Anterhaltungsbkatt des Vorwärts SK. 87. Dienstag, den 6. Mai. 1302 Macbdruck verboten.» ?! Dev Manksmsntt. Nomou von Hall C a i n e. Autorisierte Uebersetzung. „Ich weiß, o, ich Iveiß I" rief Käthe, noch auf dem Stuhl stehend und in die Hände klatschend.„Sie aß einen ge- bratenen Apfel und ging durstig zu Bett und träumte, daß ihr jemand'nen Trunk Wasser brachte, und das»aar der, den sie zum Manne bekommen sollte— nicht?" „So ist's, Mädchen I" Cäsar hatte die Augen vom Buch erhoben und zugehört; jetzt schrie er:„Dann fort damit, sag' ich. Es ist alles nur Teufelswerk, und die, die's erzählen, sind mit ihrem Aber- glauben nichts als Abtrüniiige und Widerspenstige. Es schickt sich nicht für ein christliches Haus, und ich will nichts mehr davon hören." Grannie hielt mit Stricken inne, steckte sich die Nadel ins Haar und sagte:„Du lieber Himmel, Vater I Tom meint's nicht böse." Sie sah nach der Uhr und stand auf.„Doch es ist Zeit, das Haus zu schließen. Gute Nacht, Tom! Gute Nacht, alle mitsammen! Gute Nacht l" Phil und Pete standen ebenfalls auf. Pete ging nach der Thür und stellte sich, als ob er hinaussähe, dann kam er wieder zil Käthe zurück und flüsterte:„Komm und suche Dich loszumachen— draußen ist einer, der Dich erwartet." „Laß ihn warten," sagte das Mädchen, aber es lachte und Pete»vußte, daß sie kommen würde. Dann wendete er sich zu Philipp. „Ein Wort insgeheim, Philipp," sagte er, nahm ihn beim Arme und ging mit ihm zum Hause hinaus und nach dem Hofe. „Also, gute Nacht, Grannie", sagte Mr. Jelley, im Be- griff, ihnen zu folgen. ,�Ja, ja—»venu ich noch so jung wäre wie Euer Enkel da, Mr. Quilliam, ich ginge in die weite Welt." „Enkel!" knurrte Tom, sich erhebend.„Ich Hab' keinen Eickel, sonst würde er mich iricht am Hungertuch nagen lassen. Er läuft wieder einmal dem Phil Christian nach, der's ihm angethan hat." Nachdem alle fort waren, fing Granirie an, ihr Geld zu zählen.„Was die Elfen betrifft— eins, zwei, drei— so mag's sein, wie Cäsar sagt— vier, fünf— doch ist's jeder- falls sicherer, sich freundlich gegen sie zu erweisen." „Gewiß", sagte Nancy Joe,„ein Krug frisch Wasser und ein paar gute Worte vor Schlafengehen am Allerheiligen- abend schaden keinesfalls'was— nein, sicherlich nicht." Draußen im Hof vor dem Stall konnte man jetzt hören, wie sich des schivarzcn Tom und Jonaique Jellys Fußtritte auf der Straße entfernten. Der Mond war spät aufgegangen und stand, rot wie eine Abendsonne, iin Südosten über dem Hügel. Pete keuchte und pustete, als ob er um die Wette gelaufen Iväre. „Rasch, Junge, rasch l" flüsterte er.„Käthe wird kommen. Doch erst noch ein Wort. Willst Du mir einen Gefallen thun, Phil?" „Und welchen?" fragte Philipp. „Mit dem alten Mann für mich sprechen, während ich hier mit dem Mädchen rede." „Worüber?" sagte Philipp. Doch Pete folgte nur seinem eignen Gedankengang.„Mit dem lieben Engel selbst steht es gut, der Alte aber ist hart. Sprich für mich, Phil; Du hast das feine Englisch in der Gewalt." „WaS aber soll ich ihm sagen?" fragte Philipp wieder. „«vag, ich sei ivohl ein etwas armseliger Bursche, doch keineswegs schlecht. Streich mich heraus, sing mein Lob. Sag, ich würde kreuzbrav sein; das Hab' ich mir auch vorgenommen. Er braucht nur„Ja" zu sagen, und ich»verde so stark und lvillig und arbcitssain und ausdauernd sein,»vie man's noch»rie erlebt hat." „Aber Pete, Pete, Pete, iveshalb soll ich ihm denn das alles sagen?" Peie hörte auf zu pusten und zu keuchen.„We-shalb? Nun,»vcgeii des Mädchens, natürlich.. „Des Mädchens?" rief Philipp. „Was denn sonst?" sagte Pete. „Der Käthe? Soll ich Kathens wegen für Dich mit dem Vater sprechen?" Philipps Stimme schien ganz aus der Tiefe der Brust zu kommen. „Ist Dir der Auftrag zu schtver. Phil?" Eine kurze Stille entstand. Das Blut war Philipp inS Gesicht gestiegen, auf seiner Stirn hätte man die seltsainsten Gedanken lesen können; aber die Dunkelheit verbarg es.„Ich habe das nicht gesagt," stammelte er. Pete faßte Philipps Zögern irrigerweise als stillschweigende Bestätigung seiner Unwürdigkcit auf. „Ich weiß, daß ich nur eine Art Taugenichts bin," sagte er.