Interhaltungsblatl des Jorwürts Nr. 90. Sonntag, den 11. Mai. 1902 «Ncxddruck verbottn.» ioz Vev NLc»nksntAttn. Roman von Hall C a i» e. Autorisiertc Uebersetzmig. XL Die Flnt war in den Hafen von Ramfey eingetreten und rollte vor einer frischen Seebrise mit kaltem Salzgeschmack schwer ans Ufer. Ein Dampfer, der am Quai lag, wurde geheizt: Gepäckkarren rollten auf der Laufbrücke: der rasselnde Kran über dem Kielraum war in voller Thätigkeit; Namen. Befehle und Gegenreden wurden durcheinander geschrien, und es herrschte ein allgemeines Gewirr und Getöse. Auf dem Hinterdeck standen die Auswanderer von Kimberley, die Quarks von der Schucht Rushen und ein paar von den jungen Gills aus Castlctown— kraftvolle Burschen, die sich wacker zusammennahmen im Kreise ihrer Freunde, die sprachen und lachten, um ihnen über den Abschied fortzuhelfen. Pete und Phil kamen jetzt auf dem Quai daher und wurden von Quayle, dem Hafenmeister, mit ungläubiger Verwunderung begriisst.„Was— wollen Sie mit, Mr. Philipp V"—„Nein," antwortete Philipp und ging auf das Schiff. Pete tnig noch die gestrickte Mütze und seine hohen Stiefel, aber er hatte eine Matrosenjacke über dem blauen Wollhemd an. Außer einem kleinen Bündel in einem rot- gedruckten Taschentuch war dies seine ganze Habe, sein ganzes Gepäck. Er fühlte sich etwas verloren in dem Gewühl und sah hilflos und unglücklich aus. Eine andre Wirkung hatten die geschäftigen Vorbereitungen am Land und an Bord aber auf Philipp. Er sog die frische Brise ein, lachte und sagte:„Das Meer ruft mich, Pete. Ich habe fast Lust, mit zu gehen." Petes Autwort ivar nur ein mattes Lächeln. Mit seiner gehobenen Stimmung war es aus. Fünf Jahre Trennung sind eine lauge Zeit, tvcnn man alle seine Hoffnungen ans die Rückkehr setzt. Wie vieles kann sich da ereignen, welche Wechselfälle können inztvischen eintreten. Pete war das Lachen gründlich vergangen. Philipp spürte ebenfalls wenig Neigung dazu, nachdem seine erste Wallung beim Anblick des Salzwassers vorüber war. Ihn überkam auf Augenblicke ein Gefühl, als ob die Hölle selbst in ihm wäre. Was ihn am meisten beunruhigte, war, daß ihm, wie sehr er sich auch abmühte, das Fortgehen Petes gar nicht leid that. Einmal oder zweimal, seit sie Sulby verlassen hatten, war er vor dem Gedanken erschrocken, daß er Pete hasse. Er war sich bewußt, daß sich seine Lippen bei des Fl'euudes feierlicher Miene spöttisch verzogen. Pete aber argwähnte nichts davon, und die unschuldige Zärtlichkeit des rauhen Gesellen traf ihn wie ein scharfer Frost oder brannte wie Feuer und schlug das böse Gefühl in ihm nieder. Sie standen auf dem Vorderdeck und sprachen laut, um das Puffen des Danrpfschornsteins zu übertönen. „Nun leb' wohl, Phil— Du bist himmlisch gut gegen mich gewesen— besser als irgend wer in der Welt. Ich war doch eigentlich kein passender Kamerad für Dich; Du hast ja eine gelehrte Schule besucht und solltest eigentlich zu den ersten Leuten der Insel gehören, wenn jeder an seiner richtigen Stelle stünde. Doch Du lvirst Dich meiner nicht zu schämen brauchen. Ich bleibe nicht lange fort. Phil— vielleicht fünf Jahr' oder auch weniger, und Ivenn ich heimkehre, bist Du der angesehenste Manksmaun auf der ganzen Insel geworden. Nein? Nun, Du wirft's doch! Du wirst es, ich sage es Dir. Nein, nein,'s ist kein Unsinn. Das weiß ich bester." In Philipps kalten blauen Augen begann das Eis zu schmelzen. „Wenn ich reich zurückkomme, bin ich wieder Dein alter Freund, so gut das ein gemeiner Mamr vermag; kehre ich arm, enttäuscht und zu Grunde gerichtet heim, so will ich Dir nicht den Schimpf anthun, Anspruch auf Dich zu erheben. Und sollte ich niemals zurückkommen, so will ich irgendwo in meiner Todesstunde zu mir selbst sagen:„Er wird daheim für Dich sprechen und Dich sein Lebtag nicht ver- gesscn." Philipp konnte vor dem Schnarchen des Dampfes und dem Klirren der Ketten nichts mehr hören. Das erste Glockenläuten klang von der Brücke und der Hafenmeister schrie:„Alle ans Land!" „Phil, ich möchte Dich noch um einen Dienst bitten, der letzte, aber der größte." „Was soll ich thun?" „Nimm Dich ein wenig der Käthe an. Behalte das Mädchen im Auge, so lange ich fort bin, gehe dann und wann zu ihr und Hab' auf sie acht. Sie soll den reichen Freiern, von denen der Alle gesprochen hat, keinen Blick schenken: die jungen Tuchweber und Spezereihändler würden das Mädchen zu Tode quälen. Wehre sie ab, Phil. Die Llraft ihrer Fäuste ist nicht der Rede wert. Aber brauche keine Gewalt. Tauche die verteufelten Zierbcngel