Hlnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 10S. Sonntag, den 8� Juni. 1902 «Nachdruck oetdoten.) 20] Dev WtAnksnrsnn. Roman von Hall Caine. Autorisierte Uebersetzung. „Du mußt still sein und mir zuhören," sagte Phllipp. „O, ich will gut sein— so gut!" erwiderte Käthe.„Doch sieh, ja sieh nur die Weißen Kämme da draußen— ganz draußen, dort bei dem Dampfer." Dann nahm sie zum Scherz einen ebenso ernsten Ausdruck wie Philipp an, raffte sich zusanünen und sagte mit scheinbarer Strenge:„Sei ruhig, Käthe. Benimm Dich anständig. Philipp will mit Dir sprechen— ernsthaft— höchst ernsthaft." Sie bog den Kopf seitwärts, um ihm ins Gesicht zu sehen.„Nun, warum sängst Du denn nicht an? Vielleicht glaubst Du, daß ich laut aufschreien werde? Das thue ich nicht— ich verspreche es Dir." Bei dem starren Ernste seines Gesichts wurde es ihr aber doch unheimlich und die Fröhlichkeit verschwand nach und nach aus ihren Mienen. Als Philipp jetzt sprach, klang seine Stimme fremd und dumpf. „Du erinnerst Dich, was Du sagtest, Käthe, als ich Dir den letzten Brief aus Kimberlcy brachte— daß, wenn Du am nächsten Morgen fändest, es wäre ein Irrtum.. „Ist es ein Irrtum?" fragte sie. „Sei ruhig, Käthe." „Ich bin ganz ruhig, Geliebter. Ich erinnere mich, ich sagte, daß es mich umbringen würde. Das war aber thöricht. Ich würde das jetzt nicht mehr sagen. Ist Pete noch am Leben?" Sie sprach ohne Zittern; und er antwortete ihr mit heiserem Flüstern:„Ja!" Dann fuhr er mit gebrochener Stimme fort:„Wir waren sehr thöricht. So übereilte Schlüsse zu ziehen, war sehr thöricht: ja. es war schlimmer als das, es war sünd- Haft. Ich traute dem Briefe gleich damals nicht recht— doch Gott verzeihe niir's, ich wünschte, ihm glauben zu können, und so.. „Ich bin froh, daß Pete noch lebt," sagte sie gelassen. Ihre Ruhe entsetzte ihn. In seinen verzerrten Gesichts- zügen spiegelte sich der verworrene] Zustand seiner Seele: sie aber ging, ohne mit der Wimper zu zucken oder die Farbe zu Ivechseln, neben ihm her. Hatte sie ihn überhaupt verstanden? Er zog Petes Telegramm aus der Tasche.„Sieh!" sagte er und reichte es ihr. Käthe öffnete es sofort, und er beobachtete sie, während sie las. einen Aufschrei erwartend und bereit, die Geliebte mit seinen Armen aufzufangen, wenn sie fiele. Sie zeigte aber keine Bewegung, und kein andrer Laut ließ sich hören, als das Knittern des dünnen Papiers. Er wendete das Gesicht ab. Die Sonne schien; auf den Föhren lag ein blci- farbener Glanz, und hier und da erhob sich von der blauen Oberfläche des Meeres eine weiße Schaumwelle wie ein See- Vogel. „Nun?" fragte sie. „Käthe. Du setzest mich in Erstaunen," sagte Philipp. „Dies trifft uns wie ein Donnerschlag, und Du scheinst Dir dessen gar nicht bewußt zu werden." Sie schlang die Arme um seinen Nacken und das Papier raschelte ihm auf der Schulter.„Mein Liebster", sagte sie, „bist Dil mir noch gut?" „Du weißt, daß ich Dich liebe, aber.. „Dann ist für mich jetzt keine Donncrwolke am Himmel," sagte sie. Die einfache Größe der Liebe des Mädchens beschämte ihn. Ihre Zuversicht, ihr Vertrauen, ihre Gleichgültigkeit, gegen alle Wechselfälle des Lebens, wenn er sie nur noch liebte, dies alles war mehr als er ihr zugetraut hatte. Dennoch löste er sich aus ihren Armen und sagte:„Wir dürfen nicht gedankenlos dahin leben, Käthe. Du hast Dich Pete versprochen..." „Aber Philipp," erwiderte sie.„damals war ich ja noch ein Kind. Es war sowieso nur ein halbes Versprechen, und ich Ivußte nicht, was ich that. Ich ahnte noch nicht, was Liebe ist. Das alles kam später, Liebster— viel später, Du weißt es ja wann." „Das macht für Pete keinen Unterschied. Käthe," erklärte Philipp.„Er konimt heim und erhebt Anspruch auf Dich." Sie trat vor ihn hin und ließ ihn nicht weiter sprechen. Ihm zärtlich den Aermel glättend, sagte sie mit gesenktem Blick: „Du bist ein Mann, Philipp, und kannst es nicht vcr- stehen. Wie solltest Du auch— und wie kann ich es Dir sagen? Wenn ein Mädchen noch keine Frau ist, sondern ein Kind, so ist es eine ganz andre Person. Es kann dann nie- mand lieben, nicht wirklich, nicht was man lieben nennt, und was das Mädchen versprochen hat, zählt noch nicht.— Nicht ich war's, die sich Pete Verlobte, wenn ich mich ihm verlobt habe. Es war meine kleine Schwester— die kleine Schwester, die ich vor langer, langer Zeit selbst gewesen bin— die nun aber nicht mehr da ist, sondern in mir irgendwo schlummert. Ist das so sehr thöricht, mein Schatz?" „Doch denke nur an Pete," sagte Philipp.„Denke, wie er aus Liebe zu Dir fortgegangen ist, fünf Jahre auswärts gelebt, sich abgeplackt, wie ein Sklave gearbeitet, gespart, mit Entbehrungen, ja mit Gefahren gekämpft hat. alles für Dich, aus Liebe zu Dir. Und dann stelle Dir vor, wie er mit einem Herzen, das ganz erfüllt ist von Dir, heimkommt, getragen von der Hoffnung auf Dich, dürstend, hungernd und vor Sehnsucht nach Dir sich verzehrend, und nun Dich verloren findet, tot für ihn, nein, schlimmer als tot— es wird ihn umbringen. Käthe." Das Bild, das er entwarf, rührte sie nicht.