Wnterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. Iii. Mittwoch� den 11 Juni. 1902 (Nachdruck verbalen> 8i] Vev Msnlrsnrantt. Roman von Hall Caine. Autorisierte Uebersctzung. „Ja. das bin ich." bestätigte Pete.„Und jetzt sagt mal. was ist das für ein Spektakel zwischen Ench beiden? Wolltet Ihr die Landnng meines Koffers überwachen, he?" Kaum hatte sich Cäsar von der schrecklichen Vorstellung erholt, daß Pete ein Geist sei, so fing er auch schon an, ihn dafür zur Rede zu stellen, daß er noch am Leben war. „Wie geht denn das zu?" fragte er.„Antworten Sie mir, junger Mann; ich habe ja doch für Sie die Leichenpredigt gehalten?" „Sie werden das schon noch einnial thun müssen, Mr. Cregeen, denn ich bin noch nicht in die Grube gefahren." „Nein, und noch mehr wert als zehn tote Menschen," sagte der schivarze Tom.„Meiner Treu, Junge— wie schmuck und rüstig Du aussiehst l Hast Dir Haare am Kinn wachsen lassen; die Fremde hat einen Mann aus Dir ge- macht, Pete. Und wie groß die Familienähnlichkeit istl Du kommst doch mit nur heim— in das alte Haus am Brunnen. Ich hätte den Kasten in einem Nu ans Land geschleppt, aber Cäsar brennt förmlich darauf, mit zu helfen. Was? Du willst nicht?" Pete schüttelte den Kopf und schritt nach der Laufbrücke. Als dies Cäsar bemerkte, sagte er streng: „Lassen Sie den Herrn nur gehen, Mr. Quilliam. Er weiß selbst am besten, was er will." „Thun Sie das nur auch, Mr. Klingelbeutel." sagte der schwarze Tom.„Ihr Kopf ist aber so leer wie ein Molley") und auch ebenso voll Wind. Sie sind ein regulärer mensch- licher Molley, der andrer Leute Netze vorm Sinken bewahrt und alles nimmt, was sich drin gefangen hat." Sie waren inzwischen ans User gekommen; einer der Lastträger vom Quai schaffte den Koffer in den Gig, während Cäsar dem Pferde die Decke und den Fntterbeutel abnahm. „Steigen Sie auf, Mr. Pete, und hören Sie nicht weiter auf ihn", sagte Cäsar.„Wenn mein Fleiß und meine Recht- schaffenheit von der Vorsehung gesegnet worden..." „Laß die Vorsehung aus dem Spiel. Du alter, Hab- gieriger Ebenezer Zacharias, Amen", kreischte der schwarze Tom. „Ihr habt der Vorsehung so lange Ihr lebt Trotz ge- boten, Tom", sagte Cäsar, indein er neben Pete Platz nahm. „Du wohl nicht, Geizkragen?" entgegnete der schwarze Tom.„Würdest Du doch Deine Seele für einen Sixpence verkaufen und Deinen alten häßlichen Leib ausspielen, wenn Du jemand fändest, der Lose nähme!" „Geh' Hein», Thomas," sagte Cäsar, die Zügel in die Hand nehmend.„Geh' heim und suche in Zukunft ein besserer Mensch zu tvcrden." Das war zu viel für den schwarzen Tom.„Ein befferer Mensch, meinst Du? Komm herunter aus deu Quai und heraus mit der Faust; ich will Dir zeigen, wer vou uns der bessere Mann ist." Einen Augenblick später rasselten Cäsar und Pete über das Pflaster des Marktes und der Hund lief hinter ihnen drein. Petes Fragen nahmen kein Ende. „Wie geht's Ihnen, Mr. Cregeen?" „Ich bin im Gnadeustand, dem Herrn sei's gedankt." „Und Grannie?" „Sie ist nicht gerade jünger geworden, ebensowenig wie ich. Um geistliche Dinge kümmert sie sich viel zu wenig." „Tie cngelsgute Alte! Wie freue ich mich, sie wieder- zusehen! Nun— und Nancy Joe?" „Noch immer'ne glückliche Sünderin," sagte Cäsar. „Nicht wahr, Sie haben dort drüben viel Geld eingeheimst. Die Leute sageu es wenigstens." „Geld?" sagte Pete.„Nun ja. Genug, mir den Teufel und seine Großmutter vom Leibe zu halten. Doch wie... ja, wie ist's—?" Molley ist die Mankische Bezeichnung fiir eine ou« Hnndehout gefertigte Blase, deren man sich beim Hevingsfauge bedient, um. die Netz« schwimmcnd zn erhalten. „Daß Dich! Auf Lebenszeit— he?" fragte Cäsar weiter. „Ja wohl, ja wohl! Doch darum handelt sich's nicht," meinte Pete.„Wie aber steht's und wie geht's—?" „Wundervoll I" schrie Cäsar.„Und in nur fünf Jahren. Wackerer Junge I Ich ivollte fast meinen Augen nicht trauen, als ich Sie sah." „Doch wie steht es mit Käthe? Was macht das Mädchen?" fragte Pete aufgeregt. „O, die sieht schmuck aus und prächtig," sagte Cäsar. „Gott segne sie l" schrie Pete so laut, daß man es bis über die Straße hören konnte. „Wir werden sie möglicherweise bei Crellin aufgabeln." „Was? hier bei Crellin, um die Ecke— bei Crellin, dem Tuchhändler. Pr! Halt l Lassen Sie mich herunter! Die Stute ist müde, Vater." Und Pete war mit einem Sprung übers Rad. Er kam aber wieder aus dem Laden heraus und sagte. daß Käthe hinterlassen hätte, der Vater solle nicht auf sie warten; sie würde vielleicht schon vor ihm zu Hause sein. Von einem Haufen Gassenkinder umgeben, unter die er Kupfermünzen geworfen hatte, kletterte Pete wieder an Cäsars Seite und fort ging's nach Sulby. Der Wind hatte sich plötzlich erhoben und heulte nun vom Hafen her durch die engen Straßen. „Und Philipp? Wie steht es um Philipp?" rief Pete. „Mr. Christian? O. der ist wohl und munter— verrichtet Wunderdinge." „Das ließ sich denken," schrie Pete mit schallendem Lachen. „Er steigt wie die Flut und reißt alles mit sich fort," sagte Cäsar. „Sein Tag bricht an, wie?" fragte Pete.