Anlerhaltungsblall des Dorwarts *iz. 78. Diellstag. den 22. April. 1902 lRachdruck verboten.! 16] Nuf der letzten Schäve. Ronian von G ii st ä v af Geijersta m. ES wnr Fille Bunim in diesem Augenblick, als schämle er sich Über etwas Häßliches und Schlechtes, das er einmal be- gangen haben mußte. Der Hund war sein Freund und Kamerad gewesen, der Hund hatte ihm immer nur Freude bereitet. Wanim hatte er ihn eigentlich ertränkt? Damit ein böses altes Weib nichts hinter seinem Rücken sagen konnte. Das war auch ein richtiger Grund! Aber dies war doch nicht das schlinimste, was jetzt die Gedanken des alten Seemanns beschäftigte. Woran er dachte, das war die Ursache, warum der Hund sich ihm gerade jetzt gezeigt, gleichsain aus des Meeres Tiefe gekommen war und ihn. Fille Bumm. gezwungen hatte, da zu sitzen und den toten, aufgequollenen.Körper anzustarren. Waruni war er gekommen V Was wollte er? ES dauerte lange, bis es Fille Bumm gelang, sich so weit zu ermannen, daß er es vermochte, den schleunigen, widerlichen Körper anzugreifen und noch einmal über Bord zu werfen. Aber alS er nun zum zweitenmale untersank, da erschrak Fille Bumm. Er erinnerte sich, was es zu bedeuten hat, wenn man mit einer Leiche an Bord segelt, und vielleicht zum erstenmale in seinem Leben hatte der alte Bumm Angst vor dem Meere. Er hatte Angst, einsam dort draußen zu sein. Es war ihm, als erhöbe sich ein Wind, der gefährlich aussah. Der Mast und das Segel düukteu ihm plötzlich alt und gebrechlich, und er erinnerte sich, daß Holz morsch und faulig werden kann. Wie eine kalte Furche lief die Angst über seinen Rücken. Er zog die Angelschnüre ein und ließ sein Boot mit vollen Segeln zum Laude gehen, und er atmete erst auf. als er wieder auf der Brücke stand und festen Boden unter den Füßen spürte. Dan» wendete Fille Bumni sich um und sah übers Meer hinaus, als wollte er eine Erklärung all des Wunder- baren suchen, das ihn an diesen« Tage verfolgt hatte. Doch da machte er einen Schritt zurück, als hätte er ein Gespenst erblickt, und nie konnte Fille Buninr begreifen, daß er herein- gesegelt war, ohne dies zu sehen. Mitten in den Hafen fuhr der„Delphin" mit bloßem Focksegel ein. und das Boot schwankte in dem Augenblick gegen den Wind, in dem der Schiffer den Anker sinken lassen «vollte. Aber alles ging so still Ivic im Grabe,- nnd-Brimm durchzuckte ein eisiges Schreckcnsgefühl, ob dies auch wirklich der richtige„Delphin" war, den er sah. oder irgend ein- Spuk, der am hellen Tage vor seineu Augen gaukelte. Mechanisch wandte er den Blick und sah zu den Klippen hinauf, Ivo die Frauen und Kinder zu stehen und den Heimkehrenden zuzuwinken pflegten. Ja, ganz richtig! Da standen sie auch jetzt. Die Klippen waren in den« nebeligen Licht voll Menschen. Aber Fille Bumm bemerkte, daß alle so wunderlich still waren. Keiner rief, keiner sprach ein lautes Wort, ja keiner rührte sich auch nur von der Stelle. Es sah aus, als hielte eine gemeinsanie Angst alle Zungen gebunden, alle Menschen in diesen schlveigeudeu gc- spenstischen Gruppen gefesselt, und Fille Bnmin wurde noch ängstlicher, als da er noch einsan« draußen aus den« Meere gefahren war. Er schickte sich an, den Hügel hinaufzugehen, und er glaubte zu fühlen, wie sich sein eignes Gesicht gleichsam verzerrte. Das ganze Bild stand still, als sei das Ganze ein Schattenspiel, und durch das unheimliche Schweigen schnitten die knirschenden Laute der Ankerkettuug unheimlich und be- kleinnicud. lieber den Hügel kanien zwei Männer in laug- samem Schritt Bumm entgegen. „Was giebt es?" sagte dieser und hielt sie au. Er merkte selbst, daß er unwillkürlich flüsterte, als er sprach. „Es sind nur neun mit", war die Autwort.„Sie haben sie vom Land aus gezählt. Einer fehlt." Im selben Augenblick kam das Weib des schwarzen Jakob im vollen Lauf dahergespreugt. Sie trug ein Kind auf dem Arm, und drei andre folgten ihr. Sie«var außer sich vor Entsetzen, und die grauen Haarzotteln flogen im Winde. Fille Bumm hatte sie seit dem Auftritt mit dem Hunde nicht gesehen, und ein schadenfrohes Gefühl kämpfte in seiner Seele niit dem Ernst des Schreckens vor dem Meere. Er glaubte»nit einem Male zu verstehen, warum Phylax sich ihm gezeigt hatte, und er dachte bei sich selbst, daß, wenn dies geschehen sein sollte, der Schaden nicht der ärgste war. Aber im selb.