Nr. 338 Abomumkitts-Kediirgungeil: Abonnements-Preli pränumerando: vterteljährl. SM Mk., monall. l.lllMr., wöchentlich 23 Pfz. frei ins Hau». Einzelne Nummer 5 Pfg. SonntagS- Nummer mit illufirterler Sonntags- Beilage„Die Neu- Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: SP0 Mark pro Quartal. Eingetragen in der Post-Zettungi- PretSliste für lövS unter Nr. 71120. Unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da» übrige Ausland S Marl pro Monat. Erscheiul täglich ausser Wonlago. Devlinev VolksblAkk. 16. Jahrg. Die Inftrtions-Getiulir beträgt für die sechsgespaltene Kolonel- zetie oder deren Raum 40 Psg., für polttis che und gewerlschaftliche Vereins- und VersammlungS- Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Anieigen" j-deS Wort 5 Psg. (nur das erste Wort setts. Inserate sür die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr nachmittags inderlixpedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen biS 7 Uhr abend», an Sonn- und Festtagen bis 3 Uhr vormittags geö fsnet. Zernsprecher: Bml I, Nr. 1508. Telegramm-Adresse: „Sorlaldeuwlir«! Verlin" Centraiorgan der sociatdemokratischen Partei Deutschlands. Nrdakkivn: VW. 19, Ventlz-Skralze 2. Mittwoch, den 11. Oktober 18t�. Expedition: SW. 19, Veukh-Ske.isze 3. Unser Tag. ii. Hannover, 10. Oktober. Ju dem Ballhof, der vor 250 Jahren eingeweiht wurde, um höfischen Herrschaften als Stätte eines erlauchten Ballspiels zn dienen, begann heute das freie Parlament des Proletariats das ernste, heige Ringen um die Wahrheit und Berechtigung, um die reife Ausgestaltung und klare Fornmlierung seiner Weltanschannng und Partcigrnndsntze. Kein staatlich anerkanntes Parlament der Erde vermöchte so tiefgründige Fragen mit ernsterem Willen zn erkennen, was ist, und mit reinerer Begeisterung zu er- kämpfen, ivaS sein soll, als die Versammlung von Arbeitern, die keinen anderen Rang und Titel besitzen, wie die Weihe der Kultur und das Recht der Zukunft. Das faustische Ringen und Streben, nicht mehr gebunden an eine geniale Ausuahmepersönlichkeit, sondern wärmend und treibend in der Masse selbst— das ist der aufrichtende und von allem Ktcinmut befreiende Eindruck der heutigen Verhandlungen des Hannoverschen Parteitags. Darin liegt die Gewähr unseres Sieges, daß wir nichts glauben als die Wahrheit der Wissenschaft, nichts thun als das Klug-Zweck mäßige, nichts erstreben als was der ganzen Menschheit dient und ziemt. In � fast sechsstündiger, durch die Mittagpause unterbrochener Rede erstattete Bebel das Referat über die Bernsteinfragen. Am Vormittag, in ruhiger Kritik, mit Zahlen und Eitaten beweisend, ent faltete unser Führer in den letzten zwei Stunden seines Vortrags die ganze jugendlich stürmende Kraft seines Temperaments, die auch den Gegner, wenn nicht durch die Logik und die Stärke der Heber- Zeugung, so allein schon durch ästhetische Wirkungen bezwingen muß Die Rednernatur Bebels strömt in der That eine StimmungS gewalt aus, wie sie nur ein reiches Kunstwerk auslöst. Kein Wunder daß dem unermüdlichen Redner die Freunde»nd Weggefährten mit unermüdeter Andacht folgten und die mit der zunehmenden Wucht der Rede wachsende Ergriffenheit auch den mit Veifallsbezeugnngcn sparsamen Parteitag wiederholt zu stürmischen Kundgebungen hinriß. Die Meinung Bebels bringt die von ihm eingebrachte Reso- lution zum Ausdruck: Wir haben keinen Anlaß, an unser» Grund auffassungen etwas zu ändern, nicht anS dogmatischer Ev starrnng, sondern weil die Thatsachcn noch immer im Einklang mit ihnen stehen. Die wirkliche EntWickelung hat uns bisher recht gegeben und unsere Taktik ist elastisch genug, um uns die Anwendung aller möglichen und tauglichen Mittel zu gestatten. Vielleicht ist der Gegensatz, der zwischen Bebel und Bernstein besteht, nicht so sehr eine im wesentlichen ernsthaft und unversönlich abweichende Differenz der Ansichten, als vielmehr ein Zwiespalt der Temperamente, der entschlossenen Energie des begeistert Ueberzeugten und der ein wenig resignierten Bedenklichkeit eines gelvissenhasten ehrlichen aber unschlüssigen Zweiflers. In einem scharfen Satz kann man die Rede Bebels als eine leidenschaftliche Anklage gegen den Optimismus in der Beurteilung der kapitalistischen Entwicklung und gegen den zaghaften Pessimismus in der Würdigung der prole tarischen Partcibewegung charakterisieren. Thatsächlich beurteilt Bern stein de» Gang der kapitalistischen Ordnung günstiger, die socialistische Gegenströmung mißtrauischer als der Marxismus. Gerade umge- kebrt empfindet Bebel mit ungeglätteter Schroffheit das kapitalistische Elend, vertraut er der unbedingten Sicghaftigkcit unserer Sache; die Empörung über die bestehenden Verhältnisse, die nicht durch ein paar scheinbar günstigere Züge gelindert werden kann, bestärkt ihn bei aller nüchternen Ucbcrlcgung nnd kühler abwägender Berechnung in der Ueberzcugung unseres endlichen Erfolges. Er mag nicht mehr mitthun im politischen Gewebe, wenn er immer nur die Schwierigkeiten sehen soll, wenn er nicht einmal den Mut haben darf, zu siegen und den Sieg zu nutzen. Ausgehend von der Anerkennung der unbeschränkten Freiheit der Kritik als Lebenslnft unserer Partei widniete Bebel, gestützt auf ein umfangreiches statistisches Material, den ersten Teil seines Vortrags dem Nachweise, daß die sociale Entlvicklung, die relative Verelendung des Proletariats, die Zuspitzung der wirtschaftlichen Gegensätze, die Konzentration der Betriebe und die anderen verwandten Er» schcinuiigen sich genau so vollzogen habe, wie es Marx dargestellt; er führte besonders Zeugnisse bürgerlicher Ockonomen an, die die Ent- Wicklung unserer Verhältnisse weit ungünstiger beurteilen als der Socialdemokrnt Bernstein. Die Vorwürfe gegen Marx sind durch- weg unbegründet. Weder ist Marx, der Darwin der Ockonomie, der Wirrkopf, aus dessen Schriften man alles beweisen könne, noch der Blnnquist, der im Straßcnkanipf> alles Heil sieht. Bernstein zerstört, schafft ein Chaos, ohne Neues aufzubauen. Seine Grund- lehre ist die Losung: Immer langsam vorn»! Es ist ein Jammer, daß Bernsteins unrichtige Auffassungen nnd Mißverständnisse so habe man die Elcndstheorie im Sinne eines absoluten Niedergangs des Proletariats aufgefaßt— Anhänger in unseren Reihen gefnndcn haben. Wir haben eben vielfach das Denken verlernt und verfallen Schnitzern, die einem geschulte» Agitator vor dreißig Jahren niemals massiert wären. Alte Mätzchen, die von bürgerlicher Seite erfunden sind, werden heute in unseren eigenen Reihen benutzt und als neue Weisheit ausgespielt. Es ist so weit gekommen, daß wir einen Teil unserer Parteigenossen durch bürgerliche Parteien zur Ordnung rufen müsse». Im zweiten Teil erörterte dann Bebel den Klassenkampf. der sich in der Sache nicht mildert, sondern stetig verschärft. Das Schlverste steht uns erst bevor, wir sind nicht über den Berg, sondern stehen erst vor ihm. Es ist ein Irrtum Bern- steinö, daß wir durch gewerkschaftliche und genoff'enschast- liche Bewcgnng das Endziel erreichen könnten. Und ebenso falsch ist eS, zu behaupten, das Proletariat sei nicht reif, die politische Macht auszuüben, iven» sie ihm zufiel. Eine tiefe Erregung durchzuckte die Versammlung, als Bebel mit leidenschaftlich glühendem Ton ausrief, daß das Proletariat schon jetzt an politischer Bildung und Fähigkeit dem Bürgertum weit über legen sei. Eine Partei, die siegen will, bedarf der Begeisterung. sollen uns da Mahnungen, artige Kinder zu sein und die ethischen Empfindsamkeiten der Bourgeoisie nicht zu verletzen Wir danken für eine Bewegung, die darüber philosophiert, was für Kleinkram noch zn übertvinden ist. Haben wir die politische Macht, so expropriieren wir mit derselben Ruhe, wie es der revolutionäre Adel und das revolutionäre Bürgertum gcthan hat. Und da wir keine blutige Revolution wünschen,— nicht die Revolutionäre, sondern die Reaktionäre waren es stets, die Gewalt anwendeten— so können unsere überwundenen Gegner sich ganz lebendig mitansehcn, wie hübsch wir die Sache einrichten werden. Als Bebel erklärte, daß wir uns die Expropriation als Mittel zum Endziel nicht nehmen lassen würden, brach ein stürmisches Händeklatschen los.— z>olitisihv MebevfiM- Berlin, den 10. Oktober. Bom Ministerium der Unglücksfälle. Als sich bor zwei Jahren die E i s e n b a h n- U n f ä l l c uinheimlich häuften und die öffentliche Entrüstung das Eisen bahn-Ministerium bedrohte, wurde einige Abhilfe geschaffei und es schien einige Zeit, als sei Weichensteller Tod seines Postens enthoben. Die technischen Einrichtungen wurden der bessert und der verantworwngsrciche Dienst der Beamten und Arbeiter etwas erleichtert. Doch längst ist jene löbliche Bethätiguug erlahmt und Herr Thielen zur früheren Sp. arwirtschaft zurückgekehrt, welche Menschenleben leichtherzig aufs Spiel setzt zu Gunsten des staatlichen Fiskus. Die jüngsten Unfälle im Bezirk der Eisenbahn-Direktion Altona haben trauriges Zeugnis für die lebengefährdende Politik des miquelisiertcn Eisenbahn-Ministeriunis abgelegt. ' Wer trug Schuld an der Vernichtung blühender Menschen leben? Wie üblich, wurde der dienstthuende Stationsbeamte suspendiert. Aber der„Hamb. Korresp." ging den wahren Ursachen auch dieses Unglücksfalls schon nahe, als er letzthin über die Katastrophe am Klosterthor schrieb: „Daß in erster Linie die unwürdigen Znstäiide auf dem Klostcrthorbahnhof die Schuld wagen, wird allgemein hervor gehoben. Und allgemein erhebt sich die ernste energische Forderung, daß die Untersnchnng sich nicht allein gegen die mehr untergeordneten Persönlichkeiten, sondern zugleich gegen die höchsten Stelle» in der Eiscnbahnvcrwaltnng richten muß, iv eiche derartige gefährliche Zn stände so lange b c st e h c n ließe n. Noch in diesem Sommer soll ein ministerieller Erlaß vor- geschrieben haben, daß alle im vorigen Jahre anläßlich der Unfälle nichr eingestellten Bcainteu thnnlichst wieder znriickznzichcn sind. Infolge davon suchen z. B. die drei Betriebskontrollenre der Direktion Altona seit längerer Zeit festziistelleir, Ivo hier noch ein Stationsassistcnt, dort ein Rangiermeister oder Weichcnstcllcr, hier wieder ein Portier zc. z n ersparen ist I Bedenkt man dann, daß infolge der Bahnsteigsperre an den Zügen fast keine Schaffner mehr sind, so ist es geradezu ein Wunder, iveim unter dem S p n r s y st c m M i q u c I- T h i e l e» nicht noch viel mehr Unglück passiert? lieber diesen Erlaß iverden die etwa in den Auklagezustand versetzten Stationsbeamtcn demnächst vor Gericht befragt iverden müssen." Wie kennen den ministeriellen Erlaß nicht, den der Hamb. Korresp." meint. Wohl aber finden wir in dem vom Ministerium der öffentlichen Arbeiten herausgegebenen„Eisen- bahn-Nachrichteu-Blatt" folgende interessante„Nachricht": Nr. 577. Betr. Revision sthätigkeit der Rechnungsdirektoren. Berlin, den 11. September 1899. Mit Interesse habe ich von dem Inhalte der mir gemäß F.-O. I Z 13® vorgelegten Rcvisionsbücher Kenntnis genonnncn und daraus gern ersehen, daßfdnrch die verständnisvolle nnd erfolgreiche R e v i s i o>l s t h ä t i g k c i t auch im abgelaufenen Rcchnungs- jähre wirtschaftliche Erfolge für die Verwaltung erzielt tvordrn sind. Ich vertraue, daß die Rcchmmgsdirckroren und NevisionsbnreanS sich auf diesem Gebiete aiiih fernerbe- iv ä h r e n und bei ihrer RevisionSthätigkeit überall die nötige Unterstütznng finde» iverden. An die Königlichen Eisenbahndirektionen. V. A. 4344. Zu den„wirtschaftlichen Erfolgen" hat jedenfalls auch die Thatsache beigetragen, daß, wie uns aus Altona mitgeteilt wird, die Dienstzeit der Eisenbahubeamten und Arbeiter wieder bedeutend erhöht»norden ist. Den Beamten werden Obliegenheiten der Hilfsbeamten übertragen, Hilfsbeamte müssen Arbeiten der Arbeiter mit besorgen, Arbeiter werden„über- zählig" und emlassen. Die Folge ist: lvachsende Ersparnisse. wachsende Gefährdung des Publikums»nd vorzeitige Zerrüttung der Eisenbahnange- stellten. Doch auch gegen dieses Uebel hat die Eisenbahnverwaltung Aushilfsmittel. Allerdings gar eigengeartete, wie nachfolgende Erlasse zeigen, d-e unser Wind uns zuwehte: Kiel, 10. September 1899. Es ist den Beamten gegen Ramensgegenschrift bekannt zu geben, daß ich ihre Versetzung nach nördlich gelegenen Stationen beantragen werde, falls dieselben wegen Nervosität oder öfter wegen anderer Krankheiten dien st unfähig werden, da derartige Beamte hier nicht vcr- wendet werden können. Königliche Verkehrs-Jnspektion. Marx. «» Kiel, 14. September 1399. Von jeder Erkrankung eines Beamten, auch wen» dieselbe voraussichtlich nur von kurzer Dauer, ist sofort hierher Meldung zu machen. Königliche BerkchrS-Jiispektion. Marx. Unter nördlichen Stationen sind die Stationen Wayens Hviding an der dänischen Grenze zu verstehen, welche als eine Art Verbannungsort gelten. Welch' Hochmaß von Fürsorge für die Unterbeamten zeigt sich in diesem Abschubsystem der Eisenbahn-Behörde. Durch übermäßigen Dienst werden die Beamten und Arbeiter heruntergcrackert; ist ihre Gesundheit zerstört, so werden die Zusammenbrechenden ins Exil an die äußerste Landes- grenze verschickt, allwo sich ihre Dienstfreudigkeit im mnße- reichen Gedenken der Miquel-Thiclescheii Knicker- und Knauser Politik stärken mag!— Vor Tranövaal nichts Neues! Eine friedliche Beilegung, des ganzen Konflikts ist jedenfalls inmier noch nicht ausgeschlossen. Von selten Englands gcberdet man sich sogar zunehmend friedfertig. Der Herzog von D e v o n s h i r e z. B. führte in einer Rede, die er am Montag in Sheffield hielt, folgendes ans: Er fürchte, das einzige hofflinngsvolle Zeiche» in der gcgenivärtigen Lage sei der Umstand, daß die Boere» die aggressiven Maßnahmen, ivelchc die Engländer nach den früheren VorbcreMlilgeil erwartcthattcn, nicht übereilen. Obivohl die englische Regicrung es nicht für richtig erachtete, in ihren Vorbcreitniigcn jetzt iiachziilasscn, so iverde doch so lange kein unwiderruflicher Ichritt gethan, bis nicht Transvaal volle Zeit gehabt habe, die fordcrnngcn Englands in Erwägmig zn ziehen. Die Regiernng alte es fii� nötig, den Schutz der britischen Staatsangehörigen und der britischen Interessen in Afrika zu sichern. Die Dinge hätten ein kritischeres Aussehen nicht ailgeilonmien, und er glaube, daß in der eingetretenen Pause reifliche Erwägung zn cinem friedlichen AnS- gang führen werden. Natürlich iverden die Rüstungen munter fortgesetzt. Und soviel scheint wohl festzustehen, daß Elialand auf der Dnrchsctznng seines Willens bestehen wird. Von großer Naivetät haben sich diejenigen gezeigt, welche etwas von den heilsamen Wirkungen der Haag er Friedenskonferenz in diesem Streitfälle erwarteten. Der von den Friedensgesellschaften eingerichtete ständige Ausschuß in Bern, ei» Vorbild nnd Scitenstück zn dem ständig o» Bureau für Schlichtinig internationaler Zlviste, dessen Ernqtung die Haager Friedensbote» beschlossen haben, sandte am 23. September an die Königin Victoria ein Telegramm mit der Bitte, sie möge in den gcgcnivärtigcn kritischen llmständeii ihre Stiinme vernehmlich machen, um der Welt das abschreckende Schauspiel eines Krieges zwischen Eiigland und Transvaal zu ersparen. Wie sich da-� in einem koiisiitiitioncllcn Staate von selbst verficht, gab die In haberin der Krone nun nicht ctiva selbst ihren Empfindungen tclegraphischcn AnSdrnck, sondern überwies die ganze Än- gelcgenhcit ihrem Ministeriuin. Miiiisterpräsidcnt SaliSbury hielt cS aber nicht für iiotivendig, auf jene» gutgemeinten Appell zn reagieren, sondern bescheinigte einfach de» Enipfailg des Telegraniins. Der Varität halber ging von Bern auch ein Telegramm an den Präsi- deuten K r ü g c r ab: Die geincinsaine Bersammlnng von Delegierten der Friedeiisvcrciiie bittet Transvaal niid England dringend, Feind- seligkciten zu vermeiden nnd verlangt Uiiterilichniig, Verniittelniig, Schiedsgericht gemäß den Beschlüsien der Haager Konfereuz. Krüger dankte für das Telegramm und fügte hilizn:.Wir haben stets auf den Schiedsspruch Neutraler gedrungen nnd>v ü n s ch e ii auch nichts anderes als ein solches Schiedsgericht." An das englische Kabinett wurde dann vom Berncr AiiSslbnsfe noch eine ausführliche Denkschrift gesandt, in der viel die Rede war von dem internationalen Rechtsempfinden, inid die sich auf die Hanger Fricdciiskonferciiz berief, wo ja auch die englischen Bevollmächtigten eine so große Rolle gespielt hatten. Und was erwidert man in England? Daß die Haager Kon- ventioil bis jetzt von englischer Seite noch gar nicht unter- ' c r t i g t worden sei; zivcitciiS, daß diese Könveiition n u r Kon- l i k t e ins Auge fasse, die zwischen zwei Mächten beständen. In deni vorliegende» Falle aber liege kein Ko ns li kt jj wische» >v e i Mächten vor, der von einer dritten zn schlichten wäre, denn ransvaal sei keine Macht, sondern ein»nr relativ selb- ständiger Staat, der unter der Snzeränität Englands stehe. Eiigland müsse es demnach ablehnen, sich einem Schiedsgerichte zu unterwerfen. Es dürfte Kreise geben, in denen man sich über dies„perfide" Vorgehen entrüstet. Wir sind dazu nicht in der Lage. Wir betrachten diesen Fall vielmehr als diirchans normal nnd vorbildlich. iverden stets gern den internatioilalcn Schutz sich die Mächtigen werden ihn stets kaltlächelnd ad- kleinen Staaten gefallen lassen, weisen. Es ist begreiflich, daß sich die S h m p a t h i e der Ideologen, die Iveniger die polisischen als die moralischen Gesichtspunkte im Auge haben, stets den Schwachen und Unterdrückten zuwenden wird. Soeben ist eine kleine Broschüre erschienen, die eine der Königin Victoria gewidmete Flugschrift des General-Kommandanten von Transvaal, P. F. I o u b e r t, in deutscher Uebersetzung enthält. Sie schildert die„Leidensgeschichte der niederdeutschen Kap-An- stedler unter englischer' Herrschaft" und ist ganz dazu '""...... n Le" nngethan, die Herzen und die Phantasie unbeteiligter Leser zn Gunsten die fichW I Boeren aus der Kapkolome, die in das unbekannte Land gingen, um sich eine neue Heimat zu schaffen, die Gefahren der Wildliil, die Kämpfe mit den Koffern, daS Blutbad des wilden König» DiilMin und seine schlicMche Uebcrwindiing, endlich die englische Lccupntion und deren Folgen. Tie Engländer ioinmen in dieser Beschreilning nicht sehr gut fort, sie werden noch schwarzer gemalt, als sellist die wilden Kaffcrii. Jonbert schreibt da: „Man hätte denken sollen, Ew. Majestät, man liege die Vocrcn nun allein und in Frieden in dem Lande, das sie so Niel gekostet hatte, dort ihren Gott zu preisen. Aber nein, das Joch der«uccht- schaft war noch nicht zerbrochen, der bittere Kelch noch nicht geleert. Kaum war das Dorf Pietcrmaritzbnrg ausgelegt, ein Wasserbehälter gegraben, eine Kirche errichtet» eine kleine Schule für die Kinder eingerichtet, ein GerichtShnuS und ein Gefängnis gebaut, so sammelten sich wieder drohende Wolken, und Alarnmife wurden laut. Was kann das sein— die Kaffern?— Nein, tausend, tausendmal schlimmer!„Die Engländer sind gekommen. Ein Offizier mit einer Kompagnie Soldaten, ausgerüstet mit Kanonen und Kar- tatschen sind hier."—„ES ist Kapitän JarviS, dieser gute, dieser brave alte Soldat. Wir werden leicht mit ihm zurccht kommen und er wird bald wieder gehen." Nein, mein armer Freund Boer, du bist im Irrtum, der Offizier ist Major Smith, er ist ge- .ommen, unser Land dem mächtigen Reiche Grofibritannien ein- zuverlcibcn, der Unabhängigkeit, mit der wir geprahlt, ein Ende zu niachen und unseren Frieden zu zerstören. Nur mit Schauder gc- denke ich dieses betlagenswerten Ereignisses, Ew. Majestät. Es kann nicht Wunder nehmen, daff die Boere», die so viel geduldet und gc- litten, um dieses fLand zu erhalten und ein unabhängiges LoU zu bilden, nicht geneigt waren, sich freiwillig einer solchen Un- gcrechtigrcit zu unterwerfen, bielmehr allen Versuchen, dieselbe durch- Zuführen, Widerstand leisteten." ES ist zweifellos, daß man bei uns in Deutschland bielfach Nuteil nehmen wird an dem Schicksale der„stainnrvcrwandten, tapferen Beeren". Bei uns, Ivo man die Unterdrückung des FranzosentumS im Elsaß, des DänentumS in Schleswig, des Polentums in Lstelbicn selbstverständlich findet, ist man imnier gern bereit, sich über die Unterdrückung einer recht fern ab liegenden Nationalität zu ereifern. Aber ebenso sicher ist es, dag man von maßgebender Stelle aus heute nicht mehr in übereilten Depeschen den Boeren seine Sympathie ausdrücken wird. Man kann sich dem Clreirttär Biitain nicht in den Weg stellen, so wenig in England felbjt— wo der Führer der Opposition im Unterhanse, Sir H. Campbell-Bannermann, in einer schwungvollen Prot est rede doch seine Zustimmung zur Regienmgs- Politik durchblicken ließ— so wenig im Ausland, wo die allenthalben hervorbrechenden imperialistischen Tendenzen nur ein schleuniges Mit st reden auf derselben Bahn bewirken. Die Ungewißheit über den Ausgang des Trausvaal-KoufliktS dürfte übrigens nicht mehr lange anhalten. Wie das Rentersche Bureau aus Kapstadt meldet, hat die Regienmg der Südafrikanischen Republik an die britischen Behörden ein Ultimatum gerichtet. Die definitive Entscheidung muß also in diesen Tagen fallen.— Inzwischen hat die Krisis natürlich bereits zahlreiche Wirtschaft- liche und persönliche Opfer verschlungen. Der„Standard" meldet aus Pretoria, daß augenblicklich 70 Grubeugesellschaften die Arbeit eingestellt haben und nur noch 7 Gesellschaften arbeiten. Man rechnet, daß seit dem Beginn der Krisis 45 000 Flüchtlinge das Randgebiet verlassen haben. Am Sonnabend und Sonntag sind allein 1800 Personen hier eingetroffen. Lokale Unterstützungs- ausschüsse sind Tag und Nacht mit der Hilfeleistung beschäftigt. Man hat beschlossen, im ganzen Reiche Aufrufe zur Leistung von Hilfsbeiträgen zu erlassen.' Von dem Johanuesburger Hilfskomitee sind in den letzten Monaten ungefähr 20 000 Pfund Sterling verteilt worden, 3000 Personen haben Unterstützungen empfangen.— Deutsches Weich. Die Kanalvorlage wird jetzt, so erfährt die Müncheuer„All- gemeine Zeitung", umgearbeitet und mit Ergänzungen versehen, welche diejenigen Maßnahmen betreffen, die von der Regierung, als im Interesse der östlichen Provinzen liegend, schon früher ins Auge gefaßt worden waren. Also weitere Kompensationen, um die unbeugsamen Junker gnädig zu stimmen I—' Die„Post" bringt unter dem Titel: Die Heerschau der Socialdemokratie einen längeren Leitartikel, der trotz seiner krausen Logik eine Anzahl Wahrheiten enthält, die wir gern unter- schreiben. So äußert sie sich über die theoretischen Differenzen, die in Hannover zum Austrag kommen werden, folgendennaßen: „Keine Partei— selbst Centrum und Nationalliberale nicht ausgenommen— vereint in sich so scharfe Gegensätze und io verschiedene Anschauungen über grundlegende Programm- punkte, wie die Socialdemokratie. Wer aber aus diesen Gegen- sätzen große Hoffnungen auf Spaltung und Zerfall herleiten wollte, der wird sich grausam täuschen. Im Hasse gegen den bestehenden Staat und seine Gesellschaftsordnung, in den revolutionären Endzielen finden die streitenden Brüder sich immer zuletzt wieder einig zusammen. Die Gegensätze sind demgegenüber untergeordneter Art. Wie Meister in seiner Begrüßungsrede sagte, werden die Befürchtungen ängstlicher„Genossen", sowie die Hoffnungen optimistischer Gegner schließlich grundlos sein, wenn man einig auseinandergeht, nachdem man sich offen ausgesprochen und weidlich gezankt." Die Richtigkeit der letzten Sätze geben wir ohne weiteres zu. Nur verstehen wir nicht so recht, wie man von „so scharfen Gegensätzen' sprechen kann, wenn diese doch einige Zeilen später als„nntergeordneter Art" bezeichnet werden. Dieser logische Dualismus durchzieht den ganzen Artikel. ES wird da femerhin der Artikel von W o l f g a n g Heine über die B e r n st e i n- F r a g e, der im Oktoberheft der „Social! st ischen Monatshefte" erschien, einer Be- sprechung unterworfen, die darthun soll, daß Heine sich„rollen- widrige Seitensprünge' zu schulden kommen lassen und„recht schonungslos' mit dem„socialdemokrasischen Katechismus" gewirt- schaftet habe, indem er dem„blutigen Radikalismus" zu Leibe ge- rückt sei. Und dann plötzlich wird Heine trotzdem als.einj Gewalt- mensch hingestellt, der am liebsten doch noch eine blutige Revolution inscenierbn möchte. All diesen Widersprüchen liegt eben die dunkel empfundene Wahr- heit zu Grunde, daß die Socialdemokratie trotz aller wirklichen oder vermeintlichen Meinungsverschiedenheiten über einzelne Punkte doch m der Verfolgung ihre» Ziele» vollkommen sich klar und einig i st.— Die Berliner„Neuesten Nachrichten" machen in einem Artikel über daS KoalitronSrecht folgende, wohl allgemein überraschende Mitteilung: „Der Gesetzentwurf zum Schutz deS gewerblichen Arbeitsverhältnisses will daS Koalitionsrecht der Arbeiter nicht aufheben, er will im Gegenteil dieses wertvolle Recht allen Arbeitern wiedergeben. Die Vorlage ist, was immer die Socialdemokratie dazu sagen mag, hervorragend arbeiter- f r e u n d l i ch." UnS ist bis jetzt unbekannt geblieben, daß in dem Entwurf eine Bestimmung enthalten ist, die das Koalitionsrecht auch den l ä n d« lichen Arbeitern und dem Gesinde verleiht.— Die Nbgeordnetenwahlen zum oldenburgischen Landtag finden am 17. Oktober d. I. statt. Es ist die Hoffnung vorhanden, daß im Amt Jever unser im ganzen Lande bekannter und von jedem anständigen Gegner geachteter Genosse Hug von den gegnerischen Wahlmännern soviel Stimmen erhalten wird, daß er als Abgeord- neter gewählt fein wird. ManSver-Unfall. Wir brachten kürzlich nach dem Karlsruher „Landcsboten" eine Meldung, nach welcher ein während der Manöver vermißter Dragoner am 23. v. M. bei Pforzheim m einem Graben mit gebrochenen Beinen tot aufgefunden worden wäre. Der Be- dauernSwerte scheine vom Pferde gestürzt med da er unbeachtet blieb. dem Hungertode verfallen zu sein. Wir hatten uns jeden Kommentar? dazu enthalten und wollten zunächst nähere Nachrichten abwarten. Jetzt berichtet nun die in Karlsruhe erscheinende„Badische Landes- zcititng" hierzu:„An hiesiger maßgebender Stelle ist, wie wir auf Grund unserer Erkundigungen mitteilen können, von diesem oder einem ähnlichen Falle nichts bekannt."— Wege» Mnjcstätöbclcidigung ist gegen die polnische Zeitung „Praea" in Posen die Voruntersuchung eingeleitet worden wegen Abdrucks eines Artikels vom 30. September unter der Ueberschrift „Der kaiserliche Schutz".— Ausland. Oestrcich- Ungar». Zum Polnacr Mädchcnmord wird gemeldet: In Polna cirkuliert das Gerücht, der Bruder der Hruza hätte eingestanden, seine Schwester ermordet zu haben. Budapest, 9. Oktober. Der Finanzminister Lnkacs überreichte heute dem Abgeordnetcnhanse de» Etat für daS Jahr 1900. Derselbe weist als Endergebnis einen Uebesschuß von 1 831 d83 Kronen auf. Der Ministerpräsident von Szcll legte dem Hanse die Schluß- rechiinng für 1893 vor. Nach derselben beträgt der Ucberschnß 24 925 000 Gulden, während er nach dem Finanzgesetze auf 49 000 Gulden veranschlagt war; das Ergebnis der Finanzgebahrnng des Jahres 1898 ist also um 24 876000 Gulden günstiger, als der budgetäre Voranschlag. N Frankreich. PariS, 10. Oktober. Nach einer Depesche der„Aurore" aus Montslimar haben Offiziere des 22. Linien- Reginicnts durch Kundgebungen gegen d e n P r ä s i d e n t e n L o u b e t sich schwere Pflichtwidrigkeiten zu schulden kommen lassen. Die amtliche Untersnchnng hat, nach demselben Blatte, ergeben, daß die erwähnten Kundgebungen von den Offizieren in einer vorher abgehaltenen Versammlimg beschlossen worden sind und daß die Ossiziere sich einer Beleidigung des Staatsoberhauptes schuldig gemacht haben. — Untcrstaatssckretär Mongcot wird beim Wicdcrznsannnentritt der Kammer das mit der deutschen Regierung abgeschlossene N e b e r e i n k o m m e n. betreffend die Telephonlinie Paris Berlin und Paris-Frankfurt a. M. vorlegen.— Wie die„Agence Havas" meldet, hat der Kriegsminister bereits eine Unters n ch u n g über diese militärische Kundgebung an- geordnet. Der Minister wird, wie es heißt, mit der äußersten Strenge gegen die Offiziere vorgehen, falls dieselben für schuldig befunden werden. Man wird abzuwarten haben, was an dieser offiziösen Nachricht wahres ist. Bis jetzt hat es mit der äußersten Strenge gegen Offiziere, die nicht zufällig DreyfuS oder Picquart hießen, immer seinen Halen gehabt.— Italien. Als Ncvanche für die Crispi- Feier haben, wie uns aus R o m berichtet wird, die Radikalen und S o c i a l i st e n— die sich bekanntlich jetzt unter dem Namen Volks Partei zu ge- meinsanier Bekämpfung der Reaktion zusammengethan haben— einen Demonstrationszug nach der Villa Cerere veran- staltet. Die Polizei nahm natürlich mehrere Verhaftungen vor.— Rußland. Zur Unterdrückung Finnlands. Aus Petersburg meldet die „Russische Telegraphcnageutur": Nach Berichten simiischcr Blätter soll die Oberpreßverwaltung bei dem finnländischen Senate beantragt haben, gegen die fi n n l'än d i s ch e P r e ß v e r w a l t u n g ein gerichtliches Verfahren einzuleiten, weil letztere die Verbreitung schädlicher Bücher in finnischer Sprache gestatte.— Serbien. Der Justizmord w Belgrad von der Kammer gutgeheißen! Ans Nisch wird nnS gemeldet: In der Adrcßdebatte der gestrigen Sitzung nahm die Skuptjchina einstimung die Adresse an, welche in allen Punkten die in der Thronrede entwickelten Ideen billigt und ihre loyale Gesinnung gegenüber der nationalen Dynastie O b r e n o v i t s ch betont. Die Adresse brandmarkt in Ausdrücken größter Entrüstung das Attentat und das Komplott, gedenkt der u n v e r g e ß> lichen V e r d i e n st e König Milans um das Vaterland, drückt das Bedauern über die ungerechtfertigte aggressive Haltung eines Teiles der auswärtigen Preye auS und verspricht die Aufgabe der Regierung im Geiste deS Regierungsprogramms des Königs zu unterstützen. Die Adresse wurde vormittags von mehreren Deputierten dem König Alexander überreicht, welcher von neuem seinen festen Entschluß ausdrückte, nichts an dem gegenwärtigen politischen Regime ändern zu wollen. Sodann begaben sich die Deputierten zu König Milan, um denselben zu seiner Errettung zu beglückwünschen. Das Standgericht hat somit seine Aufgabe im vollsten Maße erfüllt: die radikale Partei ist erdrosselt, und der gekrönte Lump hat von der„Volksvertretung" die Sanktionierung leiner Gewaltherrschaft erlangt. Die öffentliche Meinung des Auslandes, die in diesem Falle in der That Wandel schaffen könnte, scheint sich aber gänzlich beruhigt zu haben und nimmt die Anerkennung der„unvergeßlichen Verdienste König Milans" mit völligem Gleichmut auf.— Nur Rußland scheint darin eine Ausnahme zu machen. Die merkwürdige politische Konstellation bringt es bekanntlich mit sich, daß der russische Absolutismus sich als Beschützer des unterdrückten serbischen Volkes gegen den serbischen Absolutismus auf- spielen muß. Die russische Presse nimmt daher zu der Thronrede des serbischen Königs eine scharf tadelnde Stellung ein. Die „Nowoje Wremja" ist außer sich darüber, daß der König eS gewagt habe, das Leben Milans als für das serbische Volk k o st b a r zu bezeichnen.„Milan", meint das offiziöse russische Organ,„sowie die Heimlückischen Vollzieher seines Willens muß man ihrem eigenen Schicksale überlassen, darf aber dabei nicht außer acht lassen, daß zwischen diesen Beherrschern Serbiens und dem serbischen Volke nichts Gemeinsames besteht. Alle wahren Freunde des serbischen Volkes werden nicht aufhören dürfen, sich um dessen künstiges Schicksal als europäische Nation zu kümmern. Das serbische Volk verdient eine andere Regierung, als die, welcher es gegenwärtig sich unterwerfen muß." Die „Petersburgskiza Wedomosti", deren Redakteur Fürst Uchtanski für einen persönlichen intimen Freund des Zaren gilt, sprechen von den „unglücklichen Duldern", deren Verurteilung nach der autoritativen Meinung deS russischen Geschäftsträgers daS öffentliche Gewissen erregt hat. Auch andere namhafte Blätter widmen dem Gegen- stände längere Artikel und fordern einstimmig die Entfernung Milans aus Belgrad. Türkei.* Konstantinopel» s. Oktober. lMeldung des Wiener k. k. Telegr.- Korresp.-Bureaus.) Die Pforte hat den hiesigen diplomatischen Ver« tretern ein Rundschreiben zugehen lassen, in welchem es heißt, durch daS Erdbeben in dem Vilajet Smyrna seien 80 000 Personen erwerbslos geworden; zur Unter« st ü tz u n g derselben beabsichtige die Pforte, im Vilajet Smyrna den Eingangszoll für Waren wuf ein Jahr uni 3 Prozent zu erhöhenll Eine Kommission, bestehend aus ottomamschen und fremdländischen Mitgliedern, könnte diese Maß- regel überwachen. Die Pforte verlangt hierzu die Zustimmung der diplomatischen Kreise.— VQvkeikQA der deutschen Socialdemokratie. (Schluß ans der 1. Beilage.) Frcßlcgcnde und Schwarzmalerei. Bernstein sagt:„Das socialistische Kollektivcigentnm wird nicht als Folge oder infolge der gewaltsamen Aufhebung des kapitalisii- scheu Eigentums ausgebildet werden, sondern das kapitalistische Eigentum wird verschwinden, wenn das socialistische Kollektivcigen- tum schon in hohem Grade ausgebildet sein wird." Also er sieht im ausgebildeten Genossenschaftswesen schon socialistisches Eigen- tum. Den als Frcßlcgende bezeichneten Expropriationsgedanken weist er von der Socialdemokratie ab. Das widerspreche sowohl der ökonomischen Entwicklung wie dem allgemeinen kulturellen Fort- schritt. Für solche Expropriation sei kein Beispiel in der Geschichte vorhanden. Darauf antworte ich: Es giebt auch in der ganzen Geschichte kein Beispiel von einer Bewegung wie der socialistische». (Sehr wahr!) Ihr ist nichts Aehnliches an die Seite zu stellen. Wo und wann sind aus den untersten Schichten Millionen und Millionen von Arbeitern soweit in ihrer kulturellen und geistigen Entwicklung gekommen, daß sie aus sich selbst heraus den Mut hatten, der Gesell- schaft gegenüberzutreten mit dem ausgesprochenen Zwecke, eine von Grund aus veränderte Staatsordnung herbeizuführen. Wenn ins- besondere Bernstein mit seiner Broschüre— ich habe daS mit Be- danern und nicht zum erstenmal gemerkt, denn schon vor dem Socialistengesetz bemerkte ich etwas Aehnliches und jetzt »ach zwanzig Jahren kommt dieser Rückfall— wenn Bernstein in einer»ach meiner Meinung für die Arbeiter geradezu beleidigenden Weise ausführt, daß sie gar nicht das Zeug hätten, das zu vollenden, was sie vollenden sollen, daß es ihnen an politischer Reife fehlt, während das Maß von politischer Reife, das die organisierte und klassenbcivnßtc Arbeiterschaft schon bewiesen hat, weit über dem steht, was da§ Bürgertum schon geleistet hat(Bei- fall), wenn ich mir die Unfähigkeit des Bürgertums von 1848 vor Augen halte, und dem gegenüber die geistige Höhe des Proletariats betrachte, so niuß ich doch sagen, daß eine solche Kritik, wie sie Bern- stein übt, nicht am Platze ist.(Beifall.) Ich komme da wieder ans etwas, was mir sagt: man hat das Denken verlernt. Wenn man erklärt, für eine solche Expropriation ist kein Beispiel in der Geschichte, so ist das einfach unwahr, und so ist das erstaunlich bei Bernstein, der doch seinen Marx leimen sollte; er hat da einfach ganze Abschnitte bei Marx überschlagen. Es ist ein geradezu kindliches Unterfangen— schon bor 20 Jahren und jetzt der Rückfall—, die Dinge möglichst schwarz zu malen, die Schwierigkeit so hinzustellciu daß man nie- mals vorwärts kommen kann. Eine Partei, die kämpft, will siegen, braucht Begeisterung,(Lebhafte Zustimmungsrufe), braucht Opferwilligkcit, und die nimmt man ihr, wenn man nach allen Richtungen hin künstlich die Schwierigkeiten austürmt, wenn man ihr sagt, seid vorsichtig, seid artig, seid brave und artige Kinder, daß ihr ja nicht die lieben bürgerlichen Freunde erschreckt— das alles klingt doch in einem geradezu unangenehmen Maß durch das ganze Buch, namentlich in seinem letzten Teil durch. Darin kann er sich gar nicht genug thun. Und nnS dann zu sagen: Ihr seid unmündig I Ja, wenn er sagen wollte: Ihr sollt studieren, Ihr sollt Euch bcthätigen, Euch hineinarbeiten— ei den Teufel, thun wir das nicht alle Tage?(Lebhafter Beifall.) Aber philo- sophieren, was alles für Kleinkram unS im Wege stehen könnte, dafür danke ich. Da hätte ich lange die Flinte ins Korn geworfen! Die Freßlegende l Ei zum Teufel I (Privatd�peschen de»„vorwärt»".) Ethische Mittel. WaS war denn die ganze Reformation?(Stürmischer Beifall.) Wir sind uns doch alle darüber klar, daß die deutschen Fürsten, die sich gegen Papst und Kirche und für Luther erklärten, keine idealen, sondern durchaus materielle Absichten hatten.(Lebhafte Zusttmmung.) Die Einsackung der Kirchcngüter war die treibende Kraft jener Revolution. Und das deutsche Bürgertum, das mit der Reformatton sympathisierte, that dies ausPsasiciihaß; man wollte die vielen Feiertage beseitigen, damii man endlich arbeiten und sparen konnte und Kavital sammeln. Von dieser Reformation datiert ja die kapitalistische Periode in Deutschland, die jahrhundertlange Entwickelung, wir haben sie ja hinter unS. Da giebt es»nter anderm im ersten Bande des „Kapital" im sechsten Kapitel:„Der Accumulationsprozeß d«S Kapitals", einen Abschnitt, der von der sogenannten ursprünglichen Aceumulation handelt. Wenn Bernstein nicht ganz und gar seineu Marx vergessen hätte, dann könnte er nicht einen so großen Schnitzer machen. Marx schildert in diesem Abschnitt in gradezu klassischer Weise, wie die englische Bourgeoisie die Bauern legte, Diebstahl an Kirchen- glltern und Gemeinde-Eigentum beging. Von 1814—1320 vertrieb die Herzogin von Suderland 15 000 gälische Einwohner, an deren Stelle 79 000 Schafe traten. Und weiß denn Bernstein nicht« von dem Bauernlegen in den anderen„Knlturstaaten", von dem Einsacken de« Ge- meindelandes usw.? In Mecklenburg verschwanden vom dreißigjährigen Kriege bis 1848 von 12 543 Bauernstellen 1200, in Pommern ver- schwänden von 1628 bis 1812 12 000 Bauernstellen. Und dann denken Sie an die großartige Exproprialion, die die französische Bourgeoisie vollzog. Nicht die Köpfung Ludwigs XVI. begründete die Herrschaft des französischen Bürgertums, nein, es legte durch die Konfiskation der Güter des Adels und der Pfaffen und durch Schaffung kleiner Bauernstellen die Axt an die Wurzeln der feudalen Produktionsweise.