„Doch. Phil, Du glaubst nicht, wie schrecklich ich das Mädchen liebe. Der Gedanke an sie läßt mir keine Ruhe. Ich kann»vcder nachts schlafen, noch bei Tage richtig arbeiten. Alles erinnert mich an sie, alles ruft mir ihren Namen zu. „Käthe I" ruft's aus dem Meere,„Käthe I" ruft's aus dem Wasser des Flusses— aus den Bäumen-- dem Ginster! „Käthe I" und immer nur„Käthe!" Ich kann's nicht mehr aushalten I Ich liebe das Mädchen über alle Begriffe, Phil--» und Phil, das ist wirklich wahr!" Pete schwieg, aber Philipp rührte sich nicht. „Es ist schwer, mich zu loben— o. ich weiß es recht gut," sagte Pete,„ich habe sie aber gekannt, als sie noch ein ganz kleines Ding in Aermelschürzen und ich schon ein derber Junge war, der die ersten Hosen anhatte; da haben wir in der Schlucht zusammen Blondin gespielt." Noch immer sprach Philipp nicht. Er klammerte sich mit zitternden Fingern fest an der Mauer des Stalles und rang nach Fassung. Pete scharrte mit den Füßen auf den Pflaster- steinen herum und murmelte mit fast brechender Stimme: „Sprich für mich, Phil. Nur Du kannst es thun. Du hast die rechte Art, die Dinge zu sagen und ihnen ein Ansehen zu geben. Ich würde iin Augenblick rein verloren sein,»venu ich's für mich selbst thäte. Sprich für mich, alter Junge! Willst Du nicht, wie?" Doch Philipp war still. Er gab sich alle Mühe, den Klumpen hinunter zu würgen, der ihm im Halse steckte. Er hatte auf einmal sein Herz erkannt, und beim Lichte von Petes Bekenntnis sein eignes Geheimnis entdeckt. Das Mädchen aufzugeben»var schiver; für Pete um sie anzuhalten. »var jedoch noch etwas andres. Petes Hcrzensjammcr rührte ihn aber. Die Kehle»vurde ihm endlich»vicder frei und seine Finger lösten sich von der Wand. „Ich will's thun," sagte er, doch klang es fast wie Schluchzen. Seine Erregung drohte ihn zu übermaimen. wie die Flut den Damm durchbricht. Um sie zu verbergen,»vollte er rasch fort gehen, aber Pete ergriff ihn bei der Schulter und blickte ihm in der Dunkelheit scharf ins Gesicht:„Du willst es doch thun!" sagte Pete mit einem Aufschrei der Freude; „dann ist's so gut»vie erreicht. Gott segne Dich, alter Junge." Philipp machte sich von ihm los.„Still, es ist nichts," sagte er mit tapferem Herzen und brach dann in eine Lache aus, die fast»vie Weinen klang. Er hätte nicht»vciter reden können, ohne daß ihn» die Stimme versagte. Da fiel auf einmal vom Hause her ein Lichtstrahl auf beide und eine unterdrückte Stimme rief:„Pete!" „Sie ist es," flüsterte Pete.„Sie kommt! Sic ist da!" Philipp sah sich um und erblickte Käthe in der Thür zur Milchkammer. Die liebliche junge Gestalt hob sich»vie ein Schattenriß vom Lichte hinter ihr ab. „Ich gehe," sagte Philipp und stc»ierte langsam auf daS Haus zu, aus dein das Mädchen nun trat. Pete folgte ihm ein paar Schritte»veit, indem er Käthchen entgegenging.„Pst, Phil!" flüsterte er.„Sage dem Alten, ich»vürde regelmäßig früh und abends in die Kapelle und auch in die Sonntagsschule gehen— und pst I— daß ich mich mit allein Fleiß übe, das Harmonium spielen zu lernen." Philipp schlich sachte durch die Milchkammer zurück in daS Haus, machte die Thür hinter sich zu und ließ Käthe und Pete beisammen. VIT. Die Kiiche der Manks-Fee war jetzt von dem Duft der in der eignen Lake gebratenen Heringe erfüllt; das Oel tröpfelte mit Knistern und Prasseins ins Feuer herab. „'s ist ein weiter Weg zurück nach Ballure, Mrs. Cregeen," sagte Philipp, den Kopf zur Thür hineiustreckend.„Darf ich vielleicht zum Abendessen bleiben?" „Gewiß, Sie sind uns willkommen," sagte Cäsar, sein großes Buch auf die Seite legend; Nancy Joe versicherte das- selbe, indem sie ihre hohe Stimme nierklich herabstimmte, und auch Grannie sagte:„Herzlich willkommen, wenn Sie's nicht zu gering achten und mit uns fürlieb nehmen. Kartoffeln und Heringe, Mr. Christian; das richtige Mauksessen. Hebe den Topf vom Feuer weg, Nancy." „Nun, und ist er nicht selber ein Manksmann, Mutter?" fragte Cäsar. „Natürlich bin ich das. Mr. Cregeen," rief Philipp laut auflachend.„Wenn ich's nicht wäre, wer denn?" „Und Manksmann oder nicht. tveshalb sollt' er die Nase rümpfen, wenn es solche Heringe zu essen giebt," sagte Nancy. Sie setzte gerade eine Schüssel voll auf.„Wo findet er ihresgleichen? Nicht in England drüben, dafür stehe ich." „Nein, wahrlich nicht," sagte Philipp, noch immer ohne Ursache lachend. „Und wenn sie sie auch hätten, würden die armen dummen Kerle sie doch nicht zu kochen verstehen." „Auf keinen Fall, Nancy." sagte Grannie und schüttelte die Kartoffeln in einem Haufen auf den bloßen Tisch.