Anlerhaltungsblatt des vorwärts Scr. 83. Dienstag, den 29. April. 1992 «Ziachdruc! vcrdoien.! 8] Dev ANÄNKsntStt». Romlm von Hall C a i» e. Autorisierte Nebersetzunq. Petes früheste Erinnerung bezog sich auf den Knaben, der in dem herrlichen weißen Hause mit der großen Fnchsia wohnte, da wo die Straße zu der Brücke umbog, die die Schlucht überspannte. Das war Philipp Christian, ein halbes Jahr älter, obschon einige Zoll kleiner als er, mit langen blonden Haaren und rosigen Backen ruid in einen Nelvet- anzng nnt Gamaschen gekleidet. Pete betete ihn in seiner schlichten Weise förmlich an: er war nicht von ihm weg zu dringen, that ihm alles zu Gefallen, diente ihm, wo er konnte und sah zu ihm empor wie zu einem Wunder voir Weisheit, Güte und Mut. Das erste, dessen er sich erinnerte, war, daß er mit ihm zusammen im Dunkeln geschlafen hatte, dicht an ihn an- geschmiegt, schweigsam und still, in einem engen Bette mit eisernen Lehnen, und dann am Morgen iachend herausge- sprangen war. Philipps Vater, ein großer, bleicher Herr, der niemals lachte und nur manchmal lächelte— hatte ihn abends auf der Straße gefunden, wo er auf die Rückkehr seiner Mutter vom Felde wartete, um in der Hütte das Feuer anzuzünden, und unterdes draußen herumlief, um sich zu erwärmen und den Hunger Iveniger zu spüren. �>cine zweite Erinnernng war, daß Philipp ihn im Be- suchszimmer heniniführte, über dicke Teppiche, auf denen seine bloße»! Füße kein Geräusch machten, ihin die Bilder an den Wänden zeigte und ihn» erklärte, was sie darstellten. Das eine, ein Stich, der den heiligen Johannes mit einen» Totcnkopf und einen» Kruzifix darstellte,»var, nach Allssage dieses gri»n»iige>l und wahrhaften Führers, das Bildnis eines Räilbers, der. nachdem er seine Opfer erschlagen hatte, ihnen»nit eineni Dolch, dessen Griff ein Kreuz bildete, die Kopfhaut abzuziehen Pflegte. Seine späteren Erinnerungen an Philipp und an sich selbst waren aber immer wie zwei Sonnenstrahlen, die in einen einzigen zusammenflössen. Philipp»var ein eiftiger Leser von Heldengeschichteii. Er fand sie abgenützt und zerfetzt auf dem Boden eines Koffers, der, mit blechbeschlagenen Ecken und zwei Borlegeschlösscrn ver- sehen, in der Stube stand, die nach den» Hafen zu lag. und wo seiner Mutter Vater, der alte Sceniann, geschlafen hatte. Eine seiner Lieblingsgeschichten pflegte er Pete vorzulesen. Sie erzählte die Thatei» der Leute von Earrasdhoo. einer Bande vcrrilchter Menschen, dein Schrecken der ganzen Insel. Bisweilen arbeiteten sie auf dein Felde: sie pflügten, ernteten und ft»hren in die Scheunen, ganz wie ge»vöhnliche Landleute, und nlanchmal lebten sie in Häusern, die ganz so aussahen»vie das Haus am Tränktrog. Wenn aber der Wind von Nord-Nord-West zu wehen begann, und man einen Geschmack von Salzlvasser im Muiide verspürte, dam» brachen sie auf und sagten:„Das Meer ruft—»vir müssen folgen." Dann lebten sie in den Felsenhöhlen der Küste,' wo ihnen niemand etwas anhaben konnte. Hier wurden nachts Feuer in Teerfässern angezündet, es»vnrde gejubelt, gesungen, gezecht, und dann trieb die Flut Steuer- rüder, Bilder von» Gallion, Masten und zutveilen auch tote Körper von Seeleuten, die sie ertränkt hatten— doch immer nur freinde— zu Hunderten und ganze Tonnen voll Schiffsgnt aus den Strand. Doch das»var lange her. Die Leute von Earrasdhoo waren tot und die Tage ihres Glanzes vorüber. An einem stillen Abend hatte die Knaben beim Gennß dieser geivaltigcn Geschichte ein wonniges Gruseln über- konunen; sie hockten wie zwei weiße Frösche dicht neben ein- ander ün Giebelfenster, als Philipp plötzlich sagte:„Still! was ist das?" ..Was kann das sein?" rief Pete. Außer dem Rascheln eines Blattes hörte»nan aber keinen Ton in der Lust, und Petes Einbildungskraft reichte nicht weiter. ..Pete", ruft Philipp mit furchtbarein Ernst,„das Meer ruft mich!" ..Und mich auch!" sagte Pete feierlich. Bei anbrechender?cacht»varen die beiden Knaben in der einsamsten Gegend von Port Mooar,»vo sie sich in einer Höhle.unter den wilden, schwarzen Felsen von Gobny- Earvain ein Feuer aus Ginster und Torf in einem zerborstenen alten Faß anzündeten. „Siehst Du den furchtbaren, schroffen Felsen dort unten im Waffer?" fragte Philipp. „Wie sollte ich nicht?" erwiderte Pete. In Wirklichkeit»var kein Felsen auch nur von der Größe eines Maullvnrfhügels innerhalb ihres Sehkreiscs im Wasser. „Das nennt man ein Riff", sagte Philipp.