MnterhaltungMatt des Horwärts 103. Freitag, den 30. Mai. 1902 Malbdrit» oerboten.) 23} De« Msnksinsnn. Roman von Hall Caine. Autorifiert» llebersetzunz. Philipp fand das Melliahfeld. Zwei Dichend Arbeiter. Männer, Frauen und Kinder, ein Wagen und ein paar Pferde hatten sich darin verstreut. Wo am Tage zuvor das Korn geschnitten worden, waren die Stoppeln über Nacht mit einem dichten weißen Netz von Spinnweben überzogen, das bis jetzt weder von der Sonne noch von dem Tritt eines Menschen zerstört worden war. Es roch nach frischem Stroh. die Krähen krächzten in der Schlucht, die noch stehende Gerste rauschte im Winde, die Sensen mähten, die Sicheln blitzten. während die Schnitter sich niederbeugten und wieder in die Höhe richteten; andre banden mit kräftigem Schwung die Garben zusammen, die Räder des Erntewagens knarrten, der lochende Kopf eines Kindes guckte aus einem Garbenhausen hervor wie ciu Vogel aus dem geborstenen Ei, und ein rot- gekleidetes Mädchen, das Philipp erkannte, obschon es an dem fernsten Zaun stand, schwenkte das Kornseil, womit sie jemand unten zuwinkte. Philipp sprang in das Feld und wurde von allen dort arbeitenden Frauen, mit Ausnahme Käthens ergriffen, mit Strohseilen festgebunden und erst wieder freigegeben, nachdem er den Zoll des Eindringlings entrichtet und sich los- gekauft hatte. „Aber ich bin gekommen, um zn helfen," wendete er ein, und Cäsar, der über die letzten Erntegefchäste nach- dachte, wies ihm seinen Platz neben Käthe an und gab ihn, eiire Sichel. „Er ist ein David und wird Taufende niederwerfen." sagte Cäsar. Tann, weithin über das Feld blickend, rief er: „Ter Vellabeg muß der vorderste sein, er ist ein Mann wie von Eisen; die alte Grete mag ihm zur Seite bleiben, der rote Jakob soll die Nachlese halten, und Robert hinter Molly mit dem Wagen folgen. Nun vorwärts, Leute, ans Werk, beugt den Rücken und nieder mit dem Korn."' Käthe hatte nicht aufgeblickk, als Philipp aufs Feld kam: sie hatte ihn aber wohl gesehen und fuhr ein wenig zusammen. als er in Hemdärmeln neben ihr Platz nahm. Er sagte ihr ein paar herkönimliche Redensarten, die sie kaum beantwortete, und dann hörte man nur noch die Sichel durch das Korn rauschen. Sie arbeitete eine Zeitlang stetig fort, und er blickte zuweilen nach ihr hin nud sah ihre runden Arme, ihre biegsame Taille, ihren festen Fuß und die straffeu roten Strümpfe. Zwei Schmetterlinge: die in der Lust herumflatterten, spielten um ihren Sommer- Hut, und ein Marienkäfer hatte sich ihr aufs Handgelenk gesetzt. Eine Rnhczeit ward ausgerufen, als Nancy Joe durch das Gatter kam, einen Korb mit Flaschen und eine Kanne tragend. „Der Leib ist ein ttebclthäter, der frühere Wohlthat ver- gißt," sagte Cäsar.„Esset und trinket." Darauf bildeten die Männer eine Gruppe um das Bier, die älteren. Frauen tranken Thee, die Kinder, die sich zu- amnten scharren, erhielten Buttermilch, und die jüngeren Frauen, die Säuglinge hatten, liefen mit zartlickym Liebes- rufen au den Zaun, wo die Kleinem sich selbst überlassen und cnigemiraüiit dalagen und entweder m ihren Umschlage tüchern schliefen oder wach auf dem Röcken Hegend nach der wunderbaren Wildnis vou Gänseblümchen grapsten, die neben ihnen emporwucherte u. Alle aber stimmten ein gemeinsames Geschrei an, als sie die Mütter erblickten, die herzlich stoh waren, ihnen die Brust zu geben, an der sie zu trinken begehrten. Die Krähen krächzten in der Schlucht, auch war eni starkes Gesumme der Bienen vernehmbar, und eine Gesellschaft von. Staren. die im Sonnenschein wie Heringsschuppen glitzerten, flog über ihren Köpfen dahin. „Sie geben uns eine Lehre," rief Cäsar.„Sie gehen zu- sammeu. über das Meer; ans Erden aber sind manche, die selbst in den Himmel allein eingehen möchten und sich freuen würden, wenn sie dort ganz für sich und Hahn im Korbe wären." Käthe und Philipp standen noch, wo sie gemäht hatten. und unterhielten sich, ohne sichtbares Interesse, einfach und ruhig mit einander, während die Arbeitsleute über sie sprachen. Zuerst die Männer:„Er führt seine Sichel aber doch wie ein Mann."—„O, jedenfalls ein tüchtiger Bursche."— „Gebt ihm nur Raum und er wird seine Sache machen, während andere ans der Bärenhaut liegen." Hierauf die Weiber:„Sie glänzt wie eine Zinnschüsfel, und wenn sie des Gouverneurs Tochter wäre, sie könnte nicht hübscher sein."— Auch hat sie ein gutes Herz. Erst letzte Woche hat sie Nachricht von Petes Tode bekommen und seht mir den roten Unterrock an." Und schließlich Männer und Weiber zusammen:„Laß sie nur gehen, Mutter,'s ist der abscheuliche Roß, der das Mädchen verdirbt."