Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. Z04. Sonntag, den 1. Juni. 1902 lNachdruck verboten.) 2i] Dev MtKnksmann« Roman von Hall C a i n e. Antoristerte Uebersetzung. Im nächsten Augenblick kam Philipp plötzlich zur Be- sinnung und machte sich heftige Vorwürfe. Was war er im Begriffe zu thun? Er war gekommen, Käthen zu sagen, daß er nicht wiederkommen würde, und wo waren feine Vorsätze geblieben? Gestern erst hatte er in Douglas die Briefe seines Baters gelesen, und heute saß er hier, sich selbst, seine Lebens- zwecke, seine Pflicht und Schuldigkeit— alles vergessend. „Philipp," rief er sich in Gedanken zu—„Du Haft weder Saft noch Kraft. Gieb Deine Pläne aus. Du bist ihnen nicht gewachsen; laß Deine Hoffnungen fahren— sie sind zu hoch für Dich!" „Wie feierlich sind wir auf einmal geworden," sagte Käthe. Die Hymne(eine höchst klägliche Weise, die sich von Note zu Note langsam weiterschleppte)— klang noch immer vom Melliahfelde herüber. Mit einer Mischung von Keckheit und Aengstlichkeit, schlau und schüchtern zugleich, fügte sie hinzu:„Halten Sie denn auch diese Welt für so schlecht?" „O... ich... nein..." stotterte er; als er auf- blickte, begegneten sich ihre Augen und sie lachten beide. „Das ist nur dummes Zeug, nicht wahr?" sagte sie; dann gingen sie mit einander die Schlucht hinunter. „Wohin gehen wir denn?" „O. wir konlnien auf diesem Wege ebenso gut wieder zurück." Der Himmelsschwaden, der lange Natzenschwanz und das goldene Jakobskraut streiften seine Reithosen und ihr Kattun- kleid.„Ich muß es ihr nun sagen," dachte er. An den engeren Stellen ging sie voran; er folgte mit zögerndem Schritt und wollte beginnen.„Es ist besser, sie vorzubereiten," überlegte er wieder. Es fiel ihm aber keine Redensart ein, die zu dem, was er sagen wollte, den Uebergang gebildet hätte. Sie kamen jetzt durch ein Gewirr wilder Fuchsien; es roch nach brennendem Torf und man hörte einen Ton, wie wenn beim Melken die Milch in den Eimer läuft. Plötzlich kam eine Stimme wie aus dem Boden heraus,„'s geht sich leicht auf dem Strohdach. Miß Cregecn," sagte sie. Es war die alte Joney, die Mäherin. die ihre Ziege melkte. Käthe war, ohne es zu merken, auf das Dach der Hütte gekommen, denn die kleine niedere Behausung lehnte sich an die Nferwand, und der Eingang war auf der Wasserseite. Philipp stellte ein paar hergebrachte Fragen und sie er- fuhren dabei, daß die Alte schon dreißig Jahre hier wohne und einen Sohn bei sich habe, der blödsinnig sei. „Früher lief eine ganze Schar um mich her, und ich war auch einmal so jung wie Sie, Miß, und ebenso glücklich; aber sie haben mich alle verlassen, eins nach dem andern, bis auf diesen, und der arnie Junge ist nicht bei Verstand." Philipp versuchte sein Herz zu stählen.„Es ist grausam." sagte er.„und es wird ihr wehe thun, doch was sein muß, muß sein." Küthe fing an zu singen und ging, immer zwei Schritte vor ihm, fröhlich trällernd die Schlucht hinab. Er folgte wie ein Meuchelmörder, der auf den Augenblick lauert, um den Stoß zu führen.„Er will mir was sagen," dachte sie und sang noch lauter. „Käthe," rief er mit heiserem Ton. Sie aber schlug in die Hände und jubelte entzückt: „Das Echo I Hier ist ein Echo I O, bitte, rufen Sie es an." Sie glühte vor Eifer und er verschob sein Vorhaben, um an ihrem Spiele teilzunehmen.„E— cho, E— cho!" rief sie in die steile Bergschlucht hinauf und lauschte. Es gab aber keine Antwort.„Es will seinen eignen Namen nicht wieder- holen," sagte sie.„Was soll ich rufen?" „O, irgend etwas," nieinte Philipp. „Phil— ipp, Phil— ipp!" rief sie und sagte dann ver- drießlich:„Nein, Philipp will mich auch nicht hören." Sie lachte.„Er ist aber auch immer so einfältig— vielleicht schläft er." „Kommen Sie mehr hierher. Versuchen Sie's nun." „Versuchen Sie's einmal." Philipp folgte der Aufforderung.«Käthe l" rief er hinaus, und zurück kam die Antwort. „O, wie schnell. Käthe ist ein gutes Mädchen. Sie ant- wartet Ihnen gleich," sagte Käthe. Sie gingen einige Schritte und Käthe rief wieder: „Philipp!" Es blieb wieder alles still.„Philipp ist halbstarrig; er will nichts mit mir zu thun haben," meinte Küthe. Da rief Philipp zum zweitenmal, und wieder kam die Autwort zurück: „Nun, das ist doch abscheulich— diese Käthe— sie folgt Ihnen ja wirklich aufs Wort." Philipps Mut schwand nach und nach hin.„Jetzt nicht," dachte er.„Traa-cty-liovar('s ist immer noch Zeit). Nach dem Essen, wenn alles fortgeht, vor der Mühle in dem Halb« licht von den Lichtern drinnen und der Dunkelheit draußen. Es wird dann so gewöhnlich klingen.