Hinterhaltungsblatt des Horwäris 112. Donnerstag, den 12� Junn 13V2 «Nachdruck verboten.» 32] Dev MlsultStnann. Roman von Hall C a i» e. Autorisierte tlebcrschimg. „Soll ich Dir eine Handvoll Ginster holen. Matter?" fragte Cäsar. „Natürlich; Du brauchst nicht nur dazustchu und zu schtvatzen. Doch Du mußt etwas haben, Dir die Kehle anzu- feuchten, Pete. Willst Dil Bier oder einen kleinen Schnaps? Wollen auf Käthe warten? Nun. das gefällt mir.'s hat doch etwas auf sich niit der Mäßigkeit. Ob er auch in der Fre»lde so enthaltsam, auswärts so gewesen ist? Wie darfst Du das fragen, Nancy. Du bist immer vorlaut. Das versteht sich von selbst, so sicher wie ivas!" Pete ging auf dem niit Sand bestreuten Fußboden uu- geduldig hin und her.„Aber, sagt mal," rief er,„hat sich denn Küthe nicht verändert?" „O, die ist kein Kind mehr, mein Junge," crividcrte Grannic. „Meiner Treu, das läßt sich denken!" rief Pete. „Sah eine Zeitlang ein bißchen blaß und käsig auS, ist aber wieder frisch und munter aufgeblüht, wies Heidekraut in den Bergen. Das geht nun einmal so bei den jungen Mädchen," „Ich weiß," sagte Pete.„Erst dämmert'S und dann geht die Sonne auf." „Sie ist seht das hübscheste Mädchen auf der Insel, Pete," mischte sich Nancy Joe ein. „Darauf wollt' ich schwören," schrie Pete. „Groß und schön und rosig und zu allem geschickt." „Gott sei es gedankt!" „Sie hätten sie bei der Melliah sehen sollen; das war 'ne Pracht I" „.Kann mir's denken!" „In ihrem Sonnnerhut mit dem rosa.Kleid und den roten Strüinpfen und so gerade lvie eine hochstämniige Rose." „Schweig still, Mädchen," rief Pete.„Ich will sie selber erst sehen, ich sterbe vor Sehnsucht danach." Cäsar kam mit dem Ginster zurück. Nancy schürte das Feuer und Graunie quirlte im Wasser das Hafermehl. Während die Kuchen gebacken wurden, trieb sich Pete iu der Küche herum, untersuchte alles und jubelte vor Freude bei jedem alten bekannten Stück. „Gott bewahre mich, alles noch ganz so wie früher. Da steht die Uhr auf dem Sims mit dem Riß auf dem Zifferblatt und der große Zeiger am Gelenk abgebrochen, und das Tellerbrett— das Scheffelmaß und die Peitsche sie hat aber eine neue Schnur.. „Himmel, woran der Junge sich alles erinnert," rief Graunie. „Und die weiße Mietze"(die Katze hatte sich vor Petes Hunde auf das Küchenbrett geflüchtet und starrte von ihrer Höhe auf ihn herab),„und der Feuerhaken und der Kessel — und das Schüreisen— wahrhastig, noch dasselbe- Schur- eisen..." „Hat man je so etwas gesehen," rief Grannie voll Er- staunen. „Ja— nein— und doch er ist's— ich will's vor dem Deemstcr beschwören," sagte Pete, indem er einen drei- beinigen Schemel in die Höhe hob,„das ist derselbe Schemel, auf dem sie am Herd der Torfkammer gegenüber gesessen hat. Laßt mich jetzt auch da sitzen, zur Erinnerung an die gute, alte Zeit." Er rückte den Schemel an den Herd, nahm Platz und rief halb lachend, halb weinend:„Ach, Du gute, liebe Grannie. wer sollte denken, daß die halbe Welt zwischen uns gelegen hat, seit ich das letzte Mal hier saß!" „Nimm doch die Feuerzange, mein Junge," sagte Graunie gerührt.„Gieb ihm die Zange, Nancy, damit er sich ganz zu Hause fühlt." Pete riß dem Mädchen die Zange aus der Hand und fing an, das Feuer zu schüren.„Ach, Grannie, bin ich denn wirklich fort gewesen?" rief er lachend, und seine nassen Augen glänzten. „Nancy Joe. hast Du gar keine Nase?" schrie Grannie dazlvischen.„Die Kuchen verbreunen zu Kohlen." „Laß sie brennen, Mutter," rief Pete.