein Geschäft so ungeivöhnlichc Intelligenz, oie ihnr gestattete, den Gemcindeschreiberposten zu versehen, ver- dankte er dem Umstand, daß er dermaleinst„ein Herr" werden sollte, infolgedessen er ein paar Jahre„studiert" hatte. Aber— Ursprünglich war benannter Posten dem Schnllehrer zugedacht und zlvar mit einem jährlichen Einkommen von 85 M. Weil aber der Lehrer„was verlauten" hatte lassen, als wenn ihm für die viele Arbeit und Schererei, die das Geschäft mit sich brachte, die Bezahlung zu gering sei, der Schmied dagegen, der auch eü, „belesener" Mensch war und.mit der Feder gut umgehen konnte", sich erbötig machte, daß er die Sache um 35 M. billiger und„grab' so schön" versehen wollte, fiel letzterem der„einträgliche" Posten zu. Zwar freilich, wenn er dies früher gewußt hätte, daß die Ge- meindeschreiberei solch' eine.znividere" Geschichte wär', da hätt' er's recht gern dem Lehrer vergönnt und hält' ihm's nickt abspenstig gemacht. Der Deixel häit's aber auch recht machen können I Haben sie ihre Amtsverrichtungen richtig und streng' gemacht wie sie vorgeschrieben geivesen sind, nachher yaben's so und so viele Kundschaften eingebüßt, er und der Bürgermeister, denn der hat auch ein solches Geschäft gehabt, wo er auf die.Leut'" aufpaffcn hat muffen. Haben fie die Sach' gut sein laffen und haben hie und da ein' .Aug' zudrückt", nachher ist alle Daumlang vom Bezirksamt«in .Rüffel" kommen. So heut' wieder wegen der Biktuakienvifitation. In der Be- ziehnng sei die Gemeindevenvaltnng viel zu nachläsfig; in Bezug auf Ncinlichleit 3C. je. herrschten mancherorts geradezu.schauderhafte" Zustände, wie der Herr Bezirksamtmann bei seiner kürzlich anläßlich der Schulprüfung stattgehabten Amvesenheit in Allbierling sich persönlich zu überzeugen Gelegenheit hatte. Es müsse«ine.außerordentliche" Viktualieuvifitation anberaumt werden und zwar sofort. So im großen Ganzen war ja dem Schmied gerade diele amt- liche Verrichtung die liebste, ivegen der.Nachvisitation", die dann im Wirtshaus immer»och gehalten wurde. Da zahlte der Bürgermeister ein.paar Maßt", der Wirt gab etliche Krüge voll zum besten— ist gar nichts so.Dummes" gewesen mit"der Biltualienvisttation, wirklich nicht. Nur.erscheinen" hat er sich's nicht lassen dürfen der Schmied, daß er ein solches Wohlgefallen dran hat, der Schmiedin halber. Denn die ist immer ganz rabiat gewesen, wenn ihr Mann sich einen solchen„politischen" Feiertag gemacht hat. Drum hat er gesagt, wie er in der Werkstatt nnt der Arbeit fertig geivesen und in die Stube hineingekommen ist:„Höllsakra, morgen haben wir wieder einen Strauß drein I Mußt so gut sein, Vikerl, und mußt mir meine andre Joppen ausputzen I" .Was giebt's denn ab?" hat die Schmiedin sich erkundigt. „Mein, was wird's denn abgeben I So eine geschmerzte Visitation haben wir wieder, so«ine galgenvcrdammte I" simuliert er weiter, als wenn ihm die Sache weiß Gott wie unangenehm wäre. „Schon wieder?" keift die Schmiedin.„Habt's ja eh erst am Simonitag eine gehabt!" „Ja weißt, die zählt nit mit, die morgige; dies ist eine„außer- ordentliche" I Drum darf auch kein Mensch ein Wissen haben drum— verstehst?" Natürlich hatte die Schmiedin verstanden, nur zu gut, und sie beeilte sich ihres Ehcherrn Befehl auszuführen. Nur zum Krämer hat sie erst noch schnell laufen müsse» um einen Kandiszucker und zum Bäck uui eine Semmel, damit sie ihrem kleinen.Taverl" einen frischen Schnuller„verrichten" hat können.