„Wir haben dreimal Kartoffeln und Hering des Tages und alle Ursache, dankbar dafür zu sein; nur sollten wir uns darob nicht überheben." „Bitte den Herrn, sich herzusetzen, Mutter," sagte Cäsar. „Rücken Sie'ran, Herr, rücken Sie'ran. Hier ist Ihre Schüssel mit Buttermilch. Messer und Gabel. Nancy. Wir selbst sind nicht Leute, die Messer und Gabel brauchen, wenn sie Heringe essen, Herr. Und einen Teller für Mr. Christian, Mädchen. Ein Gentleman ist einen Teller gewöhnt. Nun essen Sie, und nochmals willkommen— doch, wo ist Ihr Freund?" „Pete? O, der ist nicht weit weg." Indem er dies sagte, unterbrach Philipp sein Lachen, um Grannie und Nancy Joe verständnisvoll anzublinzeln. Cäsar, der eine zur Hälfte geschälte Kartoffel zwischen den Fingern hielt, sah sich rundum.„Und Käthe? Wo steckt denn das Mädchen?" fragte er. „Sie ist auch nicht weit weg," sagte Philipp, mit heftigem Augenzwinkern.„Doch unbesorgt, Mr. Cregeen. Die beiden brauchen kein Abendbrot; sie nähren sich mit etwas noch Köstlicherem als Heringen." Dabei lachte er von neuem, um den Krampf in seiner Kehle zu ersticken. Cäsar wollte eben ein Stück Hering, das er zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, zum Munde führen.„Haben Sie etwas gesagt?" fragte er, den Kopf erhebend. Philipp lachte jetzt unmäßig. Es war eine Erleichterung, den Aufruhr seines Innern durch Lachen zu übertäuben. „Himmel I Was geht mit dem Burschen nur vor?" dachte Grannie. „Ist er von einem tollen Hunde gebissen worden?" dachte Nancy. „Ob ich etwas sagte?" rief Philipp.„Freilich Hab' ich etwas gesagt. Ich bin deshalb hergekommen. Bin gekommen, für Pete zu sprechen. Er liebt Ihre Tochter. Cäsar, möchte sie gern heiraten und bittet um Ihre Einwilligung." „O, lieber Himmel!" schrie Nancy Joe. „O, du Gerechter!" murmelte Grannie. „Peter Quilliam?" sagte Cäsar.„Sagten Sie Peter?" „Jawohl, Mr. Cregeen, Peter Quilliam", sagte Philipp tapfer.„Mein Freund Peter, ein rauher Geselle vielleicht und ohne viel Bildung, aber das beste Herz auf der Insel. Also, bitte, Cäsar, heraus mit dem Jawort, und machen Sie die jungen Leute glücklich." Ueber das letzte Wort konnte er kaunr hinweg, doch er- mannte er sich bei Cäsars forschendem Blick. „Aber ich habe den Burscheu ja von der Straße auf- gelesen, wie man zu sagen pflegt." „Ja wohl, Mr. Cregeen, gewiß. Ich war immer sder Meinung, daß Sie ein scharfsichtiger Mann wären. Was sagen Sie dazu, Grannie? Weiß Cäsar einen vielversprechen- jpen Menschen zu erkennen, wenn er ihn sieht, he?" Er winkte Grannie wieder schlau mit den Augen zu, und sie erwiderte:„Je nun. es läßt sich gegen beide nichts ein- wenden." Cäsar saß so gerade da wie eine Hebamme und schaute so verdrießlich drein wie ein bassanischer Gänserich. „Und als er damals fortging, war er unverschämt und unehrerbietig gegen mich." „Aber der Junge meint' es nicht böse. Vater," be- schwichtigte Grannie.„Und hatt'st Du ihin nicht erst selber die Thüre gewiesen?" „Laß jeden Vogel seine eignen Eier ausbrüten, Mutter; es wird Dir besser anstehen," sagte Cäsar.„Ja, ja, er redete in der Sprache des Satans und mit der Frechheit der Sünde." „Pete? rief Philipp ungläubig.„Aber er hegt über Sie keinen Gedanken, der nicht im Gebetbuche steht." Cäsar schnaufte:„Nicht? Dann hat er daraus Wohl auch sein Fluchen gelernt." „Ach was, Fluchen," sagte Nancy Joe über den Tisch herüber,„'s ist ein richtiger, wackerer Bursch, und Ihr habt keinen zweiten gehabt, der sich ihm vergleichen ließe." Cäsar drehte sich nach ihr um und sagte streng:„Wo Gänse sind, ist auch Schmutz, und wo Weiber sind, giebt's Geschwätz." Dann sich zu Philipp wendend, sagte er im Tone spöttischer Unterwürfigkeit:„Und ich darf mir eine Frage herausnehmen, die eine Sache betrifft, die man allgemein zu erwägen pflegt— wie groß ist sein Vermögen?" Philipp fiel auf seinen Stuhl zurück.„Vermögen? Nun, ich glaubte doch nicht, daß Sie..." „So?" sagte Cäsar.„Wir sind doch keine Kinder Israels, denen zweimal des Tags in der Wüste Manna vom Himmel fällt. Wenn es auch nur Kartoffeln und Heringe sind, so brauchen wir unser Essen doch dreimal des Tags, wie Sie wissen." Wie sehr sich Philipp auch anstrengte, das Gefühl zurückzudrängen, empfand er doch große Erleichterung. Das Schicksal selbst trat dazwischen. Das Mädchen war nicht für Pete bestimmt. Zum erstenmal, seit er in die Küche zurückgekehrt war, atmete er wieder voll und frei. Dann aber kam der Stachel des Getvissens. Er war gekommen, für Pete zu sprechen, und es galt, seine Pflicht treu zu er- füllen. Er durfte nicht nachgeben, er mußte alle Mittel der Vernunft und Ueberredung erschöpfen, die ihm zu Gebote standen. Zuletzt verfiel er auf den kühnen Gedanken, Cäsars Widerstand durch das Bibelwort zu überwinden. „Aber bedenken Sie doch, was die heilige Schrift sagt, Mr. Cregeen:„Sorget nicht für den andern Morgen".. „Das war, was Johnny Nipligthly sagte, Mr. Christian, als er über Nacht Feuer in meinem Brennofen machte und meinen Hafer verbrannte, ehe der Morgen kam." „Es heißt aber doch:„Sehet die Lilien"..." „Ich habe sie angesehen; gleichwohl muß ich arbeiten und Mutter muß spinnen." „Und ist Pete etwa nicht fähig, auch mit zu arbeiten?" sagte Philipp tapfer.