„Ich Hab' immer gesagt, er wird noch der eiste Mann auf der Insel— und er wird mich nicht Lügen strafen." „Der junge Mann hat uns von Zeit zu Zeit einen Blick gegönnt— er war auch bei meiner Melliah, nächsten Mittwoch wird es acht Tage." „So wahr ich lebe, Mann," rief Pete,„wir sind wie zwei Brüder, er und ich." „Es ivar also ganz falsch, was in dem Briefe geschrieben stand, daß Ihre schwarzen Burschen Sie für tot liegen ge- lasten hatten." „Nein, es war richtig, hol' sie der Teufel!" sagte Pete. „Doch hielt ich's für keine Sünde, wieder lebendig zu werden." „Freilich, freilich! Das Lügen hat mit der Welt an- gefangen und wird auch erst mit der Welt enden", meinte Cäsar. Als sie an Ballawhaine vorüberkamen, brüllte Pete noch lauter als der Wind, der jetzt in den Bäumen sauste und die dürren Blätter im Wirbel umhertrieb, Cäsar ins Ohr: „Was aber macht Roß?" „Der Nichtsnutz! Lebt immer drauf los, ja, immer drauf los." „Hm I Mit vollen Segeln?" schrie Pete. „Mag sein, doch der Teufel fischt, wo dieser Kerl schwimmt." „Und der alte Mann— der Ballawhaine selbst— immer noch nicht unterm Nasen?" „Ja. doch geht es mehr und mehr abwärts mit ihm," rief Cäsar.„Das Leben wird dem Mann zu schwer. Schulden hier, Schulden da und überall Schulden," „Nicht mehr genug Wasser im Hafen, he?" „Beinah' sitzt er schon auf dem Felsen fest, wenn ich recht unterrichtet bin." Als sie an der Sulbybrücke vorbei waren und die Manks- Fee in Sicht kam, ließ sich Petes Aufregung nicht mehr bezähmen. Er sprang von seinem Sitz empor, und, den Sturm überbietend, schrie er vor Freude wie ein Be- sessener: „Meiner Treu, noch ganz wie damals. Nur das Strohdach ist ausgeflickt, ja, das seh' ich. Und die Einfahrt— heiliger Seemann I da ist sie I Und Braunchen immer noch da? Das ist ihre Färse, nicht? Aufgewacht, Molly l Ein Schwipps mit der Peitsche würde der Mähre uichts schaden, mein' ich. Was tausend, da humpelt die alte Flora heraus, uns entgegen. Hat wohl das Gliederweh? Lassen Sie»uch 'runter. Cäsar. Hier sind wir ja. Mann. Herrgott! der Kuhstallgernch. Wie warm und feucht das heranweht,'s ist wunderbar! Was, kennst mich nicht, Flora? Hast immer noch Lebensmut, obschon Tu die Zähne verloren hast? Meiner Treu, da ist ja auch der Scheunenhof! Noch immer so wie früher. Und Torf brennt man drinnen. Gott steh mir bei! Da werden ja auch Heringe in der Lake gebraten. Wo aber ist Grannie? Lassen Sie uns hineinsehen, Cäsar. So, so— o, nun ist's gut I" So kam Pete wieder heim, lachend, jauchzend und schreiend. Seine Freude übertönte den Wind, der inzwischen zum Sturm angewachsen war. „Mutter," rief Cäsar, als er in die Vorhalle trat,„da ist ein Herr aus der Fremde, der Dich zu sprechen wünscht." „Es giebt niemand dort, der mich kennt," sagte Grannie. „Niemand— wieso?" fragte Cäsar. „Einen vielleicht, wenn er noch lebte, der arme Junge." „Grannie I" schrie Pete und stürzte ins Schenkzimmer. „Banuherziger Hinimel I" rief Grannie.„das ist seine Stimme." „Er ist es selbst." jubelte Pete, und die gute alte Seele lag ihm auch schon in den Armen. „Ach Gott, ach Gott!" keuchte sie.„Es ist ganz gelviß Pete. Doch laßt mich, daß ich mich setze." „Dachtest Du denn, es wäre sein Geist, Mutter?" fragte Cäsar mit nachsichtiger Miene. „Wahrhastig nicht, nein I" sagte Grannie.„Der Junge würde niemals von den Toten zu rückkommen, denk' ich, nur um jemand zu quälen." „Und doch ist so was noch gar nicht dagewesen, wie dies Wiedererscheinen Petes." sagte Cäsar.„Es ist eine Art Auf- erstehung. Ich dachte, ich wollte nur einen Blick ins Paket- boot werfen, um nach der Kiste des armen Burschen zu sehen; und wen glaubst Du wohl, daß meine zwei Augen erblickten? Den Mann selbst." „O Gott I Es ist wunderbar! Es ist schrecklich l Die Freude macht mich ganz kindisch." sagte Grannie. „Es waren lauter Lügen, was die Manksleute in dem Briefe geschrieben hatten," erklärte ihr Cäsar. „Briefe sind immer voll Lügen wie alles Geschriebene," behauptete Grannie.