Anterhaliuttgsblatt des Horwärts Nr. Z06. Mittwoch, den 4 Juni. 1802 (Nachdruck verboten.» 26] Drv WlLtnkstttktttn. Roman von Hall C a i n e. Ilnlorisierte UcbersetzmiI. ' Es war Philipp wie einen Vogel, der in den Maschen eines Netzes zappelt. „Mein Vater war ein Dichter, Tante, und strebte danach, ein Weltmann zu sein. Das war, wenn man's recht bedenkt, das eigentliche Unglück seines Lebens." Im Begriff, einen Stich zu machen, die Nadel in der Hand, hielt Tante Nan inne, sah zu ihm auf und sagte mit erregter Stimme: „Das wahre Unglück im Leben Deines Vaters, Philipp, war die Liebe— das heißt, was man so nennt. Doch das ist keine Liebe. Liebe ist Friede und Tugend und ein gerechter Wandel— das andre ist nur Wahnsinn und Verblendung; wenn man daraus aufwacht, so ist es, als ob man vom Alp- drücken erwachte. Die Leute sprechen davon, als sei es etwas Heiliges— es ist aber unheilig. Bücher werden zum Lobe dieser Liebe geschrieben— ich würde solche Bücher verbrennen. Wenn jemand ihr verfällt, so gleicht er dem Blinden, der seinen tührer verloren hat und geradeswegs dem Abgrund zutanmelt. uch Frauen verfallen ihr. Ja, gute Frauen sowohl als oute Männer— ich habe gesehen, wie die Versuchung über sie kam—" Jetzt, war Philipp seiner Sache gewiß; jemand hatte ihm in Sulby nachgespürt. Er war aufgebracht darüber, und sein Zorn eirtlud sich gegen Tante Nan mit einem Strom von Worten.„Du hast unrecht, Tante, ganz unrecht. Die Liebe ist das einzig Köstliche im Leben. Sie ist Schönheit, sie ist Poesie. Nenne es Leidenschaft, wenn Du willst, was aber wäre die Welt ohne sie? Ein Ort, wo jedes inenschliche Herz einsam lväre, wie auf einer öden Insel; ein Ort ohne Kinder, ohne Freude, ohne Lust, ohne Lachen. Nein, nein! Der Himmel hat uns die Liebe gegeben, und wir thun un- recht, wenn wir versuchen,. sie von uns abzuwehren. Auch können wir's nicht, und wenn wir's versuchen, werden wir für unser» Stolz, unsre Anmaßung bestraft. Die Entscheidung, ob wir große oder kleine Menschen werden, sollten wir dein Himmel anheimgeben und selbst nur darüber wachen, daß wir gute und glückliche Menschen werden. Und das größte Glück deS Lebens ist die Liebe." Tic Hand, in der Tante Nan noch immer die Nadel über dcni Modelltuch hielt, zitterte und ihre Lippen zuckten. „Du bist noch jung, Philipp," stammelte sie,„aber ich Hill jetzt eine alte Frau, und ich habe die Früchte des Rausches gesehen, den Du Leidenschaft nennst. Er verwüstet das Leben und zerstört alle Hoffnungen, trennt die Familien, bringt den Vater gegen den Sohn auf und den Bruder gegen den Bruder—" Philipp wollte nicht nachgeben. Er ging niit schweren Tritten im Zimmer umher und brach in die Worte aus: „Du hast wieder unrecht, Tante. Du hast in diesen Dingen immer unrecht, weil Du aus einem besondern Fall allgemeine Schlüsse ableitest— Du denkst immer nur an den Vater. Was Du meines Vaters Unglück nennst, war nur sein notwendiges Schicksal. Er verdiente es. Wenn er für das hohe Ziel, nach"welchem er strebte, befähigt gewesen wäre, so würde es nicht abwärts mit ihm gegangen sein. Daß er fiel, ist ein Beweis seiner Unfähigkeit. Meines Vaters Streben war nicht der innere Antrieb eines ausgesprocheneu Berufs, es war nichts als poetischer Ehrgeiz. Hätte er das große Unglück gehabt, wirklich zuni Deemster erwählt zu werden, so würde er sich selbst erkannt haben und die Insel hätte ihn erkannt, und selbst Du und die ganze Welt würden sich darüber nicht haben täuschen können. Als Poet wäre er ein großer Mann gewesen, als Deenrster aber nur ein Spott, ein Heuchler, ein Betrüger, ein Schwindler." Tante Nan sprang mit dem Ausdruck des Schreckens in ihrem lieben alten Gesicht auf; dabei fiel ein Gegenstand klirrend herab auf den Fußboden. „O Philipp, Philipp! wenn ich glauben müßte, daß Du je seinen Irrtum wiederholen könntest—" Doch Philipp ließ ihr nicht Zeit, den Satz zu Ende zu bringen. Sich das verlvirrte Haar aus der Stirn streichend, verließ er hastig das Zimmer. Sobald er allein war, fing er an, sich zu sammeln. Hakte denn sein Mund wirklich diese Worte gesprochen? Noch dazu von dem Vater— und obendrein zu Tante Nan? Er begriff jetzt, wie es zusammenhing: Er hatte von seinem Vater gesprochen, doch dabei an sich selbst gedacht; er hatte danach gerungen, sich zu rechtfertigen, sich damit auszusöhnen, sich zu stärken und zu rüsten. Indem er das aber that, hatte er ein Idol zertrümmert, den Abgott seines ganzen Lebens, Tante Nans Abgott. In einem Anfall von Neue stolperte er wieder die Treppe hinunter und stürmte noch einmal in das Zimmer hinein. „Tante, Tante