Unterhaltungsblatt des Vorwärts 73. Dienstag, den 15. April. 1302 wiacbdruil verbolm.» Ii) Nufdev letzten Schnee. Roman von Gustav af Geijerstam. Märw woBte ftiels zeigen— ja. wenn es notwendig swar. wollte sie Niels zeigen, daß sie einen andern Bräutigam haben konnte, bis er zurückkam- JhVe ganze junge Seele war in Aufruhr, und sie war zuweilen so verzweifelt, daß sie sich vor sich selbst schämte. Aber nicht um die Welt hätte sie irgend einen Menschen ahnen lassen, wie es eigentlich in ihr aussah. Sie stellte sich vergnügt, sie scherzte mit der Jugend, war, so diel sie konnte, draußen und zeigte sich überhaupt überall, wo Menschen zu- sammenkamen. Aber nie fiel es ihr ein, daß sie das that, um möglicherweise einen Schimmer von Niels zu erhaschen, und nie glaubte sie, daß es wirklich und wahrhaftig not- wendig sein würde— das, daß sie sich einen andern Bräutigam verschaffen mußte, um zu zeigen, daß sie sich selbst helfen konnte. Erst am Morgen, als sie ans der Brücke neben Vaters Seeschuppen stand und den„Delphin" sich zur Abfahrt rüsten sah, wurde es ihr in seiner ganzen Wirklichkeit klar, daß das Geschehene geschehen und nicht mehr zu ändern war. Wohl hatte sie gehört, daß Niels es sich über- legt hatte und an des Vaters Statt reisen würde. Man hatte auf dem Tanzplatz davon gezischelt, und man wollte wissen, daß es Wahrheit war. Aber nie hatte Märta glauben können, daß es wirklich geschehen würde. Da kam das Boot. Darin saßen Olausson, Mutter Beda und Niels. Sie waren so nahe, daß Märta sie gut hätte anriffen können. Der alte Olausson saß am Ruder und Niels auf dem Achterbrett beim Steuer. Er saß mit dem Rücken zum Land und er sah nicht um. wie es Sitte uild Brauch ist, Ivenn Fischer eine lange Fahrt unternehmen. Aber Plötzlich mußte Märta an die Gefahr denken, daß jemand sie sähe, daß Mntter Beda sich umwendete und entdeckte, daß sie da stand, um Niels nachzusehen. Rasch machte Märta Kehrt und lief. Aber nicht heim- wärts. Bloßfüßig und ohne tiopstuch, wie sie ging und stand, schlug sie den Weg zu der äußersten Landspitze der Insel ein. Sie lief geradeswegs über den Hügel, wo der Lotsenausguck lag. kümmerte sich nicht darum, ob jemand sie sah, kam zum Strande hinab, kauerte sich neben einem großen Stein zu- saminen und blickte hinaus übers Meer. Erst jetzt fiel es ihr ein. daß sie sich gerade unterhalb des Baues befand, beinahe auf derselben Stelle, wo Niels und sie an jenem ersten Abend gewesen waren, an dem alles in ihnen inid um sie froh und licht gewesen. Vielleicht würde er sie sehen, dielleicht würde er über em Mädchen lachen, das so einem Burschen nachlief. Mättas Wangen glühten. Eine solche Schande! Eine solche Schande! Aber vielleicht sah er sie gar nicht, viel- leicht schaute er überhaupt nicht zum Lande hin. Ach, das wäre noch schlimmer. Das wäre zehn tausendmal schlimmer. Das wäre das allenchlimmste. Und Märta kroch neben dem Stein zusauimen, und während die Wellen ihre bloßen Füße be- netzten, wartete sie, den„Delphin" hinter der Landspitze hervortauchen zu sehen, und dabei begannen die Thräncu zu stießen, eine um die andre. Sie fielen m Tropfen auf ihre braunen runde« Wangen, und in diesem Augenblick war sie so demütig und reuevoll, daß, wenn sie Niels hätte erreichen können, sie sich zu seineu Füßen niedergeworfen, ihn unter strömenden Thränen gebeten hätte, ihr zu verzeihe«, und versprochen, es nie wieder zu thun. Und nun kam der„Delphin". Sie hörte die Rufe, als die Männer die Segel refften. Groß, fest und wohl- gebmrt durchschnitt er die Wellen, eine breite Schnnnifurche hinker sich lassend, und die weißen Segel blähten sich im Westwind. Denn der Wind hatte umgeschlagen, und der „Delphin" mußte sich schars dagegen halten, nur ins Meer hinauszukommen. Märta war so demütig in dieser Stunde, daß sie meinte, Niels müßte es spüren, wie er da stand, und sich umdrehen und sie erblicken. That er das, wendete er sich um und schwang die Mütze, dann sollte alles wieder gut werden, dann wollte sie glücklich fein. Ach, sie würde an nichts andres denken als an Niels, bis er wieder kam. Und dann wollte sie ihn herzen und küssen, wie sie es nie gethan. Alles, tum was er bat, würde sie ihm geben. Alles, alles, alles l O Gott im Hiinmel, er brauchte nicht einmal zu bitten. Ohne daß sie daran dachte, begannen ihre Lippen sich zu regen, so wie wenn sie in der Kirche saß. Es war nicht zum Gebet, es war nicht zum Gesang. Es war eher etwas, das einer Beschwörung glich. In dieser Stunde that Märta ein Gelöbnis, so wie Seeleute es thun, wenn sie in höchster Lebensgefahr sind. Sie gelobte, daß wenn Niels sich nur umwendete und ihr einen Blick schenkte, sie jeden Sonntag zur Kirche gehen wollte, bis er heimkam. Sie gelobte es, und ihre Lippen bewegten sich und sprachen heiße, brennende Worte. Märta stand aufrecht am Strande und sah dem „Delphin" nach, der langsam fortglitt. Sie wollte nichts, sie dachte nichts» sie sah mir