„Ich will aber auch, so lange ich lebe, keine mehr annehmen, und wenn dieser Kelly, der Postbote, sich hier wieder blicken läßt, so soll er mal sehen..." „Ihr glaubtet also wirklich, es wäre aus mit mir. auf Nimmerwiedersehen, Grannie?" fragte Pete.„Na. ich dachte es ja selbst.„Werde ich sterben?" fragte ich mich wieder und wieder; zuletzt aber meinte ich doch, es hätte keinen Sinn und Verstand, wenn ein guter Kerl, wie ich, seine Knochen auf dem wüsten Veldt da unten liegen ließe, und so. seht Ihr, Hab' ich die Flügel ausgebreitet und bin wieder heim gekommen." „Das ist vom Herrn geschehen, und ist ein Wunder vor unsren Augen." sagte Cäsar, und Grannie, die sich wieder er- holt hatte und herumwirtschaftete, rief:„Laßt mich ihn nur einmal richtig besehen. Herr, du mein Gott, was für ein Bart und so weich, wie Wolle aus der Krämpelmühle. Mir gefällt er am besten, wenn er den Hut abnimmt. Ich bin ordentlich stolz auf Dich, mein Junge. Aber wahrhaftig, ich würde Dich nicht erkannt haben.„Wer ist denn der Herr, der beim Vater in dem Gig sitzt?" dacht' ich bei mir. Und ich hätte wirklich geglaubt/ daß es der Deemster selber wäre, wenn der nicht schon tot in seinem Sarge läge." Pete wollte sich ausschütten vor Lachen.„Da hört doch alles auf," schrie er.„Nun treibt Grannie sogar ihren Spaß mit mir." „Das Gerede nützt nichts, aber ich kann wahrhaftig nicht stillschweigen," tief Grannie, nahm rasch einen Naps vom Küchenbrett herunter und fing an, wie rasend Kartofieln fürs Abendessen zu schälen. „Aber wo ist Käthe?" fragte jetzt Pete. „Ach ja, wo ist sie denn? Käthe I Käthe l" rief Grannie Nach der Treppe hinauf, und Nancy Joe, die bis jetzt schweigend da gestanden hatte, sagte: „Fuhr sie denn nicht im Gig mit nach Ramsey, Frau?" „Ach, wie dumm bin ich doch I Freilich ist sie mitge- fahren," sagte Grannie.„Warum ist sie aber denn nicht mit Vätern zurückgekommen?" „Sie hat bei Crellin bestellt, ich solle nicht auf sie warten." erklärte Cäsar. „Sie wird zu Miß Clucas zum Anprobieren"gegangen sein," meinte Nancy. „Das ist wohl möglich ," sagte Grannie.„Sie läßt sich zwei neue Kleider machen, Pete. Die Mädchen sind fürchterlich, aber das ist nun einmal nicht anders." „Sie soll zweiundzwanzig Kleider haben, wenn sie es wünscht," sagte Pete. „Himmlische Güte," rief Nancy,„so viele kauft ja kaum ein Mormon." „Aber Dir ist's gewiß leer um den Magen, mein Junge. — Nimm das Gekröse vom Feuer, Nancy, und setze die Pfanne auf," sagte Grannie.„Wir wollen Kuchen backen. Kuchen? Freilich, ich sag's ja. Hole das Tischtuch, ich will's selber aufdecken. Das Tischtuch sage ich. Mädchen. Hast Du noch nichts von einem Tischtuch gehört? Wo es ist? Ach, Gott weiß I Es wird im Besuchszimmer liegen— oder in der Lade— nein, jetzt weiß ich, unter meinen Betttüchern l Fort, hole es, Mädchen." lFortsetzung folgt.) ■ Nachdruck Uudoten.) Dtts SigrnkttNl. Vo» Emil R o s e n o w. Die eichene Standuhr, die sich in der Ecke deS prächtigen Arbeits« zimmcrs wie ein oerkleinertcr gothischer Kirchturm erhob, holte auS und schlug Eins. Der Koinnierzicnrat, vor dein breite», Papier» bedeckien Diplomat sitzend, hob den kahlen Kopf mit der Habichtsnase und den blutlosen Lippen: „Schon Eins. Der Prozeß sollte doch vorüber sein." Durch das Guckloch der Thiire warf er eine» Blick ins Comptoir, über dessen Pultreihen die jungen Leute in eifriger Arbeit die Köpfe gebengt hielten. Dann drückte er auf den elektrischen Knopf. Der Bureauchef kam herein. .Nun sagen Sie'mal, Strantz, der Prokurist bleibt ja über alle Gebühr lange." „Ja. Herr Konuner�ienrat, ich habe mir gleich gedacht, daß die Zeugenaussagen sich sehr i» die Länge ziehen würden. Es handelt sich doch um sechs einzelne Fälle, und zwei von diesen liegen ziem- sich verdunkelt..." „Ach, dummes Zeug, die Sache ist doch klar. Die beiden Kerls haben mick, in der uuverschäintcsten Weise bestohlen. Alles ist be« weisbar. Der Prozetz»lügte längst beendet sein." „Ja.. Der Chef zuckte die Achseln..Er war wohl alS zweite Sache angesetzt." „Egal,»venu der Prokurist in einer Biertelstnnde noch nicht zurück ist, so klingeln Sie'mal beim Landgericht an. Ich möchte wissen, waS die Kerls gekriegt habe»." „Jaivohl, Herr Komnierzienrat." Der Kommerzienrat schritt auf dem dicken Teppich seines Arbeitszimmers hin und her. Sein ivüteiider Blick streifte die mäch« tigen, reichgeschuitzten Eichcnschräuke, das pompösejSofa-Arrangement, die englischen Klubsessel, die funkelnd« Beleuchtuugskrone. den breiten Arnheim, die dicken