„Leben Sie wohl. Wissen Sie schon das neueste? Tante Nan hat sich endlich entschlossen, Ballure zu verlassen und zu mir nach Douglas zu ziehen." Das ist so einfach und so alltäglich. Das Abendrot brach jetzt mit langen Strahlen vom West- lichen Himmel her durch die Bäume. Sie konnten das Rütteln des beladenen Erntewagens hören, der eben die Schlucht hin- unter fuhr. Die Vögel lärmten fröhlich über ihnen und allerlei heitere Töne schwirrten durch die Luft. Zu ihren Füßen wuchs hohes Farnkraut und Ginster, an dem Käthe mit ihrem faltigen Kleide bisweilen hängen blieb, bis Philipp sie wieder befreite, und dann lachten beide. Ein losgerissener Tollkirschenzweig hing von dem abgebrochenen Ende eines alten Eschenstuinpfs herab, auf dessen vettvitterter Wurzel zwei scharlachgesteckte Krötenschwämme wuchsen; und sie pflückte sich eine lange Ranke davon ab und wand sie sich um den Kopf, nachdem sie ihren Hut zurückgeschoben hatte, und ließ sich die roten Beeren über das dunkle Haar inS Gesicht fallen. Und dann begann sie zu singen: „Und Ivär' ein König ich, und Ivär' Die Erde mein, die Erde mein—* Feurige Strahlen schössen aus ihren schwarzen Pupillen und Funken der Liebe flogen wie Blitze aus ihren Augen nach den seinen. Er aber versuchte moralische Betrachtungen anzustellen. „Ach", sagte er aus der Tiefe seiner Weisheit,„wenn man nur immer so von Minute zu Minute weiter leben könnte I Doch das ist der Unterschied zwischen Mann und Frau. Die Frau lebt in der Welt ihres eignen Herzens. Wenn sie Interessen hat, so haben sie hier ihren Mittelpunkt. Der Mann aber hat seine Interessen außerhalb des Bereichs seiner Neigungen. Er ist gezwungen, sich selbst zu verleugnen und die köstlichsten Dinge an sich vorübergehen zu lassen." Käthe fing an zu lachen und Philipp lachte zuletzt mit. „Sehen Sie doch." rief sie,„sehen Sie nur—" Auf dem Gipfel des langgestreckten Hügels ihnen zur Seite machte eine Ziege ihre Kapriolen. Es war ein passier- lichcs Geschöpf; jetzt riß sie sich voll Uebermut mit einem plötzlichen Ruck Gras ab und schlug dann mit den Füßen aus. als ob ein unsichtbarer Kobold sie gezwickt bätte; bald wackelte sie mit dem Hinterteil, bald meckerte sie in den Bart hinein. „Wie ich schon sagte," fuhr Philipp in Gedanken fort, „der Mann muß auf die Freuden des Lebens verzichten. Sehen Sie mich zum Beispiel an. Ich bin sozusagen durch meine Pflicht gebunden— durch eine Art Gelübde, das ich gewissermaßen den Toten gegenüber abgelegt habe." „Ich bin sicher, daß er nun etwas sagen wird," dachte Käthe. Die Stimme seines Herzens sprach lauter und schneller als seine lahme Zunge. Sie wußte, daß ein Schlag zu erwarten stand, und sah sich nach einein Mittel um, ihn abzuwehren. „Der Hexentcich!" rief sie plötzlich und schoß von ihn« fort nach dem Rande des Wassers hin. Es war eine runde, kleine Lache, schwarz wie Tinte, die still und scheinbar regungslos an einer Stelle lag, wo das Wasser tosend über schwarzes Moos wirbelte und schäumte und der Bach sich ins Dunkle verlor. Philipp hatte keine Wahl, er mußte ihr folgen. „Schneiden Sie mir einen Weidenzweig ab I Ihr Federmesser! Rasch, rasch! Nicht diesen alten Ast— einen Schößling! So, der ist recht. Nun sollen Sie hören, wie ich mir selber wahrsage und die eigne Zukunft verkünde." „Eine Art Wasserprobe— nicht wahr?" „Still... Seien Sie ruhig, pst! Der kleine Phonodory kann sonst nicht hören. Still, ganz still!" Mit feierlichen Geberden, aber mit einem gewissen schlauen Funkeln der Augen kniete sie an dem Teich nieder, streckte ihren runden Arm über das Wasser aus. ließ den Weiden- zweig langsam aus der Oberfläche hinschweben und sagte den Zauberspruch her: „Wcideuzweig, Weidenzweig, Ivos von den vier, Kreisen. Schwimmen, Sinke», Landen dahier— Mein Los im Leben sag nur genau— Geliebte, Witwe, Altjungfer, Frau?* Bei den lei;iu Worten warf sie den Weidenziveig in den Pfuhl und hockte sich nieder, um zu beobachten, wie er lang- sam der Bewegung des Wassers folgte. „Bravo!" rief Philipp. „Still— er schlvinimt fort— nein, da treibt er ans Ufer." „Also Frau— Käthe. Nein, es ist Witwe. Nein, eS ist..." „Seien Sie doch ernsthaft. Ach Gott l er geht in die Runde, ja, er dreht sich im Kreise. Neiit, auch das nicht. Nein, er wird— ja, er ist— o I" „Gejuicken!" sagte Philipp lachend und klatschte in die Hände.„Sie sind verurteilt, eine alte Jungfer zu werden, Phonodory bat es gesagt." „Grausamer. Nix l Es ärgert mich, daß ich mich mit ihm eingelassen habe." sagte Käthe schmollend. Dann nickte sie da, wo der Weidenzweig verschwunden war, ihrem Spiegel- bild im Wasser zu.