Anterhattungsblatt des vorwärts ?tr. 102. Donnerstag, den 29. Mai. 1902 Machdruck verboten.) 22] Der Manksinttttn. Roman von Hall Caine. Autorisierte Uebersetzimg. Das Haar inachte ihr noch wichtigere Bedenken. Die widerspenstige» Locken hatten sie niemals befriedigt. Sie wendete alle Mittel an, sie gefügig zu niachen, aber oben aufgesteckt, sahen sie lächerlich aus, und nach hinten gerollt, waren sie zu steif. Sie mühte sich ab, sie langgewellt über die Schläfen fallen zu lassen. Es war aber unmöglich. Mit einem weitzinkigen Kamm gab sie dem Haare zuletzt seine frühere natürliche Freiheit zurück, und als es ihr nun über Stirne und Ohren und rings auf ihren weißen Nacken fiel in kleinen, schelmischen Locken, die wie Kätzchen beim Versteckspielen vorguckten und wieder zurückhuschten, lachte sie und war befriedigt. Aus einer Nische, die mit einem Tuch verhängt war, nahm sie ihr Leibchen herunter, eine hellrote Bluse, die in losen Falteit über Brust und Arme hing und nur am Handgelenk fest anschloß. Als sie es anzog, umleuchtetc es ihren Kopf wie ein Lichtstrahl der untergehenden Sonne, und ihre Augen hüpften vor Freude. Der Nock war niit blaßroten Blumen bedruckt, der Gürtel ein baumwollenes Band von der Farbe des Leibchens, und nun kam es an die schwierige Frage, was sie um den Hals tragen sollte. Er war rund und voll und glatt und schlank tvie ein Turm. Sie hätte ihn gern bloß gelassen, doch wagte sie's nicht. Aus einem Schubfach unter dem Spiegel zog sie eine Perlenschnur hervor. Es war ein Geschenk aus Kimberley, und sie ließ sie eiiien Augenblick durch die Finger gleiten, legte sie dann aber wieder zurück und wählte statt dessen ein Weißes Tuch von ge- wässerter Seide. Sie band es in einen Matrosenknoten mit fliegenden Enden und einem dreieckigen Zipfel, der am Rücken herunterfiel. Zuletzt nahm sie aus einer Schachtel einen großen Weißen Strohhut heraus, der wie eine Austerschale geformt und mit silbergrauem Band unter einer wallenden Straußfeder aus- geputzt war. Sie betrachtete ihn einen Moment, blies in die Feder, zupfte am Bande, hielt ihn sich über den Kopf, ließ ihn dann leise anfs Haar herabsinken, trat et'.vas weiter vom Spiegel zurück, um die Wirkung zu sehen, riß sich ihn aber schließlich Ivieder ab und warf ihn sorglos aufs Bett. Er wurde durch ihren Alltagshm ersetzt, der auf dem Boden des Kleiderschranks gelegen hatte. Auch er war von blaßrotem Stoff mit aufgedruckten Punkten, in Form von kleinen Muscheln, die an einer Austerschale festsitzen. Als sie ihn auf die schwarzen Locken gesetzt hatte und die Bänder ihr frei auf den Busen fielen, konnte sie nicht umhin, glücklich aufzulachen. So war sie schließlich ganz so gekleidet, wie alle andren Tage der Woche, den Sonntag ausgcnomnicn, nur sauberer vielleicht und lvomöglich noch frischer. Der Sommerhut war ihr eben recht und sie fing an, daniil allerlei Mutivillen zu treiben. Man konnte ihn so vielen Stimmungen anpassen, er hatte seine eigne Sprache, er konnte alles zum Ausdruck bringen. Sie drückte ihn spitz zusammen, wie es die Mädchen zn thun pflegen, wenn ihnen die Sonne zu heiß wird, indem sie die Ocffnung des Hutes bis zu ihrer Nasenspitze schloß, so daß nur noch eine nacht- lich dunkele Höhlung sichtbar blieb, durch die man die Augen glänzen und die Augenwimpern sich bewegen sah. Sie band sich die Bänder fest unters Kinn und stieß den Hut in den Stacken zurück, wie es kleine Mädchen machen, wenn der Wind kühl weht, so daß ihr Haar unbedeckt war, ihr Mund das lustigste Mienenspiel sehen ließ und ihr nymphen- artiger Kopf von einer Glorie umgeben schien. Sie nahm ihn ab und hing sich ihn au den noch zugebundenen Bändern über den Arm, schwenkte ihn wie einen Korb hin und her, hielt ihn wie einen Fächer in der Hand und ging dabei in der Stube auf und ab, daß der Fußboden knarrte und ihr Kattinirock knisterte. Sie selbst aber lachte hell ans, während sie vor verhaltener Leidenschaft bebte und die Vorstellung der Dinge, die da kommen sollten, sie durchschauerte. Dann ging sie mit sesteni, elastischem Schritt hinunter, ihre frische, biegsame Gestalt leuchtete von jungem Blut und überquellender Gesundheit. Am Hofthor begegnete sie Nancy, die aus dem Wasch- hause kam. „Gott sei uns gnädig!" rief Nancy aus.