„Sie hat es auch so gemacht, als sie jung und unachtsam war. Einen Schilling für jedes Stück, das verdorben ist. Ach, lvie süß ist der Geruch!'' Er häufte immer mehr Ginster aufs Feuer und stopfte nach, soviel hinein ging. Während der Haferkuchen knisterte und mürbe und schwarzbraun wurde, sog er den Brandgeruch ein und lachte und weinte mitten in dem Rauch, der zum Schornstein hinaufwirbelte. Grannie selbst liefen die Thränen an den Backen her- unter; sie hielt sich die Schürze vors Gesicht und rief:„Er bringt mich noch um vor Lachen— ihr sollt es sehcul" Hinter der Schürze aber flüsterte sie Nancy schluchzend zu!„Das macht die Heimkehr, Mädchen, sonst nichts, der arme Junge. er ist ganz närrisch vor Freude." Inzwischen hatte sich die Kunde von PeterS Rückkehr in Snlby verbreitet und die Gaststube füllte sich mit Männern und Frauen, welche durch den Glasverschlag in die Küche sahen, wo der gebräunte, bärtige Mann rauchend am Feuer saß, und der Hund zu seinen Füßen lag.„Da wird nun bald Hochzeit sein,""sagte der eine.—„Das Mädchen hat Glück," ein anderer.—„Sie ist immer ein schönes Mädchen gewesen, es könnt' ihr nicht fehlen, nur gut, daß man sie von dem armseligen Narren ferngehalten hat, der um sie herum- schwänzelte."—„Der junge Ballawhaine, he?"—„Wer sonst?" Jetzt kam der Hund zu ihnen heraus und wurde statt seines Herrn der Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Es war ein schon bejahrtes Geschöpft mit gesetzter Miene und würdevollem Ausdruck, welcher zu sagen schien, er sei über die Thorhciten der Jugend hinaus und entschlossen, Friede zu halten. Sein Rücken>var eingebogen, als ob ein Wagenrad ihm über das Rückgrat gegangen wäre; er hatte riesige Ohren, einen Stumpfschwanz und ein braun und weiß geflecktes Fell, das so dünn und stachelig war, wie die Borsten eines Schweines. „Hilf Himmel I was für ein sonderbarer Hund— welcher Rasse gehört der wohl an?" fragte einer, und eine schallende Stimme antwortete durch die Küchenthür: „Eine Art MankSmann, der aus der Kreuzung mit einer Fledermaus Hervorgegangerl ist. Sein Schwanz ist zu klein geraten und seine Ohren zu groß. Eine handliche Art Hund, nur ins seiner Kindheit ein bißchen verzogen. Nicht eben tauglich für die Gesellschaft; von anständigem Betragen hat er nicht mehr Begriffe alS mein alter Schuh. Kusch, Dempstcr, kusch!" Es war Pete. Er wurde mit lautem Willkomm begrüßt. und man trank ihm so viel zu, daß die Stube bald vom heißen Grog dampfte. „Sie haben noch immer den mankischen Dialekt, Mr. Quilliam," sagte Jonaiquc,„und Sie nennen den Huttd Dempster— ivas soll das bedeuten?" „'s war wegen der alten Insel, Mr. Jelly, und weil er dem Dcemster Mylrea ähnelt, wenn er ein bißchen betrunken ist," sagte Pete. „Der alte Mann ist tot," bemerkte John der Küster. „Nicht möglich!" rief Pete. „Doch! Am Mittwoch sah er die Sonne zum letztenmal. Der Trunk ist schuld dran, der Trunk! Ich habe heute Rasen zu seinem Grabe gestochen." „Und wer wird nun Dcemster werden?" fragte Pete. „Wen wird man an seine Stelle setzen?" „Man redet viel hin und her," meinte John der Küster. „die einen nennen diesen, die andern jenen; die meisten aber sind für Euren alten Freund Philipp Christian." „Das Hab' ich gewußt— ich habe es immer gesagt," rief Pete.