„Arme, kleine Käthe!" sagte sie,„er hätte Dir wohl etwas andres geben können. Alles andre, nur das nicht, armes Kind!" „Was"— lachte Philipp—„Thränen? Weil Phonodory— nicht doch I" Käthe sprang auf.„Was für einen Unsinn Sie reden I" sagte sie mit abgewendetem Gesicht. „Sie haben aber doch Thränen im Auge," meinte Philipp. „Kein Wunder. Sie sind auch gar zu abscheulich.� llnd wenn ich eine alte Jungfer werden soll, so find Sie zum alten Junggesellen bestimmt und zwar ganz mit Recht!" „Wirklich, meinen Sie?" „Ja, gewiß. Sie haben gerade so viel Herz wie ein Pilz, denn Sie sind nichts als Kopf und Beine und werden eines Tages ebenso kahl werden wie ein Pilz." „Ist das auch ganz sicher, mein Fräulein?" „Wenn ich Sie wäre, Philipp, so würde ich mich als Vogelscheuche vernneten, dann machte es nicht so viel aus, daß Sie nur ein Stock sind, der mit Kleidern be- hangen ist." „Oho! wirklich nicht?" fragte Philipp. .: Sie tanzte in einem Halbkreis vor ihm auf und ab, er suchte sie bald von vorn, bald von hinten zu greifen. „Sind Sie doch jetzt schon so alt wie Methusalem. Was werden Sie da erst sein, wenn Sie ein Mann ge- worden sind?" „Nehmen Sie sich in acht!" Sie knickste mutwillig, sprang hinter einen Baum und rief ihm von dort aus zu:„Ich weiß es. Ein plärrender alter Heulmeier, der immer das alte Lied singt:„Wahr- lich. Freunde, diese Welt ist ein Jammerthal voll Sünde und Elend. Der Mann ist das Elend, die Frau ist die Sünde..." „Sie arger Schelm!" rief Philipp. Er lief hinter ihr drein und sie floh, dabei immer weiter sprechend: „Glauben.Sie fv.ui. daß ein Mädchen einen— au, au. au!" .Mitten im Satze blieb sie stecken. Sie war in ein Gewirr von stacheligem Ginster geraten und fühlte an zwanzig Stellen zugleich, was es heißt, niedrige Schuhe und dünne Strümpfe zu tragen. „Eineir Simson braucht, he?" rief Philipp, der in seinen Reithosen hinein schritt und das gefangene Mädchen in den Armen emporhob.„Ja wohl, um Sie zu tragen, Sie Quäl- geist, so wie jetzt durch den Ginster." .„Ach!" seufzte sie, indeni sie das Gesicht über seine Schulter lehnte, daß ihr Atem seinen Hals berührte. Ihr Haar blieb an einem Baume hängen und fiel ihm in dunklen Wellen über die Brust. Er ließ sie wieder herunter und dann faßten sie sich bei der Hand und gingen singend zu- sammen weiter die Schlucht hinab: „Du wärst an meiner Krone doch Der schönste Stein, der schönste Stein.' (Fortsetzung folgt.) SonnkAgsplÄttdevei. In einen» Ostscedorf. das ich in früheren Jahren allsommerlich besuchte, stand das Kirchlein auf einer Insel zwischen dem Meer und dem das Land iveilhin zerfressenden Binuengeivässer. Der Friedhof war in die Dünen hineingcbaut; selbst der Tod ivar»och menschlich-leichtsinnig, da jede ernstere Sturmflut diesen stillen Ort der bunten Holzkreuze fortspnlcn konnte. Hier wurden die Namen- losen geborgen, die daß Meer ausivarf. Hierher aber trugen auch die Männer des Ortes ihre Toten, auf den starken Schultern, den weiten Weg vom Dorfe. Im Frost Ivar der Weg nicht ungefährlich. Und wenn ich ini uächsteu Sommer einen meiner alten Freunde vermißte, mit dem ich noch im Vorjahr herzhaft geschwatzt oder gar lästerlich Karten gespielt hatte, dann wurde mir allemal als Todes- Ursache angegeben, daß er sich beim Begräbuisgang erkältet habe. Zu der Kirche führte vom Dorfe her über de» Strom eine breite Brücke, eine schöne neue Brücke, um deretwillen sich die Gemeinde in große Schulden gefliirzl hatte. Freilich die Ausgabe war notwendig gewesen, denn die alte Brücke war rheumatisch ge- worden und konnte keinen Zug mehr vertrage»: jeder Windhauch drohte sie unizuwerfen und die Menschen, die sich gerade auf ihr befanden, mit ihr. Es verstand sich nun von selbst, daß man die Schulden tilgen mußte, und so führte man ein Brückengeld ein, drei Pfennig die einfache Tour, fünf für den Hin- und Rückweg. Die Brücke war für die Dörfler unentbehrlich. Die Toten mußten drüben bestallet werden, und bei Hochzeiten und Kindtaufen war dies der einzige Weg zur Kirche. Auch war jenseits des Stroms ein vorzüglicher Angelplatz, also mußte» auch die Fischfänger fleißig das Brückengeld entrichten. Außerdem gingen die Leute natürlich, wie es der Ztvang der Sitte gebot, Sonntags zun» Gottesdienst: denn es war ein sromines Dorf und alles war regelmäßig in der Kirche versammelt. Da kam die neue Brücke und das Brückengeld, und am ersten Sonntag nach Einführung der Brückensteuer fand sich der Pfarrer entsetzt vor einem fast leeren Hause. War plötzlich der Antichrist über das Dorf ge- komme», daß die viclhundertjährige bewährte Gläubigkeit auf einmal