--- Ein gute Viertelstunde schon steht die Krämerin vor ihrer Laden- thüre und bläst mit volle» Backen in einen weiten, irdenen deckel- losen Tigel hinein, um die in demselben aufbewahrten ungebrannten Kaffeebohnen von der fingerdicken Staubschicht, die darauf lagert, zu befreien. So ein Staub setzt sich halt inimer gleich a», besonders bei einem solchen Sach',»ach dem selten eine Nachfrag' ist, wie dies bei dem„ungebrannten" der Fall ist. Die Leut' mögen sich die Müh' nicht mache» mit dem„Brennen". Hernach wird die.Laden- pudel" abgeputzt, die kleinen Regale ausgewischt, der Sack voll Koch- salz, dem die große, blecherne Petrolcumbüchse bis jetzt einen so feste» Anlchnmigspunkt gegeben hat, von dieser weggerückt, die „Käislaibeln" und„geselchten Häringe", die auf einen: alten Zeitungspapier liegend', auf die Kauflustigen solch' gewaltigen Gaumenkitzel ausgeübt hatten, in eine schöne, neue Schüssel gelegt usw. usw. „Du Bäckin, hast gehört!" schreit die Krämeriu zu ihrer Nach- barin hinüber.„Morgen, gelt?" .Versteh' Dich schon ja, d' Schmiedin hat mir's g'sagt." „So, Dir auch? Na, nachher ist's eh recht." Der Wirt, der zufällig auf der Gred heraußen steht und der Krämerin ihre plötzliche„Reinemacherwnt" mit angesehen, sowie deren Worte an die Bäckin aufgefangen hat, nimmt sich seinen Teil v- v011® zurück Und trifft unter ksriiisten Flüchen tnt nötigen �.«Mlte» für den morgigen Tag. Bei ibm giebt's doppelt viel Arbeil, weil er zugleich auch Metzger ist. Der„Sau- trog' muh noch mit heihem Wasser ausgebrüht, die„Fleischivage" von dem dicken, altangeseffenen Rost und Grünspan befreit und der »Bierkeller' ausgescheuert werden. Dann müssen sämtliche blecherne und knpserne»Biermaff- geschirre" geputzt und die zwei großen, steinerne» Krüge, in denen das zwecks Verteilung unter das frische Bier stets bereit stehende .»Tropsbier' aufbewahrt wurde, sowie das„Bierspritzerl"*) zur Seite geräumt werde». »Paß auf, RoSI,* sagt die Bäckin zu ihrer Magd, die eben aus dem Kuhstall kommt.»Du mutzt die Brotkorb' noch alle zusammen- suche» heut' und mutzt sie ein wengerl abbürsteln im Brunnengrand drautzen I Ein Korb mutz droben auf der Tenne sein, den Hab' ich der Bnithenn' übergestülpt, weil sie so nicht sitzen blieben ist, das Mistvich I" ruft sie der brummend abgehende» Dir» noch nach. Sie selber macht sich daran, aus dem Brotkasten die vielen »Bröseln' herauszukehren, sowie die in den Ecken desselben dicht auf- einander lagernde» Spinnengewebe zu beseitigen, eine äntzerst mühe- volle und dabei höchst.überflüssige' Arbeit, ineint die Bäckin. »Du Bäck, latz fein heut' nacht das Brot ein bitzl größer machen, morgen kommt die Biktualicn-Visitalio» I* ordnet sie zum Schluß noch an.--- „Guten Morgen Bäckin, wie geht'S?' begrüßt am nächsten Tage das leutselige Gemeindeoberhaupt, gefolgt von seinem Schreiber, die wohlbeleibte Frau. „Dank der Nachfrag', halt alleweil auf zwei Füßen I' giebt diese zur Auskunft. »Müssen wir ein bitzl visitieren hent bei Euch,' meint er dann in entschuldigende», Tone.»Ist mir selber zutvider, daß wir mitten unter der Zeit daherkommen müffen.' Der Bäck ist einer seiner besten Kundschaften, mit dem darf er'S nicht verschütten. „Was wär denn dies,' lenkt die Bäckin ein.»Zwegen dem halber brauch ich nit verlegen zu werden. Bei mir kann Eins jede Stunde nachschauen!' Damit schließt sie das.Brotkänunerl' auf. Da stehe» die Körbe an der Waud wie die Orgelpfeifen, einer schöner geputzt wie der andre. Bloß der, den die Heu» droben ge- habt hat. ist nicht recht.mächtig', weil die Dirn' nimmer gut ge- sehen hat gestern