nur ein paarmal unter. Das wird schon genügen." „Es soll ihr kein Leid geschehen, so lange Du fort bist." „Schwöre mir's, Phil. Dein Wort ist schon Bürgschaft, ich weiß— doch gicb mir die Hand darauf und schwör es mir zu—'s wird doch noch sicherer sein." Philipp gab ihm die Hand und leistete den Eid. Er fühlte, daß er rot geworden war, und wollte gehen. „Warte— versprich mir noch was andres, da ich Deine Hand eüimal festhalte, Phil. Schwöre nur, daß niemand und nichts je trennend zwischen utls kommen soll." „Du weißt, daß es niemals geschehen wird." „Doch schwöre es, Phil. Es giebt böse Zungen, und mir erleichtert's das Herz. Mögen die Leute thun und sagen, was sie wollen— wir bleiben Freunde und Brüder bis in den Tod!" Philipp fühlte ein Brausen im Kopfe; er ivar so be- täubt, daß er sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte; er lefftete aber auch noch den zweiten Eid. Jetzt läutete die Glocke wieder und cS entstand ein furchtbarer Wirrwarr. Die Lausplankcn wurden fortgezogcu, die Taue losgelaffen, der Kapitän rief von der Kömmandobrücke nach dem Ufer und der polternde Hafenmeister rief vom Ufer nach der Brücke zurück. „Geh und stelle Dich an das Ende des Hafendammes," sagte Pete,„gerade hinter den Leuchtturm, und tch will mich an den Stern des Schiffes stellen. Das letzte, was ich beim Scheiden von der alten Hemmt»och sehe, soll das Gesicht eines Freundes sein." Philipp ertrug es nicht listiger. Der Haß in seiner Brust war übeuvunden. Er hatte ihn niedergekämpft. Sein glühendes Gesicht ivar von Thränen naß. Das Schnauben der Dampfschornsteine hörte auf: man vernahm nichts mehr als das Wogen der Flut im Hafen und den Anprall der Wellen ans Ufer. Ueber dem Meere erhob sich die Sonne voll Zuversicht, wie ein erwarteter Gast, und auf dem schwanken Wasserpfad glitt der Dampfer dahin in die Fern«. Ueber dem Lande erhob sich der ehrivürdige Barrute wie ein Seekönia mit dem Reif des Alters auf der Stirn, und zu seine» Füßen sing der Rauch an, den Essen der Stadt zu entsteigen. „Leb wohl, kleine Insel, leb wohl. Dein gedenke ich stets. Zwar hat man mich von dir Vertrieben, du selbst aber bist mir eine gute alte Mutter gewesen, und so mir Gott hilft, kehr' ich zu dir zurück. Leb wohl bis dahin, du kleine Mona, leb wohl! Ich verlasse dich, aber ich bleibe ein Mauksmann trotz altem." Es war Petes Absicht gewesen, beim Vorbeisegeln am Leuchtturm seine gestrickte Mütze zu ziehen und sich wie ein Mann die Thränen aus den Augen zu wischen. Doch alles, ivas Philipp vom Ende des Dammes aus sehen konnte, war eine Gestalt am Stern, die auf einer Rolle Tauwerk zusamnien» gesunken dalag. Ziveiter Teil. L 2'• Tante Nan war in Unruhe darüber, daß Philipp noch keinen Beruf ergnffen hatte. So lange seine Geschäfts- Verbindung mit Pete- währte, hatte sie Einwand dagegen er- hoben und er sie zu beschwichtigen gesucht; sie hatte ge- schotten, er nur gelacht. Als aber Pete fort war, suchte sie ihr altes Auskunftsmittel hervor und begann, durch das An- denken an seinen Vater auf Philipp zu wirken. Eines Tages war die ganze Lust von der Mceresfrische des herrlichen mankischen Noveuivcrs rlfiillt. Philipp roch dos noch dem FrnhstW von der Vorholle ons und rofftc dann sein Gerär zum Stockfischfong zusammen. „Wieder ins Boot, Philipp?" srogte die Tante.„Daun versprich nur wenigstens, zum Thee wieder zurück zu sein." Philipp gab das Versprechen und hielt es. Als er von seinem Tagewerk zurückkehrte, erwartete ihn die alte Dame in dem kleinen blauen Zimmer, das sie ihr eignes nannte. Der freundliche Raum war an diesem Tag noch sauberer und behaglicher als gewöhnlich. Ein Helles Jener brannte und alles strahlte vor Ordnung und Nettigkeit. Auf dem gedeckten Tisch standen die Tassen bereit neben dem singenden Kessel, und Tante Nan selbst, in schwarzer Spitzcnhaube und ge- blümtcn, rotbraunem Seidenkleid, bewegte sich lebhaft im Zimmer herum, eine» Laveudclgcruch um sich her verbreitend und fröhlich wie ein munterer Vogel. „Aber was bedeutet das alles?" fragte Philipp. Die liebe gute Alte antwortete halb erregt, halb im Scherz:„Weißt Du es nicht? Was für ein Kind bist Du doch noch! Du weißt wohl gar nicht, welchen Tag wir heut' haben?" „Welchen Tag? Nun, den fünften Nov— ach, meinen Geburtstag. Den hatte ich rein vergesse». Tante." „Ja, und gerade zur Thcczeit bist Du einundzwanzig ge- worden. Das war's, weshalb ich Dich bat, nach Hause zu konimcn." Sie goß jetzt den Thee ein, setzte sich nieder, die Füße auf dem Kamingitter, erlaubte der Katze, sich's