„Es thut mir leid, aber ich liebe ihn nicht," erklärte sie ruhig.„Es thut mir leid— doch was kann ein Mädchen dafür, wenn es einen jungen Mann nicht liebt?" „Er hat mich beim Abschied beauftragt, für ihn über Dich zu wachen— und Du siehst, ja Du siehst aus dem Telegramm, daß er mit vollem Vertrauen aus meine Ehrlich- keit zurückkehrt. Wie kann ich ihm sagen, daß ich ihm die Treue gebrochen habe? Wie kann ich ihm unter die Augen treten und ihm erklären..." „Ich weiß, was Du kannst, Philipp. Sage, wir hörten, er wäre tot und..." „Nein, es wäre zu erbärmlich. Es ist kaum drei Wochen her, daß der Brief kam— und es würde ja auch nicht wahr sein, Käthe— es wäre empörend..." Sie erhob die Augen zu ihm mit einem zärtlichen Blick schamhafter Liebe und sagte aufs neue:„Ich weiß— schiebe nur alles auf mich, Philipp. Was kümmert es mich? Sage. es wäre nur meine Schuld, ich hätte Dir keine Ruhe gelassen mit meiner Liebe. Ich mache niir nichts aus dem Gerede der Menschen. Und es ist ja auch wahr, wenigstens zum Teil— oder nicht?" „Wenn ich Pete etwas von Versuchung sagte, müßte ich mich verachten," entgegnete Philipp: da warf sie den Kopf in die Höhe und sagte stolz: „Gut, so sage die Wahrheit— die ganze Wahrheit, Philipp. Sage, wir hätten uns bemüht, ehrlich und treu gegen ihn zu handeln, aber es sei unmöglich gewesen, weil wir einander liebten, und das war doch nicht zu ändern." „Wenn ich ihm die Wahrheit sagte, müßte ich sterben vor Scham," klagte Philipp.„Ach, es giebt keinen Ausweg aus dieser cleicden Verwicklung. Entweder ich stehe vor ihm als Betrüger oder wasche mich mit Ausflüchten rein: jeden- falls bleibt meine Seele für immer befleckt. Ich werde ein schlechter Mensch und sinke mit jedem Jahr tiefer und tiefer in den Schlamm der Lüge und des Betruges." Sie hörte ihm zu, die Augen auf sein verstörtes Gesicht gerichtet: ihre Wimpern zitterten und ihre Zärtlichkeit fing an, sich in Angst zu verwandeln. „Nimm an,»vir heirateten uns," fuhr er fort,„so würden wir doch niemals vergessen, daß Du Dein Gelöbnis, ich meine Treue gebrochen. Dieser Gedanke würde uns, so lange wir lebten, verfolgen. Wir würden nie einen Augenblick des Glückes und des Friedens haben. Pete wäre ein gebrochener Mann, er wäre zu Grunde gerichtet— vielleicht— wer kann's wissen— hätte er selbst Hand an sich gelegt. Er würde immer als Gespenst zwischen uns stehen." „Und glaubst Du, daß ich mich davor fürchte?" rief sie aus.„Wahrhastig nicht, nein! Wenit Du bei mir wärest, Vhilipp. und mich ncich wie vor liebtest, so sollten mir alle Geister der Welt nicht bange machen." Ihr Gesicht war jetzt bleich wie der Tod, aber ihre großen Augen leuchteten. „llnsre Liebe würde das nicht überleben, Käthe," sagte Philipp.„Das Gefühl unsrer Schuld würde sie töten. Wie wäre es möglich, daß wir uns weiter liebten, wenn so etwas Unheimliches uns Tag und Nacht heimsuchte, mit an unsrem Tische säße, unfern Gesprächen zuhörte, an nnsrem Bette stände— o, barmherziger Gott!" Von der entsetzlichen Vorstellung überwältigt, bedeckte er sich das Gesicht. Sie zog die Hände herunter und hielt sie sest umklammert. Doch der versteinerte Blick seiner Augen war noch schrecklicher anzusehen, und sie sagte mit erregter Stimme: „Wolltest Du damit sagen, daß... daß wir uns nun nicht mehr... heiraten könnten?" Er antwortete nicht und sie wieberholte die Frage, in- dem sie ihm mit vorgebeugtem Kopf und geöffnetem Munde ins Gesicht sah. wie ein Verbrecher, der auf seinen Urteils- spruch wartet. „Wir können es nicht." murmelte er.„Wir dürfen es nicht!" Und wieder versuchte er ihr klar zu machen, daß ihre Heirat jetzt, da Pete zurückgekonimen war, unmöglich sei, ohne daß sie sich in Verrat, Schande und Elend stürzten. Allein seine Worte verstummten bald. Er sah in ihre Augen und da begegnete er dem kläglichen Blick des Lammes auf der Schlachtbank. «Bist Du gekommen, mir daS zu sagen?" stagte sie. Die Antwort wollte ihn? nicht über die Lippen; er über- ließ es ihr, sie zu erraten. Sie erriet sie mehr, als sie sie gehört hätte. Das Verhängnis hatte sie ereilt, doch schrie sie nicht auf in ihrem Schmerz. Sie hatte das, was geschehen war. noch nicht in seiner vollen Bedeutung ersaßt. Es war, wie wenn jemand in der Schlacht von einer Kugel getroffen wird: zuerst ein Gefühl freieren Atmens, ein Gefühl der Er- leichterung, dann ein Schmerz und dann der furchtbare Todeskamps. Philipp und Käthe waren eine Strecke weiter ge- gangen, jetzt stellte sie sich ihm aber wieder gegenüber, wie sie es vorhin gcthan hatte, und schlang zärtlich