eines. Sie hatte Niels erblickt. Er stand gegen die Brüstung gelehnt und starrte hinaus aufs Wasser. Aber er drehte sich nicht um, käu einziges Mal sah er zurück. Da durchzuckte Märta eine Erinucrimg, sie hatte sagen hören, daß. wer sich auf eine lange Fahrt begiebt und sich kein einziges Mal umwendet und die Heimat ansieht, niemals zurückkehrt. Der Gedanke strich durch ihre Seele und ver- schwand, wie er gekommen. Er erweckte keine Angst, setzte sich überhaupt noch nicht in ihr fest. Jetzt war sie aus- schließlich von einem einzigen Gefühl beherrscht; alles war unwiderruflich vorbei, und sie konnte es nicht fassen. Sie blieb stehen, bis das Boot so weit gekommen war, daß sie nichts mehr unterscheiden konnte, als die Bewegung der Gestalten cm Bord, den Bootrand, der in das Wasser schnitt, und die weißen Segel, die in der Sonne glitzerten. Da stieg etwas in ihr empor, was sie nie zuvor gefühlt. Es war käue mädchenhafte Bitterkett, es war nicht Schmerz, es war überhaupt nichts, was Menschenzungen mit Worten ausdrücken können. Aber wie von selbst tauchten in ihr die letzten Worte aus, die Niels ihr gejagt. Sie erfüllten sie mit Schrecken und mit einer Art Vorsatz, der alle Wildheit der Weibnatur wie Feuer durch ihre Adcni jagte. Die Worte kanteten: „Geh Du, mit wem Du willst. Ich Will nicht." „Ja, ja," sagte Märta laut,„ich werde gehen." Und mit langsamen, abgemessenen Schritten ging sie auf einem Umweg heim zur Hütte unten im Dorf, wo die tag- lichcn Lerrichtnilgen ihrer warteten. 0. Die Tage wurden kürzer und die Nächte dunkler, die Dämmerung senkte sich zettig aus die Schären, das Licht des Leuchtturmes glomm wie ein Leitstern über dem dunklen Waffer. die Makrelen schwammen nahe dem Ufer, und es be- gami gelb zu werden im Laub der kleiuen Bäumchen, die im Schutze ausgeführter Mauern wuchsen, oder in der karg- lichen Erde, die mühselig zwischen den zusammengedrängten Häusern gesammelt worden war. Man fühle, daß der Herbst herankam. Auf der Dampsschifibrücke, die voll Kisten, Säcken, Tonnen. Brennholz und all' den Waren war. welche als Aus- tausch gegen die Fische der Schären gesandt wurden, ging Fille Bmnm auf und ab und wartete aus einen Handels- reisenden, dem er versprochen hatte, nach Marstrand zu führen. Fille Bumm war guter Laune, denn der Handelsreisende war ein lustiger Kcrt aus Göteborg und segelte nie ohne Cognac- buddel und eine gespickte Cigarrentaschc im Paletot. Dies waren Dinge, aus die Fille Bumm im allgemeinen Wert zu legen pflegte. Aber diesmal war er besonders geneigt, die erwähnten Vorteile nach Gebühr zu schätzen. Am Abend vor- her hatte nämlich der Großhändler seine Bekannten im Gast- hos traktiert, und Fille Bumm war mit dabei gewesen. Der Großhändler hatte Kartenkunststücke gemacht. Kalle P.*) gesungen und einem dankbaren Gratispublikum Theater vor- gespielt, und Fille Bumm war recht wackelig auf den Beinen gewesen, als er über den Berg in sän Dachkämmerlcin kletterte. Darum ging nun Fille Bumm herum und sehnte Ein belaimies Couplet. sich danach, dcch dar Großhändler känic; denn Fillo Bumm suhlte sich einer Herzstärkmig recht bedürftig. Außerdem hatte Fille Bumm noch ein andres Gefühl vom gestrigen Tage, und zwar das, daß er der Held des Abends und die ganze Gesellschaft im Gasthof darin einig gewesen war, ein Hurra auf Fille Bumm auszubringen. Denn Fille Bumni>var am selben Tag kopfüber ein zwei Stock hohes Dach hinabgepurzelt, und auf der ganzen Insel gab es keinen, der ihm das nachmachen konnte. Das war so zugegangen: Fille Bumm hatte oben onf Kapitän Aboms Dach gesessen, um die Dachziegel auszubessern, die der letzte Stunn auseinandergeblasen hatte. Ersaß da und rückte hin und her und plauderte mit den Leuten, die unten im Hofe standen. Denn Fille Bunims Sprach- kästen war unerschöpflich und stand immer weit aufgesperrt. Aber wie Fille Bumm diesmal diskurierte, verlor er ganz Plötzlich festen Fuß und begann weiter zu rutschen. Auf dem Hofe entstand ein ungeheurer Lärm, Männer liefen einander in den Weg, und gellende Frauenstimmen kreischten. Aber Fille Bunim konnte sich nicht aufhalten. Er rutschte und rutschte, und bevor er noch zehn zählen konnte, glitt er über den Rand hinaus in die Luft und fiel. Gerade unter dem Dache war eine Steintreppe, und bei dem Falle ertönte ein furchtbarer, vielstimmiger Schrei, der in einenl Nu ganze Scharen laufender Menschen zur Stelle lockte. Aber Fille Bumm fiel nicht auf die Steintreppe. Mit dem fleischigsten Teile seines wohlerhaltcnen Körpers fiel Fille Bumm auf das Geländer, und unter Schaudern und Geschrei sahen ihn die Zuschauer hinab in den Hof gleiten, und dann weiter auf den Socken laufen— er hatte nicht einmal Stiefel an—, so daß die Fersen an seine gespannten Beinkleider schlugen. Fille Bumm kam über den ganzen Hof wie aus einer Konone geschossen, und als er innehielt und sich an den Staketpfosten lehnte, war keiner da, der es wagte, nach dieser Richtung zu sehen. Fille Bumm jedoch stand eine Weile still und schnappte nach Atem. Hieraus untersuchte er bedächtig seinen ganzen Körper, und dann maß er die Höhe mit den Augen.