„Niemand kann das besser auf der ganzen Insel als er; er hat keinen trägen Knochen im Leibe und wird sich überall seinen Lebensunterhalt verdienen." „Und was ist denn jetzt sein Erwerb?" fragte Cäsar. Philipp suchte nach einer Antwort, dann sagte er:„Nun, jetzt ist er allerdings nur bei mir im Boot, Mr. Cregeen." „Und was verdient er dabei? Essen und Trinken und ein paar Groschen, nicht wahr? Und wenn Sie eines schönen Tages Ihr Boot wieder verkaufen und nach England hinüber gehen, wo bleibt er dann?' Da kann das Mädchen lieber gleich jemand heiraten, der so arm ist, wie man auf die Welt konimt." „Aber Du brauchst doch selbst eine Hilfe, Vater," sagte Grannie,„ja, wirklich, die brauchst Du, und Zeit für die Kapelle obendrein und eine Stütz' für die alten Tage." „Gieb dem Jungen mit dem Mädchen auch noch die Mühle, nicht wahr?" sagte Cäsar.„Nein, ein solches Schaf bin ich nicht. Ich hätte schon reiche Freier haben können. beim Himmel— Freier mit fünfzig Aeckern und mehr, von dem Vieh noch gar nicht zu reden. Aber ich bedarf ihrer nicht. Der Herr hat mich genugsam gesegnet. Ich bin nicht dafür, den Schwanz eines fetten Ferkels mit Fett zu bc- schmieren." „Recht so, Cäsar," sagte Philipp,„recht so! Sie können sich's leisten, einen armen Mann zum Schwiegersohn zu nehmen, und da ist Pete..." «Ich müßte schon durchaus cineü Vogel hoben wollen.! wenn ich für eine Eule einen Heller geben sollte/' „Der Junge meint's bei alledeni gut", sagte Grannie. „War er doch auch gegen seine arme Mutter so brav, o, es war herrlich." „Ich habe die Frau gekannt", sagte Cäsar,„und ihr selbst eine Scholle ins Grab geworfen. Ein Braud, der aus denr Feuer gerissen worden, aber keine, die auf geraden! Wege durch's Leben ging. Und was ist der Junge selbst? Ein namenloses Denkmal der Sünde. Ein Bastard— was sonst? Und das ist der Hafen nicht, nach dem ich segle." lFortsetzung folgt.) Kleines �euillekon. y. Ei» kommunistisches Idyll i» der Berliner Bannmeile. Wer om Sonntagnachinittog mit der Wamisceliahn dem Frühlings- sest der„Renen G e m e i n s ch a f t" znstredte, ohne mit den toj?o- graphischen Verhältnissen der Villcnkoloiiie Schlachtensee genügend vertraut zu sein, der wurde ans seinen Zweifel» iider den einzuschlagenden Weg gerissen, noch ehe der Zug in den Bahnhof ein- lief. Kurz vorher erblickt man nach dem See-Ufer zu ein ragendes Gebäude, das schon verschiedenen Ztvccken gedient hat. ES war dort einmal ein Asyl für verwahrloste Mädchen. An die cntschivun- denen Tage eines andern Jnsiitnis erinnert die zivar oberflächlich weggekratzte, aber noch leserliche Aufschrift:„Vegetarisches Familien- heim". Hente steht das stattliche, hotelartige Haus unter dem Wahr- zeichen zweier Fahnen, die auf dem Dache lustig im Winde flattern: davon ist die eine wicseiigrnn, die andre dunlellila. Hier muh es sein. Und in der That finden Ivir nns in der Erwartung nicht ge- täuscht: seit dem Monat März hat die„Reue Gemeinschaft" hier ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Eine buntgemischte Gesellschaft von etlichen hundert Köpfen findet sich allmählich in den Räumen der Gastgeber zusammen. Neben Künstlern mit wallender Mähne, Damen mit merkwürdigen, seccssionistischen Gewänder» sieht man Herrschaften, deren eigentiiche Heimat wohl das Tiergartenviertel ist, das HanS und seine Unigebnng durchwaiidcln, sich mit Kaffee, Kuchen und andren harmlosen Genüssen erquicken, Klavier- und GcsangSvorträgen, Deklamationen und nicht zu vergessen den Ansführnngen der Herren Heinrich und Julius Hart und dcS Herrn MichalSli über die Bestrebungen der«Reuen Gemein- schaft" lauschen. Wa§ die Thiergarten-Viertler hergeführt hat, ist schivcc zu sagen: vermutlich die Erivartung eines besseren Ucber- brettlS oder gar die Sucht, sich, ivie eS denn auch geschah, mit be- kannten Gestalten der Bohöme zusammen für die„Woche" Photo- araphicren zu lassen. Denn das eigentliche Ziel der„Reuen Gcincin- schaft" in ihrem neuen Heim kann jenen Leuten kaum besondre Sympathie einflöhen. Es handelte