Wnterhaltuttgsblatt des Horwarts ?dr. 93. Freitag, den 23� Mai. 1902 (Nachdruck verboten.) i8] Dev MAnksmnnn. Roman von Hall C a i n e. Autorisierte Uebersctzuug. Mitten in dem lauten Klagegestöhn, das dem Vorlesen folgte, saß Philipp, den Kopf in die Hände gelegt, am Herde. Ihm wurde bald kalt, bald heiß bei dem Gedanken, daß der Brief doch keine völlige Gewißheit über den Tod Petes gab. Niemand hatte ihn sterben, niemand ihn beerdigen sehen. Die Geschichte der zurückgekehrten Lkaffern konnte eine Lüge sein, um zu verdecken, daß sie Peter verlassen oder verraten und mit den Spitzbuben ein geheimes Einverständnis unterhalten hatten. Es kam ein furchtbarer Augenblick, in dem er sich fragte, wie er im stände gewesen sei, dem Briefe Glauben zu schenken? Vielleicht nur, weil er gewünscht hatte, ihm Glauben schenken zu können. Nancy Joe klopfte ihm auf die Schulter.„Käthe erwartet Sie, um niit Ihnen allein zu sprechen," sagte sie. Philipp ging durch die Küche tiach dem kleinen Wohnzimmer jenseits des Flurs, das mit seinem Schmuck von aufgestelltem Porzellan, ausgestopften Seevögeln und Schalen aus Vogeleiern recht kalt und ungemütlich war. „Es spielt ihm bös nüt," sagte Nancy. „Er ist nicht mehr derselbe Mensch gewesen, seit Pete nach dem Kap ging," bemerkte Cäsar. „Ich begreife nur nicht, weshalb brave Jungen über- Haupt dahin gehen," jammerte Grannie.„Und dabei nennt man's noch das 5lap der guten Hoffnung I Vielleicht hat ihn eine Kugel in den Kopf getroffen. Ach Gott, o, mein Gott! Bluterguß ins Gehirn, wie sie's nennen. Und dabei noch die schivarzen Kerls um sich zu sehen, die gewiß, ich möchte mich dafür verbürgen, nackt sind wie meine Hand. Ich hasse daö häßliche Lumpenpack. Cäsar mag reden, was er will, daß »vir Brüder sind und von einem Fleisch; ich für mein Teil bin nicht an schivarze Brüder gewöhnt, und was die schwarzen Engel im Himmel betrifft, so ist das geradezu lächerlich." „Wenn Ihr alle mit Reden fertig seid, will ich den Brief endlich zu Ende lesen." sagte Jonaique. „Die Weiber können das Schwatzen nun einmal nicht lassen, es ist gegen ihre Natur," meinte Cäsar. „Geehrter Herr, ich muß nun schließen; wir umschnüren die Kiste des Verstorbenen, ganz wie er sie zurückgelassen hat und schicken sie an de» Danipfcr„Johannesburg" ab, der Kapstadt Mittwoch über vierzehn Tage verlassen wird. „Hm l Die„Johannesburg" werde ich am Landnngs- Platz erwarten. Es ist meine Pflicht, bei Ankunft des Dampfers zugegen zu sein," sagte Cäsar. „Und ich werde schon in der Bucht an Bord gehen," schrie der schwarze Tom. „Thonias Quilliam," erwiderte Cäsar,„mir sagt der Geist, daß der Teufel der Habgier in Euch entfesselt ist." „Cäsar Cregeen, denkt nicht, mich gefügig zu machen." kreischte Tom,„und bildet Euch nicht ein. daß,>veil Ihr so 'ne Abart von einem Prediger seid, die Religion mit Euch aussterben wird. Euer Kopf ist fürchterlich angeschwollen und Ihr werdet bald nicht mehr schlafen können, wenn Euch nicht jemand die Füße kraut. Nächstens werdet Ihr anfangen, Sünden zu vergeben und Geld für Ablaß zu fordern, und Eure Anhänger werden einen Papst aus Euch niachen und Euch Pfennige zahlen. Ja, ja Papst Cäsar, der Zöllner, im Predigerhut und weißen» Halstuch I Die Kiste aber ist mein, und wenn im Land noch Recht gilt, Word' ich sie haben." Damit schwankte der schwarze Tom zum Hause hinaus und Cäsar wischte sich die Augen. „Disteln tragen keine Trauben, Mr. Cregeen," sagte Jonaigue beschwichtigend. „Ich habe ein schuldloses Gewiffcn", erwiderte Cäsar.„Ich folge nur der Führung des Geistes. Wenn jedoch Belial—" Da wurde er durch den kläglichen Ruf unterbrochen: „O. seht doch, seht I" Nancy kam aus dem tiefsten Hintergrund der Küche und hielt etwas mit den Fingerspitzen empor. Es waren alte, mit Schmutz und Spinnweben bedeckte Schuhe. „Das waren seine Alltagsstiefel," sagte sie, und stellte sie auf den Schenktisch. „Ja, meiner See!'! es ist wahrhaftig sein Paar," seufzte Grannie.„Der arme Jiuige; es müßte ein Herz von Stein rühren, sie zu sehen. Jedenfalls ist's ein Andenken an ihn. Wie viele Meilen sind seine Füße darin gegangen, jetzt aber ruhen sie in Abrahams Schoß." Da erhob sich Cäsars Stimme laut über die Klagetöne, die den Schenktisch umschwirrten: „Lebensfunke, Himmelsflamme," stimmt das Lied an, Mr. Niplightly.„Schade, daß Peter mit seiner Fidel nicht da ist— er spielte so lebensvoll..." „Ich kann heute nicht singen, weil ich erkältet bin, aber ich will es pfeifen," sagte der Konstabler. „Singt es dann etwas tiefer," sagte Cäsar.