„Der beste Mann auf der Insel ohne alle Frage. O, er wird>nich nicht Lügen strafen." Der Wind heulte nn Kainin, und es fing an dunkel zu werden. Pete ging unruhig auf und ab; von Zeit zu Zeit sah er zum Fenster hinaus auf die Straße. Die Leute im Zimmer stießen sich bedeutsam mit den Ellenbogen und flüsterten teilnehmend. „'s ist wegen des Mädchens. Nun, das begreift sich. Fünf Jahre fort. Es ist ganz erklärlich." „Die Wiese ist weiß von Möwen, die wie Papageien eng beieinander sitzen. Was bedeutet das. Vater?" fragte Pete. „Einen Sturzregen vielleicht und ein paar Windstöße," sagte Cäsar. „Aber," meinte Pete, indem er zum Himmel aufschaute, „der lange Katzcnschwanz von einer Wolke ist schon vor'ner Weile vorbeigeschossen, und nun hängt das dicke Negengelvölk verteufelt tief'runter." „Nur ruhig Blut," beschwichtigte Cäsar.„Man braucht noch nicht das Feuerkrcuz'ruin zu schicken. Das Mädchen wird gleich hier sein." „Sie wird aber in die Dunkelheit kommen," sagte Pete. Die Leute suchten ihn ins Gespräch zu ziehen und ihn bber das Leben in der Fremde auszufragen. Er antwortete ihnen aber zerstreut und abgerissen und ging immer wieder zur Thüre. „Ich denke, es wird genug Teemsters da geben, von wo Ihr herkommt." meinte Jonaique. „Eine Art Teemsters, o ja. Einer von ihnen wird Meister Not genannt, weil Not kein Gebot kennt. Er häufte die Gesetzbücher auf seinen Stuhl, um sich einen höheren Sitz zu schaffen, und als er sie brauchte, konnte er sie nicht finden. Er war aber nicht der erste Richter, dem das geschehen ist. — Da kommt es, Cäsar, hören Sie es? Das ist der Regen, der herunterprasselt." „Ruhig, Mann, ruhig!" sagte Cäsar.„Mit neuen Kleidern wird man nicht so bald fertig. Aber Kapellen werden doch dort sein, nicht? Kapelleir und kirchliche Versammlungen, und richtiger religiöser Unterricht..." „Eine schöne Art Kapelle I Nur eine wackelige Scheune, die Leuten gehört, die sich die„Himmclslotsen" nennen. Sie wollten, daß der alte Geizhals, dem sie gehörte, ihnen einen neuen Tabernakel bauen sollte, aber er wollte das Geld nicht 'rausrücken, bis ihm bei einem Liebesfest ein Stück Gips auf den kahlen Schädel fiel, dann setzte er hundert Pfund dafür aus, und sie riefen alle:„Triff ihn noch einmal, Herr!" — Aber hören Sie nur— da komnit schon das Wasser aus der Schlucht herunter. Ich kann's nicht mehr aushalten, Grannie!" Grannie stand in der Thür und strengte sich an, fie gegen den Wind festzuhalten, während sie in die zunehmende Dunkel- heit hinaussah...Wahrhastig, ich fange selber an, mich zn fürchte»," sagte sie,„weiß der liebe Hwunel, wo sich Kitty so spät noch herumtreibt." „Ich gehe sie aufzusuchen," rief Pete, stülpte sich den Hut auf den Kopf, pfiff dem Hunde, und im nächsten Augenblick war er sort. X. Es war schwer, die Thür hinter ihm wieder zuzumachen, denn der Sturm blies jetzt aus Nordost. Cäsar schlich sich durch die Milchkannncr, um zn sehen, ob die Außengebände wohl verwahrt wären, und kam mit befriedigtem Blick zurück. Pferdestall und Kuhstall waren zu- gesperrt, die Scheunen verschlossen, das Mühlrad stand still, das Feuer im Trockenofen brannte gelind und alles war fest und wohl verwahrt. Als er zurückkam, rang Grannie die Hände und schrie:„Käthe I Sich Käthe I" Und er verwies ihr diesen Mangel an Vertrauen auf die Vor- sehung. Jetzt kamen Leute ins Haus gelaufen, die schreckliche Geschichten von dem Schaden erzählten, den der Sturnl an- gerichtet hatte. Der Leuchtturm auf dem Hühnerfelsen war niedergerissen worden, die Flut in Ramsey bis auf fünf- andzwanzig Fuß gestiegen, alle Straßen verwüstet; ein Fischer aus Peel war von seinem Großsegel getroffen ins Meer ge- fallen und ertrunken. Immer mehr Menschen eilten herbei; unter ihnen alle Verlassenen