sich für die Vereinigung von Künstlern und Idealisten, an deren Spitze die Gebrüder Hart stehen, darum— so kündigten sie im vorigen Jahre ihre Absicht an—„ihre Freunde zu einer engeren tvirtschaftlichen Organisation zusammenzufassen, zu Verbindungen, die in möglichst vielseitiger und umfangreicher Weise Produktion und Konsum auf gemeinschaftlicher Gnmdlage er- möglichen". Mit nicht mehr und nicht weniger als einem kommunistischen Experiment hat man eS also zu thun. Das zu diesem Zweck auf vorläufig drei Jahre gepachtete Grundstück kostet mit dem Hanse zusammen eine jährliche Miete von 5000 M. und umsaht im ganzen 3s Morgen. Davon ist der gröhte Teil Wald, ei» kleinerer Teil Obst- und Gemüsegarten und der sehr erhebliche Rest unverfälschter märkischer Sand, dessen unerfreulicher Anblick dem Auge aber ehestens durch Bcpflanzung mit genügsamen Lupinen eilt« zogen werden soll. Jin übrigen aber ist die Lage der Ansiedlnng eine äuherst einladende; von den, flachen Dache aus gcnicht man ein prächtiges PckNorama: z» Fühen der gewundene Schlachtcnsee mit seiner Waldeinrahmnng, lvährcnd im Osten der Blick bis Lichterfelde und Steglitz, im Westen bis zu den Höhen von Potsdam reicht. Das Hans beherbergt in seinen ca. 3t) Räumen 20 Ertvachscne beiderlei Geschlechts— teils lcdig. teils verheiratet—. ivozu dann noch eine muntere Schar von Kindern kommt, deren jüngste manch- mal recht vernehmlich in die Darbietungen der Festgeber hinein- krähten. Diese ganze Gemeinschaft mm bildet eine einzige grohe Familie, die aus gemeinsamen Mitteln einen gemeinsamen Haushalt bestreitet. Dazu hat man pro Tag für Beköstigung, exklusive Getränke. 1 M. beizutragen, wozu dann noch etwa 20—30 M. monatlich für ein Zimmer zu rechnen sind. Das reicht aber nicht zur Deckung der Unkosten, vielmehr kommen dazu freiwillige Beiträge für den gemeinsamen Zweck, deren Höhe sicii nach Mahgabe der Kräfte und der Opferivilligkeit der Mitglieder bestimmt und zum Teil von groher Hsngabe und Begeisterung Zeugnis ablegt. Wie die sämtlichen Mahlzeiten gemeinsam eingenommen lverden, so bezweckt die„Reue Geineinschaft" überhaupt brüderliches Zusammenleben und Znsammen- wirken auf allen Gebieten, vor allem natürlich auf denen der Kunst ilnd Wisselischast:„Als eine Genossenschaft von GeisteSmenschen sucht sie in jeder Hinsicht frei zu lverden und frei zu machen von der Besitz- und Geschästsgier und im Gegensatz zu der Geschäftskunst, Geschäfts- Wissenschaft und Geschäftsreligion, die heute wie von jeher die Meiischei»«lt in ihren» innersten Wesen zersetzen, verderben, un« entgeltlich zu schaffen und zu spenden." Die Organisicrnng der Produktion ist bis jetzt kaum über die ersten Anfänge hinaus gediehen. Die Gartenarbeiten werden mehr nur zur Erholung von geistiger Tbätigieit, nicht zu wirtschaftlichen Zlvecken, betrieben: ivie denn die Mitglieder der Gemeinschaft über» Haupt nicht die Absicht haben. Bauern zu werden oder zu eine»! Ronsseanschen Naturznstande zurückznkehren: bloh in steter Ver- cinignng mit der freien Natur ivollen sie leben; es ist denn auch ein Waldiheater geplant. Von geiverblichc» Erzeugnissen, die auS der Mitte der Vereinigung hervorgegangen sind,' haben ivir nur eine Ansichtskarte bemerkt, die, nebenbei gejagt, ziemlich niätzig ans» gefallen ist. Es wäre kaum nötig gelvesen, daß die Redner der„Renen Gc» meinschaft" ausdrücklich erklärten, dem Socialismns fernzustehen mit ihren, Experiment, keinen Beweis für die Durchführbarkeit dcS Socialismns liefern zu wollen, den sie gar nicht für wünschenswert halten. Mit ihrer Vcriverfung jeglicher politischen Bethätignng, jeglicher Autorität, jeglichen Zwanges stehen sie noch am nächsten den Anarchisten, deren„Armer Teufel" übrigens in zahlreichen Exemplaren anslag; den feinen Leuten ans Berlin W. mag bei dem Anblick nierkivürdig zu Mute geworden sein. Wie lange das koimnnnistischc Idyll in Schlachtcnsee währen mag? Allah weis; es. Wahrscheinlich nicht viel läiiger, als, wenn es erlaubt ist. Kleines mit Großem zu vergleichen, der ähnliche Versuch der Saint-Simonisten aus Enfaniins Landgut Mönilmontanh bei Paris(1830). Jedenfalls aber verlohnt es sich, von dein kom> munistischcn Idyll der„Reuen Gemeinschaft" Notiz zu nehmen, als von einer interessanten Zeiterscheinung.