—»Nun. wenn ich ein Mann wäre, so wüßte ich. was ich thäte."—„Würbe nicht trauen. Aber dem Cäsar glückt alles. Der Herr ist mit ihm und das Mädchen wird doch noch die Wahl haben." !—„Die Frommen bringen's am weitsten in dieser Welt,'s ist als ob man mit einem alten mankifcheu Schilling in eine« Laden geht; man kriegt seinen Peuuywert Zuckerkant und noch zwölf Pence heraus."—„So reiche uns mal den Krug her. Junge. Nichts mehr darin? Ja. Cäsar ist wunderbar i fromm, aber es giebt nie viel zn trinken bei ihm." Cäsar, der die Garbenhausen durchschritt, kam an Philipp und Käthe vorbei. „Wird es viel ausgeben, Mr. Cregecn?" fragte Philipp. „Möglich acht Bolls, der Morgen. Stroh aber kaum der Rede wert." antwortete Cäsar.„Nun, Jungen, legt die letzte Hand an— Ende gut. alles gut." Die Arbeiter singen aujs neue an und dt« Sichel des Bormaunes sauste durch die Luft, als er sich schwer atmend und keuchend immer wieder bückte und los hieb, bis das grüne Gras, das sich Hücker ihm emporrichtete, nur noch ein kleines Dreieck gelben Korns übrig ließ. Dte zweite Reihe der Arbeiter schnitt mit der ersten um die Wette, so daß von der ganzen Ernte von Glenmoor bald nichts mehr stand als ein kleiner Streifen Aehren, etwa eine Elle lang. Jetzt hielten die Vormätmer im«; alle Mäher des Feldes kamen heran und warfen ihre Sicheln in einem engen Kreis auf den Boden, daß es aussah wie eine Garbe von Mondsicheln. „Run gilt's der Melliah". rief Cäsar.„Wer soll Königin fein?" Alles rief„Käthe!" Und sie kam lebhaft herbei, noch immer frisch, wenn auch warm von der Anstrengung und rosig wie das Nachglühen des Sonnenunterganges, wenn die Schatten im Westen länger werden. „Schlag sie von den Füßen herunter, Kllth", schrie Nancy Joe. und Käthe zog eine der Sicheln heraus, schwang den linken Arm über das noch stehende Getreide und legte mit einem einzigen Streich ihrer Rechten die letzten Aehren auf den Boden hin. Da entstand ein großes Freudeugefchrei.„Harra, hoch, es lebe die Melliah!" Es tönte weithin durch die Schlucht und hallte von den Bergen wider. Graunie hatte es unten im Thale gehört und sagte vor sich hin:„Casars Melliah ist gethan." „Nun haben wir, gelabt sei der Herr, das reise Korn ein- gesammelt," sagte Cäsar.„Was aber wird bei der großen Ernte den unreifen Christen geschehen?" Käthe hob ihre letzte Garbe empor und band sie mit einem Stück blauen Bandes zusammen, und Philipp pflückte Jakobskraut vom Heckenzaun und reichte es ihr hin, es ins Band zu flecken. Nachdem das geschehen war. ging die Melliahkönigin, die fühlte, wie Philipps Slugeu ihr folgten, wieder zurück, während die älteste Mäherin vortrat. „Ich habe eüi Krommstück hier, das lange genug in meiner Tasche gewesen ist, Joney," sagte Casar, sich groß- mutig gebärdend, und er gab der Frau die herkömmliche Spende. Sie war ein ängstliches, schüchternes Geschöpf mit runzeligem Gesicht und trug einen kurzen blauen Rock, unter dem schwere Männerstiefel und dicke blaue Strümpfe zum Vorschein kamen. Dann stellten die junge»! Burschen einen Wettlauf über das Feld an; sie sprangen über die Garbenhaufen und spannten ein Strohseil für die Mädchen aus, um sie darüber springen zu lassen; hielten es bald höher, bald niedriger, um sie zu Falle zu bringen, und drehten es langsamer oder schneller, damit sie hindurch laufen oder hinüber hüpfen konnten. Und die Mädchen fielen laut lachend hin, sprangen wieder auf und flogen davon wie der Wind, wobei sie sich die Kleider zerrissen und die Hüte verloren, als ob der Saft der Gerste, die sie geniäht hatten, ihnen ins Blut gegangen wäre. Mitten in dieser tollen Fröhlichkeit, während Cäsar und die anderen hinter dem Gerstenschober knieten, rif; Käthe plötzlich Philipp den Hut vom Kopfe und schoß wie ein Lichtstrahl in die dunkle Schlucht hinab. Philipp raffte seinen Nock auf, warf ihn sich über den Ann und flog ihr nach. XXIll. Die Sulbyschlucht zieht sich in sanften Windungen dahin, sie ist wunderbar schön und lieblich und reich an Farben- Pracht. Ein dünner Strahl blauen Wassers kommt lachend, schwatzend, polternd, zischend, springend, gleitend einher- geschossen und stiehlt sich hoch oben von den Bergen herab.') Große Felsblöcke, die die Fluten seit Jahrhunderten geglättet und ausgehöhlt haben— feuchte Moose und Flechten an den steilen Wänden des Flußbettes— tiefe, kühle Lachen, spitze Felsriffe, kleine Wasserfälle