die Arnie um seinen Nacken. „Das ist doch nur ein Scherz, Liebster," sagte sie,„eine Prüfung meiner Liebe vielleicht. Du möchtest meiner voll- kommen sicher sein— ganz, ganz sicher— jetzt, da Pete noch lebt und wieder heimkommt. Aber Du siehst, ich will nur die Liebe eines einzigen, weiter nichts, mein Herz. Komm jetzt und bekenne es. Fürchte Dich nicht, zu gestehen, daß Du nur mit mir gespielt hast. Ich will Dir nicht böse sei». Sage es nur, schnell, schnell I" 's Er konnte kein Wort hervorbringen und sie ließ die Arme von seinem Nacken gleiten; sie gingen wieder neben einander, beide hinaus in das Meer starrend. Die Berge Englands waren inzwischen schwarz geworden. Ein Sturm tobte am jenseitigen Ufer, doch hier war die Lust noch ruhig und gelinde. Plötzlich stand sie still, scharrte mit dem Fuß im Uferkies und rief mit rauher Stimme:„O, ich weiß, was es ist. Es ist nicht Pete. Ich bin Dir im Wege. Das ist's. Du kannst nicht vorwärts konimen, wenn Du mich bei Dir hast. Ich passe nicht zu Dir. Der Abstand zwischen uns ist zu groß." Er strengte sich an, es zu leugnen, aber er konnte nicht. Er wußte nur zu gut, wie nahe sie der Wahrheit kam. Pete war gerade zu rechter Zeit gekommen, um seinem Gewissen als Teckmantel zu dienen, doch Küthe riß ihm die Hülle herunter und zeigte ihm seine wahre Gestalt. „Das mag wohl für Dich recht gut sein," rief sie,„wo aber bleibe ich? Warum hast Du mich nicht in Ziuhe ge- lassen? Weshalb mußtest Du mich ermutigen? Ja wohl, Du hast mich ermutigt. Sagtest Du nicht, daß eine Frau zwar nicht im stände wäre, sich selbst im Leben empor- zuarbeiten, daß aber ein Mann sie zu sich erheben könne, wenn er sie wahrhaft liebt? Und erklärtest Du mir nicht, daß es kein Oben und Unten gäbe, wo wirkliche Liebe ist? Alles andre, sagtest Tu, wäre dann nichts— es gäbe keinen Stolz mehr— Rang und Stellung und die ganze Welt wäre jrichts dagegen. Jetzt aber weiß ich es anders. Die Welt steht zwischen uns. Sie hat inimer zwischen uns gestanden »ind Du kannst mir nie augehören. Du wirst weiter streben/ und enchorsteigeu und mich wirst Du hinter Dir zurück- lassen." Sie brach in ein entsetzliches Gelächter aus.„O, ich bin eine Närrin gewesen! Wie Hab' ich mir träumen lassen, ich könnte glücklich werden l Ich wußte, daß ich nur ein armes. unwissendes Ding bin, ich glaubte aber, der Geliebte wollte mich zu sich emporheben. Und nun überläßt er mich mir selbst. O. es ist schrecklich I Warum hast Du mich hintergangen? Ja, betrogen hast Du mich I Oder war das kein Betrug, als Du mich glauben machtest, Du liebtest mich mehr als die ganze Welt? DaS ist nicht wahr. Du liebst nur die Welt, und Pete ist nichts als ein Vorwand." lFortsetzung folgt.) SonnkttgsplÄttdevri. Ein Volk weniger auf der Erde— Hurra, die Kurse steigen I An allen Börsen der Welt jauchzt mau im Schiller- Palhos: Seid»in- schlungen Millionen! Die Heldeutragödie deS fast dreijährigen Freiheitskampfes der Bocren ist beendigt, und mit dem Ende fast schon vergessen. Ein Volk ist ausgerottet, aber was ivill man: Ans Blut und Leichen ist der wunderherrliche, liebliche Friede erstanden, der gnädig und gütig nach langer Dürre endlich die Judustricpapiere be- fruchtet. Diese Boeren, diese in zahllosen Liedeni, Rede». Leitartikeln. Büchern bewunderten und gefeierten Gottesstreiter, haben aufgehört, zu existieren, die Miuvclt aber, die solcher unerbörte» Katastrophe Zeuge ist, erschauert tief ergriffen in der fieberhaften Frage: Soll ich Minenäktien kaufen? Die legendarisch zugespitzte Geschichte erzählt von einem Volke, das in einer gewaltigen Feldschlacht bis auf jde« letzten Mann, um seinen Fürsten geschart, zu Grunde ging. Das sind die Ostgothen, die um die Mitte des sechsten Jahrhunderts in einem Zusammensturz verschwanden, allerdings nicht so spurlos, daß sie nicht Herr Sudermann nach fast 1500 Jahren in seiner Teja-Posie zu Tantiemen ausschroten kountc. Der Untergang der Boeren vollziebt sich! nicht in solchem krachende» Gewitter. Langsam haben sie sich verblutet, und auch nicht alle starben, es sind genug übrig geblieben, um sich mählig in die Rasse der Sieger zu verwandeln. Wer weiß, ob über Jahr und Tag nicht die Rachkonnnen der heutigen Boerenführer in ihren Villen die Bilder von Cecil Rhode? und Joe Chamberlaui als patriotischen Schmuck besitzen, und nur noch mit einem Gefühl von Schani daran zu denken wagen, wie unsäglich beschränkt ihre Väter gewesen, daß sie um eines heroischen Unsiuus willen, wegen des leeren, gänzlich unrentablen Phantoms nationaler llnabhäugigkeit ihr Land u/id Leben zerstören ließen. Das Heldentum, das bereit ist, für ein Ideal zu sterben, wird dann wohl keinen Marktwert mehr haben, wen» erst der Kapitalismus die letzten Spuren der Schiväche abgestreift hat und ganz und gar zu scheinen wagt, was er