„Warte nur noch ein bißchen, und Du»virst die Schiffe daran zer- schellen sehen, wie...»vie..." „Wie einen Thcctopf", ergänzte Pete. „Aber die Frauen wollen»vir retten", sagte Philipp. „Meinst Du nicht, Pete? Das thun wir doch iinmer." „O freilich, die Frauen— und auch die Buben", setzte Pete nachdenklich hinzu. Philipp hatte»vegen der Buben seine Bedenken, doch wollte er darüber nicht streiten. Es»var nahezu dunkel und sehr kalt geworden. Die Knaben kauerten neben dem knisternden Feuer nieder und suchten zu vergeffen, daß sie die Theezeit versäumt hatten. „Etwas Hunger hat gar nichts zu bedeuten," sagte Philipp standhast. „Nicht das Geringste." „Erst wem» die Arbeit vollbracht ist, haben wir Schinken, geräucherten Speck und dergleichen zum Abendessen. „Ja, zu essen und trinken vollauf." „Run», Pete. Wir trinken immer nur Rum." „Ja, ja. natürlich," bestätigte Pete. „Bon Thee keine Rede," sagte Philipp. „Bewahre— das wäfferige Zeug ist gut für Groß- mütter," sagte.Pete. Es»var uuu ganz dunkel geivorden und die Flut wuchs mit Macht. Kein Stern war a»n Himmel und kein Licht auf dem Meere, außer das kreisende Licht des Leuchtturms ganz w der Ferne. Die Knaben krochen enger zusammen und er- innerten sich der Ihrigen daheim. Philipp dachte an Tante Nan. Als er sich auf Händen und Knien miter dem Fenster des Besuchszinimers himveggestohlen, hatte sie an seinem neuen bunten Nachthemd genäht. Ein Nachthemd für einen Carrasdhooniann»var ihm da lächerlich erschienen. Wo»var aber Tante Nan jetzt? Pete erinnerte sich seiner Mutter— sie würde von Haus zu Haus la»»fen und weinen, und er sah im Geiste den schwarzen Tom— auch er»vürde »nit herum laufen und fluchen. „Sollten wir nicht etwas singen, Phil?" fragte Pete mit unsicherer Stimme. „Singen l" rief Philipp voll der größten Entrüstung, „und dadurch verrate»», daß wir ihnen hier anflanern. Wahr- haftig. Du bist ein gelnngcner Kerl, Pete. Warte erst ad, daß die Schiffe au den Felsen zerschellen— ich»»»eine an den Riffen— und die toten Leute»vie Korfstöpsel herangeschwommen kommen, hundertweise, schockweise und dutzendweise— dann erst, zum Domier, dann sollst Du»»»ich singen hören." Die Finsternis nahm immer mehr zu; in der Tiefe der Höhle stöhnte die See; der Gmstcr knisterte nicht mehr und der Torf zeigte nnr noch eine schivache rote Glut. Die feier- liche Nacht mit ihren»»»»heimlichen Schauern war herab- gesunken und den Knaben»var die Rückkehr gänzlich ab- geschnitten. „Sie scheinen noch immer nicht zu kommen,"»visperte Philipp mit heiserer Stimme. „Es scheint»vie beim Fischen zu sein," sagte Pete.„Manch- mal sängt»nan welche und manchinal nicht." „So ist es" sagte Philipp eifrig,„geivöhnlich fängt man »»ichts, und dann hat man doppelt zu thun, nach Hause zu gehen und wieder zn kommen," setzte cr aufgeregt hinzu. Doch keiner der Knaben wich von der Stelle. Wo jetzt die Glut des Feuers nicht hinschieu,»var die Finsternis schreck- lich. Pete schmiegte sich inlincr fester an Philipp an, und da ihm seine Einbildmigskraft keine Schrecken schuf,»vurde er bald schläfrig. Sein gleichinäßiges Atemholen»vecktc in Philipp das Gefühl der furchtbaren Einsamkeit. „Auf Ehre. Pete ," stamnlelte er und stieß ihn mit dem ! Kopf an die Schutter.»vährelld er semer Stimme Festigkeit zu geben suchte.„Du thust, als ob Du nur beiständest, und über- läßt mir doch die ganze Arbeit." Ter Gehilfe zeigte sich reuig, fiel aber in weniger als einer halben Minute in denselben Fehler zurück.„Es hilft alles nichts murmelte er,„ich bin ganz unmenschlich schläfrig." „Tann wollen wir beide zusammen Wache' halten," sagte Philipp, und sie streckten sich neben dem Feuer aus. „Ucberlaß das nur mir," sagte Pete.„Ich höre sie schon, wenn sie könimen. Ich bin es gewohnt. Ich schlafe so leicht, daß es'ne Schande ist. Manchmal höre ich sogar den schlvarzcn Tom, ivenn er betrunken nach Hause kommt." „Morgen können wir auf Teppichen statt auf Steinen liegen," sagte Philipp, der sich auf etwas Scharfkantigem herumwälzte.„Haufen von Tcppichen— feine aus Kidder- minster." Sie lagen nun, so eng wie nur möglich an einander geschmiegt, und suchten das Ohr gegen das Wogen und Äechzen der See zu verschließen. Dann wimnierte es recht jämmerlich: „Pete I" „Was giebt's denn?" „Pete—>vo ist Deine Hand?" „Da hast Du sie, Phil." Eine Minute später in der finstern Nacht, die nur das glimmende Feuer niatt erhellte, und während die ganze Höhle bei jedem Anprall der Wogen ans llfer mit Donnerkrachen erbebte, ivaren die Carrasdhoomänner eingeschlafen. Auf einmal, kurz vor der Dämmerung, fuhr Pete er- schrocken empor.