„Heute wünsche ich mir zum erstenmal, daß ich ein Mann wäre!" Käthe küßte und herzte sie und flog dann fort nach dem Melliahfeld. XXI. Philipp hatte in Douglas folgende Mitteilung aus dem Gouvernementshause erhalten: „Seine Excellenz wird Herrn Philipp Christian sehr der- bunden sein, wenn er die Insel zunächst nicht verläßt, ohne ihn von seinem Aufenthaltsort in Kenntnis zu setzen." Die Botschaft war sehr einfach: sie enthielt wenig und ließ nichts vermuten oder voraussehen; dennoch versetzte sie Philipp in große Erregung. Um seine Ruhelosigkeit zu bcschwich- tigen, unternahm er einen Spaziergang. Man stand am Ende der Reisesaison und der Lsn-m�-vlu-so*) war im Begriff, den Hafen zn verlassen. Zeitungsjungen, die sich in das Gedränge auf dem Hafendamm mischten, um die Mankische Abend- zeitung zu verkaufen, schrieen x„Krankheit des Dcemsters— wichtige Nachrichten". Philipp standen die Haare zu Berge. Allerhand Möglich- keiten gingen ihm durch den Sinn. In dem Bestreben, auf andre Gedanken zu kommen, kehrte er nach seiner Wohnung zurück, betrachtete aber unterwegs alles, was ihm in den lärmenden Straßen in die Augen fiel; er sprach auch mit jedermann, den er kannte, und doch sah er nichts und hörte niemand. Die Bestie des Lebens hielt ihn mit ihren Klauen gepackt. In seine Wohnung zurückgekehrt, zog er ein Paket auS der Tasche, das Tante Nan ihm in die Hand gedrückt hatte, als er Ramsey verließ. Es war ein Bündel alter Briefe seines Vaters, die dieser von London aus an seine Schwester- Cousine in den Tagen geschrieben hatte, da er dort die Rechts studierte und das Leben noch wie in. der Morgendämmerung vor ihm lag.„Die Tinte ist jetzt vergilbt," sagte Tante Nan,„sie war damals schlvarz, und die Hand, die dies schrieb, ist jetzt kalt. In den Worten aber fließt noch rotes Lebensblut. Lies sie, Philipp," sagte sie mit bedeutungsvollem Blick. Da war er gelviß, daß sie um seine Besuche in Sulby wußte. Philipp las des Vaters Briefe bis tief in die Nacht hinein, von der ersten bis zur letzten Zeile. Sie waren so hell wie Sonnenschein, so frei wie die Luft, leicht, scherzhaft, ungestüm, bilderreich, aber vor allem selbstbewußt, stolz auf seine geistige Kraft und eitel im Gefühl, daß der Erfolg ihm nicht fehlen konnte. Es war dieses Selbstbewußtsein, was Philipp bezauberte. Er sog es mit Wonne in sich ein, wie ein junger Hengst den scharfen Wind in die geöffneten Nüstern. Nach Entschuldigungsgriinden dafür brauchte er nicht zu suchen. Die Luftschlösser, die sein Vater gebaut hatte, waren nur Hütten im Vergleich zu den goldenen Palästen, die der un- gestüme Geist des Sohnes in dieser Nacht entwarf. Philipp verschlang jene Briefe. Es war, als ob er sie selbst in einem andren Daseinszustand geschrieben hätte. Die Botschaft des Gouverneurs lag auf einem Tisch ihm zur Rechten,»>nd manchmal legte er die offene Hand darauf, wenn er näher air die Lampe rückend Stellen las wie die folgende: „Hörte gestern nacht im Parlamente den alten Broom") und nahm heute ein Frühstück mit ihm bei Tabley ein. Man nennt ihn einen großen Redner und den Meister der geselligen Unterhaltung. Aber er spricht, als ob er sich auspumpte, und schwatzt, wie eine Flasche, aus der man Wasser fgießt. Ohne llxberzengung, ohne Aufrichtigkeit, nicht zu Herzen gehend. Doch war er recht höflich gegen mich. Als er hörte, daß Vater Deemster wäre, sagte er, der Titel sei eigentlich Doomster(das schottische Wort für Richter und besonders für Nachrichter), und dann fragte er mich, ob mir die Bedeutung des„Hauses der Keys***) bekannt wäre und sagte, es käme von dem alten irischen Gebranch her, die *)„Weib meines Herzens", ein Schiffsnome. **) Lord Brougham. *") Key— Schlüssel und Abgeordneter auf der Insel Man. Behältnisse, in denen die Nrknnden bewahrt werden, mit viernndzwanzig Schlüsseln zn verschließen, von denen jeder Rat einen erhielt. Nachdem er uns verlassen, fragte Tabley, ob er nicht ein wunderbarer Mann wäre und von allem etwas wüßte. Ich sagte daraus:„Ja, mit Ausnahme der Dinge, von denen ich einiges weiß, denn davon weiß er nichts," Meine Feder läuft nnt mir fort. Doch Nannte, meine kleine Nannie, wenn man das in London einen großen Mann nennt, so will ich noch eines schönen Tages die Erde wie ein Spielzeug herumrollen. „... Du bist also neugierig, wo ich wohue, in Palast oder Hütte? Stelle mich Dir in Brick Court-Temple, im zweiten Stockwerk vor. Goldsmith schrieb den„Vikar" im dritten. So hoch Hab' ich mich aber noch nicht verstiegen. Seine Zimmer lagen unmittelbar über den meinen. Ich sehe ihn beim Heruntersteigen in dem berühmten pslaumfarbcnen Rocke an meiner Thür vorbeikommen. Und wenn ich nachts hier sitze, denk' ich an ihn— an die Angst, die ihn plötzlich überfiel, an seinen einsamen Tod. Dann wimmelt es hier aus den Treppen von seinen Freunden und Gönnern; der mächtige Burke brach sich rücksichtslos Bahn, Reynolds eilte herzu mit seinem Hör- röhr, und der große, immer hilfreiche Johnson. Endlich fand er Ruhe in dem unbekannten Grab, das Gott weiß wo— an der Kapelleumaner liegt. Der arme Oliver I Man sagt, daß eine Frau allein bei seinem Tode zugegen war.— Jetzt ist das alles vorbei— keine Schulden, kein leeres Geschwätz mehr, wie das„des armen Poll".