mit wirbelndem Schauin, Reihen von Bäumen, die zu beiden Seiten wie Schildwachen stehen, und durch deren dichtes Laubdach nur ein gedämpftes Licht dringen kann— dürre Baumstännne, die der Sturni herausgerissen und mit den Häuptern ihren Genossen zu Füßen über den Bach geworfen hat— die leuchtende Fuchsia hier und da der grüne Holler, bald hier bald dort ein in Trümmer fallendes Haus ohne Dach, in dem das Gras auf dem Fußboden der Küche wächst— und über allem'die Sonne, die mit hundert Augen in die dunkle, träumerische Dämmerung blickt, und der Wind, der aus seinem Versteck in den Baum- Wipfeln der Stimme unten iin Wasser melodisch Antlvort giebt: das ist die Sulbyschlucht. Käthe war auf einem der entwurzelten Stämme hinaus- gelaufen; da fand Philipp sie mitten über dem an- geschwollenen Bache; sie lachte, tanzte, schlvenkte seinen Hut in der Lust und machte tiefe Verbeugungen vor ihrein Spiegel- bild unten im Wasser. „Kommen Sie zurück," schrie er.„Sie schreckliches Mädchen— Sie werden fallen. Setzen Sie sich nieder. Quälen Sie mich nicht so— setzen Sie sich." Sie machte ihm einen Knix und trug dann Sorge, daß ihre Röcke nicht naß wurden, die sie fest um die Knöchel wand; dann setzte sie sich auf den Baumstamm und baumelte niit ihren wohlgestalteten Füßen einen halben Zoll über dem Wasser hin und her. Philipp hatte inzwischen Zeit, zu bemerken, daß das andre Ende des Baumes nicht bis zum jenseitigen Ufer reichte, sondern noch ziemlich weit davon ins Wasser tauchte. So verbarrikadierte er denn sein Ende, indem er sich darauf setzte, und rief triumphierend:„Meinen Hut, wenn's beliebt." Käthe sah hin und stieß einen kleinen Schreckcnsschrci aus, dann aber kicherte sie und sagte: „Sie dachten, Sie hätten mich schon, wie? Aber Sie können mich nicht fangen;" damit schwang sie sich auf einen aus dem Wasser ragenden Stein hinab, von dem aus sie glaubte, ans Ufer springen zu können. „Nicht? das wollen wir sehen," sagte Philipp und wälzte einen kleineren Block auf seiner Seite fort, so daß sie nun ganz von Wasser umgeben und vom Ufer abgeschnitten war. „Meinen Hut jetzt, Verehrtcstc," sagte er mit majestätischem Machtgefiihl. Als sie ihn nicht ausliefern wollte, machte er Miene, sie ihrem Schicksal zu überlassen. „Nun denn, Gott befohlen— gute Nacht," rief er ihr über den lustigen Bach hinweg zn und ging ein paar Schritte barhäuptig fort. Schon im nächsten Augenblick war es jedoch mit seiner Zuversicht vorbei. Als er den Kopf ") Der Sulbhboch schwillt rasch von den seitlichen Znflilffe» an und bildet unten beim Ausflusse ins Meer den stärksten Fluß der Insel. zurückwendete, hatte Käthe Schuhe und Strümpfe ausgezogen und steckte sie fest in einander. „Was machen Sie denn da?" rief Philipp. „Fangen Sie das da, und das," sagte sie. indem sie ihm die Schuhe zuwarf. Dann stülpte sie sich seinen Strohhut über ihren Sommerhut, hob ihre Röcke mit beiden Händen empor und watete ans Ufer. „Was für ein gescheiter Bursche Sie sind! Sie glaubten, jetzt hätten Sie mich wirklich gefangen, nicht?" sagte sie. „Ich habe jedenfalls Ihre Schuhe in Händen," enviderte Philipp;„die behalte ich, bis Sie mir meinen Hut geben." Sie stand auf dem Ufergeröll; mit ihren bloßen Füßen konnte sie keinen Schritt machen. „Bitte, meine Schuhe.. „Erst meinen Hut." „Holen Sie ihn." „Nein, Sie müssen ihn mir selbst geben." „Das thu' ich nicht I Lieber bleib' ich die ganze Nacht hier," sagte Käthe. „Mir ist es recht," entgegnete Philipp. So saßen sie beide da, der eine im bloßen Kopf, die andre mit bloßen Füßen; auf demselben Steine, als ob's in der Schlucht an Sitzen gefehlt hätte, bis der Klang einer Hymne vom Felde her, das sie verlassen hatten, zu ihnen drang, und nun kanicn sie überein, daß, zn beiderseitiger Strafe, Käthe ihm den Hut aufsetzen und Philipp ihr die Schuhe anziehen sollte. sFortsetzung folgt.) lNachdnlii verböte».) Ein Aufimf. Von S i e g i s m n n d Niedzniecki. Eine wahre Panik herrschte heute in der Fenisprecheeniralc der Hanplstadt R. Zwölf Apparate klingelten stiiriniich ans einmal und Übertönte» alle Übrigen. Zlvölf Ncichsräte, die unter dem Namen „Rat der Greise" den Staat regierten, verlangten aus ihren Bureaus Anschluß. Alle»volltcn sprechen, alle sich verständigen, alle zwölf auf einmal! Nachdem die Beamte» die Berbindung hergestellt, begannen die Mitglieder des Reichsrats sich gegenseitig zu alarmieren: „Ungemein wichtige Angelegenheit 1... A» den Straßenecke» eine Proklamation angeschlagen:„Die Jugend an das Volk!"