„Was ist das?" schrie er von Furcht ge- schüttelt. Doch Philipp war noch in den Ncbelgefildcn des Schlafs und da er fror, so winnnerte er nur:„Pete, deck mich zu I" „Phil," raunte ihm dieser erschrocken zu. „Decke mich zu", lallte Philipp. �Jch glaube, ich höre den schwarzen Tom," sagte Pete. Man vernahm in der That verworrenes Geschrei vor der Höhle. „Himmel Donnerwetter!" drang jetzt eine schreckenerregende Stinmie herein,„wirklich, sie sind's, alle zwei miteinander. Unmöglich? Wer sagt da unmöglich? Sie sind es leib- haftig. sag' ich Ihnen, Madani.— Zum Teufel! Die Frau ist verrückt mit ihrem Geschrei.— Wohl auf? Natürlich sind sind sie wohl auf— um so schlimnier für die Halunken. Sie schicken wohl für Ihren noch Dankgcbete zum Himniel, he? Na, ich bin dafür, den meinigen durchzubläuen. Die Hundejungen I Kauni trocken hinter den Ohren, treiben sie 'nen ehrbaren Mann aus dem Bette, sie aufzusuchen. Auch noch Feuer gemacht? Na, durch das Feuer haben wir sie ja gefunden. Zieht das Boot herauf, Leute I" Mittlerweile war Philipp halb aus dem Schlaf erwacht. „Sie sind da!" flüsterte er.„Die Schiffe sind da, sie sind an» Riff gescheitert— was fangen wir an?— Das klügste wird sein, wir gehen ihnen entgegen. Vielleicht schlagen sie uns doch nicht tot, wenn Tu... ja wenn... o je, o je I" Die Strandräuber schlichen Hand in Hand mit Zittern und Beben bis zum Ausgang der Höhle. Im nächsten Augenblick fühlte sich Philipp von den Armen der Tante Nan umfangen, die ihn unter Thränen küßte und ihm ein großes Stück Kuchen in den Mund stopfte. Pete erging es dagegen ganz anders. Er wurde vom schivarzen Toni mit dem Leder- riemcn für alle beide durchgedroschen, daß er heulte wie das Meer im Sturme. So kamen die beiden Carrasdhoomänner beim Lichte der Morgenfrühe nach Hause— Peter brüllte und that einen Lnftsprnng, so oft ihn der Riemen traf, und Philipp hielt ihm den Kuchen hin und ließ ihn zum Trost abbeißen. IV. Philipp wurde von Hause fort in die Wilhelnisschule nach Castletown geschickt, und nun fing für Pete ein schweres Leben an. Die Mutter war zwar zärtlich gegen ihn und es gab auch gute Seelen, wie Tante Nan, die für Mutter und Sohn Mitgefühl hatten. Trotzdem fehlte ihm die rechte Triebkraft. Es ist oft leichter, Sünde als Einfalt zu verzeihen. Man muß ein weiches Herz haben, um Zärtlichkeit sür einen Schwach- köpf fühlen zu können. Der Kopf des arnien Pete schien schwach genug und der Schonung bedürftig. Keine Macht der Welt vernrochte ihm das Lesen und Schreiben beizubringen. Er ging im alten Schulhaus des Torfes Maughold, das neben der Kirche lag, zur Schule. Der Lehrer war ein kleiner Man», Namens John Thomas Corlett, keck und eingebildet, er trug seine spitzige Nase sehr hoch und schritt einher wie ein Kampfhahn. John Thomas war auch Schneider. Aus der über zwei Schul- bänke gelegten Thür eines Kuhstalls saß er mit gekreuzten Beinen unter seinen Stoffen, seinen Schnitten und Bügeleisen, die Schulknaben und Schulmädchen, Klasse für Klasse, in einem Halbkreis um ihn herum. Der große kleine Mann hatte einen ständigen Grund zu täglichen Angriffen auf die staubige Jacke des armen Pete,> nämlich den, daß der Knabe immer zu spät in die Schule kam. Jeden Morgen war Petes Willkommen von feiten des Schncider-Schnlineisters eine Flut von Scheltworten und ein Hieb mit dem Rohr über die Schultern.„Die Krähatur, der Schäps, der Lumpenkärl! Ich lähre und lähr' ihn und er will nicht gelährt werden." Die Seele des Schulnieisters hatte aber zwei nienschliche Schwächen. Die eine war sein Hang zum Trunk, und als ein kleines Gefäß war er schnell voll. Dann nahm er immer den Katechismus vor und fluchte mankisch aus seine Schul- jungen. „Päter Quilliam," schrie er eines Tags.„Wer führte Dich aus dem Lande Aegypten und dein Hause der Knecht- schast?" „Ganz gewiß. Herr Lehrer." sagte Pete,„ich war noch nie an so'nem Ort, wo hätte ich das Geld und die Kleider dazu hernehmen sollen? Da sieht man recht, wie solche Ge- schichten aufkommen I" Die zweite von des Schulmeisters Schwachheiten war seine Liebe zu seiner Tochter, einem vierjährigen und ver- krüppelten Kinde. Sie war noch ganz klein durch seine Schuld lahm geworden, als er sie einmal im Trunk in die Höhe warf und fallen ließ. Nun schwebte er in beständiger Furcht, daß ihr ein neuer Unfall zustoßen könnte. Zwischen jeder Klasse Pflegte er ans Fenster zu gehen. Wenn er das untere Schicbfenster, das von den vielen eingekritzelten Namen ganz blind geworden war, hinaufschob, konnte