Mnterhaltungsblatt des Horwäris ?t?. Z07. Donnerstag, den 5. Juni. 1902 «Nachdruck verbalen.) 27] Dov LNnnlkStttnntt. Roman von Hall C a i 11 e. Autorisierte Ucbersetznng. III. Philipps Nachhauseweg ging durch die Stadt; er machte jedoch einen Umweg über Land um Onchan herum, so schwer lag's ihm auf dem Herzen, so ganz war er von bitteren Gefühlen überwältigt. Das. woran er fünf lange Jahre ge- arbeitet hatte, das Ziel, wonach er gestrebt, für das er ge- kämpft— es war sein, er brauchte nur die Hand danach auszustrecken. Und doch, obschou es so gut wie erreicht war. konnte er es nicht ergreifen. O, dieser Hohn seines Schick- sals— diese Ironie seines Lebens. Es schrie zum Himmel. es war, um wahnwitzig z« werden I Daun flüsterte ihm sein kühnerer Geist wieder zu:„Was soll dies kindische Toben? Das Glück kommt Dir mit vollen Händen entgegen. Nur Mut, und Du kannst beides haben, das Verlangen Deiner Seele und den Wunsch Deines Herzens beides: das Deemsteramt und Käthe." Aber das zu glauben war unmöglich. Wenn er Käthe heiratete, würde der Gouverneur ihn nicht zum Decmster empfehlen. Hatte er uicht darauf hingewiesen, daß er die öffentliche Meinung der Insel berücksichtigen müsse? Und war es denn undenkbar, daß der Gouverneur außer dem selbstlosen Interesse, das er für ihn gezeigt hatte, noch von einem persönlichen Interesse beeinflußt wurde, welches ihn noch entschiedener als die Furcht vor den altmodischen mankischen Sitten daran hindern würde, Philipp zu dem Amt zu empfehlen, wenn er nicht das richtige Weib zur Gattin»ahm? Während er durch die Felder schritt, stieg plötzlich eine unbestimmte Erinnerung an das Frühstück im Gonvernementshause in ihm auf, an die Gemahlin und Tochter des Gouverneurs, ihr Eutgegenkomnicn und ihre unbegrenzte Huld. Im nächsten Augenblick schon nahm er sich zwar zusammen und empfand alle Qualen der Selbstverachtung; er haßte, er verabscheute sich, stieß den Absatz heftig in das Torftnoos des Bodens und nannte sich einen nichtswürdigen Undankbaren. Die Idee hatte aber doch Wurzel gefaßt— er konnte es nicht hindern; das Interesse des Gouverneurs kam gar uicht in Betracht. „WaS für ein Narr bist du, Philipp," schien ctwaS aus dem dunkelsten Winkel seines Gewissens ihm zuzuflüstern, „nimm erst das Deemsteramt und heirate Käthe nachher." Allein, auch das war ein Ding der Unmöglichkeit. Gesetzt, er hätte es mit allen Künsten der List und Verstellung ausführen können— was dann? Die hohen Wälle des Herkommens und des Vorurteils blieben doch unübersteiglich. Philipp er- kannte das deutlich, als er au die Unterhaltung im Garten dachte. Der Deenister, der Sitte und Brauch ins Gesicht schlug, tvürde dafür leiden müssen. In der Oeffentlichkcit ein hochgestellter Beamter, tvürde er als Privatmann, von allen Standesgenossen in den Bann gcthan, ein Einsiedlerleben führen. Ihn fröstelte, wenn er sich das Weib, das seine Gattin geworden, im Umgang mit den Damen vorstellte, die er eben verlassen hatte. Sic war ihnen vielleicht an Bildung überlegen, und was wahre Lebensart, natürliche Anmut und Schönheit, Wohlgestalt und Liebreiz betraf, so ließen sie sich nicht einmal ini Traum mit ihr vergleichen; dennoch würde mau nie vergessen, daß sie nur die Tochter eines länd- lichen Schankwirts ivar, und jeder kleine Stein der baufälligen Pyramide von Stand und Rang, selbst die Tochter des städtischen Gastwirts würde wie von einem Throne auf sie herab sehen. Im Geiste sah er die Damen bereits, wie sie ihre Karten an der Thür abgaben und eilig davonfuhren. Sie waren das der Stellung des Deemsters schuldig und mußten die bittere Pille hinunterschlucken. Dann konnte er seine Gattin allein zu Hause sitzen sehen, ein elendes Weib, verachtet, beneidet, gemieden, ausgeschlossen von ihrer eigenen Gesellschaftsklasse durch ihre Heirat mit dem Deemster und von der seinen durch des Deemsters Heirat mit ihr. Und er sah auch sich selbst. Man durfte ihn weder beleidigen noch übersehen, dazu war er zu mächtig und zu gefährlich; aber er ging ohne Beifall seinen Pflichten nach und kehrte unbcglcitct zu seiner Gattin zurück. Schließlich erinnerte er sich seiner Eltern und mutzte sich's ausmalen, wie er fünf Jähre nach seiner Heirat mit Käthe zu Hause sitzen tvürde, nachdem daS erste Glück, das sie im Zusammensein mit einander gefunden, verblaßt und schal geworden war und sie elendiglich darben mußten in ihrer Ab- geschlossenheit. Oder wenn er vielleicht mit ihr spazieren ginge, stets nur mit ihr/ mit ihr allein, nur immer zu ztvcien, heute, wie gestern abend, und die folgenden Abende