ist,»»belästigt und»»verschleiert von idealen Gewissensängsten... Ein ganzes Volk wird wie eine veraltete, dem technische» stlort- schritt nicht mehr genügende Maschine ausrangiert. Das kapitalistische Natnrrccht auf schraukenlose Ausbeulung kann solche überwundenen Vctriebsfonnen nicht dulden. Den cinzeliien halsstarrigen konser- vative» Geschäftsmann konkurriert man nieder. Wen» aber ein ganzes Volk mit solcher Halsstarrigkeit behastet ist. so iverden eben schärfere Mittel und reichere Geschäftsspesen aufgrtvandt. Man organisiert die Mordbrennerei, äschert Städte und Dörfer ein. säet unendliche Leichen, tötet die Männer und vernichtet Frauen nnd Kinder. Dies Verfahren ist ein ivcnig lojtspiclig uud lang- wierig, aber schließlich rentiert es sich doch. Mau muß eben etwas ins Geschäft stecken, tveu» etivas herauskommen soll. Der Boerenkrieg ist nur eine kapitalistische Spekulation mit eriveiterteu Mitteln gewesen. Ein paar Querköpfe des civilisierten und höchst christlichen Europas haben zwar über so viel barbarische Grausamkeit gejannnert. aber die Stnatsregierungen der europäischen Großmächte haben mit voller GewissenSruhe dem interessante» Schauspiel zugesehen, das tvegen der Gewißheit seines endlichen Ausgangs nicht einmal den Spaunungsrciz eines Fahrrad-Rennens halte. Es war das persönliche Unglück der Boeren, au dem die europäischen Regierungen zweifellos unschuldig waren, daß sie Gold- gruben in ihrem Laude hatten. Hätten sie am Nordpol gewöhnt, niemand würde ihre nationale Unabhängigkeit angetastet haben. Und außerdem: wer hieß sie, so verblendet sein, ans dem Recht der nationale» Selbstbestimniung eigensinnig zu beharren! Zwar lernen die europäischen Kinder in de» Schulbüchern, daß nichtswürdig die Ration sei, die nicht alles an ihre Ehre setze, wie denn überhaupt Nationalgefühl die höchste der Tugenden sei, aber diese schönen Worte gelten doch nur für Staaten, die genug Kanonen habe», und auch lediglich insoweit, als die Betätigung der edlen Tugend keine Geschäftsstörung in sich schließt. Kein Staatsmann schläft deshalb schlechter, weil dort unten in Afrika di< Geier am Leichnam eines gemordeten Volkes fressen. Und wenn sie ja noch ein Rest von hnmanitälsdusliger Schlappheit bedrängt, nun, so ist es leicht, wissenschaftliche Tröstung zu erlangen. Darwin, der auch ein Engländer war und der den Kapitalismus in ein uaturwissenschastliches System gebracht hat, lehrte ja als Urgeletz der menschlichen Entwickckmg den Kampf ums Dasein, der darin besteht, dasz der Stärkere allemal den Schwächeren auffresse. Das ist zwar unangenehm für de» Schwächeren, aber, was wollt ihr. Naturgesetzen mich mau sich nnterlverfeu. Die Boere» waren die Schwächeren, die Engländer die Stärkeren; jene konnten also eigentlich stolz darauf sei», als Versuchs- Nation für die Beivährnng eines Naturgesetzes anserwählt zu sein. Der dicke Edward, an dem die bürgerlichen Witzblätter all ihre verhalten«, weil verbotene Majestätsbeleidignngssncht straffrei austoben, kann mithin ohne jede Unnche sich die aNcrchristlichste Krone aufs Haupt setzen: Das Naturgesetz rechtfertigt ihn. Das Recht des Stärkeren ist die höchste Moral des Kapitalismus, und den Stärkereu zu unterstützen der edelste Heldenmut. Aus diesem Grunde verabscheut unsre christlich civilisicrte Welt auch die grosten Räuberpcrsvnlicbkeitcn. Es war die Eigenart dieser Fr» Diavolo und Schinderhauncs. datz sie zwar die Mächtigen imd Reiche» auS- plünderten mrd gelegentlich zu Tode brachten, daß sie aber den Annen und Bedrückten beistanden. Das fand eine frühere vrrlvahrloste Zeit edelmütig, jetzt aber wird diese grauenhafte Ungerechtigkeit der Elenden als ein Frevel an der Heilig- feit des Naturgesetzes empfunden und ihr angeblicher Edelmut bildet einen Grund mehr,»ein eigentlich den Grund, sie in die Schreckens- kanimer zu sperre». Hätten die Schinderhaniics sich damit beschäftigt, gemäß dem Naturgesetz die Schivachen auszurotten und sie als Beute den Starken gebunden zu überliefern, so Ivürde sie die Ethik des Kapitalismus unter die Heroen der Menschheit, die genialen Staats- männer und erhabene» Kriegsfürsten einreihen. Aber die Arrflehiiung gegen das Naturgesetz, das die starken gegen die Schivachen ver- teidigt, macht sie zu Verbrecheru. Gerade die Boereu haben die Wirkungen der christlich-kapitalisti- scheu Moral am eigenen Leibe verspürt. Als sie die Stärkeren waren und 1886 die Leute Jamesons wie lästige Insekten leicht ab- schüttelten, da bot man ihnen Ivcrkthätige Hilfe a». Wie aber England über das kleine Volk fiel, da achtete Europa ehrfurchtsvoll des Naturgesetzes und liest die Schtvächcren zir Grunde gehen; es war mir noch eine kleine Amvandlnng einer überimnidenen Moral, daß man den Ueberfalleuen ihren Wider- stand nicht geradezu als Verbrechen