auf ihrem Rock bequem zu machen, und wendete sich dann mit nervösem Lächeln und etwas bangem Herzen ihrer Aufgabe zu. „Wie doch die Zeit vergeht. Philipp. Es sind heute zwanzig Jahre, daß ich Dir mein erstes Geburtstagsgeschenk überbrachte. Ich war nicht hier, als Du geboren wurdest; Großvater hatt' es verboten. Der arnie Großvater! Wie sehr sehnte ich mich aber danach. den Jungen meines Jungen zu waschen, an- ziehen und pflegen zu können und mich Taute nennen zu hören. Und dann, o, mein Gott, der Tag, wo ich Dich zuerst sah l Wcrd' ich es jemals vergessen? Großvater und ich waren bei Cowley, dem Tuchweber, als eine schöne, junge Person mit einem kleinen Kinde eintrat. Sie war ein wenig zu lebhaft, das arme Ding, und so lernt' ich sie kennen." „Meine Mutter?" „Ja. mein Junge/ Großvater stand mit deni Rücken gegen die Straße. Mir wird noch immer heiß, wenn ich daran denke, sie aber schien sich gar nicht zu fürchten. Sie nickte. lächelte, hob den Musselinschleiervom Gesicht dcsKindes undsagte: „Wem ist er ähnlich. Miß Christian?" Es war herrlich. Du schliefst und alle Welt konnte glauben. Dein Vater sei wieder ein Kind geworden. Ich zitterte, ich war nahe daran, um- zusinken, und konnte nicht antworten. Nun bemerkte Deine Mutter den Großvater, und bevor ich sie zurückhalten konnte, hatte sie ihm auf die Schulter geköpft. Er stand mit seinem schlechten Ohr uns zugewendet; sein Gesicht war schon schwach geworden. Da er jedoch eine Dame»eben sich sah, wendete er sich nach ihr um, verbeugte sich tief, lächelte und nahm den Hut ab, wie er zu thun pflegte. Dann hob Deine Mutter das Kind empor und sagte ganz frohgemut:„Zu wem gehört er. Deemstcr, zu den Ballures oder Ballaivhaines?" Guter Gott, wenn ich nur dran denke! Großvater richtete sich gerade auf. wendete sich ab und war im nächsten Augenblick draußen auf der Straße." „Armer Vater!" sagte Philipp. Tante Nans Augen glänzten. „Ich wollte Dir was von Deinem ersten Geburtstag er- zählen, niein Junge. Großvater Ivar schon tot, der arme Großvater!— und ich hatte Dir eine kleine, weiche Mütze von weißer Wolle gestrickt mit einer Quaste und einer roten Schleife. Deiner Mutter Vater war noch am Leben, Kapitän Billy nannten sie ihn— und als ich Dir die Mütze auf den kleinen Kopf setzte, rief er aus:„Jeder Zoll ein Seemann I" Und es war wirklich eine Matrosenmütze, daran hatte ich gar nicht gedacht. Kapitän Billy nahm Dich aufs Knie, sah Dich von der Seite an, schlug sich auf den Schenkel, blies eine Rauchwolke aus seiner langen Pfeife und rief nochmals:„Der Junge muß Seemann werden, sag' ich Euch I" Du schliefst ein in den Armen des Alten, und ich trug Dich in Deine Wiege hinauf. Dein Vater jolgte mir in das Schlafzimmer, Ivo Deine Mutter bereits war und die großen Muscheln auf dem Kaminsims abstäubte. Der arme Tom— ich seh' ihn noch. Er legte seine schmale weiße Hand auf das Gitter der Wiege, schob Dir die kleine Mütze und die goldenen Locken von der Stirn zurück und sagte stolz:„O nein! In dem Kopf steckt mehr, als ein See» mann braucht!" Er wollte damit nichts Geringschätziges ausdrücken. Aber Deine Mutter hörte es und glaubte, er setze sie und die Ihrigen herab.„O, diese Leute von Stande!" schrie sie. schleuderte den Staubbesen hin und ging trotzig zur Stube hinaus; eine der Muscheln fiel mit Geklirr auf das Kamingitter herab. Dein Vater wendete das Gesicht dem Fenster zu, und ich hätte weinen mögen, daß er vor mir so bloßgestellt worden war. Doch er sah auss Meer hinaus, das au jenem Tage sehr wild war. wie ich mich erinnere. und sagte nüt seiner tiefen Stimnie, die wie weicher Glocken- ton klang und vor Bewegung fast zitterte: Es ist nicht um- sonst, daß das Kind eine Napoleonsstirne hat. Gott erhalte es nur. dann wird schon einmal eines Tages etwas aus ihm werden, wenn sein Vater mit dem zerbrochenen Herzen und dem zerrütteten Hirn tot und dahin ist, und längst das Gras über ihm wächst." lFortsetzung folgt.) Sottttt«gspl«udevri. Zwei neue Losungen habe» diese kalten Moitage anSgebnitet. „Koche mit Weltanschauung!" hallt es mystisch unter der violetten Flagge des Schlachtenseer Heims der Genieinschasts- Hartisten. Hier feiert die siiinige Verbindung von Konzentration des Wirtschastsbetriebes und des Denkens, von Hans- und Hirn- genossenschast einen bemerkenswerten Triumph. Der gewaltige Ei»erlei-„Monism»s", der Leben nnd Sterbe», Schwarz und Grün, Vernnnst und Unsinn als Variationen desselben Urclements durch- schaut hat. wird in der Küche zum auferstandenen Ragout alter