er von dort die eine Ecke seiner weißgetünchten Hütte und den kleinen Fußweg überschauen, der zwischen zwei Reihen Goldlack vom Eingang niederlief. Pete hatte die Kleine manchmal diesen Pfad entlang auf ihrem lahmen Beine daherhumpeln und voller Lust kichern sehen, wenn sie den Augen der Mutter entschlüpft und auf den Fahrweg entkommen war. Eines Tages, da die heftigen Frühlingsregen alle Bäche angeschwellt hatten, kam er gerade noch dazu, wie der kleine Lockenkopf, gleich einer Boje, die vom Wind hin- und Hergetrieben wird, in der Strömung des Flusses auftauchte, der bei Port Mooar ins Meer fließt. Pete entriß sie den Wogen und trug sie nach Hause, worauf er, als sei nichts weiter geschehen, zur Schule ging, obschon ihm das Wasser bei jedem Schritt von den Beinen triefte. Als John Thomas ihn so barfuß die Flur des Schul- Hauses herauftrotteln sah, schwoll seine Entrüstung über den Knaben, der noch später als gewöhnlich und obendrein ganz durchnäßt zur Schule kam, zu jähzorniger Wut an. Ohne eine Erklärung abzutvarteu, nahm er an, daß Pete zwischen den Steinen von Port Lavaigue nach Krabben gesucht hätte, und überhäufte ihn mit lauten Scheltworten, dabei jedem durch einen Hieb mit dem Rohre Takt und Nachdruck ver- leihend. „Tär Nichtsnutz?"(schwipp!)„Där Schniutzfinke I" (schwipp!)„Ich lähr' ihm,"(schwipp!)„und lähr' ihm." (schwipp l)„und er will nicht gelährt werden"(schwipp, schwapp, schwupp!). Pete sagte kein Wort. Er rieb sich die schmerzenden Schultern an seiner Jacke, seine brennenden Hände krochen wie nasse Aale in die Hosentaschen, und er nahm still seinen Platz ganz hinten in der Klasse ein. Ein Mädchen jedoch, ein hübsches, brünettes Ding in einem roten Rock, sprang von ihrem Sitz neben dem Knaben auf, schoß wie ein Sonnenstrahl auf den Schulmeister los, als dieser zu seinem Platz unter den Kleiderstoffen und Nadeln zurückkehrte, gab ihm eine tüchtige Ohrfeige und brach dann in heffiges, krampfhaftes Weinen aus. Das Mädchen hieß Katharine Crcgeen. Ihr Vater, Cäsar, der Müller von Cornaa, war Gründer der Ballajorakapelle, ein gewaltiger Mann unter den Methodisten. Katharine ging unbestraft aus: Petes Schulbesuch war aber zu Ende. Das, was er gelernt hatte,>var für den Kopf eines so großen Jungen nicht schwer zu tragen— etwas Lesen, wenn es Gedrucktes war, und vom Schreiben nichts! als ein halbes Dutzend großer Buchstaben. Es war für den Kampf ums Dasein keine zu gewaltige Ausrüstung, doch Bridget wollte von nichts weiter wissen. Sie selbst war inzwischen in den Ruf gekommen, der immer so leicht einer Frau anklebt, die für ihr Kind keinen sichtbaren Vater aufweisen kann— in den Ruf einer Hexe. Dieser seiner Mutter beigelegte Name war Petes früheste Straßenerinnerung. Als er sich der Bedeutung dieses Namens bewußt wurde, empörte er sich nicht dagegen, sondern fand sich trotzig damit ab, da er ihn von Geburt an kannte und keinen Einwand vorzubringen wußte. Wenn die Knaben mit ihm beim Spiele zankten, so war das erste Wort:„Deine Mutter ist'ne Hexe." Dann weinte er über die Beleidigung oder suchte wohl auch den Schimpf handgreiflich zu rächen, es fiel ihm aber nicht im Traume ein, die Thatsache selbst zu bezweifeln oder seine Mutter darum weniger zu lieben. Bridget wurde des bösen Blicks beschuldigt. Wenn das Vieh auf dem Felde erkrankte und sich kein Beweis dafür aufbringen ließ, daß sie über das Zaunthor nach ihm hin- gesehen hatte, so raunte man sich ins Ohr, sie sei als Hase an ihm vorübergclaufen. Eines Tages jagte ein Nachbar- hilnd in einer Wiese, wo Kühe grasten, einen Hasen auf. Dies wurde von einer Schar Knaben bemerkt, die auf der Straße Ball spielten. Sofort gab es ein Geschrei und Hallo I Die Knaben liefen mit ihren Stöcken hinter dem kläffenden Hunde her und schrien:„Die Hexe, die Vettel,'s ist Bridget Tom! Corletts Hunde niachen auf Bridget Tom Jagd! Beiß sie tot, Laddie, beiß sie tot, Seemann! Packt sie. hussa!" Einer der Knaben, die- Ball spielten, war Pete. Als seine Kameraden in ihren» fanatischen Eifer hinter den Hunde» dreinhetzten, lief auch er.