erloschen war? Auch an» nächsten Sonntag waren nur einige der reichsten Einwohner des Dorfes anwesend, und am dritten Sonntag fehlten auch von diesen einige. In solcher verwundernden Not versaminelte sich der Kirchen- vorstand z» einer tiefe» Beratung. Zunächst vermochte nicinand des Rätsels Ursache und Lösung zu finden. Schließlich aber ka>n einem ein kluger Einfall: Der Antichrist war die— neue Brücke oder ge- nauer der Brückenzoll. Seit dieser Erleuchtung tvurde ein Ausnahmegesetz geschaffen. Wer zun» sonntägliche» Gottesdienst Ivollle, durfte die Brücke frei passieren. Aber er ninßte auch in die Kirche gcheil, und nicht etivn angeln oder in den�Dünen klettern. Von Stund a» war wieder alles vollzählig des Sonntags in der Kirche beisaninieu. wie es den Fronnncn geziemt. Nur einer weigerte sich auch bei kostenfreier Passage des Sonn» tags über die Kirchbrücke zu gehen. Das war'»nein Bädemeistcr, ein Philosoph, der sich dreißig Jahre lang mit einem böse» Weibe geärgert hatte, und als es endlich gestorben ivar— damals entrichtete er das Brückengeld n,il Freuden-— im Alter von fünfuudfünfzig Jahren sich unverzüglich eine bejahrte Witwe freite, vor deren Mund- und MuSlelwerke sich selbst die ab- gehärteten Dorfbuben fürchteten. Als man ihn wegen der absouder- licheu Wahl nach so lauge» und harten Erfahrungen zur Rede stellte. berief er' sich lächeliid-seiifzend auf die Macht der Gewohnheit: Ohne häusliche» Hader sei das Leben für ihn»merträglich. Im Winter war der Alte mit dem Darren von Kienäpfeln be- schäftigt. Und um das i» dieser Thätigkeit eintrocknende Blut zi» er- setzen, versah er des Sommers die Dienste eines Badeineisters. ein Amt, zu den» ihn erstlich seine vollkommene Unfähigkeit im Schwimmen und zweitens eine zum Princip gesteigerte Wässerscheu hervorragend befähigte. Aber er hatte eine große Freude an de», Narrheiten dieser Stadtmenschcii, die aus bloßen» Vergnügen in das kalte Wässer gingen und»och dafür bezahlten.' Vor allem jedoch war es eine Seligkeit für ihn. im Schatteil einer Badckabiire zu sitzen und still hiiimiszusehei» in die grüne Ewigkeit des Meeres, das unter der Hinunelswvlbung atmete.' Dieser Man» ging niemals des Sonntags in die Kirche. Nicht etwa aus bademeifterlicheinÄmtseifer, sonder» aus Grundsatz. Und. als ich ihn einmal fragte, waru»» er den soimtägliche» Kirchgang mied, da glitt ein eigenes Schimmern über das runzlige und stop�'lige rostbrnune Gesicht, und indem seine wasserhellen Augen sich tiefer in die Weite der See versenlten, sagte er einfach, mit einem leisen, träumenden Erschauen!: D a s ist mein Gottesdienst... Immer, wenn die Herren vom Berliner Pastorengewerbc über die Kirchennot, den schlechten Besuch der Sonntagserbaunngen und die verruchte Sündhaftigkeit lustiger Sonntags-Landpartien klagen. denke ich meines Ostseedorfes, in dem ein kleiner Brückenzoll alle Kirchlichkeit zerstörte, und mein alter Bademeister in aller Einfachheit die reine und redliche Frömmigkeit des Naturdienstcs verkündete. WaS»vürde aus dem Berliner Kirchenbesuch tverden,»venn ihn ein Brückenzoll hemmtel Und bedarf es wirklich der zu Helmspitze» sich erhebenden Steiugemäuer. um die kleine Menschennatur zur Gröste und Würde z» steigern? Blickt in das Geäst eines blühenden ApfelbanmeS, wenn die Blätter lind herabivehen und die Bienen in der blau strahlenden Luft surrend um die Kelche schwärmen. Dann dürft Ihr sagen: D a s ist mein Gottesdienst I Mit gutem Grund hassen die Geistlicbe» in de» Sonntags- onsflngen'der gottlose» Menschheit die überlegene Koiikurrenz. Es ist am allerwenigsten eine Neigung des Proletariats, sich an schönen Sonntagen in die Kirchen zu sperren, und sich von de» angestellten Dienern des ihm feindseligen Staates erbanliche Worte vortragen zu lassen. Die Glocke» klingen Iveit frommer, wenn sie zn den an märkischen Waldieen fröhlich Gelagerten ans unsichtbare» Fernen ge- heimnisvoll herüber hallen-. Je schlechter aber der Berliner Erbannngsbetrieb gebt, um so eifriger ahmt man das Verfahren gewisser Eeschästsleiite»ach, die ihrem innerlich haltlose» Unternehmen dadurch eine Schein-Bedeutung zu geben suchen, daß sie immer neue Filialen eröffnen. Je leerer die Stircheii werden, um so mehr baut man, die ihren Stachel in den Himmel bohren. Schon ästhetisch verraten all diese frommen. künstlerischen Nengriindunge», daß sie nickt ans innerlicher Religiosität erwachsen sind. Sie sind fabrikmäßig hergestellt, wie die Denkmäler des ersten Wilhelm und die Gruppen der Siegcsallce. Das Volk aber freut sich draußen seiner kurzen Sonntagsfrciheit I � Nachdem