Speisereste, denen aber doch das Wesen des Eine» nnd ?llien unvermindert blieb. und das Ragout ivandelt sich in dem Salon des Denkens wieder zur monistischen Welt- anschauung. So verbindet sich der Anfang mit dein Ende, die Nacht mit dem Tage, der Kopsrauchsalon mit der Küche, die Einheit des Denkens mit der Einheit des Kochens. Ragout ist alles und die Sauce ist das Wesen der Dinge. Wagt mau es in der neuen Ge- mciuschaft der Gebrüder Hart die äußersten Konscqnenzc» dieser allverkochendcn Philosophie zu ziehen, so werde auch ich zum violetten Banner schwören, obzivar es dos Wappen August Scherls trägt. Ich stelle nur die eine Bedingung an den konseguenteil Monismus nnd seine Schlachtenseer Kolonie: Daß es einerlei sei, ob man die Miete bezahlt oder schuldig bleibt! Ich habe aber ein Weib und vier unmündige und mehr als lebendige Kinder! Der Zuwachs zu der Gemeinschaft wäre also bedeutend. Wollt Ihr?— Nebrigens den kleinen Zusatz- Paragraphen zur monistischen Weltanschauung bewilligt Ihr mir tvohl auch: daß es auch einerlei sei, ob man den für ein Weib und vier unmündige nnd mehr als lebendige Kinder benötigten Stiefel- ersatz bezahle' oder nicht. Ich werde' die letzlere der äußerlichen Variationen des einen unwandelbaren Urgrunds der Dinge vorziehen. Also ivagt die Konsequenzen und ich komnie mit den Meilligen zu Euck. Auch ich werde dann mit Weltanschauung kochen— aber nicht wahr— essen darf man doch außer dem Hause? Wenn die Gebrüder Hart ein iienes Kochbuch der Weltanschauung zum theoretischen und praktischen Gebranch z» erfinden vermochten, 10 wird man schließlich nicht allzu sehr erstaunen, daß es einem simplen preußischen Minister gelungen ist. wenigstens ein neues Menschenrecht zu entdecken. Der Polizeiuiinister von Hannnerstein — denn ihn nieine ich natürlich— hat in kurzer Zeit erstaunliche Forlschritte'gemacht. Mit der Entdeckung einer kleine» Weisheits- reget—„das Weib schweige im Segment"— begann er und binnen ein paar Tagen entwickelte er sich so stürmisch, daß ihm die Entdeckung eines bisher nubekanutc» McnscheurechtcS gelaug. Allerdings hat Herr von Hamnierstein das Geheimnis seiner Lenzkraft der Oeffent- lichkeit preisgegeben. Er bekannte, daß er inimer noch die Meinung habe, die ihm vor fünfzig Jahre» eigentümlich war, und da der Minister erst im Jahre 1843 geboren ist, so begreift man die heftige Jugendlichkeit seiner Ideen; er ist sich seitdem selbst treu geblieben. Das neue Menschcnrecht aber, zu dem sich Herr v. Hammersteiii bekennt, läßt sich kurz in die Formel zusammenfassen:„Jeder Preuße hat das Recht zn verstehen!" Daraus folgt, daß es die Pflicht des Ministers ist, dieses Recht zu schützen. Newton hat dem Universum seine Gesetze vorgeschrieben, nachdem ein fauler Apfel vom Baum vor seine Füße gefallen. So hat auch ein geringfügiger Anlaß den Freiherr« v. Hanimerstein zu der Eni- dcckung seines Menschenrechts angeregt. Ts lebt in nnsrem schönen Lande ein Völlerstamm, der von Geburt soder ein bis zwei Jahre nachher!) so unverschämt ist. polnisch zu sprechen.; Werden diese Leute größer, so gehen sie bisweilen in Versanimlnnaen und reden— ist der Frevel zu ermessen?— polnisch, indem sie sich frech darauf berufen, daß jeder Preuße das Recht habe, sich unbewaffnet in geschlossenen Räumen zu versammeln. Dieses Recht nun giebt der Minister nicht nur zn, sondern er ver- - 31 ä»ft»t«ock. indem er aus der blof; formale» Befuflins einen materielle» Gewinn folgert Der Prenhe hat nicht nur ein Recht. fich zu versammeln— das ist ja an fich wertlos— sondern auch «in Recht, in der Bersantmlinifl etwas zu verstehen; in diesenr Recht aber muh er vor allein geschützt werde». Wenn nun ein prcuhischer Staatsbürger, ohne der polnischen Sprache mächtig zn sein, in eine Versammlung geht, in der polnisch gesprochen wird, so ist das zlveisellos eine Beeinträchtigung seines ihm gewährleisteten Versammlungsrechts, und es ist die Pflicht des Staates und des ihn repräsentierenden Schntzninims. die polnisch redende Versammlung aufzulösen. Das ist zweifellos. Es entstände höchstens noch die Frage, ob nicht gegen die polnisch redende Versammlung Anklage wegen Hochverrats zu erheben sei, da fie durch den doloien Gebranch der polnischen Sprache die deutsch redenden Preußen an den, Gebrauch der Verfassung und der Nntzniehtmg des gesetzlich garantierten Versammlungsrechts, d. h. LersammlniigSverständnisses geivaltsan» und absichtlich gehindert habe. Mit dieser großen Entdeckung deS Ministers v. Hammerstein ist endlich für die Bürger Preußens— der übrigen Welt voran!