I" rief er mit gebrochener Stimme. Doch das Zimmer war leer, die Lampe niedergedreht, der Stickrahmen beiseite geschoben. Unter den Füßen knirschte etwas; er stand still und hob es auf. Es war das Medaillon, mitten durchgesprungen. Der Vorfall erschreckte ihn und er schauderte. Ihm war, als habe er seinem Vater aufs Gesicht getreten. Er steckte das zerbrochene Bild in die Tasche, ging wie ein Schuldbeladener davon und kroch still im Finstern zu Bett. Der Morgen aber brachte ihm Trost für die Qualen der Nacht— er brachte ihm einen Brief von Käthe. „Die Mclliah ist nun endlich, endlich vorüber und ich kann mit meinen Gedanken allein sein. Nachdem Du fort warst, sangen sie noch:„Keyrie fu Snaighty" und„Der König liebt doch nur sein Weib, das thu' auch ich— das thu' auch ich". Wirklich Hab' ich Dir nichts weiter zu nielden, denn nichts von der geringsten Wichtigkeit ist geschehen. Gute Nacht I Ich gehe zn Bett, nachdem ich noch diesen Brief bei der Brücke zur Post gegeben habe. Zwei Stunden später wirst Du mir im Traume erscheinen, wenn ich nicht noch so lange wach bleibe und an Dich denke. Ich thne es sonst immer. Leb' wohl, mein geliebter Herr und Meister! Du wirst mich Ivissen lassen, was Du für das Beste hältst. Deine mißliche Lage beunruhigt nnch schrecklich. Du siehst, Geliebter, wir beide thun etwas, das ganz und gar nicht in den gelvöhnlichcn Lauf der Dinge paßt. Gute Nacht. Ich richte den Kopf empor, damit Du mir noch einen Kuß auf die Augen drücken kannst. Und hier sind zwei für Deine Augen." Dann kamen noch zwei leere Klammern s f. zwischen welche Käthe ihre Lippen gedrückt hatte, in der Erwartung. daß Philipp dasselbe thun würde. II. Philipp betrat am Morgen gerade sein Geschäftsbureau in Douglas, als er einen Boten aus dem Gouvernements- Hanse in eifrigem Gespräch mit seinem Diener fand. Seine Excellenz ließ ihn bitten, sofort nach Onchan zu koninien und dort zum Lunch zu bleiben. Der Wagen des Gouverneurs stand vor der Thür und Philipp stieg ein. Er war nicht im geringsten aufgeregt und lächelte, wenn er an seine Gemütsbewegung nach der ersten Botschaft des Gouverneurs dachte. Als er seine Wohnung ver- ließ, hatte er nicht vergesse», das Abendessen pünktlich auf acht Uhr zu bestelle». Philipp fand den Gouverneuer so höflich und herablassend wie immer. Er saß in einem Gemach, in dem ringsherum lebensgroße Brustbilder früherer Gouverneure hingen, die meisten mit gefältelten Busenstrcifen und Handkrausen, und ein mächtiges Gemälde von König Georg. „Sic werden gehört haben," sagte er,„daß unser Deemster dcL Nordens gestorben ist." „Ist er tot?" erwiderte Philipp.„Ich sah ihn noch gestern nnttag um ein Uhr," „Er starb um zwei Uhr," sagte der Gouverneur. „Armer Mann, armer Mann!" sagte Philipp. Das war alles. Er zuckte mit keiner Wimper, seine Lippe bebte nicht. „Sic lvissen, daß die Besetzung dieses Amtes eine Gerecht- same der Krone ist," sing der Gouverneur wieder an.„Etwaige Gesuche müssen, wie Ihnen bekannt sein wird, bei dem Ministerium des Innern eingereicht werden, doch ist es mög- lich, daß der Staatssekretär mich bei der Wahl um meine Meinung fragt. Ich kann einem Bewerber dielleicht förderlich sein." Philipp verzog keine Miene; der Gouverneur schlug die Beine übereinander und fuhr lächelnd fort:„Ties scheint wenigstens der Eindruck Ihrer Kollegen zusein, Mr. Christian; sie umschwärmen mich schon wie Wespen den Lcimtopf. Aller Wahrscheinlichkeit nach werdm Sie wohl bald mit darunter sein." Philipp wollte Einspruch erheben, aber der Gouverneur winkte ihm mit der Hand und lächelte wieder.„O, ich tadle sie deshalb nicht; junge Leute sind ehrgeizig. Es ist ja natürlich, daß sie im Leben vorwärts zu kommen wünschen. Für Sie liegt gewissermaßen noch ein besonderer Sporn in dein Wunsch, die Stellimg zurück zu gewinnen, die Ihre Familie früher inne hatte und die ihr durch den Irrtum oder das Unglück Ihres Vaters verloren gegangen ist." Philipp verbeugte sich mit ernster Miene, sagte aber nichts. „Das würde zu Ihren Gunsten sprechen," fuhr der Gouverneur fort.