Plüschporticrcu... aber er sah das alles nicht. Er ging umher Ivie ein hungriger Wolf im Käfig. Er war be« stöhlen worden, bestohlen! Heute erfolgte die Verurteilung der Thäter und, er hoffte, eine recht schwere Verurteilung. Der Prokurist zeugte. Wen» daS Urteil kam, wollte er's beim Fabrikeingang int Hof anschlagen lassen zum warnenden Excmpcl, damit niemand wieder wagte, die Hand nach seinem Eigen« tum auszustrecken und wenn's nur für eines Pfennigs Wert Ivnr. ES klopfte. Der Prokurist trat ein. „Na also, da sind Sie ja. Was hat's denn nun gesetzt, Wache?" „Eine ziemliche Strafe, Herr Kommerzienrat. Der Kühne sechs Monate, der Kleist vier." Der Kommerzienrat starrte den Prokuristen einen Augenblick an. Dann schrie er blitzlvütend:„Was, das nennen Sie'»e Strafe? Die paar Wochen nennen Sie'ne Strafe? Die Lümmels, die mich so gemein bestohlen haben, kommen mit so'ner Strafe davon! Ja, was sind denn das für Richter, da hätten sie die Kerls ja gleich frei« sprechen können I" Herr Wache Ivagte eine Gegenrede.„Pardon, Herr Kommerzien« rat. den beiden schien's aber nicht egal zu sei». Der Kühne heulte wie ein dummer Junge. Und wenn man's so bedenkt... zehn Monate, fast ein ganzes Jahr, hinter schwedischen Gardinen wegen dem bischen Holz..." „Deut bischen Holz... 1* Der Kommerzierat nahm einen Folianten und schlug ihn auf den Diplomat, datz die Schreibplatte krachte.„Zum Donnerwedder, Herrrr, sind Sie mein Prokurist oder find Sie's nicht? Und wenn's bloß für'n paar Mark ist... es ist die Gemeinheit der Handlungsweise... die Kerls gehörten ins Zuchthaus, jawohl, ins Zuchthaus!" Und nun erging er sich in einer Sturzflut abgehackter Sätze, in Anschuldigungen gegen die angebliche Milde der Strafpraxis, über die Richter, die so viele Diebe und Lumpen abzuurteilen haben, dah sie für die Schändlichkeit des Einzelnen nicht mehr das genügende Gefühl haben. Gefängnis... Pol Zuchthaus müßte es geben; jawohl, Zuchthaus I Oder Prügel» strafe, denn solche Menschen machten sich auS der Freiheitsstrafe ja d»ch nichts, das war ja bloß'ne willkommene Versorciung... Er blieb vor dem Prokuristen stehen..Sic sind als Zeuge offenbar viel zu zurückhaltend gewesen, haben's den Richtern nicht nachdrücklich genug gesagt. Natürlich, wo Sie den Mut haben sollen, da haben Sie'n nicht.* »Herr Kommerzienrat, lasten Sie'S gut sein,' sagte der Prokurist.«Ich habe gesagt, was notivendig war. Aber die Per- Handlung gestaltete sich sehr dramatisch. Der Kühne hatte mit einem armen Mädchen Umgang. Es war nicht ohne Folgen geblieben und er wollte� sie heiraten. Da er aber spottwenig verdiente... Pardon, ich meine natürlich, mit dem Arbeitslohn nicht auskam, so wußte er nicht, wovon den Hmisrat kaufen. Und so kam's eben, daß er und der Kleist abends Holz mitgehen hießen. Davon hat er für seinen Hanshalt einen Küchentisch, einen Scheine!, einen Stuhl gemacht. Und dafür nun die schwere Strafe... und währenddem kommt das Mädchen in Schande und Unglück...' .Das ist egal. Die Kerls haben mich bcstohlen und dafür müsseil sie bestraft werden. Mir komint's überhaupt weniger aus die Strafe selbst, als auf die sociale Nutzanwendung an. Jawohl, abschreckend muß es wirken. Man muß die Bestrafung in warnender Form bekannt niachen...' «Aber, wird das nicht eine Beleidigung für unsre sämtlichen Arbeiter.. .Ach loas, rufen Sie mir'mal Strantz herein, der kann der- gleichen besser als Sie.* Der Burcauchef kam. Eine Stiinde hockte der große Kmistmöbel« fabrikant mit ihm zusammen, dann hatten beide einen Anschlag für den Fabrikhof zusammengestellt. Er gab von der Bestrafung der Holzcntwendnng Knude»nd warnte vor ähnlichen Handlungen, da sie.nnnachsichtlich verfolgt* werden würden. Dann enthielt der Llifnif mehrere dick»nterstrichene Sätze, gewissermaßen die nioralische Begründung der Warnung. Sie sollten sie besonders wirksam machen. Der Kommerzienrat zündete sich befriedigt eine Havanna an, als der Prokurist eintrat. .Herr Koiiimerzieiirat. es haben sich im Bureau bercitß eine ganze Anzahl Bewerber um die ausgeschriebene Werkmeisterstelle eingefunden. Wollen Sie sie sehen?* .Schön,* sagte der Fabrikant,.sehen wir sie»nS an.