„Ich habe selbst einen Baß, doch ist er nicht ganz so tief wie'der Petes." Inzwischen spielte sich oben ein kleines Drama von ernstem Interesse ab. Käthe saß vor dem Spiegel»nit glühenden Wangen und bebenden Lippen. Das dumpfe Summen vieler Stimmen drang über die Treppe zu ihr herauf. Dann folgte eine Totenstille und eine Stimme sprach allein. Nancy Joe ging zwischen der Küche und dem Schlaf- zimnier hin und her. „Was thun sie jetzt, Nancy?" fragte Käthe. „Erst betet der eine und dann der andre", sagte Nancy. „Ums Himinels willen, wenn an mich dann die Reihe kommt, was soll ich nur sagen?" „Wo ist Mr. Christian?" „Im Wohnzimmer drüben. Ich raunte ihn» zu, daß Du ihn allein zu sprechen verlangtest..." „Das wirst Du doch gewiß nicht gethan haben," sagte Käthe zu Nancys Spiegelbild gewendet. „Ach, es fuhr mir so heraus," versetzte Nancy. Käthe ging mit sanfter Betrübnis im Blick hinab und Philipp fing an, Pete zu bejammern, ohne die Augen auf- zuschlagen. Man würde seinesgleichen me wieder sehen, so schlicht, so wahr und so bieder, nein, niemals, niemals! Er kämpfte mit widerstreitenden Gefühlen, da er das Mädchen zun» erstenmal nach dem Kusse wiedersah, der ihm jetzt wie Verrat am offenen Grabe erschien. Doch»nit der den Frauen eignen Zauberkunst verstand ihn Käthe zu trösten. Hatte er doch die große Beruhigung, ihm ein wahrer Freund gewesen zu sein. Eine solche Treue, Beständigkeit und Hingebung, die so ganz den Unter- schied der Stellung, der Erziehung und alles"übrige vergessen hatte, das trennend zwischen ihnen stand. Philipp sah endlich zu ihr empor und blickte in das lieb- liche Gesicht»nit den strahlenden Augen. Er machte Miene zu gehen und sie sagte sanft:„Wie werden wir Sie der- inisfen!" „Weshalb?" fragte Philipp. „Können wir jetzt doch nicht mehr erwarten, Sie so häufig zu sehen— jetzt, da Sie nicht mehr denselben Grund haben, zu uns zu kommen." „Ich werde am Sonntag wieder hier sein," sagte Philipp. „So wollen Sie uns doch nicht verlassen— jetzt noch nicht. Philipp?" „Niemals I" sagte Philipp. „Nun, gute Nacht. Nicht hier hinaus, nicht durch die Vorhalle. Gute Nacht I" Als Philipp in der Dunkelheit die Straße hinab ging. vernahm er die Worte, die driniren gesungen wurden: „Warum ging, Herr, die Glorie dein In mich, den Erdenklotz, hier ein? Ich bin nur Stailb und Asche l" xn. Zur selben Zeit dämmerte der Morgen über den Ebenen von Transvaal. In dem Maße, als die Dunkelheit»vich, öffnete sich das kahle Veldt immer weiter dem Blick, wie die Oberfläche eines ruhigen Meeresspiegels. Kein Busch und kein Weg, nur in weiten Zwischcnrärimen ein paar Blockhäuser und hölzerne, galgenähnliche Pfähle,.um die Grenzen der Ansiedelungen der Vocren zu bezeichnen. Kein Ton in der durchsichtigen Luft, keine Wolke an dem unverschleierten Himinel; die Nacht schlich in der Stille davon, als fürchte sie, den schlummernden Tag zu wecken. Durch die leblose, unermcbliche Oede arbeitete sich ein bedeckter Frachtwagen mühsam vorwärts. Er war mit vier Pferden bespannt, die an ihren Ketten rasselten, und auf der Deichsel saß ein junger Bursche, ließ die Beine herunter- baumeln, die Zügel durch die Hände gleiten und pfiff vor sich hin. Im Innern des Fuhrwerks, unter einem kleinen Fenster, das ein Musselinvorhang verhüllte, lag ein Mann mit einer Schußwunde in der Seite sin Fieberglut; neben ihm stand ein alter Boer mit seiner Frau, den wilden Phantasien des Verwundeten lauschend. „Seht, Jungen! Seht Ihr sie nicht?" „Was denn, mein Junge?" fragte der Boer einfältig Und blickte durchs Wagenfenster. „Da ist das Maschinenhaus der Minen. Seht, wie die eisernen Dächer glänzen. Und dort liegen die Schlacken. In einem Nu werden wir dort sein. Einen Schlag mit der Peitsche und fort!" Der alte Boer, der keine Visionen hatte, konnte aber von alledem nichts wahrnehmen. „Was mag er nur sehen, Weib?" „Wie dumm I Was soll er denn sehen, er hat ja das Gesicht ganz ins Kissen gedrückt?" Dem Kranken brauste das Blut in den Ohren. „Horcht l" rief er wieder;„hört ihr nichts? Das ist daS Getöse der Batterien. Peitscht drauf los, daß wir fort kommen I Und er zupfte mit unsicher» Fingern an den Fransen der weißwollenen Bettdecke, mit der er zugedeckt war. «Anner Junge! Er möchte gern rasch an die Küste kommen. Doch wird er wohl kaum den nächsten Morgen er- leben I Wie?" „Gott weiß es, Jan, Gott weiß es allein." Das Vcldt dehnte sich unabsehbar aus, und das Meer und die Schiffe waren in weiter Ferne. Auf der endlosen Flüche von Gras, Gestein und Sand lag bis zum Horizont zwischen dem öden Land und dem hohen Himmel