... Massen stauen sich und lesen... Gradezu ein Aufruf zur Revo- lution!... Müssen sofort eine Sitzung abhalten!"... Zehn Minuten später trafen elf Greise, bewaffnet mit den von ihren Sekretären in größter Eile hergestellten Kopicen des unhcil- verkündenden Schriftstückes, tiefbewegt im Reichspalais zusammen. Nur das zwölfte Mitglied— ein Dichter— fehlte und mußte erst geholt werden. Man verglich den Text des Aufrufs. Ans jedem Wort schlug die Flamme der Revolution! Das ganze Schriftstück»vnr in einem Tone gehalten, der zum Aufstand aufreizte. Man verspürte schon das herannahende Geivittcr, man hörte den ersten Knall des blutigen Zusammenstoßes. „Die Jugend an das Volk!" Ach, diese Jugend I Die civige Hydra!... Immer wieder diese gärende Hefe unreifer Elemente, die sich berufen fühlen, das zu vcrvcsicrn, ivas Jahrtausende nicht umzntoandeln vermochten. Ewig dieselbe» Phantastereien, die- selben kindischen Attentate gegen daS Werk uralter Weisheit! „Im Namen des heiligen Frühlings, der das Weltall zum Leben »vieder criveckt!" begann pathetisch der Aufruf. Ja, dieser Lenz, dieser Lenz! Dieser hypnotisierende Trunk, der die Debütanten des Lebens so leicht berauscht und zu Thatcn treibt, deren Folge» unberechenbar sind! Jeder Frühling beruft auf die LebenStribüue eine Unzahl verblendeter Reformatoren, gebiert in diesen tollen Hirnschalen zun, tausendslenmal Illusionen, die immer und immer wieder zu Enttäuschungen geführt haben. Allein für philosophische Reflexionen Ivar jetzt nicht die geeignete Zeit. Man mußte etwas thun, da die seit Alters her beim Volke bestehende Unzufriedenheit, gleichsam ein in Unmengen angehäufter Zündstoff, durch einen einzigen Funken leicht zur Explosion gelangen konnte. Mai, erteilte den Befehl:„Aufruf beseitigen! Die Haupt- agitatoren einkerkern! Die Mittel zur Wiederherstellung der Ordnung verschärfen\" Jeden Augenblick stürzten Ordonnanzen mit neuen Meldungen herein: Die mit den Aufrufe» bedruckten Plakate»vären beseitigt, meldeten die einen, in der Stadt herrscht Totenstille verkündeten andre, die Patrouille» befänden sich auf ihren Posten, berichteten die dritten.' „Die Verfasser der Proklamation müssen ausfindig gemacht und gefangen genommen lvcrden!" So lautete einstimmig der Beschtuß der Reichsräte, die von fieberhaftem Kampfesmut angefenerr. dem Uebel bis auf den Grund gehen und es im Keime ersticken ivolllc». Da erschien plötzlich der Bnreauborsteher. Er>vnr gmi, ver- ivirrt, niedergeschlagen und hielt in der Hand einen großen Boge» Papier: de» Aufruf. „Sind Sie de» Verfasser» auf der Spnr?" Statt der?I»twort entrollte er schiveigcnd das Schriflstüik. „Wir Ivissen schon... Kennen es bereits... Habe» gc- lesen!" „Ich erlaube nur, Ihre Ansmerksamkeit auf die Unterschrisien zu lenken V „Unterschristen?- „Ja,»nie» am Ende!* „Authentische?" „Das iveiß ich nicht I" „Lesen Sie dieselben vor I* „Ich ivage es nicht." Die bohe» Herren traten näher und begannen ihr durch Alter und Arbeit geschivächtes Ange anznsirengen, um das Schriftsliick zn entziffern. War das ein Schreck! Fast ivären sie zu Salzsäulen ge- ivorden. Unter dem Ausruf befanden sich ihre eignen Namen. Alle zivölf Mitglieder des Staatsrals hatten das Umstnrzblatt gc- zeichnet. „DaS ist«ine Unterschiebung, ein Schivindel I Tie uns vor- gelegten Kopien tragen keine Unterschrift." „Der Ausruf umrde so angeschlagen, daß der Teil mit de» Name» und dein Dalum nach innen geklebt lvar." „Was für ein Dalnni „18..... Die Proklamation ist,>vie ich im Archiv fest- stellte, ein ivortgetrcuer Abdruck, der vor 35 Jahren an den Straßen- ecken der Stadt angeschlagen wurde." Nun wurde es so still, daß man fast den leisen Flügelschlag der wieder anfcrstandciien Vergangenheit zu vernchnien glaubte. „Die Jugend an das Volk!" „Im Namen des heilige» Frühlings, der das Weltall zum Leben Iviedercrivcckt!" Ja, so ivar es... Mit Mühe erkannten sie den scknvachen Wicderhall längst verklungener Zeiten.... Sic waren diese Jugend, s i e zivölf hatten vor so und so viel Jahren die Wiedergeburt des Frühlings mit Worten des Aufruhrs aller Welt verkündet. Und die Masicn eilten herbei und losen. Militär trieb sie auS- einander. Man riß die Proklamationen herunter. Sie, die Urheber, ivurden verfolgt, gefesselt. Die einen nannten sie Verbrecher, die andern Helden. Das war vor 35 Jahren I „Was soll ich thun?" fragte der Beamte. „Hohe Versammlung 1" nuterbrach der Vorsitzende nnt feierlichem Ton die Stille:„Nicht um die Fortdauer