*) Das Licht ist verloschen und alles dunkel und still. „... Wie geht's meiner kleinen Nannie? Unterhält sie noch immer ein Hospital ftir kranke Hunde und verlaufene Katzen? Und wie geht's der Mantelmöve mit dem ge- brochenen Flügel, geht sie noch immer so gespreizt einher wie Pfarrer Kissack in seinem Chorhemd? Ich war gestern in Westminster Hall. Es war der große Prozeß Mitchells M. P.. der das Testament seines Vaters fälschte. Stevens verteidigte ihn— schlecht, schlecht, sehr schlecht; er verlor nur seine Zeit mit faden Witzen. Doch Dcmnans Schlußrede war wundervoll— o diese Einsicht, diese Schärfe. Ich hatte einen Sitz auf der Galeric. Die große alte Halle bot einen ergreifenden Anblick— das dichte Gedränge, die aufwärts gerichteten Gesichter, der Rat, die Richter, die Beamten des Gerichtshofes und dann die Fenster, die Bildsäulen, die geschichtlichen Erinnerungen, die jedem Stein, jedem Balken Leben einhauchten... O. Nan, Nan, was ich sage! Wenn ich am Leben bleibe, will ich eines Tags hier auf der Bank sitzen, das will ich!" Als Philipp die Briefe seines Vaters zu Ende gelesen hatte, stand er oben auf der Bergeshöhe uud die arme Käthe war tief unten geblieben, wo ihn ihr Auge nicht sehen, ihre Hand nicht erreichen konnte. Bisher war sein Ehrgeiz wenig mehr gewesen, als der Schatten der Hoffnungen seines Vaters, jetzt aber war er für ihn zur selbständigen Wirklichkeit geworden. XXII. Am nächsten Morgen kam der Brief Casars, der ihn zur Melliah einlud, und nun dachte er wieder zärtlicher an Käthe. Sie würde leiden, sie würde weinen— sein Herz würde bluten, es mit anzusehen; doch sollte er einiger Thränen wegen die. Ziele seines ganzen Lebens aufgeben? Wenn nur Pete noch lebte l Wenn nur Pete noch heimkehren konnte l Er wurde heiß und schämte sich, wenn er sich der erst kurz vergangenen Zeit erinnerte, da der Wunsch seines geheimsten Herzens ein ganz andrer gewesen war. Es wurde ihm jetzt so leicht, seine bösen Triebe zu hassen. Philipp entschloß sich, zur Melliah zu gehen. Es würde ibm die erwünschte Gelegenheit bieten, die Freundschaft ganz abzubrechen. Mehr als Freundschaft hatte ja nie zwischen ihnen bestanden, außer im geheimen, und das konnte nicht zählen. Er wußte, daß er sich selbst betrog; er hatte ein un- behagliches Gefühl von verlorener Ehre und empfand einen scharfen Schmerz zärtlicher Liebe, so oft Käthens Gesicht vor ihm aufstieg. Am Tage der Melliah brach er zeisig auf und nahm zu Pferde den Äeg über St. John, damit er sich in Kirk Michael nach dem Deemster erkundigen könnte. Des großen Mannes Haus lag öde und verlassen da. Das Thor war mit einem *) Poll ist die Slaiigbezeichmuig für xarrot sPnpogei). Sie bezieht sich hier auf Goldsmith, auf den Gnrrick das Epitaph ge- macht hatte: .Hier liegt Nolly(Oliver) Goldsmith— kurzweg genannt nur Noll, Er schrieb wie em Engel, doch schwahte wie„Poor Poll"." � Vorhängeschloß versehen, er mußte darüber hinweg» klettern. Die Akazien rauschten über ihm, als er den Fußweg entlang ging, und das gefallene Laub heinntte seine Schritte. Er läutete an der verschlossenen Hausthür, und ehe sie geöffnet wurde, steckte eine alte Frau ihren ungekämmten Kopf zu einem kleinen Seitenfenster heraus. „'s ist schmählich, wie es hier zugeht, Herr," flüsterte sie, „der Deemster hat vom Trinken Krämpfe bekommen und der Pächter, Billiam Cowley, der kleine Kerl, ist droben, giebt ihm so viel er fordert und treibt alle andren weg." „Kann ich ihn sprechen?" fragte Philipp. „Billiam? Nein, das geht nicht. Er wird fürchterlich auf Sie schimpfen und mit dem Deemster ist es vorbei. Er sitzt bei seinem Branntwein, trinkt und trinkt und ißt keinen Bissen; der gemeine Kerl aber, der auf dem Moor auf- gewachsen ist, schreit Tag und Nacht nach Beefsteaks und be- kommt sein Essen auf einem herrlichen, neuen Weißen Tuch angerichtet, das so rein ist wie ein Bett." Hinter einem Wandschirm verborgen, der vor einer offenen Thür stand, sah Philipp in das Zimmer, wo sich der Deemster zu Tode trank. Die Fensterläden waren geschlossen, um das Tageslicht abzuhalten. Lichter, in die Hälse von Flaschen ge- steckt, brannten auf dem Sims; im Kamin qualmte ein Feuer unter Haufen von Papier und Asche; ein Mann mit groben Gesichtszügen aß gierig am Tisch; er hielt einen Koteletten- knochen zwischen den Fingern, und beim Kauen bewegten sich die Adern auf seiner niedrigen Stirn, die so dick waren wie Stricke. Der Deemster selbst, seit dem Tode des eisernen Christians Richter der Insel, saß, von Kiffen gestützt, in einem Lehn- stuhl— mit eiuem dampfenden Glase aus einem Schemel neben sich und einem Affen, der ihm auf der Schulter saß. „Wirf sie hinaus, setze sie mit Gewalt