«« Augenblick war der Hügel voll suchender Frauen,«md unten an der Brücke stießen sie mit den Männern zusainmen. Dort stand die wartende Schar, und keiner dachte daran, in die Jollen zu steigen und hinaus zu dem großen Boote zu rudern. Aber vom„Delphin" witrde das übrig gebliebene Ruderboot hcistig zu Wasser gelassen. einen Moment später füllte es sich«nit einer wirren Masse von Oclröcken und Südwestern und steuerte langsam aufs Land zu. Fille Bumm konnte von da, wo er stand, nicht verstehen, Ivas gesagt wurde. Aber plötzlich hörte er einen Schrei von einem zarten jungen Weibe, das hinter der übrigen Schar stand. Bumm sprang zum Strande hinab, und er sah. daß keiner das Mädchen beachtet hatte. Sie rang die Hände, und mit dein Ausdruck entsetzlichster Angst ging sie fort von den andern, dem Dorfe zu. „Wer ist es?" fragte Fille Bumm atemlos. Die Ereignisse des Tages hatten ihn so wunderlich ge- macht, daß er sich selbst nicht verstand. „Es ist Niels," sagte das Mädchen.„Niels! Gott im Himmel,»vas soll aus mir werden?" Da sah Fille Bumm, daß es Groß-Larsens Märta war, und in einem Nu erinnerte er sich, wie er sie vor kaum vierzehn Tagen mit einem andern hinter der Hecke des laugen Gerdt hatte schnäbeln sehen. Fille Bumm dachte bei sich selbst, daß alles an diesem Tage so seltsam war, wie es nur überhaupt sein konnte. Ohne sich umzusehen. weder nach rechts noch nach links, ging er geradewegs nach Hause. Dort setzte er sich ans Fenster und grübelte nach. Er saß da, bis es dunkel wurde und seine Alte den Fisch auftischte. Aber essen wollte er nicht. Und auf die Frage der Alten, was ihm wäre, antwortete er mir, daß er Phylax zur See gesehen habe und seither in Gedanken versunken sei. Aber Märta ging einsau« in thränenlosem Schmerz durchs Dorf. Wie wenn sie aus einem Traun« erwachte, so fiel alles von ihr ab, was in der letzten Zeit ihren Blick umnebelt und sie blind auf einein Wege hatte gehen lassen. der nicht der ihre war. Und zum erstenmale sah sie klar und fühlte. daß dies ganze Leben, welches sie erwartete, ein Unglück war. ebenso»ainenlos wie ihre heimliche Schande. Sie achtete nicht darauf, ob jemand sie sah. Sie ging die offene Dorfftraße entlang, und sie rang die Hände und stöhnte und ächzte, und dieser Schmerz, der so gewaltsam und so unvorbereitet kam. enthüllte ihr das Geheinlnis. daß die Liebe zu Niels mitten in dem leidenschaftlichen Spiele mit einem andren Mann in ihrem Herzen«veiter gelebt und geherrscht hatte. Zun« ersten Mal, seit er sprtgefahren, konnte Märta ihr wieder leibhaftig vor Augen sehen. Sie sah seine Stirn, seir Haar, seinen Blick, seine Gestalt. Er war ihr nahe wie ii einem Traum. Und Märta konnte nicht sasseu,»vie es«nög lich war, daß sie ihn je vergessen. Unten auf der Brücke stand inzwischen eine Gruppe voi« Frauen und Männern, die gedämpft miteinander redeten. Der alte Olausson und sein Weib fragten die Männer auj dem„Delphin" nach dem Schicksal des Sohnes aus, und um sie bildeten die übrigen einen schlveigeudeu Ring. WaS die Männer auf dem„Delphin" nljtzuteilen hatte««, war. daß Niels nicht mit ihnen heimgekommen. Aber sie sagten«veiter,� daß Niels darum gewiß nicht gestorben war. Nur ein Unfall war ihm passiert. Die ganze Zeit auf der Reise war er in sich gekehrt und still gewesen und hatte wenig darauf geachtet, was er that, oder welchen Gefahren er sich aussetzte. Es war ihm jedoch nichts Schlimmes zugestoßen, nur seinen Finger hatte er beschädigt, als er Laugfische reinigte. Aber er hatte auf den Schaden nicht acht gegeben, und der Finger war angeschwollen und sah übel aus. Da war das Fahrzeug in die Nähe der norwegischen Küste getrieben worden, und dort war Niels ans Land gegangen, um mit dem Zug nach Christiania zu fahren und sich im Spital kurieren zu lassen. Niels hatte gebeten, daheim schön zu grüßen, und er dachte bald nach- zukommen. Es sah aus, als sollte alles, was an diesem Tage auf der Sonnenschäre vorfiel, verkehrt ausgehen und auf un- richtige Wege geraten. Denn die Männer des„Delphin" erzählten dies. ohne zu wissen, daß das Rettungsboot, welches das Meer in einer Sturmnacht vom Verdeck los- gerissen hatte, gesunden und zu ihrer Insel gebracht worden war. Nun wollten sie auch nichts davon sagen, um nicht noch mehr Unruhe hervorzurufen. Die Geschichte, die sie erzählten, war nämlich keine gemilderte Darstellung eines traurigen Falls. Sie enthielt im Gegenteil in jedem Wort die reine Wahrheit. Aber gerade weil niemand das Boot erwähnte, welches sie verloren, glaubten die meisten, daß die Männer aus dem„Delphin" sprachen, wie sie es thaten, um noch eine Zeitlang die Alten zu schonen, aber daß Niels doch tot war und niemals zurückkehren würde. Die Alten begriffen dies auch, und sie wollten nichts thun, um die Wahrheit hervorzupressen. Sie fühlten die gute Absicht, die in diesem Schweigen lag, aber das erleichterte ihren Kummer nicht. Und niit schwerem Herzen wandten sie sich von den andren ab. sagten Adjes und gingen allein heimwärts. Wie alt und gebückt sahen sie aus, wie