wieder, durch die mit Menschen gefüllten Straßen zum Hafen hinab, tvo die Fischer zusammenkommen, über die Brücke und die Land- zunge, zwischen Himmel und Meer; an Leuten vorbei, die sich ehrerbietig, steif, frostig vor ihnen verneigten oder ihnen nachblickten, sich einander anstießen und etwas zuraunten, was tvürde das Ende eines solchen jammervollen Lebens sein? Würden sie sich nicht zuerst unglücklich fühlen, allmäh- lich immer weiter herabsinken und endlich auch schlecht werden? „Was für ein Aufhebens machst du aber auch von allem," sagte die Stimme, jetzt abermals und lauter als zuvor. „Du möchtest gerne das eine thun und daS andre nicht lasten, aber wer seinen Kuchen aufißt, hat ihn nicht mehr.„Dies alles hat ja weiter nichts zu bedeuten, als daß du den Kuchen nicht haben und essen kannst. So nimm denn Käthe und laß das Deemsteramt fahren." Aber auch dieser Rat bot ihm nur wenig Trost, denn man mußte doch auch in Anschlag bringen, daß, wenn ihn die Heirat mit Käthe abhielt, Deemster zu werden, sie ihn zugleich daran hinderte, irgend eine Stellung auf der Insel einzunehmen. Wie es seinem Vater ergangen war, ivürde es auch ihm er- gehen— es gab hier keinen Raum für den Mann, der ioissent- lich die Schranken der gesellschaftlichen Ordnung durchbrochen hatte. „Quäle dich nicht mit so thörichten Anstrengungen, dir alle Freiheit der Bewegung zu rauben. Wenn du Käthe und die Deemsterschast nicht beide zusammen haben kannst und auch das Mädchen nicht ohne den Deemster, so bleibt dir nur eines übrig: die Deemsterschast ohne Käthe. Du mutzt das annehmen und dem Mädchen entsagen. Es ist deine Pflicht und eine unabweisbare Notivendigkeit." So legte sich Philipp die Sache endlich zurecht; eS war inzwischen Abend geworden und er schritt im Dunkeln dahin. Doch die Stimme, die bisher ihm das Wort geredet hatte, legte jetzt Widerspruch zu ihren Gunsten ein. „Schwatze uicht von Pflicht und Notwendigkeit. Du meinst nur Selbstliebe und Selbstsucht. Sei doch lvenigstens ehrlich. Weil dieses Mädchen ein Hindernis für deine Lauf- bahn ist, willst du es opfern? Es ist grenzenlose, unbarm- herzige Selbstsucht. Nimm an, du verließest sie, würdest du ohne Scham an sie denken können? Sie liebt dich, sie vertraut dir, sie hat dir jeden Beweis der Liebe und des Vertrauens gegeben. Schweige still! Wage nicht, dir vor- zureden, daß niemand es weiß außer ihr und dir— daß du es verschweigen»villst und sie nie versucht sein wird zu reden. Sie liebt dich. Sie hat sich dir ganz ergeben!" Zärtliches Mitleid bezwang die Selbstsucht in seinem Innern. Als die Lichter der Stadt vor ihm auftauchten, sagte er getrosten Mutes zu sich:„Da es hier wie dort Drangsal sür mich giebt, so will ich thun, WaS ich mir schon letzte Nacht vorgenommen habe. Ich stelle es dem Himmel anheim, zu entscheiden, ob ich vor der Welt groß oder klein sein soll, und beschließe bei mir selbst, ob ich treu sein will oder glücklich. Ich will mein Herz in die Hand nehmen und geradeswegs vorwärts gehen." In dieser Stimmung kehrte er in seine Wohnung zurück. Die Zimmer lagen vorn nach der Atholstraße hinaus und hinten dem Kirchhof von St. Georg gegenüber. Sie waren ruhig und man konnte nicht hiueilisehen. Die Lampe brannte. Der Diener deckte den Tisch. „Lege zwei Gedecke auf, Jcmmy," sagte Philipp. Daun fing er an, vor sich hin zu stimmen. Als er jetzt in der Tasche nach seinen Schlüsseln suchte, berührte er einen fremden Gegenstand. Er erinnerte sich,>vas es tvar— das zerbrochene Medaillon seines Vaters. Er konnte uicht ertragen, eS anzusehen, schloß eine Truhe auf und versteckte es tief unter einem Haufen Wintersachen. Dies rief ihm einen noch peinlicheren Besitz ins Gedächtnis zurück: er trat au ein Pult, zog das Paket mit den V riefen des Paters hervor, um es dauu mit dem Medaillon zu ver- bergen. Dabei zitterte seine Hand, seine Glieder bebten, ein Schwindel ergriff ihn und er glaubte die Stimme, die ihn mit so widersprechenden Vorwürfen gequält hatte, wieder flüstern zu hören:„Vergrabe sie tief! Schaffe dir deinen Vater ganz ans den Augen und ans der Erinnerung. Be- grabe alles, was er von dir erwartet und geträumt hat; be- grabe seine Liebe und die Hoffnungen, die er auf dich setzte. Begrabe sie und vergiß ihn für immer!" Philipp zögerte einen Moment, dann warf er den Deckel der Truhe zu und verschloß sie wieder, als sein Diener ins Zinnner zurückkehrte. Der Mann hatte ein feierliches, würdiges, schlveigsames Wesen; er war bei dem verstorbenen Bischof Stallknecht gewesen. Seine Ernsthaftigkeit hatte er von den Pferden, die Würde von