* Die Leute ivurdeit der Reihe nach eingelnsteii. Sie standen demütig aus der Schwelle des pompösen Privalcoinptoirs und wurden von dem Prokuristen»nd dem Burcauchef examiniert. Währenddem saß der Konnnerzieiirat mit übereinandergcschlageuen Beinen in einem Ledersestel, pastle den blauen Tabakrauch der Havaniia in Ringen empor und horchte zu. Gelegentlich zeigte eine kiirze Beivegung. daß ihm der Bcivcrber nicht paßte, und die beiden Comptoirleiter ließe» dann einen andren eintreten. Die beiden erste» waren kleine Tischlerineister. Der schlechte Geschäftsgang zwang sie zum Aufgeben des selbständigen Betriebes, und sie suchten nun llnterschlnpf in der großen Fabrik. Der Ko»»nerzie»rat zuckte die Achseln; was verstanden diese Kleinmeister von seinem Großbetriebe. Und andre kamen. Sie waren Werkmeister in andren Be- triebe», tüchtige Leute, die die Branche kannten. Der Fabrikant nahm keinen. Einer der letzten aber erregte sein Jntereste. Er sah brutal auS und war doch von einer willsährigen Unterwürfigkcit. Der Kominerzienrnt nahm ihn scharf ins Auge. Den Manu konnte man am Ende gebrauchen. Der Mann sprach von seine» Kenntnissen. Er kannte den Bc- trieb, er hatte immer das Jntereste seiner Chefs im Auge; manche Verbessernng an Maschinen hatte er schon konstriiiert, er besaß über seine Leistungen die besten Zengnisse, er würde sich in daS Wesen des ncncn Betriebs bald einleben. «Wissen Sie,* sagte der Kommcrzieiirat..das alles ist Neben« fache. Die Hanptsachc in meinem Betrieb ist. daß, wenn Sie in die Tischlerei trete», Sie init einem Blick sehe», ob alle arbeite» I* Die drei, der Prokurist, der Burcauchef, der Werkmeister horchten auf. .Jawohl,' sagte der Fabrikant..Das alle? ist Nebensache. Bei mir handelt cS sich darum, ans der Arbeitskraft meiner Leute mehr herauszuschlagen, als der bisherige Werkmeister herausgeschlagen hatl* Dann setzte er langsam und bedächtig auseinander: dies dürfe nicht so begonnen werden, daß seine Arbeiter es merkten und sich gegen die größere Anspannung der Arbeitskraft ivehrte», denn er wolle als ei» humaner Arbeitgeber gelten. Die schärfere Anspannung müsse durch eine schärfere Bcaufsicht'ignng bewirkt iverden. So spare mau Mchreinstellungen von Arbeitern und Löhne. Auch müsse der Werkmeister sie zu' Ueberstunden zivingen und so allmählich eine bis zur höchsten Möglichkeit durchgeführte Steigcrliiig der Arbeitsleistung einführen. Sind dann die Läger gefüllt, so kann man daran denke», auf den Arbeitslohn zn drücken und die hohen Löhne mehr in Einklang mit dem flauen Geschäftsgang bringen.„Na, und wenn Sie für das Progrannn der geeignete Mann sind...* Ja. das wollte er sein, der Herr Kommerzienrat sollte sich in ihm nicht getäuscht haben. So wurde denn der neue Werkmeister angenommen. .Hui,* machte der Prokurist, als der Mann hinausgegangen s war..würde es nicht besser gewesen sei», ivir hätten einen technisch« tiicbligen Mau» angenommen und dieses.Programm* hätten Sie selbst durchgeführt?* Der 5commerztenrat hatte sich bereits zum Weggehen angekleidet. Er stand da und lachte cynisch. .Nein, mein Lieber, das>väre nicht bester gewesen. Ich selbst will in de» Augen meiner Leute als der humane Arbeitgeber gelten, der diesen klciniicheii Lohn- und Arbeitsstreitigkeiten völlig fem steht. Das ist gut iür mich und sür's Geschäft. Denn ich habe immer ge- funden: in Bezug auf die Arbeitskraft und die Arbeitsleistung hören die Streitigkeiten mit den Leuten nicht ans. Wer will's ihnen verdenken?" fragte er gleichmütig.„Schließlich ist ja auch die Arbeits- kraft ihr einziges Eigentum! Da stellt man denn besser einen Werkmeister aii, der mag die Leute zur höchsten Anstrengung der Arbeitskraft zivingen und unsre Gegenleistung, de» Lohn, so viel als möglich verringern.* .lind wenn wir eine neue Lohnbewegung bekommen?' .So decke ich mich mit dem Werkmeister. Er hat mich eben falsch verstanden. Ilcbrigens*, er griff nach dem daliegenden An- schlag,.unterschreibe» Sie doch dieses Plakat'mal und lasten Sie's morgen früh an das Brett auf dem Hof heften. Adieu!* Damit ging er. Der Prokurist las dos Schriftstück durch, ivelcheS den Diebstahl besprach, und die dick unterstrichenen Sätze fielen ihm besonders auf..Das Heiligste ist das Eigentum, in welcher Gestalt es amb austrete.... Jede Eigentumsverictzung ist ein Verbrechen. ... Es ist besonders verwerflich, wenn, wie in diesem Falle, Schleich- wcge gewählt und ei» andrer vorgeschoben oder benutzt wird, die Eigcntnuisverletziing mit ansznfübrcn.... Jede Eigentumsverletzung muß strenge, aber gerechte Bestrafung finden.* Während der Prokurist diese Satze überlas, fielen ihm des Fabrikanten Worte ein:.Schließlich ist ja doch die Arbeitskrast ihr einziges Eigentum I* Und er fragte sich, wer wohl am härtesten zu veriirieileii sei: der arme Teufel, der in der Not das bißche» Holz mitgehen ließ, oder der reiche Fabrikant, der nun darauf ausging, das.einzige Eigentum* seiner Arbeiter, deren Arbeitskraft, rück» sichlslos auszurauben. Plötzlich kamen ihm die beiden Fälle so ähnlich vor, daß er hell auflachte. «Was haben Sie?