nichts als eine Wüste, die wie ein Chaos von Purpur und Grün aussah, wo nie ein Vogel sang und kein Menfch lebte. XIH. „Sie liebt mich I Sie liebt mich I Sie liebt mich I" Die Worte klangen Philipp auf dem halben Rückwege nach Ballure wie eine süße Melodie im Ohre. Dann aber begann er, die Brombeerranken am Wege abzureißen und sich die Hand blutig zu ritzen, indem er wild in die Ginsterbüsche griff; er verachtete sich selbst, weil er froh war, wo er be- kümmert sein sollte, und doch war er seiner Sache sicher, es ließ sich auch nichts daran ändern. Sie liebte ihn und ihm stand frei, sie zu lieben; es bedurfte dabei keiner Heuchelei, keiner Selbstverleugnung mehr. So wischte er sich denn das Blut von den Fingern und schlich in Tante Nans blaues Zimmer. Die alte Dame saß in einer schmucken Haube mit langen fliegenden Bändern spinnend am Kamin. Sie hatte die Nachricht über Pete gehört, als Philipp auf seinem Ausflug nach Sulby vorbeiging und war jetzt in Zweifel, ob es nicht ihre Pflicht wäre, Onkel Peter davon zu benachrichtigen. Die feine, zierliche alte Dame, die in vornehmem Anstand auf- gewachsen war, dachte an die Worte der armen Bridget Tom, als sie sterbend in ihrer armseligen Hütte lag; daß der Sohn eines Mannes immer sein Sohn bleibe, trotz Gesetz und Teufel. Sie entschied sich jedoch, es dem Ballawhaine nicht zu sagen, da sie sich eines Vorfalles aus dem Leben seines Vaters erinnerte, der zugleich Philipps Vater betraf. Philipp lag ausgestreckt auf dem Sofa, mit den Füßen gegen den Kamin. und hörte beim Schwirren des Rades der Stimme der alten Tante zu, während ihm, sobald das Rad stille stand, zugleich eine andere, eine jüngere, nur ihm vernehmbare Stimme leise ins Ohr tönte und ein süßer Kehrreim in seinem Innern ihm stets wiederholte: „Es ist ja keine Untreue dabei. Pete ist tot. Der arme Pete! Der arme alte Pete!" „Obschon er Deinen Vater von sich gestoßen hatte, Philipp, als dieser drohte. Deine Mutter zu heiraten, so glaubte er doch nicht, daß ein Geistlicher auf der Insel es wagen würde, sie gegen seinen Willen zu trauen." „Nein, wirklich?" „Er glaubte es nicht, und als Onkel Peter eine Woche später zur Mittagszeit kam und sagte:„Nun ist alles vorbei." erwiderte er:„Nein, unmöglich!" und warf den Löffel in die Schüssel, daß die heiße Brühe mir— ich erinnere mich's noch— über die Hand spritzte. Peter sagte jedoch:„Da hilft nun kein Beten mehr ," und der Großvater schrie:„Ich aber sage Dir, nein!"„Und ich sage ja"— erklärte Peter.„In der Kirche von Maughold. gestern morgen, vorm Gottesdienste." Da vergaß sich Großvater, nannte Peter einen Lügner und schrie, daß Dein Vater es nicht habe thun können.„Und außerdem ist er mein Sohn und würde das nicht thnn wollen," sagte er. Ich konnte jedoch sehen, daß er glaubte, was Peter gesagt hatte, und als Peter zu weinen anfing, bat er:„Vergieb mir, mein Junge. Ich bin ja Dein Vater und habe ein Recht auf Deine Verzeihung." Gleichwohl gab er sich nicht zufrieden, bis er das Kirchenregister gesehen hatte, und ich mußte mit ihm nach der Kirche gehen." „Armer, alter Großvater!" „Der Vikar war damals ein kleiner, schwachköpfiger Mann namens Kissack, der fürs Leben gern die Leute duckte und ihnen das Wort abschnitt, weil er immer fürchtete, jemand wollte ihm etwas von seinen Rechten nehmen." „Ich erinnere mich seiner— der Kakadu. Sein Lieb- lingstext war:„Jesus sagte:„So folge mir nach""; die Leute meinten jedoch, daß e r nur imnier vorangehen wollte." „Abscheulich Philipp.— Es war schon Abend, als wir nach Maughold fuhren, und der kleine Pfarrer stand am Kreuz vor der Kirche und drohte jemand mit seinem Rohr- stocke.„Man sagt mir, Sie hätten meinen Sohn gestern getraut," sagte Großvater,„ist das wahr?"„Vollkommen wahr," sagte der Pfarrer.—„Mit Aufgebot oder besonderm Erlaubnisschein? fragte Großvater.—„Natürlich letzteres"— antwortete der Vikar." „Kurz angebunden jedenfalls." „Zeigen Sie mir das Register"— sagte der Großvater; sein Gesicht zuckte und seine Stimme klang dumpf.„Wollen Sie mir nicht glauben?" fragte der Vikar.„Das Register!" wiederholte der Großvater. Da steckte der Vikar den Schlüffcl in die Kirchenthür und ging gespreizt im Seiten- schiffe hinauf, etwas vor sich hinbrummend. Ich versuchte noch jetzt, Großvater zurückzuhalten.