�.doch mit einem Sturm ganz andrer Gefühle im Herzen. Sie alle überholend, den Hunden dicht an den Fersen, stieß er den einen mit seinem Hakenstock, ver- setzte den andren Fußtritte, und schrie aus Leibeskräften, während ihm Thränen die Wangen hinunterliefen, dem fliehenden Hasen zu:„Lauf, Mutter, lauf! Querfeldein, Mutter, rasch I Ach, Mutterchen, Mutterchen, schneller, es gilt ja Dein Leben, so laus doch I" Der Hase sprang auf die Seite, schoß in ein Dickicht hinein und entkam seinen Verfolgern, gerade als Corlett, der Pächter, der das Geschrei gehört hatte. mit einer Flinte herbeieilte. Dann wischte sich Pete mit dem Rockärmel über die thränenfunkelnden Augen und lief nach Hause. Dort fand er die Mutter ruhig strickend auf der Bank vor der Thür sitzen. Er stürzte in ihre Arme und streichelte ihr die Wangen. tFortsetzung folgt.) Kleines Feuilleton. K. Sensationelle Enthiillnngcn über die Behandlung fran- zösischcr Sträflinge macht ein Augenzeuge, John N. Raphael, in der Londoner.Daily Mail". Es handelt sich»in die Sträflinge, die nach St. Martin de Ne und weiter nach französisch Guyana transportiert werden. Mit einer Flut von Schiinpfworte», so erzählt der englische Korrespondent, drängen die Gendarmen die Sträflinge in den in Frcsiics wartenden Zug. Jeder Mann kommt in eine schmale hölzerne Zelle im Zug und wird niit den Füßen an de» Boden des Wagens gefesselt. Wenn die Sträflinge nach 24 stnndiger Fahrt in den cisigkalten Zellen in La Nochelle ankomme», sind sie steif und müssen zu dem ihrer harrenden Wagen getragen werden. Zivci Stunden später, nach einer kurzen Fahrt zur Landungsstelle und einer kurzen Seefahrt nach St. Martin de Rv. fristen sie ein kaum noch menschenwürdiges Dasein. Hier müssen sie auf da? Transport- schiff St. Nazaire warten, das sie in die Strafkolonie bringt. Die Thore schließen sich hinter den Sträflingen, die Gendarmen verlassen sie, und einer der vier Gefängniswärter in Uniform ruft„Ausziehen". Dam» müssen sie sich, so gut es geht, die Kleider herunterreißen und stehen nackt und frierend im Gefängnishof.„Den Mund öffnen", heißt es weiter, und nun beginnt eine genaue llntersnchnng, damit niemand Geld oder Tabak ins Gefängnis bringt.„Zum Bade". ruft der Inspektor. Das Bassin enthält etwa sechs Fuß tiefes, schmutziges Wasser, die Sträflinge gießen es sich mit der hohlen Hand über den Körper. Handtücher und Seife sind nicht gestattet, und nach diesem„Bade", das das einzigein St. Martin de Rö ist, Ivo manche Sträflinge über ein Jahr bleiben, erhält jeder die notwendigsten Kleidungsstücke. Diese werden nicht gewechselt, bis sie nach Französisch-Guyan'a weiter transportiert werde». Inzwischen werden sie mit Wcrgznpfen und Kleben von Pnpicrtütcn beschäftigt. Die Nächte auf St. Martin de Rs sind furchtbar. Jeder Sträfling wird auf ein Feldbett gekettet, ein Brett, das sich fünf Zoll über dem Steinboden der Zelle befindet und mit einer vom Ungeziefer zerfressenen Decke bedeckt ist, die keinen Schutz gegen die Kälte ge» währt. Wenn sie sich beklage», wird auch die Decke fortgenommen. Das Transportschiff liegt bereit. Zwischen einer doppelten Reihe von Soldaten wird der Trupp der Sträflinge an Bord und in den Schiffsraum geführt. Jeder Sträfling wird wieder gefesselt, und eine Schildwache mit aufgepflanztem Bajonett bewacht zwei oder drei. Am Fuße der Kajütskappe zum Eingang in den Schiffsraum ist Tag und Nacht eine«childwache mit Revolver— Garde-chionrme genannt— stationiert. Der Verlauf der Reise hängt ganz von de» Wächtern ab.. Diese sind. gewöhnlich Korsen und. äußerst brutal..Sie erlauben ihren Gefangenen nicht, zu sprechen oder sich zu bewegen. Trotz der erstickenden Hitze erhalten die Sträflinge nicht genügend Wasser, ungenügende Nahrung und werden noch von ihren Fesseln. die Tag und Nacht nicht gelockert werde», wund gerieben und dem Wahnsinn nahe gebracht. Die Behandlung ist in den Strafkolonien Cayenne, Teufelsinsel, St. Joscphsinsel und Königsinscl überall gleich, und die„Garde-chiourmes" herrschen allmächtig. In der Kolonie sind die Sträflinge am Tage un- gefesselt/ Ihre Zellen sind klein, sehr schwül und unbeschreiblich schmutzig. Spinne», Skorpione», Ameisen und andres Ungeziefer treibt darin sein Wesen. Eine Bank, die sich um alle vier Wände zieht, und zwei Zinngefäßc für alle Bedürfnisse bilden die Möbel. Die Sträflinge, die sich außergewöhnlich gut betragen haben, dürfen manchmal zu zehn i» einem besonderen Arrcstlokal schiafen. Hier werden sie wie gewöhnlich an Plankengekettet.aberderRanm istlnftig.nnd dies ist bei dem furchtbaren Klima der französischen Strafkolonie eine wahre Wohlthat für sie. Die gefährliche» Sträflinge werden in eine Art halb unterirdischen Kerkers ohne Ventilation gesperrt, dessen Fenster a»f einen dunklen Korridor ohne Licht nnindcn. Nach fünf- jährigenr Aufenthalt in diesen besonderen Kerkern werden die Sträflinge gewöhnlich irrsinnig. Die Arbeit ist schwer, aber