— der Verständnisschutz zur höchsten Aufgabe des Staates erhoben worden. Und jeder nnd jedes wird hinfort unbarmherzig zer- schmettert, ivas geeignet ist, das Recht auf Verständnis zu beein- trächtigen. Selbstverständlich hat Herr v. Hamnierstein sich beeilt, auf allen Gebieten des modernen Staatslebens dem nenen Grundsatz zur Durchführung zn verhelfen. Ich will in aller stürze einige der wich- tigsten. bereits erfolgten Anwendungen des polizeiministerielle» PrincipS bekannt geben. » Dieser Tage besuchte Herr v. Hammerstein eine socialdemo- kratische Bolksversannnlnng. Der Referent sprach über Mchrivcrt, Profitrate, Krisentheorien und forderte schließlich die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die allein im stände sei, allen Bürger» ein menschenivnrdiges Dasei» zu ermöglichen. Der Minister wurde von Minute zn Minntc finsterer. Endlich schickte er einen Geheimagenten zum überwachende» Polizeibeamte» mit einer Botschaft, und alsbald wurde die Versammlung nuter Hinweis auf die«»verständlichen Ausführungen des Redners aufgelöst. Der Vorsitzende führte Beschwerde, wurde abxr vom Polizei- Präsidenten mit folgender Begründung abgewiesen: Jeder Preuße hat ein Recht. Versammlungen z» besuchen und Vcrsannnlnngs- rede» zu verstehen. Nim aber ist cS erwiesen, daß der Minister v. Hamnierstein in der Versammlung amvcscnd, jedoch den Gesamt- inhalt der Darlegungen des Redners als unverständlich befnuden hat. Auch ein Minister genießt den Vollbesitz der staatsbürgerlichen Rechte, er innß folglich in seinem Versammlnngsrecht gegen die unverständlichen, das Versammlnngsrecht illusorisch machenden Ans- führnngcn des Redners geschützt werden. Somit ist die Anslösnng zn Recht erfolgt. Ein andermal wurde eine Versammlung'aufgelöst, weil ein Teilnehmer plötzlich nnfstand nnd erklärte, er verstände kein Wort. Auch hier erfolgte Bcschiverde. Der Minister ließ den Mann, der die Auflösung veranlaßt hatte, zn sich kommen, und es entspann sich folgendes Gespräch: Der Minister: Wurde in der Bersaunnlung polnisch ge- sprachen? Der Zeuge(der eifrig ngch den Lippen des Ministers sieht): Nein. Der Minister: War's irgend ein socialdemokratischcr Unsinn? Der Zeuge: Nein. Der M i n i st e r: Wurden bielleicht viele F r e m d w o r t e ge- braucht? Der Zeuge: Nein. Der M i n i st e r(ungeduldig): Ja, warum haben Sie denn kein Wort verstanden? Der Zeuge: Ich bin— t a n b I Auch in diesem Falle wurde die Beschwerde gegen die Auflösung als unbegründet zurückgewiesen. Eine weitere segensreiche Anwendung machte der Minister von seinem Grundsatz, nni die Freiheit der Wissenschaft nnd Lehre zu schützen. Er kam eines Morgens in die Universität nnd besuchte eine Vorlesung über Integral- und Differentialrechnung. Kopsschültelnd verließ er das Auditorium. Unmittelbar darauf wurden die Vor- lesungcn verboten und der Professor geniaßrcgelt. Mit Recht: denn die dem Minister garantierte Freiheit der Wissenschaft nnd Lehre wurde dadurch vereitelt, daß die Integral- und Differentialrechnung ihm völlig unzugäiiglich war. Ein kleiner Konflikt entstand in den Regicrnngskreiscn über die Frage, ob des Philosophen Kant Erftlingsschiift:„Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte" die Freiheit der Wissen-' schaff beeinträchtige. Graf Bülow erklärte unter Berufung auf das Titelblatt: Das löime jeder verstehen. Als Studt ihn aber ver- anlaßte, die ersten drei Seiten zn lesen, zog der Reichskanzler seine» Widerspruch zurück, und die Schrift wurde verboten. Inzwischen haben die im Interesse der Freiheit der Wissenschast und des Verständnisschutzes ersolgten Bücherverbote bereits erheblich 9- an Zahl den vatikanischen Index übertroffen. Von Marx' Kapital wurde, weil es besonders ruchlos de» Genuß der freien Wissenschaft stört, sogar der noch nicht erschienene Schlußband im voraus ver« boten. In Oberschlesien wurde unlängst ein socialdemokratisches Flug« blatt über den Brotwncher konfisziert, und zwar auf die Thalsache hin, daß eine achtzigjährig« Frau erklärte, sie verstünde cS nicht. Gegen solchen Eingriff in die verfassungsmäßige preußische MeinungS- frciheit in Wort und Schrift müßte vorgegangen.Verden. Des näheren über die Gründe ihres Nicht-Verständnisses befragt, gab die Frau an, sie könne gedruckte Buchstaben nicht lesen. Die Konfiskation wurde aufrecht erhalten. Die Freiheit der Meinung muß vor allem geschützt werden. Eine große Reiingiing steht der Nationalgalerie bevor. Eine Hofdame stellte neulich bei ihrem Besuch entrüstet fest, daß