unsrcr eigne» Anschauungen müssen lvir nns bekümmern, sondern um die der Geschichte. Abraham zauderte nicht, sein eignes Kind zu opfern, Jnnius Brutus nicht, scincii Sohn zn bestrafen, als dieser gefehlt halle. Seien lvir daher uns gegenüber nicht weniger streng und gerecht. Nicht deshalb be- finden wir uns hier, weil lvir in»nsrcn Jngcndfehleru bcharrtcn, sondern weil lvir sie beizeiten abzulegen vermochten. Dieselben Gesetze, welche vor fünfunddrcißig Jahren den Staat beherrschten, bestehen noch heute zu Recht. Was damals, mit Rücksicht ans das Gemciliwobl, verboten lvar, darf auch jetzt nicht verallgemeinert werde». Fort mit Sciitimentalitätcn! Die Lehre, welche wir früher von älteren und reiferen Leutei» empfangen haben, müssen wir jetzt der Jugend zurückgeben,»m so mehr, als sie ihre Fehler durch die nnsligcn zu verdecken sucht. Der A'nfruf ist, einerlei von wem er geschrieben ist. ctlvas Verbrecherisches mid diejenigen, welche ihn ver- breiten wvllten, müssen bestraft werde». Hierfür stimme ich!" Mit diesen Worten legte er die Hand auf das Gesetzbuch und die übrigen thatc» znni Zeichen des Einverständnisses ein Gleiches. Man war nur bange»in das jüngste Mitglied, das zuletzt seine Stimme abgeben sollte— nur den Dichter. Es lvar ein Oppofitlonsgeist, ein Phantast, ein altes Kind, welches trotz der grauen Haare die jugendlichen Träninercien nicht vergessen konnte nnd durch seine„Vota sepanrta" die erhabene Einheit der Beschlüsse des Staatsrates beeinträchtigte. Man hatte ihn nur deshalb als Mitglied nilfgenomnlcn, weil man seinen krankhaften Eiser durch die in diesen Räume» herrschende gesunde Frische abzukühlen nnd durch ihn die Masse zu gewinnen hoffte, welche in ihm de» Sänger ihrer naiven Träume verehrte. Alle warteten mit Spannnng, was er thnn würde, und gaben ihm mit den Augen zu verstehen:„Dein Mandat geht nächstes Jahr zn Ende". Der Dichter begriff es nnd dachte bei sich: Sechzig Jahre lang war ich jung, während andre, wenn sie die Hälfte dieses Alters erreichen, schon Greise sind; ist das nicht genug? Man nuiß der Natur die Schuld abzahlen, endlich eimnal diesen Kinderspiele» Valet sagen. Dann gab er seine Stimme in diesem Sinne ab. Und elf Paar greise, erhobene Hände applaudierten dem Kollegen, daß er endlich aus den Wolken auf die Erde getreten sei nnd sich dazu verstanden habe, alt zu sein.— Kleines Ileuillekon. e. K. Leuchtfeuer. Obwohl es auch schon im Altertum außer den sogenannten„Landmarkcil" vereinzelt erhöhte oder hochgelegen» Leuchten für Schiffahrtszwecke gegeben hat, so ist ihr Wert und ihre Liollvendigkeit doch erst mit der Einführung des Kompaß gewachsen, iveil sich nnnmehr der überseeische Verkehr entfallen konnte. Je mehr letzterer infolge der Entdeckungen Amerikas sc. Ausdehnung erhielt, desto mehr mußte man darauf bedacht sein, für die Schiffer- Wegweiser und Warnnngslenchle» aufzurichten. Ihre Vennehrnng und Verbesserung schriit fort mit der Entwicklung der Physik nnd der Naturwissenschaft überhaupt, Die Verwendung des Spiegel- oder katoptrischen nnd des Linsen- oder dioplrischen Systems führte einen großen Umschwung herbei. Das offene Holz- oder Kohlenfcuer wurde vom Oel als Lichtquelle verdrängt. Die Gasflamme, das Drumuwudsche Kalklicht k. bis zum elektrischen Licht bezeichnen die einzelne» Etappe» des Fortschritts bis jetzt. Das 19. Jahr- hundert, als das eigentliche Zeitalter der Erfindlmgen und Ent- dccknnge», ivar für die Aiisgeftaltmig des BelenchtniigsivesciiS zu Schiffahrlszwcckeii von einincntcster Bedeutung. Heute kann man sagen, daß alle Meeresküsten, mit Ausnahme der eigentlichen Polar- regioncn, von einer erstauiiliche» Menge der verschiedenanigsten Leuchtfeuer iimjäumt sind. Diese setzen sich ans festen Lencht» türme», aus Leuchtschiffen-, Bojen sc. zusammen. Nach den letztjährigen statistischen Tabelle», die seit zwei Dezennien alljährlich m zwölf. heule sehr starken Monatshefte» herausgegeben werde», waren bis Ende 1991 nicht weniger als 17 987 Leuchtfeuer Vorhände». Davon koinnien auf die Nordsee 424V. Ihr zunächst steht der nördliche Atlantische Ocean mit 3103. Die Ostsee hat 2935. das Mittel- läudische Meer 1987, der nördliche Stille Ocean 1194, der südliche Stille Ocean Itöö, Westindicn(Golf von Mexiko. Karaibischcs Meer, Westindische Inseln) 1052, Indischer Ocean 943, Ostindischer Archipel 835, südlicher Atlantischer Ocean 489, das Schivarze Meer 222 und das Asowiche Meer 42. Was die Höhe des Stand- orls der Feuer, Tagmarken, optischen