„Nein, Du Teufel," sagte er ruhig,„diesmal hast Du mich nicht ge- kriegt," drehte sich dann um und stieg wieder auf das Dach. Aber da bekamen die Zuschauer die verlorene Sprache wieder, und der Schrecken ging in ein schallendes Gelächter über, das sich mit dröhnenden Hurrarufen vermengte. Und stolz wie ein Gott saß der alte Bumm auf dem Dach und winkte mit der Mütze seinem dankbaren Gratispublikum zu. (Forlsetzung folgt.j Xvilhelnr Vusch. (Zu seinem 70. Geburtstag.) Es ist ein merkwürdiger Gegensatz. den das Lebe» und das Schaffe» Wilhelm Büschs dem Beobachter bieten. Wer nach einciu ersten Eindruck von seinen allbekannten Werken urteilen wollte, würde annehmen, daß es kaum einen vergnügteren Menschen gebe» konnte als ihre» Schöpfer. Den Man», der„Max»nd Moritz", den„Tobias Knopp", die„Fromme Helene", den„Balduin Bnhlmnm, den verhinderte» Dichter" und den„Maler Kleckset" gedichtet und die Illustrationen dazu entworfen hat, kann man sich gar nicht anders vorstellen denn als einen sehr lustigen Herren. der sich selbst an seine» Scherzen nicht weniger ergötzt hat als die Vielen, die sie gelesen haben. Dann erlebt man seine erste Ueberraschnng, ivenn ning ein Porträt von Wilhelm Busch sieht, etiva das von Lenbach genialte. Aus einem tiefernsten schönen Gesicht, in dem eine Pracht- volle hohe Stirn dominiert, schauen nachdenklich ein paar forschende Augen i fast melancholisch ist der Ausdruck— mir aus deni zivinkern- den linken Auge scheint ein Schelm hervorzuleuchten. Und dieser Eindruck verstärkt sich ininicr mehr, je eingehender man sich mit dem eigenartigen Mensche» beschäftigt, je nichr ninn von seinem Leben erfährt. Aciißerlich zwar hat sich sein Lebenslauf in den denkbar ein- fachstc» Bahnen beivcgt. Weitaus den größten Teil seiner Jahre hat er in seiner Heimatprovinz Hannover ans dem Lande zugebracht. Iii dem Marktflecken Wiedensahl, univeit Minden, ist der heute Siebzigjährige als Sohn eines Krämers gebare». Iii kleinen Dörfern in der Nähe ist er in dem Hanse seines Onkels, eines Pfarrers, anfgewachse» und erzogen. Mathematik ist sein Liebliiigsfach, und er kommt ans das Polytechnikinn in Hannover. Dann aber, nachdem er vier Jahre dort zugebracht, sattelt er um nud will Maler iverden. Er besucht die Malschule in Düsseldorf und Antiverpen. Vor den nialerischen Wundern der alten Holländer gehen ihm die Augen ans. Noch in seinem Alter, in einer«kizze«Von niir über niich", die er vor Jahren veröffentlichte, schwärmt er von den RnbenS, Bromver, Teniers, Franz Hals:»Ihre göttliche Leichtigkeit der Darstellung malerischer_ Einfälle, verbunden mit stofflich juwelcnhastem Reize; diese Unbefangenheit eines guten Gelviffeus, welches nichts zu vertuschen braucht; diese Farbenmusik, worin man alle Stimme» klar durchhört, vom Grundbaß herauf, haben für immer ineine Liebe und Beivuuderimg gewonnen." Wie merkwürdig, daß er, der ein so empfängliches Äuge für diese malerischen Feinheiten besaß, völlig darauf verzichtet hat, den bewunderten Alten nach- zuschaffen. Die Entwicklung zu seiner kiiustlerischcn Eigenart vollzog sich erst in München. Ein fleißiger Knnstjuuger war Busch freilich nie. Wenn die andern auf den Studienausflügen ihre Staffeleien ausstellte» und emsig zu arbeiten begannen, so streckte er sich lieber behaglich ins Gras; aber er schaute gut um sich und beobachtete seine Käme- radc» scharf, und ehe sie sichs versahen, hatte er eine Karikatur von ihnen fertig, die dann in die Kileipzeitnngen des Vereins kamen und dort allgemeine Heiterkeit erregten. In diesen Scherzen übte sich das Talcut des angehenden Karikaturisten; sie wurden so bekannt, daß einige davon auch in die„Fliegenden Blätter" über- gingen.„Es kann 89 gelveseu sein", erzählt Busch selbst. „als zuerst in den„Fliegenden" eine Zeichnung mit Text von mir gedruckt ivurde; zwei Männer, die auts Eis gehen, Ivobei einer de» Kopf verliert. Vielfach, wie's die Not gebot, illustrierte ich dau» neben eigencii auch fremde Texte. Bald aber meint ich, ich müßte alles halt selber machen. Die Situationen gerieten in Fluß und gruppierten sich zu kleinen Bildergeschichten, denen größere gefolgt sind. Fast alle habe ich. ohne wem was zu sagen, in Wiedensahl verfertigt." Damit ist der Kreislauf seines Lebens geschlossen. Kaum ein Jahrzehnt lebte er ni München, dann zog es ihn zurück in seil» Heimatdorf. Von dort sind alle die Werke ausgegangen, die seine» Namen berühmt gemacht haben. Trotz aller glänzenden Erfolge ist er aus seinem zurückgezogenen Leben nie wieder in die Oeffcntlich- keit hervorgetreten. Heute lebt er bei seinem Neffen, dein Pfarrer in Mechtshausen in der Gegend von Hildcsheim, in behaglicher Muße, nachdem er bis in die Mitte der achtziger Jahre eine sehr starke Produktivität