anrechnete. In der Beurteilung der russischen Ereignisse wird die kapitalistische Meinung der europäischen Oessentlickikeit von der gleichen Moral geleitet. Ein Volk ächzt unter der rohen Tyrannei einer finsteren Uebergeivalt, die jede freie Regung erstickt, jede glücklichere Gestaltung hemmt. Eüi Einzelner unternimmt es, einen besonders ruchlosen Träger des ruchlosen Systems anzugreifen und zu übertvältigcn. indem er sein eignes Leben opfert. In früheren Zeiten hätte inan den kühnen Mann belvundert und verehrt. Heule sieht'mau auch in solcher Thal ein abscheuliches Alteutat auf das Naturgesetz, das den Schutz des Starken gebietet. Wen» die russische» Gelvalthabcr das Gcivimmcl der Kleinen nieder- treten, dann ist das eine große und wellhistorisch gerechtfertigte Handlung. Wenn aber so ein trotziger kleiner David den pluiupen Goliath mit der Schleuder niederstreckt, dann flucht mau über den feige» Meuchelmörder, den scheußliche» Mordgcscllen. Die kapitalistische Welt, die es ertragen kann, daß zehntauseude Mensche» um eines Geschäftsgeiviimes Wille» hingeschlachtet werden, wird nu Jnuersten aufgewühlt und empört, sobald ein Träger der uu- barucherzigften Gewalt fällt. Wenn der Tiger eine« Menschen packt, dann stellt sich der fromnie Elhiker des Kapitalismus daneben und predigt— drin Mensche n das Gesetz der Gerechtigkeit, das da schlechterdings verbietet, aus eignem Recht Notwehr zu üben.... Ein Volk weniger auf der Erde— Hurra! die Kurse steigen, und das Naturgesetz, das den Kampf ums Dasei« leukt. strahlt in sieg- haftem Glanz!___ Joe. Kleines Feuilleton» dt. Ter Nestor der drutschcn Astronomen, Johann Gottfried Galle, feiert morgen, ani 9. Juni, seinen 90, Gc- dnrtslag. Nicht nur ans Dentschland. sonder» aus der ganze» Welt werden dein Jubilar Glückwünsch« zufließen— ist sein Name doch anfs engste verknüpft mit einer der merkN'ürdigste» Entdeckmigcn. der des Planeten Neptun, durch welche ciue Äsliononiic des Unficht- baren geschaffen wurde. Das Arbeitsgebiet des Sstrououien ist nicht ans durch das Auge resp. Fernrohr Erfaßbares beschränkt, sonderu Gestirne, die niemals einen Lichtstrahl zu uns senden, verraten sich dem geistigen Auge durch Einwirkmigcn, die sie ans fichtbare Körper ausüben. Galles Bedeutung liegt allerdings weniger auf dein Felde der Berechmmg des Unsichtbare», als auf den, der Beobachtung des Sichtbaren, und gerade als Beobachter hat er in die Enrdecknngsgekchichte des Neptun eingegriffen. Gebore» wurde er am 9. Juni 1812 in Pabslhans bei Gräfen- Hainichen in der Provinz Sachsen; seine Sctuilbildum? erhielt er in Wittenberg. Nachdem er das Zeugnis der Reife erlangt, ging er im Jahre 1830 nach Berlin,>vo er Mathematik und Ralurrmffcnschaften studierte. Nach Vollendung seines Studiums wandte er sich dem Lehrfache zu; wir finden ihn 1833 am Gymnasium in Gnben, im folgenden Jahre. 1834. am Friedrich-Werderfchen GymiiaftliM in Berti» als Lehrer thätig. Doch schon 1835 wurde er von Enck« an die damals neu erbaute königliche Sternwarte in Berlin als Observator(Beobachters berufen. Diese Stellung behielt er IL Jahre lang, bis zum Jahre 1851, wo er als Direktor an die Sternwarte von Breslau berufen wurde. Letzteren Posten bekleidete er bis zum Jahre 1897; dann trat er wegen seines hohen Alters als fünfund« achtzigjähriger in den Rnhestaiid.• In feiner Berliner Stellung nrachte er sich als sorgsamer Be- obachter, besonders von Kometen, einen Namen; drei dieser Welt- körper, die uusrenr Sonnensystem angehöre», gelang es ihm, zu ent« decken und zu berechnen; sie führe» im Verzeichnis die Nummern 156, 157. 158. Alle drei standen zu Anfang des Jahres 1840, am 5. Januar. 13. März, 3. April, in der Sonnennähe. Nur einer bon ihnen, 157, hat eine elliptische Bahn, so daß er dauernd zu rinsrem System gehört mid zur Sonne zurückkehren»miß; allerdings beträgt seine Ilmlaufszcit 13 864 Jahre. Also erst sehr späte Enkel rverden in der Lage sein, die über ihn angestellten Berechnungen zu verificicre». Arn Morgen des 23. September 1846 empfing Galle ein Schreiben des jungen Pariser Astronomen Leverrier, worin er gebeten wurde, au einer genau bezeichneten Stelle des Himmels nach einem Planet«,, zu suche». Der Planet Uranus, welcher 1781 entdeckt worden war, zeigte in seiner Bahn nicht genaue Uebereinstimmnng uilt de», Wege, welchen die Rechnung ihm anwies. Man vermutete schon seit längerer Zeit, daß die Abweichungen durch einen von der Sonne noch weiter entfernten unbekannte» großen Planeten verursacht seien. Leverrier berechnete denselben aus diesen Abiveichungcu und teilte seine Resultate der Berliner Akademie der Wisscuschafteu mit. Gleich- zeitig wandte er sich, wie gesagt, au Galle mit der Bitte, den Planeten zu suchen. Diese Thatsache beweist, welchen Ruf damals bereitZ Galle als Beobachter