an die Lust, Deemster, die Weiber sind nur dazu da, jedermann zu berauben'" sagte der Kerl, und eine heisere, hohle Stimme antwortete ihm mit Grunzen und Lachen:„Hm, das ist nur, was Du selbst auch thust, Du Schurke, und wenn ich hier schon lange den Rechten eingelassen hätte, so würdest Du jetzt nicht hier sein, und ich auch nicht! Nicht wahr, Jacko?" Der Schwanz des Affen schlug auf des Deemsters Brust und Philipp schlich sich schaudernd davon. Die Sonne schien draußen hell und die Luft war frisch und angenehm. Nachdem er sein Pferd wieder bestiegen, das draußen am Thor wieherte und stampfte, suchte sich Philipp durch einen scharfen Ritt etwas zu erwärmen. Bei der Manks-Fee stieg er ab, brachte das Pferd in den Stall und suchte dann Grannie auf, die in der Mühle Tische deckte. „Ich habe zn thun, wie die geschäftige Martha ," sagte sie,„und wenn Sie der Gouverneur selbst wären, würde ich Ihnen jetzt nicht Red' und Antwort stehen. Suchen Sie den Mann im Feld drüben auf, dem zweiten hinter der Bischofs- brücke, und kommen Sie mit dem jungen Volke zum Abend- essen zurück." (Fortsetzung folgt.) nnd©crncvöc" Nnsstollnns fttv Nlzrinlsnd UVestfÄlen. in. Dos Berg« und Hüttcnivcscn, weiterhin die große Eisenindustrie steht i»i Miliclpunkt der Düsseldorfer Ausstellung. Von den im Deutschen Reiche in Berg-, Hütten- und Salineiibctricbcn veschöf- tigten Personen(S30000) kommt mehr als die Hälfte(275000) auf die beiden Provinzen Rheinland und Westfalen, und in der Metall- Verarbeitung beträgt der Anteil mehr als ein Viertel(105 000 von 040 000). Der bergbauliche Verein für den O b e r b e r g- a in t s b e z i r k Dortmund giebt in einer Sonderausstellung ein gedrängtes, aber übersichtliches und erschöpfendes Bild des viel- gestaltigen und verivickclteu K o h l e n b a u b c l r i e b e s. In bild- licheu Darstellnngeu sehen ivir nicht nur daS Vorkommen, die Lagerung und Verteilung der Kohle im rheinifch-Ivcstsälischen Revier, Ivir ver- folgen auch an sorgfältig hergestellten Modellen den ganzen Prozeß, der sich vom Aufsuche» der Kohle bis zu deren Verbrauch vollzieht. Besondere Aufmerksamkeit erregen einige im Gebäude des genannten Vereins ausgestellte Niesen- und Wunderwerke maschineller Technik. Die Firma H a n i e l u. L u e g in Düsseldorf bringt eine für die Harpener Bergwerksgesellschaft bestimmte Wasserhaltnngsmaschine zur Schau, die alle bisherige» Erzeugnisse dieser Art in den Schatten stellt. Die Maschine arbeitet mit 3000 Pferdestärlen uud hebt bei — 407— 60 Umdrehungen 25 Kubikmeter Wasser die Miaute auf eine Höhe von 600 Meter. Weiter sieht man hier eine elektrisch betriebene Hauptschacht-Fördermaschine der Friedrich W i l h e I m s h n t t e von 1200 Kilowatt, die 4200 Kilogramm Nutzlast mit zwanzig Meter Geschwindigkeit die Sekunde zu heben vermag. Beides find, wie die Techniker versichern. in Europa nie dagewesene Stücke maschinentechnischcr Leistung. Die Aktiengesellschaft Eisenhütte Prinz Rudolf in Dülmen hat eine für die Zeche Preuhcn II bestimmte Verbund-Fördermaschine für 1200 Meter Teufe mit 800 Pferdestärken ausgestellt. Die Gute- b o s f n u n g s h ü t t e zeigt in ihrem eignen Hause eine Zwillings- fördcrinaschine von 4400 Kilogramm Nutzlast mit 12 Meter srkiind- licher Geschwindigkeit. Mit scheuem Staunen steht der Laie vor diesen Arbeitsriesen, wenn er sieht, wie gehorsam sie sich der Hand des Menschen fügen. Ein leichter Zug am Hebel und die Niesen- tronuncl der Fördermaschine, über die das Seil in die Tiefe geht, setzt sich in Bewegung, langsam und schnell, wie es der Mann am Steuerhebel will; ein ebenso leichter Zug und sie steht wieder still, so ruhig und so selbstverständlich, als wenn es silb um ein Kinder- spielzcng handelte, und ebenso ruhig und selbstverständlich wirft sie sich von der einen Richtung in die andre um, ohne daß die Hand am Hebel eine merkliche Bewegung macht. Rheinland-Westfalcn führt neben der Kohle auch reiche Schätze an Metall erzen: Blei. Zink. Kupfer und vor allen Dingen Eisen. Im Gebiet der Sieg, der Lahn und der Dill finden sich ergiebige Eisenerzlager, die ihren Ertrag nach dem rheinisch-west- sälischeu Industriegebiet abgeben. Der Erzbergbau des Sieger- I a n d e s zusammen mit seiner Hütten- und Eisenindustrie ist in der Hauptausstellungshalle in einer übersichtlichen und äußerst inter- essanten Zusaiimienstellnng vertreten. Die bedeutendsten Eisenwerke des rhcinijch-wcstfälischen Bezirks, wie Krupp, Bochumer Verein, Härder Verein, Gutehosimnigshütte, haben ihre eignen Gebäude, in denen sie ihre Erzeugnisse ausstellen. Von ihnen erregt Krupp das meiste Aufsehen. Ein Manu, der ein halbes Hundcrltansend Arbeiter beschästigt, der ein Eiukommcn von 21 Millionen Mark hat. der die Ricsenkniioiien und die Pnnzerichisie baut, der ist des Zulauss sicher, der Name allein niacht Reklame. Damit wir gleich wisic», was wir von ihm zu erwarten haben, stellt er vor dem Eingang zu feinem AuSstcllungsgcbäude eine Reihe Panzerplatten aus, darunter ein riesenhaftes Stück von 13.10 Meter Länge. 