seinem Herrn angenommen; für seine Schweigsamkeit hatte er aber kein Vorbild, da sie alles übertraf, was irgend ein Wesen, Mensch oder Tier, in dieser Beziehung leistet. Sein eigentlicher Name war Cotticr, doch nannte man ihn allgemein Fem Y-Lord. „Gesellschaft noch nicht gekommen, Herr", sagte er. „Warten oder anrichten?" „Welche Zeit ist's?" fragte Philipp. „Acht geschlagen, Uhr geht zwei Minnten vor." „Trage sofort ans", sagte Philipp. Als die Schüsseln gebracht waren und der Diener eist- lassen, nahm Philipp seinen Platz am Tische ein und zog eine Blume aus seinem Knopfloch, die er beim Lunch ans dem Sträußchen in seinem Wasserglas genommen hatte. Nachdem er sie an die Lippen gedrückt, legte er sie auf dm leeren Platz vor dem Stuhle, der ihm gegenüber hingestellt worden war. Dann setzte er sich nieder und aß. Philipp aß nur wenig; und wie sehr er sich auch ab- mühte, es zu verhindern, seine Gedanken schlveiften umher. Er dachte an seine Tante, die er am gestrigen Abend so tief gekränkt, an seinen Onkel, der ihn zuerst nicht gegrüßt und dann ihm zu schmeicheln gesucht hatte; an den Gouverneur und das sonderbare Interesse, welches er ihm gezeigt hatte; und schließlich erinnerte er sich auch an Pete, der erst vor so kurzer Zeit gestorben und so bald vergessen war. Mitten in diesen Erinnerungen, die alle traurig oder bitter waren, dachte er plötzlich daran, daß er ja mit Käthe zu Nacht aß. Nun bemühte er sich, heiter und vergnügt zu sein. Er wußte, daß sie jetzt ebenfalls ihr Abendessen in Sulbh einnehmen, an ihn denken und sich vorspiegeln würde, daß er neben ihr sei. So versuchte er denn auch, sich ein- zubilden, daß sie bei ihm wäre und ihm gegenüber auf dein Stuhl säße und über das weiße Tischtuch, an dem blauen Lampenschirm vorbei, zn ihm hin blickte mit ihren strahlenden Augen. Er sah die Ringeln des dunklen Haares ihr über die Stirn tanzen, sah das fröhliche Zucken ihres schivellenden Mundes. Die ganze Stube schien nun von ihrer süßen Gegenwart erfüllt zu sein. Er hätte sich einreden können, daß er den Duft von Spitzen und andren köstlichen Dingen atniete.„Mein Liebchen!" Und er lachte, er wußte kaum, daß er selbst es gesagt hatte. Es war ein süßes, reizendes Trugspiel. Da fiel sein Auge ans die Lade, in der er die Briefe und das Medaillon begraben hatte, und sein Geist schiveiste ivieder ab. Er gedachte seines Vaters, seines Großvaters, seines verlorenen Erbes und wie nahe daran er gewesen war, den besseren Teil desselben zurück zu gewinnen, und dann noch einmal an Pete, wobei er endlich in der Bedrängnis seiner Seele laut aufschrie:„O, wenn Pete nur am Leben geblieben wäre!" Er erschrak vor seiner eignen Stimme und entsetzte sich über seine Worte. Sobald er zn klarem Bewußtsein kam, suchte er den Eindruck zu verwischen; er füllte das Glas bis zum Rand, erhob es, stand auf, blickte über dm Tisch hinüber und flüsterte mit zärtlicher Stimme:„Auf Dein Wohl, mein Liebchen, Dein Wohl l" Die Glocke läutete an der Hausthür, und er blieb horchend stehen, das Weinglas noch in der Hand. Das erste, was er vernahm, war eine Stimme dicht neben ihm, die unheimlich aus der Dunkelheit tönte:„Der Herr scheint nicht kommen zu können. Hat telegraphiert". Es war Jenl-y-Lord, der ein Telegramm in der Hand hielt. Philipp riß den Umschlag auf und las: .Komme morgen mit dem Ramseyboot nach Hause gesund und wohlbehalten, sage es Kitty, Pete." IV. Ganz erschöpft von dem Umherirren in den Straßen während der Nacht, ging Philipp am andern Morgen in der öden, toten Dämmerung zn Bett. Er lag vier Stunden in tiefem, schweren! Schlaf, voll beängstigender Träume von gewöhnlichen Dingen, die zu riesiger Größe vor ihm auf- schivollen. Als Jem-Y-Lord den Thee in das Schlafzinnner seines Herrn trug, wurde ihm das Theebrett fast aus der Hand ge- rissen, da die Thür ivieder zuschlug. Das Fenster stand halb offen, und ein kalter Seewind blies in die Stube herein. Der Rost und der Herd ließen jedoch erkennen, daß in der Nacht ein Feuer angezündet worden war. Sein Herr aber schlief. Jem setzte das Theebrett ab, hob eine auf dem Tisch stehende Karaffe empor, hielt sie gegen das Licht, schnaubte wie ein altes Pferd, nickte bedeutsam vor sich hin und schloß dann das Fenster. Philipp erlvachte von dem Geräusch und blickte verwirrt umher. Er fühlte dunkel, daß etwas geschehen sein müßte, als der Diener nun sagte: „Pferd wird bald hier sein, Herr." „Welches Pferd?" fragte Philipp. „Das Pferd, das Sie reiten," sagte Jem und fügte mit nachsichtigem Lächeln hinzu:„das ich bei Schimmen bestellte, als ich den Brief