nicht übertrieben. Die Tortur besteht in dem schrecklichen Klima und in der Thatsache, daß die Sträflinge den unglaublich brutalen Garde-chiounnes" unterstehen, die sie niederschießen können, fast ohne die Vorgesetzten zn fragen. Vor einigen Jahren wurde ein Mann, der zwei Jahre in diesem entsetzlichen Kerker war und kaum gehen konnte, mit einem Trupp ausgcsandt, Blöcke ans Ufer zu tragen. Der Aufseher, ein Korse, war wütend über den„Mangel an Willen" und band den Sträfling an eine» Baum, mit den Füßen in einen* Nest weißer Ameisen. Diese giftigen Tiere stöberte er noch mit seiner Muskete auf und ließ den Sträfling mehrere Stunden in der Sonne braten. Abends lachte der Unglückliche, als er in seine Zelle gebracht wurde, und seit jener Zeit ist er ein harmloser Irrer. Der Korse aber wurde befördert. Von Zeit zu Zeit erheben sich Proteste in Frankreich, aber man sagt dann, daß die Leute, die Anklagen er- heben, zurückgekehrte Sträflinge sind, auf deren Wort kein Verlaß ist. Dann erfolgt vielleicht in der Kammer eine Anfrage, und ein wenig gelesener offizieller Bericht des Justizministers erscheint. Bald daraus gerät dies furchtbare Bild menschlichen Elends wieder in Ber» gessenheit.— Theater. Lessing-Theater.„Die Hohe Schule." Fünf Akte aus dem Leben eines Mädchens von Talent. Von F. v. W o l« zogen.— Das„Mädchen von Talent" ist eine Halbschwester von Wolzogens, in der Ueberbrettlzeit so hoch berühmten „Madame Adele". Hier wie dort, zuerst der kurze Sonnen« blick ungestüm sich hingebenden Liebesempfindens, dann die Enttäuschung»nd der Umschlag.„Ein kluges Kind tvird früh solid!" Besser Hammer, als Amboß sein, bester düpieren, als düpiert werden! Die Schönheit braucht keine Liebe, wohl aber prächtige Kleider und Brillanten, lim zu glänzen, um in immer neuen Siegen das prickelnde Bewußtsein ihrer bezwingenden Macht voll aus- znkosten.„Was glauben Sie, wie das glücklich macht I" Die Rost Hnber zeigt dabei die talentvollere„Solidität". Madame Adele brachte es nur zur großen Kokotte, die Rosi aber avanciert zur veritabeln Gräfin und Gutsbesitzerin. Das Thema ist interessant genug. Und eine Fülle lebendiger Beobachtung steckt in der Figur des Münchener Mädels. Wie das herzige, naiv aufschauende Kanzlistentöchterlein mit ihren Stubeiiherren«nd Verehrern umspringt, wie sie, � in ein hochherrscbaftliches Haus verpflanzt, ihre Schmeichelkiinste spielen läßt, wie sie den Liebsten zur Heirat drängt, und, empört über seine Abweisung, in toller Ausgelassenheit den Schmerz zu übertäuben sucht, wie sie dann, rasch getröstet, einen großen Strich macht, ihre Wohlthäter mit unerhörter Frechheit prellt und, als Gräfin, glückstrahlend, mit echtem Parvenü- stolz sich an dem einst Geliebten revanchiert, das alles paßt im Grunde gut zusammen. Es sind Züge, die, einander hebend und ergänzend, sich zu einem anschaulich individnali- sierten Bilde runden! Aber welche Passermengen wurden in diesen Wein gegossen! Alle andren Personen, mit Ausnahme der Rost, sind plumpe Karikaturen, oder nichtssagende triviale Schablone», und, um Rosis ehrgeizige Pläne zur Erfüllung zu verhelfen, schreckt Wolzogcn selbst vor den nllerschlimmsten Possenmitteln nicht zurück. Das erste, beste, wenn es nur augenblickliche Wirknng veripricht, wird in Eile zusammengerafft. Der Wirrwarr ist so groß, daß er einem die Freude an dem Echten wohl völlig verdorben hätte, wäre nicht die Rosi selbst so wundervoll gespielt worden. Fräulein Meta Jäger, die, was sie in solchen Rollen vermag, ncuerdrngS wieder bei der Anfführlinq des Capnsschcn„Glück" üezcigt hntte, Übertraf sich diesmal selbst. Van Aiifang bis a» Ende war da alles aus einem Gusse. Die reizvoll burschikose Frische wie die intrigante Berechimng, das Gutmütige und das 5ta»aillcnhaste, Schmeichelei und Frechheit, Liebe und Koketterie, die ursprüngliche Anmut und die Geziertheit der gnädigen Gräfin— jeder Zng der Gestalt, jede Nuance des Charakters und der Stimmungen kam mit der gleichen, sprudelnden Natürlichkeit heraus. Man begriff es, tvie dieses Münchcner Mädel aller Welt den Kops verdrehen konnte. Ihr in erster Reihe Ivar der Erfolg des Abends zu danken.— — ät. n. Freie Volksbühne.„G läu b i g e r", Tragikomödie von A» g u st S t r i n d b e r g.„V o l k s a u f k l ä r u n g Komödie in einem Akt von Max Dreher.„Puff", eine Kindergeschichte in einem Akt von Max Dreher.