besaß. Die Berliner Akademie der Wissen- schofle» gab damals neue Sternkarte» heraus; die Vearbeitmig der von Leverrier bezeichneten Stelle des Himmels war gerade ferlig geworden und die Sternwarte bereits im Besitz einer Karte, die im Buchhandel noch nicht erschienen war. Als Galle an der Hand dieser Karte den Himmel absuchte, fand er ein Sternchen 3. Größe, das nicht verzeichnet war. Die unausgesetzte Bcvbachlmig während der Nacht zeigte keine ganz zweifellose Lrtsveräudcrung des Sternchens; als es aber an, nächsten Abend wieder beobachtet wurde, war es deutlich von der Stelle gerückt und erwies sich that- sächlich als der gesuchte Planet. Dieser von der Beobachtung er- rechnete Planet mnlreist die Sonne, von der er nicht lveniger als 602'/, Millionen Meilen entfenit ist, in einem Zeitraum von 1643.4 Jahren. Da» Instrument, mit dem er von Galle vor 56 Jahren zuerst'erblickt und festgestellt wurde, steht heute noch in der Stern- warte ans dem Enckcplntz. Doch nur noch kurze Zeit wird diese historische Stelle den Berlinern zugänglich sein; der Dunst der Groß- stadt treibt die Beobachter des Himmels in die reinere Luft entlegencl Vororte. Galles iveiterc Thätigkeit war die eines fleißigen n»d sorg samen Forschers. Außer den, Neptun hat er besonders die Bahnen voi? Kvmclc» und Planetoiden bestimmt. Untersuch,»igen über Meleore und Lichterscheiiumgen an, Himmel führten ihn zur näheren Bcschäfligung mit der Meteorologie, als deren Frucht 1857.Grund- züge der schlesische» Kliiiiatologie' erschien. Seine astronomischen Bcvbachtiingc» sind zum größten Teil in den Mitteilungen der BreSlauer Slcnuvarte enthalten. Ein besonderes Verdienst erwarb er sicb in, Jahre 1873 durch die Anregung, Messniigen an den, Planetoiden Flora, welcher im Oktober und November dieses Jahres der Erde sehr nahe kam, zur Bestimmung der Entfernung der Sonne zu benutzen; hierzu sind gleichzeitige Be- obachiunqen auf nördlich und südlich gelegenen Sternwarte» nötig, die ans Galles Veranlassung unternonnnen wurden. Galle leitete aus ihnen einen sehr genaue« Wert für diese wichtige Größe, das Meter- maß am Himmel, ab. Im Jahre 1894 gab er«im neues Kometen» Verzeichnis als Ergänzung des früheren heraus.— Theater. Schiller-Theater. Di« Motten bnrger. Posi>! mfi Gesang in sechs Bilden, von K a l i s ch und Weihrauch. Musik von B i a l'— Mit den alten Posse» ist's wie mit der alten Zeit. Man lobt sie, weil man sie vergessen hat. Ausgrabungen, wie sie da? Scknvcr-Theatcr tu dieser Saison mehrfach vorgenommen, find uiiter diesen Umständen eine nnbeqneine Ueberraschung. Es hat etwas Genierliches, wenn man bemerkt, daß jene alten Stücke, die man so boch über den gauz blöden moderne» Ansstattungspossenkram gestellt hat. doch nur das eine Berdienst besitzen, jung geivese» zu sei», als mau selber noch jung war, und daß, von dieser subjektive» Würze abgesehen, das alle Bräu beinahe so wässerig schmeckt, wie das, was heute zun, Ausschank kommt. Die Mache ist nicht weniger äußerlich und der Effekt nicht weniger a» den Haaren herbei- gezogen, und der Mehrzahl der Witze steht es an der Stirne ge« schriebe», daß sie auch Anno daznnial recht hoch betagt gewesen sein muß. Als Schtvaul wäre eine Sache, wie die„Mottenburgcr". schlechthin imverdanlich. Was bei dem Mangel wirklicher Situalions- und Charaltcrkomik innnerhi»»och eure gewisse Bewegung hineinbrinat, ist die reichliche Unterbrechung der redseligen Prosascencn durch Musik und EonpletS. Da nun, nie wissen kann, wann und über welche» Gegenstand die handelnd«,, Personen zu singen anheben werden, ivartcr man darauf mit einer Art von Spannung. In diesem völlig launenhaftivillkürlichen Potponrrisingsang liegt etwas Geinütlich-Ver- gnüglicheS. Daß man sich Zndtchtungcn zu den Versen von Kalisch und Weibrauch erlaubt hatte, ist sicher kein Verbrechen an der Poesie. Mochten die neuen Strophen auch recht herzlich schlecht sein, darum allein waren sie noch lange nicht stilwidrig. Aber daß man, zumal Im i'iBimfn in Kostüm und Ausstattung der Charakter deS Alt- modisch-Mottcnbnrgerhaften überall sehr glücklich festgehalten war, den neuesten Berliner Hochbahn-Kalaner, den Boeren-Frieden und andre groste Gegenwartserrungenschaften mehr in Coupletreimen vorgesetzt erhielt, war wirklich hart.