abend. Aber den hat die Bäcki» recht geschickt unter den andren, ganz zu hinterst versteckt, da hat man nichts„ge- spannt'. Die.Fünferlwecken' und die.Bretzeu" sind heut' so schön und so groß, daß nach vorgenommener Gewichtsprobc jedes Stück um gut fünf Gramm mehr aufweist, als dies vorschriftsuiätzig der Fall sein sollte. »Fehlt sich nix— gar nix fehlt sich l' lobt der Bürgermeister. »Die Bäckin, dies ist halt ein Leut, daß man suchen»nutz, um ein zweites I' Hierauf verfügte sich die»Visitation' zum Krämer. Auch hier war alles wie am, Schnürt'. Nur das öl) Gramm« gewicht fehlte. „Ja, da kann ich nix dafür!' beteuert die Krämerin.»Meine Buben haben gestern auf'd Nacht noch gespielt damit und da müssen sie mir eins vertrödelt haben, die Bangerten l' »Na, nachher wird's schon wieder zum Vorschein kommen,' be- schwichtigt der Gcmeindeschrciber, dem die Krämerin hinter dem Nucken des Bürgermeisters eben ein paar Cigarren zugesteckt hat. „Ja, ja, dies schätz ich auch!' mutmaßt der letztere.„Aber— wenn dies wirklich nimmer der Fall seilt sollt, nachher mutz ein neues Gewicht her, sonst ist's ein Verstoß gegen die�Obrigkeit I' fügt er mit hochgczogenen Augenbraue» hinzu. „Versteht sich, versteht sich!' beeilte die Gemaßregelte sich zu ver- sichern.»Grad ein paar Tag ivart ich noch zu. Wenn's deriveil nicht zum Vorschein kommt, nachher muß mir der Krämer eins mit raus nehmen, wenn er zum Viehmarkt hineinkommt.' Auch dein, Wirt fiel alles zur vollsten Zufriedenheit aus. Die Ziegelsteine des Bierkellers hatten sein so frisches Rot, als ob sie eben aus dem Brennofen gekommen wäre»; das Gesckirr war geputzt, daß es nur so funkelte, und in der Fleischbank fand sich auch nicht das Geringste vor, was eine Rüge verdient hätte. „So— unsre Pflicht, die haben wir gethan jetzt!' sagt der Bürgenncister nach dem befriedigenden Abschlutz seiner Ämtsgeschäfte. »Jetzt thu» wir uns ein bitzl nicdcrsitzeu. Hast schon ein„Frisches" heut, Wirt?' „Ein ganz ein frisches I' lobt der und verfügt sich mit zlvei Gläsern in de» Keller. „Na, dies schaut aber wieder her heut, als wie abg'schleckt I" brummt er, als er das übernächtige Bier prüfend gegen das Licht hält. Dann holt er aus seiner Hosentasche, in ivelcher es während der hochnotpeinlichen Visitation in sicherem Gewahrsam war, daS „Spritzerl'—„Pfs— Pff— Pfs' macht's in das schale Bier und mit einem„Gesegne's Euch Gott l' präsentiert der Wirt das mit dein schönsten, zwei Finger breiten Schaum gekrönte„Frische" den Visitatoren.— *)„Bierspritzerl' ist eine kleine, unscheinbare Spritze von dem Aussehen einer Hollunderbüchse, die zur Erzeugung von künstlichem Schaume an dem schalen Bier benutzt wird. Kleines �euMekott- b. Sinnlose Verschwendung. Der moderne Krösus giebt oft ein Vermögen für ein einziges Möbelstück aus. In der luxuriösen Einrichtung ist jedoch, wie in einer englischen Zeitschrift zu lesen ist, Knole Park, Lord EackvilleS Besitzung in Kent, wohl kaum zu über- bieten. Ein Bett allein kostete 100 000 M.; eS ist aus scharlachroter Seide mit Goldstickerei und war ursprünglich für Jakob I. an- gefertigt. Daselbst befindet sich auch ein' großer viereckiger Tisch ans massivem Silber. Würde seine Fläche mit Goldstücken bedeckt, so würden diese noch nicht seinen Wert repräsentieren; 36 000 M. war der Preis für einen Kandelaber. Das berühmte„schwarze' Bett der Otway-Familie wird auf 100000 M. geschätzt. Es ist durchweg aus Eben« holz, das in der Form von Ncgerköpfen geschnitzt ist. und alle Dra- perien, Betttücher