* fragte der Bnreauchef. .Ach,' sagte der Proknrijt..es sind einige stilistische Absonderlich« leiten darin.* Der andre, der sich in seiner Autorschaft gekränkt fühlte, wandte sich ärgerlich ab. Der Prokurist aber griff zur Feder und unter- zeichnete; den» auch er ivar längst charakterlos geivorde».—> Kleines Feuillekon. ss. Die ersten wichtigen Unterfuchnngcn über die West« indischen VnlkananSbrüchc kann man die Mitteilungen nennen, die in dem neuesten Heft der.Nature* aus der Feder von drei Naturforschern veröffentlicht werden. Sie beziehe» sich auf die Natur des Vnlkanstaubes und der Asche. Nach den Beobachtungen deS Mineralogen Flett besteht die ans Barbados niedergefallene Asche auS folgenden Mineralien: Feldspat, Labradorit, Hypersthen, Augit und Magneteisenstein. sämtlich in wohlausgebildeten Krystollformen. Die Krvstalle waren augenscheinlich' in der glutflüssigen Lava schon fertig gebildet, che der Ausbruch er- folgte, und umrden mit geschmolzenen Gesleinsmasten zusammen durch die Kraft der explodierenden Gase iu die Luft geblasen. Die Krhställchen der Asche liegen meist iu reinem Zustande nebeneinander und sind nur zuweilen mit einige» Glastropfen behaftet. Das in den westindischen Vulkanen jetzt kochende Gestein ist nach seinen Unter» suchnngeu ein Hypcrsthen-Andesit und als solcher dem Basalt ver« wandt. Dieselbe Gesteinsart hat sich auch schon früher auf andren West» indischen Inseln aus den Vulkanen ergossen, ebenso aus denen in Mexiko. Die Vnlkanthätigkeit in Westindien hat danach eine größer» Aehulichkeit mit der im Stillen Occan als mit derjenigen im Atlantischen. Der Umstand, daß der Aschenregen auf Barbados fast lediglich aus einem feinen Sand von Krystallen ohne Beimischung von GlaSstaub bestanden hat, ist besonders»»vorteilhaft für di» Insel, weil das vulkanische Glas wegen seines höheren Gehalts an Kali einen guten Di'mger für den Boden bildet. In einer iveitcren Mitteilung wird zunächst der Eintritt deS Aschenregens geschildert. Nach einem leichte» Erdbeben, daS von hörbaren unterirdischen Erplosionen herrührte, sah man in der Richtung von St. Vincent ein» schlvarze Wolke aufsteigen, die dann gegen den unten h errsch enden Wind sich näherte und die Insel schließlich in Dunkelheit hüllte. Die noch genauere Untersuchung von Dr. Porter hat er» geben, daß die Asche zu zwei Dritteln aus durchsichtigen Teilchen zusammengesetzt Ivar. DaS übrige Drittel von undurchsichtigen Mineralien bestand hauptsächlich aus stark magnetischem Eisenoxyd, daneben aus dunkelfarbigem Glimmer. Bemerkenswert ist der Um» stand, daß die leichteren Arten von Bimsstein in der Asch» gar nicht vertreten waren, sondern mir die schwereren, dt» ans einer gelblich braunen glasartigen. von zahlreiche« Bläschen durchzogenen Masse bestehen. Außerdem waren klein« Körnchen von klarem, grünlichem Glas vorhanden, die als echte» vulkanisches Glas oder als durchsichtiger Obsidian bezeichnet werde» Di« Feldspatkrhstalle waren von wunderbar vollkommener und scharfer Ausbildung. ErwähnenSwent sind ferner die Mischung«« von harten KrhstcitlsMtcrn anZ Quarz von durcbfichtiqen bräunlich grünen Krystallen, die ivcchrscheinlicb dem in Basalten häufige» Mineral Olivin angehöre«, und das Borhandeusei» eines Metalls in sehr kleinen Mengen, wahrscheinlich Kupfer. Trotz des starken Schwefelgeruches, der den Niederfall der Asche begleitete, konnte durch die cheinifche Prüfung kein Schwefel in dem vulkanischen Sand nachgewiesen werden. Wahrscheinlich wurde die Ascheinvolke von einer unsichtbaren Wolke schwefeliger Säure bei ihrem Eilt- weichen ans dem Krater begleitet. Kohlcnsänrc-Verbiuduugen fehlen in der Asche gänzlich. Der nach der Eruption von 1812 auf Barbados gesammelte vulkanische Staub, von dem noch Proben vor- Händen sind, war von weit feinerem Korn, im übrigen aber aus genau denselben Mineralien gebildet. Es hat also den Anschein, als ob die Zusammensetzung der glutflüssigen Gesteine in den wcst- indischen Vulkanen sich während der Ruhezeit der letzten 90 Jahre gar nicht geändert hat.