— Mnfik. Mit einer echt großindustriellen Reklame, energisch gefördert von den hiesigen Mächten und von dem Respekt des Publikums vor allem Wohlgestempeitc», nahmen am Sonntag bei Kroll die italiciiischcu„Verdi-Fe st spiele" ihren Anfang. Sie bilden mit den schauspielerischen„Meisterspielen" zusamnien eine pompöse Unteniehninug des erfolgknndigcn Prager Theaterdirektors Angela R e u m a n n. Der französische» Opcrngesellschaft. die hier vor kurzem traurig endete, hatte von vornherein kein so günstiges Los geblüht; und doch hätte sie trotz ihrer Minderwertigkeiten, Ucber» stürzungen und Ungeschicklichkeiien niehr Entgegenkonimen ver» dient. Sie hatte es eben nicht so geschästsfindig auf Effekt angelegt. Lassen wir uns aber durch diesen nicht über de» Wert von Meister-, Muster- und sonst derartigen Spielen täusche» I Ein Vortvärtsarbeiten in der Kunst geschieht durch sie nicht, nicht einmal eine getreue Wiedergabe des gegenwärtigen Standes der Knnst. Tie Hauptsache liegt dabei in der Gelegenheit, eine größere Zahl hervor- ragender Kräfte beisammen zu sehen. Thatsächlich lvar denn dies auch das Bild des ersten der Verdi-Festspiele. Aufgeführt Ivurde „Der Maskenball", jene 1850 zu Rom die Popularität Verdis neuerdings steigernde, an dramatischen Zügen reiche Verschlvörungs- oper. Auf das, ivas die Kunst als solche dem Menschen zu bieten hat, durfte in jener Vorstellung mm einmal gar nicht gerechnet werden. Schon das Publikum lvar nicht dazu angethan. Von dem durchgehends italienischen Text wahrscheinlich nicht allzuviel verstehend, klatschte nild johlte es nach allen Effekistellen in die Scene nur so hinein, und die Sänger, die sich ohnehin weniger für das Kunstiverk als für das Publikum bemühten, kamen ihm denn auch, mitten ans dem Zusammenhang heraus, geschmeichelt entgegen. Rein artistisch-technisch genommen lvar der Abend interessant genug. Vor allein überraschte der Dirigent Arturo Vigna. Deutlich, scharf, ein wenig grell arbeitet er die Tonfiguren und die Instrumental» sarbell heraus; er versteht es famos, anch durch Pausen zu gliedern und die Leute ans der Bühne zu einer gleichen Gliederung an« zuhalten. Allerdings kommt ihm unser prächtiges Orchester bestens entgegen. Ucber die Sänger ist gleiches oder noch günstigeres zu sagen als neulich über die von Mascagni vorgeführten Kräfte. Wunder- volle Stimnlfülle, vorzügliche Schule, besonders in geschmeidiger Ton- Verbindung, in Athcmtcchnik usw.; zun» Teil eine Richtung i»S Grelle, selbst derbe, mit einem merklichen Gegensatz gegen den intimeren, milderen Glanz, de» einige nnsrer deutschen Sänger haben. Der wirklich„phänomenale" Baß Bittorio Arimondi(Rolle dcS Tom) ist unS bereits gut bekannt. Ein Seitenstück zu ihm bildet der volle echte Alt von Aurelia Arimondi(Ulrica). Die richtige„hochdramatische", von etlvas herbem Colorit, ist die mit be» sonders tutender Reklame vorgeführte Mariade Macchi(Aurelia) ein mehr in einzeliicii Tönen als in der Gesamtleistung glänzender lyrischer Sopran ist L u i s n T e t r a z z i n i(Page Oskar). Reben dem ebenfalls renommeereichcu Baryton Mario San marco (Renato) möchten wir de» andern Baryton Gnilelmo Frank (Silvana) nicht zurückgesetzt sehen. Der Glanztenor, aber doch mehr schmetternd als strahlend, ist Em i Ii o de Marcki(Riccardo). In kleineren Rollen kamell zu geringerer Geltung der Baryton Alessandro S i l v e st r i(Sanniel) inid der Baß Mario Alma(ein Richter). Obivohl anscheinend die Einstudicrnng' überhetzt geschah, gelangen die von Verdi so geschickt koinponierten Terzette, Quartette, Quintette gut, namentlich mit durchsichtiger Deutlichkeit; freilich mußte einige Zeitlang der Souffleur sichtbar mitdirigieren. Anch der(nur?) aus Italien mitgebrachte Chor frappierte sowohl dnrch schöne Stimmen wie anch durch feinsinnige Gestaltung. Regie und Maschinerie waren von heimischer Hand. Am meisten spürte ,nc»n die heimische Hand in der eiiormen Tenerkeit und präteutösen Ausgabe der Billette. Ein Unter- nehmen für die Brillantcn-Aristokratie I Unverzeihlich war die Sklaverei, in der das lartenkaufende Publikum gehalten wurde. Man mußte sich's ruhig gefallen lassen, lange vor jedem Aufführungstag ein- oder mehrmal zur Kasse zu pilgern und sich.anzustellen-. Sind wir wirklich die einzigen, die dieses Vorgehen beim richtigen Namen nennen und es als eine hochmütige Ausbeutung bezeichnen? sz, Kunst. ek. Sie Große Berliner Kunstausstellung am Lehrter Bahnhof hat nun auch ihre Thore geöffnet. Man komite nicht sagen, daß der erste Nachmittag mit zwei Mark Eintrittsgeld zu billig bezahlt und toot Lerlin erschienen war. Als„Ereignis" scheint man also die„Große" nicht zu bewerten, obwohl in 49 Räumen