„Der Umstand, der am meisten gegen Sie in die Wagschale fällt, wäre, daß Sie noch so jung sind. Lassen Sie mich doch sehen— achtundzwanzig, nicht wahr?" „Sechsundzwanzig." berichtete Philipp. „Nicht älter? Erst sechsuudzwanzig? Und dann, obgleich Ihre Laufbahn bis jetzt sehr erfolgreich, vielleicht sollt' ich sagen ungewöhnlich glänzend war— so ist Ihre Stellung im Leben doch noch keine gefestigte." Philipp fragte, ob Seine Excellenz damit meine, daß er noch unverheiratet sei. „Und wenn es der Fall wäre," erlviderte der Gouverneur mit scheinbarer Strenge,„wenn es der Fall wäre— lächeln Sie nur nicht so geringschätzig, junger Mann. Sie sind alt genug, um zu wissen, daß die persönliche Lebensführung ans unsrer altmodischen Insel doch etwas mitspricht. Es wäre gefährlich, wenn sich das Beispiel des verstorbenen Deemsters wiederholen sollte. Wenn es sich wiederholte, so weiß ich, wer den Tadel über solchen Mißgriff täglich zu hören bekäme. Deemster Mylrea hatte von Amts wegen die Vergehen des Trunks zu bestrafen, und er war selbst ein Trunkenbold; er mußte die Sünden des Fleisches richten, und war selbst ein sinnlicher Mensch." Philipp konnte sich nicht enthalten, ein wenig zu lächeln. „Ich weiß wohl," sagte der Gouverneur rasch,„Sie laufen nicht Gefahr, in seine Ausschweifungen zu verfallen; doch kann man Sie nicht eher mit Sicherheit als Bewerber empfehlen, bis Sie in den Augen der Welt außerhalb des Bereichs jener Schwächen stehen.„Hüte Dich vor den Christians," sagte der große Derby*) zu seineni Sohn. Verzeihen Sie mir, wenn ich diese Warnung einem Christian gegenüber wieder ausfrische." Philipp stieg alles Blut ins Gesicht. Selbst in diesem Augenblick fühlte er sich zum Zorn gereizt bei einer so groben Anspielung auf den Mißgriff seines Vaters. „Sie meinen", sagte er,„daß wir unkluge Ehen zu schließen pflegen." „So ist es", bestätigte der Gouverneur. „Man kann's nicht voraussagen", erklärte Philipp und knackte leise an den Fingergelenken. Der Gouverneur runzelte die Stirn— seine Pockennarben schienen größer zu werden. „Natürlich liegt das alles außerhalb meiner Dienstpflicht, Mr. Christian, ich brauche Ihnen das kaum zu sagen. Allein ich interessiere mich für Sie und bin Ihnen auch schon nütz- lich gewesen, obschon ein junger Mann immer glaubt, daß er sich alles selbst zu verdanken hat. Ah," rief er, sich beim Klang einer Glocke vom Sitze erhebend,„das Frühstück ist bereit. Lassen Sie uns zu den Damen gehen." Er legte seine Hand vertraulich auf Philipps Schulter:„Nur noch ein Wort, Mr. Christian. Senden Sie Ihr Gesuch sofort ein und— beachten Sie den Rat eines alten Praktikus, heiraten Sie. so schnell Sie können. Bei Ihren Aussichten würde es aber sündhaft sein, nicht besonnen zu Werke zu gehen. Wenn es eine Engländerin ist, um so besser; ist sie jedoch von mankischer Abkunft, so sehen Sie sich vor." •) Bezieht sich wahrscheinlich auf James, den man den grotzen Grafen Derdy genannt und der 1651 hingerichtet wurde. Die Insel war seit lange in den Besitz der Familie Stanley gelangt, von deren Gliedern eines unter Heinrich Vkl. zum Grafen von Derby erhoben wurde. Er wurde König von Man. Sein Sohn legte de» Königstitel ab, weil er lieber ein großer Lord als ein kleiner König sein wollte. Philipp nahm das Gabelfrühstück mit der Gemahlin des Gouverneurs ein, welche sagte, daß sie sich seines Großvaters erinnere, die unverheiratete Tochter bemerkte, sie habe ihn für die Fischer in Peel sprechen hören. Ein offizieller Empfangstag, der letzte des Sommers, wurde später im Garten abgehalten und man forderte Philipp auf, dazu- bleiben. Er that es und war Zeuge, wie die Wespen auf den Lcimtopf anstürmten. Sie umsummten den Gouverneur, sie umsummten dessen Gemahlin, sie umsummten seinen Hund und selbst noch ein zahmes Reh, das Trauben aus den Händen der Gäste fraß. Ein alter Herr, der allein in einem Wagen saß', fuhr an dem Rasenplatz vor. Es war Peter Christian Ballawhaine. der schwächlicher, blasser und schiefbeiniger aussah als früher. Philipp ging auf seinen Onkel zu und bot ihm beim Aus- steigen den Arm. Ter Ballawhaine stieß ihn aber zurück und drängte sich bis zu dem Gouverneur vor, mit dem er mehrere Minuten laug ununterbrochen von seinem Sohne Roß sprach; er habe, wie er sagte, nach ihm geschickt, weil er ihn gern Seiner Excellenz vorstellen möchte. Wenn Philipp an der Unterhaltung keinen Genuß faud, wenn er weder glücklich noch vergnügt aussah, so war das keineswegs die Schuld seines Wirts.