Signale zc. betrifft, so hängt sie natürlich ab' von der Küstenbeschaffeiiheit. Nach Hunderten zählen jene Feuer, die einen Standort von über IVO Meter Höhe über dem Meeresspiegel habe». Feuer ans Höhen von 200 Meter nnd darüber sind natürlich schon seltener. Das Mittelmeer behauptet da von allen Meeren die oberste Reihe. Die höchste seiner Leuchten steht auf der Insel Malorka(Dragonera) mit 383 Meter Höhe und 27 Seeincilen Lichtwcitc; dann kommt das Feuer ans der Jnicl Gaivdo»nt 360 Meter Höhe und 30—54 Seemeile» Lichtweile. Ferner nenne ich Taormina(236 Meter), Kap Böar <229 Meter), Mesa de Bolda»(221 Meter). Palimaro(208 Meter), Kap Serrat(188 Meter), Kap Armenisti(184,1 Meter und 30 Seemeilen Lichtweitc) und Kap Formenlor(180,5 Meter). Unter den 840 Leuchten an deutschen Seelüsten(505 Ostsee. 335 Nord- sec) haben die Türme bei Arlona auf Rügen(85,7 Meter), auf Helgoland(88,5 Meter), Norderney(59,8 Meter) nnd Borkum (83,2 Meier) den höchsten Standort.— — Französische Schauspielergagen„einst" nnd„jetzt". Der„Figaro" schreibt:„Mondory, der den Cid„crcierte" und zur Zeit Corneillcs der erste Trogöde war. hatte 500 Schildthalcr Ge- halt, was elivn einer Summe von 8000 M. in nnsrrn Tagen ent» spricht. Der erste Tenor der Oper erhielt zn Beginn des 18. Jahr» Hunderts»ngefähr 4800 M. Jetzt, und besonders seit 25 Jahren, sind die Tages« und JahreSgage» der Schauspieler nnd Sänger ganz ungeheuer nnd in nie geahnter Weise geivachscn. I» der Oper und aus ähnliche» Bühnen sind Gage» von 48 000, 58 000, 84 000, 72 000, 98 000 M. durchaus nichts Seltenes. Und mehr als ein großer Sänger unsrer Zeit dürfte. wie.Faure. ans dem Gipfel seines Ruhmes 120 000 M. pro Anno verdiene». Wenn es die Schauspieler noch nicht so weit gebracht haben, so steht es doch fest, daß Tagesgagen von 80, 180, 240 und 320 M. bei allen bedeutenderen Künstlern gang»»d gäbe sind. Die 28 000 M.— das Moxinmm in Dnrch- fchnittsjahreu— der Societäre der Comsdie- Franqaise werden be» rcitS von den meisten berühmten Schauspieler» verächtlich angesehen, und man tann oft sage» hören:„Das Haus Moliercs ist allerdings das vornehmste aller Theater aber. vom gcschäfllicheu Gesichts- punkte aus das schlechteste aller Geschäfte!" Es giedt in Paris »lindestens 80 Künstler, die jahraus jahrein 24 000 M.»nid darüber verdienen.— — Eine Hamsterplage in Belgien. Wir lesen in,„Pro- metheuS": Während man auderivärlS nicht mehr viel von Hamstern hört und wohl gar an ihr Aussterben denkt, hat sich in der belgischen Prvvinz Limburg während der letzten Jahre eine Hamsierplage ausgebildet, deren Bekämpfung RegierungSinaßregeln ersordertc. Man hatte die Hamster anfangs für große Feldniäuse gehalten nnd dadurch ihre Ausbreitung begünstigt. Sie ivurden zuerst l899 in Millen und der Nachbarschaft bemerkt, besetzten 1900 die Gebiete vv» Sichcn-Snssen-Boir« und Tongern und breiten sich gegenwärtig längs der römische» Straße zwischen Tongern und Oreye, in einer reich bebauten Gctrcidelandschaft, aus. In der Provinz Limburg fing man 1900 gegen 5000 Hamster, in der kleineil Gemeinde Henr- le- Tiexhe allein 762� Stück. Die Gciucindcn habe» für sie Preise von 10 bis 25 Een» tiines ausgesetzt. Da der Hamster zivei Brüten in, Jahre macht, die eine im Frühling, die andre von Juli bis Dezember, und jedesmal 5—14 Junge aufzieht, und da man im Mittel 5�0 Kilogramm Vorräte in jedem Hamsterbau zum Herbste antrifft, so ist der Schaden sehr groß, und die Regierung beauftragte 1900 den Professor Gedvelst n» der Tierarzneischule von Cureghem, Versuche über die Wirksamteit einer von Danysz entdeckten Mikrobe anzustellen. die auch günstige Ergebnisse geliefert haben. Als ei» freilich etwas tcbenlUdjer Bnudesgeilosse deS Menschco i» dcr Bekämpftiil� k>cr Hamster gab sich der Iltis zu erkennen: man fand in den Iltis« bauen nicht nur Hamsterknochen, sondern beuierkte a»ch, dasi in, weiten Umkreise eines solchen Baues die Gegend von Hamstern gc- säubert war.