auf die Post trug." „Welchen Brief?" „Den Sie mir zn besorgen gaben, ehe ich schlafen ging." lFortseLnug folgt.) lNaibdruck verboten.) Dluer Molke»». Von I>v a n N a j i s i n. Wie ein schreckliches Ilngchcuer plvtzlict» ans der Dunkelheit ans- taiuhend, rasselte der Lnxuszng in die hellerleuchtete Bahnhofshalle von Monte Carlo hinein. Aus dem Wartesaal I. Klasse trat hastig eine Gruppe verspäteter Spieler— es war bereits»ach Mittecuacht — und stieg eiligst in den Waggon. Im nächsten Augenblick setzte sich der Zug schon wieder in Bewegung und verschwand rasselnd von nenem in der von Nosendnft erfüllten Dunkelheit. Die neuen Passagiere erstaunten, als sie in einer Ecke des Coupes aus dein roten Sanunetpolster ein junges, sehr ärmlich ge- IlcidctcS Mädchen fitzen sahen. Es trug eine billige iveifee Bluse. einen schwarzen, groben, mehrfach ausgebesserten Nock, unter dessen Saum Fützc in dicken, weißen Strümpfen und groben, ländlichen Schuhen sichtbar ivurde», auf dem Kopf ein schivarzcs gestricktes Tuch, das halb zur Seite geglitten ivar. Nach diesem Anzug, den schwieligen Händen'uud dein abgemagerten Gesicht zu urteilen, war das Miidcheii entweder eine Tagelöhnerin oder eine Arbeiterin aus den Weinbergen. Daß solch ein Weib den Luxuszng, das teuerste Bcfvrdernngsmittel der Welt, benutzen konnte, kam den beiden Damen und den beiden Herren, ivelche in Monte Carlo eingestiegen waren, höchst seltsam vor. Die Damen hatten, als sie an dein Mädchen vorbeigingen, un- ivillkiirlich ihre Kleider enger au sich gezogen, als wenn sie die- selben bei der Berührung zu beschnintzen fürchteten, und hatten in der gegenüberliegenden Ecke des ConpvS Platz genviinnen. Sie würden ihre Mitreisende ivohl gleich wieder vergessen haben, wen» ihre Aufiiierksaiukeit nicht durch den Gesichtsaiisdruck, durch die gniize Haltung dieses Mädchens von neuem erregt ivorde» wäre. Es saß unbeweglich gleich einer Bildsäule, indeni es mit einem schlveren, wie versteinerten Blick vor sich hinstierte. Das ivar kein angestrengtes Nachdenken, sondern tiefe Betäubung, ivie sie den Menschen nach starken Gemütsbcivegunge» zu befallen pflegt. Die neuen Pafiagicre betrachteten die Fremde anfinerksai», ohne daß diese überhaupt ihre Gegenwart zn bemerken schien. Sie ivechscltcn fragende Blicke mit einander und zuckten kaum wahrnehin- bar die Achsel». „Also was fangen tvir morgen an?" fragte gähnend Lord Bcamsficld, iiidem er sich auf die Polster hinstreckte. „Ich fahre Ivieder hierher..." antivortcte schnell die eine der Damen, eine junge Schöiiheit in teurer, von Brillante» funkelnder Abendtoilette.„Ich will in jedem Falle mein Geld zurück- gewinuen...." Sie war die Geliebte Lord Beamsfields, ehemalige Tänzerin der Pariser Oper, Blanche Servais. „Wieviel hast Dil denn heute schon Ivieder verjeut?" fragte ihre Freundin, die hübsche, lebhafte, kleine Gabriele de-Ia-Tour, ebenfalls eine ehemalige Tänzerin, die sich augenblicklich„außer Stellung" befand: ein russischer Fürst mit klangvollem Name» hatte sie vor kurzem verlassen. „Alles, was ich bei mir hatte.. antwortete Blanche. „Die ganzen Tausend?" „Die ganzen Tausend bis auf die letzte Centime..." „Wenn Du noch mehr verspielen willst," mischte sich Beamsficld ins Gespräch,„so ist das natürlich Deine Sache; ich möchte aber nur bcnierken, daß ich nicht die Absicht habe, noch Iveiter hierher zu fahren, weder morgen noch übermorgen... „Warum denn auf einmal nicht?" fragte Gabriele, indeiu sie erstaunt die Augenbrauen in die Höhe zog. „Weil es mir langlveilig ist.. antlvortcte der Lord und gähnte wieder.„Und außerdem— genug; in diesen zwei Wochen habe ich 180 000 verspielt..." „Great Scott I" rief Mister Smith, ei» junger, amerikanischer Millionär.„Und darüber reden Sie noch? I... Ich habe in der vergangenen Saison allein an den zwei letzten Abenden 300 000 gelassen.. „Es ist hier nicht vom Geld die Rede, sondern davon, daß es mir langweilig ist.. antwortete nachlässig der Engländer und zündete eine Cigarre an. „Na aber ich fahre trotzdem... Ich muß mein Geld zurück- gewinnen." sagte Blanche. „Wie Du willst..." „Und Sie werden sie so ruhig ganz allein fahre» lassen?" lochte Smith. Statt jeder Antwort zuckte der Lord die Achseln, während ans seinem satten, müden Gesicht ein leichtes Lächeln dcS Gleichmuts und des Skepticismus erschien: über so etivas war er erhaben. „Nein, er ist nicht eifersüchtig.. bemerkte Blanche, und beide Damen begannen zn lachen. Mehr als Worte sagte dieses Lachen: ganz gleich, mag er eifer- süchtig sein oder nicht, das Resultat bleibt dasselbe, das heißt: be- trogen wird er ja doch! „Ich möchte Ihnen einen Vorschlag mache», falls Sie wirklich nicht mehr nach Monte Carlo wollen," begann Smith nach einer Weile von»enem.