langsam gingen sie nun zum zweitenmal mit denselben Gedanken diesen Weg, und wie gefurcht waren ihre Züge geworden I Mutter Beda ging und dachte an das, was sie wußte und was sie ahnte; und als sie über die Schwelle ihres Heims traten, wo alles, was sie ihr Eigen nannten, nun nutzlos war, und wo kein Sohn das Erbe der Alten übernchnien sollte, da fiel ihr Blick auf ihren Mann und ein Zag von Bitterkeit glitt über ihr Antlitz. Olaussen sah ihren Blick und verstand, was sie meinte. Im selben Augenblick fühlte er das Gleiche wie sein Weib. Und so natürlich, ohne Gedanken an etwas andres, als wie natürlich es war, nahm er das Mienenspiel, durch das sein Weib sich verraten, daß er bloß sagte: „Ja. ja," Du hast recht, ich hätte es sein sollen, anstatt des Jungen." „Dann setzte er sich auf die Treppenstufen, von wo er einen Zipfel des Meeres sehen konnte. Und während er dasaß, glitt vor seinem geistigen Auge all das Große und Kleine, Helle und Dunkle, Schwere und Leichte. Freudige und Kummervolle vorüber, was in jenen Augenblicken zu kommen pflegt, in denen das Herz übervoll ist und der Mensch nicht an sich selbst Genüge finden kann. Der alte Mann saß da und fühlte Gewisiensqual. Er fühlte Gewissensqual darüber, daß er es gewesen, der den Sohn gebeten, an seiner Statt zu fahren. Und Mutter Beda verstand ihn. Einmal ums andre schlich sie sich in die Thür und sah den gebeugten Rücken des Alten an und seinen grauen Kopf. Aber sie konnte ihm ja nicht sagen, wie das Ganze eigentlich zusanimenhing. Sie konnte es nicht. Und selbst Ivenn sie es gekonnt hätte, würde es doch nichts geholfen haben. Denn sie wußte, daß Olausson ihr nicht geglaubt hätte. So betrauerten die beiden Alten ihren Sohn und fühlten Gewissensqual wegen seines Todes, und keines konnte das andre trösten. * Aber nicht lange darauf geschah, was keiner auf der ganzen Insel hatte glauben wollen, trotz allem, was die Ve- satzung des„Delphin" zn sagen versucht. Eines Tages lag ein großes Dampfschiff auf dem Wege von Christiania stille da und pfiff nach einem Lotsen. Das Boot, das den Lotsen an Bord hatte, brachte, als es zurück- kani, Niels mit. Die Geschichte von dem verletzten Finger, der Eiscnbahnreise und dem Spital in Christiania war also wahr. Keiner wollte seinen Augen trauen, und die Leute wagten kauni, es Olausson zu erzählen. Denn man fürchtete, die freudige Nachricht könnte den Alten töten. 13. Niels ging zwei Tage daheim umher und dachte an Märta. Er lugte nach ihr aus, wo er ging und stand, auf der ganzen Insel. Solange er draußen auf dem Meer war und fort von allem, was ihn an sie erinnerte, war es ihm gelungen, die trotzige Kühle beizubehalten, die einmal seine Seele in Aufruhr gebracht. Aber kaum hatte er den Fuß aufs feste Land gesetzt, als neue Gefühle die alten ablösten. Eine Flut von Erinnerungen und Hoffnungen brach über ihn herein, und Niels vermeinte, aus einem bösen Traum zu erwachen, währenddessen er in Gefahr und Not gewesen und niemand ihm zu Hilfe geeilt war. In ihm riefen nun Stimmen, von denen er nie geglaubt, daß sie aufs neue zum Leben erivachen könnten. In dieser Gemütsstimmuug suchte Niels Märta an jenen Stellen, wo sie früher auf ihn zu warten Pflegte. Er dachte ganz einfach, daß ebensowenig wie er Märta vergessen hatte, Märta ihn vergessen haben konnte. Sie mußte ja, sie wie die andren, ihn als tot betrauert haben, und jetzt, da er lebte, würde aller Groll verschwinden, wenn ein solcher noch in ihr gelebt hatte. Niels suchte Märta auf dem Tanzplatz, wo die Jugend sich noch zuweilen in der Dämmerung ver- gnügte. Er suchte sie auf den Brücken, wo die Frauen sich versammelten, um die Fische zu reinigen und zu trocknen. Er suchte sie auf den einsamen Wegen, auf denen er und sie sich früher zu finden pflegten. Doch Märta war nirgends zu sehen, und Niels fühlte die frühere dumpfe Unruhe wiederkehren und in sich anwachsen. Erinnerungen von seinem letzten Aufenthalt in der Heimat tauchten enipor und quälten ihn. Sie zeigten ihm Märtas Augen, wie sie kam, um mit ihm zu tanzen, und das Ganze mit ein paar lustigen Drehungen wieder gut machen wollte. Sie zeigten ihm den Ausdruck in diesen Augen und den Tonfall ihrer Stimme, und am schlimmsten wurde es, als er sich erinnerte, wie er Märta unterhalb des Baues stehen und ihm nachstarren gesehen hatte, als das große Fischerboot in die See stach. Aber es war, als hätten böse Geister seine Hände gebunden und seinen Willen verzaubert. Sie hatten ihn gezwungen, böse und hart zu sein, gegen seinen Willen war er getrieben worden, ihr wehe zu thun, sie zu quälen und zu peinigen, alles zu thun, was der gerade Gegensatz zu dem war, was er eigentlich wollte. Es lag