„Was nützt es?" sagte ich, denn ich wußte, daß er nur wider sein besseres Wissen ankänipfte. Doch er folgte ihm. den Hut in der Hand, an das Altargitter, und hier legte ihm der Vikar das offene Buch vor. O Philipp � mein Lebtag kann ich es nicht vergessen! Alles kommt mir zurück! Die kleine düstere Kirche, der Geruch der dumpfigen Luft und des Sammets unter den Schutzdeckcn des Altars und der Widerhall in dem leeren Räume. Groß- Vater setzte die Brille auf und beugte sich über das Register, aber er konnte nichts sehen; es war ihm alles trübe und ver- wischt vor den Augen. „Such Du danach, Kind I" sagte er über seine Schulter zu mir. Aber ich wagte nicht, hinzusehen. Nun wischte er die Gläser ab und beugte sich nochmals darüber. O Gott! Es war, als wenn jemand die Liste der Erschlagenen nach einem Namen durchläuft und betet, ihn nicht finden zu müssen. Doch der Name war da— nur zu sicher. Thomas Wilson Christian... mit Mona Crcllin... unterzeichnet Wm. Crellin und so und so Kissack." Philipp atmete heiß und schnell. „Der kleine Vikar schwang auf der andeni Seite des Gitters sein Rohr hin und her und lächelte; Großvater erhob die Augen zu ihm und sagte:„Wissen Sie wohl, was Sie gethan haben, Herr? Sie haben mich meines erstgeborenen Sohnes beraubt und ihn zu Grunde gerichtet."—„Unsinn", entgegnete der Vikar.„Ihr Sohn war volljährig, und seine Frau hatte die Einwilligung ihres Vaters. Sollte ich etwa erst nach Ballawhaine gehen, um die Erlaubnis zur Erfüllung meiner Pflicht als Geistlicher einzuholen?"—„Pflicht?" schrie Großvater.„Wenn ein junger Mann heiratet, so handelt es sich für ihn um Himmel oder Hölle. Ihre Pflicht als Geistlicher?" schrie er, daß seine Stimme bis ans Dach hinauf schallte.—„Wenn einer Ihrer Söhne sich die Kehle abschneiden wollte, würden Sie es für meine Pflicht als Deemster erklären, ihm ein Messer zu reichen?"— „Ruhig, Herr," sagte der Vikar.„Vergessen Sie nicht, an welchem Orte Sie stehen, oder, ob Sie gleich Deemster sind, Sie sollen's bereuen." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten) Eines lnkheeifchen Kiechenpfeiloes ANvisteefrizAft tu dee VnnKtierKnnlt. Die Geomcmtie oder Pnnktierkunst, einstmals eine der ver- breitetsten Formen menschlichen Aberglaubens, ist heute den meisten wohl nicht einmal dem Namen nach bekannt. Hier und da werden fich aber in zurückgebliebenen Gegenden unter dem Volke doch noch populäre Anlveisuugen zu dieser Art, Zukünftiges, Ungewisses und Berborgenes zu erkunden, umhertreibcn. Es ist das eine mächtig komplizierte Sache, in deren Einzelheiten einzudringen heute gänzlich interesselos ist. Kurz gesagt, handelt es sich darum, aus Punkten, die in ungezählter Menge hingeworfen und in gewisse Zusammenstellungen gebracht werden, das ge- wünschte Resultat herauszulesen auf eine Methode, die dann gerade so zuverlässig ist, wie wenn man zum Beispiel an den Knöpfen abzählt, ivas man in �iveifelhaften Fällen thnn soll. Das hindert aber nicht, dast noch im 16. Jahrhundert neben ge- ringereu Gröhen auch der klügste und gebildetste deutsche Fürst seiner Zeit, Kurfürst August I. von Sachsen(ISSg— 1586), mit noch größerem Eifer als Zauberei, Stemdentcrei und Goldmacherei die Pnnktierkunst gepflegt hat. Allein aus vier Jahren find uns über 5000 Punktierungen von ihm erhalten, und das will bei dem zeit- raubenden Charakter dieses Humbugs viel besagen. Im ganzen legen von Aiignsts Beschäfligiing mit der Pnnktierkunst nicht weniger als 30 mächtige, handschriftliche Folianten Zeugnis ab. Darin möchte nian nun bloß schähenswertes Material zum Einstampfen oder zu»och edlere» Zwecken erblicken. Aber das hieße vorschnell urteilen. Thatsächlich stellen nämlich Augusts Punktier- bücher ungeniein wertvolles Material für seine geschichtliche Würdigung dar. Sie sind, lvie einige Auszüge daraus zeigen werde», vor allem durch die den Propkczeinngeu und Auskünften nachträglich beigefügten thatsächlichen Erläuterungen hervorragend offenherzige Bekennluisse einer ungewöhnlich schönen Seele. Wir sehen da einen Menschen nackt, ohne ministerielle oder anderweitige Bekleidungsstücke, vou den» auch die höfische Geschichtsschreibung nur zu rühmen iveiß, daß er der erste große Stnatsivirt unter den ntodcrnen deutschen Fürsten gewesen. Wirklich war er ein tüchtiger Fiiiaitzmaim, aber nicht im Staats-, sondern im Familieiiiutcresse; er sah i» Sachse» sein möglichst rentabel zu machendes Landgut. Aber er Ivar nicht bloß ein großer Schinder seines Volkes, sondern auch eine feste Säule des Luthertums. Die Herren vom protestantischen Bund freilich, die einen Beruf daraus macheu, gegen die katholische Intoleranz mit der pro- teftantischen Duldsamkeit' zu Felde zu ziehen, verabsännien eS schmählich, weun auch nicht ohne Grund, dem teuren Glmtbens- Helden die gebührende Würdigung angedcihen zu