„Wir machen eine Tour auf meiner Dacht." „Wo liegt Ihre Dacht!?" „In Cannes... Sobald wir in San Retno aussteigen, telegraphiere ich; dann ist sie morgen früh zur Stelle..." „Wohin sollen wir den» fahren?" fragte, wieder gähnend, der Lord.„Mir ist diese Rivicra schon zm» Ueberdruß langlveilig I" „Nach Korsika zum Beispiel..." „Ach. da nehmen Sie mich mit!" rief Gabriele, welche Absichten auf den jungen Millionär hatte. «Mit dem größten Vergnügen!" antivortete dieser.«Also ab- gemacht?" „Meinetwegen..." sagte der Lord. „All right... Also ich schicke nachher sofort ein Telegramm ab. Meine Dacht ist in Ordnung. Mit der können wir. wenn es darauf ankommt, sogar nach dem Nordpol fahren... Der Koch— geradezu wnnderbar!" Gabriele klatschte entzückt in die kleinen Händchen, welche, der Mode entsprechend, fast bis zn den Nägeln mit teueren Ringen bedeckt tvaren. „Dann komme ich auch mit..." sagte Blanche, deren Angcn bei dem Gedanken an die interessante Fahrt zn leuchten begannen. „Hurra!" rief der Millionär. „Nur bitte, laden Sie niemand sonst ein— langlveilig.. bat Beamsfield. „Selbstverständlich niemand sonst..." Die Damen begannen ans ir. end einem Grunde zn lachen. Plötzlich hörte man aus der andren Ecke dcS Conpös verhaltenes Schluchzen, konvulsivisches Weinen, welches mit Gewalt ans der Brust der jungen Arbeiterin hervorbrach. Sic warf sich an die Lehne des Polsters zurück und weinte, das Gesicht in den Hände» Verbergend. Ihr ganzer Körper bebte bei diesem elementaren Gefühls- ansbruch, aus welchem der Schmerz einer tiefverwundeten Seele sprach. Die vier Mitreisenden näherten sich ihr schnell iin univill- kürliche» Drang des Mitgefühls. „Was fehlt Ihnen? Was fehlt Ihnen? Sind Sic krank?" Unfähig, ein Wort hervorzubringen, iveinte das Mädchen nur noch stärker. Die Freude, die Munterkeit Verschlvand init einem Schlage von den Gesichtern der vier Reisende»; es wurde ihnen so unbehaglich zn Mut nnd gleichzeitig empfanden sie Aerger über diese» peinlichen Zwischenfall, der ihre schöne Ruhe störte! sie waren»o müde, nach- dein sie den ganzen Nachmittag am Spieltisch zugebracht hatten— und jetzt mit einem Male Thränen I... „Aber was fehlt Ihnen denn? Sind Sie krank?" wiederholten sie ungeduldig, indem sie ihre Mitreisende fast böse betrachteten. „O poverina, poverina!..." rief dieie italienisch mit einer Stiinme, ans der ein ticscS Weh sprach, nnd das Schluchzen brach mit verdoppelter Gewalt aus ihrem Busen, der unter dein schwarzen, gestrickte» Tuch bebte. Del, andern wurde es noch unbehaglicher zu Mut— alle fühlleu sich gewissermaße» schuldig und dieses Gefühl bedrückte sie. Mußte sie gerade in dieses Coups hineingeraten, während wahrscheinlich der ganze Zug leer lvar? „Weshalb weinen Sie?... Können tvir Ihnen vielleicht helfen?" wiederholten sie.„Nun so sagen Sie doch, was Ihnen fehlt?" Die Italienerin richtete sich ans nnd nahm das vollständig nasie Tuch von ihrem durch den Kummer entstellten Gesicht; sie hatte große, strahlende Augen, die jetzt an die Augen eines tödlich ver- wiilideten Hirsches erinnerten: so viel brennender Schmerz lag in ihrer Tiefe, so viel Thränen, solch' ein leidenschaftlicher Protest gegen irgend eine grausame Härte des Lebens... Sie blickte durch ihre Thränen in die fremden Gesichter, lvelche sich über sie beugten, und fgs auf allen dieselbe Frage. „Mutter liegt... im Sterben.. kam e§ wie erstickt, abgerissen, von ihren Lippen, und sie begann von.neuem zir weinen. Niemand verstand die italienischen Worte, welche sie gesprochen hatte; nur ans dem Klang ihrer Stimme erriet man, daß ihr ein großes llnglnck passiert sein mußte. Schweigend saßen die vier bei den Thränen dieses Mädchens. Sie hallen keine Lust nrchr. von der Dacht, von Korsika oder von Monte Carlo zu sprechen, sie hatten nur den einen Wunsch: mög- lichst schnell dieses Conpö verlassen zu dürfen, wo der Anblick dieses schluchzenden Weibes sie verstimmte, um so mehr, da sie nicht wußte», welcher Kummer es betroffen hatte, wie ihnr zu helfen tväre.... Und sie weinte ohne Unterlaß... Der Schmerz drohte ihr wundes Herz zn zerreißen. Sie hätte allen davon erzählen mögen, damit alle erführen. Ivie grausanr das Schicksal mit ihr umging, indem es ihr die Mutter zu nehmen drohte. Vielleicht wollte sie auch ein paar Worte des Trostes, des Mitgefühls hören, jene guten Worte, welche die kranke Seele so mild umschmeicheln, die Thränen reichlicher fließen machen und das Herz dadurch erleichtern. Und jetzt begann sie in abgerissenen Worten, oft von Weinen und Schluchzen unterbrochen, eilig, leidenschafttich, in unwillige»! Tone zn sprechen: „O poverina,, poverina!... Sie stirbt I... Und der Doktor sagte mir schon damals: wenn die Krankheit noch einmal kommt, ist alles ans... Und jetzt ist sie noch einmal gekommen.., Was soll ich bloß thun, o santa Madonna!,.. Arme Mutter, arme I... Ob ich sie noch lebend treffe?... Heute bei der Arbeit... ich arbeite in den Weinbergen... kommt der Herr mit einem Tele- gramm...