— Geschichtliches. y. Deutsche Bettelpatrioten nach dem Frieden V o n L u n 6 v i l l e. Zn de» schmachvollsten Scenen der deutschen Gc« schichte gehört das Wetlkrieche» der deutschen Fürsten und edlen Herren vor dem siegreichen Frankreich und seinem neuen Herrscher Navoleo» nach dem Frieden von Lnusvill«(1801), der den itthein als Grenze festsetzte und bestimmte, dag die Fürsten, die dadurch verlören, i» Deutschland durch Einziehimg kleiner geistlicher und weltlicher Territorien entschädigt werden sollten. Da betteile nun in der Zwischen- zeit bis zum Neichsdepntnlions-Hauptschlng von 130? alles, was in Deutschland bisher von Gottes Gnaden einen Fetze» Land sein ge« nannl hatte und entweder von den größeren Haien verschlungen zu werden fürchtete oder selbst andre verschlingen wollte, die maßgebenden französischen Persönlickkeiten revolutionären Ursprungs„m ihren Schutz und ihre Fürsprache an: vor allem den skrupellosen Minister Talleyrand. Einer der deutschen Diplomaten in Paris, der Freiherr v. Gagcriu rühmt zwar sich selber,„die altdeutsche Strafe des Hnndetragens dort nicht erlitten zn haben", dafür bemühten sich die andern aber »im so eifriger um das Wohlwollen eines kleine» SchoßhündcbeiiS in Tallehrands Hause, eines verzogenen Kindes ebenda. Ilnd wenn sie sich nicht im Hundetragen und Plumpsackspielen, in. Singen und Tanzen übten, so suchten die hochgeborenen Herren vom christlichen Adel denischer Ration die Gunst Talleyrnnds und seiner Beamten durch»niterthänige Darreichung mit Goldstücken gefüllter Dosen zn ertverben. Hessen- Darinftadt, Württemberg, Baden usw. bis z» den kleinsten, alle? entrichtete seinen Obolus, um von den verschrieenen Königsmördern in seinen, Besitzstande erhalten oder vergrößert zn werden. Die mteresfanlcste Rolle aber spielten bei den, großen Beutezug, dem allgemeinen Schwingen des Bettelsacks, die beiden Mächte, die 17SI gem einsam den Krenzzug gegen die Revolution angetreten hatten..Preußen und Oestreich," spottet ein französischer Geschichtsschreiber darüber, .die das Reich i» Krieg gestürzt, wollten nnn ihre Verwandten aus Italien oder Holland ans Kosten eben dieses Reiches entschädige». ja, was„och seltsamer war. im Ramen ihrer Verwandten sich selber vergrößern, immer ans Kosten dieses Reiches, das sie kompromittiert hatten. Und wo suchten sie diese Entschädigungen? In den Gütern der Kirche! Diese Verteidiger von Thron mid Altar, die ausgezogen waren,»in die bedrohte Kirche gegen die Revolution zu schützen, ahmten mm gerade darin die Revolution»ach. Und sie verlaugten von dem siegreichen Bertreler dieser Revolmion, er solle diese Beute des Altars unter sie verteilen, da sie selber mit der Teilung nicht fertig zu werden wußteu l" Jedenfalls. Preußen er- hielt bei diesen um hundert Jahre zurückliegende» Aorgäiu,ei, an Raub von den inediatisierten Kleinstanten weiians nrcbr. als es auf dem von ihm preisgegevenen linke» Rheim, fer eingebüßt hatte. Un- ersindUch aber bleibt, wie anqesickls solcher Thatsumen nltramontane Politiker vom Schlage des Dr. Bachem noch den Mut finden, mit der Redensart vom.historischen Stecht" zn hanfieren. Da kann man nur mit Schnapphahiiski-Lichnowsktz antworieu:.Da» historische Recht hat keinen Datum nicht."■— Ans den, Ti erleben. — Ein Schwalben- Masfengnartier in Tirol. Dcr„Frankfurter Zeitung" wird unterm Lä. Mai ans Innsbruck ge- schrieben: Das mm schon volle Wochen andauernde kalte regnerische Wetter bringt nnsre Schwalben in harte BedräuguiS. Wie sie sich gegen Kälte' zn schützen suchen, davon gicbt ein Schwalven-Masien- qnartirr nr Schwaz ein Bcisvicl. In einem etwa acht Quadrat- meter großen geschlossenrn Raum, der sich mit einer Thür nach dem Hofe öffnet, durch eine nndre aber mit dcr Küche des' gräflichen Enzenbergischcn Gärtners in Verbindung steht und von dort her etwas Wärme empfängt, versammeln sich jeden Abend 800 bis 400 Schwalben, die auf dort eigens augebrachten Stangen dickt« gedrängt, sogar ansemander fitzend, übernachten. Gegen 8 Uhr abends, wen» die letzten Schwalbe» angekommen sind, wird tue Hoschür geschloffen und in der Früde zwischen 5»nd Ö Nhr wird sie wieder geöffnet, woraus die Schwalben. UM Nahrung zn suchen, hauptsächlich über den Inn abfliegen. Dcr oben erwähnte Raum wird sonst nur von de» drei dorr nistende», Paaren desiicht. Mar. hat mm beobachtet, wie sie audre Schivalben mitbrachten, diese, nachdem sie den wanueuOrt verlasse» hatte», bald mit iiene» Gästen zurückkehrten, so daß der Gärtner immer wieder neue Stangen als Sitz- und Schlafplätze anbringen»miß,— Meteorologisches. co. Tintenregen. Daß es Tinte regnet, ist gewiß kein häufiges Ereignis, zuweilen kommt es aber docki vor, wie ei» Bericht der meteorologischen Station in. Park Snint-Maur n, Paris an die französische Akademie der Wissenschaften beweist. ES heißt darin, daß Mittwoch, den 7. Mai. ein Nordwind über ganz Frankreich wehte, der in Paris und Umgebung aber nur schwach war. Um 11 Uhr morgens verdunkelte sich plötzlich) dcr Himmel»nd es siel ein