und Steppdecken sind aus der schönsten schwarzen Seide. Noch kostbarer ist die prächtige Mahagoni-Bettstclle, die sich in der Möbclsammlung der französischen Regierung befindet. Sie ist über dreihundert Jahre alt und prächtig geschnitzt; die sranzö- siche Regierung lehnte erst vor kurzem ein Anerbieten von 280 000 Mark dafür ab. Millionäre haben sich vergebens um die Higham- Sammlungen bemüht, die sich im Besitz der seit Jahrhunderten in Higham wohnenden Familie gleichen Namens befindet. Der jetzige Wert der Sammlung von etwa fünfzig Stück wird auf 1 000 000 M. geschätzt; der Eisendahnkönig Henry Graut machte vor kurzem ein Gebot von 1 600 000 M., das aber abgelehnt wurde. Einige der aus dem 12. Jahrhundert stammenden Stühle koste» je 20000 M. In der Sammlung Eduards VlI. in Windsor befindet sich ein zur Krönung der Dogen von Venedig gebrauchter Stuhl auS dem Jahre 1670, der 5375 M. gekostet hat. Zwei kleine Tische auS der Zeit Ludwigs XIV. wurden vom Herzog von Leeds 1900 für 300 000 M. verkauft. Für ein Klavier dezahlte Cornelius Landerbilt vor einiger Zeit 70000 M., und das Piauino des Marquis von Brcadalbane kostete 60 000 M. Am kostbarste» aber ist das Instrument des Nciv Uorker Finanzmannes Murand, das 200 000 M. kostete. Der Wert liegt in den prächtigen Malereien und de» in das Holzwerk eingelassenen Mustern in Edelsteinen. Bor 10 Jahren richtete der Sultan der Türkei ein prächtiges Schlafzimmer für sich ein. Das Bett besteht aus Elfenbein und Silber, die Pfosten sind mit Edel- steinen inkrustiert, die das kaiserliche Wappen darstellen. Die Seide, aus der die Draperien gemacht sind, kostete 1600 M. das Meter, die Tapisserie an der Wand ist aus Goldfäden geivebt und schimmert von Diamanten, und sogar die Decke ist mit Gold eingelegt. Das Bett kostete den Sultan 2 400000 M. Wahrscheinlich das' kostbarste Meublement befindet sich im Besitz eines indischen Maharajahs. Es besteht aus vier Sesseln, drei Tischchen und einem Sofa aus massivem Elfenbein und ist ein Geschenk Tippoo Sahibs für Warren Hastings. Vor fünf Jahren bot der kalifornische Millionär John Ashburh 2 000 000 M. dafür, aber das Gebot wurde ausgeschlagen.— — Der Dolmetsch. Der„Frankfurter Zeitung' wird auS St. Petersburg geschrieben: Der Kaukasus ist in ethnographischer Beziehung eines der merkwürdigsten Gebiete der Erde: eS leben dort Armenier, Tataren, Tschcrkeffen, Lesghier, Georgier usw. und die Sprachen dieser Stämme stehen ganz isoliert da; eine große Anzahl von Dialekten trägt dazu bei, das ohnehin schon sehr große Sprawengemisch noch zu vermehren. Die Sprache der Behörden im Kaukasus ist aber natürlich das Russische, und da die Ein- geborenen meist kein Russisch sprechen, so müssen die Beamten oft die Dienste von Dolmetschern in Anspruch nehmen. Diese kaukasischen Mezzosanti sind aber oft des Russischen nur maugelhaft mächtig. In Tiflis spielte sich kürzlich folgende Gerichtsscene ab. Der Vorsitzende des Gerichtshofes rief einen Zeugen auf. Mit großer Zungengeläufigkeit erstattete dieser seine Aussage. Unaufhaltsam strömte seine Rede dahin. Zehn Minuten vergingen und der Zeuge sprach immer weiter. Wer ihm aufmerksam zuhörte, konnte wohl einzelne Worte enträtseln, aber der Sinn seiner Rede blieb unklar. Endlich erklärten der Verteidiger und der Ankläger, sie könnten den Zeugen beim besten Willen nicht verstehe». Der Vorsitzende pflichtete ihnen bei und forderte den Zeugen auf, seine Aussage zu wieder- holen. Der Zeuge thut es. Wieder entfesselt sich sein Redestrom. Die