3.4 Meter Breite und 0.30 Meter Dicke; es ist hergestellt aus einem Rohblock von 130 Tonnen und wiegt jetzt noch 100 Tonnen— das schwerste Walzstück, das die Eisentcchnik bisher ausgeführt hat. Auch im Innern des Gebäudes befinden sich derartige Erzeugnisse der Knippschen Spccialität, an denen er zugleich die Wirkung der von ihm ebenfalls hergestellten Geschütze und Geschosse demonstriert— ein Wettkampf, der wie die Liebe nimmer aufhört und sehr einträglich ist. Widersteht die Panzer- platte dem Geschoß, dann wird ein leistungsfähigeres Geschoß er- fluiden; gicbt die Platte dem Geschoß nach, dann bedarf es widerstandsfähigerer Platten— ein Verfahren, das sich lohnt und Krupp nicht nur zu einem reichen Mann gemacht, sondern auch in den Ruf eines genialen Mannes gebracht hat, der inimer auf der Höhe der Zeit steht: entweder mit seiner Panzerplatte oder seinen Geschütze» und Geschosse». Krupp stellt ivciter zahlreiches Artillerie- Material aus. von der ricsenhaflcn Küstenkauvne bis zum tragbare» Gcbirgsgcschütz; weiter die Modelle der von ihm auf der Germania- werft in Kiel gebauten Kriegsschiffe, bis ins kleinste genau ans- geführt, in ihrer Zierlichkeit so recht geeignet, den Philister für sich zu gewinnen, der gar nicht darüber nachdenkt, wie bösartig nnd wie kostspielig die Originale sind. Krupps nächster Nachbar ist der Pavillon der dem Kanonen- könig auch geschäftlich nnhcffehcndcn Köln-Rott weiler Pulverfabriken, die die mörderische Füllung für die Geschosse von der Riesenkanoii« bis zum Taschenrevolver liefern; einige Bauten weiter stellt die jüngst vielfach als Krupps Konkurrent auf dem Gebiete dcS GeschützwescnS genannte Rheinische M c t a l l w a r e u- nnd Maschinenfabrik ihr inannigfaches Kriegsmaterial anS, und wenn wir dann noch die im Hanptausstellimgsgcbäude untergebrachten Fabrikale der Solinger W a f s e n i n d u st r ie nennen und daran erinnern, wie so manche andre Industriezweige vom Militarismus ihren Nutzen haben, dann begreifen wir die„Begeisterung" unsrer Industrielle» für Deutschlands militärische Machlstellnng.' lind wenn wir einerseits die technische Vollkomineuheit der modernen Kriegs- mittel anerkennen, so bedauern wir doch andrerseits, daß so viel Arbeit, Geld und Geist nicht für bessere Zwecke, nicht für Knllnr- aufgaben anstatt im Dienste des organisierte» Massenmordes, der rückständigsten Barbarei verwendet wird. In jeder Hinsicht anerkennenswert Großes leistet die rheinisch- westfälische Industrie aus dem Gebiet de« Verkehrs. Die großen Finnen, die wir genaiint haben: Krupp, Härder Berein, Gute- bosinnngshütte, Bochnmer Verein usw., betreiben die Schienen» fabrikation als einen ihrer Hanplbetricbszwcige. Dazu kommt die Herstellung der übrigen zum Oberbanbedars gehörigen Artikel: Schwellen. Radreifen, Achsen usw., weiter das mannigfache Material sür den Lokomotiven- und Waggonbau, das ebenfalls von diesen Firmen hergestellt wird. Die Einzelstücke in ihren verschiedenen Stadien bis hinauf zu den fertigen Schnellzugslokomotiven und � Salonwagen finde» sich in Düsseldorf in reicher Fülle aus- gestellt. Besonders erwähnenswert sind einige große Stücke für den Schiffsbedarf. Die G u t e h o f f n u» g s h ü t t e stellt l eine hohl gebohrte SchiffSwclle von 32, Krupp eins solche von 45 Meter Länge ans. der ausgebohrte Kern ist eben- falls zu sehen. Krupp zeigt ferner eine aus verschiedenen Stücken bestehende fertig montierte Welle für den Schnelldampfer„Kaiser Wilhelm" mit einer Gesamtlänge von 70 Meter und einem Gewicht von 220 000 Kilogramm. Für den Verkehr zu Wasser und zu Lande leistet die„Gute- h o f f n u n g s b ü t t e" in Oberhansen Hervorragendes. Sie führte nicht weniger als sechs Brücken über den Rhein ans, drei über die Elbe, zwei über die Weichsel, sodann die Hochbrücke über den Nord- Ostseeknnal bei Levensau; sie lieferte weiter Brücken für die St. Gotihardbahn und für fast sämtliche Länder Europas nicht nur, sondern der Erde, mächtige und architektonisch zum Teil vorzüglich wirkende Bauwerke, wovon die bildlichen Darstellungen Zeugnis geben. Diesen ins Große arbeitenden Untcruehmnngcii, der sogenannten schweren Jiidiistric, steht dann die K l c i n in d n st r i e gegenüber, wie sie im Bergischcn zu Hause ist. sowie die weitere Klcinmetall- indnftric, wie wir sie im Stegicrungsbezirk Arnsberg, in Iserlohn usw. finden. Zwischen beide» Grenzen finden sich die mannigfachsten