Wahnsinn in diesen Gedanken, und sie niachten Niels starr vor Entsetzen. Es war am Morgen des dritten Tages und Niels ging noch und grübelte über das alles nach. Es war so früh am Tage, daß Niels nur ausgegangen war, weil er nicht still in seinem Bett liegen konnte. Herbst war es, aber es lag noch Sonne in der Luft. Kaltblau glänzte es über dem Wasser und die Wellen glitzerten. Es war um die Zeit, in der die ersten Phosphorfünkchcn vom Meere um Ruder und Kiel sprühen, und Niels ging einsam über die Straße durch das Dorf, das rings um ihn zu schlafen schien. Man hörte keinen andren Laut als den des Windes und des Wassers, und ringsum krähten die Hähne mit kurzem, schwachen! Ton, zum Zeichen. daß der Tag bald anbrechen sollte. (Fortsetzung folgt.) lNatdruck verdvien.) Heidnifches iibev A�ölle und Himmel. Die Hölle als eine jenseitige Einrichtung zur ewigen Bestrafung unbußfertiger, unvcrbesierlicher Sünder ist allen christlichen Bekennt- nissen gemeinsam. Man müßte sie also für etwas specifisch Christ- liches, dein Christentum Eigentümliches halten. Da ist nun merk- würdig, daß schon der Name direkt ans heidnische Vorstellungen znrückjührt und zivar in allen modernen Äulturspcachen. Der an- genehme Ort der Höllenstrafen, der die einladende Aufschrift trügt: .Laßt alle Hoffnung fahren, ihr, die ihr eintretet", führt bei Dante italienisch den Namen„iufsrno", und entsprechend gehen in den übrigen romanischen Sprachen die Worte für»Hölle" auf die lateinische Bezeichnung der heidnischen Untcnvelt(inkeri oder in- fernuin) zurück. Russisch heißt die Hölle„aä", worin die Er» inncrung an den altgriechischen Hades fortlebt. Dagegen stellt unser deutsches»Hölle" wie die entsprechenden Ausdrücke der übrigen germanischen Sprachen(z. B. im Englischen bell) einen Ueberrest dar nicht der klassischen Vorstellungen vom Jenseits, sondern derer des altgermanischen Heidentums, dessen Unterwelt Hei hieß. Aber nicht nur die Namen der Hölle sind heidnischer Herkunft, sondern auch mit der Sache sind die Juden erst in den letzten Jahr- Hunderten bor Christo bekannt geworden durch heidnischen Einfluß. Neben persischen Anschauungen waren es vor allem die griechischen vom Hades, die den jüdischen und den ältesten christliche» Begriff von der Hölle bestimmt haben. Freilich mußten nach griechischer Vorstellung die wesenlosen Schatten aller Abgeschiedenen auf dem Nachen des Charo» die Fahrt über den Sthx antreten, in bnS öde und düstere L-md des Hades und der Bcrsephone, aus dessen traumhaften Gefilden es keine Rück» kehr in die Oberwelt gab; dafür sorgte schon der dreiköpfige Höllen- Hund Cerberus. Reben dem dumpfen und freudelosen Dasein, das die grofie Masse der Verstorbenen auf der Asphodeloswiese dahindämmerte, gab eS aber noch die Seligkeit des Elysiuins, wo die Gerechten für autzergewühuliche Verdienste belohnt wurden, und die Marterqual des Tartarus, wo solche hervorragenden Sünder wie Tantalus, Sisyphus und die Danaide» ausgcsuch'ler Pein unter- worfen waren; diese Hölle und jener Himmel befanden sich unter einem Dache mit dem grofien Massenquartier des Hades. So dachten sich aber auch die Juden zur Zeit Christi die Sache, Ivie aus den» bekaimteu Gleichnis vom reichen Manne und dem armen Lazarus hervorgeht; da ist der eine im Hades, was Luther mit Hölle übersetzt, und leidet Pein, der andre in Abrahams Schos; und wird belohnt; sie sind aber so nahe beisammen, daß sie sich scheu und zusammen sprechen können. Als das Christeutum zu den Germanen kam. war seine Lehre vom zukünftigen Leben schon recht ausgebildet. Indes war es im» vermcidlich, dafi die christlichen Missionare an die gcriiiaiiischen Vorstellungen vom Jenseits aukuüpsten, und daß letztere dam» i» den kindlichen Köpfen der bloß oberflächlich bekehrten Barbaren mit der christlichen Lehre verschmolzen. Wie mm die Hölle der Deutschen zur heidnischen Zeit aussah, darüber haben wir zwar keine unmittelbar deutschen Nachrichten. Wir können uns aber doch eine deutliche Vor- stelluug davon bilden mit Hilfe der nordische» Götterlehre, wie sie in den Liedern der Edda erhalten ist; denn das Bild von Hel, das hier gezeichnet wird, trifft zweifelsohne in allen wesentlichen Punkten auch für das heidnische Deutschland zu. Hel lag nicht, ivie der griechische Hades, im fernen Westen von der bewohnten Welt, sondern im hohe» Norde»: unter einer Wurzel der immergrünen Weltesche Aggdrasill, deren Aeste sich hoch über dem ganzen Erdenrund ausbreiten. So ist die germanische Uuterivelt ein von der Sonne abgekehrtes kaltes Höhleulaud beständigen Nebels nud führt darum auch den zweiten Namen Riflhcii» sNcbelwelt). Ei» Meer— zuweilen ist auch von einem Grcuzflust