Beamten geben sich diesmal die größte Mühe, ihm zu folgen. doch es ist wiedennn vergeblich! Der Vorsitzende sieht sich endlich genötigt, den Zeugen von neuem zu unterbrechen, und fordert ihn nun auf, seine Aussage lieber durch einen Dolmeisch zu machen. „Wozu ein Dolmetsch? Ich spreche doch selbst Russisch,' erklärt jener gekränkt. „Was haben Sie für einen Beruf?" fragte der Vorsitzende. „Ich bin 11 e b e r s e tz e r", erwiderte der Gefragte im Bewußt« sein seines Wertes. „A u s welcher Sprache und i n welche Sprache übersetzen Sie und wo sind Sie angestellt?" „Ich übersetze aus den einheimischen Sprachen ins Russische und bm beim Untersuchungsrichter N. als Dolmetsch angestellt.' Unr den„Dolmetsch" zu verstehen, mutzte der Gerichtshof schließ- lich seinen eignen Dolmetsch beauftragen, die Aussage des angeblich russisch sprechenden Zeugen ins Russische zu übersetzen.— Musik. Erst hieß es, die versprochene Novität dcS Königlichen Opernhauses müsse verschoben werden, weil Frl. Dietrich krank sei. Nachher war es still, und nur im geheimen verlautete, das Stück werde loc�snlL da es selbst für dieses Theater zu schleckt sei. Nun kam's aber am Mirtwoch doch:„Der Wald." Oper in einein Akt von E. M. Smyth. Wenn in der Musenpeusio» unter den Linde» auch nur ei» kleiner Teil von der Nespektlosiqkeit des Publikums waltete, die im Lessing-Theater oder mich sonst noch die bekannten Thcatcrskandälcr erzeugt, so hätten wir vor- gestern an jener höfischen Stätte einen Sturm erleben müssen, an den kein Vergleich heranreichen würde. Und dieses Publikum, daS sich sozusagen begnadet fühlt, wenn es um teures Geld mitzehren darf von einem äufierlichen Ruhm, brachte sogar eine» regelrechten Durchfall zu stände. Zwei Hervorrufe der Sänger, einiges Zischen und dann Schluß. Ob auch mit Herrn oder Frau Smyth Schluß sein soll, kann man nicht gut wisse». Das Stück ist wahrscheinlich durch irgend ein Mißverständnis oder auch Einverständnis vor unvordenk- lichcr Zeit angenommen worden; vielleicht ist ans seinem Macher einstweilen ein wirklicher Komponist geworden, der eine solche Bloß- stellmig nicht mehr verdient. Für sehr wahrscheinlich kann man'S nicht halte». Text und Musik zeige» nicht einmal einen Ehrgeiz. etwas Besonderes zu leisten. Eine trostlose Kombination von Primitivem und Herumfahrendem; im Gesang ein zeitweijeS Hervorstoßen von Efsekttönen ans einsörmigem Hin und Her; zwischen Singstimnien und Orchester kein überzeugender Znsammen- hang; die Jnstrnmentiernng schrecklich stumpf und ebenfalls wieder vermeintlich gehoben durch grelle Stöße. Der Text ohne jeden Bersuch, das Thema von der Geistermystik des Waldes wirklich durch die Durchführung zu begründen; nsiv. Die Wiedergabe des Stückes zeigte denn auch die Jntercfic- losigkeit der Teilnehmer. Wie schlecht im Opernhans gesungen werden kann, wenn nicht die Triebkraft einer künstlerischen Be- geisterung und Umsicht waltet, war da deutlich zu erkennen. Selbst bei Herrn Kraus kam etwas Unschönes in seinen trompetige» Vokalen mehr als sonst zu Gehör. Frl. Knödler— will sagen H i e d l e r(man kann ja da nicht ernst bleiben)— suchte ans der Rolle, die nicht für sie, sondern etwa für Frau Götze gepaßt hätte. das Beste herauszuarbeiten. Herr Knödlinger— will sagen Möhlin g e r— sang um so und so viel gepreßter als sonst. Frl. Dietrich war vielleicht noch am crfrcnlichstcn. Wie gut aber im Opernhaus gesmigen und gespielt werden kann. wenn die oben erwähnten Bcdiiignnacn erfüllt sind; und was es heißt, auS