Ver- schicdcnhciten in der Größe und Verwendung und zwar in einer Fülle, die zu überschauen oder gar zu beschreiben ninnöglich ist. Dasselbe gilt von der in Düsseldorf überaus zahlreich vertretenen M a s ch i n e n i n d n st r i e. Ein Gang durch die langgestreckte von einem beständigen Surren und Zittern erfüllte Maschinenhalle, wo sich alles dreht, manchmal mit nnheimlicher Geschwindigkeit, wo es hobelt und bohrt und schleift an allen Ecken nnd Enden, läßt beim Laien nur das Gefühl der scheuen Bewunderung aufkommen vor dem, was Menschenhand und Menschengeist zu schaffen im stände sind; nnd wofern er weiter denkt, öffnet sich mitten unter dem Rädcrgcbranfc vor seinem geistigen Auge der Ausblick in jene Zu- kunft. wo noch viel Größeres vollbracht werden wird, wo des Menschen Geist und Kraft nicht mehr eingeengt sind von der Rücksicht auf den Profit, der Millionen und Milliarden Keime und Gedanken vernichtet, sondern sich frei entfalten dürfen im Dienste des Fortschrittes, der Kultur, zum Besten der Allgemeinheit.— Kleines L'euillekon. — Pslnnzenzncht auf dem Balkon. Obergärtner A. S I i w o schreibt in der Wochenschrist„Nerlhns": Pflanzen auf dem Balkon zu haben, ist äußerst interessant, äußerst angenehm, denn wohnlich und traut sind diese kleinen Räume, auf denen Pflanzen gehalten werden, belebt und doch ruhig— sie laden ein. Leider kann man vielfach die Beobachtung machen, daß der Pflanzcnfreund bei der Pflege seiner BalkonpflanzenMißerfolgehat, die ihm dieLnstznrPflanzenpflege fast nehmen. Welche Ursachen diese Mißerfolge zeitigen, werden wir bald gewahr, wenn wir de» Pflanzcnfreund bei seiner Liebhaberei be- obachten. Nicht lieblose Behandlung verursacht das schlechte Gedeihen—»ein. der Pflanzenfrcnnd behandelt seine Ge- wüchse recht sorgfältig und achtet sehr darauf, daß kein Blatt, kein Zweig abgebrochen wird— aber genauere Kenntnis von den Bedürsnissen seiner Gewächse mangelt ihm. Schon die fiele Frage:»Wann muß die Pflanze be- gössen werden?" charakterisiert dies. Der Pflanzenfrcnnd hat sich eben noch zu wenig in die Lebensweise seiner Pflanzen hineingedacht, er fühlt nicht mit ihnen, er ist ihnen fremd und be- trachtet seine Gewächse nur zu oft als eine Art Uhrwerk, eine Maschine, die zu gewissen nnd stets gleichen Zeiten geölt und ge- schmiert werde» muß, wenn sie im Betrieb bleiben— hier also wachsen— soll. Eine so falsche und durch nichts berechtigte Auf- fassnng mutz natürlich Mißerfolge bringen, denn die Pflanze hat Bcdiirsniffe, macht Anforderungen, die mit denen einer im gleich- mäßigen Tempo arbeitenden Maschine nie verglichen werden können, weil ihre Ausordernngeii abhängig sind vom individuellen Wesen der Pflanze, von ihren ivechselnden Bedürfnissen und von den äußeren Einflüsse», dciicn sie ausgesetzt ist. Wie aber sind nun die Bedürfnisse? WaS haben wir in erster Linie zu thuii, um mit Erfolg Pflanzen auf den Balkons zu ziehen? So verschicdcnarlig wie die Pflanzen find. so verschieden- artig sind auch ihre Ansprüche an Nahrung, Wärme, Licht und Luftfeuchtigkeit. Es giebt Pflanzen, die nur leben können, wenn ihnen alles Vorgenannte in reichlichem Masse geboten wird, andre kommen mit geringerem aus, wiederum andre vrnnchen noch weniger. Nicht jeder Pflanzenfreund freilich ist so glücklich, einen Garten zu haben, hoch oben an seinem Hanse ist für ihn der Ballon die Sommerfrische, da wandern denn die Pflanzen mit hiiinnf. Ob zum Vorteil? Das richtet sich sehr nach der Lage des Balkons. Liegt dieser geschützt, hat er durch Zugwinde nicht zu leiden, so gefallen sich die Pflanzen wohl; doch geschützte Balkons sind Seltenheiten. In den meisten Fällen liege» sie an der Straße und werden von den Zugwinden, die hier ganz unvermeidlich sind, bestrichen. Solchen Platz lieben nur wenige Pflanzen, alle empfindlichen bleiben ihm besser fern. So ist es eigentlich ganz natürlich, daß wir zu allererst eine AnSivahl treffen nnd nur Pflanzen auf den Balkon bringen, welche keine hohen Forderungen stellen. Pelargonien in den ver« ichiedensien Arten, Oleander, wenn sie genügend große Töpfe haben. Fuchsien und Knpuzinerlresse sind wirklich dnnklwre Pflanzen für solche Balkons. Das rasche Austrocknen der Topfe ist auf einem Balkon natürlich zu befürchten und die Topfe in Erde einsenken geht nicht. Dafür lassen sie sich aber in Moos packen und stehen darin, Ivird das Moos feucht gehalten, ebenso gut. Der Blumengarren auf dem Balkon ist der Blumenkasten. Bei ihm kommt ein ganz andrer Grundsatz der Pflanzeupflcge ank dem Balkon zum Durchbruch— die Pflege im freien Grund. Ich habe gefunden, daf; in ihm die Pflanzen gegen äusicre Einflüsse un- empfindlicher ivaren, weil die Wurzeln sich frei ausbreite» können. Der Blumenkasten besteht ans zwei Teilen, dem äußeren, hübsch verzierten Gestelle und dem inneren, schmucklosen Blcchkastcn, der die Erde anfnimmt. Dieser Blechkastcn Hai unten mehrere Rillen, welche mit Scherben überdeckt werden und alles überflüssige Wasser nach dem Abzugsrohr führe». Zur Bcpflanzuna solcher Kästen eignen sich: Pelargonie». Knollcn-Bcgonien, Fuchsien, Guaphalium, Kresse, Epheu, Nelken, Petunien, Vcrbenen, Lobelie», Immergrün, auch Farrn und ähnliche Getvächsc, so daß von der Erde nichts zu sehen ist.