Gjöll die Rede— trennt das Totenreich von den Wohnsitzen der Lebendigen, und darum muhten die Verstorbeuen im allgemeinen Hel zu Schiffe er- reichen. Für diesen Zweck existierte dort ein öffentliches Verkehrs- mittel i» Gestalt des Totenschiffcs Naglfar, das aus den Nägeln der Verstorbenen verfertigt war. Wer sich darauf nicht verlassen wollte oder dafür zu nobel war, legte die Leiche auf ein geschmücktes Fahrzeug und lieh es ins Meer hinaustreiben. Venvundcrlicher- weise werden aber auch Fälle erivähnt, Ivo Abgeschiedene zu Roh oder zu Wage» ins Jenseits gelangten. Dah der Göttervater Wodan, als er eine verstorbene Prophetin in Hel interviewen will, seinen Besuch zu Roh bewerkstelligt, ist allerdings begreiflich; denn er verfügt über den übernatürlichen, achtfühigen Reimer Slcipuir, worauf er noch heute als wilder Jäger durch die Lüfte jagt. Ihn vermag also auch das zornige Gekuurr des HollenhundeS Garin nicht aufzuhalten, der ihm aus dem Höllenthor mit seiner blutbefleckten Brust eiitgegeiispringt. Dieser grimme Wächter war nicht der einzige Vertreter der Fauna in Hel. Da gab es außerdem den Drachen Nidhöggr, der den Leichen das Blut aussangt, den schaiidererregenden Feuriswolf,»ind endlich einen rnhroten Hahn, der in HclS Saal krähte. Hier, in der von hohen Gittern umschlossene» Halle Eljnduir, augenscheinlich dem all- gemeinen Versammliingslokal der Toten, thronte sie selbst, die furcht- bare Hel, ein Ungetüm, das der böse Gott Loki geboren hatte. Womit sich im übrige» die Toten die Zeit vertriebe», erfahren wir nicht; aber wahrscheinlich war ihr schattenhaftes Dasein ganz freudlos, wenn es auch so aussieht, als ob in Hel doch wenigstens der geliebte Met gebraut worden wäre. Nur von den ausgemachte» Sündern wissen wir genauer, wie es ihnen ging; in einer besonders ab- «grenzten Strafkolonie, Niflhel genannt, empfingen sie den Loh» ihrer Thaten: „Einen Saal seh' ich ferne der Sonne stehen, Das Thor gegen Norden, am Totenstrand; Dem trieft durch die Fenster in Tropfen der Eiter; Denn Schlangenrücken umschlingen den Raum. Dort treibt er im Osten durch Eiterthale, Mit Schlamm und Schwertern, der Schlingerstrom: Da seh' ich sie waten durch sumpfdicke Wogen, Die Männer, die Meineid und Mord verübt Und zilr Untreu' verleitet des andern Geliebte.. Singt der Dichter der VöluspS., nach H. v. Wolzogens Uebersctzuuq. Das ist ja nun gerade kein verlockender Aufenthaltsort. Ebenso wenig aber ist anzunehmen, dah uusre Vorfahren sich auf das Los des Durchichnittsmcnschen im allgemeinen Quartier von Hel besonders sollten gefreut haben. Es muh freilich gesagt werden, dah für Wodans Lieblinge unter den Menschen eine Extrawurst gebraten war in Gestalt der Herrlichkeit von Walhall in himmlischer Höhe. Da schmausen die Einherier(Einzelkämpfer) bei köstlichem Melh vom allerbesten Eberfleische in einem Saale, der also beschrieben wird: „Leicht wird diesen Saalraum, wem» er ihn sieht, Wer zu Wodan kommt, erkennen: Die Sparren sind Speere, Schilde das Dach, Die Bänke bedecken Brünnen(Panzer)." Wenn die seligen Helden nicht schmausen und zechen, so kämpfen sie draußen auf Wodans Besitzungen der Uebung halber wider einander, um sich nachher wieder zu versöhnen. Das geschieht aber bloß während des Tages; nachts erfreuen sie sich im Wingolf (»Halle der Lust") lieblicher Gemeinschaft mit den göttlichen Schlachten» jungfraue», den Walküren. Das mag ja mm ganz uett gewesen sein; aber die Freuden von Walhall waren nur für»uzerwelte dcgeu", um einen Ausdruck des Nibelungenliedes zu gebrauchen. Die bessere Hälfte der Menschheit, bestehend in der edlen Weiblichkeit, war davon ohne weiteres still- schweigend ausgeschlossen; ebenso alle, die im unmündigen Alter, eines friedlichen Todes a» Altersschwäche oder sonst nicht im Kampfe starben, und dann überhaupt der ganze unkriegerische Pöbel: auf dies Gchudcl, für das Hel gut genug war. sah die auserlesene Gc» scllschaft aus Walhall stolz herab von ihrem erhabenen Standorte. Wir sind sogar in der Lage, mit einer ganz zuverlässigen Statistik aufzuwarten, wieviel Man» Walhall im Lauf der Jahrtausende auf« zunehmen vermochte: .Fünfhundert Thore und viermal zehn, So viele wähn' ich in Walhall; Aus jedem achthundert Einherier ziehn, Wann sie kommen, den Wolf zu bekämpfen." Dieser Enlscheidungskampf der Götter und ihrer Recken gegen den Feuriswolf und die übrigen Mächte der Zerstörung wird am jüngsten Tage oder— nordisch gesprochen— am Tage der Götter- dämmerung ansgefochten werden. Bis dahin also werden im ganzen ausgerechnet 432(XXI Mau» in Walhall Aufnahine finden. Danach kann sich männiglich seine Chance» auf die ewige Seligkeit von Walhall und Wingolf mit