„Wollen Sie nicht Lady Soundso an den Theetisch führen?" fragte der Gouverneur. und augenblicklich befand sich Philipp in einem Kreise vor- nehmer Damen, deren Männer von der Königin zu Rittern ernannt und die selbst von Gott weiß wem zu Ladies gemacht worden waren. Man sprach von dem verstorbenen Deemster. „Solch ein Leben! Es war eine Gnade, daß er es so lange ausgehalten hat." „Ein Jammer, meinen Sie, meine Liebe, um es milde auszudrücken." „Der Aerniste! Er hätte heiraten sollen. Solch ein Mann bedarf einer Frau, die nach ihm sieht. Ist das nicht auch Ihre Meinung, Mr. Christian?" „Aber," sagte eine Matrone mit weißein Haar,„haben Sie denn nie von seiner romantischen Geschichte gehört?" „Ach, erzählen Sie doch I Wer war denn die Dame?" „Die Dame"— es entstand eine Pause. Die Matrone mit weißem Haar hustete, lächelte, schloß ihre kleinen Luchs- angen und sagte im Flüsterton mit künstlich angenommener Würde:„Die Dame war die Tochter des Hufschmieds, meine Teuerste." Und darauf folgte ein lustiges Kichern und Lachen. Philipp fühlte sich unwohl, nahm Abschied von seinen Wirten und entfernte sich. Sein Onkel trat ihm beim Fort- gehen in den Weg und streckte ihm beide Hände entgegen. „Was soll denn das bedeuten, Philipp? Du kommst ja gar nicht mehr nach Ballalvhaine. Doch ich verstehe— ver- stehe. Man ist zu sehr mit den Damen beschäftigt, um an einen alten Onkel denken zu können. Sie sprechen alle von Dir. Du hast's ihnen angethau. Weiß schon, ich weiß— sage nur nichts." (Fortsetzung folgt.) Vevlinev Secef�on. i. Es traf sich in diesem Jahre so, daß ich fast direkt ans Florenz in die Berliner Seccssion kam. Die beinahe schreckhafte Empfindung wüßte ich kaum zu schildern, die mich befiel, als ich zum erstenmal wieder vor den Werken der Neuen stand, nachdem ich einige Wochen unter den Kmistlverken der Ncnnissauce gelebt hatte und von diesen tiefen Eindrücken noch völlig erfüllt war. Mir war, als hätte ei» grelles Streiflicht die ganze unglückselige Lage des Knnstschaffens in unsrer Zeit erleuchtet, und dieser Gesamtcindrnck, den ich von der Ausstellung der Seccssion empfing, erschien mir so viel wichtiger als die Wirkung der eiuzeluen Werke, urit denen ich mich noch zu beschäftigen haben iverde. Es ist vielleicht gut, den Blick einnial für einen Augenblick von den ein- zeluen Leistungen auf das Ganze zu richten. Gewiß, auch sonst fällt dem Besucher einer modernen Ans- stellung das Nebeneinander der allerverschicdensten Stilformen auf. Da stoßt man auf Kontraste, tvie sie kaum schärfer sein können; ein in den lichtesten Farben gehaltenes Bild hängt unmittelbar neben einem ganz tief getönten, unbedingteste Naturnachahmung findet ihren Platz »eben strengster Stilisierung und zivanglosester Phantasterei usw. Aber so lebhaft empfunden in seiner ganzen Unnatürlichkeit habe ich dieses Chaos nie als in dem Augenblick, wo ich aus einem alten Kunstcentrum kam, dessen Größtes vielleicht die lvunderbare Har- tnonie zwischen der Natur und der Kunst ist, in de», man fühlt, wie die Kunst sich auf diesen, Boden als ein or>,anisches Gedildc cnt- wickelt hat und in dem gerade dieses Verfolgen des schrittweisen Ausstieges der Künstler zu den höchsten Höhe» einzigartige Eindrücke gicbt, die in das tiefste Wesen der Kunst hineinführe».' Wer wollte sich unterfangen, bei der modcnicn Kunst eine» groszcn Entwicklungs- zug in diese», Sinne aufzuweisen, unter den sich alle ihre Er- ichcininigsforinen begreifen liesje»? Das eine Princip der Frcilickt- »inlerei, das sich allerdings im Lauf des lehtcn Jahrhunderts durch- gesetzt hat, genügt doch nicht und erklärt nicht entfernt alle die zahllose» Tendenzen, die schnell aufgcuonnnci, werde» und meist fast ebenso schnell wieder vergehen und die oft genug die Entwicklung durchkreuzen und hemme». Schon die ganz andre Stellung der Kunst im Leben ihrer Zeit damals und setzt vermag vieles zu erklären. Noch heute, nachdem jene große Zeit der Kunst auch für Italien schon drei Jahrhunderte vergangen ist, empfiiidet man in Florenz de» eigenartigen Zauber, den gerade das Hiucintrete» der Kunst in das Leben ausübt. Daß die größten Knustwerke, von deren Bedeutung man bereit» durch Photographien erfüllt ist— recht»ugcnügcud freilich, da der Glaube an die Photographie ein sehr mcrlwürdiger Aberglaube nnsrer Zeit zu sein scheint—, so auf de» Straßen hermnstchcn, ist einer der seltsamsten Eindrücke, die den an die Museen gewöhnten Deutschen immer von neuem überrasche». Nach solchen Ersahrnngcn begreift mait erst richtig die längst vorhandene Nebcrzeugnug, daß die moderne» Ausstellnugen ein zwar sehr notwendiges, aber doch sehr schlimmes llebcl sind. Sic erscheinen als Symbol für die That« fache, daß die Kunst in nnsrei» Leben keine eigentliche Ställe mehr bat und daß ihr so die unumgänglichen Bedingungen für«ine organische Eiitwicklung versagt find. Die Unruhe, in die ein Neberblick über die ganze Ans- stelluug den Beschauer versetzt, verläßt ihn aber auch vor dem einzelnen Werke nicht. Es ist. als wäre die nervöse Hast, die unser Leben erfüllt. auch von der Kunst nicht gewichen, als redete ein jedes der Bilder in einer auigercglen Sprache z» uns. und es entstünde ans dem Durch- einander der verschiedenen