die tropische Kirchenvauerei— Bnlow würde von Kaninchen reden— nichts genützt, um die Bcsuchsnot zu heben, be- ginnt jetzt die Geistlichkeit zum Angriff überzugehen. um dem»»- lauteren Wettbewerb der freien Natur zu trotzen. Wie wäre es, wenn man den sündhaften Kindern der Welt den Aufenthalt außer- halb der Kirche verleidete und unmöglich machte! Zunächst fordert man die Schließung der Wirtschschaften, in denen Satan selbst zn Selterswaffer oder gar zu Weißbier und Nordlicht verführt. Das ist. natürlich nur ein erster. Anfang. Man ivird weiterhin den Eisenbahnverkehr während der Kircheuzeit verbieten müssen, und auch das Radeln. das leider immer von der Kirche fort führt, untersagen. Kurz, eine Geueralaussperruug aller Verkehrsmittel ivird zur unerläßlichen Nonvendigkeil. Wer während der Kirchzcit unter einem Vanme liegend betroffen ivird, verfällt sofortiger Verhaftung und Ivird zn mindestens sechs Monaten Sountagspredigt verurteilt. Wer öffentlich lacht, hat sich mit dem Groben- llnfiigs-Paragraphen abzufinden. Wer singt, dem gebührt das Gefängnis. Wer aber gar mit seinem Schatz.ertapp! wird, so einem blonden, lichlgetlcidcten, nicht-anf-den-Mund-gefallenen, unmäßig lustigen— der wird mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren. Polizci-Aufsicht und Ehrverlust bestraft. Den» heilig soll der Sonn- tag bleiben. Indessen all daS genügt klärlich nickt, um eine» regeren Kirchen- besuch zn erzwingen; denn schließlich können ja die Leute tückisch zn Hause bleiben. Man wird folglich daran denken müssen, den Kirchen- besuch selbst anziehender zu gestalten. Ein ungeheures Verdienst hat sich in dieser Hinsicht um die Herren Pastoren unser Freund Stadthagen erworben, als er in der Berliner Sladlverordncten- Versammlung auf den schweren Mangel hinwies, daß in den Kirchen keine Diskussion stattfinde. In der That, man entschließe sich zn dieser Wandlung. Warum soll nicht wirklich nach einer orthodox-protcstantischeu Predigt ein linkslibcralcr Theologe ein Korreferat halten, und ein Katholik. Jude, Mohammedaner, Atheist weiteres zur Klärung der gerade behandelte» Frage beitragen! Ich bin überzeugt, für' einige Zeit weuigslcus ivird man nicht über schlechten Besuch zu klagen haben. Ein andres Aushilfsmittel hat nian in Ehristiania mit Erfolg angelvandt. Dort kämpfe» die Geistliche» einen schweren Kampf gegen die Tiugeltangel-Laster. Um nun die AbschreckimgSthcorie möglichst anschanlich zu gestalten, werden in den geistlichen Protest- versammlnngcu die frechsten Varietö-Lieder entrüstet vorgetragen, und die unverschämtesten Stellungen der Tänzerinnen und Chauso- netten in photographischcu Lichtbildern zur Darstellung gebracht. Seitdem werden die sittlichen Versammlnngeu gestürmt. Das ist's: Die fromme Tugend schreckt nur dann nicht ab, wenn sie so deutlich wie möglich zeigt, wie abschreckend die Sünde sei.— Joe. Kleines �euillekon» - Ein Morgen in der Laubcntolouie. Gestern, so um vier Uhr früh, die Sonne guckte gerade mit dem linken Auge über den Horizont, war ich draußen in der Laubenkolonie hinter der �-Straße. Die Hähne schrieen: wie wenn 2b Baueru-Bilndler zugleich loSlegcn. Und eiii Cöchinchina-Kerl war darunter!... Ich sage keinem gern etwas Gutes nach— aber der Dr. Oertel hätte eS auck nicht Keffer machen können. Die Finken schlugen, die kleinen Grasmücken rieben sich fast auf, jeder Sprachmcister haspelte eine Bülowsche Rede herunter, und ein Star saß vor seinem Häuschen und schmeichelte wie ein junger Ehemann, der um den Hausschlüssel bettelt. Wie lange war ich nicht in der Gegend gewesen! Jetzt Ivar es wirklich eine„Gegend". Saubere Sandwege, viele der Lauben ge« strichen, blinkende Fensterchen mit Gardiuchcn, und die Gärtchen selbst im besten«tande. Ans manche Fruchtbäume konnte man schon nicht mehr hinanflangen. Ganze Beete voll sammtenem Goldlack, silbriger Salbei, Erdbeerblüten, so groß wie ein altes 20-Pfeiniig- stück, Wermut, den die Budiker so gern haben, riesenblättriger Rha- barber, Nelken, unter der Bllltenfülle sich neigende Fliederbäumchen, das frisch» Grün der jungen Erbsen, da und dort hervorkommende Kartoffelstauden, deren Blätter wie Rosetten auf dem Saude lagen. Und nichts Menschliches in der Runde. Vor einer Tischversammlung machte ich Halt. Schon wollte ich über fünf Stühle und drei Bänke springen, da schrie mir ein Zaun- vlakat entgegen:„Auf Tischen und Stühlen zu turnen ist untersagt." Da hatt' ich den Käs'! Nicht einmal in Kamerun kann man sich mehr frei bewegen! So guckte ich nach der großen Uhr des„Dorf- Uhrmachers". Sie ging nicht schlecht. Beinahe so gut, wie meine „Zwiebel". Und die hat's doch seit sieb'!g Jahren in der Uebung. Da kam der Wirt. Setzte sich. Tbat einen Blick von unten herauf: „Was soll dieLeick' kosten?" Ich bestellte eine große Weiße. Der erste Zug schien ihm zu gefallen. Sofort pfiff er aufzwei Fingern wie ein Santreiber. Kam ein rotes Tierchen mit einer buschigen Rute hinter der«Nestau- ration" hervor. „Jesses, ein Eichkatzel I" schrie ich.