(Sehr richtig.) Als 1815 das alte Gesindel wieder zurückkehrte, da mußte Frankreich ihm wohl 1000 Millionen Frank als Entschädigung zahlen, aber die bürgerliche Gesellschaft hatte festen Boden unter den Füßen und änderte sich nicht, während wir in Deutschland mit unserm bißchen Revolution, weil wir nicht gründlich zu Werke gingen, heute uns noch mit dem FeudaliSiiuis herumschlagen muffen.(Bravo.) Dann die große S k l a v e n« E m a n z i p o t i o n in Amerika. Da waren wohl nach Bernsteins Ansicht ethische Gesichtspunkte maß- gebend?(Heiterkeit.) Da war es wohl das Mitleid mit den annen Sklaven?(Heiterkeit.) Für die nordamerikanische Bourgeoisie galt es, die Sklavenwirtschaft zu beseitigen im Süden und die Bahn frei zu machen für die moderne kapitalistische Entwicklung. (Sehr richtig.) Tausende von Sklavenbcsitzern wurden ihres Eigen. tums an Sklaven beraubt. Vom ethischen Gesichtspunkt aus nennt man das ja wohl— Diebstahl.(Große Heiterkeit.) Ich kümmere mich den Teufel ums Wort, lvenn ich den Zweck erreiche.(Lebhafte Zustimmung.) Sehen wir auf das werdende Italien, da» seine heutige politische»nd wirtschaftliche Existenz ans Konfiskation des Kirchengutes aufgebaut hat.(Sehr richtig.) Ein paar tausend Millionen Frank sind da eingesackt worden. Man hat nicht nötig, uns zu empfehlen, wir sollten ja nur ethische Mittel anwenden. Parteigcnoffe», ich sage Euch, an dem Tage, a n dem wir in die Lage kommen sollten, die große Expropriation in Deutschland vorzunehmen— es wird ja leider noch ein Weilchen dauern lHeiterkeit)— und ich hätte das Glück, dabei zu sein, dann will ich Euch die schönste Rede halten und beweisen, wie wir auS ethischen Gründen, ans Gründen deS Gemeinwohls verpflichtet sind, zur Expropriation zu schreiten.(Große Heiterkeit und Beifall.) Also es bleibt bei der Expropriation, die geben wir nicht aufl(Stürmischer Beifall.) Wir wollen nicht Gewalt. Wir haben eS nicht nötig, mit Gewalt vorzugehen. Ich habe immer gesagt: Schade' nm jeden Kopf, der bei all den Auseinandersetzungen fiele. Auf die Köpfe kommt es mir gar nicht an, es kommt auf die Expropriation an. Ich wünsche im Gegenteil, daß alle, die es angeht, dabei sind nnd zusehen, wie wir es machen. (Heiterkeit.) Wie wir darüber denken, darüber kann doch in der Partei niemand im Zweifel sein. Es ist geradezu Unsinn, anzunehmen, daß auch nur ein ein- ziger Mensch in unserer Partei ist. der Neigung hätte, ctuc Ncvoliiiion zn mncficn, wenn rr der Meinimg ist, daß er seinen Ziveck viel besser nnd leichter nnd einfacher erreichen kann. Nicht die Revolutionäre sind es, die die Revolutionen machen, sondern in jeder Zeit die Reaktionäre.(Lebhafter Beifall.) DaS hat schon der große G o e t h e seinem Eckermann gesagt: Es sind mir die Regierungen schuld, wenn die Revolution kommt. Und ich ioilllte Ihnen so ein Dutzend Stellen aus Schriststellern nennen bis aus den alten Mommsen, der in seiner römischen Gc- schichte so klassisch ausführt: Wenn eine Regierung beweist, daß sie unfähig ist, die Aufgaben gu lösen, die im Interesse der großen Mehrheit der Staatsbürger liegen, dann ist es ein Recht, die Revolution zu uiachcn, da haben nicht die schuld, die in Gewalt sich erheben, sondern diejenigen, die die Gewalt provoziert haben, llnd Parteigenossen, von diefcni schönen Grundsatz ist bei uns das Bürge r tu m s cflbcr in Deutschland allezeit ausgegangen. (Lebhafter Beifall.)° nun Als der ehemalige Kommunist und Organisator von Bauern ausständen, unser früherer Parteigenosse und jetzige Finanz minister Dr. v. Miguel nach seinem Eintritt in das Finanz Ministerium beabsichtigte, die Vermögenssteuer einzuführen, die sehr mäßig ist, keine progressive Sätze enthält, da erklärte die„Kölnische Zeitung", man würde genötigt sein,„seine monarchischen Ansichten zu revidieren". Das Kapital, die Bourgeoisie, wird republikanisch morgen, wenn es ihr Vorteil ist; es ist monarchisch heute, weil es ihr noch großen Vorteil bringt. Mit welcher brünstigen Liebe blickt nichts die schweizerische Bourgeoisie nach Deutschland und speciell nach Berlin, sie kann gar nicht den Augenblick erwarten. bis die Schweiz von Deutschland aufgesogen wird.(Sehr richtig 1 Es gicbt ja in der Schweiz eine ganze Reihe demokratischer Ein- richtungen, die der Bourgeoisie unbequem sind, sie hat auch kein stehendes Heer, das niöglicherweise auf Vater und Mutter schießt. Das geht bei der Miliz nicht.(Heiterkeit.) Obgleich unsere Verbältnisse in Deutschland zur Zeit so erbärmlich sind, wie sie erbärni- licher nicht gedacht werden können, nähmen die Schweizer Bourgeois unsere Einrichtungen doch gern mit in Kauf, weil sie sich sagen: Wir haben da eine starke Monarchie, die die Heiligkeit des Eigen- tums, nebenbei auch die Heiligkeit des Familienlebens aufrecht erhält. (Sehr gut l) Der politische Knigge. Bernstein giebt uns nun eine ganze Reihe von Raischlägen wie wir uns dem Bürgertum iin allgemeinen gegenüberstellen solle». Sie lauten in der Hauptsache dahin, hübsch artig' zu sein, kein hartes Wort zu gebrauchen, das Bürgertum nicht zu erschrecke». Ich möchte ihm wirklich vorschlagen, ein politischer„Knigge" zu werden und eine Schrift über den Ilmgang mit politischen Gegnern heraus zugeben.(Heiterkeit.) Ohne eine solche Verhaltungsmaßregel, fürchte ich, werden wir in seinen Augen immer noch schwer sündigen. Bernstein sagt dann in seiner Schrift, die Anwendung des Wortes„bürgerlich" sei mindestens eine sprachliche Zweideutigkeit. Die Socialdemokratie wolle nicht an Stelle der bürgerlichen eine proletarische Gesellschaftsordnung setzen, sondeni an Stelle der kapitalistischen eine socialistische. Allein, Genossen, sprechen wir nicht ganz allgemein von unseren Gegnern als von bürgerlichen Parteien? Und das ist so in der Ordnung, daß unsere Gegner diesen Ausdruck selbst acceptiert haben. Das Jahr 1848/49 war keine Revolutionsperiode des Proletariats, sondern des Bürgertums. Es handelte sich um die Befreiung von allen Fesieln, die der bürgerlichen Freiheit im Wege standen. Wir drücken mit dem Worte„bürgerlich" zugleich das aus, was uns von den anderen Parteien trennt. Wie inimer die einzelnen Glieder dieser bürgerlichen Parteien uns gegenüberstehen, und seien sie noch so liberal oder social, das steht felsenfest, kein Anhänget der bürgerlichen Partei will die staatliche und gesellschaftliche Ordnung in Frage stellen lassen, und das ist das entscheidende Kenn'- zeichen. Den bürgerlichen Parteien stehen wir gegenüber als eme revolutionäre Partei, insofern als wir bemüht sind', an Stelle der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung eine von Grund aus anders gestaltete, eine socialistische zu setzen, die mit der bürger- lichen unvereinbar ist. Nach dieser Richtung hin müssen wir unter allen Umständen die schärfste Scheidegrenze aufrecht erhalten. NuS eigener Kraft. Vor allcist müssen wir auch daran festhalten, daß die Umwand lung der bürgerlichen Gesellschaft nur das Werk d e r A r- beiterklasse sein kann. Wie kommt Bernstein dazu, diesen Satz unsers Programms abgeändert wissen zu wollen. Er sagt sich: Die Zahl derer, die der Arbeiterklasse wohl wollen, wird mit jedem Jahre größer. Aber wie kam es denn, daß das Bürgertum sich überhaupt um uns kümmerte? Bedenken Sie nur den Jubel, in den die Bourgeoisie ausbrach, als L a s s a I l e starb, weil sie glaubte, daß damit die Arbeiterbewegung zu Ende seß Aber die Beivegung breitete sich trotzdem aus und diese Entwicklung veranlaßte zunächst die Ideologen ans der Bourgeoisie, einmal zu studieren, wie das zugeht. Sie fühlten sich gezwungen, Marx, Engels und Lassalle zu lesen, und da mag man nun stehen, wie man will, aber das muß man doch zugeben: Unsere Gelehrten haben vor der Bourgeoisie d a s e i n e voraus, daß sie von dem direkten Klassenintercsse nicht so sehr berührt werden. So entstand der Staatssocialismus, der unser Werk war, so wenig das die Gegner auch zugeben wollen. Dann haben wir den Staat gezwungen, uns anzuerkennen. Denken Sie mir an die Thronrede von 1880, wo Kaiser Wilhelm rund heraus erklären mußte: Wir wollen die Socialdemokratie unterdrücken, aber ihren berechtigten Kern wollen wir anerkennen. Hat etwa auch dies Zu- geständniS nur die Gerechtigkeit gemacht? Ja, es hat in unserer Partei— ich schäme mich, eS auszusprechen— Leute gegeben, die w den letzten Monaten auf Grund der Reichstags-Verhandlungen über die Zuchthausvorlage gesagt haben, es sei bewiesen, wie recht Bernstein hätte, die Bassermann, die Hehl usw. hätten ihr gutes Herz gezeigt. Solche Leute sind noch Socialdemokratcn? Das sind Harmonie- Apostel.(Heiterkeit.) Aber haben wir denn jemals einen Mann von uns ferngehalten, weil er seiner socialen Stellung nach nicht zu uns gehörte? Haben wir nicht heute das� Vergnügen, zwei ostpreußische Großgrundbesitzer in unserer Mitte begrüßen zu können und wir freuen uns, daß es solche weißen Raben giebt. Wir haben studierte Leute, die keine Proletarier sind, sondern aus Idealismus zu uns gekommen sind. Ich habe stets gesagt, wir brauchen Intelligenzen, je mehr, je lieber, und wenn jemand als ehrlicher Parteigenosse zu uns kommt, hatten wir allen Grund, uns darüber zu freuen.(Beifall.) Aber so groß auch die Zahl dieser Idealisten sein mag, im Vergleich zu der gesamten Partei verschwinden sie, das ist nur eine steine winzige Hand voll Leute, die obendrein von ihrer eigenen Klasse über die Achsel angesehen, die gesellschaftlich geächtet werden und viel Leid zu ertragen haben, das der Proletarier nicht kennt. In den Bauernkriegen, an denen ja in der Hauptsache Bauern beteiligt waren, waren ein Florian Geyer, ein Thomas Münzer und im gewissen Sinuc sogar ein Götz von Berlichingen die Führer: sind es deshalb keine Bauern kriege? Es ist ja charakteristisch, daß jede unterdrückte Klasse auS den Reihen der Besitzenden ihre Führer bekommt. In der französischen Revolution war es ein Mirabcau und andere Angehörige des Adels und der Geistlichkeit,— ist deshalb der Charakter der Revolution ein anderer geworden? Und wie steht es mit uns selber? Was sind denn die L a s s a l l e, die M a r x, die E n g e l s? Proletarier? Trotzdem ist unsere Bewegung eine proletarische und muß eine pro- I e t a r i s ch e bleiben, wie eS Marx und Engels auf das schärfste gefordert haben. wenn sie nicht zu Grunde gehen soll. Bernstein spricht auf Seite 138 von den ideologischen Jnter- essen des Bürgertums, Religion, Patriotismus, dem Wunsche, dem Lande die Schrecken der Revolution zu ersparen; darauf sollen wir Rücksicht nehmen. Wenn die Leute m der bürgerlichen Gesellschaft so dumm sind, daß sie meinen, wir wollten mit unseren Schädeln durch die Wand rennen, dann sind wir für diese Dummheit nicht verantwortlich. Daß sie sich aber in ihren materiellen Interessen durch uns bedroht fühlen, daS ist ja wahr; wenn wir das verschweigen wollen, würden wir ja heucheln, das wäre ja unethisch l Und die ideologischen Interessen! Kappzäume und politische Ent- rcchtnng für die Arbeiter! Die Bourgeoisie ist genau so atheistisch wie wir, in die Kirche läuft sie anS Angst, daher' die steigende Vrr- dummung in der Schule. Die Vaterlandsliebe? Ach,'wir haben eine viel ideologischere Vaterlandsliebe,(Beifall.) Alle diese ideologischen Interessen sollen wir ja nicht anrühren. Ja, wißt Ihr denn, Parteigenossen, was das heißt? Das heißt, wir sollen a 1 1 c s� aufgeben, iv a s unser Wesen ausmacht, was wir als Grundsätze vertreten haben. Ich mache kein Hehl dar- aus: an dem Tage, wo diese Grundsätze in der Partei zur Geltung gekommen sein sollten, erkläre ich: du hast 36 Jahre umsonst gc- arbeitet, jetzt gehst du und lebst von nun an in beschaulicher Ruhe. Das ist ja dieselbe Schreibweise Eugen Richters I(Lebhafte Zu- stimmung.) Es ist traurig, daß wir auf unserem Parteitag unsere ganze Zeit durch Auseinandersetzung über Dinge uns rauben lassen müssen, die wir uns längst an unseren Kinderschuhen abgelaufen haben. Ist denn das Bürgertum in seinen Befreiungskämpfen anders verfahren als wir? Gegen die Dichtungen der vonnärzlichen bürger- lichen Dichter ist alles, was unsere jetzigen Dichter sagen, ein Kinder- spiel. Greift ja nicht die Religiosität' an. mahnt man uns. Ich kann Euch nur sagen: Wir thun' gegen die VerdummungSbestrebungen auf diesem Gebiet nicht zu viel, nein zn wenig, auf diesem Ge- biete müßte unsere Presse sehr viel mehr thun. Liberalismus und Demokratie. Merkwürdig sind die Anschauungen, die Bernstein über Libe- ralismus und Bürgertum entwickelt': Die Demokratie sei negativ ausgedrückt, die Abwehr einer Klassenherrschaft und so weiter auf Seile 122, 126, 130, auf Seite 120 heißt es:„Die Parteien, die sich den Namen liberal zulegten, waren oder wurden im Verlaufe reine Schutzgarden... des Kapitalismus. Zwischen diesen Parteien und der Socialdemokratie kann natürlich nur Gegnerschaft herrschen. Was aber den Liberalismus als weltgeschichtliche Bewegung anbetrifft, so ist der Socialisnins nicht nur der Zeitfolge, sondern auch dem geistigen Gehalt nach sein legitimer Erbe." Der letzte Satz wider- spricht allem Vorhergehenden in der schärfsten Weise und ich kann mich hierüber sehr kurz fassen. Wie kommt Bernstein in aller Welt dazu, iu seinem Buche in der philosophisch uu- klarsten nnd widerspruchvollsten Weise lange Auseinander- setzungen über liberal und demokratisch zn machen und dann zu erklären: zwiscben diesen Parteien und der Socialdemokratie kann natürlich nur Gegnerschaft herrschen? Ei, da brauchte er nur alle die Seiten seines Buches fortzulassen und mir diesen Satz zu schreiben, da wären wir einig. Da wären alle die Konfusionen nicht ent- standen. Seine philosophischen Ideen kommen aber nicht etwa vom Himmel herunter, sondern sie sind die Widerspiegelung der wirk- lichen Verhältnisse. Der Liberalismus wird allezeit und allerorts als das Bürgertum hingestellt und der Socialismus wird ihm strikte entgegengestellt. Gerade weil die liberalen Parteien die Schutz- garden des Bürgertums sind, wollen wir ja mit ihnen kein Bündnis haben, um den Klassenkampfcharakter nicht zu kompromittieren. Es ist in den letzten Tagen viel von Opportunis- mus die Rede. Das will ich Euch sagen: Bis zu einem gewissen Grade sind wir alle opportu- nistisch, keiner will morgen auf die Barrikaden steigen. Der ganze Streit ist über das Maß, und da werden wir immer streiten. Es werden immer Fragen auftauchen, wo wir nicht einig sind, sollen wir soweit gehen oder soweit, das habe ich schon in Erfurt ausge- führt und darum kommen wir nicht herum, so lange wir in der bürgerlichen Gesellschaft leben. Später einmal, wenn die Social- demokratie die herrschende Partei wäre und ihre gesellschaftlichen Einrichtungen träfe,— da streiten wir uns erst recht(Lcbh. Zustimmung), selbstverständlich, weil einer klüger sein will als der andere und es vielleicht auch ist. Wir streiten uns ja auch in den Vereinen um die beste Art der Verwaltung, um die besten Persönlichkeiten, alsoMeinungS- Verschiedenheiten wird es immer geben. Was würde das für eine langweilige Gesellschaft sein, wo sie nicht wären!(Heiterkeit und Beifall.) Da will ich lieber morgen sterben oder gehe zu den Boto- luden, von denen ich doch annehme, daß ich bei ihnen Opposition finden werde. Was notwendig ist, ist. daß wir einen gemein« samen Boden haben, gemeinsame Grundanschannng haben über die bürgerliche Gesellschaft einerseits, über die socialistische anderer- seits. Wo das nicht der Fall ist, da hört freilich eine Verständigung auf, und wir können nicht verkehren. Aber, Parteigenossen, aus dieier seiner ganzen philosophischen Auffassung von Liberalismus nnd Demokratie, von dem eigenartigen liberalen Bürgertum, das nach seinem eigenen Geständnis gar nicht existiert, ist Bernstein logisch dazu gekommen, zu sagen, wir sollen uns eine socialistisch-detnokratische Reform- parket nenne». Das zeigt am besten, wie weit Bernstein von unseren Anschauungen sich entfernt hat. Das hat bisher niemand gelvagt zu sagen ünd der Partei vorzuschlagen. Ich sage noch ein- mal. wir sind im Wesen eine revolutionäre Partei, das schließt nicht nur nicht aus, das schließt ein, daß wir Reformen, nicht zurückweisen, wo wir sie bekommen können. Das beweist unser Programm. Es zerfällt nicht umsonst in einen principiellcn und einen praktischen Teil. Man hat da mancherlei übertrieben. Gewiß haben wir uns gestritten über die Bedeutung des Parlamentarismus. In der Fraktion ist heftig gekämpft worden, wie weit wir uns am parlamentarischen Leben beteiligen sollen, ob wir für oder gegen ein Gesetz stimmen sollten. So war es jüngst noch beim Bürgerlichen Gesetzbuch. Ein Teil wünschte, daß wir da- 'ür stimmen sollten, die Mehrheit der Fraktion war aber dagegen. Trotz aller dieser Kämpfe haben wir vom Jahre 1867 ab Anträge gestellt, auch unter dem Socialistengesctz sind wir praktisch thätig gc- wesen. Ich weise auf unsere Anträge zum Kranken- und Unfall- und Jnvalidengesetz hin. Es ist nicht wahr, wenn gesagt wird, wir hätten keine praktische Thätigkeit entfaltet. Unsere Thätigkeit hat die bürgerlichen Parteien gezwungen, uns Konzessionen zu machen, das hat Bismarck 188S meinem Freunde Auer gegenüber im Reichstage öffentlich zugegeben. Bern- kein redet viel von der Notwendigkeit der Demokratisierung >cs Staates, ja freilich ist dies nötig, wofür reden wir uns denn die Lungen wund.(Sehr richtig I> Aber wo ist denn in Deutsch- land seit zwanzig Jahren ein einziger politischer Fortschritt ae- chchen?(Sehr richtig I) Ist das Wahlrecht, das Vereinsrecht besser geworden?(Nein I) Wir haben die Wahlrechts-Vcrschlcchternugen in Sachsen, die Gemeinde-Wahlrechts-Verschlechterungen in Meiningen gehabt, und wenn es in Bayern zn einer Wahlreform kommen sollte, so sage ich Euch, sie würde nicht kommen, wenn sie den Klerikalen nichts nützte!(Sehr gut!) Wenn es ohne Verrat an unseren Principien und ohne Schaden für unsere Taktik geschieht, habe ich nichts ge�en momentane Bündnisse mit bürgerlichen Parteien. Bündnisse. Warnnl sollen wir nicht nehmen, was wir erhalten können? Ein, zwei tüchtige Kerle, ein paar Gcneralhechte in den Karpfen- teich, die bei den Hauptfragen das Wort nehmen. Wir haben ja gesehen, was es 1871 im Reichstag nutzte. Wir können über eine Anzahl von wichtigen Fragen sprechen, über die wir im Reichstag nicht sprechen können. Das habe ich als einen Vorteil betrachtet, den wir erreichen können, und daher will ich erklären, daß ich den bayrischen Genossen aus ihrem Verhalten in der neuesten Phase keinen Vorwurf mache. Unsere bayrischen Genossen sind in einer Zwangslage gewesen. Wir sind in Deutschland in einer sehr bösen Lage. Wir leben nicht in einem Einheitsstaat,; in einem vergleichsweise demo- kratischen Staat wie Frankreich. Hätten wir in unseren 26 Staaten und Stätchen das allgemeine, gleiche, direkte Wahlrecht, dann hätten wir gar keine Debatten über unsere Taktik, aber man hält uns die Thüre zu j da gilt es, auch ein unangenehmes Mittel zu nehmen, wenn es einen Durchschlupf für uns giebt. Wenn ich den bayrischen Genossen trotz- dem einen Vorwurf mache, so ist eS der, daß sie die Position, m die sie durch die Urwahlen gekommen waren, nicht in der richtigen Weise ausnutzten, sondern in dem Eifer, möglichst viel Mandate zu bekommen, etwas anderes unterließen, was ich unter Umständen für wichtiger halte, als ein paar Mandate: daß sie den Stuttgarter Beschluß nicht insofern respektierten, daß sie gegenüber einer so an Zwei« je ff dentigkeiten und Hinterlistigke'iten reichen Partei wie die Ecntru mSpartci erklärten, wir geben Euch unsere Stimmen, aber seid so gntnnd verpflichtet Euch zu bestimmten Llonzessionen in der Wahlrcchtsfragc. Aber wenn das Verhalten der bayrischen Genossen für ein taktischer tind principicller Fehler erklärt wird, dann durfte im vorigen Jahre der Stuttgarter Parteitag nicht mit an Einstimmigkeit grenzender Majorität eine Resolution annehmen, die alle diese sogenannten principiellcn Verstöße im voraus gutgeheißen hat.(Sehr gut.) Ist das Parteiverrat, dann durfte' man auch nicht provi- sorisch und ausnahmsweise den Parteiverrat gutheißen. Es wäre auch inkonsequent, wenn wir an den Bayern tadeln wollten, was unsere badischen Genossen vor zwei Jahren vor aller Welt ge« than haben, ohne daß ein Hahn danach gekräht hat, und was zu thun sie jetzt wieder auf dem Sprunge sind. Aber ich sage noch einmal: in dieser Beziehung ist nichts Unrechtes geschehen. Ich wollte nun in meiner Resolution nach dieser Richtung hin möglichst alle Kautelen schaffen. Etwas Neues sagt sie in dieser Beziehung nicht. Wenn wir ein Zusammengehen von Fall zu Fall mit bürgerlichen Parteien nicht ablehnen, so wird dadurch unser Ziel und unsere principiclle Haltung in keiner Weise beeinträchtigt. Unser ganzes Bestreben ist ja darauf gerichtet, die Lage der Arbeiter« klaffe soviel wie möglich zu heben und das Maß ihrer politischen Rechte zu erweitern, um sie dadurch kampffähiger zu machen für unsere großen Bestrebungen. Die Resolution sagt ferner, daß in der Bekämpfung des Mili- tarismus zu Wasser und zu Lande und der Kolonialpolitik die Partei auf ihrem bisherigen Standpunkt bcharrt. Auch da spricht sicb Bernstein im höchsten Maße widerspruchsvoll und unklar aus nnd trägt nur dazu bei, Verwirrung in unseren Reihen hervorzurufen. Unser Sieg. Was ich aber ganz besonders zn tadeln habe, das ist, ich wiederhole es, daß Bernstein uns förmlich Angst vor dem Siege macht, daß er ihn uns quasi zu verekeln sucht.� Daß wir eines schönen Morgens aufwachen und uns mitten in der socialen Republik finden, glaubt ja niemand mehr. Aber es ist eine ganz verkehrte Taktik, der Partei den Opfermut, die Begeisterung. die Opferfreudigkeit, alles das, was der Kampf im höchsten Maße braucht, durch möglichstes Hinausrücken des Zieles und der Möglich- keit des Sieges zu verderben zu versuchen. Was insbesondere den so viel hervorgehobenen Mangel an Intelligenz betrifft, so sage ich Euch, Parteigenossen, wenn wir wirklich einmal in die Lage kämen, die Zügel in die Hand zu be- kommen, mir um die Intelligenz nicht bange ist. Was will denn die Intelligenz machen, die jetzt in den bürgerlichen Reihen isich bethätigt? Glaubt Ihr denn, die Beamten, die Techniker, die Ingenieure usw. werden streiken, bei uns nicht mitthun wollen, wenn wir ihnen eine anständige Behandlung und bessere Bezahlung ver- sprechen?(Heiterkeit und Beifall.) Ich sage Euch, es giebt sogar eine ganze Menge Geheimräte, die dann zu uns kommen, vielleicht sogar Minister.(Heiterkeit.) Alles in allem haben wir also in gar keiner Weiffe Grund, unsere Grundanschauungen und unsere Taktik und unseren Namen zu ändern. Ich fasse meine Rede in dem Satz zusammen: Wir bleiben was wir bisher waren! Ich bitte, nehmen Sie meine Resolution möglichst einstimmig an.(Stürmischer Beifall.) «« » Singer teilt einen Antrag mit, das Bcbclsche Referat ftt Broschürenform zum elbstkostcnpreise herauszugeben. Er schlägt vor, die Beschlußfassung vorzubehalten, da eventuell die Verbreitung der gesamten Ver- Handlung in dieser Weise angebracht wäre. »* « Hierauf ergreift Genosse Eduard David das Wort, um Bern- steins Standpunkt zu verteidigen. Der Redner muß jedoch wegen vorgerückter Zeit abbrechen. Wir bringen deshalb seine Rede morgen im Zusammenhang._ Doketles« (Siehe auch 2. Beilage.) Der Harmlosen-Prozest, in dem mm schon sieben volle Tage verhandelt worden ist, steht noch so ziemlich auf demselben Fleck, und auch die Zengenverneh« mniigeii am Dienstag haben kein wesentlich neues Licht Über das Treiben imtzKlub der Harmlosen geworfen. Die von den Angeklagten gemachten Angaben werden immer wieder von den zahllosen ver- nonunenen Zeugen bestätigt, und diese Wahrheitsliebe wird nicht verfehlen, ihnen die Sympathie der Richter zuzuführen. Charakteristisch waren von den Zeugen des Dienstags zwei junge Offiziere, von denen der eine den Namen derer v. Puttkamer trug. Die jungen Herren haben bei den Harmlosen jeder circa 10 000 M. verloren, aber als besonders hoch konnten sie diese Verluste, die von ihren Eltern reguliert wurden, nicht be« zeichnen. Wenn die Herren Söhne in der Stadt derartige Ansichten und Ausgaben haben, dann ist es schließlich kein Wunder, wenn die Väter auf dem Lande unter die schreienden Agrarier gehen und über die Not der Landwirtschaft lamentieren. Interessant wird es gewiß für manchen sein, daß auch der v. Putt« kamcr in die Lage gekommen ist, den Oberkellner an zu« pumpe n. Frau Frida Vogt, die Geliebte v. Kahsers, die ebenfalls vernommen wurde, macht im Vergleich zu der kürzlich vor den Schranken erschienenen L o n a des Herrn v. Kröcher einen recht soliden und anständigen Eindruck. Sie ist die geschiedene Frau eines HaiipmannS, ist noch heute im Besitz eines Vermögens von 10000 M., und Herrn v. Kayser hat das Verhältnis mit ihr, dasjwohl auf gegen- seitiger Neigung beruhte, nicht übermäßig viel gekostet. Allerdings vom Standpunkt der mit„blauen Lappen" um sich werfenden Harm- losen; denn die gemeinschaftlich geführte Wirtschaft hat dem jungen Herrn, der nur eine regelmäßige Monatscinnahine von wenig über 100 M. hatte, monatlich 400—500 M. gekostet. DaS alleS sind doch unvergleichliche Sittenbilder aus den Kreisen der Edelsten und Besten der Nation I Eine sehr merkwürdige Seite des Prozesses ist, daß sich die Zeugen immer und immer wieder über die Abfassung der Voruntersuchungs- Protokolle beschweren. Heute wieder die vernommenen Offiziere, unter ihnen v. Puttkamer und v. Gersdorff. Sie alle konstatieren, daß die Protokolle schärfer aus- gefallen sind, als eS die Zeugen eigentlich wünschten, und daß sie oft einen förmlichen Kampf mit dem Unter- stichungsrichter und Herrn von Manteuffel fuhren mußten. um scharfe und belastende Wendungen auS dem Protokoll fern zu halten. Wenn das bei diese» adeligen Zeugen ge- schehen, denen gegenüber gewiß große Rücksicht und Vorsicht geübt worden ist, so kann man sich denken, in welcher Weise oft Vor- untersnchungsprotoiolle entstehen, wenn es sich um Vernehmungen von Angehörigen weniger rücksichtsvoll behandelter Gesellschaftsklassen handelt. Ans Anlaß dieser ganz übereinstimmenden Klagen der Zeugen im Harmlosen-Prozeß ist es doch vielleicht an der Zeit, daß sich sowohl die Oeffentlichkeit, als auch die zur Abhilfe berufenen Instanzen mit der eigentümlichen Art beschäftigen, in der scheinbar diese zu beschwörenden Voruntersuchungs- Protokolle jetzt zu stände kommen. Wenn ein paar Dutzend Zeugen solche Klagen vorbringen, so muß dies doch eine Ursache haben,— die zu ermitteln gewiß nicht ohne Interesse für die Rechtssicherheit wäre. mord vor. Nls Thäter erscheint»ach den bisherigen Fest- stcllimgcn der Zimmermann Richard Trotzer, am 11. De- zcmbcr 1870 zu Berlin geboren. welcher sich Ivohnnngslos umhertreibt, dringend verdächtig. Derselbe ist 1,6S bis 1,60 Meter groß, schmächtig, hat dunkles Haar, gescheitelt, und eine alte starke Schnßnarbe ans der linken Brust, blaue Tätowierungen auf den Armen und auf dem linken Handrücken und latschigen Gang. Er ist bekleidet mit einem blauen Iackcttanzug, das Jackett einreihig. Ecken abgerundet, und mit einem schwarzen weichen Filzhut, einen Kniff in der Mitte. Geraubt: Geld und eine goldene Damen-Remontoir- uhr mit dem Namen„Jlionka" auf der inneren Cuvette, worauf Gewerbetreibende besonders aufmerksam gemacht werden. Mit- teilnngen sind an die Reviere oder an die Kriminalabteilung zu machen. Berlin, 10. Oktober 1899. Der Königliche Polizeipräsident. (gez.) von Windheim. In der Gegend des Thatortes, bei deni sich wie an den Anschlag- säule» fortwährend große Menschenmengen ansammelten, war gestern abend in der achten Stunde dnS Gerücht verbreitet, daß der Raub. mörder gefaßt worden sei. Es crivies sich als unbegründet. Für die Nacht traf die Kriminalpolizei umfassende Maßregeln. Die Polizeibehörden der Vororte wurden ersucht, scharf aufzupassen, und in Berlin selbst wurde eine allgemeine Durchsuchung der Herbergen, Pennen ec. vorgenommen. Mordversuch in der Potödaiilerstraßc. Kaum hatte sich die Kunde von dem Raubmord in der Skalitzersiraße durch die Stadt verbreitet, als in der Potsdamerstraße ein neues Ltapitalverbrcchen versucht wurde, glücklicherweise ohne Erfolg. In diesem Falle handelt es sich um einen Mordversuch aus verschniähter Liebe. Die am 22. November 1832 zu Brühl in Mecklenburg-Schwerin geborene Bertha Albrecht lernte vor zwei Jahren einen 20 Jahre alten Uhrmacher Heruiaun Mahnke kennen, der in ihrer Heimat in der Lehre war. Die beiden verkehrten freundschaftlich nüt einander, bis das sehr junge Mädchen auf andere Anforderungen, die Mahnke stellte, sich nicht einlassen wollte. Als Bertha Albrecht nach Haniburg ging,»ahm der junge Mann dort ebenfalls eine Stellung an. Als er mm wieder zudringlich wurde, kam es zu einen» voll- ständigen Bruch. Die Folge ivar, daß Mahnke das Mädchen, das seine Anträge ablehnte, zu erschießen versuchte. Er verletzte sie je- doch nur leicht, so daß sie bald wieder hergestellt war und kein Aufhebens davon machte, lln» jedoch seinen Nachstellungen zu cnt- gehen, floh sie nach Berlin. Vor einem halben Jahre nahm sie in Schöncberg eine Stellung an. Mahnke»vußte sich ihre Adresse zu verschaffen und bestürintc sie nun mit schriftlichen Anträgen. Als das Mädchen schließlich alle Briefe ungeöffnet an ihn zurückgehen ließ, griff er zu einer List. Auf einem Umwege»vußte er ihr durch ihre Eltern einen Brief zuzustellen, durch den er ihr ankündigte, daß er, ivcnn sie ihin nicht zu Willen sein wolle, ihren Vater arbeitsunfähig machen und ihm das Haus über dem Kopfe anzünden werde. Das Mädchen blieb aber auch dieser Drohung gegenüber standhaft und hörte nun zwei Monate lang nichts mehr von ihrem Verfolger. Da tauchte Mahnke plötzlich in Berlin auf. Bertha Albrecht war seit dem 1. d. M. in der Potsdmncr- straße 27 b in der zweiten Villa dieses Grundstücks bei einem Geschäftsmanue Hold in Stellung. Als sie dort gestern zu einem Ausgange den Flur betrat, sah sie Mahnke stehen, ging eilig an ihm vorüber, bestieg den ersten Pferde- bahutvagcn, den sie fand, und fuhr»vcg. Mahnke folgte ihr nicht, schrieb ihr aber eine Postkarte, daß er sie an»»»ächsten Abend— am gestrigen Dienstag— sprechen müsse. Sie schickte ihn» auch diese Karte zurück. Dafür' wollte Mahnke sick gestern Nachmittag räche»». Er lauerte den» Mädchen auf, sah,»vie es aus der Kronenstraßc in das Geschäft des Dienstherr»» ging, und er»vartete nun in einein Versteck aiif dem Flur der Villa in der Potsdamcrstr. 27b seiner Stück- kehr. Als die Albrecht»in» 4 Uhr zurückkehrte, sprang Mahnke aus seinem Versteck ans sieslos, packte sie an der Gurgel und ver- suchte, ihr mit einem bercitgehaltenen Messer den Hals abzilschnciden. Das Mädchen setzte sich zur Wehr und so ging der Schnitt fehl: er traf nicht die Kehle, sondern die Mundlvinkel. Auf das Hilfegcschrei der Uebcrfallenen eilten Maurer, die auf den» Hofe beschäftigt waren, herbei, nahmen den Burschen fest und übergaben ihn der Revierpolizci. Diese lieferte ihn gestern abend der Kriminalpolizei eii». Mahnke ist geständig. Die Verletzung des Mädchens ist nicht gefährlich. Feuerbericht. Dienstag früh 5 Uhr entstand ein Fabrikbraud in der Galvanisiermigs-Anstalt von Zorn u. Zöls, N e u e n b u r g e r- straße 16. Glückli'cheriveise wurde das Feuer rechtzeitig beinerkt, so daß es von der Feuerwchr noch wirksam bekämpft»verde»» konnte, bevor es große Ausdehnung erlangte. Trotzdem ist ein Teil des Fabrikgebäudes ausgebrannt und der verursachte Schaden erheblich. — Am vorhergehenden Abend entstand F r i e d r i ch st r a ß c 49 durch ausgeströmtes Gas ein Wohnuirgsbrand, der leicht zu einer verderblichen Explosion führen koui»tc. Nach Abstellung der Haupt- Gasleitung stellte sich heraus, daß die Leitung defekt geworden war. Das Feuer konnte bald gelöscht»verde». Tic Explosion in der Nuiliufabrik z» Runiuiclsbuvg hat schliinmere Folgen, als es zunächst den Anschein hatte. Der Arbeiter Kourad Freitag ist vorgestern nachmittag gegen 4 Uhr auf der Unfallstation III seinen Verletzungen erlegen. Bei einem zlveitcn Vcmnglückten hat sich das Befinden»vcseiitlich verschlimmert, bei den drei anderen etwas gebessert. Ans dein Terrain des„RcichSvcrsnchsgartcuS", wie die an der Dahlemer Chaussee gegenüber den» Botanischen Garten vor kurzen» errichtete pflanzenpathologische Versuchsstation genannt»vird, ist jetzt ein großes Laboratorium und ein mit den modern- Itcn Einrichtungen versehenes, vollständig mit Glas überdecktes Warmhaus erbaiit»vorden. Um die Erforschung der bedeut- saine» Pflanzcnkrankheiten zu fördern und die Untersuchungs- crgebnisse den Jnteressei»teii zugänglicher zu machen, wurde im Jahre 1890 eine iliternationale pflanzenpathologische Gesellschaft gegründet und die Errichtung von pflanzenpathologischen Versuchsstationen an- geregt, deren erste in Deutschland sich nunmehr bei Dahlem befindet. In den» ausgedehnten Garten der Station werden zahlreiche Nutz- und Zierpflanzen gezogen._ Gevichks-ZZeikung. In Breslau hatte sich der gcsaiirte Vorstand der Weber- Innung»vegen Untreue, begangen durch widerrechtliche Verteilung von Jnnungsverinögen an die Mitglieder, vor der Strafkammer zu verantworten. Obcrineister Brauner und Jinmngsmeisier Werner erhielten je iVs Jahre, Obermeister Hillcbrand und Jmmvgsmeister Breuer je 1 Jahr Gefängnis. Alle vier Verurteilten Ivurden sofort verhaftet. Die Herren hatten seit Jahren die Mietsüberschüsse eines der Jimmia gehörigen Grundstücks unter sich verteilt, schließlich zlvci Grundstücke der'Jmiung verkauft und den Erlös ebenfalls sich und einige» anderen Mitgliedern der Innung zugewiesen. Zur Stadtpcrorducteilwahl. Nicht im 6. Bezirk, sondern iin 86. findet infolge der Mandatsniederleguiig des Stadtverordnete»» Baumgarten eine Nculvahl zur Stadtvcrorduetcii-Vcrsammlung statt. Herr Baumgarten ist zlvar im ö. Wahlbezirk geivählt»vorden, hat aber bei der Neueinteilmig den 36. Bezirk zugeiviesen erhalten. Abermals ein Raubmord. Noch ist der Raubmord an dem Bildhauer Luigi Valeutini in der Wilhclmstr. 113 nicht gesühirt und der Mörder nicht ergriffen und schon wieder»vird ein Raubmord au einer Frau aus dem Südosten, der Skalitzerstr. 69b, am Görlitzer Bahnhof, gemeldet. Dort im vierten Stock des Vorderhauses lvohnte seit über zlvci Jahren die � verwitwete Mäntelnäherin H. Joost. Sie ernährte sich rechtschaffen, war fleißig und im Hanse allgemein beliebt. Um sich den Lebensunterhalt zu erleichtern, vermietete sie ein Zimmer ihrer kleinen aus Stube, Schlafzimmer und Küche bcsteheudeu Woh- »iilng an Schlafburschen. Augenblicklich wohnte ein Schlafbrirsche Namens Wendt bei ihr, der das Ziminer mit ihren» einzige»» Sohne teilte. Gestern früh, als diese beiden jungen Leute vor 7 Uhr nach der Arbeit ginge»», bemerkten sie,»vie ein früherer Schlafbursche, der 25jährige Zin, mermann Richard Trotzer. mit der alten Frau in der Küche sprach. Sie nahmen weiter keine Notiz davon und entfernten sich. Als der Sohn im» IN/« Uhr nachHaus kamund die verschlossene Wohnung öffnete, fand er seine Mutter tot in der Küche an» Boden liegend. Sie schlvamm in ihrem Blute und zeigte eine Wunde am Hinterkopf. Er schlug sofort Lärm und benachrichtigte die Polizei. Es lvurde dann festgestellt, daß Trotzer bis zum Juli bei der ermordeten Joost gc »vohnt� hatte.� Er war dann unter Zurücklassung seiner Sachen an� die Wanderschaft gegangen und am 1. Oktober zurückgekommen. Die Frau, bei der er um Wiederanfnahnie bat,»vics ihn aber »veil er nicht pünktlich gelvesen war, und aus andere»» Gründen ab. Gestern früh ließ er sich»vieder sehen. Man nimmt an, daß Trotzer, dessen Stiefeltern in der Nähe, Wrangelstraße 29, wohnen die Frau erschlagen hat. Seine blutigen Kleider, die man in der Wohnung vorfand, bestätigten diese Ännahinc. Sein neuer Anzug. bestehend aus blauem Jackett und Beinkleid,»vird vermißt. Er hat sich vermutlich gleich nach der That.umgezogen und ist dann nach Durchsuchung der Wohnung entflohen. Nach An gaben � dcs� Sohnes fehlen außer einer Uhr noch bares Geld so J»aß also ein Raubmord vorliegt. Der Mord muß gleich nach 7 Uhr begangen sein, denn gleich nach 8 Uhr erschien' eine Freundin de»: Ermordeten, die iiotlvcndig mit ihr zu sprechen hatte. Sie blieb bis um 12 Uhr, bis der Sohn kam und die Wohnung öffnete. Die Freundin hat Trotzer nicht mehr gesehen. Der Mörder »vird als ein kleiner, 166 Centimeter großer untersetzter Mann mit starken» Schnurrbart beschrieben.» Er trägt einen schlvarzen, ein» gedrückteil, weichen Filzhut und blauen Jakettanzug. Der linke Arm ist blau tätolviert, auf dem linken Handrücken ist ein blauer tätowierter Fleck zu sehen. Trotzcr hat sich viel in Köpenick und der hiesigen christlichen Herberge aufgehalten. Dazu»oerdci» noch folg.nde Ivcitere Einzelheiten berichtet: Der des Mordes verdächtige Trotzcr erzählte bei seiner Rückkehr von der Wanderschaft, daß er in der Zivischenzeit in Chemnitz gearbeitet habe. Da er zu seinem Stiefvater, dem Zimmermann Qnlveitsch »n der Wrangelstr. 63 nicht gehen»vollte,»veil er sich»nit seiner Mutter überworfen hatte, so suchte er Frau Joost»vieder auf und bestürmte sie mit Bitten so lange, bis sie ihn wieder aufnahm �>>s zum vergangeneu Sonnabend blieb er bei der Frau, die außer ihm noch einen Arbeiter Kapitza in Schlafstelle hatte, ohne daß er angemeldet ivar. Dann lvurde es jedoch der Frau zu viel, zumal da er sein Versprechen, ein ordentlicher Mensch»verde»» zu »vollen, nicht hielt, und sie ließ ihn abends in die Wohnung nicht mehr ei»».� Trotzer kam aber jeden Tag wieder und pflegte in dem Hause auf der Treppe zu nächtigen, Ivel»» er von Frau Joost Essen erhalten hatte. Am Sonntagabend»vartete er vor der Haus- thür, als Fra»» Joost um 11 Uhr»ach Hause kam. Er begehrte wieder Einlaß, die Frau ließ ihn jedoch draußen stehen und verschloß die Hausthür hinter sich. .