Stimmen ein beängstigendes Tohuwabohu. Welche andern Bilder steiget, in mir auf, ivcin, ich an eiiicu der Säle zilriickdeuke, in denen die i» den Kunstniitteli»»»d in ihren, Temperament doch auch so stark sich unterscheidenden Bilder der Alte» hinge»! Wie km» es, daß von ih»e» eine so tiefe beglückende Einpfindnng, eine beseligende Riibe ausströmte, die noch in der Er- innerung ihren starken llieiz behält? Lag es nicht auch daran, daß man vor diese» Bildern fühlte, mit tvelcher Hmllnbe, mit welcher »neudlichcn Liebe zur Sarve ihre Schöpfer sie so weit vollendet halten, als es nur irgend in ihrer Kraft lag? Es ist doch merkwürdig, was die Gewohnheit thut. Eine An- zahl der jetzt nr der Ausstellung der Scceisivn gezeigten Bilder habe ich früher schon in Salons gesehen, die andern sind doch in der bc- kannten Art ihrer Schöpfer gemalt,»lud ich kann mich nicht erinnern, daß mir die Maltveise, die nur die großen Züge des Eindrucks wider- giebt und mir breite», nicht ineinander veriricvencn Strichen arbeitet, irgendwie störend anfgefalle» wäre. Als ich jetzt zini, ersten Male die Ansstellniig betrat, ivar mein erster Eindruck diese imprcssionisiische Technik bei den»leisten Bildern, die mir fast tvie eine Hoheit erschien, über die ich kann, hinlvcgkonnneii konnte. Dabei liegt es mir gewiß fern, etwa Glätte des Vortrags als einen Vorzug an sich anzuseheii, der unerläßlich wäre für eine vollkommene Wirkung. E» handelt sich doch ivohl im, ein tiefer liegendes Problem. Ist der schrankenlos« Subjektivismus, dem im Grunde die Künstler heut« fast alle huldigen, ivirklich das oberste Gesetz der Knnst? Wenn ein Corinth eine.Grazie" malt»nd er empfindet bei dem Modell, das ihm den Nücke» zukehrt, die Füße nur als Farvenfleck ivirkend, so malt er eben nur den Farbenfleck. Ist mit dieier skizzen- haften Wiedergabe der allgemeinsten Impression ivirklich da? lctztcWort der Kunst gesagt? Folgt sie nicht auch eignen Gesetzen, die immer klarer heianSznarbeiien nnd innerhalb derer sein innerstes Empfinden aiiszildrückeii des Künstlers höchstes Ziel sein sollte? Jene Alten haben sich diesen untergeordnet, aber sie haben trotzdem sich selbst mit einer Klarheit anszndrückc» vermocht, die nicht überboten werden kann. Gerade iuden, sie sich vollkomnien der Sache unterordneten nnd iinr alles zu gebe» suchten, was sie davon zu sagen Ivnßtcn, haben sie in viel tieferen, Sinn« ihre Seele in ihre Bilder mit hin- eiugemalt. Das merkwürdigste dabei ist, in welchen, Maße dies unabhängig ist von der Höhe der künstlerischen Entlvicklinigsstnfe. Jeder der großen Künstler hat die AnSdrucksmittel seiner Kunst nni ein gc- ivaltiges Stück gefördert, aber die mächtigsten Temperamente stehen doch ain Anfang der Entloicklung, nnd sie vermögen mit den primitivsten Mitteln das höchste zu sagen. Diese Erfahrung ist geeignet, die übertriebene Schätzinig, deren sich die technische Vollendung in nnsrer Zeit erfreut, etivaS herabzustiinmen und mehr auf das zu sehen, Ivas der Künstler nnt seinen Mitteln auszudrücken in, stände gelvesen ist. Diese Wertschätzinig der Technik ist historisch sehr gnt zu verstehen; sie ist die Folge einer begründeten Reaktion gegen eine Periode, in der man mit den untanglichsten Mitteln das allerhöchste ausdrücken wollte. Aber wenn man sie wie in der klassischen Zeit als selbstverständlich voraussetzte, jedoch tvenigcr in den Vordergrund stellte, so würde jener Stilwirrivarr sich von selbst beschränken; es käme nicht mehr so darauf an, daß jeder Künstler schon äußerlich seine.eigne Note" hätte,»nd viel von der Willlürlichkeit, die den modenie» Kunstwerke» oft anhaftet, würde schwinden. Es ist hier nicht der Ort, den Gegensatz zwischen alter und moderner Knnst anSführlickist zu erörtern. Nur in einzelne» flüchtigen Strichen wollte ich diese Eindrücke skizziere», um so vielleicht für die Gcsamtcharakteristik der modernen Knust ein wenig beizutragen An, ivenigften aber möchte ich das Streben der modernen Künstler herabsetzen. Im Gegenteil, gerade wenn man Ein- blick in das Milieu gewinnt, in dem die alte Kunst erwuchs, ivird man begreifen, daß sie, die unter so unendlich viel günstiger« Bedingungen gestellt war, sich harmonischer und zu größeren Forme» entlvickeln konnte. Was bedeutet das eine neue Problem, an dessen Lösung die moderne Malerei erfolgreich gegangen ist, die Frcilicht« malcrei, gegenüber der Fülle von tünstlerische» Aufgaben, vor der die alte Malerei sich gestellt sah? Was folgt allein aus der Thatsache, daß der heutige Künstler beinahe ausschließlich für einen Ansstellungs- markt arbeiten»»iß, für die Art seines Schaffens. Fast erfchcint es mir als ein größeres Wunder, daß unter den modernen Kultur- bcdingnngeil die Laudschaften eines Manet oder die»Bersuchllug des heiligen Augustin" von Rodi» entstehen konnte», als daß die modern« Kunst im nnuuttelbaren Vergleich der alten unterlegen scheint.