starker Platzregen von 1,1 Millimeter Regen» höhe. Das»», 12 den, Regenmesier«nmoimnene Wasser zeigte deutlich eine schivärzliche Färbung. Die sofort vor- genommene Nachfrage, ergab, daß das merkwürdige Phänomen eines Tintenregciis i» der Nochbarscvast des Observatoriums, auf einem Flächen, anm von 3 Kilometer Länge und 2 Kilometer Breite ebenfalls wahrgenommen worden war. Bon den Dächern hatte sich schwarzes Wasser ergossen, die Plätze zeigte» Seen von schwarzem Wasser, zum Trocknen aufgehängte Wäsche war derart von schwarzem Wasser berieselt, daß sie neu gewaschen werden mußte. Reservoirs, die vielfach zum Auffange,, von Negeuwasser aiffgestelli sind, zeigte» das Wasser niit schwärzlichem Scham» bedeckt, der so reichlich vorhanden mar, daß er bequem abgeschöpft werden konnie. Als man dcnscbci, verdampfen ließ, erhielt man als Rück- stand ein außerordentlich reines schwarzes Pulver, dem Anschein nach pulverisierre Kohle. Durch diese Kohle kam man auch aus die Lösung des Rätsels. Der Kohlenstau» nniß durch einen Brand oder irgend eine audre Ursache in die Höh« geschlenderi worden sein und kann durch den Wind ziemlich weil von seiner Urfprnngsstelle fortgeführt werden. Im allgenieinen verteilt er sich sehr rasch weithin, aber er kann auch, wie der vorliegende Fall zeigt, eine Zeillang znsamiiien bleibe» und eine sönniime Sraubwolke bilden. Gerär dieselbe dam« in eine Luftschicht, m welcher Neigung zur Wolkenbildniig vorhanden ist, so wird diese noch befördert, da jedes Staubteilchen Bffttelpunkt für die Kondensation des gasförmigen Wassers bildet, welches sich schnell zum Nebel verdickicc. Mit den, Regen gelangt der Staub dann zur Erde. In dem Bericht wird bcniertt, daß S Kilonieter nördlich vom Observatorium, also in der Nicktmig, ans der der Wind kam, eine Fcnersbrmift wütete, imd es wird die Vermutung ansgesprochen, daß dcr Ztahlenstaub von dorther stammle. Wie selten, trotz der einfachen Erklärung der Erschein, mg, eine solche thatsächlich ist, geht schon daraus hervor, daß die meteorologische Slatiou, die schon seit 29 Jahren besteht, noch nie etwas auch nur Achnliches beobachtet hat.— Humoristisches. — Also sprach...„Da reden manche Sch.ffsköppe so ver- ächtlich von Jr öß e n wa hn k Ich sag' Euch, der Wahn is die Hauptsache, die I r ö ß e kommt da»» jauz von selbst!*— — Der H a» s t y r n n n. Frau A.:„Sie leiden Ivohl sehr unter den Magenschmerzen?" Fr an B,:„Nicht halb so viel, als weim sie mein Mann hat."— („Fugend.") Notizen. — Di« Petersburger Schauspieler, die am 8. Juni ein Giislspiel im Lcsjing-Thcnier eröffnen sollten, konnnen nicht nach Berlin.— — Zifm Theater n e„Hai, in Barmen belvilligten die Stadtverordneten das Giimdstück und einen Betrag bis zu 800000 M.— — Die Singakademie bringt im uächstni Winter Händeis „Samson". Beethovens„Missa, solernnis" und Mendelssohns „Paulus* zur Aufführung.— — Nikolaus R o t h m ü h l wird vom 1, September a» als Leiter der O p e r„ s ch u l e am Stern scheu Konjervatorm», suiqfferen.— — Im Befinden des Komponisten Hugo Wolf ist eine be- deokliche Be, schlimme,,„ig cingetrcicn. Wolf, der»» der nieder- östreichischen Lantesirremmswll„»tergebrackt fft. liegt fest August vorigen Jahres völlig gelähml danieder. Sei» Sinnesvernüige» ist gänzlich geschwunden, er erleu«, niemand mehr, die Naprnng muß ihn, cingeslösU>,»erden. Nunmehr ist auch eine Sprachlähmnng ei»- getreten. Die Mamükripte Wolfs, soweit er sie„tcht selbst ver- nichtel hat, werden demnächst in einer von seinen Frevude» besorgten Ausgabe der Oefscnllichkeit übergeben werden. Ter„»«sitaliiche Rachlaß des Komponisten enthält an druckreife», Werten»amemliä? 28 Lieder mit OrchesterbeglcitlUig. eine sinfomjche Dichtung„PeMhesilea" (nach dem Drania von Kleist), von dcr mehrere Sätze vollendet sind, ein Qperosragment„Mauuel Benegus" mit einem Text von Hoeri, es, sechs' gemischte Chöre und zwei Streichquartette.— — Di« Dresdner Gemäldegalerie hat BöcklinS Gemälde„Der Krieg" für 85 000 M. erlvorben.— — Bon den bei Gelegenheit der Taqimg der Internationalen Kommission für wissenschafltiche Luftschiffahrt im Aeronautischen Observaiorinm aufgelassenen dreiRegistrierballons erreichte der erste, ei» Guimnivallon von 1300 Millimeter Durchmesser, die außerordentliche Höhe von 20 000 Metern und ein« Temperatur von — 62 Grad Celsius.— Tie nächste Nummer des UuterhatluugSblatteS erscheint am Sonmag, den 1. Jnin. Verantwortlicher Redactemn Carl Leid iu Berlin. Druck und Verlag von Max Badiu« m Bei Nu.