entfaltet hatte. Es Ivag kaum ein ziveites Beispiel anzuführen sein, daß et» Künstler wie Busch auf der Höhe einer glänzenden Laufbahn von» Schauplatz abtritt und sich fast eigensinnig vor der Welt versteckt, daß einer zu schaffen aufhörte, der stolz vö» seinen Werken erkläre» konnte, daß sie, von einigen ivenigen abgesehen,„zum Selbstpläsier gemacht" seien. Aber es ist bedeutsam, daß sein Schaffen mit zwei merkwürdigen kleinen Prosadichtuuge» abschließt, deren Grundto» eine tiefe ivehmütige Resignation ist. Und heute liegt ihm, so hat er selbst erklärt, das ganze Genre, in dem er sich früher bethätigte, völlig fern. Damit scheint eine philosophisch-pessiniistische Gruud- stimnilNig ganz zuni Durchbruch gekommen zu sein. Vorhanden gc- Wesen ist sie in ihm jedoch immer. Der Humorist, über dessen Scherze so viele fröhlich gelacht haben, ohue sich große Gedanken darüber zu machen, ivar von Jugend an ein Grübler, der über Welt und Menschen seine eignen, gar nicht heitere» Gedankcnfäde» gespounc» hat. Schon aus seiner'Schülerzeit erzählt er:„Zugleich fiel niir die „Kritik der reinen Vernunft" in die Hände, die. ivenn auch damals nur spärlich durchschaut, doch eine Neigung erlveckte, ii« der Gehirn- kaminer Mäuse zu fangeii,>vo es nur gar zu viel Schlupflöcher gicbt." Und weiterhin hören wir, daß er sich mit Leidenschaft mit Natiirlvisseilschaften, besonders Darwin, und auf der andern Seite mit Schopenhauer befaßt habe; aber auch hier endet sein Studiut» mit Resignation.„Ihre Schlüssel passen ja z» vielen Thiiren in dem verwunschenen Schlosse dieser Welt; aber kein„hiesiger" Schlüsfel, so scheint's, und Ivär's der Asketenschlüsscl, paßt jemals zur Ausgangsthür." Giebt man schärfer acht, so Ivird mau diese philosophische Grund- stimmung als Nnterton in allen seinen Werken luitschivüigcn hören. Sie ist es, die diese scheinbar so harmlosen Sächelchcn über de» Wert des bloßen Ulks hinaushebt: durch sie erscheint Wilhelm Busch als mehr als ein einfacher Spaßmacher, wird er ein Künstler von weiitragender kultureller Bedeutung. All jenes tolle Spiel bunt durcheinander gewirbelter Gestalten, die unglaublich koniische Verkettung der verschiedensten Situationen, die sich in seinen Werke» findet, ist ihm eben nur ein Spiel, in dem gelvisse Grundkräfte und -Triebe menschlichen Handelns zu einem sehr prägnanten Ausdruck kommen, und in der Art. ivie er diese ausfaßt und ans Licht zieht. tritt der scharfsichtige Philosoph hervor, der die meufchliche» Schivächcn durchschaut und lächelnd aufdeckt. Busch ist dabei durch- ans frei vom Moralisieren; er lacht nur über diese komischen Menschen und benutzt ihre Eigeuheitcn zu seinem„Selbstpläsier". Man könnte aus de» Werke» unsres Künstlers eine ganze Natur- geschichte des Spießbürgertums Heraiislese». Dessen ivesentliche Eigenschaften hat er mit einer köstlichen Klarheit geschildert, in der karikaturistische» Weise, die sei» künstlerisches AnsdruckSmittel ge- worden ist. Mit seiner tiefen Ironie hat er, der so hoch über de» Dinge» steht, die Moralgrundsätze dieser ehrenwerten Menschenart nur leise karikierend zu' jenen klassischen Sentenzen geprägt, die innner und wieder citiert Iverden. Der Kreis der Menschen, die bei ihm auftreten, ist nicht groß, es sind nur die einfachsten Typen, die er vorführt, aber er zeigt an ihnen, besonders in seinen Zeichnungen, ein reiches Register menschlicher Seelenregungen. Die Kmistinittcl, deren sich der Dichter Busch bedient, sind außer- ordentlich einfach. Die Wahl des Versmaßes, das mit seinem würdevollen Schritt in komischem Gegensatz steht zu dem lustige» Inhalt, die mannigfache Verlvendmig Überrascheuder Reime, die uer- blllffende. Klangmalerei und vor allem die Kontrastlvirlung in der mannigfachsten Ausnutzung, das alles sind Mittel, die er mit immer größerer Meisterschaft und Prägnanz beherrschen gelernt hat. Er hat seine Verslein mit großem Bedacht gebaut.„Wer sie freundlich in die Hand nimmt, etwa wie Spieluhren, wird vielleicht finden, daß sie trotz bummeligen Aussehens doch teilweise im Leben ge- glüht, mit Fleiß gehämmert und nicht unzweckmäßig zusammengesetzt find." Das nimmt er selbst einmal für sie in Anspruch. Bedeutsamer scheint mir die Entwicklung, die Wilhelm Busch als Zeichner durchgemacht hat. Man muß einmal die ganze Reihe seiner Arbeiten, von den ersten, noch recht unbeholfenen Versuchen, selbst noch von„Max und Moritz", bis zum„Tobias Knopp" durcb- gehen, um zu ermessen, was für eine außerordentlich künstlerische Leistung Busch vollbracht hat. Er hat sich einen karikaturistischen Stil herausgearbeitet, in dem ihm niemand gleichkommt. Er hat sich die schwierigsten Aufgaben gestellt, in seinen Zeichnungen ist gerade das Durcheinander der kompliziertesten Bewegungen das Charakteristische, und er hat sie wie spielend gelöst. Mit einer erstaunlichen Schärfe des Blickes hat er die wesentlicheii Momente eines jeden Bewegliugsmotives erkannt und