lasten. Denn er ist mit seiner gransamen Verfolgung der Calvinistcn, der Reformierten, der beste Beweis dafür, daß der Protestantisnius von Haus ans genau so unduldsam ist ivie die alleinseligmachende Kirche. Dabei war ihm sein Eintreten für das»nverfälschte Luthertum keinesivegs von religiösem Fanalismus eingegeben, sonden« von der Staats- raison, von der selbstsüchtigen GesinnungStyraiuiei eines absoluten Herrschers, der in der Religion bloß ein Rcgiernngsivcrkzeug er- blickt. WaS für ein angenehmer Vertreter dieser Wetliuer war, das lehren �eine Punktierbüchcr. Manche der Fragen freilich sind ziemlich harmlos. Da heißt eS z. B.:.Hat die fürstliche Witwe zn Weimar das Zipperlein bekomme»?"„Sind die glatten oder runzligen Borsdorser(Aepfel) am besten?"„Ist es Ivahr, daß ein Knabe in der Grafschaft Holach allerlei giftige Tiere ohne Verschruug esse?" Nicht ohne hmnoristischcn Beigeschinack ist die Erörterung der Frage:„Werde ich auch meine Schulden vom Kaiser auf den Termin, ivie mir zugesagt, bezahlt bekommen 1' Das Orakel spricht sich nicht eben günstig aus, aber August tröstet sich damit:„Jedoch ist mehr Hoff- nung zur Bezahlung als zur Nichtbezahlung." Späterhin stellte sich dann heraus:„Darauf ist erfolgt, daß man gern bezahlte, wenn man's hätte." Nicht wenig enttäuscht mag er gctvesen sein, als seine Tochter, die Pfalzgräfi», vou der er auf Grund seiner Puitktierkunst erhoffte, sie werde einen Sohn gebären, mit einem Mädchen in die Wochen kam. Harmlos klingt auch die Frage:„Wein oder Bier? Soll man ihm in seinem Durst eher Wein oder Bier zn trinken geben?" In Wirklichkeit aber bat es darum eine schauerliche Bewandtnis. Mit dem„ihm" ist nämlich Dr. Craco gemeint, einer der„Krypta- calvinistcn" oder Geheimreformierten. die der Kursürst auf die Folter- dank spannen ließ. I» seinen»»süglicheii Qualen, che ihn der Tod erlöste, flehte der Arme beständig um eine» Trunk Wein. Der er- barmnngslose Kursürst aber ließ ihm hartnäckig bloß Bier ver- abfolgeu. Wie er auch sonst mit seinen Widersachern umsprang, dafür ist das bekannteste Beispiel das völlig rechtlose Verfahren gegen den Obcrjägemieistcr von Riixlebeu, der, wegen gröblicher Majestätsbeleidigungen denunziert, von August den ausgesuchteste» Folterqualen unterworfen wurde, um das gewünschte Geständnis zu erpressen. Die Punktierkunst hatte ihm die Schuld des Unglück- lichen gewiß gemacht: weiter heißt es in den betreffenden Wälzern zum Beispiel:«Wird Rüxleben in der Tortur vorhalten?... Darauf ist erfolgt, daß er fich gar nicht angreife» lassen, sondern stracks bekannt." Der Augeklagte nahm die Aussage aber nachträg- lich zurück, und so stoße» wir auf die Frage:„Wird Meister Kunz heute, diesen Morgen, Rüxleben lvieder zu Recht bringen?" Meister Kunz halte nämlich den Auftrag, Rüxleben der Tortur ziveiten Grades zu untertverfe», mit der Verschärfung, ihm dabei ein Stück Fleisch aus dem Stücken zn reißen. In derartigen kanibalischen Raffiniertheiten war August überhaupt Meister. So hatte er im Juli 1885 mit Hilfe der Punktierkunst— ohne irgend einen andern Beweis herausgeknobelt— daß die Frau seines Rates Hans v. Tauben» heim ihm eine„erschreckliche Leibesschlvachheit" angehext habe. Dafür ließ er die„alte Vettel" verbrennen, nachdem sie vorher auf der Folterbank„zerrissen" worden war;»ach seiner gottseligen Ausdrucks» weise bestand letzteres in einem„dehnen lassen, daß mau ihnen die Kaldauncn im Leibe sehe." In eine» Abgrund von Geineinheit fschant man bei Gelegenheit von Punktierungen wegen der zweiten Heirat des Prinzen von Oranien, der seine erste Gemahlin, eine Nichte August's, zu Gunsten der Charlotte von Bourbon, Tochter des Herzogs' von Moutpensier, verstoßen hatte: wie August glaubte, auf Veranlassung des ihm ver- eindeten reforniierten Pfalzgrafen zu Heidelberg. August's Zorn dar- iber äußert sich in so unflätiger Weise, daß man die bezüglichen Stelle» einer Punktierbüchcr nur im Original mitteilen kann, wo sie den» ür uns einigermaßen naiv klingen:„Ist des Prinzen» vonn Urauieir wchb, so er iczo hatt. eyne h... gewessenn, als er sye genummcnn? .... nrtehlle ich, das dysfe fraiv ans Ursache»», das sye sych bei ihren» eltternu von jugent auff lygens und stellens beflissen» und ych dorinn wcydlich gebranchtt, aller ihrer Hab und gutter vorlustick gcmachtt und von ihreuu eltcrnu in» eh» Köster gestoßen worden», in wellychem sye große h,... getribei« und dorauS wyder ihrer eitern» wysic» und wyllenn entlanffen, und auff das heylige Hans Heydelberck kummen, aldo sye wegen ihrer christlichen» relygion und ihres keuschen» wandeis und lebcns halben» herlych auffgenunnnen und von do ans sych mitt dem hauptt aller schelmenn und auffrnrer, wellicher denn kcynes besseren tveybes wertt, sych vormeltt und in eine conjnnction der h.... und buben sych bc- geben." Das alles ist aus dem kurfürstlichen Daumen gesogene Verleumdung. Diese Proben von Augusts I. Punktierkniist genüge» Wohl,»in den frumben Vorkämpfer des Luthertums in seinem wahren Wesen erkennen zu lassen.