— Am Sonntag amüsierten sich die Mitglieder der Freien Volksbühne im Berliner Theater vorziiq« lich. Man lachte sehr viel während der Aufführung und machte während der Pansen seine Bcmerkunge» über Sinn und Nebensiun der drei kleinen Stücke. Es war auch für jeden und jede etwas da. Striudbergs„Gläubiger" mufften den hartgesottensten Jung- gesellen zufriedenstellen. Das Katz- und Mausspiel der„blonden Bestie" mit ihrem ersten und ihrem zweiten Mann, die raffi- liierte Grausamkeit, mit der sie den zweiten genau so tvie den ersten zu Grunde richtet, können allerdings in jedem Mann etwas von Weiberschen aufkommen lassen und— die weiblichen Zuschauer versicherten denn auch sofort in der Pause nach dem Stücke, daff es„so schlechte" Frauen in Wirklichkeit gar nicht gäbe. Auguste Prasch-Grevenberg spielte die Frau mit dem weiten Herzen, Arthur W e h r I i n den ersten Gatten, Harry Waiden den zlveiten. Es waren drei gleichwertige, schauspielerische Prachtlcislungcn. Auch die beiden kleinen Drcherschcn Gescllschastssatire» gefielen. Die Aenfferung des Herrn Wirklichen Geheimrats, in„Volks- aufklärung". daff er seinen kinderreilbcn Portier ciitlaffcn müsse, weil sein Haus keine„Brutstätte für das Proletariat" werden solle, wird wohl kaum von einem andren Publikum mit mehr Verständnis ans- genommen worden sein, als von dem der Freien Volksbühne..ch „Puff", die Satire ans die Storchfabel als Erziehungsmittel, wurde viel belackit. Während im„Puff" die Darstellung— bis aus Maria Meher(Brigitte Ahlers) und Franziska D a s s o w (Betty Thicsscn)— ziemlich versagte, kam in„Volksaufklärung" die Satirc durch gute DarsteNnng sehr scharf znin Ausdruck. So be« sonders durch das Spiel Leo C o n n a r d s, der den abgelebten, in socialer Ethik machende» Gchcimrat gab, und Hugo Haffkerls. der den kinderreichen Portier darstellte. Auch Marie Frauen- dorfer bot als Frau Franziska eine prächtige Leistung.— Musik. So lange es auch nur immer eine kunstgeschichtliche Erinnermig geben wird, so lange wird man das Schaffen des Opernkouiponisten Meyerbeer und seiner Textautoren, namentlich Scribes, als ein Unikum im Gedächtnis behalten. Der reine Schein, das Bühnen- blendwerk, der feierliche Nieseiinininpitz mit einer Virtuosität nament- lich des musikalischen Kvnnens durchgeführt, wie es vielleicht niemals sonst einem für das Theater arbeitenden Künstler zu eigen war! Am höchsten gelrieben ist wohl all das in der„romantischen Oper" „Robert der Teufel"(vrilgo„Robert pfui Teufel"), die 1831 zu Paris und 1832 zu Berlin zum erstenmal beransgekommen ist. Enthalte» die„Hugenotten" im ganzen noch Spuren eines echten Fühlens', steckt iin �.Propheten" noch ein Restcheu einer solchen Spur: so hat man beim„Robert" daS Gute, daff man weder danach, noch nach einer leitenden Verminst des Inhalts suchen braucht; hoffentlich muff man nicht auch ein Examen aus der Interpretation dieses raffiniertesten aller SituationS-, Spektakel- und Spannuugs-Texle bestehen. Man läfft einfach diesen unglaublichen Zusammenbau von Festesfreude und Dämoueiisang. von Mutterliebe und Fürstenpracht, von finsterster Bosheit und rührendster Unschuld so lange über sich ergehen, wie mau eben kann. Man braucht sich auch gar nicht plagen, mn einzusehen, welche Fähigkeit Meyerbeer besitzt, um die den Eindruck des Höchsten erweckenden Effcktsteigcrungen noch einmal zu steigern. Und wenn das Acufferste an Aufgebot von Mitteln erreicht ist— mein Meyerbeer versteht es. durch einige ganz elementar schlichte Töne, durch ein inniges Duett imd dergleichen die Ansmerksamkeit noch stärker zu packen. Am wundersamste» ist aber wohl dies, daff Meyerbeer in seinen Effekten musikalisch niemals roh Ivird; und hier ist wohl der Punkt, an dem man von ihm am allermeisten lernen kann. Was wird nicht in modernsten Miisikeli zusanmieiigelärmt und anscinanderharnionisiertl Meyerbeer hütet sich bei den grimmigsten Teufeleien, bei den schauer- lichslen Erivecknngeu gestorbener Nonnen und dergleichen durchaus vor allem Kraffcn; eine— ivie soll ich sagen?— eine„Metaphysik der Tschinelle" wird sich keineswegs auf ihn berufen können. Je toller auf der Bühne hernmgescribcrt ivird, desto weislichcr wirkt in Orchester und Gesang das wirkliche musikalische Können. Diese töllenninsiken, diese Totentänze, diese Gesangs Wendungen der erregten ussprache und vor allem diese volle und milde Jnstnunentation.