und Obdachlosen innerhalb einer Meile im Um- kreis— die blinde Hanne, die das Blut besprach, den Wind aber nicht besprechen konnte; Shemiah, der Prophet, mit seinem bis zum Gürtel herabreichenden Bart und einem langen Stabe in der Hand, und der alte Juan Vessy, der von Haus zu Haus wie ein Landstreicher betteln ging. Die Leute, die schon da waren, fürchteten sich, das Haus zu ver- lassen, und Grannie, die noch inimer die Hände rang und „Käthe I Käthe!" rief, lud alle ein, sich in der Küche ans Feuer zu stellen. Hier klagten sie um ihre Jungen, die auf offener See waren, erzählten Geschichten von früheren Stürmen und stritten sich darüber, in welchen Jahren Schiffbrüche stattgefunden hätten und aus welchen Ursachen. tFortsetzung folgt.j TZevlinev Seeeflum. ii. Es ist im allgemeine» mißlich, in jeder Ausstellung neue Eni- Ivicklungeu der Kunst feststellen zu wolle». Man weiß, welchen Zu- fälligkeiten fie ibr Znftandckoniinen in der Regel verdankt, und selbst wenn eine Jahrcsausstellung wirklich die Ergebnisse des letzten Jahres vorführte, so tchnell wandelt sich auch die moderne Malerei incht, daß sie in jedem Jahre ein verändertes Gesicht, eine neue Tendenz zeigte. Aber die eine Beobachtung drängt sich in der diesjährigen Ausstellung der Berliner Secefston geradezu auf, wie sehr sie im Zeichen der Dunkelmalcrci steht. Läßt man sein Auge die Wände entlang schweifen, so unterbricht seilen einmal ein hell getöntes Bild die Reihen der in gleichmäßigeren, liefen Farben gehaltenen. Nur noch vereinzelt treten die Landschaften mit voller Tagcssonnc auf, und auch diele werde» jetzt tiefer in den Tönen ge- geben; aber die stimmungsvollen Abendlandschasten überlviegcn, und eine Vorliebe für Interieurs, in denen iveicke, braune und graue Farbciircihcu den Grundtou gebe», macht sich immer mehr be- merkbar. Diese Erscheinung ist kein Zufall, und sie ist nicht neu. Nur so deutlich trat sie in diesen Räumen in den Vorjahren nicht hervor. Es scheint, als wäre eine Entwicklung völlig zum Durch- brnch gekommen, die namentlich bei uns schon sehr schnell nach dem Siege der Freilichtmalerei einsetzte. Es mag fast ein Jahr- zchnt her sein, daß die kritischen Beobachter die ersten Anzeichen davon feststellten und sofort auch die ganze Theorie entivickcllen. Die Erklärung aus dem Kontrast lag so nahe. Aber es zeigt doch die Unsicherheit der Grundlagen in der Entivicklimg der modernen Malerei, wenn sie sich in solchcu Gegensätzen bewegen kann. Für den reflektierenden Verstand ist dieser Kontrast sehr nabelicgcud, für das Knnstgefühl aber bedeutet er eine» Sprung, ein Umsetzen der ganzen koloristischen Empfindung, wie er bei einer natürlichen Entwicklung kamn möglich iväre. Er ist auch nur zu erklären aus der Beivußtheit des Schaffens bei dein moderne» Künstler, bei dem die Ueberlegung vorausgeht; er sieht sich nicht wie der alte vor bestimmte künstlerische Aufgaben gestellt, bei deren Lösung er auf einer großen Tradition fußt, die er dann weiter entwickeln könnte. Gerade die Absichllichkcit inacht diese modernen Bilder vielfach so störend. Man hat so oft nicht das Gefühl, daß ein Maler lcdig- lich das Best« habe geben ivollcn, was er aus dem Motiv mit sciue» Kräften heraushole» komne, sondern daß er etwas zeigen. etivaS beweisen wollte. Deshalb wirken die stilisierenden Bilder iir der Regel unangenehm, ivcil sich die künstlerischen Ab- sichten hervordrängen; und sie erscheinen überdies sehr leicht übertrieben. Rur aus einer solchen Unsicherheit