Leichtigkeit ausrechuen; die schlechteste Lotterie ist Gold dagegen. Unter solchen Umständen ist von vornherein nicht wohl an« zunehmen, dah die alten Germanen das Jenseits als die beffere Welt betrachtet hätten. Denn ihr irdisches Leben war nicht un- befriedigend, und ihre Erwartungen an die Ewigkeit sahen denen der alten Griechen verzweifelt ähnlich, für die selbst Elysium nichts Ver- führerisches hatte. Schiller erklärt zwar in seinem»Lied auf die Freude" den schöne» Götterfunken für eine Tochter aus Elysium; die Griechen waren anderer Meinung. Bei Homer trifft der auf seinen Fahrten zur Totenwelt gelangte Odhsseus mit dem Schatten des Achilles zusaimneu und preist den toten Helden glücklich, weil er jetzt im Hades mächtig den Geistern gebiete, drum solle er sich den Tod nicht reuen lassen. Schiller aber antwortet: »Nicht mir rede vom Tod ein Trostwort, edler Odhsseus I Lieber ja wollt' ich das Feld als Tagelöhner bestellen Einem dürftigen Manu, ohn' Erb' und eigenen Wohlstand, Als die sämtliche Schar der geschwundenen Toten beherrschen." In Virgils»Aencis" steigt Vater Aeneas zu den Schatten hinab und gelangt auch zum Aufenthaltsort derjenigen, die Selbstmord verübt haben, weil ihnen der Tag und das Licht verhaßt war. Nun würden sie gerne die drückendste Armut und die schwerste Arbeit er- dulden, um zur Oberwelt wieder zurückzukehren, wenn eS nur daS unerbittliche Schicksal gestattete. Derselben Dicsscilsfrcudigkcit müffen auch die alten Germanen gehuldigt haben. In der Edda findet sich ein Gedicht über den Wert des irdischen Lebens, dessen Anschauungen mit denen jener Stelle» bei Homer und Virgil merkwürdig übereinstimmeu: »Glücklich, wer lebt, sei's auch gar nicht reich: „Der Lebende kommt noch zur Kuh"; Auf dem Herde des Reichen war helle Glut, Der Tod aber stand vor der Thüre.,.. Hinkbcin mag reiten, HandloS ist Hirt, Und Tanbohr taugt doch zum Kampfe, Blindauge lebt noch, Leichnam ist tot, Und Tote nur nützen zu nichts mehr." Daraus spricht nichts von jener trübseligen Vorstellung, die de? Menschen Leben hicniedcn bloß als Mittel zn einem höheren Zweck, als Vorübung für ein erträumtes Jenseits auffaßt. Vermochte» auch die alten Germanen in den Bildern von Hel und Walhall noch nicht leere Phantasien zu erkennen, im übrigen dachten sie wie der Faust unsres großen modernen Heiden, den ein schaffendes Leben im Geiste tbätiger Menschenliebe schließlich dahin bringt, die zukünftige Welt für unbedeutend, gleichgültig, wertlos zu halten: »Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt, Thor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet, Sicb über Wolken seines Gleichen dichtet I Er stehe fest und sehe hier sich um! Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm. Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen? Was er erkennt, läßt sich ergreifen.— — rd.— Kleines Feuillekon. fe. Die Praktiken einer englischen SensationS- Zeitschrift erfahren durch einen Prozeß, der seit einigen Tagen in London zur Verhandlung kommt, eine interessante Beleuchtung. Der Prozeß ist von W. George Fitzgerald gegen George Ncwnes, den Herausgeber der Zeitschrift„The Wide World Magazine" und„The Traveller" angestrengt. W. G. Fitzgcrald war als Nedactenr dieser Zeitschrift eitflnfltert mid bczoci eine Zeitlang ein jnhrlicheS Eiiikomnie» und Provision von ettim 32 0C0 M. Er klagt nun auf Zahlung der Provision und des Gehalts vom 1. Juni vorigen Jahres ab, dem Termin seiner Entlassung, die er als rechts- lvidrig hinstellt. Seine Nedaktionsthätigkeit am„Wide World Magazine" ist durch manche Enthüllungen, die vor Gericht zur Sprache kamen, interessant. Seine ureigenste Idee war das „Wide World Magazine", die„Zeitschrift> vahrer Erzählungen von Missionären, llteisenden und andern mit Jllustratione», die die Sitten der eivilisierten und wilden Völker zeigen." Provision zu zahlen ivar sonst nicht Geschäftspraxi? von Sir George Neivnes, aber die Idee des Klägers war kaufmännisch wertvoll, und er erhielt deshalb auf je tausend verkaufte Exemplare 6,75 M. Fitzgerald ist seit zehn Jahren Journalist, und schrieb erst für„Tu Bits", dann für das„Strand Magazine" mit einem wöchentlichen Gehalt von 160 M. für zwei Artikel monatlich. Dan» wurde sein Gehalt auf 200 M. wöchentlich erhöht. Schließlich entwarf er de» Plan zum„Wide World Magazine". Von siebzehn oder achtzehn Artikeln der ersten Nummer waren vierzehn von ihm, und die Namen der„Missionare" jc. natürlich fingiert. Ein Artikel„Devotees" z. B. von Kapitän Howard mar von Fitzgerald, denn es würde festgestellt, daß es überhaupt keinen Kapiän Howard gab, sund die Photographien stammte» von verschiedenen Missionsgesellschaften. Eine„schwarze