„Wo haben Sie denn das her?" „Ist schon ein richtiger„der", die Katz I... Ja, zugelaufen ist er mir!" „Nann?" «Ja, sein früherer Herr ist ein General- Synoderich. Weil der unlängst gegen die Schaukwirtschafte» so losgewcttert hat, ist mein Emmerich von ihm fort..." Mit dem Mann ließ sich reden. Ich bestellte noch eine Weiße. Sie kam. Da sah ich daS Eichkatzel an etwas Schwarzem herum- lutschen. „Das frißt wohl Cigarrenstümpfe?" „Nein, lieber Herr. Das Fritzle ist ein Nnti-Anti-Alkoholiker; es sangt ums Leben gern an Stummel», die mit Kirschblattbrühe gebeizt wurden." „Herr!...". Nein. Aufregen durfte ich mich nicht. Das war entschieden zu früh am Tage. „Hat das Tierchen noch mehr solcher Tugenden?" „Nur eine noch... Nach Johanni knabbert es von den Tage» ab, damit die Zeitungsschreiber nicht mehr so viel zusammenlilgen können." Da stand ich auf und machte ein Gesicht, als hätte ich den Mont Pelee im Leibe. Und dann ganz von Oben herab: „Sie scheinen ja eine» schönen Begriff von einer Zeitungs- redaktion zn haben I Die Politik wird doch in der Nacht gemacht I" Jetzt richtete auch er sich auf. Zwei Stühle fielen um, sein Bauch kam mir immer näher. Und er lächelte. Kinder, wie boshaft kann so ein Lächeln sein I Und er sagte, während er seine siebenpfi'mdige Hand ivie znnl Schwur erhob: „Die Sorte kennen nrer! Ob Politiker oder Nichtpolftiker is engal. Gelogen wird doch l" Da darauf ging ich. Da ich meinen Stock auf dem Tisch hatte liegen lassen, nahm ich an der Ecke die Fahnenstange der Kolonie mit. Wenn es sein nniß. kann sie in meiner Wohnung gegen eine Photographie des Eichkatz in Empfang genommen werden.— Girghal. Mufik. Wie sich ans dem Ucbcrbrettl eine Pflege kleiner StimmungS- dramcn zn entwickeln scheint, so aus den„Lebenden Liedern" eine Pflege kleiner Mnsikdrainen. Das heißt: bisher hat die Nachfolge jener im Vorhinein und Nachhinein verunglückten„Lebenden" im „Trianon-Theater" ei» ,L i c d e r s p i e l h a n s" an derselben Stätte(bei Kroll) angetreten, Vorläufig begnügt man sich mit dem Ausgraben von Einakter» Offen bachs. Dieser vielberufcue Komponist und Theater- Erfolgmacher bat seinen Travcstic-Operetten(„Schöne Helena",„Orpheus" usw.) nicht nur eine wertvolle Oper(„Hoffmanns Erzählungen") nachfolgen, sondern auch eine Anzahl beachtenswerter kleiner Singspiele voran- gehen lassen. Von diesen sind mehrere, z. B.„Fortnnios Lied", gerade in der letzten Zeit zn Berlin mit Erfolg hervorgezogen worden. Die Fortführung dieser Aktion ist, wenn wirklich nichts neues Derartiges vorliegt, anerkennend zu begrüßen. Nicht wegen der unsagbar altväterifchen. mit Verwechselungen, rührenden Erkennungen nsw. arbeitenden Texte, sondern wegen der Musik, die trotz aller simplen Mache, trotz eines beschränkten Hinundhergehens zwischen wenigen Hanpttönen doch so viel Gefälligkeit»ud melodische Ursprünglichkeit und selbst dramatische Kunst im Bau der Ensembles enthält, daß man auch eine künstle» rische Freude daran habe» kau». Der Eröffnungsabend(Freilag) brachte die drei einaktigen Lieder» spiele:«Die Zaubergeige",„Paimpol und Periiiette",»Apotheker und gftifm*. Unter den Mitwirienden darf man Wohl in erster Linie Herrn Kapellmeister Robert Erbe» nennen, der am Pianino st) auS der Partitur heraus vorzüglich begleitete. Eine größere Zahl meist guter Gcjangskräfte teilte sich in die zehn schlichten, zum Teil aber doch gesangstechnisch gehaltvollen Rollen. Bor allem fielen drei Tenorc auf', die im Verhältnis zu den sonstigen Tenorlcistungen von heute lobensivert bestehen: zunächst Adalbert Liebän, dann Franz Heydrich und neben diesen mehr lyrischen Tenoren der mehr dramatische Ralph Kor. Von zwei Varytonen, Eduard Erhard und Ferdinand Jndra, sprach besonders jener wann an, obschon ihm der Stimmumfang seiner Rolle in der Höhe etwas viel zumutete. Unter den Frauen hatte Irma U n t s ch(früher am Theater des Westens thätig) die bedeutendste, speciell wieder auch durch Stimmumfang anspruchsvolle Rolle; ihre Stimme bedarf noch größerer Weichheit, ihre Touverbindung noch vollkommenerer Ge- schmeidigkeit; sonst jedoch war diese Leistung recht tüchtig. Nicht übel hielt sich M a r i e Willens, übel Emma S i p p e l. Noch ein Extrabravo der„Zaubergeige" hinter der Bühne!