völliger Gestaltnngslosigkeit hinübergeführt zu werden in das Reich künstlerischer Gestaltung: das zeigte die an jene Unheil-Anfführimg angeschlossene Reprise des Cornelius scheu „Barbiers von Bagdad". Dem, was wir im November l'JOO bei der verspäteten Berliner Premiere dieses Meisterwerkes gesagt, können wir mir unsre Bewnnderimg hinzufügen darüber, wie sehr der„Barbier" beim nochmaligen Hören gewinnt. ES giebt in aller Knnst nicht viele Werke, in denen überhaupt und rnni gar so wie hier die Macht des Hmnors erwiesen ist.— sz, Archäologisches. c. A u? g r a b n n g e n in S n s a. An? Paris wird berichtet Im„Grand Palais" ist der bekannte Archäologe Morgan mit seinen Mitarbeitern eifrig beschäftigt, die zahlreichen Dokumente der letzten französischen Ausgrabungen in Snsa zn ordnen. Die archäologische Ausstellimg soll schon am 1. Mai eröffnet werden.„Alle diese Funde," so äußerte sich Morgan selbst.„sind vom geschichtlichen und künstlerischen Standpunkt außerordentlich interessant, weil man durch sie in großen Linien die Geschichte ElamS rekonstruieren kann; die Skulpturen, Bronzen, Eniailarbeiten geben uns einen hohen Begriff von dem, was die Künste achtzehn Jahrhunderte vor Christo bedeuteten. Hauptsächlich wurde Thon gebraucht, um die clamitische Keilschrift ciiiznschneidcn; alle Urkunden. Verträge und sogar Aiifzeichuimgen über Geschäfte wurde» ans diese Art aufbewahrt. Um die Echtheit der Urkunden zn gewährleisten. brauchte man ein merkwürdiges Mittel. Der Vertrag wurde erst ans eine Thonoberfläche geschrieben, dann halb gebrannt, und mit einer neuen Thonschicht bedeckt, die mit denselben Sätzen beschrieben wurde. Erhob sich eine Streitigkeit, so zerbrach der Schiedsrichter diese Art Schale, die den ursprünglichen Text bedeckte, und sprach sein Urteil mit Sachkenntnis. Das wichtigste Dokument aller unsrer Entdeckungen ist jedoch nach meiner Meinung eine im vorigen Winter gefundene Stele von 2>/, Meter Höhe aus hartem Stein. Sie hat eine Menge Zeichen, die von kleinen Rechtecken eingerahmt sind, und ein Basrelief, das den König von Babylonieu, Khainiiioiirabi, in arbeitender Haltung darstellt. Ich kemic dieses Denkmal, das erst in einigen Tagen hier sein wird, nur durch Photographien, aber trotz der Kleinheit der Klischees hat unser Assyriologe P. Schcil fast den ganzen Text Übersetzen können. ES fehlen mir einige Linien, die ans den Klischees schlecht sind. Der lange Text ist das Original der von Khammvnrabi verordneten Gesetze; er enthält das Straf-, Civil- und Handelsgesetzbuch und die auf die Bodeiibcstellimg. die Verteilung der Wasser usw. bezügliche» gesetzlichen Regelungen. Der Text beginnt mit einer Art Anrufima voll poetischen Schwunges und fährt in einem Stil fort, dessen Klarheit und Eigenart folgender Teil zeigen lau»:„Wenn das Feuer ein Haus ergriffe» hat und jemand z»»i Löschen herbeieilt, dann das Eigentum des Besitzers begehrt und es stiehlt, so wird dieser Mensch inS Feuer geworfen. Wenn jemand eine Lücke in ein Hans niacht, um zn stehlen, und wenn er dabei überrascht wird, so wird man ihn töten und vor der Lücke beerdigen. Wenn jemaiw| des Eigentümers eine» Baum in einem Obstgarten abhaut, so wir» er eine halbe Mine Silber zahlen. Wenn jemand einen Ochsen ge- mietet hat und durch schlechte Behandlung seinen Tod herbeiführt, 10 soll er dem Besitzer Ochsen gegen Ochsen zurückgeben. Wenn er ihm ein Auge ausgestochen hat, so soll er den halben Wert des Ochsen zurückgeben. Wenn ein Ehemann seiner Frau Hans, Feld, Obstgarten