— Kunst. — Der.Frankfurter Zeitung" wird aus München geschrieben: Die innere Ausstattung des Reichstagsgebändes ist noch nicht beendet. Berufene Hände arbeiten fortgesetzt au künst- lerischem Schmuck. So sieht man gegenwärtig im Atelier S ch u st e r- Woldans, eines jüngeren Malers, die Bildwerke für die Decken- Verzierung des Bundesratssaales der Vollendnug entgegengehen. Die Decke wird in vergoldeten reichgearbeiteten Holzkassetteii ausgeführt, deren Vertiefungen Gemälde bilden. Das Haupt- bild in dem großen Mittelfeld ist vollendet, die Bilder der acht Seitcnfelder werden in Berlin der Wirkung des Lichtes und der Architektur angepaßt. Das Mittelfeld bildet einen Kranz von lebensgroßen Figuren, über denen sich stark konturierte, vom Künstler mit besonderer Sorgfalt auf die Wirkung bchnndelte Luft- und Wolkenpartie» erheben. Die Figuren sind modern gedacht und ent- warfen und bilden wie in einem Reigen, aber selbständig aneinander sich anschließende Allegorien, die allerdings der subjektiven Deutung den weitesten Spielraum lassen. Eine schwarz gewandcte weibliche Figur mit verbundenen Augen stellt die Gerechtigkeit dar, bildet die Grundlinie der ganzen Darstellung und soll an der Decke, gegenüber dem Sitze des Kanzlers zu liegen kommen. Die Gerechtigkeit sireckt die Hände leicht von sich, als snche sie tastend etw s. Sie sucht wohl, ob ihr Schwert noch vorhanden ist, das ein Man» lKnicstiick) vor ihr in modernem Gclvande in der Linken und auf den Knie» hält. An die rechte Schulter des Mannes lehnt sich ein Mädchen, ivie Schutz suchend. Ueber dem Mann mit dem Schwert stehen zivci Figuren: die Macht oder die Kraft und die gefesselte Widersetzlichkeit. Hinter der Gerechtigkeit steht i» lebensvoller Attitüde eine nackte, braune, kräftige ManneSgestalt. Sie lehnt sich leicht auf einen vor- gehaltenen Schild und trügt im rechten Arm ein Schwert. Die Figur scheint nicht ein Kricgssymbol, sondern als Allegorie der Abwehr gedacht zu sein. Hinter dem Abivehrmann schlingen sich unbekleidete Frauengestalte» den Rahmen binan. Sie halten Blumen und Früchte, die sie der Erde zu spenden scheineu. Sie sollen wohl den Reichtum, den Wohlstand, das Gedeihen versiunbilden. Ueber ihnen schwebt ein mächtiger Adler, eine Versiuiibildnng des Reiches. Er scheint eben von einer Schale gekostet zu haben, die eine der Frauen trägt. Von dem Adler leitet stark beivegtcs Gewölk hinüber zu der vorerwähnten Figur der gefesselten Wider- setzlichkeit. Po» den Bildern der Seitenfclder der Decke sind erst einige fertig.— Archäologisches. K. Das älteste Schiff. Eine der interessantesten nrchäolo- qischen Entdccknngen, die in letzter Zeit in Aegypten gemacht worden sind, waren, wie ein englisches Blatt berichtet, fünf alte Schiffe, die in Dahshur in einer unterirdische» Krypta nnter dem heißen Wüsten- sand begraben waren und sich in der trockenen Luft viernud« einhalb Jahrtausend gehalten halten. Eins dieser Schiffe ist be- sonders merkwürdig! es ist wahrscheinlich eines der ältesten Beispiele der Schiffsbankiliist, das auf miste Zeit gekommen ist. ES bezeichnet den Beginn der Geichichtc der Seefahrt. Die Kunst des SeefahrenS steckte zu der Zeit, als dieses Schiff gebaut wurde, noch in ihren Anfängen, aber sie war doch bei den Aegyptern viel weiter vorgeschritten als bei manche» primitiven Rassen, die man in der Gegenwart noch beobachtet. DaS Schiff ist aus Cedcrnholz gebaut, das sorgfältig mit einem Brcitbcil bearbeitet ist. Die Zeichen desselben sind stcllenweis noch deutlich sichtbar. Es ist dagegen kein Anzeichen vorhanden, daß auch eine Säge gebraucht wurde. Die Balken sind miteinander verzapft, und wo sie zusammengehalten werde» mußten, sind in die entgegenstehenden Stücke Oeffnungen gebohrt, durch die Riemen, ivahrscheiulich aus Leder, gezogen ivnrdeu, und die Planken wurden dann zusammeiigebuiiden. Die Fugen und Verbindungsstellen wurden mit Erdpcch ausgefüllt, um das Fahr- zeug wasserdicht zu machen. Die Seiten ivaren über der Wasser- linie weiß bemalt und oben und unten durch doppelte schwarze Linien abgesetzt. Das Boot ist 30 Fuß lang, 8 Fuß breit und etwa 6 Fuß tief. ES war teilweise mit einem Deck versehen, und die Bordlvände des Decks und die stützende» Querbalken sind noch vor- Händen. Dabei fand sich ein kurzer Mast, der anzeigt, daß ein Segel gebraucht wurde, dessen Form man allerdings nur errate» Berannvortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin. kaim. Bei dem Schiff fand man auch die Ueberbleibsel von Rudern» die beweisen, daß diese Art der Fortbewegung angewandt wurde. Die Linien sind anmutig und darauf berechnet, Schnelligkeit zu ent» wickeln; Bug und Heck steigen in anmutigen Kurve» auf und laufen spitz zu. Die Schandecke niittschiffs sind niedriger als Bug und Heck und iveiche» in dieser Hinsicht nicht von den Linien der Schiffe ab, die in allen Jahrhunderten seit der Zeit der Erbauung dieses Schiffes gebaut worden sind. Ein Kiel ist nicht vorhanden, und die Kunst, gegen den Wind zu segeln, ist an diesem Exeuiplar nicht ver- auschaulicht; niöglickjerweise ivar sie noch nicht entdeckt, lieber das Alter dieses ehrwürdigen Denkmals des Altertums sei erwähnt, daß Brugsch Beh es mindestens auf das Jahr 2ölX) v. Chr. zurück- datiert.