sie die Böcklinschen Gemälde nicht begriffe. Sie verlangte, daß die Frei- hcit der Kunst, auf die sie gesetzliche» Anspruch habe, gegen derlei Unbegreiflichkeitcn verteidigt iverde. Es ist daraufhin der Befehl ergangen, die inkriminierten Bilder nnverzüglich in den Keller zu bringen. Endlich noch ein Beispiel für die bemerkenswerteste Alt« Wendling des H.unniasteinscheii Grundrechts auf das Gebiet der I n st i z: Vor einiger Zeit schlug ein Zuhälter eine Dirne mit eliiem Beile tot. Der Mensch wurde vor Gericht gezogen, bekundete aber, er habe nirmalS gewußt, daß der Mord verboten sc». Der llntersuchniigsrichter bemerkte darauf kühl: Unkettiltnis des Gesetzes schütze nicht vor Strafe. Der Angeklagte wandte sich in einer Petition an den Justiz- minister Nttd dieser erteilte in Ausfiihnmg des von seinem Kollege» Haittmcrstein erklärten neuen Menschenrechls folgenden Bescheid: Die Meinung de« Untersuchungsrichters beruht auf durchweg irrigen Boranssctzimgen. Die Rechtsgleichheit muß gegen nn- verstandene oder migekamite Gesetze imbedingt gewahrt werden. Ilnkeiiutnis deS Gesetzes hebt dieses selbst auf. Giebt es Menschen, die nachweislich nicht wissen, daß der Mord verboten sei, so sind im Interesse des Rechtsschutzes der Bürger die betreffenden Paragraphen zn beseitigen. Sollte es sich herausstellen, daß auch sonst die Gesetze irgend einem Staatsbürger unbekannt oder unverständlich find, so wird die.Aufhebung sämtlicher Gesetze notwendig werde». Denn jeder Staatsbürger hat das unverbrüchliche Recht, die Gesetze zu kennen nnd zu verstehen. Der Mörder wurde freigelassen, und der UntersuchnngSrichte» im Interesse des Dienstes nach Bomst versetzt.— Joe. Kleines Feuilleton. th. Früher—„Hurra I da drüben liegt eine Kneipe I" »Na denn nur riiver, ich Hab' einen Riesendiirst." „Ich habe es ja gleich gesagt, hier unten muß ein WirtShaiiS liegen." „Ich stehe die ersten zwei Stunden überhaupt nicht wieder auf." „Ach»ein, das ist ja Luiscuhof, da können wir doch nicht hin« gehen." Es war eine ganze Gesellschaft. Herren und Damen. Sie kamen voni Walde her. Ermüdet und verstaubt, wie sie waren, hatten sie offenbar einen langen Weg hinter sich. Beim Anblick des Wirts- Hauses war Leben in die erschlafften Gesichter gekommen und einen Augenblick riefen und lackten alle ziisamnien. Nach den letzten Worten wurde es ans einmal stille. Die Dame mit dem seidenen CapeS wiederholte ihren Protest:„Nein,»ach Luisenhof können»vir un» möglich hingehen, eine ganz obskure Kneipe." „Aber wie so denn? Wie kommen Sie darauf?" Die andern nindrängten sie. „Meine Aufwartefrau geht immer bin." erklärte die Frau mit dem Seidencapes,„sie jährt hierher Kaffcckochcn. Es verkehren über- Haupt lauter Arbeiter da und allerhand solches Volk." „Na denn nur um Himmelswillcn nicht. Weiter." Der Herr, der zuerst Hurra gernfe», wandte sich wieder der Chanssee zu. Die übrige» folgten.„Mein schöner Durst!" Nagte ein junger Mann. „Gott. Willibald, Du wirst ja nicht gleich verschmachten, dann kehre» wir im Hotel am Bahnhof ein." Man war trotz des Mißerfolges in recht fideler Stimmung, nur die eine junge Frau blieb stehen und warf einen bedauernden Blick auf das Lokal zurück:„Schade, es ist solch' schöner Garten. Ist denn wirklich solch' schlechtes Piiblikum da? Die Lente sind ja ganz gut angezogen." „Na, wenn Sie»ach'm Anzng gehen wollen." die Dame mit dem Seidencapes sah'gen Himmel,«geht denn das Volk heul' noch. wie es ihm ziikommt? Wenn man heut' n weibliches Wesen sieht, weiß man nie, ob man'ne Dame oder'n Fabrikmädchen vor sich hat." „Sehr richtig, Frau Inspektor," meinte einer der Herren. „Und ob's richtig ist." schrie Willibald,„überhaupt das ganze Arbeitervolk heut, sehen Sie sich mal die Leutchen an, wenn sie Sonntags ausgehen, ein Staat, als wären sie unsereins." �DaS kommt eben davon, daß alles über seinen Stand hinaus Will." Man Ivar an ein„sehr dankbares Thema" geraten. „Vor zivanzig Jahren gingen die Fabrikniädchen, wie sich's für sie gehört," erzählte Frau Jnspcktor,„'n Arbcitsrock an und'n Tuch «m"'ii Kopf. Ader heute? Heute mutz ja so'n Frauenzimmer'» Hut haben! Ohne Hut und ohne Mantel geht es ja nicht! „Das sind die neumodischen Ideen", warf eine andre Dame ein, früher wußten die Menschen: wir sind Arbeiter und haben nichts andres zusein, als Arbeiter; heut ist es ihnen in den Kopf gestiegen: Wir sind genau dasselbe wie Ihr, wir können genau dasselbe wie Ihr und nun spielen sie sich auf. Eingebildetes Volk!" „Ja, es ist einfach lächerlich." Willibald nickte: „Alles, was wir thun, äffen sie uns nach. Mein Laufbursche sagt zu den Eltern sogar Papa und Mama. Dabei ist die Mutter 'ne Waschfrau imd der Vater'n Maurergeselle. Ist Ihnen schon mal so was vorgekoinmeu:'ne Waschfrau und'» Maurergeselle Mama und Papa." Er sagte das letzte mit quälender Stimme; die ganze Gesell- schaft lachte. „Das findet man heut überhaupt häusig," meinte eine Dame. „Jedes dritte Arbeiterjöhr sagt heute Papa und Mama, ob sie nicht Vater und Mutter sagen können, wie sich's für so einfache Leute gehört. Früher>var das doch ganz anders." „Früher—", höhnte die Frau Inspektor,„früher gab ich meinem Dienstmädchen'ne Ohrfeige, wenn sie nicht Order parierte, heut' soll niau die Gesellschaft mit Glacehandschuhen anfasse».und womöglich sagen: Seien Sie so gut.. Schöne Zeiten!" „Ra, überhaupt die Dienstmädchen," seufzte die Dame von vorhin.„Mit denen ist anch dieselbe Geschichte. Hut und Schleier und elegante Kleider, als wären sie dasselbe wie»vir, und in Konzerte gehe» sie auch schon." „Na das ist ja nun überhaupt schon die schönste Sache!" Der Herr, der die Kneipe mit Hurra begrüßt hatte, schrie fast vor Lachen. .Kunst für das Volk, das möchten sie ihnen nun auch noch an- gewöhnen. Hat früher ei» Mensch daran gedacht, daß die Arbeiter Kunstgemiffe habe» müßte»?" „Ja sie haben jetzt nichts Ivie Raupen im Kopf," sagte Willibald. „Mein Lausbursche gehört auch zu einer Volksbühne oder sowas und die Mama Waschfrau natürlich auch. Was meinen Sie?'ne Wasch- srau im Theater? Ist das nicht einfach zum Lache»?" „Na's Volk muß doch veredelt werden." spottete eine Dame. .Albernheit", sagte die Frau Inspektor:„Kanu diese Sorte von Menschen nicht zufrieden sein, wenn sie alle Tage Kartoffeln und Speck und'ne Stube zum wohnen hat? Nein; sie müssen über ihren Stand hinaus, alle mit einander sind sie vom Hochmutsteufel besessen." „Na ja, natürlich sind sie das!" nickte Willibald.„Sie reden wie wir, sie kleiden sich wie wir. sie wollen Kunst haben wie wir. schließlich wollen sie auch noch nberhanpl gebildet werden l Fräulein Marie hat ivirklich Recht:«S ist ein eingebildetes Volk!"— LitterarischeS. Ein neuer Stern? Das Wiener Raimund- Theater hat ein Volkssckanspiel„Der K r e n z w e g st ii r m e r" von Joseph Sß e r f m n 11» zur Anfführiuig angenommen. Das wäre nichts Besonderes. Aber dieser Werkmann ist ein Arbeiter; unser Genosse Schuhnieicr hat ihn entdeckt, hat das Stück zum Druck befördert und sich für seinen Schützling ordentlich in die Stränge ge- legt. Ist auch zu verstehen. Ohne Protektion gehl es einmal nicht in Wien. Nirgends! Jetzt aber kommt das Wunderbare. Auch die großen liberalen Blätter Wiens stießen ins Hom, als wäre dieser Werkmaun ordentliches Mitglied der„Concordia".—?— Werkmami heißt in Wirklichkeit Medelsky und ist der Onkel der Bnrgschanspielerin Medelsky.— Ich habe das Volksschauspiel gc- lesen; es macht seinem Verfaffer alle Ehre, ein Kunstwerk ist es nicht. In keiner Beziehung. Der Autor ist ein intelligenter Arbeiter, der manches gesehen, manches gelesen hat, sich über vieles Gedanke» gemacht hat, nach den Gedanken andrer. Ist viel. Unter Umständen sehr viel. Für die Kunst bedeutet es nichts. Es wäre ja schön gewesen: Für den Autor, für Schnhmeier, für uns alle, aber— Das Stück mag manchem gefallen, aber das besagt nichts. Medelsky ist Tischler. Schon hat man ihm den Rat gegeben, den Hobel hin- zulegen. Das tväre das dümmste, Ivos er thun könnte. Nein, Genosse, mit vierzig Fahren sattelt man nicht mehr um, kann man nicht mehr umsatteln. Nimm, was Dir zufliegt, aber bleib' bei Deinem Gewerbe. Ans einen Arbeiter, der ein Theaterstück gc- schrieben hat, sind wir stolz, verunglückte Schriftstellercxistenzen gicbl s übergenug.—— s. Physiologisches. — Arsen geholt in tierischen Organen. Der„Pro- metheus" schreibt: Bon besonderem Interesse sind im Hinblick auf die in England vorgekommenen Arsenvergiftungen die Untetsuchungcn von Gautier über den Arsengehalt tierischer Organe. Nachdem es dem verstorbenen Freiburger Physiologen Prof. Banmann gelungen war, das Vorhandensein von Jod in der Schilddrüse nachzuweisen, sind ja fast alle tierischen Organe auf das genaueste analysiert und speciell ans die Anwesenheit anorganischer Körper untersucht worden. Zum Teil beruht auf diesen Untersuchungen die Veriveiidung der Verantwortlicher Redacteurt Carl Leid in Berlin. Extrakte bestimmter Organe, z. B. der Schilddrüse, für Heilmittel« zwecke, welche tu den letzten Jahren die Ausbildung eines ganz neuen Zweiges der