komisch über- treibend dargestellt. In ein paar flüchtigen Strichen. Haken und Schnörkeln läßt er ganze Scenen erstehen, die stets klar in ihrer Disposition und mit einem Blick zu erfassen sind, auch wenn es sich um die verwegensten Stürze, um einen ganzen Knäuel von Meu- scheu, die in der schönsten Prügelei sind, oder ettvas Aehnliches handelt. Die Geste», die er seinen Helden giebt, sind so charakteristisch wie ihre Physiognomien geistlich erfaßt. Die nur so hingeworfene» Linien haben eine völlige Beherrschung der Formen und diese eine ungeheure Sicherheit der Beobachtung und des Gedächtnisses, das die Hauptlinicn festhält, zur Voraussetzung. Wie gut schon der Knabe beobachtet hat, das zeigt seine kleine Selbstbiographie, aus der hervorgeht, daß gerade die Typen seiner Umgebung während seiner Kindcrzcit in seinen Arbeiten wiederkehren. Eine' spaßhafte Einzelheit ist bezcicbnend. Er erzählt da von einem Wirt, der „lederne Klapppautoffeln und eine gelbgrüne Joppe trug, die das hintere Mienenspiel seiner blaßblnucn Hose nur selten zu bemänteln suchte". DaS ist das Motiv, das er so viele Jahre später in„Herr und Frau Knopp" in einer Reihe von Zeichnungen höchst ergötzlich ausgeführt hat. Es ist eine eigne Welt, die in Wilhelm Bnschs Karikaturen sich vor dem Leser aufthut. Dinge, die im gewöhnlichen Leben ein furchtbares Unglück sein würden, werden behandelt als bedeuteten sie gar nichts; was uns in Wirklichkeit recht tragisch erscheinen wurde, dient hier dazu, uns zu belustigen. Der Dichter trägt sie auch vor, ohne eine Mieue zu verziehen. Er hat selbst einmal sehr fein bemerkt, daß„so ein Kontnrwesen sich leicht frei von dcnr Gesetze der Schwere macht und, besonders wen» es nicht schön ist, viel aushalten kann, eh' es uns weh thut; man sieht sich die Sach' an und schwebt derweil in behaglichein Selbstgefühl Über den Leiden der Welt". So scheint es uns erklärlich, daß manches, was genau betrachtet, eigentlich als brutal erscheinen müßte, nicht im geringsten verletzt; cS fehlt ihm, infolge der karikierenden Uebertreibungen, die ein ernsthaftes Mitempfinden gar nicht auf-' kommen lassen, die Schwere des wirklichen Geschehens. Es ist aber eine merkwürdige Einheitlichkeit des Stils in diesen Versen, die die schrecklichsten Geschichten gelassen hinerzählen, den Bildern, die den Text sehr deutlich illustrieren, und in der ganzen Erfindung der immer schneller aufeinander folgenden Situationen, der drängenden Fülle der Bilder, die stets neue Ueberraschnngen bieten. Es sind für sich abgeschlossene kleine Kunstwerke, für die der Vergleich mit der Spieluhr sehr passend ist. In dieser eignen kleinen Welt herrschen zwar dieselben seelischen Triebkräfte ivie in nusrcr großen, aber die körperlichen Begleit« und Folgc-Erscheinnuge» entwickeln sich sehr viel kräftiger und legen die erstere» dadurch deutlicher bloß. Diese kleinen Werke setzt der Künstler in Bewegung und es ziehen Bilder an uns vorüber, die in ihrer besondren Art doch auch Bilder des Lebens sind. Es schien mir heute angebracht, auf diese ernste und künstlerische Seite der Werke Wilhelm Büschs hinzuweisen. Daß sie lustig sind und daß man oft Thränen bei den komischen Schicksalsfügungen, die über seine Helden kommen, lachen kann, brancht nicht erst aus- führlich erörtert zu werden; wer sie liest, wird das an sich selbst erfahren. Wohl aber mag mancher seiner vielen Leser nicht daran gedacht haben, daß diese lustigen Geschichtchen ihrem Schöpfer einen Ehrenplatz in der Geschichte der deutschen Kunst verschafft haben.— —hl. Mlvines Feuillckon» oe. Fritz Fricdmanu auf dem Uebcrbrettl. Halb Moabit war Sonnabendabend in Herrn Bauseweins Bunten» Theater am Alexauderplatz versammelt. Ein ehemaliger Kollege, einst der be- rühmteste der Berliner Advokatenzunft, der vielbeschrieeue Doktor Fritz Friedmann wollte sich leibhaftig auf dem Ueberbrettl produ- zieren. Das Schicksal Hat� den» Unglücksmann nach seinem Sturz arg mitgespielt; weder in Frankreich noch in Amerika war ihm das Glück hold, und es mag schon ein Stück Verzweiflung gewesen sein, das ihn nach seiner Rückkehr trieb, sich in die Hände eines auf Sen- sation versessenen Theaterdircktors zu begeben. Allerdings hat Herr Friedmaun zum Komödiantentnm Geschick, das betvics er. als er mit öliger Stimme sein„Evangelium" zum Besten gab. Er hatte sich die Geschichte klug,., sehr klug, zurecht gelegt; Goethe vor Augen, war er kecken Mutes vor die Rampe getreten. Nur mit der Ausführung, mit dem Gednnkenaufbau haperte es; er beging einen Fehler, den sein Vorbild sich nur selten zu schulden kommen ließ, er wurde langweilig. Was Herr Friedmann sagte, kann mau viel schöner, mit viel mehr Amüsement in» achten Kapitel von Neinecke Fnchs nach- lesen, in der köstlichen Unterhaltung, die Neinecke und sein Oheim Grimbart miteinander pflegen, als sie zum Köuigshofe gehen. Ga» schwer mit der Schuld seiner Streiche und Schliche beladen, beklagt