— —Id. Kleines �euillekon. lc. Die schöne Aussicht. Morgens ist es still um den Aussichts» türm, die stillste Zeit vom Tage. Man hört keinen Laut als das Rauschen im Walde. Hin nnd wieder zirpt eine Meise, oder em Spechlhälnmcrn klingt aus de», Holz, das ist alles. Aber allmählich erwacht das Leben; die ersten Touristen treffen ein. DaS ist eine merkwürdige Gesellschaft, keine ans den, großen Schwärm. Früh sind sie aufgebrochen, früh sind sie da. Einzeln kommen sie, höchstens zu zweien oder dreien, mit ein paar Frennden oder Mann und Weib,»nd oben sind sie still. fast so still wie der Wald rundum, nur ein vereinzelter AnSruf hin lind wieder:»Wie schön I" Und so stehen sie nnd sehen hiuanS auf die Wälder, die im Winde woge» tvie ein grünes Meer, auf den Strom, der sich badet in, Souneugold, auf die roten Ziegeldächer, die schimmcruden Saaten. Auf ihren Gesichtern liegt ein Ausdruck, der ist wie Verklärung, als schivebten sie im Geiste weit hinaus über Alltagslärm und Alltagskleinheit. Das sind aber eben nur Einzelne, uud sie kommen in der Frühe. Je höher die Sonne steigt, desto zahlreicher kommt der große Schivarm. Er kommt mit Kindern, mit Lärm und Lache» und Leben. Er stürzt sich ans Tische und Stühle und schreit nach Bier, Bier ist sein einziger Gedanke. Bier her, Bier her I Die Dicken stöhtien. Sie fanchen wie Dampfmaschinen nnd schnappen wie Fische, die a», Verenden sind..Uhjejes, Uhjeses, der Berg nnd die Hitze I" '.Und dann soll man noch so lange aufs Bier Ivartenl" .Kell— nchr,— Herr Ober I Ich komme um". .Seht Ihr. ivas habe ich Euch gesagt? Weshalb sind wir nicht uuteu geblieben? Unten saßen wir so schön in. Schatten, nee, da ntüssen wir nns den Berg rausschindcn I Was habt Ihr denn im an der dämlichen Aussicht? Man sieht ja doch bloß Waffer und Baume." Es gicbt sehr viel llnznfried'ne hier. Die Herren unter der Halle zaiilen auch:.WaS, das soll Bier sein? Das haben Sie wohl erst kochen lassen?" .Das schmeckt ja wie Kienöl und Petroleunu" .Fs nlir sone Wirtschaft vorjckomme», zwanzig Grad im Schalten, nnd sie briilgcn einem Bier von dreißig Grad I" „Na. Kinder, ärgert Euch nicht überS Bier, freut Euch lieber über die schöne Aussicht." .Ach was Aussicht, Durscht Hab' ich I" Aber Einzelne freut die Aussicht doch. Sie schauen hinaus mit Fernglas und Operngucker und beorakeln die Gegend. .Der Kirchturm dahinten, da« ist Potsdam." .Ach Ivo. das ist ja'n Fabrikschornstein, das ist Spandau." .Spandau kann nicht so nah liegen." .Und Potsdam liegt da, wo die Sonne untergeht." .Es ist ein Schiffsmast", sagt ein Dritter. „Nein, sich mal. die Erhöhung daneben sieht aus wie der Kreuz- berg, der Turn, dahinter kann der Nathausturm fein, man sieht ja hier nach Berlin I" „Es ist hier entschieden der schönste Punkt bei Berlin", meint entzückt eine junge Frau:.Diese Wälder, dieses Wasser, man kauil sich gar nicht satt'sehcn I" „Ach, Thüringen ist viel schöner." „Was ist denn das für'n Berg hier, das ist doch gar kein Berg, das ist ja noch nicht nial'n Hügel." .Ich Hab' gar nicht gesagt, daß eS ein Berg ist, ich Hab' nur gc« sagt: es ist schön hier." „Ja, aber im Schwarzwald wachsen richtige Tannen, und Jh» habt hier doch bloß einfache Kiefern, und wenn man den Rhein ge» sehen hat, was ist denn dann noch die Spree und die Havel.. „Wunderschön", saqt die junqe Frau, und ihre Äuqen HSuge» ivic trunken nu dein weiten, lachenden Bild�„Ontel hat überhaupt gar nicht durch die bunten Gläser gesehen", ineint der Backfisch, „durch die bunten Gläser sieht die Gegend ganz anders aus, be- sonders in Lila." „Ach nein, ich finde in Feuerrot", streitet eine>nitge»oinmene Freundin;„in Feuerrot ist es ivie Weltuntergang oder ivie italienische Nacht mit bengalischer Beleuchtung." „Steht blos; nicht und erzählt so viel." Eine Dame, die voraus gelaufen, kommt wieder zurück und wendet sich empört zu der jungen Frau:„Nun stehst Du immer noch und siehst auf die Aussicht, die Kinder ivollc» doch im Waldschlofi Caroussell fahren." „Ja. und ivir lvollcu tanzen, komm doch Marie!" Die beiden jungen Mädchen ziehen sie fort. „Wollen lvir nicht auch gehen?" fragte jemand an einem andren Tische.