durch eine versiegelte Urkunde geschenkt hat, so sollen die Kinder nach dem Tode des Mannes ihrer Mutter nichts streitig machen, und sie soll es dem Sohn hinterlassen, den sie vorzieht. Wenn jemand ohne Zeugen und Kontrakt eine Hiiiterlegiiiig macht. und Streitigkeiten kommen, so giebt es keine Berufung an das Gericht." Dieses Denkmal hat also eine große Tragweite in Bezug auf den Ursprung nusrer eignen Gesetze. Khammonräbi hat sicherlich nur die vor seiner Zeit geltenden Gewohnheitsrechte zu einem Gesetz- buch vereinigen lasse». Es liefert uns alle wünschenswerten Einzel- beiten Über das private und öffentliche Leben der chaldäisch-elamitischen Völker."-- Humoristisches. — D a b e r.„Gott, was haben S' für dicke Finger, Frau Metzgermeister 1* „In mei, bedenken S' doch aa', was für schwere Brüllant« ring die Sonntags z'tragen Hab' n."— — Der Einbrecher.(Korpulente Frau findet beim Ab- leuchten des Zimmers unter ihrem Bett« einen Mann.)„Sie, da kömiens nit niiten bleiben,— wenn die B e t t st a t t durchbricht, sind S' maustot!"— — Zarte Rücksicht. Ter Herr Doktor wird nachts von einem Bauern aus dem Schlaf geklingelt. Mürrisch folgt er dein Rufe und findet, daß es sich um eine Lappalie handelt, zu welcher er auch am nächsten Tage noch früh genug gekommen wäre. „Wie könnt' Ihr mir denn wegen einer solchen Dummheit die Nachtruhe stören?" fragt er ärgerlich. „Ja, wisscus. Herr Doktor: Zahln köima ma eh'»et. und da ham ma Eahna halt bei der Nacht g holt, daß's wenigstens loa Zeit vcrsänma l"—(„Jugend".) Notizen. — Gabriele d' A» n n n z i o hat einen AnSzng ans dem Inhalt seines draniatischcu Werkes„FranceSca bon Rimiui" für das Dnie- Gastspiel hergestellt. der soeben in deutscher Sprache erschienen ist.— — S a r d o ii arbeilet gemeinsam mit Emile Moreau au einem Drama„Dante", dessen Titelrolle für Henry Irving be- stimmt ist.— — Dr. Fritz Fried mann wird am 12. April Im Alexanderplatz-Brettl einen Vortrag:„Mein Evan- gel in in" halten.— — Eine„Niederländische Mozart-Geselkschaft" soll in Amsterdam begründet werden.— — Ein Preisausschreiben zur Erlangung bon Eni- würfen für ein städtische? H a l l e n- S ch w i m m b a d in P f o r z- heim erläßt der Oberbürgermeister mit Frist zum 1. Angnst 1902. ES gelangen 3 Preise von 2000. 2000«nd 1000 M. zur Ver- teiluiig.— t Eine der größten G e h i r n s a m m l n n g e n besitzt die Coriiell-Nniversität in der Stadt Jthaka(Staat Neu Dork) in der iienrologischen Abteilung ihres Museums. Es sind im ganzen 1476 Präparate vorhanden, von diesen staniinen 462 von erwachsenen Mensche», 267 von Kindern oder Embryonen. 282 von Affen� und Halbaffen, 466 von andren Säugetieren und 185 von sonstigen Wirbeltieren.— — N i c i ii ii s ö l findet seit eiiiiAcr Zeit in Baiimlvolldrnckereien, in der Appretur und Färberei,«eiseiiinbrikation und in den Fabriken, die sich mit der Herstellung von Schmieröl befassen. Verweildniig. Der Appreteur giebt seiner Ware mit sulfonierteni Riciimsöl einen mildeii Griff; der Drucker benutzt es. um einer Reihe von Farben, so insbesondere dem Alizarin-Rot»»d-Rosa, ein früher nie gekanntes Leben zu geben. ES wird deshalb die Kultur der Rieiunspflanze in Senegambien immer mehr ausgedehnt und der Handel mit Ricinus- samen ans dem Marscillcr Platz hat seit Ende der 76er Jahre eine» immer größeren Umfang erhalten.— Die nächste Rummer des Unterhaltnngsvlattes erscheint am Sonntag, den 13. April. Veraimvortlicher Rcdacieur: Carl Leid in Berlin. Druck und Bertas von Riax Bading in Berti».