— DaS flotte Spiel, vor allem der Herren S ck m a s o w und K i r s ch n e r wie deS Fräulein Margarete Wöstmann, verhalf trotz alledem der einst be- rühmten Posse beim Publikum zu einem lauten Heiterkeitserfolg. -— dt. Musik. Kein einfacher.Falcone", sondern ein ganz ordentlicher Durchfallcone war dieser„Matt e'o�, den unser Opernhaus am Freitag aufgeführt hat. Man stelle sich aber die Sache nicht so vor, als hätte die Theaterleitnng ihre Kräfte auf das Spiel gesetzt, uni eine verkannte Kiinstlergröste dem Schicksal zum Trotz zu retten, und wäre dabei in beklagenswerter Weise gescheitert. Theodor Gerlach ist weder verkannt noch eine Künstlergröße, sondern ein Mann ge- setzten Alters a»S Dresden, der bei dem altwnrdigen Kölner Meister Franz Wüllncr das Nötige und darüber hinaus ein apartes Komponieren von Chören gelernt zu haben scheint. Gesetzt ist auch sein musikalisches Können; und man darf hier getrost das Wortspiel wagen, datz sich in ihn» mancherlei ältere Mnsikeindrücke gesetzt haben. Was seine Musik kennzeichnet, das sind Motive, wie man sie in der Koinpositions« schule gebraucht und ersinnt, sind Wendungen, die sich gut abgelagert haben,'meist von jener Art, ivie sie in Zwischensätzen und Schluß- fonneln von Vereinsgesängen u. dgl. üblich ist, von der herz- eriveichenden Nührlhrik familiärer Lieblingsstücke— alles geschickt gemacht, ordentlich polyphon ineinaudergearbcitet, mit ersichtlicher Gewandtheit im Erwecken von Stimmung und mit einer besonderen Fertigkeit im Koniponieren von Chören und int Zusammenfügen von Chor und Solo. Der Text, den sich der Komponist für seine Musik bereitet hat, ist eine Freiheit?- und Nache-Gcschichtc a»S Korsika zu der Zeit st730). da diese Kirsel die letzten und bald erfolgreichen Anstrengungen machte, sich von der Gennesenherrschaft zu befreie». Subtil und nicht eben durch die Musik anschaulich näher gerückt ist das zur Katastrophe führende Jneinanderspielen der zwei' hauptsächlichen Eigenheiten der Korsen: der Blutrache und der Gastfreundschaft. Nicht subtil, viel- mehr recht grob sind die Verse des Textes; immerhin bringt der Gegensatz kürzerer und längerer Verse eine gute Abwechslung. Dast »vir von einer wirklichen musikalischen Dramatik sprechen könnten, dazu fehlt jeder große Zug in der Erfindung und Verbindung der Motive; das Ivenige, ivas sich an markanteren Themen heraus- arbeitet, ist Konveutions- und Schmachtmnfik. Die äußeren Ver- hältuisse moderner Opcrndramatik sind z'var eingehalten; und der gescheute Einfall, die Akt- Teilung durch einen gcschloflcncn Zug deS Hanptftiickcs zu ersetzen, das ein Vorspiel und ein Nachspiel einrahmen, macht sich ganz hübsch. Von tieferem Ausdruck, von dramatischer Wucht ist keine Nedc; Asfektstärke ver- sinnlicht der Komponist gern durch Blcchstöße im Orchester, das ohnehin nicht gerade hervorragend instrinncntiert ist. Eine Lange- weile liegt über dem Ganze» und zwar auch in den späteren Teilen, die— zumal das Nachspiel— eine kleine Steigerung der»mfi- kalischcn Kraft bringen. Am ehesten möchten>vir»och die idyllische Sceue hervorheben, in der des Falcoue Sohn Fortunata im Heu mit einem Kätzchen spielt. Der originellste Textteil, die.Korsische Totenfeier"(Vcccio) im Nachspiel, ist ein pantomimisches Ballett. wieder mit einer nicht üblen StinnnnngSiunfik, die aber ebenfalls über Jnhaltsarmut nicht hinauskommt. Die Anfführniig ivar von einem ersichtlich starken Animo aller Beteiligten getragen. Victor v. Stra» ß(oder ivie ist eigentlich sein Vorname?) dirigierte,* D r o e s ch e r führte— nicht immer scharf nach den Weisimgc» des Textbuches— die Regie. Herr Berg er sang den Titelhelden. Schade, daß er sein gutes Material an Stimme so wenig vornehm behandelt; besonders manche hohen Töne, einige ivie e gesimgene Ö und dergleichen störten sehr. Nicht ge- schickt behandelt auch Frl. v. B i b o iv sin der kleinen Rolle einer Tochter Falcones) ihre Stimme; allein sie kann anS ihrem hübschen Alt>vohl noch Gutes herausbringen. Frl. R« i n I sals deren Schwester Beatrice), nnsre Hoch- und Schr'ei-Drmnalische, ist in ihrer Art bekannt und mit ihrem Eifer auch hier ivieder eines Rühmens wert. Von Frau G o e tz e sFalcones Gattin) brauchen wir dies erst recht nicht zu betonen? und Frl. R o t h a u s e r salS beider Söhnchen) beivährte sich ebenfalls. Die zivet äußeren Männerstimnlen waren tüchtig? das heißt der Prnchtbaß Herrn KnüpferS (Anführer der genuesischen Söldner) bedarf nicht erst einer Preisinig, und der Tenor Herrn Sommers sNationalheld Sanpiero) war diesmal gut am Platz. Ziveimal nach dem Haiiptteil»ud knapp zweimal nach dein Ende gelang es einigen Paschhänden, den Komponisten heranszupaschen. Hans Pfitzner ivar»ach dem„Armen Heinrich" an die t8 Male gerufen t>vorden und mußte doch einen Abfall seines Werkes hin« nehme». Proportion: 18 verhält sich zu 4, ivie sich verhält 0 zu x? x gleich 0. Der Raum für das nächste 0 ist frei? auf diesem Schlacht- seid verschwinden die Leichen sehr bald.