— sz. Aus de», Ti erleben. cc. Dem vielgeschmähten Knckuck ist«in Verteidiger erstanden, der die ihm zugeschriebenen Unthaten für Verlemndung erklärt. Bekanntlich brütet das Kucfncksiveibchen nicht selbst, sondern legt seine Eier stets in fremde Nester, und zivar werde» hierzu die Nester von Insektenfressern, wie Schilfsänger, Stelzen, Grasmücken usw. aufgesucht. Ganz allgcmci» sagt man uns, daß der junge Kuckuck, sobald er aus dem Ei gekrochen, die andern Eier und die Vögel selbst aus dem Nest werfe, so daß er allein die von den Alten zugetragene Nahrung erhält. Zum Beispiel heißt es hierüber in dem großen Nachschlagewerk allgemeinen Wissens, in Meyers Konversations-Lexikon: �.Der junge Kuckuck wächst schnell, bedarf vieler Nahrung, cntzieht diese der rechlmäßigen Brut, welche er aus dem Neste hinanswirst, wird aber trotzdem von de» Pflege-Eltern mit der größten Aufopferung ernährt." Manche Schriftsteller beschreiben sogar anssührlich, wie der eben ans- gekrochene Kuckuck sich in der verschiedensten Weise bewegt, um die neben ihm im Nest Negenden Eier und Jungen aus seine» Rücken zu bringen, auf welchem sich eine borken« oder trichterförmige Vertiefung befindet, dann soll er sich dem Rand des Nestes' nähern und seine Last hinunterstürzen. Der französische Ornithologe Raspail erklärt alle diese Erzählungen für Märchen. Er meint, wer diese Dinge behauptet, habe wohl noch niemals einen eben ausgeschlüpften Kuckuck beobachte» könne». Lediglich auS der Thatsache, daß der junge Kuckuck stets allein im Neste angetroffen werde, sei wohl jenes Märchen entstanden und geglaubt worden. Raspail hat seit Jahren viele Rester genau beobachtet und kommt auf Grund deffeu, was er selbst gesehen, zu der Behauptung, daß kein Vogel so lange Zeit gebraucht, um de» Zustand der großen Schtväche. der bei fastallen Nesthockern nach dem Ausschlüpfen vorhanden ist, zu überwinden, wie gerade der Ruckuck. Noch nach 4S Stunden, Ivo er schon erheblich gewachsen ist, bleibt er still anf dem Boden des Nestes liegen, uufähi'g zu jeder Bewegung. Höchstens hebt' er einmal zitternd den Kopf und öffnet den Schnabel, wenn man den Restrand berührt, da er dann wohl Nahrung erwartet. Nach Raspail ist es die KnckuckSmutter, die die junge Brut aus dem Nest wirft und so dem jungen Kuckuck den Alleindezug der Nahrung sichert. Sie behält das Rest und ihr Ei beständig im Auge, und kurz bevor der junge Kuckuck am Ausschlüpfeu.ist, fliegt sie herzu und entfernt die Mit- bewerber um die Nahrung, die ihr Sprößling allerdings auch sehr not- wendig braucht. Staspail berichtet ferner, daß, wenn der Kuckuck auch durch die Vernichtung der Brut von Insektenfressern Schaden anrichtet, er doch andrerseits der einzige Vogel ist, welcher stark sbehaarte Raupe» frißt und dadurch für uusre Forsten von ungeheuerem Nutzen ist. Daß er Eier und selbst Junge andrer Vögel verzehre, erklärt Raspail für unwahr; ebenso stimme es nicht, daß er auf kleine Vögel Jagd mache, es liege hier eine Verwechslung mit dem Sperber vor, dem er sehr ähnlich sehe. Thatsächlich finden sich in seinem Magen stets nur Motten. Ranpen, Larven und Kerfe. Er erweist sich also als ein sehr nützliches Tier, dem man den Schaden, den es im Interesse seiner Rachkommen stiftet, schon nachsehen kann.— Ans der Pflanzenwelt. — Die Ackerquccke. In der Wochenschrift„Nerthus" schreibt Wilh. Wölkerling: So lauge der Mensch im Schweiße seines Au- gesichts den Acker bestellt, bereiten ihm auf demselben die Unkräuter viele Sorge, muß er doch zu ihrer Vertilgung unnütz Zeit und Geld opfern. Obenan als schlimmster Feind des Laudniannes steht in dieser Beziehung die Ackerquccke, auch Hunds- oder SpitzgraS genannt. Die Wiffenschaft, welche von ihrem Standpunkte ans den Nutzen oder Schaden der einzelnen Lebewesen völlig unberücksichtigt läßt, hat der Quecke den Namen Nribicum repens, kriechender Weizen, gegeben und sie damit in die edelste Klasse der Gräser versetzt. Damit ist ihr aber entschieden zu viel Ehre angetha»; mit diesen nützlichen Gewächsen hat sie doch höchstens eine äußerliche Achnlich« keit in den Blättern und Blüten. Wie bei dem Weizen sind erster« oberseits rauh und mit kleinen Borsten besetzt und die meist fünf- blütigeu Aehrchen haben lanzettlichc, fünfnervige zugespitzte Spelzen. Verantwortlicher Redacteur: Gart Leid tu Berlin. Besonders schädlich aber, und dann» wird die Quecke ja all- gemein verfolgt, ist der gelbweiße, vielfach gegliederte und verzweigte, »mheickriechende Wurzelstock, den