�rotzer wartete nun, bis ein anderer HauSbeivohner heimkehrte, ließ sich von diesem aufschlietzen und übernachtete»vieder auf der Treppe Am Montag besuchte er dann Frau Joost»vieder. Als diese von einer ihr befreundeten Frau Buchholz Besuch erhielt, fragte er sie im Laufe des Gespräches heimlich, ob sie nicht den Besuch mit irgend einem Auftrage»vcgschicken könne. Frau Joost verneinte, Frau Buch holz und Trotzer blieben dann noch eine Weile und gingen später- gleichzeitig weg. Als am Dienstagmorgen der 24 Jahre alte Sohn Alfred der Frau Joost nach der Fabrik »n der Köpnickerstraße Nr. 109a gegangen und auch der Schlafbursche Kapitza die Wohnung verlassen hatte, fand sich Trotzer »vieder ein. Was nun vorgegangen ist, hat niemand gehört, man »vciß auch nicht, wann Trotzer die Wohnung und das Haus verlassen hat. Um 11 Uhr vonnittags kam Frau Buchholz,»vie am Montag verabredet worden Ivar,»vieder, um mit Frau Joost sich nach einer Stellung umzusehen. Da sie auf ihr Klopfen keine Antivort erhielt, so»vartete sie, bis gegen 12Vs Uhr Alfred Joost zum Mittagessen nach Hause kam. Den beiden bot sich nun, als sie die Wohnung bekratcn, ein schrecklicher Anblick: Frau Joost lag auf dem Rücken in ihren» Blute, mit dem Kopfe nach der Korridorthüre zu. Die rechte Hand lag krampfhaft auf dcr Brnst, der linke Arm lag nach aufwärts gekriimnit. Die Kleidung Ivar auf der Brust aufgerissen, das starke Haar Ivar mit schon gc- ronnenem Blute besudelt. Der Kopf wies hinter dem rechten Ohr eine Schußlvundc und mehrere Verletzungen von Hammcrschlügcu auf, von denen einer den Kinnbackenknochcn zertrünnncrt hatte ui»d der Tod war infolge einer Verblutung eingetreten. Der Mörder hat sein Opfer Ivahrschcinlich hinterrücks angefallen und ihm zunächst mit einem kleiukalibrigen Revolver, deiiselbcn, den er vor zlvci Jahren zu dem Selbstmordversuch benutzt hatte, den Schuß bei gebracht, während es am Herde stand, um das Mittagessen z»»� zubereiten. Auf dem Boden zerstreutes Gänseklein läßt darauf schließen, daß die Frau das Geschirr mit dem Essen in der Hand hatte. Nachdem Frau Joost infolge der Schußverletzung rücklings zu Boden gefallen war, bearbeitete ihr der Mörder den Kopf mit einem Tischlerhammer, den er schon länger besaß und den man später mit Blut besudelt in einem Schrank fand. Als er sich von» Tode seines Opfers überzeugt hatte, eignete sich der Mörder das Portemonnaie der Erinordetcn, dessen Inhalt man nicht kennt, und ihre goldene Rcinontoiruhr mit Kette an und zog dam» seinen blut- befleckten Anzug ans, um ihn mit einem anderen, blanen, zu ver- tauschen, den er früher besessen hatte, den man aber als Unterpfand für die Schulden einbchalten hatte. In diesem Anzüge verließ er unbemerkt das Haus und entkam mit der Beute. Dieses der Befund und der Thatbcstand,»vie ihn die von dem Sohne der Ermordeten, der Frau Buchholz und den Hausbelvohncrn alarmierte Revier- und Kriniinalpolizei, ein Arzt Dr. Joachim, später noch ein Gcrichtsarzt und der Oberstaatsantvalt Dr. Jsenbiel fest- stellten. Der Stiefvater und die Mutter Trotzers ivurden alsbald zur Rekognition des zurückgelassenen blutigen Au- zuges. vor die Kriminalpolizei geladen. Qnlveitsch erkannte mit Bestimmtheit die Kleidungsstücke als die seines Stiefsohnes, gab aber zugleich der Vermutung Raun», daß dieser nicht mehr unter den Lebenden sein»verde. Wahrscheinlich habe sich nach einem Vor- orte begeben, um sich zu erschießen. Diese Vermutung hat etlvas für sich, kann aber ebenso gut irrig sein. Daß Trotze»: der Mörder ist, unterliegt keinem Zweifel. Abgesehen von der Rekognition seines Anzuges, hat ein Kriminalkommissar bei der Durchsuchung der Wohnung einen Brief in dem Bette, das Trotzer früher benutzte, ge- fnudcn. Aus dem Schreiben geht herbor, daß T. die Absicht hatte, Frau Joost und xhren Sohn umzubringen. Die Nachforschungen nach dem Verbleib des Raubmörders hatten bis gestern abend spät noch keinen Erfolg. Im Laufe des Abends erschien nach und nach an allen Säulen folgender Anschlag: 1000 Mark Belohnung. Heute mittag gegen 12�/2 Uhr wurde die Witlve Joost in ihrer Wohnung Skalitzerstr. 56 b auf dem Fußboden der Küche tot auf- gefunden. Dieselbe hat anscheinend einen Schuß in den Hinterkopf erhalten und ist niit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf ge« schlagen und so getötet worden. Es liegt ziveifellos Raub«_________ Berantivortlicher Redacteur: Heinrich Wetzker in Grotz-Lichterselde. Für den Inseratenteil verantwortlich: Th. Glocke in Berlin. Druck und Verlag von Wkax Babing in Berlin. Hierzu 3 Beilagen und Unterhaltnngsblatt. VevjÄnttnlttttgen. Der Streik der Putzer lvurde in einer am Dienstag ab- gehaltenen öffentlichen Versammlung durch Annahme der folgenden Resolution als beendet erklärt:„Nachdem diejenigen Arbeit- geber, welche zur Zeit Putzarbeit haben, mit wenigen Aus- nahmen die Forderungen der Putzer anerkannt haben, auch die Kollegen bis auf»venige sämtlich zu den neuen Bedingungen in Arbeit sind,»vird der allgemeine Streik der Putzer für beendet erklärt. Um auch diejenigen Arbeit- geber,»velche noch nicht belvilligt, in Zukunft aber Bauten zu putzen haben, znr Anerkennung der Forderungen bewegen zu können, beschließt die Versammlung: JederKollege,»velcher Pntzarbeit annimmt, ist auch ferner verpflichtet, den Revers unterschreiben zu lassen, ebenso verpflichten sich die Putzer von Berlin und Umgegend, nach wie vor 'trengc Kontrolle auf den Bauten darüber zu üben, ob die gefaßten Beschlüsse auch gehalten»verde»,. Die Versammlung spricht serner die Erivartung aus, daß die vorhandenen oder sich hexausstellenden M"'»gel sofort der Kommission gemeldet»Verden, damit dieselben ab- gestellt»verde», können. Zum Streikfonds sind von der nächsten Woche ab pro Woche 60 Pf. zn zahlen." Dem Bericht der Lohnkoinmission zufolge haben 92 Unternehmer, darnnter 47 Mitglieder des ArbeitgeberbmideS, die Forderungen be. willigt. Nach Lage der Sache könne man sagen, der Streik Hab: mit einem glänzenden Siege der Arbeiter geendet, der Tagelohn von 3 M. und die 8�/sstündige Arbeitszeit seien gesichert und»vürden auch,»venu die Putzer geschlossen zusammenstehen, für die Zukunft erhalten bleiben. Die Händler und Hiiudlerimie» nahmen in einer öffentlichen Versammlung, in»velcher Opitz über die nächsten Stadtverordneten- Wahlen referierte, eine Resolution an, in»velcher sie sich verpflichten, bei den im November stattfindendei, Stadtverordnetenivahlen Mann für Mann für die Kandidaten der Socialdemokraten einzutreten. Wetier-Prognose für Mitttvoch, de» II. Oktober 1899, Teils heiter, teils wolkig bei ziemlich frischen»vestlichen Winden, etwas wärmerer Nacht und wenig veränderter Tagestemperatur; keine erheblichen Niederschläge. Berliner W e t t e r b u r e a u. Telzke NÄiszvirlxkeN und Depeschen« Scharflnachcr-Versaillmlnug. Karlsruhe, 10. Oktober.(B. H.) Der Deutsche Arbeitgeber- bund für das Baugewerbe hielt hier feine erste Generalversammlung ab. Der Bund wurde am 16. Wlärz d. I. in Berlin konstituiert. Von zur Zeit bestehenden 47 Lokalverbänden gehören dem Bund bisher 41 Verbände an. Der Vorsitzende, Baumeister Fetisch« Berli»,, führte ans, daß der Bund mindestens der Arbeitgeber umfafsen müsse. Erst wenn der Bund zu einer Macht ge- worden, stark genug, um eine Kraftprobe ausführen zn können, in großen Bezirken oder in ganz Deutschland Arb.itcr an., zusperren und auf gegnerischer Seite die Meinung Platz gegriffen habe, daß diese Kraftprobe mich ausgeführt»vird, dann iverde wieder Ruhe einkehren. Bei Besprechung der diesjährigen Arbeitseinstellungen wurde anerkannt, daß es die Aufgabe des Bundes sein müsse, die berechtigten Lohnforderungen zn erfüllen und gute Zustände auf den Baustelle», zu schaffe»,. Bezüglich des GesetzentivnrfeS zum Echntze der Arbeitsivilligc», wurde beschlossen, die verbündeten Regierunge», und den Reichstag zu ersuchen, gesetzliche Bestimmmigcn vorzn- bereiten und ihnen zuzustimmen,»velche nntcr der volle», Wahrung der den Arbeitern gegebenen Koalitionsfreiheit Auswüchse der- selben beseitigen, und sowohl den Arbeitswillige.» als ailch den Arbeitgebern den nötigen Schutz gewähren. Für Agitations- zlvccke»vurden 20 000 M. bewilligt und der Entsendung von Wander- rcdnern zugestimmt._ Die royalistischc Verschwörung. Paris, 10. Oktober.(B. H.) Heute begann vor dem Staats- gerichtshofe das Verhör der rotialistischen Angeklagten. Als erster erschien Audrse Bnffct. Derselbe weigerte sich, die Fragen des Vor- sitzenden Bsrenger zu beantworten und überreichte ihm eine schrift- liche Erklärung, deren Aufnahme in das Protokoll er verlangk. Er sagt darin unter anderm, daß der Senat aus Freimaurern zu- sniiimeugesetzt sei und diese nichts anderes thnn könne»,, als das Vorgehen der Regierung, welche ihre Befehle von den Freimaurern erhalte, zu billigen. Bsrenger versuchte»vührend dreier Stunden Büffet zum Sprechen zu bringen, aber ohne Erfolg. Darauf wurde das Verhör Chebillys, Monicourts und Pressencourts begonnen. Paris, 10. Oktober.(®. H.) Der Kriegsminister ist entschloffen, gegen die schuldigen Offiziere vorzugehen, wem, die von einem Lyoner Blatte veröffentlichten A>, schuldigungen sich als wahr er- weisen sollten. Transvaal. London, 10. Oktober.(Meldung des„Reuterschen Bureaus'.) Chaniberlai», empfing heute eine Depesche von Milner, in welcher dieser ihm den Empfang einer Depesche des britischen Agenten in Pretoria mitteilt. Die Depesche des britischen Agenten besagt, daß er von dem Staatssekretär Rcitz eine Note erhalten habe, in welcher die Regierung von Transvaal verlangt: 1. Daß alle zivischen England unfl Transvaal schwebenden streitigen Angelegenheiten durch Schiedsspruch oder auf andere frcnildschaftliche,- zivischen England und Transvaal zu vereinbarende Weise geregelt werden. 2. Das die englischen Truppen sofort von den Grenzen Trans- baals znrückgezogei'»»verde»,. 3. Daß alle'englischen Vcrstärknngstruppe»,, die seit dem 1. Inn, 1899 in Südafrika angekommen sind, in einem angenommenen zwischen England ung Transvaal näher zu bestimmenden Zeitraum »vieder aus Südafrika zurückgezogen werde»,,»vähreiid Trans« baal seinerseits sich verpflichtet, sich jeden Angriffs auf irgend eine englische Besitzung während der einzuleitenden neuen Unterhandlnngen zn' enthalten. Wird diese Bedingung aiigenommen, so wird auch die Regierung von Transvaal bereit sein, die betvaffneten Boeren von den Grenzen zurückzuziehen. 4. Wird verlangt, daß die engkische», Truppe»,, die anf dem Meere»nter>vcgs sind, an keiner Stelle in Südafrika gc- landet werden. Die Rcgiernng von Trn!,svaak fordert dringend von der englischen Regierung eine sofortige zustimmende Antivort bezüglich der obige», vier Punkte, und zlvar soll sie diese Antivort nicht' später als Mittivoch, 11. Oktober, um 6 Uhr abends, geben. Die Regierung von Transvaal möchte noch hinzufügen,� daß sie für den unerwarteten Fall, daß sie innerhalb der festgesetzten Frist keine zufriedenstellende Llntivort erhalten sollte, sich zu ihrem großen Bcdauer» gczlvungeu sehen»vird, die Haudlmigsiveise der ciiglischcn Rcgicruug als eine formelle Kriegserklärung aiizuscheil und sich für die»veitcrci, Folge»» nicht für verantlvorllich halten »vird, daß sie ferner auch, falls neue Truppenbeivcgunaci, nach de», Grenzen von Transvaal imicrhalb der festgesetzten Frist stattfinden sollten, genötigt sein»vird, diese Truppcnbeivegniigen als eine formelle Kriegserklärung a», zusehen._ Frankfurt a. M., 10. Okiober.(B. H.) Die„Frankfurter Zeitung" meldet aus Konstantinopel: Die Erdbeben»n Viloict Aidin dauer»» fort. Der Botschafter von Marschall spendete für die Betroffenen 3000 M. Frankfurt a. M., 10. Oktober.(W. T. V.) Amtlich»vird gc- »ncldet: Am 3. d. M., vormittags 9�/« Uhr, fuhr auf Bahnhof Ober« lahnstein eine leere Lokomotive einem stillstehenden Personcn-Sondcr- zuge Lü»cburg»-Nüdesheim in die Flanke,»vobei 4 Personen leicht verletzt Ivurden. Ein PersoneMvagen»vnrde u», erheblich beschädigt und zivei Tenderachscn kamen zur Entglcisnng. Betrieb lvurde nicht gestört. Frankfurt a. M.» 10. Oktober.(B. H.) Die„Franks. Ztg.'. meldet aus Dortmund: Durch glühende Elsen»», affcu ivurocu auf der Dortmunder Union drei Arbeiter schiver, einer tödlich verletzt. Dresden, 10. Oktober.(W. T. B.j Bei den in 30 sächsischen Laudtagöwahlkreiscu von den Wahlmännern vorgenommenen Wahle», zur zweiten Kammer ivurden geivählt: 20 Konservative, 7 Nationalliberale, 1 Liberaler. 1 Fortschrittler und 1 Bund der Landwirte. Wien, 10. Oktober.(B. H.) Der Ministerpräsident Graf Clary konferierte heute vormittag mit mehreren Abgeordneten und»nittags längere Zeit mit dein Bürgermeister Dr. Lucger. Wien, 10. Oktober.(B. H.) Die„Wiener Abendpost', ncldet die Einberufung des Reichsrats für den 18. Oktober. Rom, 10. Oktober.(B. H.) König Mcnclik ist mit groizcm Gefolge und einen, starken Truppenaufgebot nach Adua aufgebrochen. Der Vormarsch soll auf Anstiften Rußlands erfolgt fem und be- zwecken. England in, Sudan Schlvicrigkeiten zu machen. Sofia,' 10. Oktober.(B. H.) Offiziös wird der Ausbruch einer Ministerkrisis bestätigt.___ ilr. 288. 16. Jahrgang. IJrilop Ks Joniiitls" Mittisslh, 11. GKIsbcr 189g. Pavtctfsig der deutschen Socialdemokratie. Hannover, den 10. Ollober. Zweiter Verhau dlungstag. VormittagS-Sitzung. SV» Uhr. Den Vorsitz führt Singer. Singer: Wir treten in die Tagesordnung ein. Zur Ter' hcmdlluig sieht Punkt 5 der Tagesordnung: „Die Angriffe ans die Grundanschaiiungen«Ild die taktische Stellnnguahmc der Partei." Ich schlage vor. in Rücksicht auf die Bedeutung des Gegenstandes de» Punkt der Geschäftsordnung bezüglich der Beschränkung der Redezeit bei diesem einen Punkte autzer Kraft zu setzen. Ich nehme aber an, das; die Redner in dieser Debatte dann nur einmal das Wort nehmen. Sollte sich trotzdem für einzelne Redner die Rotivendigkeit herausstellen, zum ziveitenmal das Wort zu nehmen so gilt für sie damr die übliche Beschränkung aus die Redezeit von zehn Minuten. Der Parteitag ist damit einverstanden. Mit zur Verhandlung stehen die Anträge 43. 44. 4b. 46 und LZ'j. DaS Wort hat nunmehr der Berichterstatter Bebel: Parteigenossen! Eine Debatte ivie diesenige, in die wir eben eintreten, ist für die Partei nichts Neues. Seit ihrem Bsstebc» Hai sie fortgesetzt Diskussionen über Programm und Taktik gehabt. Distnjsionen, die jedesmal den Gegnern die Hoffnung entlockten. setzt trete die Spaltting bei uns ei». Dast wir solche Dislnsstonc:! gcbabt haben und, wie ich schon jetzt erkläre, mich in Zukunft weiter haben werde», liegt a n dem inneren Wesen unserer Partei. Eine Partei, wie die unsere, die als ihr Ziel aufgestellt die Um- Wandlung der Gesellschaft in eine neue, grundverschiedene, socialistitche, kann dies Ziel nicht anders erreichen, als dost sie die Veränderungen des wirtschaftlichen Lebens genau verfolgt und an der Hand des -rbaiiachen-Matcrials ihre eigenen Grundanschauungen über das Wesen dieser Gesellschaft kritisiert. Keine Dogmen! Ich habe früher einmal den Ausdruck gebraucht, wir befinden nnS i» einer b e st ä n d i g e n ge ist igen Mauserung. Dieser ausismich ist nicht nur von unseren Gegner», sondern auch von *) 43. Parteigenossen in F r i e d r i ch s b e r g bei Berlin „Es liegt keinerlei Grund zu irgend einer Aendcrung der Grund- anschauungen oder der Taktik der Partei vor. Von den Vertretern der Partei muß verlangt werden, daß sie fest und entschieden im Sinne des Parteiprogramms wirken und das Endziel der Ver- gcscllschaftimg der Produktionsmittel im Auge haben und bei der Agitation dies Endziel in erster Linie in den Vordergrund stellen um das socialistische Bewußtsein der Massen zu wecken und zu starken. � Es ist insbesondere gegenüber dem von Tag zu Tag sich mehr zuipitzenden Klassenkampf zu verwerfen, von dem Gerechtigkeitsgefühl der bürgerlichen Parteien etwas zu erwarten. Die Befreiung des Proletariats aus den Fesseln des LohnsvstemS kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein. Es ist an der revolutionären Grnndanschauung und an der revolutioiiären Taktik der Partei festzuhalten und jedem Versuch der Vertuschung deö Klassenkumpf-Charclkters entgegenzutreten." ... Parteigenossen in Stuttgart:„Die Parteiversammlnnq ist der Ansicht, dag Bernstein sich in seiner Schrift von dem grund- satzllchcn Boden, auf dem die Socialdemokratie steht, entferiit hat Sic weist seine Kritik unserer Grundsätze und die von ihm empfohlene �aitir aufs schärfste zurück. Die Socialdemokratie muß an ihrem Eharakter als revolutionäre Kampfespartei festhalten und damit auch an ihrer erprobten Taktik. Im Interesse eines geschlossenen Auftretens des kämpfenden Proletariats erwartet die Versammlung von dem Parteitag in Hannover, daß er die Stellung der Partei zu den von Bernstein au- geschnittenen Fragen klar präcisiert." 45. Parteigenossen des 7. sächsischen Wahlkreises Meißen-Großen- hm»„sehen trotz der verschiedenen Anregungen keine Notivendigkeit, eine Aendcrung in der Taktik vorzunehmen, sondern erwarten vom Parteitag, daß die bisherige Taktik bei wirtschaftlichen sowie in- und ausländischen Fragen beibehalten ivird." 4«. Parteigenossen des 6. sächsischen Wahlkreises Dresden- Land„halten es für erforderlich, daß der Parteitag die Versuche. die socialdemokratische Partei von ihrer bisherige» revolutionären Taklik abzubringen, cnschicden znriickiveist. Es sind dabei jedoch solche Beschlüsse zu vermeiden, die den ?Iii|il)cin erwecken könnten, als solle ein Ketzergericht abgehalten oder die Freiheit der Kritik innerhalb der Partei eingeschränkt werden. Deshalb fallen alle theoretischen Streitigkeilen, obschon sie'elbst- versländlich in dcn Elörtrrungen des Parteitags eine Rolle spielen werden, ans dem Rahnicn der Parteitagsbeschlüsse heraus. Ilm so schärfer aber sind diejenigen Vorschläge zu brandmarken, von denen der Parteitag die Ueberzeugung gewinnt, daß deren Be- folguiig dcn proletarischen Klassenkampfcharakter der socialdemo- krntischen Partei zerstören, sie dem socialistische» Endziel entfremden niid sie zu einem Anhängsel bürgerlicher Reformparteie» mache» müßte. Das sind insbesondere: 1. die von Schippel, Bernstein und anderen Genosien befür- wortetcn Konzessionen an dcn Militarismus, dessen»erderb- lichcr Einfluß auf den Einrichtungen eines stehciidcn Heeres fußt: 2. die Bcrnsteinsche Begünstigung der uferlosen Weltpolitik der Argirsära. durch die dem dentschen Volke die scheußlichste Ansgcbnrt des Kapitalismus, die Plantagenwirtschaft mit Kulis, aufgehalst Ivird; L. der Bcrnsteinsche Ratschlag, auf das. was er die„Freßlcgende" »cniit, zu verzichten, damit die Socialdemokratie bündni'ssähig werde für das liberale Bürgertum, eine Taktik der Feigheit, die uns den socialistischen Kernpunkt unseres Programms raube» nnd zum Untergang der Partei führen müßte." 5S. Parteigenossen in Elberfeld: a) Die Parteigenossen erkennen das Buch dcS Genossen Bernstein als anerkennenSiverte Anregung zur Diskussion über die Grimdanschanuiigeii der Partei w.id zur unermüdlichen praktischen Bcthätignng an.' Die Genossen sind aber der Meinnng, daß Bernstein sich in seinem Thatendrang von dem grundsätzlichen Boden, auf dcni die Soeialdcmokmtie. steht, entfernt hat, weshalb die von ihm empfohlene Taktik zurückgewiesen werden nmß. Tic Soeialdcmokratic muß an ihrem Charakter als revolutionäre Kampfpariei festhalten und damit auch an ihrer beivährtcn, im Ein- tlnng mit dem ersten Teil des Programms stehenden Taktik. Im Interesse eines geschlossenen Auftretens des kämpfenden Proletariats erwarte» die Genossen, daß der Parteitag die Stellung der Partei zu den Bcrnsteinschen Darlegungen präcisiert. b) Drr Parteitag möge jedem Versuch entgegentreten, Bernstein politisch oder littcrarisch in der Partei kalt zu stellen. o) Der Parteitag möge de» Parteivorstand beauftragen, der Frage einer Gesamiansgabe der Marxschen Schriften näher zu treten. d) Der Parteitag möge über die Bedeutung der Arbeiter- Koiismngenossenschaften für den Klassenkampf diskutiere» und eventuell beschließen. unsere» Freunden belacht worden: trotzdem ist er wahr und muß wahr sein, wenn wir nicht das ganze Wesen unserer Partei ausgeben wollen. Getreu unserer Aulgabe. forigeietzt die wirlschanlichen Er!cheiiMngen zu beobachten. haben wir im Laufe der letzten drei Jahrzehnte dreimal nnle: Pro- gramm in wichtige!' Punkten geändert: ich erinnere an den Satz von dem ehernen Lohngesetz, dem Lasjalle eine solche Bedeutung beimaß, daß er erklärte: Jeder, der sich uns anschließen will, mutz erklären, wie er zu dem ehernen Lohngesetz steht. Ich erinnere weite: an den Satz aus dem Gothaer Einigungsprogramm: Tie Arbeit isl die Quelle alles Reichtums Ich erinnere ferner an das Wort von der einen realiionären Masse. ich erinnere endlich daran, daß wir in unsere verschiedenen Pro- grammen noch aufgenommen hatten die Notwendigkeit der Grün- dniig von Produktiv- Associationen mit Staatshitie. also Anklänge an das alte Lassallc'che Programm. Auch dieie Forderung ist heute preisgegeben. Ich hätte doch geglaubt, daß angesichts aller dieser Thatsachen. die doch keinem von uns unbekannt sein können. cS nicht notwendig gewesen wäre, in den Erorlerniigen in der Presse nnd Versammlungen sortgesetzt daran zu erinnern, man solle keine Ketzerrichterei treiben. Ketzerrichtcre: setzt voraus, daß wir Dogmen haben. Wenn eS aber eine Partei giebt. die keine Dogmen hat, dann ist es die socialdemokratische. und wenn es Männer gab. die das Dogmenwesen entschieden bekämpften und uns aus den Köpfen gefegt haben, so sind das Marc und Engels ge. Wesen, diejenigen, die man heule mit Vorliebe als Vertreter des Dogmenwesens hinstellie. Bei unS giebt es keine Dogmen und keine Ketzerrichterei. Eine Partei, die nach ihrem Programm als eine der nächsten Forderungen an die bestehende Staats- nnd Gesellichafts. ordnunz verlangt, daß man alle Beschränknngc» der freien MeinungS äußcrungcn beseitigt, käme doch in ganz eigentümlichen Widerspruch zu ihrem Wesen, wennstedas. was sie von der bestehenden Gesellschaft ver- langt ihren eigenen Genossen nicht gewähren wollte. Da? Recht der f r e i e n 5l r i t i! ist ein Postulat, über das wir nicht zu streiten brauchen. Tie Kritik mag uns unangenehm sei». Kritik isl immer Unangenehm, denn weder die Menschen noch die Parteien wandeln ihre Nnsichlen von heute uns morgen. Da müssen erst eine ganze Reihe von Umständen eingetreten sein, che das Urteil des Einzelnen und gar der großen Masse sich korrigiert Die Freiheit der Kritik ist unser L e b e» s p r i n c i p, ist die Lust. von der wir leben. Ganz besonders unangenehm hat es mich berührt, daß man in Karlsruhe sogar eine Resolution amiahm, der Parteitag solle nicht seine Würde preisgeben. Die Leute, die diese Resolution gefaßt haben, müssen entweder sehr junge Leute sein in der Parteibeiuegmig, oder sie müssen sie nicht genügend verfolgt haben; denn sonst würden sie wissen, daß wir auf den Parteitage» trotz der schärfsten Kämpfe unsere Würde nie vergessen haben, zum Staunen nnd znni Teil zum Schrecken unserer Gegner. Freilich der Karlsruher Delegierte, der diese Nesolution hier vertreten soll, erklärte sich ans dem Stuttgarter Parteitage für ein badischcs Nauhbcin. Wenn also die Karlsruher Genosien ihm mit der Re- solution die Weisung mit auf dcn Weg geben ivolltcn:„Diesmal sei kein Rauhbein, wahre Deine Würde!"— dann habe ich gegen eine solche Resolution nichts einznivenden.(Große Heiterkeit.) Entwickelung deö Streitfalles. Nun hat diesmal der Streit um das Programm eine ganz be- sondere Bedeutung bekommen wegen seines Umfanges und weil im Vordergrunde ein Mann steht, dem wir alle großen Dank schuldig sind für die immensen Leistungen, die er als Redacteur des „Soeialdemokrat" unter dem Socialistengesetz für die Partei gethan hat, in deren Dienste er ja noch heute geächtet ist, ein Mann, der bisher init Recht in dem Rufe stand, der Marxistische Theoretiker zu sein. Beiläufig würde niemand sich gegen den Ausdruck „Marxistische Theorien" mehr wenden als Karl Marx selbst, wenn er noch lebte. Bernstein hat in einer langen Reihe von Artikeln in der„Neuen Zeit" bereits seit geraumer Zeit seine gegen früher abweichenden theoretischen Auffassungen vertreten, die im großen nnd ganzen nicht sehr beachtet ivurdcn, aber dann doch von verschiedenen Seiten sehr scharfe Angriffe erfuhren. Da er für dcn vorigen Parteitag eine Erörterung darüber erwartete, ersuchte er mich, eine Erklärung über seinen Standpunkt zu verlesen; ich kain dem nach. Es entspann sich darüber eine sehr lebhafte Disknssion in der Partei. Ich selbst habe in einem Briefe in der aller- denkbar schroffsten Form bezüglich meiner Schlußfolgernngen ihm nieine Ansichten über seine Wandlungen ausgesprochen. Als ihm die Abfaffnng einer Broschüre nahegelegt wurde, erklärte ich es nicht für nötig, als er sich aber darüber beschwerte, mißverstanden zu sein, da erklärte ich es für eine Notwendigkeit; aber, schrieb ich ihm, dann bitte ich Dich, schreibe die Broschüre so klar und so deutlich und so präcis, daß Du nicht mißverstanden werde» kannst, es sei denn, daß man Dich»nißverstchen will.(Hört! hört l) In dieser Hinsicht hat mich nun die Schrift von Bernstein außerordentlich enttäuscht. Schon bei der ersten flüchtigen Lektüre gelangte ich zu der Ueberzeugung, daß er meine guten Ratschläge m Bezug auf Präeision und Klarheit in keiner Weise erfüllt hat. lSchr richtig I) Wenn je etwas in der Partei» litteraiur erschienen ist, das gegen alle Grundanschauungen der Partei sich ivendet und sich dabei in der unschlüssigsten und iv i d e r s p r u ch v o l l st c n Weise ausläßt, dann ist es' diese Broschüre von Bernstein. Indessen, Ivos er wollte, konunt doch schließlich zum Ausdruck. Ein Wort über die Art. wie ich nieine Anfgabe anffasse. Ein volles Jahr hat die Diskussion über Bernsteins' Anschauungen ge- dauert, die in der belannten Schrift von KantSky eine Art Abschluß gefunden hat. Zahlreiche Versammlungen haben sich damit beschäftigt. zahllose Artikel sind darüber erschienen. Da ist cS klar, daß ich vieles zu erwähnen haben werden, das im Laufe der Ditknssioil schon erörtert worden ist. Hier ettvaS Neues zu sagen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ich kann nur daS Ganze zusamnienfasieii. die Gegen« gründe erörtern nnd so den Boden für eine Diskussion schaffen. Bernstein, Marx und die Gegner. Bernsteins Ansicht ist, daß er ciue Ktärmig und Weiter- eiitwicklmig der Lehren von Marx vornimmt.„Schließlickt ist :« Marx", so sagt er,„der über Marx recht behält". So kommt er dann am Schluß seiner Schrift dazu, zu sage», heute 'tche es so, daß man ans Marx und Engels alles be- weisen k ö n n e. Wenn über eine» Mann in wisienschaftlicher Stellung von einem seiner Krittler gesagt wird:„Was Du da geschrieben Haft, ist ein solches' Maß von Unklarheiten und Widersprüchen, daß man ans dieser Schrift alles be- weisen kann"— so ist das die schärfste Verurteilung, die man sich denken kann.(Sehr wahr!) In der Einleitiing z» stinem Buche sagt Bemstein, er habe eS nicht über sich gewinnen können, diejenige Fonn nnd diejenigen Argumente zu wählen, durch hie seine Gedanken am schärfste» zum Ausdruck kommen. Ich habe diesen Ausspruch ganz besonders bedauert, denn alle Rücksichten auf Marx und Engels, die er vielleicht noch glaubte, aus seinem früheren Freundschaftsverhältnis zu diesen Männern beobachten zu müssen, müssen zurücktreten, wenn man einmal beginnt, eine neue theorettsche Grundlage zu schaffen nnd zu beweisen, daß das, was jene bisher vertreten habe»,»»- richtig ist. Zugleich, fügt er hinzu, erhebe er nicht den Anspruch auf Originalität; das meiste von dem, was er vorbringe, sei der Sache nach bereits von anderen ausgeführt oder mindestens angedeutet. Darin stimme ich mit Bernstein vollkommen iiberein. Seine Gedanken, seine Kritik, die von ihm vorgeschlagenen Wege, alles das ist von bürgerlicher nnd auch von socialistischer Seite seit Jahrzehnten so oft besprochen, daß seine Schrift nur eine Kombination aller dieser Gedanke» bildet.(Sehr richtig I) Daher auch die ungeheure Freude der Gegner über Bernsteins Schrii» Ich nehme ihneu das nicht übel, denn wenn in einer großen getürchleteu Pact.i wie de- jocia- listtschen einer ihrer besten Kopie das Wesentliche. ivaS»r bisher vertreten hat, i» Frage stellt, und sich dabei z. B. ders.lb.,» Argumente bedien!, wie die Gegner, so haben diese in de» Tha allen Grund, ihren vollsten Beifall einem solchen Manen. zu zollen. So herrscht denn, v o n den A n a r ch l st e» an bis zu Hans Delbrück und Julius Wols ein Jubel, so.am namenllich Brentano dazu, zu erklären. Bernstein habe in der glänzendsten Weile alles bestäiigl. was bürgerliche Oekonomrn gegen den Marxismus cinwandten Die Gegner habe» umsomehr Ursache, sich zu freuen, als ja der Marxismus die eigentliche ivisseiischaftliche Begründung de? Soeialismus ist und als Bernstein in seine.' Broschüre die niarxistische Geschichtsauffassung, die Werttheorie, die sogenannte Zuiammenbrnchstheorie, die Dialektik»jw. angreist. Daß er sich auch noch mil allerhand philosophischen Begriffen, wie dem Kausalnärsgesetz dem Fatalismus und was tveiß ich.ni> was ionst noch beschönigt, ist ein ganz besonderer Fehler. Davon verstehe ich iiichis und die meisten von Ihnen ivohl auch nicht (Heilerkeits. obgleich ich doch als Referent grnötigl bin, die ganze einschlägige Litieratur durchzulesen. Er ha-, sich da � aus ein"Gebiet begeben, aus dem man mchl recht zu Hause ist. Weiter wirft er Marx und Engel, BlanquismuS vor. d h. er wirft ihnen vor, dutz sie die TheoE. verfolgen, es käme alles auf de» geeigneten Moment an, eine R- oo lution' ins Lebe» zu setzen, die Gesellschaft zu überrumpeln, sich be« politischen Macht zu bemächtigen und tvcnn das geglilctt sc?, die neuen Theorien zur Anwendung zu bringen. Nun inag man über Marx nnd Engels denken tvie man tvill, nbec daS eine steht fest: Was Darwin für die Natargeschichte war. rva, Darwin feststellte in Bezug ans die Gesetze, die die Lr-betvesen»e• herrschen, das hat Marx für die menschliche Gesellschaft nnd ihr» Einrichtungen geschaffen.(Sehr wahr!) Das schließt aber ans, dast er von der Ansicht ausgehen konnte, es sei möglich, d n r ch>v iE. tätliche Revolutionen irgend eine gesellschaftliche Phase z» sprengen. Ich werde Ihnen das noch später mit Marx' eigenen Worten beweisen, aus der Vorrede zum ersten Band de-,„Kapital'» also an» einer Stelle, die auch jeder oberflächliche Leser kennen sollte. Wenn er dann weiter sagt, da» Kapital sei nach einer im v o r a u S bereits fertigen These gefertigt worden, so steht da» auch in dem allerschreiendsten Widerspruch mit dem, Ivos Marx und Engels über ihre eigene Entwicklung niedergelegt haben. Materialistische Geschichtsausfaffuug, Dialektik, Werttheorie. Nun ist der Kongreß hier kein wissenschaftliches Konzil und ich habe nicht die Absicht, in lange Erörterungen über die materialistische Geschichtsauffassung einzutreten, über die Frage, ob der SoeialisnmS das Resultat der ökonomischen Erscheinungen ist. Nun wäre es doch das Schlagendste gewesen, tvcnn Bernstein bei seinen Angriffen gegen die matcrialistisehe Geschichtsauffassung den Nachweis versuchte, daß die Theorie der materialistischen Geschichtsauffassung falsch sei. Aber in seinem ganzen Buche finden Sie auch nicht den leisesten Schatte» eine» Versuches, Thatsachen dafür vorzubringen. Ja ich verweise Sie auf eine Schrift seines ihm jetzt sehr nahestehenden freundes Franz Oppenheimer hin, die vor einigen Monaten im dritten Heft der„Zeitschrift für Socialwissenschaft" von Julius Wölf erschienen ist. Es ist das eine Uebersetziuig der Schrift eines Mannes, d.r im Mormoncnstaat gelebt hat nnd die schärfste Verivahrung dagegen einlegt, daß die Kirche das Wirtschaftsshsteni bestimme, der, ohne eine Ähnung von der Marxschen materialistischen Geschichtsauffassung zu besitzen� sie ans das" allerentschiedcnstc vertritt. Wenn aber Bernstein von dem Sumpfe der Hegeldialekiik bei Marx spricht, von logischen Purzelbäumen, heißt daS entweder, daß Bernstein eine grnndverschiedene Auffassung über die Dialektik hat von der, die Marx und Engels darüber haben— daS nehme ich an— oder daß er einen Vorivurf erhebt, der, wenn er begründet wäre, Marx und Engels als recht unwissende und dumme Leute hinstellt. Dabei aber höben Marx und Engels schon in dcn vierziger Jahren ihre allerschärffte Verurteilung der Hegelschen Dialektik ausgesprochen. Auch auf die Werttheorie einzugehen, fällt mir nicht ein. Nur zur Charakteristik, wie er über eines der wichtigsten Kapitel der Marxschen Lehre urteilt, die Ueberschrist des bezüglichen Kapitels in seiner Schrift:„Etwas über die Bedeutung der Marxschen Wert« theorie"! Etwas über Schinken und Wurst!(Heiterkeit.) Auch hier wird in der schärfsten Weise kritisiert, aber nicht mit einem Wort gesagt, Ivas att die Stelle gesetzt tu erden s o i l, und das ist doch daS �■ erste, Iva? man von einein Kritiker verlangen muß. Da? geht doch nicht, daß man alle Grundanschauungen zerstört und nun einfach ein Chaos bestehen läßt.(Sehr richtig I) Der Gang der kapitalistische» Entwicklung. In der ganzen Marxschen Darstellung ist nichts enthalten, was Bernstein behauptet. Es hieße Marx Knrzsichtigkeit zntraucn, wenn man ihn behaupten lassen wollte, daß überhaupt keine Ver-- mehrnng der Kapitalisten eintreten könnte. Im„Kapital", 1. Band, steht folgender Satz: Das Wachstum des gesellschaftlichen Kapitals vollzieht sich im Wachstum vieler individuellar Kapitale. Alle anderen Umstände als gleichbleibend_ vorausgesetzt, wachsen die individuellen Kapitale und mit ihnen die' Konzentration der Produktionsmittel, im Verhältnis, tvorin sie aliquote Teile des gesellschaftlichen Gesamtkapitals bilden. Zugleich! reißen sich Ableger von den Originalkapitalien loS und funktionieren als neue, selbständige Kapitale. Eine große Rolle spielt dabei unter anderem die Teilung des Vermögens in Kapitalisten» fannlien. Mit der Accnmulation des Kapitals wächst dabei mehr oder minder die Anzahl der Kapitalisten". Und weiterhin:„Die Accumulation nnd die sie begleitende Konzentratton sind also nicht nur auf viele Pimkte zersplittert, sondern das Wachstum der funktionierenden Kapitale ist durchkreuzt durch die Bildung neuer nnd die Spaltung alter Kapitale. Stellt sich die Accumulation daher einerseits bar als ivachscnde Konzenträtion der Produktionsmittel und des Kommandos über Arbeit, so andererseits als Repulsion(Lbstoßung) vieler individueller Kapitale von einander." Bernstrin muß diese Stelle, die eine ungeheure Tragweite(sat. ganz übersehen haben; sie hätte ihm eine Menge Argumenta ans der Hand geschlagen.' Bernstein sucht nun an der Hand der Statistik den Nachweis zw führen, daß die Anschauungen, die die Socialdemokratie in ihm» Programm über den Entlvicklnngsprozeß der kapitalistischen Gesell» schaft ausspricht, viel zu optimistisch seien, daß dieser Prozeß vieä langsamer vor sich gehe, so daß die Aussichten für die Ber» tvirklichung des SocialismuS, wenn sie nur auf dieser C- n >v i ck I u n g beruhten, in unendliche Ferne rückten. Oppen- heimer nennt das Zahlenmaterial Bernsteins erdrückend. Es kommt aber bei solchen stattsttschen Beweisen doch offenbar nur ans den Vergleich an. Die Gewerbezählung des Dentschen Reichs von 1.805 sagt an sich sehr wenig, ivenn ich' ihr Ergebnis nicht mit srübere» Zählungen vergleiche. Nun wohl, Bernstein macht diesen Fehler z. B. in Hinsicht auf die französische Statistik. Eine deraxttg? Beweisführung schivebt in der Luft. Es giebt aber schlüssige Beiveise dafür, daß sich die ökonomisch» Entlvicklnng in ganz anderer nnd viel rascherer Weiss» vollzieht, als es Bernstein ausftihrt. Deutschland ist ein Industriestaat geworden. Von 1882 bis 1895 ist bin deutsche Bevölkerung um 141/» Prozent, um C1/» Millionen Menschen gewachsen. In diesem Zeitraum hat die' im Hauptberuf erwc'rbsmäßig thätige landwirlschaftiche Bevölkerung nur 56 196 Köpfe, d. h. um nicht ganz s/4 Proz. zugenommen, dagegen Industrie mid Gewerbe um 1 889 765 Köpfe oder 29Vs Proz. n»b Handel und Verkehr um 763 000, d. h. um 49 Proz. Noch ungünstiger U'irb die Statistik für die Landwirlschaft, wenn n>c»i die Aiicichvri�en mid Dieiiciidcil mitrechnet: da er.ticbt sich eine Abnahme'»m 3,17 throz., bei Industrie und Gewerbe da�ccieii eine Ziuiahnie nni 26 Proz., bei Handel und Verkehr«ni' 31.7 Proz.. also-ine v o I l i ci e N e v o l n t i o n i e r» ii g der v k o n o ni i s ch c n B e r- h ä l t n i s s e. Die Dnnipfmaschiiieii sind von 1882 bis 1836 von 106 800 mit 1066 000 Pfeidekrasten ans 146 350 mit rund 3 909 000 Pserdekrästen an Zahl gestielten, das heißt, wahrend die Dampsmaschmen nm 38 Proz' zunahmen. ist eine Vcr- mchrnng ihrer Pserdekraste um 222 Proz. erfolgt, Inns wieder ans eine ganz kolossale Steigerung der ProdnktivitSt der Arbeit in den Betrieben. in denen motorische Ministe Anivendnna ncfnndcn haben, schltegcn läßt. Die Mittelschichten. Gewiß, die Zahl der kleinen und mittleren Betriebe ist eine gewaltige, und das hat Bernstein zu der Anschamfiig gebracht, daß m absehbarer Zeit ein Verschwinden der Mittelschichten undenkbar ist. Die bloßen oberflächlichen Zahlen geben ihm freilich recht. Während es 1882 einschließlich der Hans- industriellen 2 270 000 selbständige Betriebe gab, waren es 1896 nur 2 146 000, eine Vcrmjiidcrung um 5,4 Proz. Die Bevölkerung hat aber in diesem Zeitraum mn 141/8 Proz. zugcnommeii; danach hatten es 1896 2 600 000 Betriebe sein müssen, so daß es sich relativ um eine Abnahme nicht um 6.4, sondern um 20 Proz. handelt. Die Abnahme der Alleiubctricbe beträgt 18 800, d. i. 12,6 Proz.: auch hier ergicbt sich ein ganz gewalngcr Ausfall, ein vollkoniuicner Zniammcnbruch der Betriebe. Die Betriebe, Ivo der Meister keinen Lehrling oder Gehilfen beschäftigt, bilden allein volle 61 Proz. aller Betriebe. Nun. Sic sind ja fast alles Männer, die im praktischen Leben stehen, und nun richte ich an Sic alle die Frage: Was für eine ökonomische Bedeutung haben in unserer Industrie diese 61 Proz. Meislcrbetricbe? iSehr gut!) Es sind alles ohne Ausnahme rein proletarische Existenzen, von denen der größte Teil schlechter steht als ein gut bezahlter Arbeiter.