— Richard S t r a u ff verstand es denn auch, gerade diese rationelle Milde in der Mcyerbeerschen Orchesterbcbandlung zu wahren, als er Sonnabend bei der ncueinstudisrlen 227. Wieder- Berannoorlticher Redacreur: Carl Leid m Berlin. Holling des„Robert" im hiesigen Opernhause dirigierte. Ebenso war Herrn D r ö s ch e r s Regie im ganzen meycrbcerwürdig. ES ist fast, als finge jene Mnsenherbcrge an, sich umzukrempeln: früher vorzügliche Solistcnleistungen und ungenügender Gesnnitgeist, jetzt von letzterem wenigstens die Regie gut und dagegen die Einzelkräfte gar sehr ungleich. Mühe gaben' sich diesmal wohl alle, wenigstens in dem Maffe, als es der Umfang der EinstudieruugSarbeiten erlaubt haben niag, und als das vorhandene Können an die Meycrberschen Aufgaben überhaupt heranreicht. Herr G r ii n i n g braucht nicht gerade als eine GesangSspccialilät verehrt werden; doch er gab die Tenor- Titelrolle wirklich gut, er täuschte beinahe eine Echtheit hinein. Daff Frau Herzog vielleicht die gröffte deutsche Sangesknustlerin ist. konnte mau ans ihrem Vortrag der vielberufcnen„Gnaden-Aric" erkennen, wenn man es nicht ohnehin schon wufftc. Die Herren Philipp, Krasa und andre mit noch kleineren Rollen, dann unsre Ballettivelt mit der großen Mitwirkeriii dell' Era an der Spitze leistcie» Sorgfältiges und Erfolgreiche». Bleiben die, Ivelche ein anspruchsvolles Ohr nicht gerne singen hört. Herr W i t t e k o p f glaubte, eine dänionische Figur wie die deS Bertram am besten durch starre Ruhe darziistellcu— anscheinend eine Lieblingsidee der weniger temperamentvollen Künstler. Jener Franzose, der neulich in dem verunglückten Gastspiel bei Kroll den Mephisto machte, würde wahrscheinlich gezeigt haben, was fich da� noch hineinlegen läfft. Fräulein Hiedlcr gab sich Mühe, iiiit_ ihrem geringen Vorrat von Gesten und von etlichen hübschen Tönen die Figur der Alice recht sympathisch zu gestalten. � Die Aufführung dauerte von 7 Ilhr bis iveiff der Kuckuck wann. Daff eine längere Pause für die Zwischenzeit vom 2. zum 3. Akt angekündigt war. geht wohl nicht anders. Daff jedoch auch nach dem 3. Akt eine— nnangemeldete— Pause von so und so lang gehalten wurde, Ivar doch kaum verzeihlich. Oder glaubt die Leitung, daff in ihr HauS lediglich solche Leute konmien, die ihre Toiletten»nd Kniistsympathie» zeigen und plaudern und operngucken wollen? ES finden sich doch noch ein paar andre hinein; und denen bedeutet derartiges«ine„tote Zeit"— in Berlin besonders schivcr zu er- tragen. Ilm versöhnend zu schlieffen: Ausstattung groffartig. Und zwar aus den Ateliers so und so. Thalia-Theater kann'S nicht bester.— 8Z, Humoristisches. — Her r n M a I i k s R e d e b l ü t c n. Im östreichischen Ab- gcorduetenhanse tvnrde uiilängst während zweier Sitzungen über Steuerbeschwerden verhandelt. Als eifrigster Redner zeigte sich der Alldeutsche Viucenz Malik, ein früherer Offizier. Dieser Herr Malik ist der drolligste„Betsprecher" des ganzen Abgeordnetenhauses. Während einer Sitzung leistete er sich folgende Redeblüten: „Die Herren Slenerinspcktoren haben gar keine Ahnniig, daff die Landwirte alle Tage von einer andren Laus gebissen werden." „ES ist eine Zufälligkeit, wenn der Sohn denselben Namen trägt, Ivie der Vater." .Unglücklich ist. wer Grundsteuer zahle» muff, unglücklich, wer ein Haus besitzt!" „Wenn mau die Geistlichen beim Beutel nimmt, werden sie imiiier aufgeregt." „Ich m» ff mich ja aufregen, ich hab's meinen Wählern ver- sprachen.' „Wenn solche Biireaukraten am Sonntag hiiianSkommen und die blühenden Felder und Wälder sehen, so haben sie leine Ahnung, was für Viecher die Landwirtschaft beeinträchtigen!" „Schnürt einem so etwas nicht das Herz vom Leibe ab...? Pardon, ich habe mich versprochen, ich wollte Körper sagen." „Es macht mir eine Riesenfrende, wenn ich den Namen eines Menschen nciinen kann, der Ungerechtigkeiten begangen hat." „Sie sehe», mciiie Herren, daff die Lumpereien und Ungerechtigkeiten bis in de» Magen hineinreiche»."— Notizen. — Emile Zola sammelt in I e r u s a l e m Eindrücke zn einem neuen Roman, in dem auch der Zionismus eine Rolle spielen wird.— — Liane Leischner ist vom 1. Mai ab für daS Apollo- Theater engagiert worden.— — M a s s«» e t s neue Oper. M a n o n" soll in der ersten Hälfte der nächsten Spielzeit im Opernhaus ausgesührt iverde».— — Die Operette n saison bei Kroll wird mit der Erst- mifftthrung der Operette„Der silberne Pantoffel" eröffnet iverdcn.— t. Bei der Versteigerung einer Sammlung britischer Schmetterlinge in London erzielten Exemplare des jetzt in Groffbritamiieii ausgestorbenen groffen Kiipferfallers l!X1 M.; für ein Weibchen dieses Schmetterlings tvurden sogar 140 M. geboten.— Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.