„Zu essen kriegt man hier oben doch nichts Bemiinftigcs, kommt!" „Ja, ja, wir gehen ja gleich; aber erst nochs Fremdenbuch. „Ja, ja,'s Fremdenbuch, Doktor; was suchen Sic denn eigcnt- lich drin? Geben Sic doch her, damit ivir einschreiben können." '„Ich will ja blofi'» passenden Vers suchen." ,, Schreib' doch einfach:„Bier schauderhaft!", das genügt." „Rein, hier steht noch was Besseres. Das nehmen wir:„Ruf- geklommen— rnmgeschaut— Buch genommen— riugeklaut."— Schenfilich, aber famos. Das schreiben ivir muh." „Schreiben wir auch!" Sic jauchzen und beugen sich über Vis Buch. „Nun haben wir uns aber fein verewigt," sagt der Doktor.— ie. Der Aschenrege» auf der Insel Barbados wird in dem neusten Heft der„Ratnre" ausführlicher geschildert, als es bisher der Fall gewesen ist. Die eigentümlichste Thatsache, die aus dieser Erscheinung hervorgegangen ist, liegt darin, daß die vulkanische Asche von Si. Vincent in einer dein aii der Erdoberfläche herrschenden Wind entgcgengcfetzten Richtung durch die Luft getragen wurde. Es ist daraus zn schlichen, daß in einiger Höhe Westivind herrschte, während mite» Ostwind zu beobachten ivar. Genau das Gleiche war auch schon bei dem Bulkanansbrnch vou 1812 beobachtet worden. Nach den allmählich geschehenen Untersuchungen hat der Aschenregen auf Barbados eine Schicht vou S/8— Vs Zoll Dicke hinterlassen. Das scheint geringfügig, aber es ist zu bedenken, dnh die Asche jeden Gegenstand auf der ganzen Insel mit einem grauen Staubmantel überzogen hatte. Nach Fcststcllnng des specifischen Geivichtes der Asche ivird die über die Insel ausgestreute Menge auf nahezu 40 Millionen Centner veranschlagt. Die Beivohner der Insel hatten de» Aschenregen eigentlich nicht ungern gesehen, ivcil sie glaubten, dah er zur Fruchtbarkeit des Bodens beitragen ivürde. Diese Erivartnng ist nun auch getäuscht worden, denn nach einer vorläufigen cheniischcil Untersuchung besitzt die Asche keine Eigenschaft, die dem Boden einen höheren landwirtschaftlichen Wert verleihen könnte. Die Asche bestand ans vulkanische» Mineralien und vulkanischem GlaS, jedoch ivaren erstere in größerer Menge vertreten, während der Aschenregen von 1812 hauptsächlich ans dunkelbraunem vulkanischem Glas zusammengesetzt ivar. Die Reise von St. Vincent »ach Barbados hat die Aschenwolke in sehr kurzer Zeit zurückgelegt, nämlich in etiva zivci Stunden. Der Vulkan Soufriör« hatte am frühen Nachmittag seine Thätigkeit begonnen, und um 3V« Uhr wurde bereits der erste Aschcnfall auf Barbados beobachtet, da»» nahm er allmählich zn und ivnrde inn die Zeit des Sonnen- Unterganges so dicht, dnh fast völlige Dunkelheit eintrat, die nur durch' glänzende Blitze, von heftigen Donnerschlägen begleitet, unterbrochen ivnrde. Die obere ivestliche Luflströniung muh danach eine Schnellznggcschwindigkcit von etiva 80 Kilometer in der Stunde gehabt haben. Von weiteren Erscheinungen Ivird noch gemeldet der plötzliche Aiisbrnch einer Pctroleuinbohrung, die aus der Tiefe von 900 Fuh einen Schlammstrom bis zu 100 Fuh über die Erdoberfläche hniaussandte. Außerdem ivnrde bei Bridgetoivn am Nachmittag des 7. Mai eine besonders hohe Flutwelle beobachtet. Von anhcrordeutlichem Interesse sind in dem ueneste» Heft der„Nature" die Mitteilungen des berühmten englischen Erdbebeiiforschcrs John Milne über die Bcobachtnngen'nn der von ihm begründeten Erdbcbenstation auf der Insel Wight. Der Bericht bringt unter anderm auch zwei Abbildungen. die sich auf Messungen von Erdcrschüttcrnngcn ani IS. April und am 8. Mai bezichen. Am IS. April fand das starke Erdbeben in Guatemala statt, und zu gleicher Zeit geriet ans der Insel Wight, also in Süd-Eugland, der Erdbebenapparat in heftige Schivanknugen, die fast drei Stnndcn anhiellen. Die Beivegnngen des Apparats am 8. Mai, die also niit der Zeit des schlimmsteil Ausbruchs des Moni Pclse zusammenfielen, ivaren im Vergleich dazu geringfügig und dauerten auch nur etiva IVs Stunden.— Geschichtliches. cy. Eine Volkszählung mit Hindernissen. Die alten Juden hatten einen ansgesprochenen Widerlvillen gegen Volks- zählungcn. So lange ein selbständiges jüdisches Gemeinwesen be- standen hat, ist die einzige gangbare Methode, um eine Vorstellung von der Höhe der Bevölkerungsziffer zu gewinnen, die gcivesen, dah man zu Ostern die Passah-Lammer zählte, die Ziffer mit zehn muliplizierte, da ein solches Lamm durchschnittlich von zehn Personen gemeinschaftlich vertilgt ivnrde, und zu der so geivonnencn Zahl noch Verantwortlicher Nedacteur:(Sarl Leid in Berlin. einen Panschsntz für llureiue und Aussätzige schlug. Die allgemeine Ab- neiguug derJnden gcgeu statistischeAnfnahmen datierte schon aus der ersten Zeit des israelitischen Königinms. David»ahm eine Volkszählung