Heilmittelkunde, die sogenannte Organotherapie, zur Folge hatte. Gautiers Untersuchung war auf der Beobachtung begründet, daß bei gewissen Erkrankungen der Schilddrüse eine auffallende Ein- Wirkung auf dieselbe ebenso wie durch Jod auch durch Arsen zu erkennen war. Er untersuchte daher neben der Schilddrüse auch verschiedene andre Organe und tierische Substanzen auf ihren Gehalt au Arsen. So wurden in der Schilddrüse des Schafes 0,5 mg, in der des Schweines 0,7 mg und in der des Menschen sogar 7,5 mx Arsen pro Kilo Substanz gefunden. Ebenso lassen sich in den Brust- und Thymusdrüsen deutlich erkennbare Mengen von Arsen nachweisen, während in Gehirn, Haaren, Haut, Milch und Knochen nur Spuren dieses Elementes gefunden wurden. Ueber die An- Wesenheit nicht unbeträchtlicher Mengen von Arsen in den Haaren wurde schon früher von Knecht und Dearden berichtet und damit den Angaben von Gantier eine weitere Stütze gegeben. Gautier nininit an, daß das Arsen in den Organismus durch verschiedene vegetabilische Nahrungsmittel gelangt, z. B. Kohl, Kartoffeln, Rüben usw., in iveichcu Arsen nachgewiesen worden ist. Es scheint jedoch, daß dieser von Gnuticr gcfnndenc Arsengehalt tierischer Organe nicht als konstant zu betrachten ist und voraussichtlich durch lokale Verhältnisse vedingt wird, insofern die als Nahrungsmittel dienenden Pflanzen ans arsenhaltig ein Boden wachse». Denn nach neueren Unter- suchungen von Hödlmoser ließ sich wenigstens in den Schilddrüsen von Menschen, Schwei» und Schaf gar kein Arsen oder nur in so geringer Menge nachweisen, daß die Identität desselben zweifelhaft blieb. Die Frage nach dem fmiktioiiellcn Gehalt von Arsen in der Schilddrüse- muß somit noch als unentschieden angesehen werden.— Humoristisches. — Moralpredigt. Vater:„Schäm' Dich, Kurt, jetzt bist Du fünsiindzwanzig Jahre alt und bast noch keinen Pfennig verdient!... In diesem Alter hatt' ich schon eine Frau mit zwanzigtaiiseud Thalern!"— — Noch s chl i m m e r..Das ist mir aber doch zu dumm, wie die Maß wieder schlecht eing'scbeukt ist! Diesmal geh' ich wahr- haftig hin und zeig' den Scheiilkcllner wegen Betrug au!" „Um Gotteswillcn, thun S' das nicht! Sonst kriegen wir gleich gar kein Bier mehr in den Krug'nein, weil er dann d' Straff und d' G'richtskostcn auch noch'ransschenken muß!"— — S o geht's.„Na ihr habt ja wieder einen uene» Verein gegründet?! Wer ist denn da eigentlich dabei?" „Run, da bin ich— erster Vorstand, dann der Gschaftlhuber— zweiler Borstand, der Kratzer erster und der Schnücrberger zweiter Schriftführer, der llebemieier ist Kassier, der Zngrest Kneipwart, der Drehwurm Vcrgniignngskvinmissär, der Schläfer, Hnber und der Nachtigall sind' Beisitzer, der Schwarz und der Not Revisoren— jetzt suche» wir noch einen Manu, der ist dann das M i t g l i e d I"— („Fliegende Blätter.") Notizen. —„Dietrich von O st l a n d", ein phantastisches Schauspiel von Hugo Palm, geht zu Beginn der nächsten Spielzeit als Sondervorstellung im Berliner Theater in Sccne. Das Stück ist erst kürzlich von der Censnr freigegeben worden.— — Drei Löcher zur ü ck. Die Pariser Thcatcrdirektoren, die die Generalproben überhaupt abschaffen wollten, haben sich einschüchtern lassen und ihren Beschlutz dahin abgeändert, daß die Generalproben nur in der Zeit vom l. Jimi vis 30. September, also in der toten Saison, fortfallen sollen.— o. Auch die rnssisch-polnischen Juden in New Dork bauen sich, nach dem Londoner Vorbilde, in Brooklyn ein Theater, in welchem im j ü d i s ch- d e u t s ch e n Dialekt gespielt und ge- siingen werden soll.— — Kapellmeister Julius Einödshofer wird mit seinem Orchester eine Reihe von Konzerten im großen Saale der Philharmonie veranstalten; das erste findet am 13. Mai statt.— — Im italienischen Parlament hat man beantragt, die Curia, den alten Sitz des römischen Senats, wieder aufzubauen. I» dem wieder aufgerichteten Gebäude sollen alle Bronze- und andre Inschriften aufgestellt werden, die sich ans die Gesetze bezichen oder als öffentliche Staatsakten gelten können.— — Bei einer Orchidee ii-Auktion in Cheapside(London) wurden für zwei alte und zwei neue Knollen von..Odcmtoxlozzmu crispum" 3150 M. gezahlt: für eine Varietät derselben Art 1200 M.; für einen Knollen„lZäout.0Kloszum roseum" 1050 M.— — DaS Museum der La n d ivirt schastli ch en H o ch- schule in Berlin hat 28 große Modelle zur Erläuterung der Entwicklung der Mäh» und B i n d e m a s ch i n e n (Deeringsche Samnilung) als Geschenk erhalten.— Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.