(Sehr wahr!, Diese Betriebe kommen ökonomisch gar nicht in Betrachß sie haben sogar das größte Interesse daran, daß es mit dieser Gesellschaft so bald wie möglich zu Ende geht.(Sehr richtig!) Wie man mit diesen Zahlen, die wohl blenden, aber nichts bedeuteik, Theorien fommeu kann, wie sie Bernstein entwickelte, das ist wirblich für einen Mann, der doch kritisch zu denken ver« steht, uubegreislich. Die Betriebe mit 2—5 Personen betrugen 1882 679 000, 1895 631 000, sie sind um 0,2 Proz. gewachsen und haben also einen vollständigen Stillstand aufzuweisen. Eine große Zahl dieser kleinen Betriebe ist aber nur existenzfähig, weil sie die scheußlichste Lehrlingsausbentuug betreiben.(Sehr richtig I) Da sind einige hunderttausend Hausindustrielle dabei, die mit Frauen und Kindern ihre Existenz aufrecht erhalten. Zählt man die Zahlen zusammen, so kommen wir zu dem erschrecklichen Ncsultat, daß diese Zwergbetriebe, deren Aufhören nur eine Frage der Zeit ist, volle 92.3 Proz. ausmachen. Die im Jahre 1896 vom Bundesrat vcr- anstaliete Enquete über die Lage des Handwerkerstandes, die sich auf den dreißigsten Teil des Deutschen gleiches erstreckte, ergab, daß aus 100 Gehilfen durchschnittlich 12 Lehrlinge kommen, also eine ganz unverhältnismäßig große Zahl von Lehrlingen, und dabei ist in emer ganzen Anzahl von Betrieben der Prozentsatz noch weit höher. Was nun die Betriebe mit 6 bis 10 Gehilfen betrifft, so ist deren Zunahme erheblich, sie beträgt 63 Proz., die Zahl des Personals 69 Proz. Die Betriebe von 11 bis 50 Personen haben sich um <2 Proz., ihr Arbeitspcrsoual um 77 Proz. gesteigert. Also je größer die Betriebe, um so höher der Prozentsatz, in dem sie gestiegen— ein klarer Beweis für die mächtige Konzentrations-Tendenz. die in der Industrie vorhanden ist. In den Betrieben von 100—200 Personen ist eine Vermehrung von 93 Proz., eine Vermehrung der Arbeiterzahl um 93,5 Proz. zu vcr> zeichnen, und die allergrößten Betriebe haben sich um 75, ihr Personal um 82 Proz. vermehrt. Es kann also gar keinem Zweifel unter» liegen, wie es mit der EntwicklnngS-Tendenz auf diesem Gebiete stcht� Die Produkten in enge, die alle die Kleinbetriebe repräsentieren, kommt kaum ernstlich in Betracht gegenüber den mittleren und großen Betrieben. Leider haben wir in Deutschland keine Prodnktionsstatistik, aber ich habe hier eine ganz interessante Zahl, die sich ans die Vereinigten Staaten bezieht und die obendrein kapitalistisch betriebene Gewerbe umfaßt. Es handelt sich nm 10 Haupt-Industriezweige der Vereinigten Staaten, von denen die unterste Klasse im Jahre weniger als für 40 000 Dollar, die mittlere zivilchen 40 000 und 150 000 und die oberste für mehr als 150 000 Dollars produzierte. Die Zahl dieser Fabriken beträgt im ganzen 3696._ Davon kommen ans die unterste Klasse 2042, also weit über die Hälfte, und diese 2042 Betriebe produzierten nur 9,4 Proz. des Gesamtproduktes(Hört, hört!), die 968 Fabriken der zweiten Klasse erzeugten 19,5 Proz., so daß insgesamt 3010 Fabriken 23,9 Proz, erzeugten, während die 686 großen Fabriken nicht weniger als 71,1 Proz. herstellten. Und nun stellen Sie sich einmal vor, was wohl herauskommen würde, wenn wir die ganze handwerksmäßige Produktion in Deutschland in Betracht zögen l Dazu kommt weiter, daß Tansende und Abertausende von Gewerbetreibenden als selbständig aufgeführt werden, die es gar nicht sind, ganz abgesehen von der Hausindustrie. Ich erinnere seriier an die unendliche Zahl von Schlossern, Schreinern, Waffenschmieden usw. Wir haben heute>eine ganze Menge Bäcker, die völlig vom Mehl- Händler abhängen, wir haben zahlreiche Fleischermeister in großen Städten, die das ganze Jahr kein Stück Vieh mehr schlachten, sondern das Fleisch auf dem Viehhof kaufen und es höchstens noch zu Wurst verarbeiten. Flcischermeifter nennen sie sich, aber schlachten thun sie nicht, gerade so gut, wie viele sich Schloffermeister nennen, aber nie in ihrem Leben ein Schloß macheu. (Sehr wahr l) Dazus kommt die eigentümliche Methode in der Statistik, man führt Betriebe als selbständig auf, die es gar nicht sind, sondern nur Zwergbetriebe darstellen. Das ist der große Unter- schied zwischen Betriebsstatistik und Besitzstatistik. Hätten wir eine Besitzstatistik, Sie würden staunen, wie die Zahl der Betriebe zu- sammenschinilztl Denken Sie nur an die Großgrundbesitzerl Die haben Ziegeleien. Brauereien, Branntwein- Brennereien, Sägemühlen, Kalkbrennereien, Zuckerfabriken usw. Alle diese werden als selbständige Betriebe in der Statistik angeführt. Denken Sie an die große Schultheißsche Aktiengesellschaft in Berlin, die eine Menge Brauereien besitzt/, die alle als selbständige Betriebe gezählt werden, ohne es zu sein. Jede große Brauerei hat eine Böttcherei, die auch als selbständiger Betrieb gerechnet wird. Dazu koinnit, daß heule vielfach nicht einmal mehr die Arbeiterzahl maßgebend ist, um zu sagen, ob eS sich«ni einen Großbetrieb handelt, denn die Tendenz der Entwicklung geht dahin, die Arbeiterzahl zu vermindern. Wenn trotzdem die Arbeiterzahl beständig steigt, so liegt das daran, weil noch eine andere Tendenz in der kapitalistischen Gesell- schaff vorhanden ist, die darauf hinausgeht, die Betriebe beständig zu differenzieren. Es kommen neue Betriebe auf, wo die in dem einen Betriebe überflüssig gewordenen Arbeiter Unterkommen finden. Ich erinnere hier an eine Stelle aus dem„Kapital", wo Marx einen Fabrikinspektor folgendes sagen läßt:„Was mich seit einiger Zeit frappiert hat. war die veränderte Erscheinung der Wollfabriken. Früher waren sie mit Frauen und Kinder gefüllt, jetzt scheint die Maschinerie das Werk zu thun. Auf Anfrage gab mir ein Fabrikant folgenden Aufschluß:«Unter dem alten System beschäftigte ich 63 Personen, nach Einführung verbesserter Maschinen reduzierte ich meine Hände auf 33 und stingst infolge neuer großer Veränderungen war ich im stände, sie von 33 auf 13 zu reduzieren." Also eine ganz kolossale Reduktion des Personals und dabei gleich- bleibende Produktion! Wie in der deutschen Industrie die Kon- zentration, die Vermehrung der Arbeiter und Verminderung der Be- triebe Hand in Hand seht, beweist, daß von 1882 bis 1895 die Hüttenbetricbe und Eiseerorahtziehereien sich um über 25 Proz. vermindert, die Arbeiter sich um 23 Proz. vermehrt haben, die Ziegeleien und Thonröhrenfabrikatiouen haben um 21,9 Proz. abgenommen, die Arbeiter um 57,7 Proz. zugenommen, die Kupferschmiede haben 3 Proz. Betriebe weniger, etwa 35,5 Proz. Arbeiter mehr. Immer laugsam voran. Und ähnlich steht es in einer ganzen Reihe anderer Betriebe, es hat sich eine völlige Ncvolution in Industrie und Handwerk vollzogen. Charakteristisch ist cS, daß Bernstein die Tendenz hat, nachzuweisen, wie langsam die Umwälzungen sich vollziehen. Es ist überhaupt wunderbar, wie ein Socialdemokrat sich bemüht, uns beständig anseiiiauderznsctzcn: Seid vorsichtig, es geht nicht so rasch, wie ihr denkt. In anderen Parteien drängt man zum Krieg, uns aber soll alles Vertrauen, aller Mut geiiommeii werden, uns ruft mau zu: Immer langsam voran, damit die Krähwiuklcr Landwehr nachkommen kann.(Sehr gut!) Diese Anschnuilüg zieht sich wie ein roter Faden durch das Bernsteinsche Buch. So kommt er zu den gewagtesten Behauptungen und sucht sogar nachzuweisen, daß eS auch mit der Expropriation nichts sei. Er fragt: Wie wollt ihr die großen Betriebe expropriieren? Nun, gesetzt, wir ständen vor der Expropriation, glaubt ihr denn, daß die Unmassen von Arbeitern in diesen Betrieben sich gegen die Expropriation sträuben? Die Zahl sämtlicher Betriebe unt inehr als 20 Arbeitern beträgt in Deutschland nur 49 000, Bernstein macht Hunderttausende daraus, um nur ja und ja zu beweisen, lvie schwer uns das Geschäft gemacht wird. Es ist charakteristisch für Bernstein, daß er uns gegenüber heute Anschauuugcu vertritt, die s e I b st v o n bürgerlichen O e k o- nornen nicht vertreten werden. In Bezug ans die Beurteilung der Dinge sind die bürgerlichen Oekonomen radikaler als der socia- listische Theoretiker Bernstein. In seinem Buch über die„C»t- stehung der Volkswirtschaft", das im vorigen Jahre in zweiter Auf- läge erschienen ist und schon die Gewerdezählung von 1895 berücksichtigt, führt der bekannte Professor Bücher in Leipzig als Ursachen für den Niedergang des Handwerks an: 1. die Verdrängung des Handwerks durch gleichartige Fabrik- Produktion, 2. Schniälcrnng seines Prodnktionsgc'bietcs durch Fabrik oder Verlag; 3.Aiigliedcrung dcsHandwerks an die Großunternehmung; 4.Verarmnng desHandwcrks durch Bcdarfsverschiebiingid.Herabdrückmg des Handwerks zur Heini- und Schwitzarbeit durch daS Magazin. Und dabei bezieht sich Bücher aus die Untersuchungen des Vereins für Socialpolitik. Das ist die Quintessenz, die Bücher zieht, das ist die Oiiintcssenz. daS Urteil eines bürgerlichen Qckononien über die EntWickelung des Handwerks. Wenn so bereits bürgerliche Oekonomen socialistische Theoretiker übertrumpfen, dann ist es mit uns bereits weit gekommen.(Sehr richtig!) Ferner hat Bücher sich veranlaßt gesehen, einmal die Lage' der Handwerker in Leipzig, also einer reichen Stadt zu untersuchen, wo das Handwerk durchaus nicht in schlechter Lage sich befindet. Er hat 17 Handwerke untersucht und kommt zu dem geradezu entsetzlichen Resultat, daß von 5617 Handwerkern 3415, also 61 Prozent ein Einkommen von weniger als 1250 M. hätten.(Hört, hört!). Das hat mich im höchsten Maße überrascht. Und dem gegenüber bemüht sich Bernstein, uns unchzn- weise», daß es mit der Entwicklung so langsam geht! Am merkwürdigsten aber ist es, daß Bernstein noch vor kurzer Zeit genau dieselben An- sichten vertreten hat wie heute. Daß Bernstein eine Wandlung durchgemacht hat, bestreitet er selbst ja am allerwenigsten, aber nehmen Sie es mir nicht übel: Wenn ein Mann von wi'ffeiischaftlicher Bc- dentnng auf Grund derselben Thatsachen in verhältnismäßig kurzer Zeit zu einer gerade entgegengesetzten Ansicht kommt, dann steht mir einfach der Verstand still. Die Wandlnng Bernsteins datiert ja nicht von heute, auch der Stuttgarter Parteitag ist nicht der Tag von Damaskus für ihn, schon vorher schrieb er seine Artikel in der„Neuen Zeit": Probleme des Socialisnms. 1896 schrieb er in der„Neuen Zeit" über die Ergebnisse der Gewerbezählimg von 1895: Berück- sichtige man die bedeutende Verschiebung in der Arbeits- bcthätigung nach BetriebSgriippen, halte man dazu die That- fache, daß' die Produktivität der Arbeit in den Großbetrieben am höchsten gestiegen sei, dann müsse man erklären, daß heute schoi� zwei Drittel,' wenn nicht drei Viertel der Produktion Deutschlands den kapitalistischen Großbetrieben angehören.„Die Thatsache wird durch 1000 Einzelheiten verdeckt"— die er inzwischen alle vergessen hat —„aber an ihrer Richtigkeit ist kein Zweifel niöglich"— und ein Jahr danach hat er lauter Zweifel! Wie gesagt, ich vermag nicht die Gründe festzustellen, die den geradezu unbegreiflichen MeinnngSwechsel über eine der wichtigsten Erscheinungen in so kurzer Zeit bei' ihm hervorgerufen hat. Ein nationnlliberalcs Blatt, wie die„Ulmer Zeitung", ein konservativ- agrarisches, wie die„Kreuz- Zeitung" machen dieselben Feststellungen über die Konzentration der Betriebe ans allen Gebieten— traurig, daß man das einem Social- dcmokraten entgegenhalten muß. Handel und Gewerbe. Ich komme nun zu Handel und Gewerbe. Da finden wir nm- gekehrt als in der Industrie eine Znnahins der Unternehmer. Die Selbständigen haben sich von 1882 bis 1895 um 20 Proz. vermehrt. die Angestellten in dieser Zeit um 85 Proz., die Arbeiter um 71 Proz. Aber wie ist die Struktur dieser Gebiete! 1882 kamen auf 100 Erwerbsthätigc 44,67 Selbständige, 1895 nur 36, also eine erhebliche Abnahme der Selbständigen trotz absoluter Vermehrung. Die Angestellten stiegen von 9 auf 11,20 Proz., die Arbeiter von 46,3 auf 52,8 Proz. Also auch in Handel und Verkehr eine ganz bedeutende Konzentration der Betriebe. Trotz der Zunahme der kleinen Existenzen aber gilt in dieser Statistik alles als selbständige Existenzen: rund 35 300 Hausierer, 36 500 Vermittler, Agenten, Kommissionäre, 10 700 Dienftmänncr, dann die Boten, Botenfrauen, Grünkram- Händler, jeder Droschkenkutscher, der ein Pferd hat. Der Waren- Handel hat 529 000 Betriebe, aber auch hier ist die Zahl der Mittel- und Großbetriebe ganz erheblick' gestiegen. Immerhin beträgt die Zahl der Alleinbetriebe i"■ �_ 0, rund 51 Proz., aber bedeutend weniger als in der Industrie. Nun kommt aber ein anderes Moment in Betracht, nicht gerade ein erfreuliches in der Enlwickliiiig: die ganz ungeheure Rolle, die die Frauen in dieser Entwicklung spielen, nicht allein als Arbeiterinnen, sondern ins- besondere als Selbständige; ganz gewaltig ist insbesondere da die Zahl der verheirateten Frauen gestiegen. Die Zahl der selbständig erwerbsthätigen Frauen ist um 34,/a Proz. gewachsen, gegenüber dem Durchschnitt von nur rmid 20 Proz., die als Angestellte thätigcn Frauen um 172 Proz., das sind die Buch- halterinnen, Comptoiristinnen usw., gegenüber dem Durchschnitt von 85 Proz., die Zahl der Arbeiterinnen um 152 Proz., gegenüber dem Durchschnitt von nur 71 Proz. Unter 270 600 Kleinbetrieben im Warenhandel waren nicht weniger als 93 000 Frauen,— 34Vs Proz, Aber nun die innere Struktur betrachtet I Alle die Wirtschaften, in denen Pächter derselbe» Brauerei sitzen, alle die Bierhallen desselben Aschingcr in Berlin, alle die Cigamn- lüden derselben Finna Löser und Wolff, alle die Läden derselben landwirtschaftlichen Genossenschaften, alle die taufende Konsumvereins- filialen— sie alle marschieren in der Statistik als selbständige Betriebe. Also die Zahl täuscht, man muß die Dinge in ihrem Wesen untersuchen. Und da ninß ich doch Bernstein, der uns zu beweisen versucht, wie wir uns in Bezug auf die Entwicklung täuschen, auf die kürzlichcn Verhandlungen des Vereins für Social- Politik in Breslau hinweisen. Da erklärte Professor Sombart— und dieser Satz wirst alle Bemsteinschen Sätze um:„Endlich müsse er dem Schlagwort, der Mittelstand müsse erhalten werden, entgegentreten. Man möge es unsittlich nennen, er müsse es aussprechen, es sei unsimng, eine Klasse, die dem Untergang geweiht sei, künstlich erhalten zu wollen. In früherer Zeit verstand man unter Mittelstand die Bourgeoisie, eine aufsteigende Klasse;«ine absteigende Klasse künstlich erhaltenzu wollen, heißt die Kulturentwickluiiq aufhalten." (Hört! Hört!) Das sagt ein Mann, der kein Socialdemokrat ist. Noch etwas: Wenn etwas beweist, daß alles, was Bemstein ausgeführt hat, vor der Praxis des Lebens nicht bestehen kann, dann ist es die Thatsache, daß wir seit Jahrzehnten in Deuffchland eine Mittel- stands-, eine Handwerker-, eine antisemitische Bewegung haben.(Lebh. Zustimmung.) Wir müßten uns ja selber ins Geficht schlagen, wenn wir sagen wollten, das haben die Agitatoren gemacht I Nein, es ist die sociale (Kitwicklung, der ökonomische Zersetzungsprozeß, der diesen Schichten zur Erkenntnis kommt und fie, da sie noch nicht so weit find, um Socialdemokraten»u werden, in diese reattionäre Bewegung treibt. Denn alle diese Mittelschichten,(?) ihr Ideal liegt in der Vergangenheit darum müssen sie zurück! Im übrigen aber dringt durch alle diese seltsamen Ausführungen Bernsteins doch hier und da eine Erlcnchtnng. In einem Artikel vom 10. September d. I. in der„Züricher Post", datiert London, 7. September, dessen Verfasser Bernstein sehr nahe steht(Heiterkeit), heißt es:„Ebenso wird der Handel, selbst wo er in Warenhäusern und Genosseiischästslädcn konzentriert ist, dem kollektivistischen Princip unterworfen.. ,, aus einem kundigen Fachmann wird immer mehr ein bloßer Kommis..." Er verweist auf das Köhlcnsyndikat in London, ans die Syndikate, Verbände, Ringe— Verschmelzung ans allen Gebieten. Ja, wenn diese Stelle in dem Bernsteinschen Buch gestanden hätte, dann hätte. er sich mindestens 20 Seiten seiner Ausfnhrnngen ersparen können und meine Poteinik würde sehr viel kürzer sein können. Und wenn er sich bei dem 1895er Jahresbericht der Firma Alexander Jahn in Hamburg informiert, deren Inhaber Karl May ist, der bei dein Bernsteinschen Buche wie mir scheint, etwas GeburtshilsSdienstc geleistet hat, dann wird er finden, daß dieser in bezug ans den Handel doch ganz andere Ansichten hat, als Bernstein. Landwirtschaft. Nun zum Kapitel: Landwirtschaft und Agrarfrage. K a u t s k y hat ein dickes Buch darüber geschrieben. In der Vorrede sagt er: Kein Zweifel, mid das wollen wir von vornherein als er- wiesen annehmen, die Landwirtschaft entwickelt sich nicht nach der- selben Schablone wie die Industrie; sie folgt ihren eigenen Gc- setzen." Diesem Satze schließe ich mich vollkommen an. Im weiteren sucht dann Kantsky nachzuweisen, daß auch die kapitalistische Ent- Wickelung in der Landwirtschaft mehr und mehr an Ausdehnung gewinnt und die Klein- und Mittelbetriebe zu Boden schlägt. Marx' Anschannngen über die Konzentration des Grundbesitzes reichen bis in die Mitte der 70er Jahre. Kein Zweifel, daß diese Anschammg der damals vorhandenen Tendenz in der Landwirtschaft entsprach. Heute noch scheint mir diese Anficht für F r a n k r e i ch richtig zu sein; ich verweise hierbei auf die statistischen Angaben im 112 Bande der deutschen Reichsstalistik. In Preußen verminderte sich(ausgenommen die Regiernngs« Bezirke Stralsund. Brandenburg, Schlesien und Westfalen) der spaimsähige bäuerliche Besitz in den ersten 6 Jahrzehnten um 9873 Höfe mit 1 761 641 Morgen, Nach Neumann verloren die Provinzen Ost- und Westpreußen von 1825—1859 12—13 000 nicht spamisähige Büdnerstellen. Seitdem aber hat die Entwicklung ein wesentlich an- deres Gesicht erhalten. Welches sind die Ursachen dieses Umschlags? In' erster Linie ist die überseeische Lcbcnsmittel-Konkiirreiiz zu nennen, die 1878 bei uns zur Schutzzölluerei führte, während unsere Agrarier vorher Freihändler waren. Ein zweiter Grund ist die rapide Entwicklung der Jndiistrie und die Höhe der Jndustrieprofite. Kein Zweifel, so rationell ein landwirtschaftlicher Betrieb auch geführt werden mag, er kann mit der Gewinnhöhe eines gut geleiteten industriellen Unternehmens nicht konkurrieren. Das Kapital wendet sich daher der Industrie zu und wird der Landwirtschaft entzogen. Es herrscht Kapitalmangel und Mangel an Kauflust. Hand in Hand danfit geht die L e u t e n o t. Während die Be- völkerung des Deutschen Reiches in den Jahren 1882 bis 1895 um 6�« Millionen zunahm, verminderte sich die Landbevölkerung um 784 000 Köpfe. Im Handel, Verkehr und Industrie aber zeigte sich eine gewaltige Steigerung der Bevölkerung. Sie vennehrte sich der Kopfzahl nach von I6V.4 auf 20 Millionen. Sie wuchs um 25 Proz., während in der Landwirtschaft die Bevölkerung um 4 Proz. abnahm. Dieser Entwicklung entspricht der Mangel an ländlichen Arbeitern, der auf die ländliche Eiitwicklnng in hohem Grade nachteilig gewirkt hat, so daß die Agrarier in der That Ursache haben zu klagen. Alle diese Umstände zwingen die Landwirtschaft, zu möglichst intensivem Betriebe überzu- gehen. Der extensive Betrieb rentiert sich absolut nicht mehr. Der intensive Betrieb erfordert aber große Kapitalien. Kapital und Credit aber sind für die Landwirtschaft verteuert. Sie wird also in der That mit doppelten Ruten gepeitscht. Der heurige Staat aber hat ein Interesse daran, die Landwirtschast zu erhalten. Die landwirffchaftliche Bevölkerung ist konservativ. Die Vereinsamung, der Mangel an Verkehr usw. erhält sie im Konser- vatismus. Die Gefahr für den heuffgen Staat liegt in den Industrie- centrcn mit ihrer Millionenbevölkerung. Da kommt die böse Social- demokratie zur Welt. Hierin liegt auch der Grund, weshalb wir solche Mühe haben, auf dem Lande vorzudringen und entsprechende Propaganda zu treiben. Der Staat wendet daher alle denkbaren Mittel an, der Eni- Wicklung aus dem Gebiete der Landwirtschast Einhalt z u thun. Er kann der Entlvicklung nicht thatenlos gegenüber- stehen. Daher rührt auch sein Bestreben, das in der Handwerker- Gesetzgebung, in den Bestimmungen über die Konsumvereine. in dem Gesetz über den unlauteren Weit- bewcrb zum Ausdruck kommt. Unsere Staatsmänner wissen ganz gut, daß sie damit dem Mittelstande nur Knochen und nicht Fleisch geben..(Heiterkeit.) Ein paar Jahre lang aber beißen die Leute doch ans den Knochen.(Heiterkeit.) Anders liegen die Dinge in der Landwirtschaft. Hier kann der Staat mit seiner Gesetzgebung eingreifen und die natürliche Eni« Wicklung stören und hemmen. In der Landwirtschaft umfaßte die Bevölkerung im Jahre 1882: 42,54 Proz.; im Jahre 1895: 35,7 Proz. Die Landwirtschaft wird also selbst immer ohnmächtiger. Trotz dieser Abnahme ist die Zahl der selbständigen Betriebsinhaber in der Zeit von 1882— 1895 um 280 092, d. h. um 12,2 Proz. gewachsen. Die Zahl der Angestellten ist von 66 644 im Jahre 1882 auf 96173 im Jahre 1892. also um 44,5 Proz. gewachsen. Dagegen hat die Zahl der männlichen Arbeiter sich in diesem Zeitraum um 390 313, das sind 10,7 Proz., ver- mindert und nur die Zahl der weiblichen Arbeiter hat sich um 136 258 vermehrt. Damit ist zahlemnäßiq der Ausfall an Arbeitskrästen erwiesen, über den die Landwirtschaft klagt...... Ich habe hier eine kritische Bemerkung über die Reichsstatistik einzufügen. Beim Studium der Zahlen ergiebt sich die überraschende Thatsache, daß die landwirtsckiaftlich bebaute Fläche um 649 000 Hektar gewachsen ist. Noch viel größer ist die Zunahme der forstwirtichaft- 'lich bestellten Fläche. Erklärt wird diese Zunahme mit der Be- merknng, daß 1882 die Aufnahme der forstwirtschaftlichen Betriebe nicht so sorgfältig gewesen ist. Da ist es nun schwer, Bergleiche zu ziehen. Von den 5 638 000 Betrieben, die wir in der Landwirt, chaft haben, waren selbständige Landwirte nur Millionen. 2 149 000 waren nur im Nebenberufe in der Landwirtschaft � thätig. Hinzugelommen sind nach der Stalistik 206 000 Zwergbetriebe der kleinsten Art. Was sind das für Betriebe? Man gehe vor die Thore Berlins, CharlottenburgS, Bremens und Leipzigs. Da wird man eine große Zahl kleiner Gärtchen und Ackerland mit primitiven Häuschen daraus sehen, jene Anlagen, die die Berliner Arbeiter spottwcise„Kamerun" getauft haben.(Heiterkeit.) Alle diese Be- triebe figurieren in der Statistik als landwirtschaftliche Betriebe. (Heiterkeit.) Und diese Anlagen wachsen beständig, das liegt im Wesen der Riesenstädte, die bei den Arbeitern daS Bedürfnis wecken, aufs Land zu kommen. Eine Menge Industrielle, Kaufleute, Beamte zieht in die Vororte der großen Städte, um in villenartigen Häusern zu wohnen. Ueberall sind mit diesen Wohnungen Gärten, häufig auch etwa? Ackerland verbunden. So entsteht eine ganze Anzahl kleiner Betriebe, die in der Statistik eine große Rolle spielen, aber ökonomisch so gut wie nichts zu be« deuten haben. Damit will ich durchaus nicht be st reiten, daß die klein- bäuerlichen Betriebe zugenommen haben. Wie ist das zn erklären? Wir sind hierbei nur auf Vermutungen an« gewiesen. Offenbar spielt der Erbgang eine bedeutende Rolle. Das Bauerngut wird parzelliert oder es werden Abstandssumiiien an die Erocn gezahlt, die«ine erhebliche Verschuldung des Gutes bewirken. Wichtig ist, wie die kleinen Icuidwirtschaftlichen Betriebe sich zum Eroizbctrieb stellen. Der lcmdwirtschaftliche Großbetrieb ist nicht so unbedeutend, wie die Verteidiger des bäuerlichen Betriebes eS hin- stellen. Es stiegen von 1882—1895 bis 20 Ar um... 120 236 10 683 Sektor 68 986 Hektar -i- 13.1 Proz.-t- 13.7 Proz.-t- 65 Proz. von 20 Ar bis 1 Hektar 85 580 22 000 Hektar 157 936 Hektar -b 6 Proz.-t- 3,2 Proz.-(- 19 Proz. Die Betriebe bis 1 Hektar umfaßten insgeiamt 45,5 Proz. der Betriebe; 2,2 Proz. der laudwirtschaftlieheu Fläebe und 2,6 Proz. der Gesamtfläche. Die Betriebe bis 2 Hektar umfaßten: 58,6 Proz. der Betriebe; 5,33 Proz. der landwirtschaftlichen Fläche und 5,6 Proz. der Gesamtfläche. Die Betriebe bis 5 Hektar insgesamt umfaßten 76.9 Proz. der Betriebe; 15,03 Proz. der landlvirtfchaftlichen Fläche und 15,2 Proz. der Gesamtfläche. Wie ficht es nun aber mit den Großbetrieben über 100 Hektar? Es sind im ganzen 25 061 vorhanden und sie haben sich nur um �/wco vermehrt. Aber 7 000 831 Hektar der gesamten landtvirtschaft- liehen Fläche gehören ihnen, lvährend die 77 Proz. der Betriebe unter 5Hektar nur 5094000 Hektar der landwirtschaftlichen Fläche besitzen. Die 25 000 Großbetriebe sind also um 2 737 000 Hektar größer als die 4 255 000 Kleinbetriebe zusammen.(Hört! hört!) Oekonomisch kommt also die ungeheure Zahl der iUeinbetriebe gar nicht in Betracht. Wenn es sich um die Verwirklichung der„Freßlegende" handeln sollte(Heiterleitl. dann werden die vier Millionen nichts dagegen einzuwenden haben, wenn die 25 000 expropriiert werden. (Sehr gut!) Hätten wir unbeschränkte Agitationsfreiheit, dann mache ich mich anheischig,— dann wäre es in Ostpreußen ein Kinderspiel, die Häusler und Tagelöhner smntlich in unsere Hand zu bekontmen. (Sehr richtig I) Es ist ein Irrtum, zu behaupten, daß der kleine Bauer eine angenehme Existenz führt. Das hat Kautskh in seinem Buche aus- führlich dargelegt. Der Kleinbauer lebt im Durchschnitt viel pro- letarischer als der Proletarier selber.(Sehr richtig!) Der uational-soeiale Finanzrat Dr. Losch erklärt in den Mit- teilinigen des Königlichen Statistischen Landesamts in Württemberg über die württembergische Landwirtschaft, bei der doch für den Klein- betrieb besonders günstige Bedingungen sein müßten, mau sei dort bis an die äußerste Grenze der Parzellierung gelangt; nur deshalb klebten die Bauern noch an der Scholle, weil sie aus dem Erlös für das ererbte Anwesen kaum die Schulden bezahlen könnten.(HörtI Hört!)_ Also die Dinge sind in der Landwirtschaft noch keineswegs ge- klärt. Es ist zweifellos, daß die kapitalistische Wirtschaft anch auf dem Lande immer mehr um sich greift. Heute ist die Landwirtschast das interessanteste, aber auch das revolutionärste aller Gewerbe, und diejenigen, die den Boden bebauen, sind die konservatiusteu aller Leute— ein Widerspruch, wie er stärker gar nicht gedacht werden kann. Wer heute in der Landwirtschaft reuissieren will, muß auf der Höhe der Zeit sein in Bezug auf Wissen uud Mittel. Charakteristisch ist es doch auch, daß die F i d e i k o m m i s s e in Deutschland in sehr hohem Maße in der Konzentration begriffen sind. In Preußen sind bis 1895 2 135 000 Hektar Boden gebunden worden. � Es ist eben ganz falsch, daß für die Großbetriebe in der Landwirtschaft nicht das gilt, was für die Industrie gilt. Kautsky hat in der.Agrarfrage" schlagend nachgewiesen, daß da. wo der Großbetrieb aus der Höhe der Zeit steht, er eine volle Rente gewährt. Immerhin ist der Prozeß im vollen Gange uud noch nicht übersehbar. Hervorgehoben muß aber werden, in welchem Maße insbesondere von der preußischen Regierung gearbeitet wird— das ist für unsere Agitation von der größten Wichtigkeit— um den Auflösuugsproze zu verhindern, und zum Teil mit Erfolg: Aufhebung der Grund- und Gebäudesteuer, Erlaß der Getverbesteuer, Branntwein- und Zucker- Liebesgaben, Aufhebung des Jdentitätsnachiveises, Beschränkung der Mühlen-Transitläger, Abänderung des Unterstützungs- Wohnsitzes, Förderung der Einführung fremder Arbeiter, alle'die Entlastungen auf dem Schulgebiete für das platte Land, die Unzahl von Kleinbahnen, Ermäßigung der Eisenbahn-Frachttarife für Dung- mittel und landwirtschaftliche Produkte, Bau von Kornhäusern, künstliche Vermehrung der kleinen und mittleren Landwirtschafts- betriebe, die eine große Rolle spielt, die Lorteile im Remontewesen, der direkte Einkauf der Armee bei der Landwirtschaft, Unterstützung des Forstwesens, der Molkerei usw. usw. Eine andere Erklärung für die Zunahme der kleinbäuerlichen Betriebe ist die ganz außer- ordentliche Zunahme der Pachtbetriebe. Eiukommcusteuev- Statistik. Eins der Hanptmittel als Beweis für die Unrichtigkeit unseres Parteiprogramms hat nun für Bernstein die Einkommensteuer- Statistik abgegeben. Sie soll es als irrig nachweisen, daß der Kon- zentration der Betriebe die Konzentration der Vermögen parallel laufe. Ich habe Ihnen bereits aus einem Citat von Marx bewiesen, daß diese Auffassung, die er Marx unterstellt, eine vollständig irrige sei. Er will sie aber widerlegen und beruft sich dafür auf die Form der Aktiengesellschaften, insbesondere in England, um zu beweisen, daß nicht eine Konzentration, sondern in weit höherem Grade eine Dezentralisation der Vermögen und damit auch der Einkommen vor Pich geht. Auf eine Widerlegung bezüglich der englischen Verhältnisse gehe ich nicht ein; das braucht mau nicht mehr, nachdem in seiner letzten Schrift Kautsky auf Seite 93 bis 96 in so ausgezeichneter Weise das ganze Zahlenmaterial in seiner Ober- flächlichkeit dargestellt hat. Vor allem hat Bernstein den Fehler ge- macht, daß cr als unumstößliche Thatsache hinstellt, was nur Schätzung ist. Dann aber mit die Hauptsache: Aktienbesitz in Eng- land kann nahezu jeder erwerben, der im stände ist, 20 M. beiseile zu legen und sich damit die Pfundaktie irgend eines Unternehmens anschmiere» zu lassen. Das ist glücklicherweise in Deutschland nicht möglich. Aber sind denn die Besitzer von l'/s Millionen Aktien auch ebenso viele Personen?(Sehr richtig!) Für England fällt be- sonders in Gewicht, daß dort das Vermögen der Eheleute getrennt verwaltet wird. Auch sonst täuscht sich Bernstein außer- ordentlich in Bezug auf den Wert des Aktienwesens. Beaulicu sagt:.Bisher haben die Aktiengesellschaften zwar dem Unter- nchnuingSgeist einen mächtigen Anstoß gegeben und die Produktivität entwickelt, aber zugleich dahin gewirkt, eine Konzentration im Besitz 3» schaffen"— also haarscharf das Gegenteil von Bernstein.„Sie haben zu maßloser Bereicherung einiger geschickter Glücksritter und zur Verarmung zahlloser naiver Leute geführt."(HörtI hört!) Das sagt der französische Schulze- Delitzsch' vom Aktienwesen uud das Gegenteil sagt der Socialist Bernstein— ich füge kein Wort hinzu. Run ist ja einer der Glanzpunkte seiner Beweisführung die sächsische Einkommensteuer- Siatistik. Ich habe darüber' selb- ständige Studien gemacht. Sachsen hat die beste Einkommensteuer- Statistik, es ist ein typisches Industrieland, denn nur der siebente Teil der Bevölkerung lebt dort von der Landwirtschaft... Da ist die kapitalistische Entwicklung typisch vorhanden. Zu beachten ist aber, daß in die Einkommensteuer- Statistik Sachsens auch daS Einkoinmeu der Ehefrau, das der Kinder und jungen Leute unter 16 Jahren mitgerechnet wird, was sehr in Betracht kommt bei der Mitarbeit der Familienmitglieder, besonders auch in der Haus- industrie und bei der außerordentlichen Rolle, die im Erwerbsleben dort besonders die verheiratete Frau spielt. Ich habe nicht das Jahr 1879 zum Ausgangspunkt genommen wie Bernstein, da in dieses das neue Einkommensteuergesetz fällt und daher noch kein brauchbares Resultat geben kann uud außerdem ein schweres Krisen- jähr ist. sondern das Jahr 1832. Ich betone nun mit dem größten Nachdruck: Ich halte den Nach- weis, den die sächsische Einkommensteuer-Statistik liefert, in Bezug auf die ganze Bernstein- Frage für ausschlaggebend; bekommt Bernstein in Bezug auf diese sächsische Statistik recht, dann sind wir geschlagen, umgekehrt aber cr. Die Bevölkerung Sachsens ist von 1830—1895 um 27>/e Proz. gewachsen, weit mehr als im Durchschnitt des Deuffchen Reichs. Bernstein jubelt nun in seiner Schrift darüber, daß die Einkommen viel höher gestiegen sind als die Bevölkerung. Ja, das ist eine Thatsache, die überall vorhanden ist und sich einfach daraus erklärt, daß die Zahl der Menschen, die arbeiten müssen, in unserer kapitalistischen Gesellschaft immer größer wird. Von 1882 bis 1895/96 ist eine Steigerung der eingeschätzten Per- sonen erfolgt um 36 Prozent, ihres Gesamteinkommens »m 72 Proz. Bis zu Anfang der 90er Jahre waren die Einkommen bis zu 300 M. steuerfrei, hernach bis zu 400 M. 1882 betrugen diese eingeschätzten, aber so steuerfreien 6,61 Proz. sämtlicher Ein- geschätzten, 1895 dagegen 13,76 Proz. Also die kolossale Zahl von 33,76 Proz. aller eingeschätzten Personen hatte 1895 ein Einkommen von unter 400 M.(Hört) hört!) Die Zahl der Steuerzahler mit einem Einkommen von 400— 800 M. belief sich 1882 auf 76 Proz. sämtlicher Eingeschätzten, dagegen 1895 nur 64 Proz.; die Ein- kommensverhältnisse dieser Klasse hatte sich zwar gebessert, aber im Verhältnis zum Gesamteinkommen sind sie zurückgegangen. Ihr Durchschnittseinkommen ist während dieses Zeitraums von 421 au 511 M. gestiegen, blieb also in beiden Fällen weit unter dem Durchschnitt von 600 M., aber erfuhr doch eine Steigerung um 21 Proz. Die Gesamtzahl der Steuerpflichtigen mit einem Einkommen von 800 bis 1250 M. ist von 12 Proz. der Eingeschätzten mit 12,71 Proz. des Gesamteinkommens aus 17,26 Proz. der Ein- geschätzten mit 19,7 Proz. des Gesamteinkommens(bei einer abso- tuten Steigerung ihrer Zahl um 131 Proz.) gewachsen. Ihr Durch- schnitlseinkommen blieb mit 998 bezlv. 994 M. ziemlich gleich. Sämtliche Einkommen bis 1250 M. bildeten mit Ausschluß der- jeuigen, die zu arm waren, um Steuern zu zahlen, 1882 52 Proz. sämtlicher Steuerzahler, 1895 66 Proz. Die Zahl der Personen mit einem Einkommen von 1250 bis 3300 M.(1895/96 wurde eine Grenze von 3400 M. angenommen) ist von 9,55 Proz. ans 12.79 pCt., absolut um 82 Proz. gestiegen. Das Durchschnittseinkommen ist von 1916 auf 1897 M., also um 19 M. gesunken. 1882 hatten unter 3300 M. Einkommen nicht weniger als 97,60 Proz. aller Steuerzahler, 1895 96 dagegen 96,39 Proz. Die mittleren Einkommen von 3300 bis 9600(10 000 M. im Jahre 1896) sind von 2,30 auf 2,80 Proz. gestiegen. Ihr absolutes Wachstum in Bezug auf die Zahl der Steuerpflichtigen betrug 60 Proz., also bedeutend niedriger als bei den Einkommen von 1250 bis 3300 M. Die Zahl der Einkommen von 9600(bezw. 10 000) bis 26 000 M., also die der wohlhabenden und reichen Leute, stieg um 74 Proz., ihr Einkommen um 83 Proz. Also die mittleren Einkommen weisen prozentual die niedrigste Steigerung auf, je höher sie werden, desto größer die Steigerung. Die Zahl derMillionäre mit einem Einkommen von mehr als 26 000 M. hatsich um 147 Proz., ihr Einkommen um 143 Proz., das Höchsteinkommen von 2 570 000 auf 3 652 000 M. vermehrt. Es ist also nach alledem gar kein Zweifel, daß unsere Auffassung von den Vermvgensverhältnissen durch die sächsische Einkommen- steuer-Statistik durchaus bestätigt wird. Danach hat sich der Mittelstand am w e n i g st e n entwickelt, die kleinen Einkommen sind an Zahl allerdings gewachsen, absolut nicht, aber die großen Einkommen haben ganz absolut zugenommen. Hebung der Lebenslage der Massen? Nun muß ich auf einen Punkt zu sprechen kommen, der uns in der Partei fast ganz abhanden gekommen zu sein scheint. Es ist ganz merkwürdig, wie wir das Denken verlernt zu haben scheinen. Was der alte Ziegler seinen fortschrittlichen Freunden im Zorne zurief:„Die Nervosität ist auch auf das Gehirn geschlagenj, ihr habt das Denken verlernt!" das trifft bei uns jeider zu. Einem geschulten Lassalleschen Agitator der 60er Jahre wären die groben Schnitzer nicht passiert, die selbst gelehrten Leuten in unseren Tagen passiert sind. Ihr könnt doch nicht leugnen, ruft man uns zu, daß das Einkommen des Arbeiters gestiegen ist! Ganz selbstverständlich, wenn die Station immer reicher wird, bekommt davon auch der Arbeiter einen Teil ab; und gerade aus dem steigenden Reichtum der Nation, der steigende» Produktivität der Arbeit leiten wir ja die Möglichkeit ab, alle wohl- habend zu machen.(Lebhafter Beifall.) Aber was in Frage kommt, ist nicht, wie der Geld lohn ist. sondern wie der Real lohn ist. ob der Arbeiter mit dem höheren Lohn seine gestiegenen Bedürfnisse bester befriedigen kann.(Lebhafter Beifall.) Und dann, wie es sich mit der Möglichkeit für den Arbeiter, ans seinem höheren Ein- kommen seine Bedürfnisse zu steigern, verhält im V e r g l e i ch zu dem Einkommen der reichen Klassen, ob da die Differenz eine größere oder geringere ist.(Lebhafter Beifall.) Und da kann gar kein Ziveifel sein, daß der Besitz von heute ungleich anders lebt und sich repräsentiert wie der aus dem Jahre 1363. Habt Ihr denn nicht die Verhandlungen gelesen aus dem gegenivärtigcn Spieler- Prozeß? Seht Ihr da nicht, wie die goldene Jugend das Geld aus- giebt? Und das ist nur ein kleines Zipfelchen von der Lebensweise der besitzenden Klassen; die Schwelgerei, die Ueppigkeit, die Ver- schwendung, die bei ihnen heute herrscht, geht weit über das Maß dessen hinaus, was zu Anfang der sechziger Jahre ihr Aufwand war. (Lebhafte Zustimmung.) Das ist die Differenz, das ist das Entscheidende. Ich habe dce Erfahrung ja selbst am eignen Leibe gemacht. Als Lassalle 1863 nach Leipzig kam, war ich dort Drechslergehilse in der ersten Werkstatt. Wir hatten dort unserem Meister soeben die Stück- arbeit abgetrotzt. Der höchste Lohn pro Woche betrug bei llstündiger Arbeitszeit 10 M. I Vier Jahre später, als ich selbständig war und einen Gehilfen hatte, kehrte ich aus dem ersten Reichstag heim und da kündigte mir der Gehilfe, er wollte sich selbständig machen. Als ich einem Kollegen auf der Straße daS sagte, antwortete er mir: Das geschieht Dir ganz recht, warum bist Du ein solcher Esel und giebst'dem Mann einen Lohn, daß er sparen kann.