—_ c. Kleines Feuilleton. — AuS de». Lebe» eincS Peers. Der„Frankfurter Zeitung� ivird aus London uuterin 17. Mai geschrieben: Augustus Arthur Perceval Carl von Egmont wurde zusammen mit einer elegant ge- kleideten Dame Namens Lina Perceval in der Nacht vom Douuerstag zum Freitag um halb ein Uhr im Piccadilly betrunken vorgefunden und, da sich das Paar nicht weiterbewegeu konnte und eine Menschen- ansauunliuig entstand, verhaftet. Lina Perceval, von der man nicht weiß, ob sie nur zufällig denselben Familieuuaiuen führt wie der Earl, hatte eine Stunde nach ihrer Verhaftung versucht, sich im Polizeigefängnisse von Vine Street mit einem Taschen» tuche zn erdrosseln und war deshalb auch des Selbstmord» Versuches angeklagt, da Selbstmord»ach englischem Gesetze ein strafbares Verbrechen ist. Der Polizcirichtcr von Marl- borough Street entließ Lina Perceval trotz der doppelte» Anklage ohne Strafe. Ihr Begleiter, der Earl, hatte eS vorgezogen, der Vor- ladnng vor dem Polizeirichter gar keine Folge zu teilten. Der Earl von Egmoiit ist Mitglied des Oberhauses, Patron von acht Pfarreien und führt außerdem die Titel„Viscount Perceval und Baron Lovell und Holland". Ein Ahnherr seines Geschlechtes, Ascelin Gouel de Perceval, kam mit Wilhelm dem Eroberer nach England herüber und seiner Familie gehörte auch der englische Premierminister SpencerPerce- val an, der im Jahre 1812 im Unterhause erschossen wurde. Der jetzt wegen Betriiurcnheit verhaftete achte Earl Egmont hat schon merk- würdige Erlebnisse hinter sich. Er ist 1856 in Neuseeland geboren und ist jahrelang auf Handelsschiffen Matrose gewesen. Dann ist er in die Londoner Feuerwehr eingetreten, die sich Vorzugs« weise aus Seeleute» rekrutiert, und in seinem erste» Dienstjahre als Londoner Fenerivehrniaun heiratete er eine Buffettdame der unterirdischen Eisenbahu-Station in Sloane Square. Vom Feuer» wehrmann avancierte der damalige Viscount Perceval zum HauS» mcister des Stadthauses der Londoner Gemeinde Chelsea. In dieser Eigeuschaft machte der künftige Earl zum ersteuuial in der Oeffentlichkeit von sich reden. Im Stadihause fand eine politische Versammlung statt, die sehr lännend ivurde, und der adlige Hausmeister stellte dadurch Rnheher, daß er die Mündung desFeuerlösch» Schlauches auf die politifchen Gegner richtete. Einer der vom kalten Wafferstrahl am meisten betroffenen Politiker zeigte den Hausmeister und Viscount bei der Polizei ivege» Körperverletzung an. und als diese Anzeige keinen Erfolg hatte, verlangie er vom Gemeinderate von Chelsea Schadenersatz für seinen durchweichten Anzug. Es gab deswegen stürmische Scenen im Gemeinderate von Cbelsea, und der Hausmeister des Stadthauses kündigte seine Stellung.Er konnte dies thnn, da er gleichzeitig eine Summe von 8000 Pfd. St. geerbt hatte. In dem Monate vor Niederlegung des Haiisiueifter-Amtes hatte fich der spätere Earl noch den Scherz geniacht, plötzlich alle Lichter im Stadthause auszudrehen, während ein Ball darin stattfand. Seinen Abschied vom Stadthause feierte der Viscount damit, daß eS eines Tages alle in der Nähe wohnenden arme» Leute in einem eigens gemieteteir großen Saale mit einer üppigen Mahlzeit bewirtete, Mit dem Nest der 6000 Pfund Sterl. erlvarb der Viscount erst eine Tementfnbrik. bau» ciitc Salz�riibe und bald war er ivieder ganz mittellos. Gegen Mitte der neunziger Jahre schickten ihn seine Ber- wandten»ach Südafrika und ließen ihm dort 5 Pfund Steel, pro Woche auszahle». 1397 starb aber der siebente Carl von Egmont und der ehemalige Matrose, Fenertvehrmann und Hausnicister kehrte aus Südafrika zurück und erbte den Titel und das Vermögen des Earl Egmont und den Landsitz Coivdray Park in Snssex, einen der schönsten in England.