der Fnchs sich eindringlich Mer die Verdorbenheit der frevelndei» sündigen Welt: „Auch das Gute wissen sie zwar von großen und kleinen Herren, doch schiveigt man davon, und selten konunt eS znt Sprache. Doch das schlimmste find' ich den Dünkel des irrigen Wahnes, Der die Mensche» ergreift: es könne jeder in» Taumel Seines heftigen Wullens die Welt beherrschen und richten." Herrn Friedmann erging es mit seiner weitläufigen Klage über die Sünden und Erbärmlichkeiten der Zeit besser als' seinem Vorbild. Es war kein Grimbart zur Stelle, der ihm antwortete: „... ich find es besonders. Ihr beichtet Frenide Sünden. WaS will es Euch, helfen? Mich dünket, es tvärcn Eurer eignen genug." Der vielgereiste Rechtsanwalt von eheden» sprach von allen mög- lichen Dingen, von der Streberei in Amerika und daheim, voin Prozeß gegen den Studenten Fischer, von Seccision und Selbst- beweihräuchernng, und er flocht EitateZ.ii, seine Rede so falsch, als ob er Redactenr der„Vossischen Zeitimg" wäre. Und als Herr Friedmann endlich fertig war, zeigte es sich, daß die Tugend doch kein leerer Wahn ist; mein klatschte ans Kollegialität wie toll Beifall, und die neueste Acquisitiou des Bunten Brettl durfte sich dreimal gerührt vor dem Publikum verbeugen.— Tbeater. Berliner Theater. sSondervorstellung.) Der bestrafte Brudermord oder Prinz Hamlet von Dänemark.— Es ist eines der vielen Symptonie für die auf dem dramatischen Ge- biet jetzt herrschende Dürre, daß ein so findiger Kopf wie Lindau in den Sondervorstellungen seiner Bühne auf allerhand antiquarische Kuriositäten, die, ohne allen künstlerischen Wert, nur durch historisches Interesse lvirken sollen, zurückgreift. Den drei, ein wenig fad' moralisierenden Dialogen des alten Klassikers Julian ist jetzt ein Stück Barbarentum, der entgeistete Hamlet, wie er in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von wandernden eng» lischen und deutschen Schauspielern in Deutschland als Haupt» und Staatsaktion aufgeführt wurde, gefolgt. Ein kleiner einleitender Vortrag des Oberregisseurs, Herrn Halm, orientierte über das Historische. Den Text hat das zufällig erhalten gebliebene Manuskript eines Shakespeare für die deutsche Bühne„bearbeitenden" Schmierendirektors geliefert. Die Reden, die man zu hören be- kommt, sind alio von garantierter Echtheit. Wie»veit sonst in der Jnscenierung(die bei aller Einfachheit dennoch zu nobel schien) und in der Vortragsweise der Ton der Zeit getroffen sein mag, läßt sich natürlich nicht mit Bestimmtheit sagen. Hier hatte man sich nur an das Allgemeine, Ivos über das damalige Theaterwesen berichtet ward, halten können. So wurde der Wechsel des Schauplatzes allein durch das Auf- und Abrollen der Hintergrunddekoration markiert; so traten die alten Dänen in den Kostümen des 17. Jahrhunderts, die Damen in artigen Reifröcken, die Herren, je nachdem, in Wadeistrümpfen oder Reiterstiefeln, einige auch ausgerüstet mit Pistolen und Karabinern auf; so gaben die Schauspieler wohl acht, wie es damals auf der Bühne als Norm der Schönheit galt, sich recht symmetrisch zu gruppieren und in schuldiger Achtung vor dem Publiko gradaus in den Zuschauer- raun» zu sprechen. Ein Prologus, in dem die Nacht drei Furien herbeiruft und die Herzen auf schreckensvolle Uebelthatcn vorbereitet, leitet sehr stil- gemäß das Drama ein. Aber was folgte, überbot doch noch die Erwartungen. Alle, alle Federn waren dem Adler-Genins Shakespeares ausgerupft; mit»vatschelndcm Gänseschritt, eine gräulich« parodistische Mißgestalt, schreitet die„Tragödia" einher. Nur die Thatsachen haben vor dem seligen Direktor und seinem Publikum Gnade gefunden, was darüber, das war vom Uebel. Strotzend in rotbäckiger Gesundheit, mit Feldherrnstab und in prunk» voller Rüstung stolziert der Geist des gemordeten Königs(Herr P i t t s ch a n) bei hellem Lampenschein über die Bühne imd teilt dem blondgelockten Hamlet eilig mit, daß ihm der Oheim ein „subtiles Gift" ins Ohr geträufcli. Hamlet(Harry Waiden— spielte den ritterlichen Prinzen sehr lustig, mit einer unablässig wieder- holten würdevoll- kühnen Schwenkung des rechten Arms) läßt, wie der Geist verschwinden, Horatio Verschwiegenheit schwören. Ganz wie bei Shakespeare, tönt dann von unten des Geistes Stimme: „Schwört I" Und jedesmal, wenn er die Stimme hört, ruft Hamlet voller Schrecken:„Was ist dieses"? Er, so wie der Geist und all die andern Personen sind keine Liebhaber von überflüssigen Worten. Nur Ophelia gegenüber, als er sich wahnsinnig stellt, wird Hanilet etwas gesprächiger und macht ihrem Geschlecht bitterste Vor« würfe, daß es mit Schminke, falschen Zähnen uslv. die„Jung- gesellen" verlocke". Von Melancholie ist diesem Jünglinge nichts an- zumerken. Ja, als er die Ermordung Gonzagos vor dem schuldigen Oheim hat spiele,» lassen und nach England geschickt wird, entledigt er sich der gedimgeuen Mörder durch einen wahrhast kasperimäßigen Posscnstreich. Er tritt zwischen