(Heiterkeit.) Was Ivar dieser Lohn? 13V, Mark I lHeiterkeit). Das war der höchste Lohn, der in Leipzig gezahlt wurde und den zahlte ich. Heute ist in Leipzig sicher kein Drcchslergehilfe, der nicht 21 M. per Woche hat, 100 Proz. mehr als 1863, aber wenn mir einer sagen wollte, der Drechslergehilfe hat seine sociale Situation um 100 Proz. verbessert, dann lache ich ihn einfach aus.(Lebhafter Beifall.) Und weiter, Lassalle hat die Grenzlinie 1863 bei 8000 M. gezogen, da beginnen die Besitzenden; wer will behaupten, daß 3000 M. von damals mit 3000 M. von heute zu vergleichen sind? Vergleichen Sie die Mieten, die Steuern, die gesamte Lebenshaltung. WaS will ich denn mit meinen Zahlen beweisen? Ich habe Ihnen gezeigt, daß die Zahl der Leute mit einem Einkommen bis zu 3400 M. im Jahre 1896 sich auf 9644 Proz. belies, also etwas höher als im Jahre 1883, wo sie 96 Prozent betrug, mit anderen Worten: Für die große Masse der Bevölkerung hat trotz durchschnittlich höheren Einkommens die all- gem-ine Lebenslage im Vergleich zu den reichen Klassen »m kein Jota sich verbessert.(Sehr richtig.) So ist denn in der That die ganze Theorie, die sich auf der angeblichen Aenderung der Verhältnisse flützt, falsch. Man muß doch, wenn man nach der Lebenslage fragt, den einzelnen Mann und sein Einkommen in Be- tracht ziehen, und da steht heute ein Mann mit 3400 M. Einkommen schlechter als mit 3000 M. im Jahre 1863. Das kann man nicht bestreiten, uud damit ist der klare Beweis geliefert, daß alles, was Bernstein nach dieser Richtung hin sagt, völlig falsch und irr- t ü m l i ch i st. Im übrigen ist es ja eine bekannte Thatsache, daß niemand leichter im stände ist, den Staat zu hintergehen, als die wohl- habenden Klassen. Man weiß manchmal nicht, was man dazu sagen öll; so hat man in ihren Reihen die Kühnheit gehabt, zu behaupten, die Arbeiter betrügen den Staat auch und geben ihr Einkommen nicht an. Nun mag daS ja hier und da vorkommen, aber die Mög- lichkeit, den Staat zu betrügen, ist doch auf feiten der Arbeiter auch nicht entfernt in dem Maße gegeben, wie auf feiten der Wohl- habenden. Dazu kommt noch, daß m den Jndustriebezirken, in den mittleren und kleineren Städten, wo die Arnienlasten und Ausgaben io stark gewachsen sind, man ängstlich bemüht ist, das ganze Ein- kommen der Arbeiter zu besteuern, während man das Einkommen der wohlhabenderen Leute selbst bei der größten Bemühung nicht treffen kann. Man scheint garnicht zu wissen, daß es in allen größeren Geschäften Geheimbücher giebt, die die Polizei« und Steuerbehörden nicht zu sehen bekommen.(Sehr wahr!) Redner erinnert zum Beweis für seine Behauptungen an den Fall des Freiherrn von Wangenhe im. In Berlin wurden im Jahre 1898 von 53 100 Steuererklärungen 17 655 beanstandet, davon 11318 mir Erfolg. Di. Deklaranteu hatten nur ei» Einkommen von insgesamt 151543 305 M. augegeben, während die Miquelscheu Zi-Strahle» 192 151 881 M. ermittelten. Dadurch erhöhte sich der Steuerbetrag von 4 831 302 M. aus 6 367 934 M. Durch die Wachsamkeit der Steuerbehörde ist demnach für Berlin der Staat vor einer Schädigung um 1536 632 M. behütet worden. In Preußen wurden in demselben Jahre 148 263 von 456 694 abgegeveuen Steuererklärungen benustaudet. Das sind 32,5 Prozent. Mit Erfolg wurden 112 225 beanstandet, gleich 75,7 Proz. der Beanstandeten, DaS steuerpflichtige Einkommen cr- höhte sich dadurch von 678 873 056 M. auf 863 043 830 M. Der Gewinn für den FisknS betrug also rund 33 Proz. Und dabei ist noch lange nicht gesagt, daß man den Leuten, die mau am Kragen packte, aiich wirklich in Herz uud Nieren gesehen hat. Bernstein hat sich in hohem Maße über die preußische Vermögenssteuer enthusiasmiert, er hat ja jede Zahl, die er gewinnen konnte, um zu beweisen, das; wir uns bisher getäuscht haben und daß die Dinge ganz anders laufen, zu Gunsten der bürgerlichen Gesellschaft urit wahrer Gier aufgegriffen. Während die Ergebnisse der Veranlagung zur preußischen Ergänzungssteuer nach Bernstein ein erfreuliches Bild bieten, kommt H erkne r gerade zu dem entgegengesetzten Urteil. Namentlich in Be- zug auf die preußische Eiukommensstatistik sind ja Bernstein die aller- größten Irrtümer unterlaufen. So spricht er von dem gewaltigen Wachstum der höhereu Einkommen in Preußen von 1354 bis 1893/94, übersieht aber, daß bis 1890 ein total anderes Steuersystem in Preußen existiert hat wie von 1891 ab, daß man also die Ergebnisse gar nicht vergleichen kann. Will man einen wirklichen Vergleich ziehen, so darf man als äußerste Grenze das Jahr 1900 annehmen; �da liegt uns nun eine ganz vorzügliche Arbeit eines bürgerlichen Oekonoinen Clemens Heiß über die großen Einkommen in Deutschland und ihre Zunahme in den letzten Jahrzehnten aus dem Jahre 1893 vor. Der Verfasser dieser Schrift ist mit dem akademischen Preis seitens der staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen ge- krönt worden. Wenn sich die Fakultät veranlaßt fühUe, derartige Untersuchungen überhaupt anstellen zu lassen, wenu unsere Gelehrten in derartigen Fragen in den letzten Jahrzehnten überhaupt Stellung genommen haben, so sind wir die moralischen Urheber.(Sehr wahr l) Wir haben durch unsere fortgesetzten Agitationen die Leute gezwungen, sich um die socialen Ver- bältnisse zu kümmern. Alles das, was von dem guten Herzen und dem Gerechtigkeitsgefühl der Bourgeoisie gesagt ivird, das entspringt doch nur dieser Quelle, unserer Agitation.' Thatsache», die mau schwarz auf weiß besitzt, kann mau nicht mehr leugnen. Man wirst der Bestie einen Brocken hin, um sie zu beruhigen.(Sehr richtig!) Heiß hat nun die Einkommen der acht alten preußischen Provinzen von 1854—1890 und so weit Statistiken vorlagen, auch die industriellen Betriebe in Betracht gezogen und kommt zu folgendem Ergebnis: „Die Resultate unserer Untersuchung lassen sich dahin zusammen- fassen, daß in allen deutschen Staaten, welche eine allgemeine Einkommensteuer besitzen, die großen Einkommen weit rascher zu- genommen haben, als alle übrigen. Davon macht Bremen für den kurzen Zeitraum von 1874—1886 die einzige Ausnahme. Die dürftigsten Einnahmen zeigten die geringste Zunahme... Dagegen ist ziemlich sicher, daß mit der großartigen Entwicklung des Großbetriebes und der rapiden Zunahme der großen Vermögen auch ein nicht unbeträchtlicher Teil des gewerblichen Mittelstandes in wirtschaftliche Abhängigkeit von dem Großbetrieb und den Groß- kapitalistc» geraten ist." DaS sagt ein Mann, der außerhalb unserer Reihen auf bürger« lichem Boden steht, in direktem Gegensatz zu allem, was Bernstein sagt. Und wie sind nun die Resultate der Einkommeusverhältuisse in den 8 Provinzen? Die Bevölkerung ist von 1854 bis 1890 um 42 Proz. geivachfen, die niedrigsten Einkommen bis zu 3000 M. auch nur um 42 Vroz., die Einkommen von 3000 bis 36 000 M. um 333 Proz., die von 36 000 bis 60 000 M. um 590 Proz., die von 60 000 bis 120 000 M. um 835 Proz. uud die Einkommen über 120 000 M. um 042 Proz.(Hört, hört I) Verelendungstheorie. Es ist ja erklärlich, daß Bernstein bei solchen Anschauungen auch die sogenannte Verelendungstheorie über Bord wirft. Da muß ich zunächst bemerken, daß man bei Marx, bei Engels, bei Lassalle, bei Rodbertus vergeblich nach der sogenannten Verelendungs- thcorie sucht, d. h. nach der Theorie, wonach mit der zu- nehmenden Entivicklung der kapitalistischen Produktionsweise auch das Elend der breiten Massen zunimmt. Bernstein mußte alS Theoretiker bes Marxismus doch wissen, was Marx, Engels und Lassalle darüber gesagt haben. Auf seine Ausführungen hat ihm Kautsky geantlvortet, daß das, was er behauptet habe, ganz falsch sei. Bernstein antwortet hierauf: „Das ist nun zunächst nicht die Marx-Engelssche Theorie, sondern eine Kautskysche Lesart und Erweiterung derselben. In Ivie weit sie mit dem vom Zusammenbruch handelnden Kapital bei Marx zu vereinen ist, wo nicht von wachsender Reife und Macht, sondern von wachsender Entartung und Knechtschaft der Proletarier gesprochen wird, kann ich indes hier um so mehr auf sich beruhen lassen, als ich selbst stets sehr energisch betont habe, daß dies Kapitel nur als Signatur einer Tendenz zu verstehen ist. Nur behaupte ich, daß mit dem Mantel auch der Herzog fällt." Und was sagt nun Kautsky dazu?„Diesen Satz hat nicht irgend ein Vulaärölonom geschrieben, der das„Kapital" nie in der Hand gehabt, sondern ein Mann, der als einer der besten und Verständnis- vollsten Kenner der marx>stischcn Litteratur gilt." Wie berechtigt der Satz ist zeige die wörtliche Widergabe der Stelle, auf die sich Bernstem beruft. Sie lautet:„Mi't der beständig abiiehmcudeu Zahl der Kapitalmaguateu, welche alle Vorteile dieses Umwaudlnngsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtung, der Degradation, der Ans- beutuug, aber auch die Empörung der stets auschtvellenden uud durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten. vereinten uud organisierten Arbeiterklasse".(„Kapital" k, 2. Aufl. S. 793.) Kautsky citiert dann mit Recht das Kommunistische Manifest. Das- elbe sagt:„Die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffe» geschmiedet, die ihr den Tod bringen, sie hat auch die Mäniier gegen sich, die diese Waffen führen werden, die modernen Arbeiter, die Prole- tarier... Mit der Entwicklung der Industrie vermehrt sich nicht nur das Proletariat; es wird in größeren Massen zusammengedrängt, seine Kraft wächst und es fühlt sich mehr.... Die Arbeiter beginne», Koalitionen gegen die Bourgeois zu bilden.... Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg,' sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter.... Die Organisation der Proletarier zur Klasse und darum zur politische» Partei wird jeden Augenblick wieder gesprengt durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst. Aber sie ersteht immer wieder, stärker, fester, mächtiger. Sie erzwingt die An- erkenn» ng einzelner Interessen der Arbeiter in Gesetzesform, indem sie die Spaltungen der Bourgeoisie unter stck benutzt, so die Zehnstunden- Bill in England.... Die Bourgeoisie selbst führt dem Proletariat ihre eigene Bildungselemente, das heißt Waffen gegen sich selbst zu. Es werden ferner durch den Fortschritt der Industrie ganze Bestandteile der herrschenden Klaffe ins Proletariat hinabgeworfen oder wenigstens in ihren Lebensbedingungen bedroht. Auch sie führen dem Proletariat eine Menge Bilduugselemente zu." Hier wird'also wieder in der klarsten Weise nachgewiesen, daß die Tendenz des Kapitalismus auf beständige Herabdrückung der Arbeiterklaffe dazu führt, daß die Arbeiter sich organisieren und in gemeinsamem Kampfe die Bourgeoisie nötigen, ihnen Konzessionen zu machen. Es ist doch in der That traurig, wenn ein Mann ivie Bernstein, einer der Theoretiker des Marxismus, in solche Verirrungeu verfällt und nicht mehr weiß, was im„Kapital" steht. Sonst könnte er doch nicht von einer„Kautskyschen Lesart" reden. Daß Marx und Engels diese hier vorgetragen« Ausfassung in Bezug auf die Entwicklung der Arbeiterklasse vom ersten Augenblick an ge- habt haben, geht auch ans einer ganzen Reihe anderer Stellen her- vor. Bernstein hat seine Schrift mit dem Ausspruch von Marx aus der Jnanguraladresse als Motto versehen:„Und deshalb war die Zehnstnndcnbill nicht bloß ein großer praktischer Erfolg, sie war der Sieg eines Princips". Ja, Parteigenossen, wie in aller Welt hätte Marx einen solchen Satz schreiben können, wenn er die Vereleiidungsthcorie im Bcrnsteiiischen Sinne für richtig gehalten hätte? Das wäre ja der kolossalste Widerspruch, der ihm nachgewiesen werden könnte. Wäre die Verelrnduiigstheorie, die unseren Feinden nachgebetet wurde, ivahr, so hätte ja Marx gar nicht gegen das ehcrncLohngesetz polemisieren können. (Sehr richtig!) Die ganze, von Bernstein als Motto gewühlte Stelle aus fj�i.Sch�WN'aladresse vom Jahre 1864 lautet wörtlich:„Nach einem LiZjährigen Kampf, der inst bewundernswerter Ausdauer geführt wurde, gelang es den englischen Arbeitern... die Zehnstundenbill durchzusetzen. Die ungeheuren, physischen, moralischen und intel- lektuellen Vorteile, die den Fabrikarbeitern daraus erwuchsen und halbjährlich in den Berichten der Fabrikinspektoren verzeichnet wurden, sind jetzt allgemein bekannt." Weiter sagt Marx in der Vorrede zum„Kapital" von» Jahre 1867:„Wo die kapitalistische Produktion völlig bei uns eingebürgert Nt. z. B. in den eigentlichen Fabriken, sind diese Zustande viel schlechter als in England, weil das Gegengewicht der Fabrikgesetze fehlt." Und weiter:„In England ist der Umwälznngs- Prozeß mit Händen greifbar. Auf einem gewissen Höhe- Punkt muß er auf den Kontinent rückschlagc». Dort wird er sich in brutaleren oder humaneren Formen bewegen, je nach dem Entivicklungsgrnd der Arbeiterklasse selbst. Von höheren Motiven abgesehen"— Bernstein würde sagen: ethischen—„gebietet also den jetzt herrschenden Klassen ihr e i g e n st e s Interesse die Weg- riiimung aller gesetznch kontrollierbaren Hindernisse, welche dne EntWickelung der Arbeiterklasse hemmen. Ich habe des- ivegen u. a. der Geschichte, dem Inhalt und den Resultaten der englischen Fabrikgesetzgebung einen so ausführlichen Platz in diesem Bande eingeräumt. E i n c N a t i o n s o l l und kann von der andern lernen. Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegniig ans die Spur gekommen ist— und es ist der letzte Endzweck dieses Werkes, das ökonomische Bewcgungs- gcsctz der modernen Gesellschaft zu enthüllen— kann sie natnr- gemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wcgdckreticren. Aber sie kann die Geburtswehen abkürzen und mildern." Das sagt der„Blanqnist" Marx.(Heiterkeit.) Es ist doch Himmel- schreiend, daß ein Mann ivie Bernstein im Widerspruch zu diesem Ausspruch solche Urteile in die Welt schleudert und eine Menge Leute, gestützt ans seine Autorität, völlig irre zu führe» vermag. (Sehr gut I) Und ivas schreibt Engels 1891 gegen Brentano?„Die steis wiederholte Erklärung, daßArbciterschutzgcsctzgebnng und Gewerkschafts- organisationeu die Lage der Arbeiter zu verbessern geeignet sind, ist keineswegs Brentanos eigne Ersindung. Von der Lage der arbeitenden Klassen in England"(1845) und der„misere Je la Philosophie"(1845) bis zum„Kapital" und bis zu meinen jüngsteil Schriften haben Marx und ick! dasselbe gesagt." Bernstein hat eine Zeit gehabt, wo er in all diesen Fragen anders dachte. Das ist freilich 8 Jahre her, eine lange Zeit, iveim man so rasch sich mausert. Damals schrieb er in seiner Einleitung zu seiner Lassalle- Ausgabe:«Die Abhängigkeit des Arbeiters ist mit der scheinbare» Freiheit»nr größer geworden. Sie ist eS, die mit eherner Wucht auf der Arbeiterklasse lastet, und deren Druck zunimmt mit der wachsenden Entwicklung des Kapitalismus." Wenn wir aber heute dasselbe sagen, dann sind wir Ketzerrichter. Ich muß aber auch hier Lassallc gerecht werden. Es ist traurig, daß alte Lassallcancr, die wir in unseren Reihen haben, und die so manche Lehre Lassallcs durch bessere Erkenntnis aufgegeben haben, gerade da, wo«er noch heute recht hat, ihn nicht mehr ver- stehen. Lassalle sagt im„Offenen Antwortschreiben";„ÄlleS mcusch- lichc Leiden und Entbehren hängt nur von den» Verhältnis der Befriedi- gnngsmittel zu den in derselben Zeit vorhandenen Bedürfnissen und Lebcnsgelvohnheitcn ab. Alles menschlichcLeidcn und Entbehren und alle menschlichen Besiäcdigungeu, also jede menschliche Lage, bemißt sich somit nur durch den Vergleich mit der Lage, in welcher sich andere Menschen derselben Zeit in Bezug auf die gewohuheitsmäßigeu Lebensbedürfnisse derselben befinden. Jede Lage einer Klasse beniißt sich somit immer nur durch ihr Verhältnis zu der Lage der anderen Klassen derselben Zeit." Als die Lassallesche Belvegnng aufkain, da wurde uns von gegnerischer Seite gesagt:„Was Lassalle sagt, ist ja alles über- trieben, es ist Schwindel. Wie steht der Arbeiter heute? Denkt nur zurück ins Mittelalter, hat da ein Arbeiter Fensterscheiben gehabt. hat er Spiegel gehabt, hat er ein Kanapee gehabt?" Darauf erwiderten die Lassallcancr:„Das ist wahr, Fensterscheiben hat sogar Karl der Große nicht gehabt, es wird sogar behauptet, daß er kein Hemde getragen hat."(Heiterkeit.) Mit solchen Mätzchen suchten damals die bürgerlichen Gegner uns zu bethören, und heute kommt man und erzielt mit solchen Behanp- tungen noch nach öl) Jahren Erfolge. Traurig, daß man das sagen mutz, aber es ist notwendig, auch mal den eigenen Parteigenossen die Wahrheit zu geigen.„Ihr habt das Denken verlernt!" sagte ich schon. Besteht etwa darin eine Hebung der Lage der Arbeiter, datz heute 46 Proz. mehr verheiratete Frauen crwcrbsthntig sind? Mir sind ja keine Anhänger der heutigen Ehe, wir habe» ein besseres Ideal, aber das lassen wir uns nicht gefallen, datz man, Iveil die Männer so schlecht bezahlt werden, die Frauen zum Frohudienst zwingt. Charakteristisch sind nach dieser Richtung hin bürgerliche Urteile, ich erinnere nur an Berichte verschiedener Fabrikinspektoren, die dahin gehe», daß der niedrige Lohu der Männer die Frauen in die Arbeit treibt. Die Frauenarbeit nimmt immer mehr zu. Als weiteren Beweis sür die zunehmende Verelendung führe ich die letzte Statistik des Holzarbcitcr-Verbaudcs an. Daraus können Sie die traurige Thatsache entnehmen, datz volle 23 Proz. der Frauen ihrer Mitglieder zum Neben- erwerb gezivungen sind, um die Familie ernähren zu können. Ist das Grassieren der Lungenschlvindsucht denn nicht auch ein sociales Elend? Wir haben es doch erst auf dem Tuberknlose-Kongreß zu hören bekommen, wie diese Krankheit eine Proletarier-Krankheit ist. Und selbst mit der Arbeitslosigkeit hat es sein Häkchen. Obgleich 18V7 ein Prosperitätsjahr war. waren doch nach � der Statistik des Holzarbeiter- Verbandes 7985 Arbeiter, das ist 26,7 Proz. arbeitslos, im ganzen waren es 218113 arbeitslose Tage. Bedenken Sie weiter, datz nach der Volkszählung ain 14. Juni 1895 299 352 Arbeiter arbeitslos waren, darunter 126 348 krank, und am 2. Dezember ivaren 771665 arbeitslos, danintcr 217 365 krank. Ich mutz wieder einen bürgerlichen Schriftsteller citiercn! ich bin heute in der unangenehmen Lage, einen Teil unserer Genossen durch bürgerliche Schriftsteller zur Ordnung rufen lassen zu müssen (Heiterkeit und hört! hört!>, ihnen zu zeigen, datz bürgerliche Schrift- steller ein viel feineres Gefühl sür die Leiden der Arbeiterklasse haben als sie. In Nummer 8 der Scherlschen„Woche"(Heiterkeit) wird über die Lebenshaltung der deutschen Arbeiterklasse, die sie trotz des gesteigerten Wohlstandes der Nation im ganzen führt, ein Bild entrollt'(Redner verliest den Artikel), das etivas anders aussieht, als das rosige, das Socialdemokraten sehen, als ob es überhaupt kein Elend mehr gebe. Und so kann ich Beispiele über Beispiele anführen. Einen sehr guten Gradmesser dafür, ob steigendes Elend vor- handen ist oder nicht, liefert die Armen-Statistik. Sie niöaen den Zahlen für Berlin und Stuttgart keine Beweis- kraft beimessen, weil es Grotzstädte sind. Aber die beste Armenstatistik, die es giebt, die Bayerns, die sich über die Zeit von 1871 bis 1895 erstreckt, also unsere ganze kapitalistische Entivicklung in Deutschland geradezu umfatzt, ergiebt eine Steigerung der Alniosenempfänger in Bayern von 129 996 auf 183 286, d. h. um 41 Proz.,' während die Bevölkerung nur um 14 Proz. zugenommen hat— in einem Lande ohne Großindustrie, mit der thätigen Charitas der katholischen Kirche. � Verantwortlicher Redacteur: Seinrick Weüker in E Da die Zeit für die Mittagspause angebrochen ist, nuterbricht Bebel, der bisher 3�,4 Stunden gesprochen hat, jetzt sein Referat. David- Mainz regt an, zur Erleichterung der Verhandlungen den theoretischen Teil und den taktischen im Vcbcljchcn Referate und in der Diskussion gesondert zu verhandeln, da anzunehmen sei, daß Bebel über die praktische Frage noch ebenso lange reden werde. Singer: Wer eine absolut unklare und zerrissene Diskussion will, der nehme den Autrag an!(Sehr gut.) Die Anregung Davids wird fast einmütig abgelehnt. *« * Resolution. Die bisherige Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft giebt der Partei keine Veranlassung, ihre Grundanschauungen über dieselbe aufzugeben oder zu ändern. Die Partei steht nach wie vor auf dem Boden des Klassen- kampfs, wonach die Befreiung der Arbeiterklasse nur ihr eigenes Werk sein kann und betrachtet es demzufolge als geschichtliche Auf- gäbe der Arbeiterklasse, die politische Macht zu erobern, um mit Hilfe derselben durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel und Eiufühnmg der socialistischen Prodnktions- und Austauschweise die grötztmöglichste Wohlfahrt aller zu begründen. Um dieses Ziel zu erreichen, benutzt die Partei jedes mit ihren Grundanschauimgen vereinbare Mittel, das ihr Erfolg verspricht. Ohne sich über das Wesen und den Charakter der bürgerlichen Parteien als Vertreter und Verfechter der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung zu täuschen, lehnt sie ein Zusammengehen mit solchen von Fall zu Fall nicht ab, sobald es sich uni Stärkung der Partei bei Wahlen oder um Erweiterung der politischen Rechte und Freiheiten des Volkes, oder um eine ernsthafte Verbesserung der socialen Lage der Arbeiterklasse und die Förderung von Kultur- aufgaben, oder um Bekämpfung arbeiter- und volksfeindlicher Bestrebungen handelt. Aber die Partei bclvahrt sich überall in ihrer Thätigkeit ihre volle Selbständigkeit und Unabhängigkeit und be- trachtet jeden Erfolg, den sie erringt, nur als einen Schritt, der sie ihrem Endziel näher bringt. Die Partei steht der Gründung von Wirtschaftsgenossenschaften neutral gegenüber: sie erachtet die Gründung solcher Genossenschaften, vorausgesetzt, datz die dazu nötigen Vorbedingungen vorhanden sind, als geeignet, in der wirtschaftlichen Lage ihrer Mitglieder Vcrbesse- rungcn herbeizuführen, sie sieht auch in der Gründung solcher Ge- nosscnschaften, ivie in jeder Organisation der Arbeiter zur Wahrung und Förderung ibrer Interessen, ein geeignetes Mittel zur Erziehung der Arbeiterklasse zur selbständigen Leitung ihrer Angelegenheiten, aber sie mißt diesen Wirtschaftsgenossenschaften keine entscheidende Be- deutung bei für die Befreiung der Arbeiterklasse ans den Fesseln der Lohnsklaverei. In der Bekämpfung des Militarismus zu Wasser und zu Lande lind der Kolonialpolitik bcharrt die Partei auf ihrem bis- herigen Standpunkt. Ebenso verbleibt sie bei ihrer bisherigen internationalen Politik, die auf eine Verständigung und Verbrüderung der Völker, in erster Linie der Arbeiterklasse in den verschiedenen Kulturländern, abzielt, um auf dem Boden einer allgemeinen Föderation die Lösung der gemeinsamen Kulturatifgaben herbeizu- iihren. Nach all diesem liegt für die Partei kein Grund vor, Ivedcr ihr Programm, noch ihre Taktik, noch ihren Namen zu ändern, und sie weist jeden Versuch entschieden zurück, der darauf hinausgeht, ihre Stellung gegenüber der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung und den bürgerlichen Parteien zu verschleiern oder zu verrücken. Bebel. Zur Resolution sind inzwischen folgende Ainendentents be- antragt: Int letzten Absatz statt der Worte:„iveder ihr Programm" zu sagen:„iveder ihre grundsätzliche Anffassuna": im Absatz 4 hinter dem Worte:„Wirtschaftsgenossenschaften" einzufügen die Worte:„die auf Organisation des Konsums begründet find"; antzerdem dem Absatz 4 den Satz hinzuzufügen:„Zu verwerfen ist unbedingt die Gründung von Genossenschaften zur ausschließlichen Organisation genieinsamer Produktion." Schlutz 1 Uhr. Nachmittagssitmug 3V4 Uhr. Bebel ährt in seinem Referat fort: Zunächst eine kurze Bemcrknug zu den Acutzcrungcn Davids. Ich habe Ihnen heute morgen gesagt, über die theoretischen Fragen würde ich wenig sprechen, über die praktischen Fragen— nämlich über alle?, was mit unserem Programm zusanimcuhängt— viel; dagegen über die taktischen Fragen wollte ich nicht viel sprechen. Bernstein und der Klassenkampf. Ich komme zu der Stellung Bernsteins zimt Klasstvkampf. Ans der Ueberschrift des betreffenden Kapitels müßte man ent- nehmen, daß er seine Stellung zum Klassenkampf gegenüber Marx klar und prncis entwickeln würde. Das ist aber nicht der Fall. Auf Seite 83 tind 89 kommt er zu dem Schlüsse, eine geschlossene Ar- beiterklasse mit ausgeprägtem Klassenbewußtsein gebe es nicht. Auf eine Frage Kantskys, wie er eigentlich zum Klassenkampf stehe, antwortet er in zwei Artikeln in Nr. 45 und 46 der„Neuen Zeit", betitelt: Klasscnkampf-Dogma und Klasscnkainpf-Wirklichkcit. Schon eine merkwürdige Ueberschrift; ein Klassenkanipf-Dogma hat bei uns nie existiert; es dürfte Bernstein sehr schwer fallen, aus der deutschen Gewerkschaftsbewegung Beispiele für seine eigentümliche Auffassung anzuführen. Nun sollte die Antwort doch eine einfache, ganz klare sein können, in 16 Zeilen zu geben sein. WaS schreibt aber Bernsteitt in den zwei Artikeln? Von einer klaren Antwort ist keine Rede; da aber für die Zugehörigkeit zur Socialdcmokratie die Frage von Wichtigkeit ist, wie man zun: Klasienkampf steht, erklärt er in einem Artikel: „Meine Stellung zum theoretischen Teil des Erfurter Pro- gramms" am 3. September im„Vorwärts", der Klassenkampf sei ein viel komplexeres Phänomen, als der Paragraph erkennen lasse, jedenfalls aber ignoriert er nicht mehr den Klassen- kämpf, er erkennt ihn als eine unbestrittene Tbatsache an, er sieht auf dem Boden des Klassenkampfes. In dem Bestreben, die Gegensätze zu mildern, abzuschleifen— zu vertuschen möchte ich sagen, ivenn es nicht zu hart klänge,— erklärt er, der Klassenkampf nehme mildere Formen an. Den Satz o ausgesprochen, erkenne ich an. Wir sind überhaupt milder geworden, Iveil wir civilisierter geworden sind, oder mensch- licher, besser gesagt. Man hängt und verbrennt jetzt niemand ittehr wegen seiner politischen oder religiösen Ueberzeugung, die Arbeiter zerstören doch nicht mehr die Fabriken, welche neue Maschinen einführen. Wenn also die Formen des Klassenkampfes heute menschlicher ge- worden sind, so ist damit nicht gesagt, daß die Klassengegensätze milder geivorden sind. Das gerade Gegenteil ist der Fall. Die Erfolge der englischen Gewerkschaften sind die Folge langjähriger Kämpfe. 1898 Ivaren'S3 Proz. der Streiks der deutscheu Arbeiter Abwehrstreiks, und das im Jahre der grötzten Prosperität. Die Thatsachen zeigen eine Verschärfting der Klassengegensätze. Wir befinden uns in einer Zeriode der Prosperität, Ivo die Unternehmer, die hohe Profite machen, viel eher geneigt sind, den Arbeitern entgegen- zukommen. Wie aber Iverden sich die Dinge stellen, wenn es zunt industriellen Niedergange kommt? Dann werden die Unternehmer alles daran setzen, die Lebenslage der deutschen Arbeiter herunterzudrücken und unsere Gewerkschaften werden im Widerstande dagegen ihre ganze Kraft einsetzen müssen. Die rob-Lichtcrselde. Für den Inserate»!«! verantwortlich: 16. Glocke in Ber Klassengegensätze verschärfen sich.— In derselben Richtung wirkt eine Erscheinung, über die in nnsereu Kreisen selber noch Meinttngsversckiiedeuheiten bestehen. Ich meine die Trusts und Kartelle. Sie wcrdcit den Arbeitern und ihren Organisationen sehr gefährlich werden und schwerwiegende Kämpfe werden zwischen beiden Parteien entbrennen. Die Organisation der Unternehmerklasse hat in den letzten fünfzehn Jahren Iveit größere Fortschritte gemacht, als die Organisation der Arbeiterklasse. Gewiß haben auch unsere Gewerkschaften sich erfreulich entwickelt; sie sind mächtig lind einflußreich geworden; Thatsache ist, daß die Zahl der Unternehmer, die in geschlossenen Organisationen stehe», größer ist als die der Arbeiter, und daß ins- besondere die Orgauisation des Großunternehmertums in Kartellen, Trusts usw. der Arbeiterschaft noch sehr schwere Kämpfe bereiten wird. Geschlossen sind sie ja zunächst zu Zwecken der Prcisregnliernng und der Profitraten-Vermehrnng. Der Zweck ist aber der, daß sie Kampforganisationen gegen die Arbeiter werden mutzten. � Ginge es nach mir, so müßte ein Gesetz erlassen werden, das ebenso Ivie der Krnnkcnkassenzwang für jeden Arbeiter den Gewerkschaftszwang im Interesse der Besserung der Lebenshaltung einführt. Daran ist ja nun in der Zeit des Znchthauskurscs nicht zu denken. Ich stehe in meiner Ansicht über die Bedeutung, die die Kartelle und Trusts int Laufe der nächsten Jahrzehnte gewinnen werden, durchaus nicht allein. Schon 1894 äußerte sich Professor Bücher im Verein für Socialpoltik in Wien über die Unteruehmcrkoalitionen ganz ähitlich, und auch ein anderer Forscher auf diesem Gebiet, Dr. Pohle, vertritt ganz dieselbe Ansicht. Aber es sind nicht nur bürgerliche Schriftsteller, die so urteilen. Die Eheleute Wcbb sagen in ihrem Buche„Theorie und Praxis" folgendes(S. 93):„Wenn' dagegen die ganze Industrie in der Hand eines einzigen Großunternehmers liegt oder unter eine kleine Zahl nicht konkurrierender Unternehmer verteilt ist— besonders wenn das Monopol in irgend einer Weise gegen nette Partner geschützt ist— dann findet der Gcwerkverein. daß seine Methode der gegenseitigen Versicherung und kollektiven Vertragschlietzung so gut wie nutzlos sind. Das gilt z. B. für die großen Eisettbahti- Gesellschaften des Bereinigten Königreichs und einige der großen kapitalistischen Trusts der Bereinigten Slaatcu. Gegenüber den unbeschränkten Hilfsmitteln, der absoluten Willens- cinhcit dieser modernen indnstriellcuLeviathane, ist das Vicrtelmillioiis- vermögen"— Pfunde! englische Pfunde!— des reichsten Gewerkvereins und das Geschrei von ein- oder zlveihunderttausend hartnäckiger tmd erbitterter Arbeiter so wirkungslos, wie Pfeile gegen ein Panzer- schiff.... Wenn der Staat der Unternehmer ist, dann vermag der stärkste und reichste Gewerkverein so wenig seine Forderungen zu ertrotzen, wie der einzelne Arbeiter." Und weiter sagen sie auf Seite 217 ihres Buches:„Theorie und Praxis der englischen Getverkschnsten": „Die Stcllnng der Lohnarbeiter wird in den riesigen kapitalisii- scheu Korporationen dadurch verschlechtert, daß es an jeder wirk- samen Konkurrenz um ihre Dienste durch rivalisierende Unternehmer fehlt. Der Unterschied in der strategischen Stellung wird so über- wältigend groß, datz der Arbeitsvertrag überhaupt aufhört, im wahren Sinn deS Wortes ein Vertrag zu sein." Das sagen die Leute, die unzweifelhaft zu den wärmsten und begeistertsten Freunden der Gewerkschaftsbewegung gehören. WaS ich mit diesen Ansftihrnngcn will, ist ganz einfach: Es ist eine absolute Notwendigkeit, datz die Arbeiter sich in Gewerkschaften organisieren. Ich habe das bereits vor 36 Jahren nnsgefprochen. Aber angesichts des Bestrebens, die Dinge zu beschönigen, die Kämpfe so darzustellen, als würden sie immer milder, die Verhältnisse so zu schildern, als würden wir in immer leichterer Weise mit ihnen fertig werden, daß wir uns mit kleinen Reformen begnügen können, mutz doch darauf aufmerksam gemacht werden, was ich wiederholt gcthan habe: wir sind nicht über den Berg, wir stehen noch vor deni Berg, das- Schwerste steht uns noch bevor. Diese Organisationen werden uns kräftige Dienste leisten, aber es wird bedeutend mehr notwendig werden, als mau darzustellen versucht. Gcnosseitschaftöivese». ES ist ganz selbstverständlich, datz die Gewerkschaften an einer gewissen Stelle der Entwicklung mit der kapitalistischen Gesellschafts- ordnung einen Kampf auf Leben und Tod zu führcu haben. Damit komme ich zu der Frage des Genossenschaftswesens, das ja ebenfalls in der Beruftciiischen Broschüre einen großen Raum einnimmt und dem eine sehr hohe Bedeutung zugeschrieben wird. Bernstein geht sogar soweit, daß er die Geiiossenschasten als Hauptgrundlagederzu künftigen Gesellschaft betrachtet. Allerdings meint er, die Partei als solche solle sich mit der Gründung von Genossenschaften nicht be- fchäftigcn. Darin stimme ich mit ihm übercin. Nachdem aber der Parteitag zu Berlin 1893 Stellung zu den Produktivgenosseiischaften genommen hat und da wir heute zu der Frage Stellung nehmen müssen, könnten wir der Sache nicht aus dem Wege gehen. Es gab eine Periode, wo der größte Teil der deutschen Arbeiter entschiedene Gegner der Genossenschaften, namentlich der Konsumgeuoficnschasten, ivaren. Den Bestrebungen von Schulze- Delitzsch gegenüber war es selbstverständlich, daß Lasjalle entschieden Stellung zu dieser Frage nahm, und da die Theorie vom ehernen Lohngesctz eine der Grundsäulen seiner ganzen Lehren bildet, so lvar es nur konsequent, datz er bei allerAnerkennung derMühen. die sich Schulze- Delitzsch um das Zustandekommen der Genossenschaften gegeben hat und der kleinen Vorteile, die dadurch für einige Arbeiterschichtcn er- rungcn waren, doch erklärte, datz die Genossenschaften für die Arbeiter nicht in Frage kommen können, weil sie sonst von ihrem Wege abgeleitet und in Dingen ihre Kräfte vergeuden würden, die sie für andere Dinge weit besser verwenden könnten. Nun gab es ja von Anfang an in der deutschen Arbeiterbewegung zwei Richtungen: Die Lassalleaner und die Eisenacher. Wir haben niemals den ablehnenden Standpunkt Lassalles geteilt, auch nicht Marx, Engels und die Internationale. Kein internationaler Kongreß verlief damals, auf dem nicht die Gründung derartiger Genossen- schasten befürwortet wurde; ja vom Staate ivurde sogar die lieber- antwortung der Domänen zur Exploitierung durch die Arbeiter ver- langt. Darüber sind wir ja hinaus. Wir Eisenacher und später die Partei haben aber das Genossenschaftstvescu nicht � bc- günstigt. Wir standen ihm gleichgültig gegenüber. Die Konsum- vereine, der Leipziger, Dresdener, Zwickauer usw. wurden begründet und haben sich zum Teil sehr gut entwickelt, nehmen es zum Teil mit dem Genter„Booruit" in Bezug auf den Umsatz sehr gut auf. Keinem unserer sächsischen und sonstigen Freunden, die in den Konsumvereinen eine leitende Stellung einnehmen, ist es aber cin- gesallen, zu erklären, diese Genossenschaften müssen die Grundlage, den Embryo der socialistischen Gesellschaft bilden. Davon ist bis vor kurzem nie die Rede gewesen, und ich erkläre mich auch jetzt dagegen. Ein gut geleiteter Konsumverein wird 12 Proz. Dividende abwerfen, bei einem Jahresverbrauch von 466—666 M. pro Arbeiter. Eineit Lohnzuschlag von vielleicht 8 Proz., der sich dadurch ergiebt, ist gewiß ein großer Vorteil; aber anzunehmen, datz der ganze Be- darf der zukünftigen socialistischen Gesellschaft durch Konsum- und für die Konsumvereine arbeitenden Produktivgeuossenschaftcn be- friedigt werden sollte, das ist absolut unmöglich, und ich kann mir attch nicht denken, wie wir auf solche Weise die Groß- industrie in die Hände bekommen sollen; da müssen wir nach wie vor bei der„Frctzlegende" bleiben, um den schönen, geschmackvollen Ausdruck zu gebrauchen. (Schluß im Hauptblatt.) Berichtigung. Im Parteitagsbcricht in der gestrigen Nummer ist eine durch falsche Numerierung zweier Antrage hervorgerufene Unklarheit richtig zu stelle». In der ersten Beilage, zweite Seite, Mittelspalte, müssen die beiden in der Anmerkung abgedruckten An- träge die Nummern 38 und 39 tragen. In derselben Weise ist dies dann auch richtig zu stellen in der Bemerkung Singers in der- selben Spalte oben und dann nochmals im Hauptblatt, dritte Seite, erste Spalte, Zeile 18 von unten. in. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin- Nr. 238. 16. IlchtMg. 2, feilaae des Jotmiitlo" Krim KlbUntt Miwch. II. Oktolier 1899. Die„Harmlosen" vor Gericht. Siebenter Tng. Herr v. Mantcnffcl als Hypnotiseur. Nachdem Vorsitzender Landgcrichtsdircktor De»so die Sitzung Jim 9 Uhr eröffnet, wünscht Rechtsanwalt Schachtel einige Fragen an den Grafen Königs mark über einige Bemerkungen, die Herr v. Mantenffcl ihm gegenüber gemacht haben soll, zn richten. Der Präsident unterbricht den Verteidiger niit der Vemcrknng, der Ge- richtshof ist sich schon darüber schlüssig geworden, das; die ganze Mantenffelsche Angelegenheit hier nicht weiter berührt wird. Für da? Kollegium ist die Sache vollständig aufgeklart. Herr v. Man- icnsfel ist doch hier nicht Angeklagter!— Rechts- mnvalt Dr. Schachtel erwidert, daß es sein gutes Recht sei Fragen zu stellen, die er zur Aufklärung der Sache für notwendig erachte.— Der hierauf vorgerufene Graf von n v» i g s m a r k bekundet anf Befragen: Herr v. Mantenffel habe ihm gegenüber gesagt,„er habe den Befehl erhalten, in der Spiclerangelegenheit m ö g l i ch st scharf und schroff vor- zugehen' es sei auch schon durch verschiedene Personen festgestellt worden, daß Falschspicl getrieben worden sei."— Rechtsanwalt Dr. © ch achtel: Ich habe noch eine Frage an Herrn v. Mantenffel zu richten. Ist es wahr, daß Sie, als Sie noch aktiver Offizier waren, sich mit H y p n o t i s i c r e n beschäftigt haben und im stände sind, Personen mit schwacher Willenskraft Ihrem Willen zu unterwerfen? — Zeuge v. M a nteuffel: Thatfächlich habe ich mich mit dem Hypnotisieren nicht bloß zum Vergnügen, sondern des Studiums lvcgen beschäftigt. Ich muß es aber durchaus ablehnen, daß mir, wie die Frage doch andeutet, hier untergeschoben werden soll, ich hätte dem Zeugen etivas suggeriert. Das muß für jeden, der mit Hypnotisieren zu ihn» hat, komisch wirken, denn die Hypnose hängt doch von ganz bestimmten Voraussetzungen und Bedingungen all Jeder, der etwas von der Sache versteht, weiß, daß es ein Unding ist, jedermann zu hypnotisiere».— Oberstaatsanwaltv e s e n und habe ihm noch über 700 M. herauszahlen müssen." Das Protokoll zeigt, daß der Zenge damals ausdrücklich bekundet hat, es sei sein Eindruck gewesen, daß Montaldi von den Angeklagten v. Kröcher und v. Kayser möglichst schnell weggeschafft worden sei.— Der Zenge erklärt hierauf: Nach dem Erscheinen dcS Artikels im „Tagebl." hatte damals alle mögliche» Momente als verdächtig betrachtet, die möglicherweise ganz unverdächtig ivaren.— Dr. Schachtel: Hat etlva Hr. v. Mantenffel vor Ihrer Vernehmung vor dem Unter- snchungsrichter mit Ihnen gesprochen gehabt?