— — lieber das Tierlcbcn an der Eisenbahn plaudert Ludwig Benick in der„Natur": Obgleich der Bahndamui, den elvig das Rasseln der Züge erschüttert, kaum geeignet scheint, den scheuen Tieren der„Wildnis" eine Wohnstatt zu bieten, findet man au den Bahndämmen der norddeutschen Ebene doch ein reiches Tierleben. Die größeren Sänger fehlen, dafür trifft man den Hasen, der sich sogar neben den Schienen zum Schlafen niederduckt und oft genug ein Opfer der Räder tvird. In den Böschungen haust das wilde Kaninchen, dessen Minicrarbeiten der ganzen Anlage gefährlich Ivcrdcn. DerFnchs legt„Malepartus, dieVeste"auch mitVorliebe im Bahndamm an. Er hat da leichtere Arbeit, da er die Stolle» nur wagerccht ein- zutreiben braucht. An der Sonnenseite hausen besonders die Feld- mänse und demzufolge auch das Wiesel und der Igel. Der Maulwurf ist ebenfalls anzutreffen. Sehr reich vertreten ist die Vogclwelt. Ein„Charaktervogel des Bahndammes" ist das Braunkehlchcn. Es baut sein Nest direkt in das Riedgras. bekommt die Jungen aber nur selten flügge. Wenn die„Vor- mahd' beginnt, ist die Brut noch jung, ungeschützt durch Gräser und Halme fällt sie bald den Krähen und Elstern anheim. Auch die Schaf- und die Bachstelze halten sich gern an den Bahndämmen auf. Ein Eiscnbahnwärtcr berichtet von eiiiem Bachstelzcnpaar. das zwölf Jahre hintereinander in seinem Hause nistete. Ebenso trifft man am WärterhänSchen und demzufolge auch am Bahndamm vielfach das Hansrotschwänzchen und die Schwalbe. Gold- und Grauammer nisten besonders da. wo die Hänge mit Büsche» bepflanzt sind. Die Neun- töter sitzt auf den Telegraphen- und Einfricdigungsdrähte» und schaut von hier nach Beute aus. Das Rebhuhn brütet an den Böschungen. Nachts gerät es im schnellen Fluge oft an die Telegraphcndrähle und findet ein frühes Ende. Man hat berechnet, daß in Deutschland jährlich SOO- bis 750 000 Rebhühner ans diese Art zu Grunde gehen, ungerechnet die, tvelche sich»och flüchten können und von de» Streckenivärter» nicht gesimden tvcrden. Das Kleinlcben des Bahndammes zieht auch die Raubvögel heran. Der Bussard, der Habicht, der Thurmfalke, der Sperber, der Kauz, alles geht hier auf die Mänfejagd. Von Reptilien trifft man besonder? die Eidechse, die Blindschleiche und die Ringelnatter, sowie den braunen Gras- frosch, Kröten finden sich seltener. Von den nackten Schnecken trifft man auch mir zwei Arten, die Weg- und die Egelschnecke. Desto zahlreicher sind die Insekten und besonders die Schmetterlinge. Auf dem Kiesdamm selber ztvischen den Schienen endlich haben die Ameisen ihren Platz. Und über all das tausendfältige Leben hin donnert der Zug. fährt der Mensch mit seiner Lust und seinem Leid, ohne daß auch nur eines der Kleinen und Allerkleinsten sich um ihn kümmert.— Theater. Schiller-Theater. Einakter-Abend.— Die drei kleinen Komödien, die den größten Teil des Abends ausfüllten, wurden mit Lust und Liebe, niit Munterkeit und Verve gespielt. Hans Kuhnert in dem anspruchslosen, altmodisch-gemütlichen Wichertschen Vcrlobungsscherze„Post festurn" ivar als professoral zerstreuter Heiratskandidat von wirklich licbenS- würdiger Bonhonmiie und fand an seinen Partner», besonders an Herrn R i ck e I t. der den künftigen Schtviegervater präsentierte, gute Unterstützung. Solche nach überkommener Schablone gearbeiteten Kleinigkeiten werden ja fast immer flott hernntergespiclt, aber was mehr sage» tvill, auch die originell geprägte Komödie Drehers „Unter blonden Bestien". P a l e g g gab den blonden, gutmütig- wilden nordischen Brummbär, P a s ch k e den galanten ängstlichen Musikus, und vor allem„P a r a c e l s u s", das geistreiche, aus den Aufführungen des Deutschen Theaters bekannte.Versspiel" Arthur Schnitzlers kam überraschend gut heraus. Marianne Wulf war eine anmutige Justina, Pategg höchst ur- wüchsig als biderb- protziger Waffenschniied. De» Aus- schlag aber gab Rudolf L e t t i n g e r in der so überaus schwierigen Rolle des Paracelsns. Spiel, Maske, Organ, alles wirkte „aufs glücklichste zusammen, um den Eindruck des Fremdartigen, ge- heimnisvoN Ueberlegene», Zaubcrmächtigen hervorzurnfcu.— Weiß Gott, wie Hugo v. Hoffmannsthals wunderbar tiefe dranmtische Elegie:„Der Thor und derTod" mitte» in diesen Komödien- abend hineingeriet! Aber wenn auch der Rahmen nicht paßte, das Wagnis selbst, dies duftigste und rührendste Stück moderner Lhrik auf einer populären Bühne aufzuführen, ist höchst verdienstvoll. Wieviel auch durch die Mängel der Anfsühnmg verloren ging. so erregte durch diesen verdunkelnden Schleier' hindurch das Werk »och immer mit sehnsuchtsschiverer Stimmung die Herzen. Rudolf L c t t i n g e r, der treffliche Paracelsns, war auch als Claudio gc- wiß nicht schlecht, doch jener Schmelz und seelenvolle Klang der Stiumie, den die Verse Hoffmannsthals verlangen, stand ihm nicht zu Gebote, noch weniger dem Schatten der Mutter, der Geliebten und des Freundes.