die beiden Banditen und bittet, wenn er nach Beendigung eines Stoßgebetes Feuer kommandiere» ivird, los- zudrücken. Er kommandier und duckt sich dabei, so daß. statt ihn zu treffen, die bösen Buben sich wechselweis mit ihren Äugeln durch- bohren; worauf er Gottes Güte und Weisheit sehr erbaulich preist, und mit der„nächsten Post" zum dänischen Hof zurückzukehren be- schließt. Hier stiftet der König(Herr C o n n a r d), der hinter der Anmut eines zicrlich-ceremoniöseu Menuettschrittes ein so ränkevolles Herz verbirgt, den Leonhardns-Laertes zu heimtückischem Zweikampf an. Der Schluß ist, wie bei Shakespeare, allgemeines Morden. Indes der Dichter hat Moral. Nur mit der heilsamen Erinahuung, aus alledem sich ein Exempel zu eirtnehmen, wie Königsmord und sonstige llnlhaten sich blutig rächen, entläßt er sein erschüttertes Publikum. Es wurde viel gelacht und geklatscht. Hier und dort steigerte sich die absolute künstlerische Impotenz auch wirklich zu unwillkürlicher Komik. In Sunnua aber überwog das bloß langweilig Oede. Ein Aktus statt der fünf hätte reichlich genügt.—' dt. — n. Freie Volksbühne.„Die Hoffnung", See- stück in 4 Akten von Hermann H c y e r s m a n n s j r.— Als das Drama dcS holländischen Dichters im vorigen Jahre seine erste deutsche Aufführung erlebte, fand es wohl eine freundliche Anfvahme, konnte sich aber dennoch nicht dauernd auf dem Repertoire halten. Die„Freie Volksbühne" hat nun„Die Hoffnung' am Sonntag im Lesfing- Theater ihren Mitgliedern vorgeführt. Das Stück machte mit seiner krassen, aber doch lebenswahren Gegenüberstellung von armen Seeleuten und einem hartherzigen Reeder emen gewaltigen Eindruck aus das Publikum. Dieser Erfolg war zu seinem größten Teile der guten Darstellung zu danken, die es selbst bei dem schioächlichcn dritten Akt zu einem Hervorruf brachte. Grete Meyer als Jo gebührt der Haupt- anteil des Erfolges. Das war Kunst, die Leben geworden ist; da waren alle Töne der Leidenschaftlichkeit, der Liebe, der Lebens- frcnde und der Angst angeschlagen, die den Zuhörer mitreißen, ob er will oder nicht. Ebenso fein und lebenswahr wurde die alte Kniertje, das Gegenstück der Jo, von Margarete Albrecht dargestellt: ein resigniertes, lebensscheucs, altes Weib, dein die See den Mann und vier Söhne genommen. W i n t e r st e i n spielte den gerade auS dem Gefängnis entlassenenen Geert, de» Sohn der alten Kniertje; er legte in seine Rolle jenen wilden, sich bei jeder Gelegenheit aufbäumenden Trotz, den nur eine lange, unverdiente Gefängnis- strafe wachrufen kann. Mitunter waren seine Zornesansbrücke jedoch ein wenig zu stark unterstrichen. Willy G r u n w a I d als Barcnd setzte im Anfang gut ei», wurde aber in den Angstscenc», al» ihn die Schiffspolizei an Bord holt, tveich und unsympathisch. Den reiche», hartherzigen Reeder BoS stellte Julius Deppe vorzüg- lich dar; er spielte ihn ganz als de» ewig profithungrigc» Kapitalisten, der gcwiffeulos seine Leute auf einem Wrack in See schickt und zufrieden ist, die Versicherungsprämie in die Tasche stecken zu können, mögen auch sieben Familien zeitlebens ihres Ernährers beraubt sein. Gute schauspielerische Leistungen boten ferner»och Karl Waldoiv(Cobus), Hans Senius(Siuion) und Richard Balle ntiu(Buchhalter Kaps).— Mnfik. Die neuen„Populären M n s i t a b e n d e" der Herren Hekking, Schnabel und Wittenberg sind noch kein Ideal von populärer Knnstpflcge. Dazu ist erstens der Eintritt immer noch zn teuer(Einheitspreis von 1 M.) und fehlt zweitens die instniktive Ausgestaltung und Erlänterung des Programms. Doch für ein mäßig wohlhabendes Publikum von Miisikfrennden, die aii'S Höret« vornehmer Musik schon gewöhnt sind, bedeuten jene Abende in dem optisch und akustisch vorzüglichen Oberlichtsaal der Phil- hannonie ein höchst dankcnsivertcs linternehmen. Von den drei gc- naiintcn Herren ist der erste Konzertmeister des Violoncells im Philharmonischen, der dritte Konzerimeistcr der Violine im Berliner Tonkünstler-Orchester, der zivcite ein junger Pianist. Wir hörten den zlveiten dieser Abende, können den Besuch des dritten sam 24. April), der noch dazu ein eigens erlesenes Programm bringen ivird, mit Freuden empfehlen und wünschen dem Ganzen eine lange Fortführung. Jenes Konzert brachte zwei Klavicrtrios, darunter das II-dur-Triö von Brahms ans seiner Jugendzeit in der zweiten Fassung, die es von früheren Forcierthcitc» in lehrreicher Weise bc- freit hat, und mehrere Lieder. Unter ihnen befand sich eine Komposition des Klavierspielers Arthur Schnabel.