— sz. Gesundheitspflege. ss. Eine Anklage gegen das Pincenez richtet der Augenarzt eines großen Neiv Aorker Krankenhauses, Dr. Robert Joyce, in einem Schreiben an den.Medical Necord". Wer einen Zwicker trägt und sich selbst einigermaßen beobachtet, wird vielleicht darauf aufmerksam geworden sein, daß sich häufiger ein Thränen des Auges bei ihm einstellt. Dr. Joyce weist nun nach, daß diese Er» scheinung eine Folge des Drucks ist, der von den Federn des Pincenez auf die Gewebe zu jeder Seite der Nase aus« geübt wird. Dieser Druck giebt nämlich nach den Be- obachtnngen des Arztes zunächst dazu Veranlassung, daß da» untere Augenlid aus seiner Stellung geschoben wird, indem seine Bindehaut die Berührung mit der Bindehaut deS Augapfels verliert. Mit andren Worten ausgedrückt: das untere Augenlid hebt sich vom Augapfel ab. Die Angenkuude nennt diese bei verschiedenen Krank« Heiken zu Tage tretende Erscheinung Ektropium und kennt auch ihre sehr üblen Folgen. Indem die äußere Luft einen Zutritt zu der inneren Haut des Lides erhält, wird diese in den Zustand einer dauernden Entzündung versetzt, wodurch dann wiederum weitere Störungen in dein Mechanismus des Auges und namentlich der Thränenleitnng cutstchen, abgesehen davon, daß auch der Anblick eine? in dieser Weise veränderten Auges kein schöner ist. Dr. Joyce hat durch Messungen festgestellt, daß der Druck eine? Zwickers eine Abhebung des Augenlids zwar in einem geringen aber doch meßbaren Betrage hervorruft. Gerade diese Geringfügigkeit ist insofern be- denklich, als die Tbatsnche infolgedesien der Beobachtung selbst eine? Arztes leicht entgeht, zumal lven» die Augen durch die Gläser bedeckt werden. Dennoch ist auch in diesem geringen Grade die Abhebung des unteren Augenlids zur Herbeiführung von Entzündungen genügend. Selbstverständlich ist dieser Ucbelstand nicht in jedem Fall mit dem Tragen eines Zwickers verbunden, wohl sollte aber darauf geachtet iverden, ob es vielleicht der Fall ist, und dann muß eine sehr sorg- fältige Auswahl eines passenden Pincenez vorgenommen werden. Es giebt aber auch Rasen, die für keine einzige Form deS Zwickers geeignet sind, indem jener untcr allen Ilmständen zu venneidende Einfluß auf das Auge stets eintreten tvürde, und dann bleibt eben nichts andres übrig, als daß der oder die Betreffende auf das Trage» eines Pincenez überhaupt verzichtet und mit einer Brille fürlieb nimmt.— Humoristisches. — Lehrbuben leben..Du Schorschl, wie geht Dir's denn bei Deöni neuen Meister?" .Miserabel I Giebas a' Wurst, krieg' i' d' Haut? giebt'S Kartossel, krieg' i' d' Haut, und iß i d' H a u t»et, na' haut mi' da Meister l'— — Sehr fraglich. Er:„Das scheint Wohl eine Omelette zu werden, liebe Frieda?" Junge Frau:„Meinst Du?'— — Fatal..... Donner und Doria, so ein Pech!... Bin ich da im Dusel dein MäßigkeitSverein beigetreten I'— (.Fliegende Blätter.") Notizen. — Das T r i a n o n- T h e a t e r in der Gcorgenstraße tritt mit der nächsten Saison als G. m. b. H. in die Reihe der ständigen Bühnen Berlins und soll das moderne Lustspiel und den Schivank pflegen.— — Das Städelsche Kunstmstilut in Frankfurt a. M. hat ein Gemälde von Wilhelm Leibi, das einen alten Bauern an der Seite einer jungen Bäuerin darstellt, für 33 000 M. erworben.— — Die Hamburger Wochenschrift für deutsche Kultur.Der L o o t s e" kündigt an. daß sie Ende Juni zu erscheinen aufhört.— — Die n ä ch st j ä h r i g e Generalversammlung des Vereins deutscher Naturforscher u n d A e r z t e findet in Kassel statt.— — Im neuesten Bande des Goethe-Jahrbuchs weist P. Weizsäcker nach, daß die e i s c r u e H a n d des Ritters Götz v. Berlichingen nicht, lvie Goethe in seinem Schauspiel ivill, die rechte, sondern die linke Ivar. Es ergicbt sich dies ans der Besichtigung deö mechanischen Kunstwerks, das in Jagslhausen ausbewahrt wird.— — Der Wiener Maler David Mosa hat sich in einem Anfall von Verfolgungslvahnsinn in Venedig erschossen. Die„Nene Welt" brachte vor längerer Zeit eine Reproduktion seines unlängst von der modernen Kimstgalerie in Venedig angekauften Gemäldes .Begrabene Hoffnungen".— Kürzlich ist in London bei einer Versteigerung der silberne .Pestlöffel", eine Erinuerung an die Zeit der großen Seuche von tüSö für 2S60 M. verkauft worden. Auf seinem Griff stehen in englischer Sprache die Worte:„Hergestellt im Jahre 1665, in den» in London durch die Seuche tZ3 596, durch andre Krankheiten ins« gesamt 97 306 Menschen hingerafft wurden".— o. Eine englische Expedition zur Untersuchung der Schlafkrankheit ist nach Uganda aufgebrochen. Die Schlaf- kraukheit oder Negcrlcthargie ist in Westafrika seit langem bekannt, aber jetzt auch den Kongo entlaug nach Uganda gekommen. Die unheilvolle Krankheit hat viel Gemeinsames mit der allgemeinen Paralyse der Verrückten. Vis jetzt sind nur Eingeborene davon befallen worden? drei Fälle wurden vor kurzem in Londoner Kranken- Häusern behandelt. Nach den letzten Berichten anS Uganda sind in Busoga allein 20 000 Menschen daran gestorben nnd die Epidemie soll noch im Zunehmen sein.— Verantwortlicher Redacteur: Gart Leid in Berlin. Druck und Verlag vor. Max Babing in Berlin.