——dt. VerailNvortlicber Redacleur: Carl Leid ut Berlin. Meteorologisches. dt. Auf dem L u f t s ch i f f e r- K o n g r e ß, ber gegenwärtig in Berlin tagt, tvurde unter nnderm die Frage der Abnahme der Teinperatnr in den höheren Schichten der Atmosphäre eingehend erörtert. Bekanntlich tvird es, ivenn man in die Höhe steigt, nicht wärmer, sondern kälter; die Lust läßt die Sonnenstrahlen um so leichter hindurch, je dünner sie ist. Deshalb sind die dichteren Schichten au der Erdoberfläche am meisten er- Ivärmt, tvährend in der Höhe eisige Kälte herrscht. Festzustellen, in welcher Weise die Temperatur mit zunehmender Höbe abnimmt, hält der Laie meist für eine sehr einfache Sache; man braucht ja nur ein Thermometer abzulesen, hin die jedesmalige Temperatur zu erhalten. Wenn man aber bedenkt, daß das Thermometer doch �mir seine eigne Temperatur zeigt resp. die seines Quecksilbers, ohne weiteres aber nicht die der Umgebung, so merkt man schon, daß die genaue Bestimmung der Lufttemperatur einige Schlvierigkeiten bietet. Thatsächlich sind die älteren Meffungcn gänzlich unbrauchbar, und die aus ihnen erschlossenen Resultate durch die neuere», mit Aßmnnns sog. AspirationS- Thermometer erhaltenen sehr erheblich modificicrt worden. Auf dem Kongreß berichtete Tesserencde Bort aus Paris über die Resultate von 258 Auffahrten oder vielmehr Aufstiegen der sog. ballous sondes, d. h. unbemannten Ballons mit selbst- thätigcn Apparaten: sie erreichten Höhen von 10— 15 Kilometer, also Höhen, bis zu denen Menschen sich nicht lvagcn dürfen. Es ergab sich daraus, daß die Abnahme der Temperatur in größeren Höhen nicht beständig stärker wird, sie tvird im Gegenteil geringer und hört schließlich ganz auf. Es existiert also eine Schicht konstanter Temperatur, die je nach der Jahreszeit und der Witterung vcr- schieden hoch liegt; Tesserenc fand eine Variicrnng ihrer Höhe von 8—14 Kilometer. War diese Schicht durchschritten, so ergab sich nunmehr mcrkwürdigerivcise eine Zunahme der Temperatur, so daß es um so wärmer ivurde, je höher der Ballon aufstieg. Herr A ß m a n n konnte bestätigen, daß von ctiva 10 Kilometer an die Abnahme der Temperatur erheblich langsamer wird als vorher, dann aufhört und sogar in eine Zunahme übergeht. Daß oberhalb 10 000 Meter ein ivarmer Luft- ström existiert, ist auch durch die Hochfahrt der Berliner Lnftschiffer B e r s o u und S ü ring erwiesen, welche in die größte von Menschen bisher erreichte Höhe gelangten. Aber in einer Beziehung weichen die Berliner Resultate von den Pariser Ergebnissen ab: der warme Luftstrom hat nach den Ergebnissen des Prof. A ß m a n u eine scharfe obere Grenze, oberhalb deren sich wieder die gewöhnliche Abnahme der Temperatur mit zunebmeuder Höhe zeigt. Ueber diesen Punkt tvcrden erst fortgesetzte Aufstiege unbemannter Ballons,' die gleichzeitig an mehreren Orten aufzulassen sind, sog. Simultan- fahrten, die uolivendige Aufklärung schaffen.— Humoristisches. — Ein Künstler. Dame:„Aber ich finde mein Porträt wirklich gar nicht ähnlich." Maler:„Meine liebe Dame, wenn Sie auf Aehnlichkeit Wert legen, gehen Sie zum Pholographen— i ch bin ein Künstler."— — Das artige Kind. Reicher alter Onkel:„Bist Du immer so still Tommie?" T o m m i e:„Oh nein, aber die Mama hat mir versprochen, sie giebt mir zehn Pfennige, iveirn ich artig bin und nichts über D e i n e n ka h le n K o p'f sage."—(„Jugend.") Notizen. — Das Neue Theater bringt am 16. Juni, dem Beginn seiner Sommcrsaison, D ö r m a u u s Sittenbild„Ledige Leute" zur Aufführung.— —„Moderne Bühne" heißt ein neues Rcttimgsinstitut für verkannte Genies, das diesen Herbst im Lessing-Theater debütieren wird. HanS Förster und Dr. Martin Zickel sind die litte- rarische» Leiter.— — Die Schauspieler des Petersburger Neuen Theaters tvcrden am 11., 12. und IS. Juni im L e s s i n g- Theater gastieren.— — Frank W e d e k i n d wird in den nächsten Tagen in seinem Einakter„Der Kammersänger", der im„Bunten Theater" zur Aufführung gelangt, selb st die Hauptrolle spielen.— — Die„Elf Scharfrichter" aus München»vollen es im Herbst dieses Jahres noch einmal versuche», in Berlin ein größeres Gastspiel zu absolvieren.— c. 40 000 M. sind dieser Tage für Wilhelmys Violine„Joseph Guarnerius del Gesü 1737" in London gezahlt worden.— — Ein Denkmal des Dichters Adalbert Stifter wird am Sonnabend in Linz enthüllt iverden. Der Wiener Bildhauer Hans Rathansky ist der Schöpfer des Werkes.— Die nächste Nummer de» UnterhaltungSblattes erscheint am Sonntag, den 25. Mai. Druck und Verlag von Max Badiug in Berlin