„Dieses ist ein rechter Morgen"(Text von Stefan George), die zn einer hübsche» Gcsaugsweise in älterem Stil eine nicht gerade vom Streben nach etwas Besonderem getragene Begleitung bringt, und die dacapo be- gchrt wurde. So gut sich Herr Schnabel in die Künstlerschaft seiner Partner hineinzufinden weiß; so sehr ivir bei seinem Nebersehen des „ssprsssivo" im„Andante espressivo" von Mendelssohns C-nioil- Trio mit einem niedrigen Stand des Ausdrucks im heutigen Klavierspiel überhaupt rechnen müssen: so sehr� möchten ivir doch Herrn Schnabel nahelegen, sich in Spiel und in Komposition das Wesen einer instrumentalen Gesangsbegleitung noch mehr zn eigen zn machen. Die Sängerin des Abends, Frau Jean nette Grumbacher-de Jong, gehört jedenfalls zn den hervorragenden Gesangskünstlcrinncn: ihre Töne sind sehr Verantwortlicher Redaercnr: Carl Lctd in Berlin. frei und wohllautend, manchmal durch Unebenheiten bei Sprüngen nach abwärts gestört; etwas Herbes in ihrer Lokalisierung mag auf die zu vermutende ausländische Abkunft zurückgehen; ettvas StarreS in ihrem Vortrag gehört ivohl schon dorthin, Ivo der ästhetische Streit über Feinheiten der Vortragskunst und über„Wärme" be- ginnen mag. Bereits treten wir auch in die Epoche der specifisch sommerlichen Beiträge zur Knust oder auch Kunstarmut des Vortrages ein: d. i. der heimischen und der reisenden Gesangvereine. Den Anfang machte der mrs noch unbekannte„Q u a r t e t t v e r c i n R h e i n g o'l d' auS Krefeld durch drei Konzerte am Sonnabend, Sonntag und Montag. Als Solisten ivaren zum ersten und dritten Konzert Gesangskräfle. zum zlveiten— das ivir uns ausgesucht— Justrumentalisten zu- gezogen. Die paar Dutzend Herren, die im Gegensatz zu den mitgliedcrreichen andre» Vereinen diese kleine, feine Männergesangs« gesellichaft bilden, mache» weniger den Eindruck eines viergeteilten Chores, als den eines verstärkten Solistenquartettes. Dazu noch eine sichere rhythmische Gcschultheit, ivie sie z. B. in der reich- haltigcn Komposition Zöllners von den„Drei Worten" zur Geltung kommt; dann eine besondre Klangschönheit der Bäsie; und endlich die eigenste Kunst dieses Chores: ein geschmeidiges Abschwellen von Töne»— das alles macht den Verein trotz des typisch forcierten Klanges der hohen Stimmen sehr hörcnswcrt. Eine Komposition dcS Chorleiters Gustav Pielken: Das Madrigal oder sagen wir madrigalartige Chorlied„In stiller Nacht" hätte nicht sollen so kühl aufgenommen werden; seine gleichsam schlangcnartigen Verschlingungcn der Stiumicn sind eine beachlcnS- werte musikalische Sprache.— Violinvorträge eines Herrn N. L a in b i u o n aus Lüttich und Klavicrvorträgc eines Fräulein El. R ö h m c h e r ans Krefeld boten in Programmwahl und Vortragsweise nichts Neues; doch sei beiden eine ernste Solidität des Spieles anerkannt.— sz. Humoristisches. —„N n r Massenmörder." Der Wiener Einspäimcrkntscher Florian Geyer hatte sich unlängst beim Bezirksgericht Joscfstadt wegen Wachebelcidignng zu vcraiilwortcn. Er soll cineir Motorsiihrer einen Gauner genannt haben. Richter: Sie sollen einen Motorfnhrer beschimpft haben? A n g c k l.: Aber gar keine Idee, Herr kaiserlicher Rat. E r hat g'schimpft. Er hat zu mir gi'agt:„Fahr weg mit Deiner Kraxen, sonst fahr' i Di nieder." Richter: Und daraufhin haben Sie ihn einen Gauner gc- nannt. A n g e k l.: Aber na. Gauner Hab i net g'sagt. So a Wort kommt gar net über meine Lippen. I Hab nur„M a s s e n in ö r d e r" zu ihm g'sagt.(Heiterkeit.) Richter:„lind das. glauben Sie, ist kein Schimpf? Der Angeklagte wurde sodann, nachdem noch der beleidigte Motorführer cinvernommen worden war, zu fünf Kronen Geld- strafe verurteilt.— Notizen. — Die von Dr. Otto Ule gegründete Zeitschrist„Natur" wurde am 1. April mit der„N a l u r w i s s e u s ch a f t l i ch e» Wochen- s ch r i f t" verschmolzen.— — Die französische Opcrngesellschaft, die am 17. April bei Kroll ein Gastspiel beginnt, wird u.a. drei in Berlin bisher.noch nicht aufgeführte Musikwerke,„Da Navarnuse" und „Manon" von Masscnet und„hlireille" von Gonnod spielen.— —„ E l b i e r" nennt sich eine neue Dresdener Künstler« g r n p p e. die im Mai im Salon Schulte eine Ausstellung Vera»- stalten lvird.— — 150000 Mark verlaugt Kl i n g er für ieine Beethoven« Statue.— — Die archäologische Kommission zu Athen hat die Wiederherstellung des Erechtheions beschlossen.— — An der Südseite des S i m p l o n t u n n e l s ist man des ü b« r ni ä ß i g e n W n s s e r n n d r a u g e s, der eine fünf- monatige Stockung der Arbeiten herbeigeführt hatte, durch Ableitung Herr geworden.— — Blühende Glocken Haide im Frühjahr. Einen schönen FrühlingSschmuck bergen die Nadelwälder und Waldblößcn in der Gegend der Elsterqnellen im Vogtland. Demi dort begegnen wir sofort nach dem Schmelzen des Schnee« einer blühenden Glocken- Haide, der Erica camea. Die zierlichen, fleischroten Glöckchen über- raichcn jeden, der nicht iveitz, daß es auch blühende Haide im zeitigen Frühjahr giebt, was um so leichter möglich ist, als die Schueehaide in Mitteleuropa mir bei Brambach im sächsischen Bogtlaudc, bei Karlsbad und bei Einsiedel im mährischen Gesenke vorkommt. Da- gegen ist sie an vielen Stellen dcS Alpengebiet« zu Hauie. Die Blütezeit der fleischfarbigen Glockeuhaide fällt in den April und Mai.— Druck und Verlag von Max Babing tn Berlin.