„Lucia," jagt er,„Deine Mutter liegt im Sterben... Sie wünscht", sagt er.„Du möchtest so schnell wie möglich zu ihr kommen."... Die Knie knickten unter mir... Ich nach Hause, nehme meine Sachen zusammen, laufe nach dem Bahnhof... Es ist schon Abend... Ich frage nach dem Zuge...„Heute geht nur noch dieser eine, treno di lusso... Du mußt bis morgen warten."... Was thun?" Sie sah die anderen mit einem Blick an, als Ivollte sie sie zn Zeugen dieser neuen Ungerechtigkeit anrufen.... Jene verstanden nicht ein Wort von dem,' was das Mädchen sprach; es war ihnen nur schrecklich unbehaglich: gleichgültig bleiben— das ging nicht gut, denn das Mädchen erwartete augenscheinlich Mitgefühl von ihnen; aber dieses Mitgefühl auszudrücken, ohne zn ivissen. um ivas es sich überhaupt handelt, war ebenso unmöglich.... Ganz erdrückt von seinem Kummer, bemerkte das Mädchen nicht die Umintürlichkeit dieses Schiveigens, nicht das Gefühl des Zwaiigcs, des Unbehagens, ivelches sich auf den Gesichtern ihrer Mitreisenden malte. (Schluß folgt.) Kleines Lfenillekon. c. e. Indische Sprichwörter teilt der„Marsch. Djenw." nach dem„Jzraclita" mit; einige seien hier wiedergegebeil: Armut ist kein Laster, aber auch keine Tugend. Es ist leichter, einen Betrunkenen als einen Armen auf die Füße zu stellen. Ein Armer fällt auf den Rücken und zerschlägt sich doch die Nase. Wenn ein Armer ein Huhn verspeist, so ist er oder das Huhn krank. Die Armen haben schöne Töchter. Der Arme und der Bucklige tragen ihre gesamte Habe auf sich. Drei Dinge wachsen ohne Regen: Zinsen, Miete und Miidche». Eine reiche Frau kann es sich erlauben, auch zweimal im Jahre niederzukommen. Das Ohr leih' jedem, die Hand dem Freunde, die Lippen nur der Frau. Alles nimmt der Teufel, nur ein böses Weib nicht. Besser zehn Abtrünnige als ein böses Weib. Die erste Frau ist treu wie ein Hund, die zweite wie eine Katze. Mann nnd Frau sind ein Leib, aber verschiedene Taschen. Vertrau der Frau ein Geheimnis, aber schneid ihr die Zunge ab. Die Weiber lügen, selbst wenn sie schweigen. Die Frau hat tausend Seelen. Vor einer Frau»nit einem Schnurrbart flieh hundert Meilen weit. Dummköpfe haben immer hübsche Frauen. Die Frau verführt zum Guten wie szum Bösen, verführt aber immer. Drei Dinge sind nicht schön, aber auch nicht schädlich: Wenn man nach dem Essen ein Gläschen Schnaps trinkt, wen» ein Greis eine Junge heiratet und wen» der Mann die Frau schlägt. Die Liebe ist süß, jedoch nur mit Brot.— — Eine Fabel dcö Acsop auf Stein. So zahlreich auch de ans dem Altertum überlieferte Fabclreichtunr ist, so spielt doch die Fabel in der bildenden Kunst der Alten, so weit sie bis jetzt er- schlössen>var, nur eine sehr geringe Rolle. Jetzt ist es Eugen Bor» mann gelungen, ein Denkmal ausfindig zu niachen, das die fein ausgeführte Darstellung einer der bekanntesten Fabeln des Aesoy zeigt. Es ist die Fabel vom Fuchs und vom Kranich. Der Kranich wird vom FuchL zu Tisch geladen, kommt aber um den Genus; deS Essens, da er ans den flache» Schüsseln nichts genicjzen lan». Zmn Entgelt für diese Tiicke lädt»n» der Gast den Gastgeber zn sich ein nnd setzt ihm das Essen in einein langhalsigen Gefäsie vor. Das findet sich dargestellt ans einem römischen Grabstein, der bei Empoli in Toskana gesunde» ist. Der Stein ward dem Lucius Gavius Mansnetus, der fünf Jahre lang Soldat in der zwölften städtischen Kohorte war nnd im 37. Lebensjahre starb, von seinem Bruder Gajns Gavius Asper ge- stiftet. Es ist ohne Zweifel, dasi die Fabel auf das Verhältnis zwischen beiden Personen Bezug hat. Vielleicht liegt eine Anspielung auf die Namen vor, denn Mansuetns bedeutet den Sanftmütigen, Asper aber den Rauhen und Wilden, es kann aber auch auf einen Familienzwist angespielt werden. Wenn auch die wahre Ursache sich nicht ergründen läßt, so ist doch das Denkmal als solches lveit tvichtigcr, und dies liegt jetzt in schöner Wiedergabe im letzten Bande der„Jahresheste" des östreichischen archäologischen Instituts" vor.