—'Zeuge: Nein. Mautenffels Bericht. Auf Autrag dcS Dr.Schachtelwird sodann der Bericht verlesen, den v. Mantenffel an den Untersuchungsrichter gerichtet hat. Es heißt darin Herr v. Zackieivski bittet durch mich, nachträglich noch etlvas mitzuteilen, was ihm später uocki eingefallen ist. In dem Bericht wird danu weiter gemeldet, daß v. Kröcher dem v. Z. gesagt habe. er und v. Kayser hätten dem Montaldi 700—800 M. gegeben, um ihn über die Grenze zu schaffen.— Zenge v. Z. bestreitet, daß er überhaupt dem Zeugen v. Mantenffel eine solche Bitte nusge- sprochcn oder von„über die Grenze schaffen" gesprochen habe.'— Zeuge v. Mantenffel: Graf Königsmark habe ihm bei einem Gespräch nntgeteilt, daß dem Zeugen' v. Z. noch nachträglich die Geschichte von den 7— 800 M. eingefallen sei. Er habe diese so aufgefaßt, wie es in seinem Bericht stehe.— Rechtsanwalt Dr. Schivi ndt: Die Verniutnng, daß Montaldi„über die Grenze geschafft worden", sei doch gestern vom Zeugen Montaldi unter seinem Eide klar widerlegt worden. Dagegen können doch die Eentiments, die der Zeuge v. Zachewski vor längerer Zeit ans Grund eines Zeitungsartikels angestellt hat, gar'nicht ins Gelvicht fallen. O b e r st a a t s a n lv a l t: Das wird unbedingt zugegeben. Mit Rück- ficht anf die anfgclvorfcneu Zweifel an derNotwrndigkeit derBerhaftung ist es aber wesentlich, festzustellen, lvie damals die Ansicht der am nächsten interessierten und den Angeklagten uahestcheuden Kreise war. Zenge Graf K ö n i g s m a r k erklärt auf Befragen, daß er mit dein Zeugen v. Zachewski über die Angelegenheit gesprochen habe. Er habe seines Wissens aber nur gesagt, daß v. Kayser und v. Kröcher dem Montaldi 7—300 M. gegeben hätten, aber daß er von einem „über die Grenze bringen" gesprochen habe, entsinne er sich nicht.— Zeuge v. Zachewski entsinut sich dieser Bemerkung ebenfalls nicht.— Oberstaatsanwalt: Herr Zenge, hat Graf 5l ö n i g S m a r k Ihnen nicht erzählt, daß er einen Brief an von Kröcher geschrieben habe, des Inhalts, daß derselbe in den Verdacht des gelverbsmäßigen Glückspiels kommen könne?— Z e u g c: Ja aber ich kann mich des Umstandes nur dunkel entsinnen.— Ober' st a a t s a n lv a I t: Haben die Angeklagten v. Kayser und v. Kröcher mit Ihnen darüber gesprochen?— Zeuge: Ich glaube mich zu cntsiunen, daß Herr v. Kayser sich mißbilligend über diesen an- geblich schlechten Scherz des Grafen Königsniark ausgesprochen hat.— Kein Falschspiel. Der Vorsitzende richtet zwischendurch die Anfrage an den Ober- staatsanwalt, ob denn überhaupt noch der Gesichtspunkt des F n l s ch s p i t l e n s, d. h. des Betruges, von der Anklage aufrecht erhalten oder fallen gelassen werde.— Oberstaatsanwalt Dr. Jsenbiel: Er habe durch eine ganze Reihe von ihm an- geregter Feststellungen schon zu erkennen gegeben, daß er auf diesen Punkt kein Gewicht mehr legt, er könne aber offiziell nichts von der Anklage fallen lassen, müsse sich vielmehr daS Weitere für das Plaidoycr vorbehalten.— v. K ay s e r läßt sich durch den Zeugen v. Zachewski bestätigen, daß niemand Herrn Wolff für einen gcwerbsmäßigeu Glücköspielcr habe halten können und daß folgender Gesichtspunkt besprochen worden sei: Wenn wirklich Uurcgelmäßigkcitcu vorgekommen waren. dann sei es im Interesse der' 200 in die Sache verwickelten Offiziere und Beamten dringend geboten, dafür zu sorgen, daß die Artikel dcS„Tagebl." aufhörten. Ei» Zusaunneustost. Alsdann tritt Zeuge v. Mantenffel vor und erklärt mit erhobener Stimnie: Es scheine, als ob ihm wieder unterstellt werden solle, er habe wider besseres Wissen einen falschen Bericht an den Untersuchungsrichter geschickt. Dem müsse er auf das bc- stimmteste widersprechen! er habe ans der Unterhaltung mit dem Grafen Königsmark unbedingt den Eindruck gewonnen, daß v. Kröchcr und v. Kayser den Montaldi über die Grenze geschafft haben. Er müsse dagegen protestieren, daß fortwährend die schwersten und e h r e n k r ä n k e n d st e u Vorwürfe gegen ihn er- hoben werden.— Rechtsanwalt Dr. Schachtel beantragt, nochmals festzustellen, daß weder Graf Königsmark noch v. Zachewski Herrn v. Mantenffel etwas von„über die Grenze schaffen" gesagt haben. Es kommt über diesen Antrag zu einer lebhaften Scene zwischen deni Vorsitzeuden und Dr. Schachtel, worauf die Mittags- pause eintritt. Frida Vogt. Nach Wiederausnahme der Sitzung folgt die Vernehmung der Frau Frieda Vogt. Sie giebt an, daß sie mit einem Hauptmann verheiratet gewesen sei. Die Ehe sei geschieden. Als sie in Frank- furt a. O. als Schauspielerin thätig gewesen sei, habe sie Herrn v. Kayser kennen gelernt und sei zu ihm in nähere Beziehungen ge- treten. Danu habe sie eine kurze Zeitlang beim Rcsidcnz-Thcater in Berlin Stellung iune gehabt. Ein intimes Verhältnis sei sie erst im Sommer 1896 mit v. Kayser eingegangen. Sie habe damals ein Kapital von 15 000 M. besessen'. Da die Zinsen nicht aus- reichten, habe sie das Kapital angreifen miiffcn, sodaß sie gegen- wärtig noch etwa 10000 M. besitzt. Herr v. Kayser habe keine großen Aufwendungen für sie gemacht, nur vorübergehend die Miete bezahlt. Sie habe auch in Ems Stellung gehabt, von dort habe v. Kayser sie abgeholt. Ebenso habe derselbe sie von Baden-Badcn abgeholt, wo sie sich mit ihrer Schwester befand. Hier habe Herr v. Kayser ihre Rechnung beglichen. Dann sei sie etwa ein halbes Jahr in Lübeck als Schauspielerin thätig gewesen.— Präs.: Herr v. Kayser soll Sic dort häufig besucht haben?— Zeugin:, Etwa alle drei Wochen.— Präs.: Sie sollen damals sehr reiche Toiletten getragen haben?— Zeugin: Nein, wenigstens nicht auffallende. — Präs.: Es wird behauptet, daß Herr v. Kayser Ihnen damals einen regelmäßigen Zuschuß von monatlich 150 bis 200 Mark ge- geben habe.— Zeugin: Der Zuschuß war kein regelmäßiger. — Präs.: Als Sic wieder nach Berlin kamen, haben Sie eine Wohnung in der Lüuebnrgcrstraße bezogen?— Zeugin: Ja. Präs.: Wer hat die Wohnung eingerichtet?— Zeugin: Ich allein, von meinem Gelde. Ich hatte damals bei der Deutschen Bank ein Depot gehabt und habe dort noch heute ein Konto. Ich habe die Mobilicn selbst bei Pfaff für 4000 Mark gekauft. Die Zeugin beklnidct weiter, daß sie in der Lüneburgerstraße zusammen mit Herrn v. Kayser gewirtschaftet habe. Er habe ihr einige Monate hindurch 400 Mark.Wirtschaftsgeld gegeben. Die Wohnung habe 1500 oder 1600 Mark gekostet und von den 400 Mark mußte sie Miete und Wirtschastsnnkosten bestreiten. Herr v. Kayser habe ihr keineswegs große Geschenke gemacht, an ihrem Geburtstage habe er ihr allerdings eine Brillantbroche und zn Weihnachten eine» Brillantriug geschenkt. Die Brosche schätzte sie auf 400,—, den Ring anf 350 M. Am I. Oktober habe sie die Gemeinschaft mit Herrn v. Kayser auf- gegeben und sei zn ihrer Schwester gezogen. Wenn Herr v. Kayser durch Spielverlust in Verlegenheit geraten sei, habe sie ihm mit Geld ausgeholfen, freilich habe er gesagt, daß er sich auch an seine Mutter hätte wenden können. Zuletzt habe sie ihm 3000 Mark ge- liehen, die sie von der Deutschen Bank abgehoben habe. Herr v. Kayser habe keinerlei großen Aufwand getrieben, sondern sehr einfach und bescheiden gelebt. Er habe auch keinen intimen Verkehr mit den beiden Mitangeklagten gehabt; den Namen Wolff habe sie nicht einmal gehört, geschweige denn den perrn Wolff gekannt.— Der Angeklagte v. Kayser richtet an die Zeugin die Frage, ob jemals in der Wohnung in der Lüneburger- traße gespielt worden sei.— Zeugin: Nein, niemals!— v. Kayser: Ist der Zeugin bei ihrer Vernehmung gesagt, worden, ich hätte bereits gestanden, mit Herrn Wolff sehr intim gewesen zu sein?— Zeugin: Das hat mir Landgerichtsrat Herr gesagt. Es werden hierauf mehrere Offiziere vernommen, die mehr oder weniger oft mitgespielt haben. Der eine Zeuge v. P u t t k a m e r bekundet, daß Herr v. Kröcher einmal einen„sehr netten Herrn" avisiert hatte, den er in das'Savoy-Hotcl mitbrachte und als Herrn Wolff vorstellte. Wolff habe den Eindruck eines anständigen Mannes gemacht, zudem sei er ja durch Herrn v. Kröcher sanktioniert worden. so daß Verdacht gar nicht erregt werden konnte. Der Zeuge be- ziffert seine Spiclverlustc im ganzen anf 10 000 M., die er aber nicht etwa an die Angeklagten allein verloren habe. Besondere Be- ziehnngen zwischen v. Kröchcr und Wolff sind von dem Zeugen nicht beobachtet worden, dagegen wird bestätigt, daß Wolff bei dein Eröfsnungsdincr bei einem ganz erheblichen Gewinn die Hälfte in die Pinke gelegt hat. Auch der Zeuge v. P. erklärt, wie schon ver- schiedene der Vorzeugen, daß in seiner ersten protokollarischen Ver- uehniung manche Ausdrücke irritierter zu Papier gekommen seien, als sie nach der Sachlage verdienten. Der Angeklagte v. K r ö ch e r betont, daß nicht e r den Zeugen v. P. nach dem Savoy-Hotcl gewissermäßen„verschleppt", sondern dieser ihn gefragt habe, wo au jenem Abend gejeut werde.— Der Zenge bestätigt dies.— v. Kröcher: Es wird gesagt, Hr. v. Schulz habe sehr viel und insbesondere an mich 15 bis 20 000 M. in einer Nacht verloren. Erinnert sich der Zeuge, daß Herr v. Schulz sehr riskante Spiele machte und die Mitglieder einmal völlig„rasiert" hatte?— Der Zeuge erinnert sich, daß v. Schulz einmal gewonnen und einmal verloren hat. Der Prinz von Kobnrg- Gotha. v. Kröcher: Ist der Zeuge nicht der Ansicht, das das Märchen. ich hätte von einem verstorbenen Prinzen eine enorme Summe gewonnen, mich in den fälschlichen Verdacht gebracht hat, ein gewerbsmäßiger Spieler zn sein?— Zeuge: Das Gerücht über den Gewinn ist auch mir zu Ohren gekonimen. Ich habe Herrn v. Kröcher gefragt, ob etwas Wahres daran sei und er hat mir die Sache ganz anders dargestellt. Nach seiner Auffässung habe er mit dem Erbprinzen von K o b n r g- G o t h a zusammen gegen einen Dritten gespielt und dabei sei der Koburger bei ihm in die Kreide geraten.— Oberstaatsanwalt: Ich muß bei dieser Gelegenheit erklären: Mir ist von authentischer Stelle mitgeteilt worden, daß jenes Gerücht ans vollständigem Klatsch bc- ruht, daß Se. Königliche Hoheit so enorme Summen nie verlorem hat und sich der höchste Verlust anf 3000 M. beziffert. � Ich halte' diese Richtigstellung im Interesse des Andenkens Er. König!. Hoheit für notwendig. Noch zwei Edelste und Beste. Zeuge Freiherr Ernst v. G e r s h c i m, der seit 2Vs Jahren diesen Dingen ganz fern steht, giebt als Grund des Auszuges aus dem Victoria-Hotcl an, daß der' Wirt das Spiel nicht mehr erlauben wolle. Größe Gewinne und Verluste seien nicht vorgekommen, bald habe der eine, bald der andere„bluten" müssen. Aufgefallen sei ihm nichts. Der ihm wohlbekannte v. Kayser habe stets ein einfaches Lcbem geführt.— Auch diesem Zeugen wird seine frühere Aussage� vor- gelegt, worin es heißt:„v. Kayser habe über seine Verhältiusse ge- lebt." Der Zeuge will dies nur anf die Spiclverlustc bezogen haben. Auch in einem Brief an Herrn v. Mantenffel vom März er. hat Zeuge gesagt, v. Kayser habe Ausgaben gemacht, die seine Zu- läge bedeutend überschritten. Auch dies will er nur auf daS Spiel bezogen wissen und meint, daß seine Aussage doch vielleicht nicht gerade so aufgenommen sei, wie er sie gemeint habe. Graf B o tz i n g ist durch einen Herrn von der östrcichischen Botschaft vor drei Jahren in die Spiclcrgcscllschaft eingeführt worden. Er hat Verluste bis zu 5000 M. gehabt. Etwas Verdächtiges� ist ihm nicht vorgckomiiicn. Wolfs sei ein freundlicher Herr gewesen, der viel von' seinen Reisen in Japan und China erzählt habe.— Präs.: Im Zuchthanse ist er auch gewesen, davon hat er wohl nichts erzählt?— Zeuge: Nein.(Heiterkeit.) Darauf wird die Verhandlung bis Mittwochmorgen 9 Uhr vertagt. Zum ÄS jährigen Jubiläum des Welt-Postvereius. Am 9. Oktober 1874 wurde in dem Stäudchause zn Bern der Allgemeine Postvereius-Vertrag unterzeichnet. 22 Staaten hatten sich damals zu dem Verein zusammeugethan, der sicki anfangs„All- gemeiner Postvcrcin" nannte, aber bereits. 1878 sich„Welt-Post- verein" nennen durfte. Alle Länder, die überhaupt ein geordnetes Postwesen besitzen, sind nach und nach in de» Kreis des Welt-Post- Vereins einbezogen worden. Von allen Kultnrstantcu steht heute nur noch China außerhalb dcS Vereins, doch ist auch deren Beitritt auf dem letzten Postkongreß angebahnt und vorbereitet worden. Mit China wird der Welt-Posivercin ein Gebiet von 113V2 Millionen Quadratkilometer mit 1396 Millionen Bewohnern umfassen. DaS Archiv für Post und Tclegraphie bringt zum 25. Jahres- tage der Begründung dcS Weltpostvereins eine Uebcrsicht über die Entwicklung desselben, über die fortschreitenden Verbesserungen, die er dem internationalen Verkehr gebracht. In den 22 Staaten, die den Allgenicinen Postvercin begründeten, bestanden nicht weniger als 1264 Bricfportosätze. Der Weltpostverein hat einheitliches Porto festgesetzt. Die wichtigste Borbcdiiignng hierzu war die Freiheit deß Transits innerhalb des gesamten VereinsgebieteS. die durch den Vertrag festgesetzt wurde. Früher ließen sich die einzelnen Regierungen das Durchgnngsrecht nach dritten Ländern bezahlen, und zwar meist recht beträchtlich. Dieses stäudigeVcrkehrshemmnis Haider Wcltpostvcreig beseitigt. Die Uncutgeltlichkeit dcS Transits hat er freilich bis jetzt noch nicht erreichen können. Indessen sind die Entschädigungen der» niaßen herabgesetzt worden, daß sie keine verschiedene Tarificrung mehr erforderten. Der größte Schritt zur Ermöglichung einer ungehemmten Ent- Wicklung des Weltverkehrs wurde aber durch die Lösung der Ab- rechuungSfrage gethan. Es wurde einfach der Grundsatz auf- gestellt: jede Abrechnnilg über Porto kommt in Wegfall: )cdc Verwaltung behält unverkürzt die Beträge, die sie an Porto vereiniiahmt. Man ist dabei von der sehr richtigen Erkenntnis auS- gegangen, daß die Anzahl der Postsendungen hin und zurück im ivcscntlichen dieselbe ist. daß der Verkehr also für den einzelne» Staat eine Selbstregulicrung mit sich bringt, die jeden umständlichen AbrcchnnngSapparat überflüssig macht. ES ist unmöglich, hier atle die einzelnen Vorteile aufzuzählen, die der Weltpostverein dem internationalen Verkehr gebracht hat. Sie sind so groß und so grundlegend, daß man heute, nachdem sie ich durch 25' Jahre eingelebt haben, den primitiven Zustand vordem mr schwer sich mehr vorstellen kann. Nur ein Punkt ist noch bc- anders hervorzuheben: nämlich die Einwirkung des Weltpostvereins auf den inländische» Postverkehr. Nach dem Weltpostvcreins-Vertrage bleibt die interne Gesetzgebung jedes Landes zwar vollständig unberührt. Es liegt aber anf der Hand, daß jede Verbesserung' im Weltpost- Verkehr auch eine Verbesserung im Jnlande nach sich ziehen mußte, da die öffentliche Meinung eine Benachteiligung im Innern nicht lange dulden konnte. So entstand allmählich eine Homogenität, wenn sie auch noch nicht vollkommen durchgeführt ist. So B. besteht' jetzt noch die Bestimmung, daß Manuskript- endungen zu ermäßigtem Porto(Geschäftspapiere) nur nach dem Ausland zulässig sind, so daß man also ein Manuskript von Berlin nach Paris um einen geringeren Preis hinsenden kann, als nach Charlottenburg. Doch hat bei Beratung der neuen Post- gesetze Herr v. Podbielski bereits die Abstellung dieser Anomalie in Aussicht stellen müssen. lleDcvblidt innn die Leistungen der 25 Jahre, so wird man bei aller Nnerkenimng sich doch nicht verhehlen können, daß zn einem wirklich idealen Weltpostvcrkehr erst der Grund gelegt ist. Bor allem not- wendig erscheint n»s eine internationale Regelung desjenigen Berlchrs- zweigeS, dem die Zukunft gehört: dcS Telegraphen- und Telephon- tvciciis. Unseren Konservativen freilich, denen man eine allzu große Bcrtehrsfrenndlichkcit überhaupt ja nicht nachsagen kann, ist vielleicht jetzt schon zu viel geschehen. Bor allem will ihnen die ideelle Bedeutung de? Weltverkehrs, die geistige Annähenmg der verschiedenen Nationen n.nd die dadurch erleichterte Jntcressensvlidarität der glcilhcn Klastcn in den verschiedenen Staaten, gar nicht gefallen. Die.5irciiz-Ztgll' macht in ihrem JnbilänmSartikel über diesen Punkt einige sauer- süße Bcrncrknngen und meint, daß eine wirtschaftliche Einigung der Nationen„vorläufig keineswegs als ein wünschenswertes Ztel" erscheint. Nun, zum Glück ist die Entwicklung des Weltpost- Vereins nicht in die Hände der preußischen Agrarier gelegt. Und so wollen wir denn hoffen, daß er auch künftighin, und vielleicht noch in oeichl.u.igtcm Tllmpo, seine über den ganzen Erdball sich erstreckende Kulturmission zu erfüllen bestrebt sein wird. Militärboykott. Der Wirt des Schützcnhauses in Wilkau bei Zwickau(Sachsen) hat zlvar in seinem Lokal den„Vorwärts" und das«Sachs. Bolksbl." ausliegen, weil bei ihm außer anderen! Publikum auch Soeialdemokrateu verkehren, hat aber seinen Saal den Genossen zu Versammlungen verioeigcrt. Trotzdem ist ihm �ctzr die Militärmusik, die er bisher immer erhalten hat, verweigert worden. Der Wirt wird seiner Existenz ivcgen nun auch die soeralistischeu Blätter entfernen müssen und der Staat ist wieder einmal gerettet. Arbeit crnuterdriickung i» Finnland. Obivohl die finnischen Kapitalisten zur Zeit doch kennen lernen, wie Unterdrückung, Hemmung berechtigter Bestrebungen' wchthnt, sind sie doch darauf ans, ihren Arbeitern noch die wenigen Rechte zu schmälern, die sie dorr haben. So haben neulich die größeren Arbeitgeber in Helsingfors eine g e h e i ni e B e r s a in m l n n g abgehalten, von der in die Presse natürlich keine Berichte gedrungen sind, in der aber beraten wurde über„Maßnahmen gegen die wachsende Organisation der Arbeiter". Die erste Folge dieser Versammlung ist, daß zwei Arbeiter entlassen sind, die beiden Vorstandsmitglieder des Eisen- und Metallarbeiter- Verbandes. Als sie fragten, warum sie gekündigt würden, sagte mau ihnen rund heraus:„Das wißt Ihr wohl selbst!" Wenige Tage später erhielten weitere Mitglieder des Lokalvcrbandcs, »wegen mangelnder Arbeit" den Abschied. . In Kofka hat der Magistrat die Heransgabe eines so ei a- I l st i s ch e n Blattes unmöglich gemacht, lveil nnscrni Partei- genossen Pylkös, der ein solches begründen wollte, die notwendige Konzession versagt wurde:„Es fehle ihm an der Bildung", anch fei er ein„Bolksanfwiegler". Das zu einer Zeit, da alles jammert über die Unterdrückung der Presse durch die Regierung. Natürlich hat auch unsere Partei unter der russischen Unter- brnckung zn leiden. So ist unser Hauptorgan„TyönneS" auf vier ffikoirntc„eingezogen", weil es einen Artikel gegen die Arbeitgeber brachte, die russische Arbeiter als Streikbrecher importierten. Vvlilritiches, Grrlchtlichrs ustu. — Der frühere Ncdactcnr des„Delmcnhorstcr Volks- vlattcs" A u g. M e y e r, wurde in der BenifungSinftanz von der Strafkammer des Oldenbnrgcr Landgerichts unter Aufhebnng des 14 Tage Gefängnis lautenden Urteils des Delmcnhorster Schöffengerichts zu öv M. Geldstrafe verurteilt. Das„Delmenhorster Volksblatt" hatte im Mai d. I. anläßlich des dortigen Formerstreiks die Eisengießerei von Bojnnka etwas unter die Lupe genommen, infolgedessen sich der Besitzer beleidigt fühlte. — Vom liebe» grobe» Unfug. In der„Thür. Tribüne" war vor Zuzug von Schloffern nach Weimar gewarnt worden. Dafür erhielt der Rcdactcnr, Genosse May, durch amtsgerichtliches Straf- Mandat 1 Woche Gefängnis zudiktiert. Er legte Berufung hiergegen ein und beantragte richterliche Entscheidung. Daß Gericht verurteilte ihn zu 50 M. Geldstrafe; es nahm„groben Unfug" an, lveil damit die Bevölkerung„bcnnrnhigt" worden sei. Selbstverständlich wird Berufung eingelegt, die ohne Zweifel anch Erfolg haben wird angesichts der Urteile, welche von höheren Instanzen in dieser Frage gefällt worden sind. — Ein arger Sünder ist der Genosse F e l d m a n n, Re- vactenr des„Proletarier anS dem Eulengebirge". Er hat dem- nächst noch drei Monate Gefängnis abzumachen. Einschließlich dieser Strafe ist Feldman» als Rcdactcnr des„Proletarier" mit ins- gesamt UO Monaten Gefängnis bestraft worden.— Ein Beweis, daß socialdemokratifche Preßsünder durch das Gefängnis nicht„gebessert" werden können. GemevKMÄfkliitzes. Verl!» und Ilmgegend. . Die Vcrgolder hatten kürzlich beschlossen, die Anerkennung cnics Minimallohnes von 24 M. und Erhöhung der bisherigen Löhne um 10 Proz. von den Arbeitgebern zn fordern. In einer ani » Sonnabend stattgehabten öffentlichen Versammlung lvurde berichtet, daß Verhaiidlniigen zwischen der Gehilfenkommission und deni �nnungsvorstande stattgefunden haben, daß letzterer sich aber mir zu einer ö'/rprozentigcn Lohnerhöhung und Anerkennung des Minimal- ivhnes von 24 M. an leistungsfähige Gehilfen bereit erklärt hat. Die Versammlung beschloß, an der ursprünglichen Forderung von 10 Proz. festzuhalten. Die Kommission wird sich nochmals mit der Innung in Verbindung setzen, und von dem Ausfall der erneuten Verhandlungen wird das weitere Vorgehen der Gehilfen abhängig gemacht werden. Die Lohnbewegung der Putzer kann, wie ans den Dar« lcgnngen der Kommission in einer Versanimlnng der Putzer am Sonntag hervorging, als durchaus gelungen angesehen lverden. Jetzt kpinnie es daraus an, sich die Errungenschaften für die Dauer zn er« halten. Da dies aber nur möglich ist durch eine starke und leistungs- fähige Organisation, da eS aber immer noch Kollegen gebe, die sich den Pflichten gegenüber der Allgemeinheit zn entziehen suchen, so soll aiif den Bauten eine regelmäßige Kontrolle darüber geübt lverden, ob die Kollegen auch ihren OrganisationSpflichten nachkommen. Weiter soll streng darauf geachtet werden, daß nicht— wie es mehr- fach vorgekomnien sei— durch Unterzeichnung von Sonderverträgen seitens der Arbeit annehmenden Kollegen die Fordernngen der Putzer umgangen werden. Vor allem aber nillsse darauf gehalten werden, daß die Bezahlung der Hilfsarbeiter auch wirklich durch die Unter- nehmcr erfolgt. Achtimg, Holzbildhaner! Zu den wegen Nichtbewilligung der Forderungen bereits als gesperrt bekannt gegebenen Firmen ist noch die folgende getreten: Höhne u. Krämer, Krantftr. 62. Die Lohnkommission. Achtung, Kofferniacher, Täschner, Sattler! In der Werk- statt von Einbrodt u. Kalb, Alte Jnlobstr. SS, legten 10 Mann die Arbeit nieder wegen Maßregelung eines Kollegen, der die Interessen seiner Kollegen wahrnahm, indem er um Abstellung einiger Uebel« stände vorstellig wurde. Zuzug ist fernzuhalten. Die Lohnkommission. An die Bürsten und Pinselmacher! Kollegenl In der letzten gut besuchten Versammlung habt Ihr Euch durch einstimmige Annahme einer Resolution verpflichtet, Mann für Mann dem Deutschen Holzarbeiter-Berband beizutreten. Wir erwarten nun von Euch, Kollegen, daß Ihr diesem Versprechen nachkommt. Ferner sei noch ans die am 1. Juli d. I. in Kraft getretene Bundesrats-Ver- ordnung hingewiesen, welche zum Schutze aller in der Bürsten« und Pinselmduftne beschäftigten Arbeiter nnd Arbeiterinnen erlassen worden ist. Bis heute ist von den Wirkungen derselben noch nicht» zn merken, es ist daher Pflicht aller Kollegen, für volle Durch- sührung dieser Bestiminnngen Sorge zu tragen. Die Werkstatt« Kon t r.o l l k o m in i s s i o n. Für die Rabitzspanncr sind die nachfolgenden Firmen noch immer gesperrt: Wagenknccht, Stiepe, Günther Mio Soldivcdl und Schulze- Charlottenbnrg. Die Lohnkommission. TrutschcS Reich. An die Arbeiter Deutschlands! Bei der Firma Leloh Gebrüder, Voxhagen 10, Rummelsburg bei Berlin, sind sämtlich« Arbeiter gcmaßrcgclt worden. Dieselben erlaubten sich die Drcistigkei!, am ö. d. M. vornnttags dem Uiiternchmcr Herrn Lelvy folgende Forderungen zn»nterbreitcn. Die Packer genannt Meister haben einen Verdienst von 20.63 M. pro Woche nnd forderten 24 M. Die Bodenarbeitcr erhielten 17,68 M. und forderten 21 M. pro Woche; außerdem hauptsächlich menschenwürdige Behandlung, da die Herren Expedienten Bermann nnd Katzki Ausdrücke wie:„Faule Bande, freche Gefellschaft, Gesindel usw. als stehende Redensart ihren Arbeitern gegenüber sich gestatteten. Außerdem wurde Abschaffung der Ucbcrftnnden sowie der Aecordarbeit gefordert. Die Arbeit bei obiger Firma ist eine äußerst anstrengende nnd nn- gesunde f aus aller Herren Länder werden die Rohprodutte, Lumpen u. s. w. nach Boxhagen transportiert, um dort sortiert und ver- arbeitet zu werden. Die Arbeitskräfte sind also demnach bedeutend billiger in Deutschland als wie in Rußland und anderen Staaten, denn hier lverden die Rohprodukte nur verarbeitet, verpackt und wieder zurückgesandt. Die betreffenden Arbeiter können nur fünf bis sechs Jahre in dicsenBctrieben beschäftigt werden, da sich dann besondere Berufskrankheiten wie Schwindsucht und andere herausstellen, welche durch den Lnmpenstanb erzengt werden. Not, Krankheit nnd Elend ist bei diesen Arbeitern beständiger Gast. Die Herren EhesS leben im größte» Wohlstand, bewohnen in den besten Vierteln Berlins Villen und führen einen äußerst ansgedehnkcn Hansstand, ffo da also der Verdienst ein sehr großer sein muß. Am Montagvormittag war die Kommission, bestehend aus drei Arbeitern, sowie dem Vertreter des Verbandes aller im Handel- und Transport- gcivcrbe beschäftigten Hilfsarbeiter Berlins nnd Ilmgegend, dem sämtliche ausgesperrten Arbeiter angehören, vorstellig. Den Mitgliedern der Kommission erklärte Herr Lewy, daß er nicht bereit Iväre, anch nur ein Jota von den Forde- r u n g e n zu b c>v i l l i g e n. Am Abend desselben Tages wurden sämtliche Arbeiter gemäß- regelt. Die Organisation versuchte wiederholt friedlich zn verhandeln, ihr lvurde jedoch in brüsker Weise der Bescheid, daß die Firma sich reichlich Arbeitskräfte aus Königsberg i. Pr. beschaffen würde. Die Stimmung unter den Ausgesperrten ist eine vorzügliche nnd glauben dieselben nicht, daß es möglich sein wird, Ersatzlräste von Königs- berg herbeizuschaffen. Alle interessierten Arbeiterkreise werden dringend gebeten, Zuzug fernzuhalten. Der Vertrauensmann aller ini Handels- nnd Transportgewerbe beschäftigten Hilfsarbeiter Deutschlands. Alle Arbeiterzeitungen werden um Abdruck gebeten. Die Gewerkschaften Altonas haben beschlossen, ein A r b e i t e r s e k r e t a r i a t zu errichten. Zur Deckung der Unkosten hat jedes Mitglied der Gewerkschaften ivöchentlich' 2 Pf. beizutragen. Fnstangcl und Brust. Bochum, 8. Oktober. sEig. Ver.) Das Tischtuch zwischen Fußangel, dem Leiter der„Westdeutsch. Volks- Zeitung", nnd Brust, dem Führer des christlichen GewerkvereinS, ist nach den neuesten Kundgebungen des„Bergknappen" und der oben- genannten Zeitung vollständig zerschnitten, was jeder aufrichtige Freund der deutschen Bergarbciterbclvegnng nicht bedauern wird. Die neueste Nuinmcr der„Westd. Bolksztg." überschüttet Brust, der die Antlvort auch niemals schuldig bleibt, mit den größten Liebcns- lvürdigkciten, beschuldigt ihn, daß er Material zur Zuchthausvorlage liefere, weil er für Bekämpfung solcher Arbeiter eingetreten, die sich keiner Organisation anschließen wollen, behauptet weiter, daß er„social- demokratische Purzelbäume" schlage, nnd stellt fest, daß zwischen dem socialdeinokratisch-anarchistischen Gcbahren des Herrn Brust und der katholisch-christlichen Auffassung der Koalitionsfreiheit eine abgrmid- tiefe unüberbrückbare Kluft vorhanden sei. Zum Schlüsse bricht sie in einen herzbrechenden Stoßseufzer aus, der schon mehr einem Baimstrahl ähnlich sieht. Sic schreibt:„Die Idee, einen Gcivcrkvcrcin christlicher Bergarbeiter zn gründen, war aus- gezeichnet; nur hätte man nicht den Bock zum Gärtner machen sollen. Wie die Dinge jetzt liegen, muß den katholischen Bergarbeitern dringend abgeraten werden, diesem Geivcrkvcreine beizutreten, so lange nicht in der Leitung desselben nnd seines Organcs gründlich Wandel geschaffen worden ist." Und das alles, weil Brust nnd der von ihm geleitete GeWerk« verein in Knappscbasts- nnd Berg-Gewerbegerichts-Angelegenheiten mit dein„Deutschen Berg- und Hüttenarbeiter- Verband" Hand in Hand geht. Aus obigen Ergüssen aber ersieht man deutlich die psäffischc Unduldsamkeit und' die Gefährlichkeit der koiifessionellen Verhetzung für eine gesunde, erfolgreiche Arbeiterbewegung. Der Streik der Klempner nnd Installateure in Köln ist insofern beendet, als über die wenigen Geschäfte, die noch nicht be- willigt haben, die Sperre verhängt wurde. Zn der Bcilcgniig des Kölner ZimmcrcrstrcikS wird uns geschrieben, daß die Abniachungen vor dem Gcwerbcgericht nicht, wie ein großer Teil der deutschen Presse berichtet, bis 1S03, sondern bis zum 1. April 1901 gelten. Der Krefeldcr Färberstreik befindet sich noch immer auf dem alten Fleck. Die Finna B ü s ch g e n n. Sohn verhält sich nach wie vor strikte ablehnend; die Akttenfärberei hat wohl den Arbeitern das größte Entgegenkommen gezeigt, da aber bekannt, daß diese Firma mit Büschgen n. Sohn eng' befreundet ist, so kann auch bei ihr die Arbeit nicht aufgenommen werden, weil dadurch die Finna G. Büschgen u. Sohn die Möglichkeit gewinnen würde, den an sie gestellten Anforderungeil bezüglicb der Lieferung gefärbter Seide genügen zu können. Dieses müssen die Arbeiter aber unter allen Umständen verhindern, deshalb muß der Ausstand auch über die Firma Krefelder Seidenfärberei A.-G. fortbestehen. Mit allen möglichen Mitteln versucht man, einzelne Färber zur Aufnahme der Arbeit zu bewegen nnd hierin werden sie von verschiedenen Seiten unterstützt. Sogar die Armenvenvaltung ftihlt sich veranlaßt, von auswärts zu- gereiste und hier heimatsberechtigte Personen, welche um Unter- stütznng nachsuchten, mit der Begründung abzuweisen, daß in den vom Stteik betroffenen Betrieben Arbeit zn erhalten sei. Man ver- gißt von der Seite wohl, daß es unter den Arbeitern als ehrlos gilt, seinen kämpfenden Brüdern in den Rücken zu fallen und diesem Gefühle sollte man möglichst Rechnung tragen. Die Wahlen für das Gewerbcgericht in Wenige, ijena, welches mit dem 1. Januar 1900 in Thatigkeit tritt, hat mit einem vollständigen Siege der Gewerkschaften geendigt. Von 131 ab- gegebenen Stimmen fielen 108 auf die Gewerkschaftskandidatcn, ivährcnd sich die vom Ortsverband der Gewerkvereine aufgestellten Kandidaten, die nur die halbe Liste ausfüllten, mit 22 Stimmen begnügen nmßten. Anch die von den Gewerkschaften vorgeschlagenen Beisitzer aus den Kreisen der Arbeitgeber sind gewählt worden. Der Dresdener Manrerstreik hat wie vielleicht selten oder nie ein Streik vorher gezeigt, in welcher Weise man den Arbeitern das bißchen Koalitionrecht zn verkleinern und dem Zuchthauskurs Rechnung zu tragen sucht. Dieser Streik, der etwa zehn Wochen dauerte und in seiner größten Ausdehnung ungefähr 3600 Personen umfaßte, hat nicht weniger als 18 Gerichtsverhandlungen gegen Streikende wegen angeblicher Streikvergehen zur Folge gehabt, in welchen 21 Personen abgeurteilt wurden. Und zwar erfolgte in allen Fällen eine Verurteilung und keine einzige Freisprechung. Man verurteilte diese 21 Streiffünder zu ins« gesamt 2 Jahren 10 Monaten»Wochen Gefängnis, 0 Tagen Hast und 20 M. Geldstrafe. Die höchste Strafe betrug in zwei Fällen 6 Monate Gefängnis. Wegen Vergehens gegen den Z 1n3 der Gewerbc-Lrdiinng wurden ü Personen zu 2 Monaten 19 Tagen Gesäitgnis verittteitt da? höchste Strafmaß betrugen diesen Fällen 1 Monat Gesängms. Wegen„groben Unsugs"— islreitpostenstchen — verhängte man über 3 Personen die angeführte Haft- und Geld- strafe. Im übrigen handelt es sich um Delikte, die ans Grund des Strafgesetzbuches gesühnt wurden, wie versuchte»nd vollendete Nötigung, Bedrohung, HnnSfricdensbrnch, einfache Beleidigung. In Bezug ans letzteres Delikt sei bemerkt, daß gerade deshalb die höchsten Strafen verhängt wurden. Man verurteilte 4 Personen— darunter 2 Streiklcitcr mil je»Monaten— zu insgesamt 13 Monaten Gefängnis. ES handelt sich dabei um hannlose Schimpfereien, wegen welcher es sonst keinem Staatsanwalt einfallen würde, im öffent« lichcn Interesse Anklage zn erheben,. Ans dem Wege der Privatklage werden solche Schiinpfworte in der Regel mit einigen Mark Geldstrafe gesühnt. Auch bei den übrigen Delikten handelt es sich um recht harmlose Dinge; irgendwie e r n st e Ausschreitungen sind nicht in einem einzigen Falle zu verzeichnen. Darauf muß besonders hingewiesen werden, weil es sehr wahrschein- lich ist, daß man den Dresdener Manrerstreik wegen der vielen Ver« Handlungen und scharfen Verurteilungen als abichrcckcndes Beispiel bei einer späteren Befürwortung der Zuchthausvorlage hinstellen wird. Es sei mir daran kurz erinnert, daß die Angeklagten meistens ohne, in mehreren Fällen aber direkt gegen den Willen der an« gcblich Verletzten verurteilt wurden. Anöland. Tie Metallarbeiter in Quengnon, die seit vier Monaten im AnSstand sind, haben ein Telegramm an die Regicrmig gesandt, ivorin sie deren Schiedsgericht zur Beilegung des Ansstandes erbitten. Da W a l d e ck- R o u s I e a u von Paris abwesend ist, so wurde dem Gesuch noch keine Folge gegeben. In de» belgischen Kohlenreviere» machen sich wieder Ansslandsbeivcgungen bemerkbar. In L n t t i ch, Möns und Eh arler oi fanden in letzter Zeit viele Konferenzen statt, wobei sich die Arbeiter darüber beklagten, daß die Löhne nicht mit den Kohlenpreiscn im Einklänge ständen. Es i)t_ daher nicht unwahr» scheinlich, daß noch im Laufe dieser Woche in einige» Gruben die Arbeit niedergelegt werden lvird. Socinles« Mit der Fe»erbestatt»»g scheinen die kirchlichen Behörden Sachsens sich befreunden zu wollen. Die kirchliche Konferenz in Chemnitz beschloß folgendes: „Indem die sächsische kirchliche Konferenz von der an ihren Borstand gerichteten Mitteilung des evangelisch- lutherischen Landeskonsistoriums zum Puntt 1 ihrer Tagesordnung gern Kenntnis nimmt, richtet sie an dasselbe daS Gesuch:«Das cvangclisch-lnthcrische LandeSkonsistorium wolle der nächsten Landes- synode eifte* Vorlage zugehen, lassen, durch welche die Beteiligung der Geistlichen bei Trauerfeieni für solche, deren Leichen zur Ver« brennung abgeführt werden, abweichend von den bisher bereits er» gangenen Verordnungen und den im Widerspruch zu den evange« iischen Grundsätzen stehenden Beschlüssen der Eisenacher Kirchen« konferenz geregelt lvird bis zum Zusammentritt der nächsten Synode, aber' schon jetzt anordnen, daß Schriftvcrlcsung, Gebet nnd Halten einer Rede als zur seelsorgerischen Thätigkeit des Geistlichen gehörend angesehen und darum diesem bei den oben angeführten Trauerfeierlichkciten wieder gestattet werden." Bor Eröffnung der Diskussion teilte Herr Sup. Meyer mit, daß das evangelisch-lutherische Landeskonsistorium dem Vorstand der Konferenz mitgeteilt habe, daß die Frage der Feuerbestattung in der nächsten Landessynode wahrscheinlich zur Erörterung kommen werde. Volköbildnng nnd wirtschaftliche Entwicklung. Der Pro« vinzialverein hannoverscher Volksschnllehrer nahm auf seiner Ver« amnilung, die vom 3. bis 6. Oktober in Wilhelmshaben tagte, nachstehende Resolution an: Die 19. Versammlung deS Pro« vinzialvereins hannoverscher Bolksschullehrer hält eine Steige» rung der Volksbildung für notwendig, weil letztere eine der vornehmsten Quellen aller weiteren Entwick- l u n g ans Iv i r t s ch a f t l i ch e m Gebiet ist, indem sie die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Volkes erhöht, die materiellen Verhältnisse desselben bessert und so unscrm Volke eine gesicherte Stellung im Konkurrenzkampf der Nationen begründet. Es ist darum durch zeitgemäße Ausgestaltung und Ausstattung der Bildungsanstalten dem Volke Gelegenheit zu geben, sich in jeder Weise bilden zu können. Eine Denkschrift über Altersversorgung städtischer Ar« bester veröffentlicht der BrcSlaucr Oberbürgermeister Bender. In derselben wird die moralische nnd materielle Pflicht der Kommune pir Pensionierung der städtischen Arbeiter durchaus anerkannt. Die Sründe, welche das Recht auf Pension den festangestellten Gemeinde» ocamtcn gesetzlich zubilligen, treffen, wir die Denkschrift ausführt, .m wesentlichen auch bei den lange dienenden Arbeitern zu. Die PensionS Würdigkeit, die beim festangestellten Beamten in der Regel durch eine mindestens zehnjährige Dienstzeit bewiesen werde, ei bei dem freien Arbeiter, der über zehn Jahre an derselben Stell« gearbeitet habe, sogar in besonders hohem Maße anzunehmen. Innere Gründe für eine verschiedene Behandlung altgedienter Ar« beiter und altgedicntcr Beamten in Beziehung ans Alters« Versorgung ließen sich nicht beibringen. Eine klare, dem einfachen Verstände erkennbare Grenze zwischen der Klasse der„Ar- beiter" und derjenigen der„Beamten"— insbesondere der zu äußeren Dienstleistungen bestimmten Beamten— lasse sich nicht ziehen. Eine besondere moralische Verpflichtung zur Altersversorgung erwachse der Kommune ans dem Umstände, daß ein crlverbsunfähiger der öffent- lichcn Armenpflege anheimfallender städtischer Arbeiter durch Verlust gewisser öffentlicher Rechte eine Ehrminderung erfahre. Es wider« spreche dem natürlichen Gefühle, wenn eine Gemeinde dem Manne' der in ihrem Dienste seine Kraft verbraucht hat oder verunglückt ist, das, was er weiter zum notdürftigsten Leben gebrauche, als Almosen .nid unter Kränkung seiner Ehre gewähre. Die Gemeinde habe als Arbeitgeberin besonderen Anlaß, in der Altersversorgung der Arbeiter ven Privatarbeitgebeni mit gutem Beispiel voranzugehen. Er- leichtert werde diese Aufgabe durch die gesicherte Dauer der Stadt im Gegensatz zn der der Privatarbeitgeber nnd ebenso durch die so herbeigeführte Entlastung der öffentlichen Armenpflege. Mit der anerkennenslverten theoretischen Begründung hatten dann leider die in der Denkschrift niedergelegten praktischen Vorschläge de? Breslaner Stadtoberhauptes nicht gleichen Schritt. Eine Statistik lellt fest, daß die Stadt Breslau im Jahre 1398 1432 Arbeiter 'tändig beschäftigte, von welchen 231 mehr als zehn Jahre in städti- scheu Diensten stehen. Die Zahl der nach mehr wie zehnjähriger Arbeit wegen Arbeitsunfähigkeit von der Stadt entlassenen � städti» chen Arbeiter wird auf 2 bis 4 Proz. der ständig beschäftigten Arbeiter geschätzt. Von den gutachtlich gehörten Verwaltnngsdcputa« tionen der Stadt Breslau hat eine sich grundsätzlich gegen die Alters- Versorgung städtischer Arbeiter ansgesprochen und zwar hauptsächlich wegen der einschneidenden Wirkungen auf das Verhältnis zwischen Arbeiter nnd Arbeitgeber im allgemeinen, während