man früher ungenau für eine kriechende Wurzel erklärte. Dieser zeigt eine äußerst zähe Lebens- daner. Wo er sich ungestört einnisten und wuchern kann, da bildet er ein festes Geflecht, das für die zarten, feinen Wurzelfasern der andren Gewächse undurchdringlich ist. Reißt man die Rhizome heraus und packt sie auf Haufen, so haben dieselben damit keineswegs zu leben aufgehört. Die Feuchtigkeit erweckt sie wieder zu neuem Thun. Sollen die Quecken für immer unschädlich gemacht werden, so muß man solche sorgfältig sammeln, trocknen und ver- brennen oder mit verdünnter Salzsäure begießen, Sie lassen sich auch als Streu für Schafe verwenden, deren scharfer, nmmoniak- haltiger Urin die Keime völlig zerfritzt. Weniger zuverlässig erscheint ein tiefes Unterpflügen des Unkrautes. Hauptsache für de» Landwirt dürfte eine reine Saat und eine oftmalige gründliche, sorgfältige Lockerung und Reinigung des Ackerbodens sein.' Früher galt die Quecken- oder GraSwurzel(Graminis radix) beim Volke wegen ihres Zuckergehaltes und ihrer anflöscnden, blut- reinigenden Kraft als ein beliebtes Hansmittel gegen Verschleimimgen und mancherlei Krankheiten der Verdauungswerkzeuge, der Leber und Drüseilstocknngen im Nnterleibe. Man will sogar ans Qneckenwurzeln einen Spiritus hergestellt haben, der den'Kornspiritus an Güte übertraf. Doch vollständig überflüssig ist dieses verachletste aller Un- kräutcr auch jetzt noch nicht. Bringt man nämlich die Ackerquecke auf Flugsand, so überzieht und befestigt fic denselben ziemlich schnell, daß bald ein grüner Rasen entsteht und dadurch Dämmen und Erdwällen eine größere Dauer verschafft wird, welchen Wert besonders die Küstenbewohner des Meeres kennen gelernt haben.— Humoristisches. — Der junge Privatier.„Du Huber, ich kann nicht be« greifen, was ans dem jungen Metzgermeisterssohn noch werden soll! Er arbeitet nichts, sitzt meist im Kaffeehaus, befindet sich abends in Gesellschaften, ist immer nobel gekleidet und treibt jede» Sport..,. Was hat er den» eigentlich gelernt?" „Er is a' g' lernt er Protzl'— — D i e Chef-Redactrice.„Die neue Redactrice uusrcs Wochenblattes scheint aber eine schneidige junge Dame zu sein I" „Das will ich meinen! Die wirst alles in den Papier- korb— sogar die abgewiesenen Freier!"— — Abgeblitzt. Stubenmädchen:„Wünschen Sie morgen geweckt zu werden?" Ä e I t e r e r G a st: Ja, liebes Kind— mit einem Kuß I" Stubenmädchen:„Gut— ich will'» gleich dem H a u S« knecht sagen!"— („Fliegende Blätter'.) Notizen. — Hans M e r i a u, langjähriger Kunst- und Mnsikreferent der „Leipziger Volks-Zeitnng", ist, 4S Jahre alt, g e st o r b e n. Durch seine im vorigen Jahre erschienene„Illustrierte Geschichte der Musik im IS, Jahrhundert" war sei» Name auch in weiteren Kreisen bekannt geworden.— — Maeterlinck erhielt für sein Werk„Das Leben der Bienen" in der letzten Sitzung der französischen Akademie den Furtadopreis von IVOS Fr. zugesprochen.— — Björn so ns Drama.Laboremus" hatte bei seiner Aufführung im Wiener Burg-Theater nur einen mäßigen Erfolg zu verzeichnen.— — In die Direktion des Neuen Theaters, aus der N u s ch a B n tz e ausscheidet, wird Max Pütz in der kommenden Spielzeit eintreten.— — Engelbert H u m p e r d i u ck hat eine neue Märchen« Oper komponiert, die voraussichtlich in der nächste» Saison zur erstmaligen Aufführimg im Berliner Opernhanse gelangen wird.— — Am 1. September wird eine C h o r s ch u I e der königl. Oper errichtet; die Leitung liegt in den Händen der Herren Wilhelm Wegener und Hugo Rüdel.— — Ein neues polnisches Museum wird nächster Tage in Krakau eröffnet. Es enthält umfangreiche Sammlungen polnischer Münzen und Medaille», seltener polnischer Bücher und Drucke aus dem IS.— 17. Jahrhundert. Darunter befinden sich zahl- reiche Drucke, die 1475 und die folgende» Jahre in Krakau gedruckt worden sind.— — Unter den Keilschrifttafeln des Britischen Museums hat der englische Assyriologe P i n ch e s Bruchstücke eines babylonischen Lesebuches für Griechen aufgefunden. Die betreffenden Täfelchen enthalten zahlreiche Wendungen und Sätze in babylonischer Sprache, aber nicht in Keilschrift, sondern in griechischen Buchstaben. Dieser merkwürdige Sprachführer gehört dem letzten Jahrhundert v. Chr. au.— — Bei Ansgrabungen in den Ruinen der Etruskerstadt F e r e n t i n u m bei Vitcrbo wurden einige vollständige Statuen, worunter ein prächtiger Eros von griechischer Arbeit, aufgefunden, sowie wertvolle Fragmente, n. a. der Kopf einer VenuS und eines Satyrs und eine Gedenktafel für Germauicus' Tochter Julia.— Druck und Verlag von«Kar Bading m Verlin.