— Physikalisches. cc. K r II m IN e Strahle N. Ein Strahl ist seinem Begriff nach etwas Gradliniges; nnter Ansstrablcn versteht man die grad- linige Ansbreitiiiig nach allen Seiten. Wie die Lichtstrahlen von der Licbtqnelle sicb gradlinig nach allen Seiten fortpflanzen, so sagt man wohl auch, daß Straßen von einem Platz anSstrahIen, iveim sie in verschiedenen Richtungen von demselben ausgehen, lind doch ist ge- rode bei denLichtstrahlen der Weg sehr häufig ciN krnminlinigcr. lieberoll uäinlich, wo Licht von einem dichter« in einen weniger dichten Stoff übergeht, wird es von seinem geraden Weg abgelenkt, es'ivird ge» brachen. Pflanzt sich Licht in einem Stoffe fort, dessen Dichte sich beständig ändert, z. B. in der Atmosphäre, so tritt eine beständige Ablenkung vom geraden Wege ein, so daß die Bahn direkt eine krniniiilinige wird. Es ist ja bekannt, daß infolge dieser sogenannten atmosphärischen oder astronomischen Strahlenbrechung die Sonne uns des Morgens und des Abends schon über dem Horizonte sichtbar ist. während sie in Wirklichkeit noch unter dem Horizonte steht, wodurch unserTagmn mehr als vierMinnten verlängert ivird.— Weniger bekannt dagegen ist es, daß man sehr leicht die KrümiNUNg von Lichtstrahlen auf ihrem ganze» Wege beobachten kann. Stellt nia» nämlich eine Mischung von Wasser und Alkohol her, bei welcher das specistsche Gewicht von oben nach unle» znnimint, und läßt einen Lichtstrahl auffallen, so-kann man im verdunkelten Zimmer dessen Weg in der Ftnsfigkeit deutlich verfolgen. Der Strahl kriimml sich veständig, nnd zwar io, daß er den Boden des Gefäßes überhaupt nicht erreicht; seine Bahn ist vielmehr fast kreisförmig, sie wird flacher und flawer nnd wendet sich wieder nach oben. Es ist ei» überraschender»nd schöner Anblick zu sehen, ivie das Licht in die klare Flüssigkeit nicht einzndriiigeii vermag, sondern sie als Kreisbogen durchsetzend ivieder an die Oberfläche gelangt.— Humoristisches. — Herausgeredet. Gattin:„Nicht wahr. Männchen, im nächsten Jahre gehen wir aber beslimml in die Schivciz? Hast Dn denn gar keinen Sinn iiir schöne Berg'?" Gatte lBerliner):„Hm. wenn ich S ch ö n e b e r g sehen will, kann ich in Berlin bleiben."— — Läßt tief blicken.„So mit diesem Läinpchen leuchtet die Tochter des Hauses immer die Treppe hinab I" Köchin:„Ja, das löscht bei de»» g e r i n g st e» Luft- z u g e aus".— — Boshaft.„Das junge Frälilcin Meyer ist ganz die Mama. bis auf die spitze Zunge." „Ja, der getreue A b k l a t s ch."— l.Mcggeudorfer Blätter.") Notizen. — Wie die„Hamb. N." erfahren, wird Pastor Frenssen au? Hemme, der Verfasser von„Jörn II h I", zum Herbst sein Pfarramt niederlegen, um sich ganz der Schriflstellerei z» widmen.— — Alfred S t c l z n e r s Oper„Rübezahl" geht am 14. d. MtS. zum crftciimnl im Dresdener Hoftheatcr in Scene. Dabei werden die von Stelzner erfundenen neuen Streichinstrumente Violetta und Ccllone zum erstenmal verivandt werde».— — N n s ch a Blitze bleibt dem Neuen Theater wenigstens für die nächste Saison als Direktorin erhalten.— — Den Heiiizemännern von St. Johann ist die nackte Figur eines Griechen, die zu cincin kürzlich errichteten M o n u m e Ii t a l b r u n u e» der Stadt gehört, zu einem Stein des Anstoßes geworden. Die lokale CentrumSpresse cntriistet sich ge- ivaltig über den„nackteit Kerl" nnd fordert alle Eltern ans, ihre Kinder dem betreffenden Platze fenizuhalte», bis die„skandalöse Figur" beseitigt sei. DaS Stadtverordncten-Kollegiim» soll in diesem Sinne mit der tragikomischen Affaire behelligt werde».— — Ans dem St. Gotthard soll wieder eine meteoro- logische Station errichtet iverde».— — Einen interessanten Anblick bietet gegenlvärtig in Zürich ei» Birnbaum, dessen Stamm letzthin durch den Blitz von oben bis unten gespalten wurde; trotzdem steht er noch aufrecht. Die Späne, die der Blitz ans dem Mark des BaumeS riß, wurden nach der Aussage von Augenzeugen mehr als zwanzig Schritte fort- geschleudert.— Druck und Verlag vor. Max Babing in Berlin.