andere eine solche befürworteten, jedoch nicht als klagbares Recht, sondern al» von Fall zu Fall von der Stadt zu gewährende Unterstützung. In dem in der Denkschrift aufgestellten Entwurf einer Altersversorgung städtischer Arbeiter hat der Verfasser denn anch letzteren Vorschlag acceptiert, die Altersversorgung soll nicht als Recht der städtischen Arbeiter, sondern als freie,' wenn auch nach bestimmten Grundsätzen zu gewährende Unterstützimg der Stadt geordnet werden, anch jederzeit geändert oder wieder entzogen werden können. Für diese Gestaltung stihrt der Verfasser eine Reihe von Gründen an, die sick hauptsächlich auf burcaukratische Bedenken stützen. So sollen für die bei Festsetzung der Pension zu würdigenden Thatsachen dielfach die attenmäßigen Beweise fehlen, z. B. für die Zeit de» ersten Arbeitsantritt», für die viel» fachen Vcmiiderimgen in Beziehung auf die Arbeitsstelle, Arbeits- daucr, Lohn, Gründe der Arbcitsuntcrbrechungen zc. Die Festsetzung eines klagbare» Rechts der Arbeiter inacbe die Schaffung eines Orts� statuts nötig und bringe dabei und bei den etlva nötigen Abändel rungcn desfelbeu die Stadt in Abhängigkeit bon den Veschliisscn des BezirksansschnsseS, Auch könne dann jeder Einzelfall Anlast zu Pro� zcsscn gegen die Stadt geben. Uns wollen diese burcaukraiischen Bedenken nur von ganz unter- geordneter Bedeutung erscheinen. Wenn man den stiibtischcii Ar- vcitcrn nicht gleich den Beamten ein klagbares Recht auf Pension zugestehen will, erscheint diese ganze theoretische, so hübsch be- gründete Altersversorgung nur wie eine Armenunterstlitzung aus öffentlichen Mitteln. Toft af es. Das städltschc Obdach ist seit einiger Zeit wieder so st a r k besetzt, wie seit langem nicht. In der Abteilung für nächtlich Obdachlose haben in den sechs Sommermonaten von April bis September dieses Jahres 120 803 Männer, 4583 Frauen, zusanuucn 125 380 Personen genächtigt, während sich die Frequenz in dcnisclbcn Zeitramnc der Jahre 18L3 und_ 1897 auf nur 103 992 und 88 063 Per- ionen stellte. Eine gleich hohe Frequenz wie 1899 ist überhaupt noch niemals im Sommer beobachtet worden. Selbst in dem warmen August ist sie diesmal nur wenig unter 15 000 herunter gegangen. Auch in der Abteilung für o b d a ch l o s e F a m i l i e n ist die Frequenz in diesem Sommer bcdentend gestiegen Am 1. Juli beherbergte diese Abteilung 39 Familien init 147 Köpfen und austerdeni 60 Einzel- Personen. Am 1. August waren 44 Familien mit 188 Köpfen im Obdach, am 1. September 51 Familien mit 205 Köpfen, am 1. Oktober 76 Familien mit 301 Köpfen, und die Zahl der einzeln aufgenommenen Personen stieg bis zu demselben Zeitpunkt auf 8V. Diese Frequenz bleibt nicht mehr iveit hinter derjenigen zurück, die über- Haupt an einem Quartals-Ersten beobachtet iv o r d c n ist. Anscheinend hat die wachsende Steigerung der Mieten diesmal ungeivöhnlich viele Familien ins Obdach ge- trieben. Was soll geschehen, wenn die Obdach-Freqnenz in der- selben Weise weiter steigt? Vielleicht werden wir dann bald wieder davon hören, dost die Obdach-Verwalwng auf ihre Art für„Ab- Hilfe" sorgen will, dast sie nämlich versuchen will, den Insassen des Obdachs durch möglich st strenge Äijivendung der sehr dehnbaren Hausordnung dcn?lufenthalt recht bald zu verleiden. Das Mittel ist billig— es kostet einfach gar nichts— und es hilft. Anfang der 90er Jahre ist es schon einmal angewendet worden, und man hat damals recht gute Erfolge damit erzielt. Dieses Verfahren gewährt auch noch den � besonderen Vorteil, dast die Insasse» des Obdachs, wenn sie sich nicht wie Gefangene behandeln lassen Ivollen und darum dem Obdach möglichst bald wieder den Rücken kehren oder ihm über- Haupt fern bleiben, samt und sonders als faules, arbeits- scheues Gesindel hingestellt werden können, d a S einer anderen Hilfe von Gemeinde wegen weder würdig noch bedürftig sei._ Das Köllnische Nathans, welches in nächster Zeit der Spitz hacke zum Opfer fallen soll, weil eS das Verkehrsintereffc der Stadt erfordert, stand bereits im Jahre 1442, zur Zeit, als die Verwal- tnngen der Städte Berlin und Kölln getrennt wurden, auf seinem jetzigen Platze. Nach einem alten Holzstiche befand sich früher an der Ecke der Gertrnudtenstraste, ähnlich wie beim alten Berlinische!! Rathanse, auch eine„Gerichtslaube", vor welcher die Bürger zu Gemeindeversammlungen und an grostcn Gerichtstagen zusammen- kamen. Im Jahre 1710 wurde nach dein Abbruch des alten Rathauses der Grundstein zu dem jetzt dem Abbruche geweihten Neubau gelegt; aber erst 1721 wurde letzterer in seiner heutigen Gestaltung vollendet; er hat mithin ein Alter von 173 Jahren erreicht. Während sich die Stadtverwaltung auch nach dem Neubau des Köllnischen Rathauses im Berlinischen Rathanse, an der Ecke der Königs- und Spandaucrstrahe konzentrierte, behielt doch der Stadt- teil Kölln sein Verwaltungsgebäude noch lange Zeit in der Breiten- straste. Dieses Gebäude hat dann ini Laufe der Zeit den verschiedensten Zwecken gedient. Noch 1848 befand sich in dem Erdgcschoh eine Militärwache, welche dann durch die Bürgerwache abgelöst ivurde, während oben bereits seit 1803 die Serviskommission ihre Thätig- keit entfaltete. Bon 1730 bis 1824 wurde ein Teil der oberen Räume auch zu Schulzwccken verwendet. Die von den Franzose» bei ihrem Einzüge in Berlin geplünderte Montieningskaminer des Regiments Waldeck befand sich ebenfalls, und zwar im dritten Stockwerke des Köllnischen Rathauses. Auch der Justiz hat das alte Gc- bände gedient, indem im Jahre 1806 die Civilabteilung des königlichen Stadtgerichts dorthin verlegt wurde. Am 1. Oktober 1822 hielt auch die Stadtverordneten- Versammlung ihren Einzug in das Köllnische Rathaus, woselbst sie im grosten Saale des ersten StockiverlcS ihre Sitzungen abhielt. Nachdem 1871 die Scrvis-Deputation verlegt worden war, diente das alte Rathaus noch den verschiedenartigsten städtischen Verwal tnngen als Heimstätte, so befanden sich daselbst: die Verwaltung der Gas- und Wasserwerke, der Stadiausschuh, das statistische Amt, die Gcwerbc-Dcpntation, das Wahlbureau, das erste Standesamt, das Gcwerbegericht, die Kirchen- und Schulabteilung und bis zuletzt da? Märkische Provinzial-Museum. Bei der Berliner M ä r z r e v o I u t i o n am 18. März 1848 hat das Köllnische Rathaus gleichfalls eine Rolle gespielt. Bor dem Gebäude hatte das kämpfende Volk eine der stärksten Barrikaden er- richtet, welche heldenmütig verteidigt wurde. Nachdem diese Barrikade »ach schwerem Kampfe gefallen war. hatte sich, als das Militär an- rückte, ein Teil der Barrikadenkämpfer in das Köllnische Rathaus gcstüchtct; in dessen Räumen, besonders auf dem Boden sowie in dem Tunnzimiuer dann die wütende Soldateska ein wahres Blutbad unter den Flüchtlingen anrichtete. Von diesem Wüllen der Soldaten wustte auch der verstorbene damalige Direktor des Köllnischeu Gymuasimns, Professor Dr. August, ein Lied zu singen: Einer seiner Neffen, v. Holtzendorff, war vor seinen Äugen erschossen, er selbst aber mit Kolbenstösten traktiert und schwer verletzt worden. Er gab feinem Ingrimm darüber Ausdruck, indem er sich die Denk m ü n z e ans den Befreiungskriegen von der Brust r i st und sie dem Führer der Militärpatrouille vor die Führ warf. Der To» von Berlin. Sehr erbaulich liest sich ein Berliner Sittenbild aus dem Ende deS vorigen Jahrhunderts in der„Cren- zierna", einer Wochenschrift jener Zeit. Der Verfasser sagt: Ich rede hier blost von der Galanrcric in den ersten Ständen— beim Pöbel bezcichucr man die Abirrungen vom ersten Naturgesetz der Liebe als Liederlichkeit und Unzucht. Weiter hcistt es dann: Wenn ein Mann von vorzüglichem Range eine Maitresse von Stande wählt, kann das nie anders als durch Zubilligung eines standeSgemästen Unterhalts geschehen. Von beiden Seiten wird dasür gesorgt, dast so ein galanter Kontrakt kein Geheimnis vor der Welt bleibt. Die galante Frau ist die ständige Begleiterin ihres Galans und wird von ihm an alle öffentlichen Orte mitgcnonimen. Bei allen Soupers werden sie zusammeiigebcten und die Spielpartien immer so arrangiert, dast Ch.iqu'im a sa chacune placiert wird. Man würde es für eine Beleidigung halten, wenn der Gastgeber gransamerweise, was sich ein- mal gepaart hat. von einander reisten wollte. Treulosigkeiten in galanten Vcthtu düngen sind so gut wie in der Ehe, werde» aber mit mehr Vorsicht begangen, um nicht die willkürlich verabredeten Leibrenten zu verlieren, da der Liebhaber leichter brechen kann als der Gemahl. Die galante Verbindung nach der Mode setzt einen förmlichen Kontrakt voraus, Bezahlung' einer schön möblierten Wohnung, der dazu gehörigen Be- bientcu, Tafel- und Nadelgelder. Diese Zahlungen werden den Ehrenzahlungcn auf den gleichen Fust gerechnet wie Spielschulden. Die ! galante Frau braucht indessen mehr, als ihr gemeiniglich ausgesetzt ist, sie hat allerhand Bedürfniffe, dielleicht eine Kammerjungfer, die! von kleinen Untreuen die Vertraute ist, oder einen Livrcebedienten der nicht plaudern soll, oder eine ältere Freundin, die sonst für eigene Rechnung galant war und jetzt ein wenig kuppelt, oder nach der Modesprache„anständige Rendezvous" veranstaltet und dafür belohnt sein will; für solche extraordinären Ausgaben werden auch extraordinäre Einnahmen erfordert und in dieser Absicht Substituten angenommen, welche die Stelle des deklarierten Galans in den Stunden vertreten, die er freilästt. Frau von St. sder Name wird leider nicht genannt) befindet sich in diesem Fall. Sie angelt nach Ncbcnsportcln und begünstigt einen Fremden, von dem sie glaubt, dast er nicht mnsonst verlangen wird, von einer schönen Dame beglückt zu werden. Ihre ältere' erfahrene Freundin Frau v. R. übernimmt es, den blöden Kavalier zu unterrichten, dast er eine galante Eroberung gemacht, dast es ihm aber etwas kosten würde, weil die Dame Geld brauche. Der Kavalier ist unhöflich genug zu deklarieren, dast er auf Zuueiguua zuviel Wert lege, um sie zi! erkaufen.„Aber— sagte Frau v. R.— d a s i st d o ch der To von Berlin!'-- Sehr viel schlechter ist er ja auch heute nicht.— Zn scharfen Auseinaudersetzunge» über die bevorstehenden Ttadtverordnetenwahle» kam es am Montag in einer Versamm- lung des freisinnigen BezirksvereinS vor dem Halleschen Thore, an der die Stadtverordneten Ullstein, Kreitling, Licbenow, Miihlberger, Perls,«schöpfe, Drenske, Fasquel und Wille teilnahmen. Rechts anivalt Ullstein skizzierte in seinem einleitenden Referate die im Vorder grund stehenden Kommuiialfrageu— Straste»bahnen,Sck>ulnot, Schloff Platzveränderung, Besteuerung der Warenhäuser, Verbilligung des Gases u. s. w.;— und betonte dabei, dast die Auswahl unter den Kandidaten, die zur Ucbernahme eines so verantwortlichen Amtes als Stadtverordneter bereit seien, immer schwieriger werde. Daber komme es auch, dast vielfach Männer im roten Hause sästen, oie mehr als Lückenbüster, denn als wirkliche Vertreter der Bürgerschaft anzusehen seien. Wenn in einer Versammlung vor dem Potsdamer Thore kürzlich von 32 Wählern aus zwei Bezirken sechs neue Stadt- verordnctenkandidaten aufgestellt seien, so komme das Verfahren keiner Wahl, sondem lediglich einer Ernennung gleich.(Lebhafter Beifall.) Auf das viclerwähntc Wahlkartcll übergehend, erklärt Redner unter Zurückweisung der in der„Freist Ztg." gegen ihn gerichteten Polemik, dast sich eine Kritik dieses Kartells erübrige, nachdem die „Neu« Fraklion der Linken" in einem Beschlüsse energisch dazu Stellung genommen habe. In der Debatte wandte sick Maschinenbauer Schumacher in sehr scharfer Weise gegen die Fraktion Spinola« Meyer, der sich unbcgreiflicherweise auch Kreitling in die Arme geivorfen habe Gleichzeitig beantragt erBewilligung von 300 M. zu Agitationszweckcn. Bei der jetzigen Lauheit in der Agitation werde man es noch dahin bringen, dast die Handvoll Arbeiter, die heute noch freisinnig wählten, der Socialdemokratie zufielen.(Sehr richtig I) Kaufmann Cohn erklärte, dast sein Bezirk bereits 3 neue Kandidaten für die 2. Abteilung nominiert habe und sich auf weitere Kandidaten nicht einlassen werde.(Rufe: Wahlmache.) Stadtv. L t e b c n o w ver- teibigt die Kartellidcc, die wohl überlegt und im Interesse der frei- sinnigen Partei verwirklicht sei.(Graste Unruhe). An der weiteren Debatte, die teilweise einen sehr heftigen Charakter annahm, be teiligten sich noch Stadtv. Perls, Heinz Krieger, Mühlberger und Schirrmacher, worauf 100 M. zu Agitationszwecken aus der Vereins lasse bewilligt wurden. Auf der Ttrastcnbahnlinie Vinetaplatz�Manstrinstrastc ist gestern der elektrische Betrieb aufgenommen worden. Die Wagen folgen sich in Abstünden von sechs Minuten, die Fahrzeit ist um vier Minuten verkürzt worden. Die Direktion der Renen Berliner Rachtomnibus-Linien beabsichtigt, ihre bisher vom Stcttiner Bahnhof bis Kottbuser Thor betriebene Linie bis nach Rixdorf(Hermann-Platz) zu verlängern. Die Wagen sollen in Zwischenräumen von 16 Minuten von 11 Uhr bis 4 Uhr 45 Min. verkehren. Mit Geld lassen sich manche Schandthatcn„gut machen". Hiesige Blätter melden: Die Misthandlung des Dienstmädchens Johanna Tissat durch ihren Djenstherrn, den Kaufmann Frank, dürfte kaum daS Gericht beschäftigen. Es ist ihr nicht nur eine Lohn- und Kost-Entschädignng bewilligt worden, sondern der Vertreter des Dienstherrn, Justizrat Kleinholz, hat im Rainen desselben dem Mädchen noch eine Entschädigung von 600—700 M. zugesichert, die nach Ablauf der Verjährungsfrist, also wenn das Mädchen endgültig darauf verzichtet haben wird, einen Strafantrag zu stellen, ausgezahlt werden soll. Das Mädchen war von dem Kaufmann bekanntlich in einer aller Sittlichkeit Hohn sprechenden Weise malträtiert worden. Trotz- dem scheint es, dast auch die Staatsanwaltschaft zum Einschreiten keinen Anlast gefunden hat. Roch amtlichen Ermittelungen betrug der Preis für Roggen brotfür 1 Kilogramm in Pfennigen(im Dlirchsckmitt von 34 Bäckereien) am 16. August 24,41 Pf., der niedrigste Preis t8.73 Pf., der höchste Preis 30,30 Pf., am 4. September 24.14 Pf.. der niedrigste Preis 18,18 Pf., der höchste Preis 29,41 Pf.; für Weizenbrot(Sibrippcn) für 1 Kilogramni in Pfennigen(im Durchschnitt von 34 Bäckereien) am 16. August 42,05 Pf., der niedrigste Preis 32,26 Pf., der höchste Preis 43,08 Pf., am 4. September 40,72 Pf., der niedrigste Preis 31,15 Pf., der höchste Preis 47,85Pf.; für R o g g e n m e h l Nr. 0/1, zur Hälfte Brutto mit Sack, guter Durchschnittsbeschaffenheit, ab Speicher oder Schiff für 100 Kilo- gramm 19,02 M.; für Roggen guter Durchschnittsbeschaffenheit, ab Speicher oder Schiff, für 1000 Kilogramm 143,96 M.; für Weizen guter Durchschnittsbeschaffenheit, ab Speicher oder Schiff, für 1000 Kilogramm 154,37 M. bon dem Unglücksfall im Betriebe des Herrn Krause der Oeffenllich- keit Kenntnis gegeben haben. Der Fcrnsprech- Verkehr mit Bleicherode, Boizenburg(Elbe), Derenburg(Harz), Lohne(Oldenburg), Neustadt(Oberschl.). Salzuiigeu, Schladern(«Tieg) und Völpke(Provinz Sachsen) ist eröffnet worden. Die Gebühr für ein gewöhnliches Gespräch bis zur Daucr von drei Minuten betrügt je 1 M. Die unmittelbare Fernsprechverbindung zwischen Berlin und Stuttgart wird in der zweiten Hälfte dieses Monats dem öffentlichen Verkehr übergeben werden. Bis jetzt kann die Ver bindiing zwischen Berlin und dem in Stuttgart centralisiettcn Fernsprechnetz Württemberg nur über Frankfurt a. M. hergestellt iverden. Strasteusperrnng. Die Geiithiiierstraste von der Kurfürsten- straste bis zur Lützowstrahe wird behufs Einbaues von Sttasten- bahn-Geleisen bis auf weiteres für Fuhrwerke und Reiter gesperrt. Der Buchhalter Georg Bewcrsdorfer, der flüchtig gc- worden war, nachdem er dem Holzhändler Stolz hier 12 000 M. unterschlagen hatte, ist gestern in Wien verhaftet worden. 7100 M. wurden noch bei ihm vorgefniideil. Bewersdorfer lebte in Wien unter dem Namen Johann Sanders. Die Fricdrich-Wcrdersche Ober-Realschule begeht am 18. Oktober die Feier ihres 75 jährigen Bestehens. Hervorragende Gelehrte, wie Dr. Klöden, Prof. Bnchmaiin, der Verfasser der ge- flügelten Worte, der Chemiker Wähler, der Mathematiker Steiner, der Botaniker v. Hanstein haben an dieser Schule gelehrt. Die ehemaligen Schüler veranstalten am 13. Oktober im Hotel KrebS. Niederwallstr. 11, eine Feierlichkeit. tlnf einem Irrtum beruht glücklicherweise die Mitteilung, dast der im Betriebe von Max Krause, Beuthstr. 7, verunglückte Arbeiter Matter»ewitz gestorben sei. Der Unternehmer Herr Krause berichtigt diese uns anS dem Kollegenkreise des Verunglückten zugegangene Mitteilung„auf Grund deS Prestgesetzes" dahin, � alle Aussicht vorhanden sei, dast es den Aerzten das verletzte Bein wieder herzustellen. Herr Krause sich in seiner nicht von sehr grostcr Gesetzeskenntnis zeugenden Zu fchrift im Hinweis auf den Berichtigungsparagraphen dann noch die folgende mipassende Bemerkung:„Ich möchte noch den Wunsch hinzufügen, Ihren Repottern zu empfehlen, genaue Erkundigungen einzuziehen, ehe Sie derartige weittragende«Sätze in Ihrem Blatte aufnehmen.' Diese Ermahnung ist auch dann überflüssig, wenn sie, was wir hoffen, nicht ein Produkt de» AergerS darüber ist, dast wir dast 'S .Passagc-Theater" ist der groste Saal im Passage- Panoptikum gestern nach vollendeter Renovation wieder eröffnet worden. Der früher schon prächtige Raum hat durch den Umbau um vieles gewonnen. Er ist mit Podium und Logen versehen und geschmackvoll in hellen Tönen ausgemalt. Besondere Er- wähliung verdient die elektrische Beleuchtung, bei der es der Wnstlerhand gelungen ist, auch die Bogenlampen mit passenden Ornamenten zu umgeben. Dadurch ist der Beweis er- bracht, dast die fabrikmästig nüchterne Kahlheit, die diesen Bcleuch- tungsapparaten meist noch anhaftet, keineswegs ein unvermeidliches Uebel ist. Die Bühne selber ist, den Anfordemnaen der Sicherheit und Zweckmästigkeit entsprechend, neu hergestellt und mit Dekorationen und Vorhang von Asbest versehen. Auch das Treppenhaus ist praktisch erneuert worden. Die übrigen Räume sind vielfach um neue Wachs- figuren und Gruppen bereichert, zu denen nächstens ein anatomisches Museum und eine Schaunummer von 200 Wachsfiguren„die Kata- kombe der Kapuzinermönche zu Palermo" hinzukommen wird. Die Vorstellungen im Theater entsprechen dem Programm einer guten Varistsbühne. Aus der Schar der Artisten seien besonders der englische Verwandlungskomiker Fripp, die Ueberle-Truppe, die Luftkünstlerinnen Victoria und Maritana, sowie die komischen Turner Elrado hervorgehoben. Ein Humorist mit originellem Programm ist Herr Willy Prager. Orgelkonzert. Hm Musikdirektor Otto Dienel, Frl. Bctsh Schot, Frl. Anna Schelle, der Cellist Hr. Heinr. Beyer und Hr. Ad. Volte führen den Orgelvortrag in der Marienkirche am Mittwoch, 11. Ottobcr, mittags 12 Uhr ans. Bach, Händel, Sttadella, Mendelssohn, R. Schumann, Hiller, Rheinberger, Goltermann und Dienel sind aus dem Programm vertreten; von letzterem wird ein neues �.uäauto grazioso gespielt. Der Eintritt ist frei._ GevMzks �Äeikung. Berliner Tchutzlcntc. Wegen versuchter Gefangenen-Befreiung bczw. Körperverletzung hatten sich die Maurer Lehmann und Hoff- mann gestern vor der 134. Abteilung des Amtsgerichts I zu ver- antworten. In der Nacht zum 4. September d. I. misthandelte der Angeklagte Hoffmanu an der Ecke der Birken- und Perlebergcrstraste den Arbeiter Wende, den er irrtümlich für einen andern hielt. Wende Ivandte sich an den Schutzmann Patzwaldt und dieser sistierte unter Beihilfe eines anderen Schutzmannes den Hoffmann zur Wache. Zwölf bis fünfzehn Personen folgten. Unterwegs soll Lehmann, der neben dem Transport ging, den Schutzmanir Patzwald— nach dessen Behauptung— mit den Worten am Arm gefastt haben:„Lassen Sie den Mann los I" Patzwaldt zog darauf, wie er selbst zngiebt. sofort seinen Säbel und brachte mit diesem dem Lehmann im Gesicht eine stark blutende, klaffende, bis auf den Backenknöchen gehende Wunde bei, die die Backe geradezu in zwei Hälften teilte und heute noch deutlich sichtbar ist. Um den Namen des Beamten zu erfahren, begab sich Lehmann selbst in Begleitung von Bekannten zur Wache. Das Ende vom Liebe war, dast gegen die beiden Angeklagten Anllage erhoben wurde. Lehmann bestrettet ganz entschieden, den Patzwald angefastt zu haben; er habe ihm nur, als er den auf dem Transport noch immer nach Wende schlagenden Hoffmann vor die Brust stieh, zugerufen:„Mann, vergessen Sie sich nicht, Sie sind Beamter." Dasselbe bestätigten die Civilzeugen im Gegensatz zu Patzwaldt. Rechtsanwalt Dr. Schöps führte aus, dast hier einer der leider jetzt so oft vorkommenden Fälle vorliege, wo Beamte ihre Befugnisse überschreiten, und beantragte nicht nur die Freisprechung Lehmaniis, sondern auch die Uebcrnahme der Verteidigerkosten auf die«Staatskasse. Der Gerichtshof sprach Lehmann frei, wies aber den Kostenaiitrag zurück. Hoffmann wurde zu 20 M. Geldstrafe verurteilt. Neuerdings häufen sich wieder die Fälle, die eine Behandlung der ja nie von der Bildfläche verschwundenen Schutzmannsfrage im Parlament geboten erscheinen lassen. Staatögcfährliche SchiitzcnbrUder. Die Schützcngilde in Pinne, Provinz Posen, wollte am 7. und 8. August vorigen Jahres ihr 200 jähriges Bestehen feiern. Auster dem üblichen Schiesten und einem Ball waren Märsche nach und von der Kirche sowie nach dem Fcstplatz vorgesehen. Die Polizeiverwalwng zog die erst erteilte Genehmigung zurück. Sie witterte polnische Umtriebe. Der Lcmdrat in Samter und der Regierungs- Präsident in Posen hielten die Beschwerden des Gilden- vorsitzeiidcii für unbegriindet, ivorauf letzterer das Ober- Bcrwnltungsgcricht anrief. Zur Verhandlung vor dem ersten Senat ntsandte der Minister des Innern in der Person des Regierungs- rates Kautz einen Kommissar, der die Ansicht deS preustischen Ministeriums zu vertreten hatte. Der Herr führte aus � ES habe ich hier um eine öffentliche Versamuiluug unter fteiem Himmel und inn öffentliche Umzüge gehandelt, wozu eine polizeiliche Genehmigung erforderlich sei. Der Polizeibehörde stehe aber ein weiteres Ermessen in der Frage zu, ob sie die Genehmigung erteilen wolle oder nicht. Andererseits habe das' Ober- Verwaltungsgericht entschieden. dast, wo ein Hervorkehren einer Nationalität(auch der deutschen) gegenüber einer anderen zu erwarten ist, grund- ätzlich eine Gefährdung der öffentlichen Orb- uung zu befürchten sei. Hier habe die polnische Nationalität hervorgekehrt werde» sollen. Zum Beweise für diese Behauptung berief sich der Kommissar auf die Zusammensetzung der Gilde in Pinne. Die Mitglieder seien alle Polen, auch habe der Vorstand alle benachbarten polnischen Gilden und nur eine deutsche Gilde eingeladen, letztere wahrscheinlich auS Versehen. Dazu bestehe in Pinne noch eine besondere Spannung zwischen Evaiigelischen und Katholiken, die in Posen gleichbedeutend sei mit einer solchen zwischen Polen und Deutschen. DaS O b e r- V e r- waltun gsgericht schlost sich den Ausführungen des Kommissars an und wies die Klage des ab. Vorstandes der Gilde als unbegründet Der Staat ist wieder einmal gerettet. Vevfamtnlungen. Eine öffentliche Versammlung aller iu toet Kiirschuer- branche beschäftigten Arbeiter and Arbeiterinnen tagte am 8. d. M. im Englischen Garten. Kollege W i t t i g legte die Spaltnitg in der Gewerkschaftskominission dar und empfiehlt der Versammlung eine Resolution, in welcher der Delegierte von der GcwerkschaftS- kommission zurückgezogen werden soll. Dieselbe wird angenommen. Alsdann wird Kollege Brüggemann einstimmig als Delegierter zum Gewerlschastskartcll gewählt. Die in der Hutbranche beschäftigte«« Arbeiter und Arbeite rinne» hielten am Montag in der Bötzowschen Brauerei am Prenz- lauer Thor eine öffentliche Versammlung ab. Zum Punkt 1 hielt Genosse K o tz k e einen Vorttag über die Zuchthausvorlage. Nach dem Vortrage entspinnt sich eine Diskussion über einen Artikel im „Korrespondent", in dem August in dem Vorstand vorwirft, er habe der ReichstagS-Fraktion nicht genügend Material gegen die "uchthcmSvorlage geliefert. Sngustin erklärt, dast seinem rtikel keinerlei persönliche Stellungnahme gegen den der- zeittgen Vorstand zu Grunde liegt. Lund erklärt, dq) dem Genossen Heine das gesamte Material vorgelegen habe. Alsdann wird eine Resolution angenommen, welche sich gegen die Zuchthausvorlage ausspricht und zum Eintritt in die Organisaitiott auffordert. Mit Rücksicht auf die vorgeschrittene Zeit wird alsdann 'ofort Punkt 3 der Tagesordnung vorgenommen: Warum haben die bei den JnnungSmeistern beschäftigten Hutmnch«" sich mit ver Wahl eines GeselleumlsschusseS befaßt? Lund erklärt dazu, daß die Kollegen bei Jimimgsmeistcrn gerade so an der Wahl eines Ausschusses sich beteiligen miissen, wie die Arbeiterschaft auch bestrebt ist, in Kranken- lassen ec. sich eine Mitwirkung an der Verwaltung zu sichem. Der Gesellenausschuß ist eine gesetzliche Einrichtung und ein Verzicht ans die Wahl in denselben bedeutet nichts anderes als die AuSlicscnmg aller diesem Ausschuß zustehenden Rechte an die Indifferenten. B ö h m und Wolf billigen den Standpunkt L u n d s. O e l k i n g hält die Stellung eines Vcrbandsoorsitzcndcn und Gewerbcgcrichts- Beisitzers mit der eines JnnuugS- Altgesellen nicht für vereinbar. Auch Morl el ist dieser Meinung.— Den Bericht über die Gcwerkschaftskommission erstattet Böhm. Eine Diskussion schließt sich an diesen Bericht nicht an. Als Delegierter wird Böhm wiedergewählt. Damit ist die Tagesordnung erschöpft. Die Holzbildhauer hielten am Montag aus Anlaß ihrer Lohn- bcwegung eine öffentliche Bersammlnug ab. Nach dem Bericht der Lohnkommission sind die Forderungen bewilligt in HO Bildhaucr- werkstättcn mit 380 Gehilfen und in 60 Tischlereien mit 260 Gehilfen. Streiks, die meist nur einige Tage währten, fanden statt � in 15 Tischlereien mit 60 Gehilfen und in 20 Bildhauer- Werkstätten mit 55 Gehilfen. Gegenwärtig sind noch 22 Bild- Hauer ausständig. Ein nicht unerheblicher Teil der Kollegen habe sich an der Bewegung nicht beteiligt, aber man könne doch sagen, daß für diejenigen, die als Bildhauer in Berlin in Bc- tracht kommen, die Forderungen bewilligt sind und damit eine Auf- besserung der Lohn- und Arbeitsverhältnisse geschaffen sei. Die Lohnkommission stellte folgende Anträge, welche, nachdem D u p o n t sie befürwortet hatte, angenommen wurden: Die allgemeine Lohn- bcwegung der Holzbildhauer ist von heute an beendet. 1. Die Lohnkommission bleibt weiter bestehen, und ist die Regelung in den- jcnigcn Werkstätten, die noch nicht bewilligt haben, strikte fortzuführen, bis in Berlin geregelte Verhältnisse für die Holzbranche geschaffen sind. 2. Die am 26. September 1899 beschlossene erhöhte Ilntcrslützung ist von jetzt ab nur an direkt Streikende und in Mitleidenschaft gezogene Kollegen zu zahlen.— Weiter wurde beschlossen, die Listensamniluugen noch drei Wochen lang fortzusetzen.— In die Kommission wurde an Stelle eines ans- geschiedenen Kollegen Kunath gewählt.— Der Kassierer, dessen Abrechnung für das 3. Quartal in Einnahme und Ausgabe mit 1647,87 M. abschließt, wurde entlastet. Die Handclö-Hilföarbeiter hielten am Donnerstag, den 5. d. M. in den Arminhallcu eine öffentliche Versammlung ab, in welcher zuerst ein Antrag S ch u l tz k e angenommen wurde, welcher besagt, daß die lokalorganisierten Handels- Hilfsarbeiter sich der Geschäfts- konmiission der durch Vertranensmänncr ccntralisiertcn Gewerkschaften anschließen werden. U t h e s geht sodann auf die Zerwürfnisse innerhalb der Gewerkschaftskommission ein, lvodurch es sich not- wendig machte, daß ein ucues Gcwcrkschaftskartcll geschaffen werden mußte. Er verliest das Regulativ dieses Gcwcrtschafts- kartclls, welches von 26 Gewerkschaften genehmigt ist und ersucht, sich diesem anzuschließen und einen Delcgiertei! zu wählen. Dies wird einstimmig gutgeheißen und der Kollege S t e i n i ck c zum Gewcrkschaftsdelegierten, Freude zum Stellvertreter gewählt. Rein referiert sodann über„die Sonntagsruhe im Handels- gelverbe und das Unternehmertum". Redner führt auS, daß der Handels- Hilfsarbeiter zu den ansgebeutetsten der Arbeiterschaft gehört. Müde und abgespannt kehrt er in der Woche des Abends heim. Nicht einmal einen freien Sonntag kann er sein eigen ucuneu, denn die heutige durchlöcherte Sonntagsruhe genüge bei tveitcm nicht, um die so notwendigen Kräfte sammeln zu können. Man habe im Handclsgcwerbe das auSvcrschämtcstc Unternehmer- tum und müsse demnach ganz energisch dagegen protestieren, daß man diesem noch mehr Zeit zur Ansbentung ihrer Arbeitskräfte geben wolle. Nach eingehender Erörterung'einer unbedingt not- wendigen, vollständigen Sonntagsruhe schließt Redner unter leb- hastcm Beifall der zahlreich Versammelten. Hieran schließt sich eine lebhafte Diskussion und wird folgende Resolution an- genommen: Die Versammlung erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten einverstanden und protestiert ganz entschieden gegen jede Vcr- längcrnng der Sonntagsarbcit, wie solche von den Organen der Unternehmer, dem„Konfektionär" und dem„Bund der Handel- und Gewerbetreibenden" gefordert wird.''Sie erwartet, daß derjPolizci- Präsident diese Forderungen der Unternchmer ablehnt, wie dieses bereits im Jahre 1894 geschehen ist, als man ein ähnliches Ersuchen an ihn stellte. Ferner wird das Bnrcan der Versammlung beanf- tragt, diese Resolution mit einer näheren Begründung an den HandclSniinister, den Polizeipräsidenten sowie auch au die Fraktiqn der socialdemokratischcn Stadtverordneten gelangen zu lassen. Eingegaugene Druckschriften. Von der„Neuen Zeit"(Stuttgart, Tietz' Verlag) ist soeben daS 2. Heft deS 18. Jahrganges erschienen. Aus dem Inhalt heben wir hervor: Brentanos neueste Schrift.— Karl Marx Nber Karl. Grün als Gcichicht- schreiber des Socialiöinus. Aus dein Marx-Eiigclschen Nachlast.(Fortlcvung.) — Die TransvaabKrisis. Von Heinrich Erniow. II.— Nikolai-on über die russische Volkswirtschaft. Von I. Karsli.— Der erste Versuch einer An- Wendung des Provortionalmahl-Systenis bei den Orts-Krantenlassen. Von Eduard Graf.— Literarische Rundschau�: N. Meichcöbcrg. Prof. Dr., Ter Kampf gegen die Arbcitslosigleit in der uchtveiz.— Notizen: Die Wiederaufnahme der Arbeiten am Panama- und Nicaragna-Kanal. Von P. M. Grcmpe.— Feuilleton: Die Büste. Von Marcel Prevost. Von der„Gleichheit", Zeitschrift für die Jntercflen der Arbeiterinnen (Stuttgart, Tictz' Verlag) ist uns soeben die Nr. 21 des 9. Jahrgangs zu- gegangen. Aus dem Inhalt dieser Nummer beben wir hervor: Für die bisherige Theorie und Tattit.— Arbeitsverhältnisse der Arbeiterinnen in Thüringen. Von D. Z.— Die Thätigkeit der Frauen in der Wahlagitation. Von C. Legien.— Die Frauenfrage auf dem Parteitag der Socialdcmo- lratie Oestreichs.— Aus der Bewegung.— Feuilleton: Ebbe. Novollc von Adele Gerhard.— Notizentcil von Lily Braun und Klara Zetkin: Weibliche Fabrikinspektoren.— Arbeitsbedingungen der Arbeiterinnen.— Kinderarbeit. — Frauenbewegung. Die„Gleichheit" erscheint alle 14 Tage einmal. Preis der Nummer 10 Pf., durch die Post bezogen(eingetragen in der Reichspost-Zcituugsliste für 1899 unter Nr. 3933) beträgt der Abonneiuentspreis vierteljährlich ohne Bestellgeld bb Pf.; unter Kreuzband 8ö Pf- Vevmifchkes. Dberhauscii, 10. Oktober. Amtliche Meldung. Gestern abend 6 lihr 20 Minuten fuhr ans Rangierbahnhof Oberhansen- West ein aus einer Lokomotive und 30 Wagen bestehender Rangierzng infolge Verlegung einer Weiche in ein falsches Gleis und fuhr gegen den Prcllbock. Der hinter der Lokomotive befindliche Packwagen fuhr ans crstere ans; dieselbe- wurde stark beschädigt. Lokomotivführer und Heizer sind todt. Die Weiche wurde durch Schulkinder, jwelche bereits ermittelt sind, verstellt. Eine angeitchme Gegend. Wie den„Times" aus Monte« Video berichtet lvird, wurde daselbst ein Mörders Yndiknt entdeckt, das es sich zur Aufgabe machte, junge Leute ans hohe Summen zn versichern, um sie dann ins Jenseits zu befördern inid die Versicherung einzustreichen. Drei derartige Fälle wurden bis jetzt entdeckt.' Die ausgezahlten Versicherungssummen betragen nahezu 10 000 Pfd. Sterling. Im Besitz der Vereinigung, deren Häupter verhaftet wurden, befanden sich noch Policen auf30 000Psd. Sterling._ Briefkasten der Redaktion. Tie juristische Sprcchstnndc findet bis zum IS. d. M. Man» tag-, Dienstag-»»d Freitagabends von 7V- Nhr ab statt. Zwei Wettende. Der Königsstuhl anf Rügen ist 133 Meter hoch. Zlrbcitcr-Ztenographeii-Verei». Wollen Sie sich gefälligst einmal nach der Redaktion bemühen. Schiit. ÄüS. Leider ist die Direltion im Recht. Sic sind allein aus die schmale Ilnfollrentc angewiesen. H. 2. ISS. Sielten für Maschinisten und Mechaniker bestehen bei der Postverwaltung nur in sehr beschränktem Umfange(für crstere ca. 25, letztere ca. 199). Die Aussicht auf Erlangung einer solchen Stellung ist demnach eine sehr geringe. Welche Vorbildung für diese Beschästigmig oder für diejenige als tzlrbciter in der Telcgraphcnapparat- Werlftatl de-' Reichs Post- amts verlangt wird, können wir Ihnen nicht sagen. Wenden Sie sich dv-� nial mit einem entsprechenden Antrage an das Rcichs-Postamt. R. T. in T. 1. Nein. 2. Nein. 3. Wenn der Rate- verurteilt war, müsste er bei dem Gericht, von dem er verurteilt war, �die Klage aus Aeiidcriing des Urteils erheben.— C. M. 108. Fragen Sie wegen elwa vorhandener Polizeivorschriflen auf der Polizei an. UuS sind.solche Vorschriften nicht bekannt.— A. B. 1. Ungefähr 39 M. 2. Nein. 3. Etwa 19—15 M.— K. M. Nixdorf. Darüber müstten Sie besondere Bestimmungen treffen.— Baffer. I. bis 3. Nach richtiger Ansicht: ja. — St. kit. 5. Die Aiifrechterhalinng der Ordnung in der Sitzung liegt dem Bvrfitzcndeu ob. Parteien, Zeugen, Sachverständige oder bei der zur Ausrcchterhaltuua der Ordnimg nicht beteiligte Personen könne» ans Be- schlnsi de? Gerichts aus dem Sitzungszimmer entfernt, auch bis 24 Stuudeii in Hast gcuommeu werde». Den Bcschlub saht da, wo mehrere Gerichte sind, das Gericht, da wo der Vorsitzende alles» amtiert, dieser. Bei Gewcrbcgcrichten ist also im Voricrmin teiue Befragung der Beisitzer erforderlich, wohl aber in den späteren Terminen.— B. C., Verliii. Sie lönnten nur von neuem laden und dann eventuell Halt beantragen.— — R. G. A. Lohnarrest ist ivegen Aiiinente für angerchclich' Kinder zwar zulässig; doch mub dem Schuldner ein Betrag belassen werden, der zu seinem und seiner Familie standeSgcmägen Unterhaltung ausreicht.- Schidlack. Schriftliche Antwort erteilen wir nicht. Verjährung'legt vor.— Nachruf. Unserem geliebten unvergcb- lichen Sohn, Bruder und Onkel, dem Buchdruckeretbcfitier Max Schrlnncr, gestorben am 13. Oktober 1898, dem Geburtstage seiner Mutter. Ein Jahr dahin! Wie früh verliebest Du dieDeincn Und all' was Du so lieb gehabt, Wir täniieii nichts mehr mit Dir teilen, Als traurige Erinnerung. Leer bleibt die Stätte, wo Du so gern geweilt,— O hartes Laos!— denn Du, o Teurer, Kehrst nie zu uns zurück.— Gleichzeitig nochmals allen Denen unseren herzlichen Dank, die ihn auf seinem letzten Wege begleitet. LTd Seine trauernden Eltern u. Geschw. äoanotto, pranr, llmma, Karle, verehelichte Kllppon-tvln. Todcsanxcige. Allen Bekannten»nd Der- wandten die traurige Nachricht, dass mein lieber guter Man», Vater und Schwiegervater, der Putzer 82b �VIHivIn, Hoflstiidt am 19. Oktober, morgens 8 Uhr, nach kurzen schweren Leiden ver- Horben ist. Um stilles Beileid bitten die ticsbetrübten Hinterbliebenen Karls Kottitllllt, geb. Kranro. Gertrud GUthlein, als Tochter. August GUthlein, Schwiegersohn. DieBeerdigung findet Freitag, 13. Oktober,»achmitt. 31/, Uhr, von der Leichenhalle des Neuen Nirdorfer Kirchhofes aus statt. 1l»aiiili!„,x,,nx. Für die so innige Teilnahme und überaus reichen und kostbaren Kranz- spenden bei der Beerdigung meines lieben Mannes sage hiermit allen Kollegen, Freunven und Bekannten meinen herzlichsten Dank. Frau Ww. I. Krüger u. Kinder, Rixdorf, Ziethenstr. 38. 79b Arbeiter-Bildungssclmle. Doiincvstajj. den 12. Oktober, abends 8 Uhr, Im I.okcl „Entpllschcr Hof", Xene Kossstr. 3(oberer Saal): Gen er al-Uer Sammlung Ta�es-Ordnung: 1. Bericht des Vorstandes und der Revisoren. 2. Ergänzungswahl zum Vorstand(Wahl zweier Revisoren und einer Kommission zur Vorbereitung des Stiftungsfestes. 3. Anträge und Schul- angelegonhcitcn.�— JHtgliodsbncIi legitimiert._ 5/0 Zahl'~ Arbaild deuWr Gold- liiid Tilberarbtittt u. liermMer BttlMenossei! Wlßclst Will). I, de» 12. Oktober, abends 8l/2 Uhr, Dresdeiierstr. 45! General-Versammlung Donnerstag, TageS-Ordnung: 1. Die Lage unseres Verbandes und welche Schritte gedenken wir zu thun? 2. Verschiedenes. 71/17 Pflicht sämtlicher Mitglieder ist cS, in dieser Dersammliing zn er- sdieinen. Mitgliedsbuch legitimiert._ Die Ortsverwaltiing._ .iiireichen Besuch erwartet Der Vorstand. Deutscher Holzarbeiter-Verband. Toiincrötaib de» 12. Oktober, abends 8V2 Uhr, im Lokal des Herr» Schiller, Rosenthalerstraste Vranchenversalttmlnttg der Stellniacher. Tages-Ordiinng: 1. Bericht der Werkstatt- Kontrollkommission. 2. Wie verbessern wir unsere gegenwärtige Lage? 3. Verschiedenes. IHe Kommission. Wil mei0»«! orf. �o�sgarten ©1® MMHaHSL H Äo Bcrliucrftrcisie 40. Jeden Sonntag:«rosser Ball. Der grobe Saal mit Bühne steht auch Sonntags de« geehrten Berclucn zu Festlichleiteu zur Verfügung. Einige Soniiabendc sind ebenfalls noch frei._ 11'ülSL*] Emil Witte. Zahne? Mk 10 Jahre Garantie Uallbamm eelniltt'?!'.l"�Hokphotogi-. Schaarwächter. tninuinill. htllliltUI. Znhnscielici« 1 Hark. Sprechet. 9-7 Uhr,[ Tcilznlilnng wiiclicntl. 1 Mark, Plomben 1,59 Mk. Leipzigers tr 130, Im Hause des Deutscher Holzarbeiter-Verband Donnerstag, de» 12. Oktober, abends 8'/s Uhr, im Lokal des Herrn Bube, Prinzen-Zlllee Nr. 30: Bezirks-Versantmlltllg für Friedriclisfelde n. IJuigeft. TageS-Ordnung: 1. Vorirag des Kollegen Hanl Bünte. 2. Diskussion. 3. Werkstatt-Angelegenheiten und Verschiedenes. 