— ss. Etwas vom Totdrücken. Wenn jemand einen Mit- menschen vor Liebe totdrücken ivill, so gilt schon diese Absicht als der Gipfel der Zärtlichkeit. Es ist freilich noch nie cttvns davon zu hören gewesen, daß dieser liebevolle Wunsch jemals in die Wirklich- keit übertragen worden wäre. Todesfälle durch Erdrücken sind zwar gar nicht so selten, aber sie geschehen niemals aus Liebe, sondern nur in einem Zustand, in dein der Mensch um nichts besser ist als ein Tier. Man kann sich wohl nichts Schauderhafteres vorstellen als die Wirkung einer von jeder Vernunft>md Ordunng verlassenen Menschenmasse. ivie da ein Mensch gegen den andren drückt nnd drängt, vielleicht ans Furcht, vielleicht infolge irgend eines andren gewaltsamen Triebes, und lvie dann schließlich. die ganze Menschenmasse ein Durcheinander von nngehenren Druckkräften dar- stellt, die sich regellos hierhin nnd dorthin zerstörend bethätigen. Soweit die Erimiernng der jetzt lebenden Generation zurückreicht, hat Ivohl kein Ereignis die entsetzlichen Folgen vollkommener Regel- losigkeit nnd Vernunstlosigkeit in einer großen Menschenmenge gezeigt lvie das jeder Schilderung spottende Unglück auf dem Chodhuka-Feld- bei Moskau, wo in einer Masse von 20 000 Menschen, die sich zu den Festlichkeiten bei der Krönung des neuen Zaren am 30. Mai 1806 eingefunden hatten, etwa 3000 zerdrückt nnd zertreten wurden. Der Pariser Baznrbrand unseligen Angedenkens vom Jahre 1897 forderte fast ebensoviele Opfer infolge des Er- drnckens als infolge des Feuers. Vor einigen Jahren wurden in der Victoria-Halle in der englischen Stadt Sunderland gelegentlich eines Kinderfestes fast 200 Kinder in einem engen Gang erdrückt. Bei dem Ringtheater-Brand im Jahre 1881 ging jedenfalls der größte Teil der fast 1000 Vcrnnglnckten auf die nämliche Weise zu Grunde. Acltcre Ereignisse der gleichen Art waren die Panik auf der Coiicordien-Brücke in Paris im Jahre 1866 nnd das Unglück auf dem Marsfelde in Paris vom Jahre 1837. So namenlos schrecklich solche Vorkommnisse auf daS menschliche Gemüt wirken, so wird ihr Eindruck doch durch eine Ueberlegung gemildert: der Tod der Verunglückten tritt dabei nämlich äußerst schnell ein. Die eigentliche Todesursache ist eine Aushebung der Atmung durch übermäßigen Dmck auf den Brustkorb. Der Arzt, der die Opfer der Katastrophe auf dem Marsfelde untersuchte, fand sie ausnahmslos im Gesicht nnd auf dem Hals einförmig blau gefärbt, wie es bei einer plötzlichen Erstickung der Fall sein muß. Außerdem wurden Brüche der Rippen und des Brustbeins festgestellt, letztere nur bei Frauen. Die Blaufärbung der Haut erklärte der Arzt als eine Stockung von kohlensäurereichem Blut in den gewaltsam erweiterten und gelähmten Blutgefäßen. Niemals zuvor hat ein Arzt Gelegen- heit gehabt, einen solchen Fall anders als an einem Tote» zu unter- suchen. Jetzt ist zwei Aerzten in Boston durch einen Unglücksfall die Möglichkeit gegeben gewesen, de» Verlans der Wirkung eines übermäßigen Druckes auf den Brustkorb an einem noch lebenden nnd auch dein Leben erhalten gebliebenen Menschen zu beobachte». Ein 22jähriger Mann geriet zwischen einen Thürpfosten nnd einen elektrischen Wagen und erlitt dadurch eine sehr starke Quetschung der Brust. Als der Wagen beseitigt war, fiel er bewußtlos zu Boden. Er wurde sofort nach einem Krankenhaus gebracht, nnd die Acrztc fanden, daß Puls nnd Atmung noch in regelmäßiger, wenn auch sehr schwacher Thätigkeit waren. Hände und Nase ivaren kalt, und aus den Ohren und Nasenlöchern.floß Blut. Die Empfindlichkeit des Körpers war sehr herabgesetzt, einige der unteren Rippen waren gebrochen. Die auffallendste Erscheinung war eine ganz eigentümliche Färbung der Haut am ganzen Kopf, am Hals und auf der Brust bis zur dritten Rippe. Die Haut war nicht einförmig blau gefärbt, sondern mit kleinen Flecken ganz gesunder Farbe durchsetzt. Dies sonderbare Aussehe» der Haut war auch»och auf den Lippen nnd bis auf die Schleimhaut des Mundes zu verfolge». Stach 1 Stunde» kehrte jedoch das Bewußtsein zurück, nnd am vierten Tage befand sich der Kranke bereits ziemlich wohl, obgleich die Hantfarbe der oberen Körperteile sich noch nicht verändert halte. Erst am zwölften Tage war die blaue Farbe ganz verschwunden, und in der vierten Woche konnte der Patient als gänzlich geheilt entlassen werden. Die Acrzte empfehlen»ach diesen Beobachtungen, die ganz ausführlich in dem Bostoner„Medizinischen nnd Chirurgischen Journal" beschrieben werden, daß bei einem derartigen Unglücksfall unter allen Nmstände» sofort ein Versuch mit künstlicher Atmung