— Medizinisches. ig. N e r v e n t a n b h e i t hat Dr. Macdonald eine bestimmte Art der Schiverhörigkeit genannt, die leider eine ziemlich bedeutende Verbreitung besitzt.' In vielen Fällen äußert sie sich derart, daß die davon befallenen Personen äußerst empfindlich gegen laute Geräusche sind und deshalb dringendes Verlangen nach' einem ruhigen Anf- 6nthaltsort verspüren. Sie sind in einer geräuschvollen llmgebung im höchsten Grade schwerhörig, während sie sehr gut hören, wenn um sie Herum Ruhe herrscht. Lauter Lärm wird ihnen geradezu schmerze Haft und kann zuweilen sogar Schwindclanfälle herbeiführen. Ucberhaupt leiden sie au einer Uebercmpfiudlichkcit des Gehörorgans und vertragen zum Beispiel keine Einspritzung in das Ohr. Ferner kann eine plötzliche Erregung ivie ein unerwarteter Lichtblitz oder auch das schnelle Vorüberfahren von Wagen dazu genügen, ihr Gehörsorgan aus dem Gleichgewicht zu bringen. Die mit Nerven- tanbhcit behafteten Patienten sind ferner sehr zu Anfällen von Migräne geneigt, die für zwei oder drei Tage eine gesteigerte Taub- heit herbeiführen. Wahrscheinlich kann diese Erscheinung sowohl durch Blutuberfülluiig als durch Blutleere in dem betreffenden Organ ver- anlaßt Iverdcii, jedoch ist es zu beachten, daß auch bei bleich- süchtigen Personen eine Nerventaubheil dadurch cutstehen kann, daß das innere Ohr selbst zuviel Blut einhält, infolge einer Schwächung der Blutgefäße. Eine Entlastung der Blutgefäße ist in fedem Fall von Nutzen, woraus sich die günstige Wirkung von ab- nhrendcn Arzneien erklärt. Zuweilen ist die Nervenianbhcit durch eine Nasenopcration zu beseitigen, die wahrscheinlich ebenfalls zur Entleerimg der Blutgefäße führt. Die Anwendung von nerven- stärkenden Mitteln und einer besonders kräftigen Ernährung scheint von lveit geringerem Nutzen zu sein als die Berordmmg einer bc- schränkten Diät und blutreinigender Arzneien. Da dieser krankhafte Zustand häufig in ein dauerndes Gehörsleidcn übergeht, so� ist seine richtige und frühzeitige Bekämpfuiig ersichtlich von größter Wichtigkeit.'— Aus der Pflauzenivelt. — Der Ginkgo, ein merkwürdiger Baum. Die Pflanzen- und Tierwelt hat bekanntlich nicht an allen Orten der Erde in ihrer Entwicklung gleichen Schritt gehalten rmd auch nicht halten können. So bietet die heutige Vegetation Chinas und Javans noch ganz den Charakter einer Landschaft ans der Brauiitohlen- zeit dar. Hier ist auch der Ginkgo(Girrlexo biloba L,. Salis- bur-ia adiantifolia Sm.) heimisch, eine der merkwürdigsten Erscheiunngen in der ganzen Pflanzenwelt. Sein japanischer Name Ivird allgemein Ginkgo geschrieben, und vicllcichr nur irrtümlich zuweilen' Gingko. Obwohl systematisch zu den Nadel- hölzern, und zwar zu den Taxacecn gehörig, trägt der Baum doch sommcrgrüiie breit- keilföiuiige, fächerartige, zwei- bis vierlnppigc Blätter, die in ihrer lederartigen Struktur an die Blätter des Franenhaar-Farnes erinnern. Zufolge der langen Blatlsiiele ist der Baum, wenn freisleheiid, der Espe ähnlich, der er auch in seinem Habitus ähnelt; in Gruppen oder geschlossenem Bestände allerdings ist der Baum pyrainidcnförinig. Da er im Herbst auch daS Laub abwirst, erinnert der Ginkgo auch nicht entfernt an seine nächsten Verwandten, die Nadelhölzer. Die reifen Früchte des zweihäiisigen Baumes haben das Ansehen grünlich- gelber, saftiger Eierpflniimen, die zivar Walnnßgröße haben, aber keineswegs berechtigen, de» Ginkgo als„japanischen Nußbaum" zu bezeichnen. Die Fiiichie werde» Übrigens in China und Japan gegessen. Merkwürdig ist, daß in dem Samen ein Keimling noch gar nicht angelegt ist, wenn die reifen Früchte schon vom Bainnc fallen. Dieser in mehr als einer Bezichinig interessante Bainn wurde 1712 durch Kämpfer bekannt, aber erst 1754 in Europa, zuerst in England, eingeführt. Gegen daS Ende des achtzehnten Jahr- Hunderts kam von dort cm niämiliches Exemplar nach Montpellier, das 1812 zur Blüte gelangte, natürlich ohne Früchte zu erzeuge». Im Wiener Botanischen Garten steht ei» männlicher Ginkgo, welcher vor mehr als hundert Jahren zu einem interessanten Versuch diente. Jacquin impste ihm nämlich die Knospe eines weiblichen Ginkgo auf, ans welcher sich ein Sciteiiast entwickelte. A» dein