122/17 Es ist Pflicht eines jeden Holzarbeiters, zu erscheiuen. Gäste haben Zutritt. Aufnahme neuer Mitglieder. Die Bezirksleitung. Kentral-Krililkell- u. Sterbe- kajse der Maler. (Filiale T V,) Geiieml-' am Freitag, den 13. Oktober er., abends 9 Uhr, bei Rosin, Nnppiner- strasse 42. Tages-O rdnung: 1. Vierteljährlicher Kassenbericht. 2. Kassen-Angelegenheiten. 79b_ Die Ortsverwaltiing. Achtung! Vereine! Loglizeder Karle» Alexanderstr. 37 c. Ren renoviert t » grosse Parkettslila sind noch einige Sonnabende und Sonntage im Ok- tober und November zu vergeben. 2369L«_ C, Hoifmann. Die aus letzter Engros-Saison noch vorhandenen grossen Lagerbestände, teils Heisemuster, verkaufe einzeln enorm billig[147/11* Damen- Jackenkostöme KostUmröcke in allen Stoffen und Farben a 4�,-19 M. Moritz Skutsch, Tau benstr. 23, II. Oeffentliche Versammlung aller in Bnchdrttckereien und verwandten Bernsen beschäftigten Hilfsarbeiter »nd Arbeiterinnen am Mitttvoch, de» II. Oktober, abends 8 Uhr, im Lokale „Arminhallcu"(gr. Saal), Kommandantenstr. 20. T a g e s- O r d n u» g: 1. Die gegenwärtigen Zustände in der Berliner Organisation und die Vorschläge des Schiedsgerichts zur Regelung derselben. 2. Wahl von Delegierten zur Gewerkschaftskommission. 3. Verschiedenes. 83b Im Austrage des Schiedsgerichts: Unoil. WtT �ehmiede."NE Mitttvoch, 11. Oktober, abends»Vz Uhr, im„Englischen Garten", Alcxanderstrahe 27a: (Neffeutl. Vevlenttmlutts TageS- Ordnung: 1. Vortrag des Genossen Kotiske über 1„Arbeiterlohn und Unter- nehmergcwinn". 2. Abrechnung und Neuwahl des Vertrauensmannes. 3. Verschiedenes. 176/8 Her Vertrauens mann. Ceutral-Uerband der Töpfer Bittnoebabend S Ilbr, bei Vez-, Bronwenatrasse 184: Mitglieder Versammlung."WU Tages-O rdnung: I. Abrechnung des Kassierers vom 2. und 3. Quartal. 2. Unsere Lohn- bcwegung._[195/18]_ Der Borstnud. Achtung: slchtung: Koffervlacher. Täslliner. Sattler. Donneratag:, den 13. Oktober, abend« 8 llbr, bei Sipiesreiber«:, Sebostio»str,is«e 30: Grotze öffentliche Verfannnlung. Tages-Orbnuug: 1. Der Ausstand bei Einbrodt u. Kalb. 2. Verschiedenes. ZW Es ist Pflicht eines jeden Kollegen, dafür zu sorgen, dass diese Versammlung gut besucht wird. blb 88. Die Herren Fabrilanten sind zu dieser Versammlung brieflich eingeladen. Ute K-ohiikommlsaton. und ganze Wohimiigs-Einriclitageii bei bcscbcidcncr Anznlilnng; und auf Jahre hinaus] vorteilten Ratenzahlungen. Coulanieste u. beste Bedienuiicf. Bei Zahlungsschv.ierlgkeiten grösste nuckslclit. Lagerbesichtiflunfl erbeten.- Kein Kaufzwang. Central-Möbel-Halle, Das beste "" und im Gebrauch billigste und bequemste ■ 1900 «ed. COpfc.- jlorte: 10 pfg. SIuS dem Jnbalt heben wirhervor: ?un> Kürgcrlicheu oiirfctzduch Werkvertrag, MiethsveNraa, ilechristellung der Ehefrau und liherecht, uneheliche Kinder, Erb- recht).— Die Reichzlzzkivichlen von 189S mit Angabe der in jedem Wahl- Ireise auf jede Partei abaegebe- neu Stimmen, unter Veisägung dersssialdeniatraliichcn Stimmen und Prezentfähe von isav.— Portrait» und eiegraphieie der saiiatdrinoliratiflliin peickatag»- r.darerdiirten. — pie fofiaidrinekratifchen f imdlagsabgeerdurtcu tu den rinfrluen prudeeltaalri:.— n.drrircn und Xmtobeilrke der i-idrlkinfpeliioVcit, der deut- ichen ez-wcrl!läiaft«.vrs»u>fa- lianen»nd Ardeiierfellretarlate, <.edübrentarise für Telegramme, '„..Otiten, vinnahmc- und Aatgabetabeilen K. «S Wie die früheren Jahrgänge dürfte auch der für isoo feine Freunde befriedigen. Ter Perlag mar inZbslan- dere bestrebt, auch de» diegjährtgen Kalender zu einem piüktisches itZch5ch!ägcbuch für Geuierkschaften , su geftallen. fr Bitchhondliing Vorwärt» Petiht SW., penthgr. 2. 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Eine» in mancher Hinsicht interessante» Artikel iibcr die„Bern- stein-�rage" hat der durch seine social-philosophischcn Abhandlungen weiteren Kreisen bekannt gewordene Jesuitenpater H. Pasch unter dem Titel„D i e g r n n d l c g e n d e n S ä tz c des mar-' x r st i s ch e n S o c i a l i s in u s nach Eduard B e r n st e i n in den Heften L— 8(Juli/September) der„Stimmen aus SU n v i a- L a a ch" veröffentlicht. Der Artikel, der in vrci Abschnitte Acrsüllt, von denen der erste die materialistische Geschichtsauffassnng, der zweite und dritte Bernsteins Stellung zur Krisen- und Kala- strophcn-Theoric soivie zum Gcnossenschaftsivesen behandelt, verrät eine gewisse Gcnngthmmg über Bernsteins Kritik des Marxismus, ist im übrigen aber sachlicher geschrieben, wie manche Auslassungcir der liberalen Presse zun, sogen.„Bernstein- Fall". Auch steht Pasch Bernsteins Slnssührnngen kcincsivegs kritiklos gegenüber, spcciell was die materialistische Gcschichtsanffassnng anbetrifft. Dast er Bernsteins Ausführungen über die„historische Notwendigkeit" bezw. den Drtcrininisinus in, wesentlichen unterschreibt, ist vom Standpunkt der katholischen Lehre, die in der Geschichte das Wirken Gottes erkennt. � selbstverständlich. Dagegen giebt er keines- wegS zu, daß die im„Socialistischeii alkadcmikcr" von, Ctlober 1895 abgcdrniktcn Briefe vou Friedrich Engels eine Einschränknng oder Korrektur früherer Anslassinigen von Marx und Engels enthalten. Wie Kautskh ist auch er der Ansicht, das; Engels dort, wo er die politischen, juristischen, philosophischen Theorien, religiösen Aiischanungen zc. als Einflüsse bezeichnet, nur die auf einen geschichtlichen Borgang zu einer bestimmten Zeit direkt wirkenden Faktoren ins Auge fasse, an anderen Stellen aber die allgemeine Grundursache der geschichtlichen Bcrändcrungcn hervorheben lvolle. Wenn Engels auch die ideologischen Faktoren anerkenne, so sehe er doch in diesen gewissemiaffen nur Mittclsfaktorcn, die in sich selbst wieder bestimmt seien, so daß also doch das ölonomische Moment das einzige bleibe.„Wenn gerade die ökono- mische Bewegung sich doch überall„schließlich durchseht", und zwar mit Notwendigkeit, mit uaturgcsetzlichcr Notwendigkeit durchsetzt, die „letzte entscheidende Instanz" auch für die Entstehung der Ideologie ist, dann giebt cS eben kein anderes Moment, welches sich nicht de», ökonomischen Faktor schließlich unterordnete und von ihn, materiell bestimmt würde." Daraus schließt nun aber Pasch nicht auf die Unbegründetheit der Bcrnsteinschen Einwürfe. Indem er iiänilich EngclS' Ausspruch, der ökonomische Faktor sei keineswegs der einzig bestimmende, statt ans die Wirkung der Produktionsverhältnisse zu einer bestimmten Zeit und ii, ihrem Einfluß auf jeweilige geschichtliche Vorgänge bezieht, sondern allgemein auf den ökonomischen Faktor als' Ursache„letzter Instanz", kommt er zu der Auffassung, daß Engels selbst die materialistische Geschichtsauffassung negiere.„Nennt daher dann", so meint er,„Engels den Satz, das ökonomische Moment sei das einzig bestininiende Moment, eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase, so ist damit, wie nnS scheint, auch dem anderen Satze: das ökonomische Moment sei das bei der Bcftiniinung schließlich ent- scheidende Moment, das gleiche Urteil gesprochen." Die Bedeutung der Bcriisteinschen Kritik nndct Pasch weniger „in den einzelnen BeweiSmomenten, die sich ja znni größeren Teil auch bei den nicht-socialiftischen Kritikern des MarxUmns finden", sondern darin, daß es einer„der hervorragenden wisfeiischaftlichen Vertreter des Marxismus" ist. der hier nach jahrelangem inneren Kampf offen der erkannten Wahrheit die Ehre giebt und„das Trug- l'ild zerschmettert, dnS er bisher angebetet" hat.„Die marxistische Theorie hat nunmehr auch für die socialistische» Arbeiter ganz ge- ivaltig von ihrem Zauber verloren. Ihr ist eine Wunde geschlagen, die kaum mehr heilen dürfte."— Eine der Zeitschriften, die nach Verösscnllichnng der bekannten vernstcinschen LElfsntze in der»Neuen Zeit" zuerst das Wort ergriffen, u»i die Wandlung Bernsteins zu verkünden, ist die von Herrn I u l i u s Ltz o l f s herausgegebene„Z eitschrift fürSocinIivissenschaft". Tnrch einen vou Dr. Franz Lppcuhcimcr verfaßten airtikcl über ,.D i c Krisis im Marxismus" nimmt sie nochmals zur Bernstein-Diskussion Stellung. Der Artikel geht auf die von Bern- siein ausgestellten Fragen nicht näher ein, sondern beschränkt sich auf allgemeine Urteile über den Marxismus. Nach Oppcnhcinicrö Ansicht hat Marx seine im Kommunistischen Manifest niedergelegte Auf- fasunig vom Gang der kapitalistischen Entivicklnng nicht aus dem Studium der ivirrschaftlichen Verhältnisse seiner' Zeit gewonnen. sondern aus Gibbons bekannter„History ok tho docline and fall of the Roman empire"(Geschichte dcö Niedergangs nnd Falls des Römischen Reiches).„Marx hat einfach," sagt er,„die Katastrophe einer auf Sklavenarbeit beruhenden Ockonomie ohne weiteres ans eine auf freier Arbeit beruhende Ockonomie übertragen." Eine Idee, die kürzlich von Herrn Ferd. Goldstcin nnsgcgriffcn nnd in H c f t 38 der„Gegenwart" zu einem besonderen Artikel über„die Quelle d e S kommunistischen Vi a n i f c st e S" verarbeitet ist. Wie die meisten Beurteiler der Bcrnsteinschen Broschüre findet auch Oppcnhcimcr. daß Bernstein das,'„waö man gemeinhin als Marxismus bczeichncl", so gut wie völlig preis giebt. Allerdings äußerlich befinde sich Bernstein noch immer in Abhängigkeit von iviarx. seine alrbcit trage noch„die Sklavenfcsseln der Theorie, der sie entronnen ist". Darunter leide zwar nicht die Sache, wohl aber die Form. Dagegen faßt Oppenhciiner im Gegensatz zu Diehl und anderen Bernsteins Wandlung nicht als Hin- neignng zum Genossenschafts- und Kathedersocialismus auf. sondern glaubt darin eine lllürkkehr—„politisch" wie auch„rein wirtschaftlich"— zum Liberalismus z» erkennen. Neben dem vorstehenden hat Oppcnheimcr noch sonst eine Reihe Beiträge zur Bernstein-Littcratur beigesteuert,(o in 45 und 48 der„Zukunft" zwei gegen Kautskh gerichtete Artikel und in den. S o c i a l i st i s ch e n Monatsheften" einen längeren Aufsatz über„die sociale Bedeutung d e r G e n o s s e n- s ch a f t". Da diese Arbeiten jedoch nur lose mit Bernsteins Broschüre zusammenhängen, müssen sie hier beiseite bleiben. Da- gegen darf der Artikel„Bern st c in-Kautskh" nicht uncrörtert bleiben, den Oppcnheinier in Heft 5(Mai) der„Socialistischcn Monats- hefte" veröffentlicht hat. Der Verfasser glaubt, daß der Streit zlvischen Bernstein nnd Kautsky zu einem wcscnllichen Teil auf„Denkfehler" zurückzuführen ist, nnd fordert„präcise Begriffsbestimmung". Er erzählt zu Anfang seines Aufsatzes folgenden Vorfall:„So de- batticrte ich kürzlich mit jemandem über die Entstehung der„kapi- talistischen Wirtschaft". Ich suchte ihm klar zn machen, daß nicht, tvie Marx auf Grund der damaligen ungenügenden wirtschastS- geschichtlichen Kenntnisse annehmen mußte, die„einfache Waren- Produktion" durch„innere ökonomische Entwicklung" i» die„kapi- talistischc Warenproduktion" übergegangen sei, sondern unter dem Einfluß einer rein auf der politischen Erobcrungsgcivalt beruhenden agrari- schcn Bcsitzrevolution. Ich erhielt den bekannten Satz zur Antivort: „Die Gewalt ist eine ökonomische Potenz". Ich mußte erwidern, daß dieser Satz denn doch eine andere Bedeutung habe: er besagt, daß die Gcivalt ökonomische Wirkungen habe, aber nicht, daß sie selbst eine ökonomische Funktion sei. Ich präcisierte dann meine Ausführungen dahin, daß nicht die wirtschaftliche Konkurrenz die „einfache" in die„kapitalistische" Warenproduktion übergeführt habe. sondern die nackte Vergewaltigung der Bauern durch den Landadel. Darauf erhielt ick zur Antwort, es habe der Landadel eben mit den Bauern um den Grundbesitz„konkurriert". Und ich mußte lvirklich erst ausdrücklich darauf hinweisen, daß denn doch ein wesentlicher 'ckntcrschied zlvischen de» beide»„Konkurrenzen" statt habe." Mit derartigen„doppeldeutigen Begriffen" operiere auch fort- Ivährcnd Kautskh. Während Bernstein seine These, daß die Zahl der Besitzenden zunehme und die Konzcntrierung der Produklion nur langsam vor sich gehe, durch Daten ans der Einkommensteuer- Statistik nnd ans der Statistik der Aktiengesellschaften zu stützen suche, beweise Kautsky das Gegenteil ans der Betriebsstatistik. Bernstein folgere ans seinen Zahlen die relative Slbnahme, KautSky die relative Zunahme der sogen. Proletarier. Das komme daher, weil das Wort Proletarier zwei verschiedene Bedeutungen hätte. Es bedeute in der Sphäre der Gntcrerzcngnng: Lohnarbeiter, in der Sphäre der Güter- Verteilung aber gedrückter Besitzloser. Kautskh unterscheide nicht genau zlvischen dem Gebiet derProdnktion nnd derDistribution. Konzentration des Kapitals bedeute in der Sphäre der Produktion das relative lieber- handnchmen mächtiger Großbetriebe, aber in der DistribntivnSsphärc das Ueberhandnehmen des privaten KapitalbcsitzcS, die Kapitals- anhänfnng in immer wenigeren Händen. Beide entgegengesetzten Tendenzen könnten nebeneinander hergehen. Oppcnhcimcr giebt zu, daß die vöir Marx„analysierte Tendenz der kapitalistischen Warenproduktion" zlvar ans dem Gebiet der Pro- duktion ihre, wenn auch nicht absolute, Geltung habe, nicht aber auf dein Gebiet der Distribution. Daraus folge, daß ein„Zusammen- bruch der kapitalistischen Wirtschaft" keine innere ökonomische Not- wendigkeit sei. Der Kollektivismus müsse aufgegeben werden, die Arbeiterpartei müsse liberal werden, liberal im Sinne des alten klassischen Liberalismus. Alach Oppenhcinicrs Meinung bekennt sich Bernstein schon heute„in klarer Folgerichtigkeit" zu diesem LibcralisliniS. Auf OppenheinierS Forderung„präciser Begriffsbestinilnimg" antwortet im Heft 7 der„S o c i a l i st i s ch c n M o n a t s h e f t e" Franz Stahl, der sich selbst als„m arxistischer Kantianer" bezeichnet, in dem Artikel:„W a L s i n d„p r ä c i s e" V c g r i s f e? Er meint, daß bei Oppcnhcimcr nnd Bernstein die begriffliche Klar- hcit manches zn wünschen übrig lasse. Oppcnheimcr reite ans der „präcisen" BegrissSuntcrscheidung„zwischen einer Expropriation durch gcivaltlosc nnd durch gewaltsame Form" nnd begreife nur die gcivaltlosc Form als wirtschaftliche Konkurrenz. Daß die Konkurrenz z. B. in der Bcrgcwaltigung von Arbeitskräften oder in den Handelskriegen sehr oft auch die gcivaltsamc Form angenommen habe, also in Fällen, Ivo von dem specicllen Gegensatz zwischen Bauer nnd Landadel nicht die Rede sei, entgehe Oppcnhcimcr.„Und ebenso", sagt Stahl wörtlich,„sieht er nicht, daß der Laiidadcl doch nur deshalb das alte Lohnvcrhältnis in ein EigentninsverhältniS zn seinen Gunsten zn wandeln stichle, weil ihm die ncnentstandcneu wirtschaftlichen Konlnrrcnzverhältnisic gestatteten, Geld aus dem Boden herauszuschlagen. Auch hier ist also die Vergewaltigung selbst nur eine besondere Form deS ökonomischen KsnkurrcnzkainpfeSf der Unter- schied, den die kapitalistische Form dieser Vergewaltigung sEntcignnng der Bauern vom Boden) von der fciidalen(Unterthänigninchnng dcS mit Boden belehnten Brniern) hat, ist eben doch nur bedingt' durch die „innere ökonomische Entivicklnng". Stahl sucht dann die Un- bcstimmihcit des Begriffes«Konkurrenz" bei Oppcnhcimcr nach- zuweisen. Es handle sich, meint er, doch nicht nin die Konkurrenz in abstracto, sondern um die heutige Konkurrenz. Des weitcrn hebt er hervor, daß die von Bernstein vorgeführte Einkommensteuer- Statistik gar nichts für die Richtigkeit seiner Vchanptnng beweise, die Zahl der Vcsitzendcn wachse, denn die Kapitalshäusnng wie das Lebensniveau seien gestiegen, während die Kaufkraft des Geldes gesunken sei.„Das absvlute Anwachsen der Einkonimcn und der Vermögen sagt also gar nichts in Bezug ans die Slccninnlations- Verhältnisse". Darauf repliciert im n ii ch st c n( Sl» g n st-) Heft Franz Oppenheimer mit einem zweiten Artikel„N v ch ein m a I„p r ii- eise Begriffe". ES sei, sagt er. keineswegs egal, ob die ökono- mische Expropriation die gewaltsame oder gewaltlose Form habe, denn tvärüm hätte dann Marx so sorgfältig zwischen„ursprünglicher" und„kapitalistischer" Accumnlation unterschieden. Die kapitalistische Wirtschaft hätte bislang gerade für eine solche gegolten, in der die freie, d. h. g c>zi a l t l v s c Form der wirtschaftlichen jKonknrrenz ganz allein die bewegende Kraft sei. Beide Expropriationsmcthoden unterscheiden sich weder in der ökonomische» Absicht noch im Ergebnis im geringsten: worin sich die letzte, die kapitalistische, allein von der ersten unterscheide, das sei lediglich die Form oder besser das Mittel der Expropriation, indem an Stelle der Gewalt die gewaltlose freie Konkurrenz getreten sei, die Unterbietnng auf dem Markte. Stahl nutzt sofort im S c p t c in b c r- H e f t dieses Zugeständnis ans. Er stellt unter dem Titel„Oppcnheimcr und seine präcise Polemik" die Acnßeriittgen Oppenheiiners im Mai«»nd im Angnst- Heft einander gegenüber.„Im SUai-Heft betont Herr Oppcnheinier l, daß„die einfache Warenproduktion" nicht durch innere ökonomische Entwicklung in die kapitalistische übergegangeil sei, sondern dem Ein- flnß einer rein auf der politischen Eroberungsgcwalt bernhcndcit agrarischen Sstesitzrevollition. Und damit ja kein Mißverständnis möglich sei. setzt er nachdrücklich hinzu: die„Gcivalt" habe„ökonomische Wirkungc»", fei aber keine ökonomische Funktion". Im Angust-Heft dagegen spricht Herr Oppcnhcimcr II ausdrücklich von geivallsamer und gewaltloser Form der ökonomischen Expropriation. Und damit man ja nicht ziveifle, ob das nicht ein Lapsus fei, betont er nachher, nur„die Form oder besser das Mittel der Expropriation" habe sich geändert, indem an Stelle der Gcivalt, die geivaltlose freie Konkurrenz getreten" sei. Das enträtsele, tver kann I Dort wird gesagt, erstens: nicht die wirtschaftliche Konkllrrenz, sondern die reine i»o l i t i s ch e Gewalt sei Mittel zur Expropriierung, zweitens: die Gcivalt habe bloß ökonomische Wirlungen, aber sei keine ökonomische Funktion i hier aber tritt uns dnö gerade Gegenteil dieser Bchanp- tmigen entgegen. Die Gcivalt erscheint selbst als ökonomische Funttion, niid' die freie Konkurrenz ivird außer der Gcivalt ebenfalls als Mittel der Expropriierung anerkannt." Einen ähnlichen Weg wie Stahl, schlägt in seinem Aufsatz „Bernstein und die Wissenschaft" der Kantianer S. Gunter in Nr. 47 der„Neuen Zeit" ein. Er wendet sich gegen Bernsteins AuS- führnngcn über die historische Notwendigkeit in Heft 35 der„Neuen Zeit", bespricht zunächst das Kausalgesetz und seine Siotivendigkeit und kritisiert dann Bernsteins Kansalvvrslellungcil. Eine Skizzierung in wenigen Sätzen läßt sich kaum geben, und für einen längeren AuSzng fehlt hier der Raum. In einem anderen Aufsatz s,.Dcr Klassenkampf in der Demo- kratie") der„Neuen Zeit" sHeft 48) untersucht Otto Lang an den politischen Verhältnissen der Schweiz, ob thatsächlich, wie Bernstein annimmt, mit dem Vordringen demokratischer Einrichtungen und Idee» die Klasfcnkämpfc mildere Formen annehmen. Lang schildert die AnSbildmig der Demokratie in der Schweiz, spcciell im Kanton Zürich. Je mehr die Arbeiterorganisation an Umfang zugenommen und sich zu einer politischen Macht entlvickelt hätte, von der zu be- fürchten ivar, daß sie die Volksrechtc mit Erfolg für ihre Zwecke an- wenden werde, je mehr hätte sich die Begeisternng des bürgerlichen RadikaliSimis für die reine Demokratie abgekühlt. Er wurde vor- sichtig und sah sich nackt Korrekturen um, den„Mißbrauch" der Volks- rechte zn verhüten. Die Erfahrung der letzten zivanzig Jahre lehre: Die Demokratie an sich hat keinen socialen Gehalt; ihre Bedentung ist in der Hauptsache formal. Die Entwicklung dcS Parteiwesens in der Schweiz lasse sich dahin charaktcrisicrcn:„Rückgang der Mittelparteien, Abschwächnng der politischen Differenzen innerhalb der Bourgeoisie nnd Annühennig ihrer Frnltioncn, und zivar in dein Lerhälinis, worin die Organisation der Arbeiterschaft als politische Partei an Stärke nnd Umfang gewinnt." Der Verfasser sucht dies durch Hin- ivcise auf das Verhalten der demokratischen Parteien zum Vereins- und Koalitionsrecht der Arbeiter näher zu begründen, erwähnt die Haltung der demokratischen Presse gegenüber den Arbeiter- bcstrebnngcn, die Zuspitzung des Klassencharakters in der Politik, die zunehmende Ausdehnung der wirtschaftliche» Jnteresicnverbände und geht dann zu einer Kritik des Bemsicinschen Satzes über, die 'Demokratie sei principiell Anfycbnng der Klassenherrschaft.„Die teltatl Wwch, II- vdlM 1899, Klassenherrschaft," führt Lang anS,„beruht auf der herrschenden Eigcntumsordnung. Hlleiir die poliiische Demokratie steht ihrem Wesen nach zu dieser in keiner notlvendigen Beziehung. Sie bc» trachtet den Bürger nicht im Vcrhälrnis zur. Eigeiltunisordiiniig, sondern als Träger politischer Rechte." Bernstein repliciert in einem längeren,„Nach zwei Fronten" öc- titelten Aufsatz, Heft 51 und 53 der'„Neuen Zeit". Der erste Teil dieses Artikels richtet sich gegen Lang, der zweite gegen S. Gunter. Bernsteins Replik muß, soivcit sie sich ans Gunters AuSfnhrilngc» bezieht, hier ebenfalls nnbcriicksichtigt bleiben; dagegen sollen seine Einwände gegen Lang kurz skizziert werden.„Lang", erklärt Bernstein,„widerlegt Dinge, die ich nicht behnnpret habe, nnd hält mir Thntsachcn entgegen, die, soweit sie richtig sind, in keiner Weise dnö umstoßen,' ivaS ich wirklich in meiner Schrift ausgeführt habe." Während z. B. Lang von der Ausbildung der Demokratie durch die Bourgeoisie im allgemeinen spreche, hiiite er(Bernstein) nur von Elementen des Bürgertums gesprochen. Die Eingriffe der schweizerischen Unternehmer in das Koalitionsrccht der Arbeiter, von denen Lang spreche, seien nur zum Teil ans bcmnßren Klassengegensatz zurückzuführen, viel mehr trage dazu das»;:• entwickelte Verständnis für die socialpolitischc Bedeutung der Gewerkschaften bei. Was er, Bernstein, von den Wirkungen der Demolratie geschrieben habe, beziehe sich durchgängig nur auf die Staats- oder GcsellschaftScinrichtnng, auf die Institution, dagegen beziehe es Lang auf die sogen, demokratischen Parteien. Es sei nur eine naturgemäße Erscheinung, daß mit dem Wachstum der Socialdcmolratie als nnabhängigcr Arbeiterpartei eine Verschiebung der ganzen Parteiverhältnissc vor sich gehe,„kraft deren der bürgerliche Radikalismus anS einer extremen zu einer Mittelpartei wird und im Kraft verliert. Auch, daß wirtichaftliche Jnter- csscnvcrbände schroffer auftreten, als die politischen Parteien sei erklärlich genug.„Nicht, daß dergleichen auch in der Demokratie vorkommt, ist für die Beurteilung dieser entscheidend, sondern in ivclchcm Ullifang nnd welchen Formen es in ihr im Verhältnis zu uichtdemokratischcn Ländern vorkotnint." Außerdem hat Otto Lang für das S c p t c m b e r- H c f t der„S o c i a l i st i s ch e n Monatshefte" einen Llnfsatz über „Endziel und Bewegung in der schweizerischen Socialdemokratie" geschrieben, in dem er darznthnn sucht, daß erstens in der Schweiz sich die Arbeiterschaft immer entschiedener ans den Boden des Klassenkampfes stellt, aber nicht infolge rheoreti- scher Ueberlcgnngcn, sondern durch praktische Erfahrungen getrieben, nnd daß zweitens in der Schweiz der Klassenkampf beständig an Schärfe zunimmt, obgleich dort die„Freßlegende" nur ein sehr kümmerliches Dasein führt. Auch ans diesen Artikel antwortet Bernstein,„Socialistische Monatshefte", Oltvber.' Heft. Bernstein hebt hervor, daß er die Znnahme des Klassen« vcwußtscinS der Arbeiter und dessen Uebersetznng in eine entsprechende wirtschaftliche und politische Stellungnahme nie bestritten habe. Dagegen scheine ihm noch keineswegs festzustehen, daß die Verschärfung des Klassenkampfes nicht nur eine bloße Augenblicks- crschcinnng sei. WaS heiße überhaupt Verschärfung des Klassen- kainpfes? Es könne Verschärfung der Formen bedeuten, in denen der Klassenkampf geführt ivcrde; es könne aber auch lediglich die schärfere Scheidung der Klassen in den politischen Parteibildimgrn und Acnßcrnngen bezeichnen. Lang scheine ihm den letzteren Sinn mit dem Wort zn verbinden, während es sich für ihn, Bernstei», um die Form dcö Kampfes handle. Daß die Kampfformen aber sich verschärften, müsse er bestreiten. Je mehr sich der Horizont des Arbeiter« erweitere, um so weniger fei„sein Gemüt ans Geivaltaktc gestimmt". Bernstein spricht sich dann näher darüber nnS. ivie er sckneil Satz: Das Endziel ist mir nicht?, die Bewegung alles, verstanden haben wolle. Selbstverständlich müsse die Beivcgnng ein Ziel haben, dem sie zustrebe. Ein Endziel könne aber immer nur ein Princip sein. Auch die Bergesellschaftnng der Produktionsmittel sei kein Endztel, sondern mir ei»„subsidiäres Ziel", bei dem Ilmfang nnd ModnS z. B. durch den nnmittclbarcn, socialivinschaftlichen Zweck der ProduktionSordnung, durch die höchste Ergiebigkeit bestimmt sei. Auch sonst enthält die letzte Nummer der„Socialistischeii Monatshefte" noch mehrere intercssantc Beiträge zur„Bernstein- Littcratur", darunter von Paul Kanipffmehcr, Wolfgang Hein« und Tr. Conrad Schmidt. Zinn Schluß sei noch auf zwei Nnfsätze von Friedrich Hertz hiiigeivieseN. Der erste ist unter dem Titel„Bernstei» und die Socialdemokratie" im Juni-Heft der von Engel« bert Pernerstorsfer hcransgegcbenen Wiener Zeitschrift„Deuts die Worte" erschienen, der zweite unter dem Titel„Social» reform oder Revolution" im Aug» st-Heft der „ S o c i a l i st i s ch e n Monatshefte". In dem erstgenannten der beiden Artikel erörtert Hertz„die Frage nach der absoluten ökonomischen Notwendigkeit des SocialiSmns", besonders die Bcrnsteinschen AuSfiihrnngen gegen die Mainsche Konzentrationsund sogenannte.VcrcIcndniigS"-Theorie, in, aiidcrn polemisiert er gegen die bekannte von Rosa Luxemburg veröffentlichte Schrift „Socialreform oder Revolution". Sorioile MeFzkspftege. Wenn zwei Bcrnssgenoffcnsch asten sich darüber streiten» welche von ihnen einen rciitenbercchtigtenUnfallverletztenzu entschädigen hat, dann thut der Verletzte am besten, gegen jede der beteiligten BcrnfSgcnoffcnschaftcn bis zur letzten I n st a n z vorzugehen. Der folgende Fall beweist, ivie leicht jemand, der nicht danach handelt, um die ihm zweifellos zustehende Unfallrentc kominan kann. Der Malzfabrikant Magen in Branitz ließ in seiner Mälzerei voi? der Allgemeinen Elcktricitätsgesellschaft eine elektrische Anlage her» siclicn. Die Elcktricitätsgesellschaft entsandte nur einen Monteur. während Herr Magen vertraglich verpflichtet war. diesem mehrere seiner Arbeiter zur Bcrfngung zu stellen. Diese Hilfskräfte ließ Magen von seinem Obcrniiilzcr Zimmermann überwachen. Zimmer» mann hatte außerdem dem Monteur zu zeigen, in welcher Höhe die Leitungen zc. anzubringen seien. Hierbei verunglückte der Obcrinälzcr. Er beanspruchte von der Brauerei- nnd Mälzerei- Bcrufsgenosscnschast eine Unfallrente. Die Ge» nosscnschast lehure den Anspruch mit der Begriindnng ab, daß Zimmermann am Unfalltage in den Betrieb der Elektricitäts-Gescllschaft übergetreten gewesen wäre. Nicht sie, sondern die Fcinmcchanik-BcrnfSgenossenschnft sei deshalb zur Ncntcngcivährnng verpflichtet. Zimmermann ließ diesen Bescheid rechtskräftig lverdcn und ivandtc sich nunmehr an die Berufs» genosscnschäft für Feinmechanik. Aber auch diese erklärt« sich nicht für verpflichtet. Gegen ihren ablehnenden Bescheid legte Z. ohne Erfolg die Bernfung nnd endlich den Rekurs beim Reichs-VersicherungLamt ein. Das Rekursgericht erkannte ebenfalls zu feinen U n g u n st e n, indem es von folgen» den Erwägungen ausging: Wenn auch die Arbeit der ElcktricitütS'- Gesellschaft übertragen gewesen sei, so sei doch noch nicht daraus zn' folgern, daß der Kläger in ihren Betrieb übergetreten sei. Zweifellos habe sich der Malz» fabrikant die Verfügungsgewalt über seine bei der Montage be» schnftigtcn Leute nicht vergeben wollen nnd können. Ebensowenig ivie die Hilfsarbeiter fei Zimmermann für die Dauer der Montage ein Arbeiter der EleltricitätSgesellschaft geworden. Wo eine solche Behandlung verunglückter Arbeiter möglich ist. da verlangen die K a p i t a l i st e n in ihrer Diimmdreistigkeit, daß die Arbeiter in eitel Wonne über die„Segnungen der Social- reform" Purzelbäume schlagen und sich in Hurrapatriotismus über» nehmen solle»! 3fii* dr» Jiilialt der Jiiscrnle iiberttiuniit die Nedakiio» dcm V>>blik»»i gcnciiiibcr keiucrlci ?>cr»iii>»ort»»a. Tljvntvv. Mittwoch, den � Ottover. Opernhaus. Fidelio. Stiisani, 7V-Uhr. Schauspielhaus. Die Journalisten. Anfang 7l/z Uhr. Nene» Oper»- Theater tKroll). Geschlossen. Deutsches. Kollege Crampton. An- fang 71/-i Uhr. öessiug. Als ich wiederkam... Ansang 7«/. Uhr. «erliuer. Zaza. Ansang 7'/, Uhr. Schiller. DieArogstadtlusl. Anfang 8 Uhr. steues. Colin eite. Ansang 7»/, Uhr. Weste». Und nie. Anfang 7»/, Uhr. dhalia. Der Platzmajor. Ansang 7Vz Uhr. lltesideug. Jagdfreuden. Vorher: Famtlicii-Sonper. Ans. 7V, Uhr. äuljcu. Molly Earrö. Anfang 8 Uhr. r Central. Die Geisha. Anfang 7'A, Uhr. Ostend. Weltuntergang. Anfang 8 Uhr. Victorin. Die weihe Henne. An- fang 7V2 Uhr. Friedrich- WilhclinstiidtischeS. Die Reise nach der Tcufelsinsel. Anfang 8 Uhr. Metropol. Riind»ni Berlin. Im Reiche der Seccssionl Ansang 8 Uhr. Apollo. Fra» Lnna. SpccialitKteu- Vorstellung. Anfang l1/* Uhr. Rcichöhallc». Stettiner Sänger. Anfang 8 Uhr. Palast. Spreelottchen. Special!- täten-Vorstcllung. Ans. 8i/, Uhr. Passage> Pauoptlkuni. Speciali- tnlcn-Vvistcllnng. Urania. Hupaiideustr. c»7/<»S. Säglich abendö von ö— 10 Uhr: Sternivarte. Tanveustr. 48/4». Im Theater: Der Sieg des Menschen über die Statur. Anfang 8 Uhr. Lchilla'-Thfliter lv tlrossstadtlurt. Freitag, abendö 8 Uhr: Die(ilrossstadtluft, Ernkve» l T hvnkpv Direktion: soss perencrx. Dir Gvi-sl»« oder: Eine japanische Thcchans- geschichtc. Operette in 3 Akten von Sidney JoneS. Anfang 7>/2 Uhr. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Sonntagnachinittag 3 Uhr zu halben Vreisen: Der Bogelhändler. Von Carl Zeller. TMh-l'Kgater. fei. AmtIVa 6440. Dresdaneretr. 72/73. Zum 32. Male: Der Platzmajor. ?Iiom»s, 7lal»cliar, Helmsrdlng, Junkermann. Im 2. Akt: Gr. Mutvskop-Terzett. Anfang 71/2 Uhr. Morgen: Dieselbe Vorstellung. K'itdrilli-Wilsitllilst. Theater Cdausssaetr. 26/26. AM- Letzte Woche!-ME Abends 8 Uhr: Zun, 38. Male: TieNeiseiiallidttTeiiselsiilsel Burleske Abenteuer-Posse mit Gesang und Tanz in ö Akten von»% Musik von Albert Wicher. In Scene gesetzt vom Dir. Mar Samst. 1. Bild: Ans zu Drcyfuö. 2. Bild: Verbündete Mächte. 3. Bild: Attentat und Verrat. 4. Bild: Da» belagerte.Sans. 5. Bild: Die Gerichtsverhandlung. 6. Bild: Apotheose. Morgen: Dieselbe Vorstellung. Sonnabend, den 14. Oktober, nachm. 4 Uhr: Gr. Kinder-Vorstellung. Der Rattenfänger von Hameln. Zauvermärchen in 7 Bildem von Dr. Gustav Braun. Es ist dieS die letzte Aufführung des Stückes. Sonntag, den lo. Oktober, nachm. 4 Uhr: Auf allgemeines Verlangen: Ter Trompeter von Säkkinge». Netropol-'kdöater. Belirenstr. 55/57. Direktion; lUchavd Schnlz. Sensationeller Erfolg!-MC Täglich von 9 Uhr ab: Vund um Brvlin. Berliner Lokalrcvuc v. Julius Freund. Musik von Julius Einödshoser. 1. Bild an der Chansonettcnccke. 2. Bild im AusstcllungSpark. Stürunschcs Lachen! Jubeln! Beifall! erregen: O1» Uhr: Die Verschwörung der Berliner Thcaterdircktoreii. 9-° Uhr: DaS ist Berlin, die Stadt der Lieder. Am schönen grünen Strand der Spree. 10 Uhr: Berliner Landpartien. 1oa> Uhr: Der Ehe-Automat. 1015 Uhr: Die lex Heinze. 1020 Uhr: Miquel u. die Kanalvorlage! 1025 Uhr: Das letzte Pferd. 10» Uhr: Das sind lauter Puppen für's Panoptikum. 1035 Die Friedenskonferenz Im Haag. 10>° Uhr: Sensationell! Urkomisch: Die Harmlosen in Moabit. 10« Uhr: Zum Schluß; Mit feenhafter Ausstattung: Im Reiche der Secession. Großes Ballett. Vorher: Das brillante Oktober-Specialit.- Programm. Anfang 8 Uhr. Sonntag, den lö. Oktober, nachm. 3 Uhr, bei halben Kaffenpreisen: Berlin lacht! und das gesamte Spccialitäten-Programm._ Wiid-lw'l Wch-Theattt. Gr. Frankinrtersiraste>32. <5r. Erfolg. Novität. Der Weltnniergattg. Großes Ausstattungsstück mit Gesang in 0 Akten(14 Bildem) vom Dir. Carl Weiß u. Jos. Däll. Musik von M. Fall. Anfang 8 Uhr. Vorzugöbillets haben Gültigkeit. Im Tunnel von 7 Uhr an Frei- Konzert. Morgen: Dieselbe Vorstellung. �Ucftzai'-Viieater Variete I. Kangcs Dresdenerstr. 52-53. Annenstr. 42-43. Mstreitll M absolut erstklassig eu TMalitäten Ansang: Wochentags 8 Uhr. Sonntags 5 Uhr. Eutree: Wochentags 20 Pf. Sonntags 30 Pf. L3V8L*) Die Direktion: Richard Winkler. Ilrania Tanbcnatrassc-48/4». Im Theater abends 8 Uhr: „Der Sieg des Menschen über die Natur". Invalidcnstr. 57/62: Tägl. Sternwarte. _ Nachmittags 5—10 Uhr,_ Passaue-Tlieater." Beginn deS Konzerts s Uhr, der . VorstelluvA ? Uhr. fsssaga- panoptililim geöffnet von früh bis abends. *** CASTANS" PANOPTICUM 165. Friedrichstrasse 165. Moni Die heulenden 1|0„| ItCU. und tanzenden"CU. Derwische ! aas Ober-Aegypten! kl Ohm Krüger« Oreyfus Mercier« Zola. Palast-Theater ZV früher-MG li'Qen- I'alatit, Burgstraste 22. Ganz Berlin spricht von dem großen Oktober-Programm. Ganz Berlin staunt über die trefflichen Meisterlurner am sechsfachen Lnstrcck Vssiilescu-IViio. In dieser Vollendung noch nie dagewesen! Ganz Berlin lacht über Winkler und Frühel in der urkomischen Original- Ausstattungs-Gesangs-Burleske Susaltne im Bade. Ansang 7>/z Uhr. Sonntags 6 Uhr. Kassenöffnnng l Stunde vor Anfang. Billet-Vorverkauf vorm. v. 11—1 Uhr. Sonnabend, den 14. Oktober: DM" Gescllschafts-Abeud'MlZ Tlorstelliing>1. Tanzkränzchen. Vivionis-'ikvsiten 0. Alexanderstr. 40. Fernfp. VI1 1711. Direkt.: V. Dausenwein U.C.Emmerich. Anfang>/z8 Uhr. Zum 31. Mal mit vollständig neuer Ausstattung: Novität! Die weisse Henne. Novität! (La ponle blanche). Vandeville in 3 Akten von Hennequin und Mars. Deutsch v. Bolten-Bäckers. Musik v. V. Roger. In Paris mi t sensat. Erfolge über 500 mal gegeben. W. Noaclis Theater, Brininenstraße 16. Heute, Mittwoch, den 1l. Oktober: Wegen Privatsesjtilljkeit keine Vorstellung. Donnerstag: Die schöne Ungarin. Cixdeas Busch. Mittwoch, den 11. Oktober, abends 71/, Uhr: Grande Soiree Equestre, Ol v m p i ich e Spiele! Römisches Viergespann eine 30 Fuß hohe Cascade hinaufjagend und durch das Wasser- bassin fahrend. Sturz eines kriegsgef. Germanen in Feuerstlammen aus der Höhe der Cirkuskugel ins Wasser. Unsere Marine, großes Ballett. S P 0 r t ö a kt: a) Polo zu Pferde. b) Nachtmützen-Rennen, c) Bicycle- Wettfahren.— Wunderdressuren an Seelöwen. Charles Clarke als Jockep. Direktor Busch mit seinen neuesten orlglnal-Melster-Dressuren. Apollo-Theater. Abends 9 Uhr: FranLnna mit dem sensationellen Luftballett: „Crrigolatis". Otto Remter The Barras Cbavita Tumata Tiero Blossoms Francis Gerard etc. etc. etc. Kasseneröffnung BVz Uhr. Anfang der Vorstellung 71/j Uhr. Vorverkauf täglich ImTheater und beim„Künstlerdank", Unter den Linden 69. Neichshallen. Täglich: Stettmer Sältger (Mchsel. Pietro. Britton, Sieibl, Krone, St t r ch»1 a h r r, Schneider und Schräder). Zum Schluß: Stuckes Pfingstfahrt. Ensemble von M e y s e l. Anfang wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Tageskasse 11—1 Uhr. �a«G8««vi Kottbaserstr. 4 a. Täglich außer Sonnabends Mniannsflord- deutsche Sänger. Anfang wochentags 8 Uhr. Entrec(Borverlauf) 30 it. 50 Pf. Sonntags 7 Uhr. Entree 50 u. 75 Pf. Donnerstag und Sonntag nach der Soiree: Dnn!2-Kjl'jiniEch«n. Ujtung! Wliuer Hof. Besonderer Umstände halber ist der Totcn-Tonntag frei und dicserhalb an einen großen Verein abzugeben. Sonntag,, den 15. Oktober, nachmittag:» S1/: Ihr, im Thalia-TJieater, Dresdenerstr. 72; Erste ordentliche Vereins-Vorstellnng. Zur Aufführung gelangt: =='.'t oll it. Trauerspiel in 5 Akten von Goethe.— Regie: Herr Fried r. Moest. Tie Verkoosung der Plötze beginnt 1'/, Uhr nachmittags. Die Mitglieder werden gebeten, ihre alten Karten gegen neue um- zutauschen und rege zu agitieren. Neue Mitglieder werden in unten- stehenden Zahlstellen aufgenommen. Einschreibegeld 50 Pf. Borstellungs- beitrag 50 Pf. Monatsbcitrag 25 Pf. Zahlstellen: N.: Fritz Schräder, Stralsunderstr. 63; Ad. L ö h r, Ack-rstr. 38, II; E. Dicke, Restaurant, Ackerstr. 123; I. K rech, Rest., Chauffeestr. 64; E. Knapp, Rest. Grünlhalerstr. 5; E. Schmidt, Rest., Tresckowstr. 22; Mohrmann, Ackerstr. 93. NO. t W. Sch rolle, Friseur, Landwehrstr. 3; Karl Spät, Rest., Georgenkirchstraße 65._NW.: H. Becker, GotzkowSkystr. 9; H.Gebauer, Restaurant, Birlcnstr. 25: Härtung, Oranienbnrgerstr. 54. SW.: C. W e r l i u g, Cigarrengesch., Zoffencrstr. 32; H. Landgraf, Neuenburgerstr. 15; I. Pech, Schuh- geschäst, Möckernstr. 120. 8.: Th. Pähl, Rest., Dresdenerstr. 71; Herm. B 0 b s i e», Koiiiinandantenstraße 62; Arbeiter-Konsniiigenoffeiischaft„B e- frciung", Skalitzerstr. 6 im Laden; B r u n 0 T ü b ck e, Matthieustr. 19, 4 Tr. 30.: T h. S t amp e h l, Mariaiinenstr. 26; H. Köhn, Restaur., Naunynstr. 83; M. H e e r d e, Martannen-Ufer 2. O.: C. Q u a r d e r, Wallnertheaterstr. 17, IV.; W. Taberl, MarkuSstr. 14, Eingang Gnnicr Weg; Aug. Bölke, Rüdersdorferstr. 18, Ecke der Koppensiraße. Johannis- thal: Aug. Krause, Parkstr. 3. Steglitz: A. Dur eck, Schildhornstr. 91. Her Vorstand. 150/16 Heinrich Nekt, Kassierer i. V., Georgenkirchslr. 24a, 2. Hof, Seiienff. 1 Tr. aansamaMsaa iii i miM IMlim Haehrs Theater Oranicnstr. 24. Roseil aus bem Tübeil. AuöstattungS-BurleSke. Das groffartige Oktober- Programm. Elsa Messer, Kostüm- Soubrette. Mstr. Pauly, Contorsionift. Mstr. Döbbrick, Champion-Handstandkünstl. Franziska Held, Soubrette. Gustav Eulenburg, Huniorist. Anfang 8 Uhr. Sonntags 6 Uhr. Vorzugskarten an Wochentagen gültig. eld sparen und trotzdem guten Kaffee trinken, dann kaufen Sie nur Carola- KafTce. 1 Theelöffol genügt vollständig, um sich 2 Tassen vorzüglichen gesundheitlich zuträglichen Kaffees herzustellen. 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Kchttnchcrs: Wilh.BäumIer.ApoiielPaulusstr.13 >Vel»»en»ee: Heinrich Bachmau». Lehderftr. 1. Julius Schillert,«önigchaussee 39a. Rod. Liebschwager, Gustav-Adols- straße. 16. Verantwortlicher Redaeteur: Heinrich Wetzler in Groß-Lichterselde. Für den Jnseratsuteil verantwortlich: Tb. Glocke m Berlin. Druck und Verlag von Map Badiug m Berlin.