viel„Schau" geboten wird, während draußen in den nach dein preußischen Exerzierreglement zugeschnittenen Anlagen zwei Militärkapellen in Uniform Parademärsche schmettern und zahllose befrackte„Ganymeds" ans durstige Gäste warten. Mau kann sich daher aus einen doppelten„Neinfall" gefaßt machen. Es involviert eine respektable physische Leistung, drei Stunden aus den Beinen zu sein, um sämtliche Räume durchzuhasten. Von„Genuß" ist da schlechterdings keine Rede. Und.Knnswffenbarungen" erlebt man auch keine. Denn was da ist, bewegt sich in maltcchnischor und stosf- sicher Hinsicht— wenige schüchterne Versuche abgerechnet— im altgewohnten Geleise. Die ganze Herrlichkeit von 1400 Gemälden in Oel, Pastell- und Wasserfarben, von gegen 200 Stichen. Zeichnungen, Radierungen. 205 Plastiken, sowie etwa 160 architektonischen Entwürfen und kunstgewerblichen Arbeiten schruinpft aus höchstens zwei Dutzend Nummern zusammen, die als vollendet»ud aus der Masse hervorstechend bezeichnet werden können. Im deutschen Porträt stößt man aus eine erkleckliche Anzahl von dekorierten und unisornrierten „Durchlauchten",„Excellenzcn".„Geheimen" und„Kommerzienräten", sowie dekorierten Damen de? Geburts- und Geldadels: viel OrdenSsterne, Perlen, Brillanten, viel„patriotische" GefimulUgS- tüchtigkeit und viel Fcttl DaS Bessere liegt offensichtlich außer- halb dieser Kreise, wo der Maler nicht mehr genötigt ist, sein Können und seine Persönlichkeit hinter die„Gesinnuugslüchtigkcit" zu stellen. Letztere spielt natürlich in der Historienmalerei eine bevorzugte Rolle. Die Maler Röchling, Änötel, Kolitz, Kampf zc. überbieten sich in blutigen Paradebildern, aus denen selbstredend Herrscher, Prinzen zc. stets Helden sind, auch wenn sie nie Pulver gerochen haben. Schade um die Verschwendung von so viel Zeit und Talent! Die Genremalerei bewegt sich zumeist in gartenläublichen Bahnen. Hier wie in der Landschaftsmalerei macht sich der„Kitsch" und der ödeste Dilettantismus breit. Werden die bürgerlichen Bilderblättlein bloß eine Freude haben! Münchener, Düsseldorfer und die übrigen deutschen Genre- maler und Landschafter sind sich gleich geblieben, wie anch die Aus- länder. denen man im Landes-Ansstellungsgebäude begegnet. Unter den Fremden hat der Spanier Benlliure(„Das Thal von Josaphat am Tage des jüngsten Gerichts") wohl das größte Bild ge- liefert. Aber bedeutend ist es nicht— ganz im Gegenteil I Bilder aus der Sphäre des werkthätigen Volkes sind mehrere vorhanden, obwohl„Arbeiterbilder" bei unser» Koinmerzienräte», Staats- museen, Händlern zc. schwer einen Liebhaber zu finden pflegen. Ich nenne: C.Andersen(„Waschplatz"), Stöbert Balde(„Wasserträger"), B n r n a n d(„der Schäfer"), Alois E ck a r d(„Schmied am Feuer"), Joh. Fink(„Junger Arbeiter"), Ernst Fischcr-Cörlin(„Die Schmiede"), N. Frank(„Fischer"), G. A. H e s s e(„Näherin"), M. P i e t s ch in a n n(„Der Pflüger") zc. Manche liebevolle Beobachtung der Arbeit; aber leider doch noch mehr Darstellung»ach eigen» gestelltem Modell. Unter den vielen Werken der Plastik' ist auch nur weniges von Wert. Das Akademische überiviegt. Im Porträtfach zeigen sich Ansätze deS Neuen. Die graphischen Künste bringen manches Erfreuliche. Im Kunstgewerbe sind augenscheinlich die„Modernen" schlecht iveggekommen. Die zur Schau gebrachten„Jnneuräume" gehen über den„ästhetischen" Geschmack des lieben Spießertums nicht hoch hinaus.— Meteorologisches. — Wetterprognosen und Landwirtschaft. Die „Kölnische Zeitung" schreibt: Seit einiger Zeit ivird von ver- schiedenen Seiten die Bedeutung der heutigen Wetterprognosen für den landwirtschaftlichen Betrieb in einer Weise herausgestrichen, die der Wirklichkeit nicht entspricht. Aus langjähriger Erfahrung ist uns bekannt, daß die Wetterprognosen und Witterungsübersichten von vielen Lesern niit ähnlicheui Interesse verfolgt werde», wie die Nachrichten über Vorgänge auf wissenschaftlichem oder technischem Ge- biete: aber die Behauptung, ein praktischer Betrieb, der von der Witterung abhängt, wie dies bei der Landwirtschaft zum Teil der Fall ist, könne sich unmittelbar nach Wittcrungsprognosen richten, geht entschieden zu weit. Die meteorologische Wissenschaft ist durch- aus nicht im stände, das koniincnde Wetter so sicher und vor allem so in allen Einzelheiten vorauszusagen, daß ei» größerer praktischer Betrieb(Landwirtschaft, Eisenbahn usw.) sich danach einrichte» könnte. Noch weniger ist cS möglich, eine genaue Bestimmung des Wetters für mehrere