mächtigen Baum tragen heute alle Aeste Pollenblülen mit Ansiiahme des einen großen AstcS, welcher Fruchtblütcn trägt. DaS merkwürdigste an diesem Baume ist übrigens, daß der anfgeimpfte Ast einen auffallend andern Entwicklungsgang einhält, als der Stock, welcher bei dem Jnipfversuch zur Unterlage diente: im Frühling entwickelt er nämlich sein Laub nm etwa vierzehn Tage später als die Aeste nnt Pollenblüten, und im Herbste sind seine Blätter noch grün, wenn die der andern Aeste längst vergilbt und zum großen Teil schon abgefallen sind. Der Baum gedeiht fast in allen Lagen und Bodenarten und ist auch in Norddeiitschland winterhart; die ciitgegeustchende Mitteilung von H. Homfeld(„Die Bäume der Elbchausi'ee", Programm des königlichen Christiane»»!» zu Altona 1884) beruht offenbar ans einer Verwechselung. In verschiedenen alten Parkanlagen an der Unterelbe finden sich stattliche Exemplare alter Ginkgos, die vor� einem Jahrhundert von James Booth aus England hier ein- geführt wurden. Die Ginkgos in Rücker- Jenischs und in Wcsselhöfts Park in Klein-Flottbek bei Hamburg sind etwa IS Meter hoch und haben in Höhe von 1 Meter über dem Boden einen Stammnmfang von über 1 Meter. Leider kommen sie hier nicht zur Blüte. Der alte Ginkgo im Schloßpark zu Harbke bei Helmstedt ist gleichfalls 12— IS Meter hoch und macht ans den Beschauer einen überwältigenden Eindruck durch die mächtige, breit ausgelegte Krone. Ein weiterer Riese von Ginkgo steht im Garten des Landwirtschaft- lichen Instituts der Universität zu Halle n./S., ein fenicrer an- gcblich in Bernburg im Park einer adligen Familie. Auch in der Süd- und West- Schweiz ist der Ginkgo keine Selten- heit; in Fritz Sulzers Garten in Andorf(Kanion Thnrgau) steht ein männliches Exemplar von SV Ccnlimetcr Stockdiircinncsser, ein prachtvoller weiblicher Baum in Oiichy bei Lausanne. Hier in der Schweiz zeichnet sich der Ginkgo durch die für ein Nadelholz gewiß seltene Eigenschaft ans, daß er reichlich Siockansschläge, ja sogar Wnrzelbrul treibt. so daß er fich leicht durch Stecklinge und Setzstangen vermehren läßt; doch crlvnchsen daraus weniger schlanke und regelmäßige Stämme, so daß die Nachzucht ans Samen den Vorzug' verdient, zinnal nach der„Schweizerischen Zeitschrift für Forstwesen" diese Art der Foripflanzung nicht die geringste Schwierig» keit bereitet. In Norddenlschland treibt der Ginkgo Stockansschläge und Winzelbrut nicht.—(„Pcomcthcns.") Hmnoristisches. — Enfant terrible. Junge:„Mutter, hat der Missionär nicht gesagt, daß die Ncgcrkinder nackt gehen müssen?* Mutter:„Ja, das hat er gesagt!" Junge:„Warum hat nachher der Vater beim Absaimneln einen Knopf in die Büchsen'geben?"— — Widerspruch.„Der Herr Kupfer ist doch ein recht wider» spruchsvollcr Mensch." „Wieso?" „Er will Rechtslandidat sein und tanzt immer links« herum!"— — Sein Schmerz. Onkel:„Warinn weinst denn, Tonerl?" T o n e r l:„Weil ich jetzt die Masern gehabt Hab' nud vier Wochen in ka Schul Hab' gehen dürfen!" Onkel:„Mach Dir nichts drans und bedenk, daß Du jetzt n i e lv i e d e r die Masern bekoininen wirst." Tonerl:„Drum wein i d o g e r a d!"— („Lustige Blätter".) Notizen. — Die Eröffimiig des L i e d e r s p i e I h a n s e s(Kroll) findet am 30. Mai(Freitag) statt.— —„Die Taucherbrant", eine einaktige Operette von Claude Terrasse, Text von Tristan Bernhard, wird im L u st i g e n Theater am Eiöffiningsavend der kommenden Spiel» zeit aufgeführt werden.— — LcopoldHassenkamps Operette„Die zertanzten Schuhe" wird kommenden Winter erstmalig im Central- Theater in Sccne gehen.— — Zum Dirigenten der Wiener Philharmoniker wurde Joseph Hell m es v er g er mit SS Stimmen gewählt; Direktor Möhler erhielt 22 Stimmen.— — Der bekaimte Anatom und Physiologe Professor Adolf Kuß in a u l ist in Heidelberg. 80 Jahre alt, g e st o r b e n. — Das großeTechnolexikon, das in deutscher, englischer und französiichcr Sprache herausgegeben lverden soll, ist unter Leitung von Dr. Hubert Jansen ichon eifrig gefördert worden. Es sind für 730 Fächer dentschs, für 4ö0 Fächer englische und für 96 französische Mitarbeiter gewonnen. Versandt wurden 3608 Merkhefte zum Ein- tragen seltener tcchinichcr Ausdrücke; ausgefüllt wurden 420 000 Wortzctrel. Von Vereinen haben sich zur Mitarbeit bereit erklärt: 266 deutsche, 23 englische nud 22 französische. Im Jahre 1901 hat der Verein deutscher Ingenieure 40 000 Mark für daS Unteniehmen des Techiiolexikons verausgabt.— — Der Durchschlag des großen A l b n l a- T u n n e l S auf der nenen Engadiiibahn ist nunmehr erfolgt. Der Tinniel ist 5880 Meter lang. Die vahueröffmiiig ist auf den' I. Juni 1903 festgesetzt.— Druck und Beriaz von SKax Badiug tn Berlin. Vcrannvortliwe: Redacreur: Carl Leid in Berlin.