Liste" von ausländischen Hotels, die von W. Le Quenx eingeschickt worden war, hatte Fitzgerald, ohne sie z» lesen, in die Druckerei geschickt. Der Artikel erschien nicht, war aber einer der Gründe der Entlassnng. Ein andrer war der Artikel„TKs voyage ok tho Molehill". Das Schiff hieß aber in Wirklichkeit„Moivhill". Fitzgerald sagte, er habe die ihm erzählte Geschichte für wahr gehalten und die Dokumente nicht weiter geprüft, obgleich es in seinem Artikel heißt:„Wir haben die Namen in unserm Besitz". Auf die Frage, ob die Behauptung, daß die ganze Mannschaft sehr betrunken war, nicht verlenmderffch wäre, erwiderte Fitzgerald:„Das hängt von den Umstände» ab." Im weiteren Verlauf der Verhandlung erzählte er einige weitere Geheimnisse des„Dellow" Journalismus. Ein Artikel von Dr. Lnnn über die„Tragödien anf dem Mont Blone" war eigentlich für das „Strand Magazine" bestimmt. wurde aber für die andre Zeitschrift verwandt, obgleich der Verfasser in dem Glanben war. er käme inS „Strand Magazine". Die Photographie dazu war ohne Wisse» und Eimvillignng des Verfassers hinzugefügt worden und war durchaus nicht ein Bild der Opfer; aber Fitzger-ald meinte nur,„Bergsteiger werden ja oft vor dem Aufstieg pholographiert."— Musik. In den letzten Tageil haben uns zwei ausländische Gesellschaften erfreut und gekränkt, von denen trotz einer durch ichniltlichen Minder- Wertigkeit doch manches Charakteristische zu erfahre» ivar. Die eine bestand auS Onkel Mascagni und vier italienischen Konzertsänger» und-Sängerinnen, die andre ans einer Operntruppe, zusammengestellt ans sehr verschiedentlichen französischen Gesangskräften. Heben wir gleich hervor, was bei beiden Truppen besonders auffallen konnte! Vor allem lernte man gute. bei den Italienern sogar gewaltige, Slimmmaterialien kennen und konnte o» ihnen— ganz besonders wieder bei den Italienern— eine verhältnismäßig ante technische Schulung beobachten. Dazu komurt, daß diese Personen sich anscheinend überaus gern singen hören und so thun, als wäre die Welt eigentlich nur des Gesänge? wegen da. Ein solcher Standpunkt verlangt freilich, daß nun auch wirklich über alle Matzen schön, speeififch wohlklingend gesungen werde. Daran fehlte aber doch noch recht viel. Namentlich war den meisten xtsvgS Krasses, Lärmendes, Gewaltsames eigen. Die romanischen Tenöre, die ivir anf den mannigfache» Fremdenzügen in Berlin kennen lernen, besitzen im Durchschnitt mehr echten,«atür- lichen Tenorklang als die unsrige», die in der Höhe so häufig mit einer von der Mittellage her genommenen Klangart singe» i sie geben da freiere Töne; allein diese Töne sind dafür auch meist wieder um so viel platter, gröber, ordinärer. Einer der erfolgreichsten Säuger dieser Tage, der Tenor bei Mascagni, geriet beim kräftigen LoSlege» hoher Töne in ein solches Krähen. datz es mir durch Mark und Bein ging. Deutsche Sänger, auch wen» sie sonst schlechter gebildet sind, bewahre» in der Regel doch mehr Zurückhaltung und Intimität. Mit diesem Stimm- Versteigern Hand in Hand geht ein ab- stoßender Mangel an allgemeinem Kunstgeschmack. Das da capo ist ei» Hauptelement jener Kehl-Artisten: wenn sie ein„schönes Stück" und noch eines singen und repetieren können, sind sie anscheinend auf dem Gipfel ihrer Lebensfreude. Opernregie und Konzert- arrangemenl befinden sich be' ihnen noch im ältesten Stadium. Wie viel auch Richard Wagner bei Franzosen und Italiener» äußerlich aufgenommen wurde: sein eigentlicher Geist hat dort anscheinend gar nicht gewirkt, während bei uns doch wenigstens ein harter Kampf um seine Grundsätze und um manches aus ihnen zu Folgernde besteht. M a S e a g n i hatte einen Tenor und eine Altistin vom Teatro Argeutino z» Rom und einen Baß und eine Sopranistin von der Mailänder Seala sjenem anscheinend zur Pflege einer Slinimenwucht zwingenden Riesentheater) mitgebracht und gab mit ihnen, unterstützt von hiesigen Teilnehmern, zwei Konzerte in der Philharmonie. Wir verzichteten ausdrücklich auf das„Ltabat matei" von Rossini und hörten das zweite, anS Einzelstücken bestehende Konzert. Außer ein paar MaSeagnischen Kompositionen von bekännter, vörlviegeud har- monisch gemachter Art gab es fast nur Rummern aus romanischen Opern mit schnellbereiten Zugaben. Die beiden Sängerinnen möchte man ob ihrer Tonfülle, ihrer geschmeidigen Tonverbindungen usiv. immerhin noch einmal hören, wenngleich man das Gefühl hat, als gehe da der Sinn der Texte unter, wie eine Farbenkuust unter zu viel Lichtglanz. Die französische Truppe stand von vorn herein nicht unter dem Vorteil erster Namen, so viel Personal-Reklame auch in dem beigegebeuen Programm gemacht war. Es handelte sich, scheint's. vorwiegend