Tage in« voraus zu gebe»; der Verantwortlicher ReSactem: Carl Leid in Berlin. Schluß don heute auf übermorgen bleibt daher stets nur eine leere Mutmaßung. Gerade diejenigen Wittenrngsunischläge, welche die öffentlichen Betriebe am ineisten schädigen, pflegen rasch und unversehens hereinz»chrechen und können im allgemeinen nicht oder nicht rechtzeitig vorausgesagt werden. Dies Jilt, wie sich zahlenmäßig nachweisen läßt, gleichmäßig für Wolken- riiche wie für Sturmwetter. Der heftige Wirbelstürm, der vor einige» Jahren die Umgebung von Köln heimsuchte, konnte von niemand vorausgesehen werden und die sündflntartige» Gewitterregen, die am 14. April Berlin verheerten, sind von der dortigen meteorologischen Centralstelle ebensowenig vorhergesehen oder angekündigt worden. Auch die Regenzeit vom 12. bis 16. September v.J. war nicht voraus- zusehen, und so ließen sich zahlreiche Beispiele ähnlicher Art anführen. Endlich ist es unmöglich, die Wirkungsdauer oder den Jntensitäts- grad irgend eines meteorologischen Faktors, etiva der Temperatur, der Niederschläge, der Windstärke, eimgmuaßeu zeitlich genau voraus zu erkennen, was doch unbedingt erforderlich wäre, wenn ein großer Betrieb darauf Rücksicht nehmen soll. Fügt man nun noch hinzu, daß anch die allgemein und mehr oder weniger unbestimmt ge- haltenen Prognosen oft genug irrig sind, weil die Wetterlage aus Ursachen, die ivir gar nicht kennen, sich rasch geändert hat, so begreift mau, daß zur Zeit von einem großen praktischen Nutzen der Meteorologie für die Landwirtschaft im Ernste durchaus keine Rede sein kann.' Diejenigen, welche entgegengesetzte Verheißungen machen, schädigen lediglich das Ansehen der Wissenschaft, indem sie Leistungen in Aussicht stelle», die in absehbarer Zeit gar nicht zu erfüllen sind.— Humoristisches. — Triumph.«Ja, wir sind in unsrer Verwandtschaft alle s o moderne Menschen, daß sich ein paar immer zwecks Beobachtung ihres Geisteszustandes in einer Revenheil- anstatt befinden."— — Bequeme Umarbeitung. Theaterdirektor:„Ich kann Ihr Sckiauspiel unmöglich geben, eS füllt ja kaum den halben Abend, und auf das Anstückeln überflüssiger Akte will, ich mich absolut nicht einlassen." Autor:„Mir kommt eine prächtige Idee. Ich werde die Dauer des Schauspiels bedeutend Verlängern, ohne den ganzen Aufbau anzutasteu." Theaterdirektor:„Und wie das Autor:„Ich lasse den Haupthelden, der so dick zu sprechen hat, einfach stottern.— — Umschrieben. Fremder(in einer Dorfschenke statt Kaffee Cichorienwaffer bekommend):„Woher wissen S i e denn, daß mir der Doktor de» Kaffee verboten hat?"— („Meggendorfer Blätter'.) Notizen. — Die Litterarische Gesellschaft„Frührot" ver- aiistaltet am Mittwoch(83/4 Uhr abends) im Hotel Saxonia, König- grätzerstr. 10, einen l i t t e r a r i s ch e n L v e n d. Zinn Vortrag gelangt durch Fräulein Maria Holgers eine Auslese mundart- sicher Dichtungen.— —„ K a l t>v a s s e r", ein neues Lustspiel von Ludwig Fulda wird zum Beginn der nächsten Saison im L e s s i n g- Theater seine Erstaufführung erleben.— — Sonnabend bringt das Lessing-Theater noch eine Novität:„So leben wir", eine Komödie von L. L e i p z i g e r. —„Ledige Leute," ein dreiaktiges Sittenbild von Felix D ö r m a n n, wird am 16. Juni erstmalig im Renen Theater in Scene gehen. Die Anfführnng des Stückes war zwei Jahre lang von der Censur verboten.— —„Der Papa",„Gr, Sie und Jener" nnd, M as- dame Esprit", drei parodistische Ehebruchstücke von Arthur Pserhofer werden im„ L u st i g e n Theater" zu Anfang der kommenden Spielzeit in Scene gehen.— — Karl Bleibtreu s Schauspiel„Z o r n d o r f" wird am 7. Mai durch das Linsemaimiche Ensemble im Kieler Schiller- Theater erstmalig aufgeführt.— —„Der liebe Frieden", Satire von Korfiz Holm, wurde bei der Erstaufführung im Münchener Schauspie ls- hause abgelehnt.— — Die Generalversammlung Pariser Theater- direktoren beschloß, die G e n e r a I p r o b e u. die bisher be- kanntlich vor einem geladenen Publikum und speciell vor der Kritik stattfanden, abzuschaffen.— —„Die stillen Stuben", ein neues Schauspiel von Sven Langen, erzielte bei der Erstaufführiiiig am Dagmar- Theater in Kopenhagen einen bedeutenden Erfolg.— — Die Dresdener H o f o p e r wird im Herbst auch „Odyssens' T o d" von August Bungcrt zur ersten Ans- fiihntng bringen; die demselben Cyklus nngehörigen Opern„Kirke", „Rausikaa" und„Odyssens' Heimkehr' sind bereits zur Aufführung gekommen.— Druck und Verlag vor. Max Boving m Berlin.