vor. nnd deshalb ergrimmte Gott ivider ihn und das Volk Israel, so dah er es mit einer dreitägigen Pestilenz schlug. Woher dieser Zorn, darüber sagt die Bibel nichts. Vermutlich aber ist der geheime Sinn der Erzählung der, dah das Volk hinter der Volkszählung des Königs Kopfsteuer-Pläue lvittcrte, demgemäh die Prozedur für etwas Goii- loses und die Pest für eine göttliche Strafe hielt. Man muh dies schliche» aus den Umständen der ziveiten Volkszählung, die bei den Juden stattgefunden hat: zur Zeit, als sie schon zum Römischen Reich gehörten. Es handelt sich dabei nicht etwa um die allgemeine Zählung, von der zu Ansang des Llikasevangeliums die Rede ist. Die hat nämlich in Wirklichkeit niemals stattgefnudei', sondern ist von dem biblischen Schriftsteller angenommen ivordeu. um eine Handhabe dafür zu gewinnen, dah Christus, den alten Prophezeinugcn gemäh, in Bethlehem zur Welt kommt. Dagegen ist thatsächlich eine Bolkszählinig in Palästina mrtemommen worden etliche Jahre nach Christi Geburt, als Publins Sulpicins Quirinins Stalthalter von Syrien ivar sl!— 11 n. Chr.) Diese Mah- »ahme verursachte einen grohen Aufstand unter den Juden, der be- sonders in Galiläa grohe Wellen schlug. Sie sahen nämlich in der Volkszählung das Vorspiel zu einer neuen Steuer, nnd damit mögen sie in diesem Fall nicht so unrecht gehabt haben. Das Blut floh nun in Strömen, bis die römischen Legionen deS jüdischen Volkes Herr wurden, der revolutionäre Führer, Judas der Galiläer. am Kreuze sein Ende fand. Seitdem aber haben die römischen Statthalter keine neue Volkszählung in Palästina versucht, das Vorurteil dagegen war zu mächtig.— Humoristisches. — Fatale Nebenbetonung. Sic:„Hier, auf dieser Bank, haben wir uns zuni erstenmal Liebe geschworen." E r:„Ja, ich kann mich noch gut ans die B a n k k a t a st r o p h e besinnen."— — S ch I i m m e r V e r d a ch t. Besuch:„Ist das die Tochter des HauseS, die hier im Nebenzimmer Klavier spielt?" D i e n st in ä d ch e Ii: Nee, das ist der Papagei, der über die Tasten läuft."— — Feine Auskunft. A.(am Platze fremd, nach einem Bankier fragend, ivelcher seit kurzem durchgebrannt):„Welches ist der nächste Weg zum Bankier Goldstern?" B.:„lieber Hamburg— und dann müssen Sie eben wieder fragen."—(„Meggendorfer Blätter".) Notizen. — G e r h a r t H a n p t m a n n hat seinen„Florian Geyer" einer llmarbeitung unterzogen. In seiner neuen, verkürzten Gestalt soll das Werk in der nächsten Saison am Deutschen Theater zur Aufführung gelangen.— — Arn Mittwoch, den 4. Jnni, abends 83li llhr, veranstaltet die litterarische Gesellschaft„Frührot" im tzotcl„Saxonia", Berlin W., Königgrätzerstr. 10, einen Vortragsabend. Tagesordnung: Wilhelm Weigand:„Florian Geher." Einleitender Vortrag': Dr. Karl Storck. Recitation: Schriftsteller Engen RIbu.— — Litteratnrfrcunde in Deutschland'. Ocstreich und der Schweiz haben eine Deutsche Dichter- Gedächtnis- Stiftung begründet, die den Zivcck verfolgst dem deutschen Volke seine Dichter durch Herstellung von billigen Ausgaben, sowie durch Zuwendung von Exemplaren an die Volksbibliotheken näher zu bringen. Die Stiftimg hat ihren Sitz in Hamburg. Beiträge in jeder Höhe nimmt die Deutsche Bank eiitgegen.— — Emil Stamm er, langjähriges Mitglied der Berliner Oper, ist für das Theater des Westens engagiert worden.— — In Düsseldorf wird nnter der Bezeichnung„Freie Kunst" eine S o n d e r a u s st e l l n n g Düsseldorfer K ü n st l e r eröffnet werde», die sich in bcivuhtcn Gegensatz zu der grohen Aus- stellung im neu erbauten Kunstpalast setzt.— — Unter altem Gerüinpel der Knnsthandlinig Artaria in Wien sind drei Bilder des italicuischen Bnrockmeisters Giovanni B a t t i st a T i e p o l o aufgefunden worden, dessen Kunst auch auf deutschem Boden, in Würzburg, bedeutende Werke hinterlassen hat.— c. lieber einen merkwürdigen Aberglauben wird einem englischen Blatte ans Simla berichtet: Obgleich die Hungersnot in dem gröhcren Teile von Radschputana, Gudschcrat und den centralen indischen Staaten jetzt iveniger verbreitet als bisher ist, werden die nächsten Monate doch viele Leiden bringen: 400 000 Leute arbeiten bereits an Notstaudsarbeiten der Regierung. Die Ratten sind zum grohen Teil verschwunden, haben aber einen beträchtlichen Teil der Baumwollernte zerstört. Die Beivohner Gudschernts haben dabei die merkwürdige lieber- zeugnng, dah die Ratten Berkörpernngen ihrer während der letzten Hungersnot gestorbenen Freunde sind, und die britischen Beamten sind daher bei der Bekämpfimg dieser Plage nicht unterstützt ivordeu.— Druck und Verlag von Max Bading in B-rlm..