gemacht werden müsse, später seien dann innerliche Reizmittel anzuwenden._ Veraulwortlichcr Redacreur: Carl Leid in Berlin. Geologisches. — Eine neu entstandene und wieder ver» s ch>v n n d e n e Insel. In der Nähe von Pelka» Point, etwa OVe Meilen westlich von der Walfischbai-Mederlassnng, entdeckte die Tochter des englischen Residenten mit dem Fernglase am 1. Juni 1900 einen Gegenstand im Meere, der einem Schiffsnimpf glich. Man begab sich mit einer Dampfpinasse an Ort und Stelle und fand dort eine etiva 150 Fuß lange, 30 Fuß breite Insel, die, sich 15 Fuß über den Meeresspiegel erhebend, so steilen Absturz zeigte, daß eine Landung immöglich war. Indessen schwamm ein Offizier bis an das Eiland heran nnd brachte eine Probe des Materials, ans dem dasselbe bestand, mit zurück. Diese Probe erwies sich als Schlamin, auch schiene» an einigen Punkten Dämpfe von der Insel aufzusteigen. und ein Geruch nach Schwefelwasserstoff machte sich bemerkbar. Als man am 7. Juli die Insel näher untersuchen wollte, war sie verschwunden. Nach Waldron und Schenck ist es wahrscheinlich, daß sich in der Walfischbai nahe bei Pclican Point ein unterseeisches Schlammvnliaiigebiet befindet, dem hauptsächlich Schtvcfclwasserstoffgas entströmt.' Mit eigentlichen Vulkanen, die glühende Magen aussenden, haben solche Schlamm- vnlkane nichts zu thnn. Der Wasserstoff verdankt vielmehr seinen Ursprung wahrscheinlich organischen Stoffen, die ans dem Meeresboden unter einer Schlnminschicht begraben liegen. Jedenfalls aber ist die Thatsache, daß ans diese Weise eine Insel gebildet worden ist, bis dahin noch nicht.beobachtet worden, falls nicht die vor mehr als 40 Jahren im KaSpischcn Meere aufgetauchte nnd später wieder ver- schwnndcne Insel den gleichen Ursprung gehabt hat.— („Kölnische Zeitung.") Humoristisches. — P r ä c i s i o n. Optikus:„Dieser Barometer kostet acht- zehn Mark, und dieser hier fiinfnnddreißig." Käufer:„Dann nehme ich de» zu achtzehn." Optikus:„Ich möchte Ihnen aber zu dem teureren raten; erstens ist er wesentlich exakter gearbeitet nnd dann zeigt er auch bedeutend besseres Wetter an!"— — Nicht ihre Schuld. Junger Ehemann(»ach einer heftigen Scene resigniert):„Na, der Heiratsvermittler hat mir ja was rechtes besorgt! F ran: Kann ich vielleicht dafür, wen» Du Dich anschmiere» läßt?- — Erklärt.„WaS ist eigentlich der Vater von Deinem Schatz?" „Chemiker." „Drum sagtest Du auch, sie tväre ein ätherisches Wesen."— („Lustige Blätter".) Notizen. — Die Vorstellungen des Stuttgarter Opern- Ensembles im Neuen königl. Opcrntheater beginnen heute, Donnerstag, den ö. d. M.. mit, H o f f m a n n s E r z ä h l n n g c n" von O f f e n b a cd. Die komische Oper„Die k l c i u e n Michiis" von An die Messag er gelangt Sonntag, de» 3. d. M., zur Ans- führnng.— —„Die beiden Schulen" von A l x r e d C a p n s habe» dem Pariser„Theätre des VarietoS" in 100 Anfführiingen 700000 Fr. eingebracht.— — Georg D r ö sch e r. der bisher die Funktionen eines Rc- gisscms der Berliner Oper nur provisorisch versah, ist endgültig ans mehrere Jahre als O b er r e g i ssc» r engagiert worden.— — DaS nächste bayrische M u s i k s c st findet im Jahre 1904 in Regensbiirg statt.— — Die Da r m st ä d t e r A n s st e l l u u g der K ü n st l e r- kolonie 1901 schließt mit einem Deficit von 252 288 M. ab, so daß die Zeichner des GarautiefoudS 96 Proz. der gezeichneten Beträge zahlen müffen.— — Für die der Technischen Hochschule zu Berlin zugewendete S a in m I im g der deutschen chemischen I n» dnstrie ans der Pariser Weltansstelliiiig(Wert 600000 M.) wird i» dem Garten der Anstalt eine besondere Ausstellungshalle errichtet werden.— — Die große völkerkundliche Expedition nach Inner- A n st r a l i e n unter B a l d w i n Spencer ist nach einer Ab- Wesenheit von über einem Jahre nach Melbourne zurückgekehrt. Die Forscher haben eine imgcheiire Menge von wissenschaftlichem Material heimgebracht, das sich ausschließlich' auf die Urbevölkerung im nörd- lichci! Teil von Jmieraustralicn bezieht. Besonders interessant sind die photographischen und kincmatographischen Aufnahmen, vermittels derer die Sitten und Gebräuche, die Sagen, Tänze. Gesäuge usw. der wilden Stämme bleibend aufgezeichnet worden sind.— — Dem Blatte„KaSpi" zufolge erfolgte in der Nähe des Dorfes Kobi im B a k n s ch e n Kreise eine Eruption deS Schlammvulkans„G n s y G r a n", die von einer einem Kanonenschuß ähnlichen Detonation begleitet ivar. Die Umgegend war in Flammen gehüllt. Die Erscheinung dauerte gegen fünf Mi- nuten.— Druck und Verlag vor. Max Bading in Berlin.