um eine Provinzgesellschast. Seien ivir aber nicht übermütig; rechnen wir damit, daß es auch weniger begünstigte Ver- anstaltungen geben mutz, daß da oftmals vorzügliche Künstler fest- gehalten sind, und namentlich, daß solche Veranstaltungen durch Vorführen von Unbekannten mehr leisten könne» als berühmte Institute mit ihre» alte» Lorbeeren. Jene Truppe hat denn auch gleich drei nuS unbekannte oder vergessene Opern anf dem Pro- gramm: zlvei von Massenet und eine von Gounod,„Mireille", die freilich mit ihrem über lyrische Ergüffe kaum hinauskommenden Text nicht gerade viel versprach. Allein schon die Riesenpreise für die sranzösi- scheu Aufführungen bei Kroll ivaren geeignet. Unheil ahnen zulassen;»nd in der That ist denn auch das vorzeitige Ende bereits da. Wir hatten uns auf die vorgestrige zlveite„Mireille"-Aufführung eingerichtet. bekamen jedoch de»— hier ivohl als Rolhelfer iviederholte»— „Faust" Gonnods zu hören. Die Dacapos bei offener Sceue, das Geklatsche eines anscheinend mit Claque gemischten Publikums, ein Herauslanfen der beklatschten Sänger nach Vorhangfall, noch bevor die Musik z» Ende ivar, lange Zivischenakte und noch langiveiligere Akte, ein Chor, der nicht singen noch agieren gelernt hat,»nd Sänger, die zivar singen aber auch falsch singen gelernt haben: das alles ivar um so bedauernsiverter, als ans einer oder der andren Solokraft in einem künstlerischen Rahmen»och etivas zu machen iväre. Namentlich ans der Stimme de? GretchenS klang etwas Rührende? heraus, das so recht für die charaktervolle Persönlichkeit dieser selbst von Gounod nicht nnigebrachte» Figur paßte.— sz. Völkerkunde. ss. Die Feste des Todes bei den Nordamerika- nische» Indianern sind in alten Berichten beschriebe» worden. die in der ersten Hälfte deS 17. Jahrhunderts von jesuitischen Missionaren aufgezeichnet worden sind, nnd neulich von dem eng- kischen Forscher King wieder an? Licht gezogen wurden. Sie beschäf- tigen sich im allgeineiüen mit den BestattniigSgebränchen bei den Indianern. Jeder Tote wnrde dort zweimal beerdigt. Zunächst wurde» die Leiche» in de» Bestaltungsplätzen der einzelnen Dörfer beigesetzt, aber nach 3 oder 10 Jahren gelegentlich der Feier des großen Totenfestes ivieder ausgegraben und in ein große« Gräberfeld übergeführt, daS vielen Dörfern geineinfam war. Nach dem Glanben der Indianer ging die Seele des Verstorbene» erst nach der zweiten Bestattung in das Heini der Toten im fernen Westen ein. Wie bei anderen Naturvölkern verbanden sich bei den Indianern mit den Beerdigungsgebräuchen zwei Empfindungen, nämlich die Furcht vor den Geistern nnd der Wunsch, eine Verbindung mit dem geliebten Toten aufrecht zu erhalten. Die Indianer beerdigten ihre Toten und glaubten dennoch an ihr Fortleben in einer anderen Welt, während von mancher Seite behauptet ivorden ist. ein solcher Glaube finde sich bei den Naturvölkern nur in Verbindung mit den» Brauch der Leichenverbrennung. Auch eine Art von Seelen- ivanderung gehörte zu den von den Indianern aufrechterhaltenen Dogmen, und sie verliehen dieser Anschauung dadurch Ausdruck, datz sie den Namen verstorbener Häuptlinge auf bereu Nachfolger über- trugen und jene gleichsam dadurch wieder anfleben ließen. Die kanadischen Indianer hatten eine besondere Form der Bestatunig für srühverstorbene Kinder. Mit dieser Sitte stehen sie in der Völker- künde nicht allein, sondern teilen sie mit den alten Römern, mit den Hindus, den tveftafrikaiiische» Neger stännnen und noch vielen andren Völkern. Der Beiveggrnnd ist aber bei den verschiedenen Stämmen jedenfalls ein verschiedener gewesen; denn für die Indianer galten die Geister der Kinder als hilflos nnd bemitleidensivert, ivährend sie von den Hindus und Maoris mit großer Furcht verehrt wurden.— Notizen. — Björn st jerne Björn sons 70. Geburtstag wird im ganzen Norden am 8. Dezember festlich begangen werde»; an den großen Theatern werden Björnsonsche Dramen aufgeführt werden.— — Karl S ch o e n h e r r s Drama„S o n n w e n d t a g" hatte bei seiner Erstaufführung im Wiener Bnrgtheater einen große» Erfolg.— — Stanfords Oper„Viel Lärm u m Nicht s",»ach Shakespeares gleichnamigem Lustspiel bearbeitet,>vird noch in diesem Monat, zum erstenmal in deutscher Sprache, im Leipziger Stadtthenter in Seene gehen.— —„ A l a d d i n". eine Märchenoper von C. F. E. H o r u e- man n. erzielte im königlichen Theater in Kopenhagen einen starken Erfolg.— — Eine internationale Ausstellung h i st o r i s ch e r Trachten, sowie moderner Bekleidnngsartikel, ist für den November in St. Petersburg geplant.— Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid m Berlin. Druck und Verlag von Max Unding in Berlin.