der Grniid- läge bei den modernen Künstlern vermag mau es sich zn erklären, daß sie in ihrer Entwicklung so weitgehende Schwankungen durchmachen könne». Manche erscheinen von einem Jahre zum andren als völlig andre. Walter L e i st i k o w, der in den Borjabren stark stilisierte Landschaften sandte und immer ent- schiedcner in diese Richtung getrieben zu werden schien, kommt in diescin Jahre mit Landschaften, in denen man kaum»och eine Er- innerung daran finden wird. Ludwig v. H o f m a» n war.»ach den Bildern des vorige» JahreS zu urteilen, plötzlich Poiutillist ge- ivorden; in den jetzt von ihm ausgestellte» Bildern erkennt man keine Spur»lehr von dieser Malivcisc. Audrerscils ist der koloristisch so begabte Kurt Hermann völlig in de» Baun dieser belgischen Schule geraten. Die Eutlrncklung dieses Künstlers in den letzten Jahren ivnr besonders interessant zn beobachten. Als die Pointillisten bei Keller und Reiner zum erstenmal ausgestellt hatte». konnte man in Hennanns Bildern sehr bald ihre ersten Einflüsse spüren; früher hatte er in sehr breiten, großen Striche» gearbeitet, jetzt begann er die Farbe» stärker zn zerlegen. Nach der zwcrten Ausstellung der Pointillisten hat er sich ihre Technik— die Zerlegung der iii der Natur zusammengesetzt erscheinenden Farben in ihre Konrponenten, die in einer sorgfältigen Tüpfelnianier auf den Mal- grnnd gesetzt werden— ganz angeeignet. Würde Hermann mit den Belgiern zusammen ausstelle», so würde man ihn durchaus für einen der Ihren halten; aber es dürfte schtver sein, ei» älteres und ein neues Bild von ihm als von demselben Maler herrührend zu erkennen. Es handelt sich dabei doch nicht um junge Maler, deren Kunst sich noch in der Entivicklung befindet, sondern um ältere Künstler, von denen mau annahm, daß sie ausgereift wäre». Solche Beobachtungen sind es, die immer wieder zu den Bahn- brechern der modernen Malerei, zu Manet und Monet, zurückführen. Bei Manet hat man das Gefühl einer steten Entwicklung aus eignen Kräften; bei seinen frühen und bei seinen späten Bildern empfindet man inimer sehr stark, daß er alles in ihnen gegeben hat, was er auf dieser Eiitwicklnngsstlife geben konnte. Und zu welchen Höhen der Ausdrucksfähigkeit ihn dieses unablässige Ringen um das Problein der Freilichtmalerei ge- führt hat, das zeigt wieder die Gegeilüberstellung zweier Bilder aus verschiedenen Zeiten,„Der Stier" und„Das Landhaus". Während das erste»och in den kühlen, grauen Farben gehalten ist, � in denen daS Licht noch recht matt nnd zaghaft gegeben ist, strahlt in dem andren das hellste Tageslicht gegen das Hans im Mittelgründe und spielt um Bäume und Büsche im Vordergrnude, und man glaubt das warme Wehen der Luft z» empfinden; die Farben find aufgelöst in Iveiche lichtblaue und grüne flimmerilde Töne, die»nit den» rötlichen Erau te« HcinseS eine znrte Hnrmonle l>ilden. Ebenso verhält es sich mit Monet, von dem mon in diesem Jahre nur ein älteres Bild sievt. ein.Frühstiict'. ES steht etwa auf derselben Stufe wie die schönen Hafenbilder im vorigen Jahre-, es ist in denselben weichen. breiten Farben gegeben, sehr schön in der Raumgestaltung und in der Behandlung des i» breitem Strome ins Zimmer eindringende» Lichtes, und ein köstliches Stilllebcn bildet der mit schnceweixci» Tuch bedeckte und reichbesetzt« Frühstückstisch. Von solchen Stilllebeu lassen sich ganze Reihen von ähnlichen Bilden, ableiten, wie sie heule gerade besonders beliebt werde». Und doch»ins; ina» sich vor diesem Bilde Moncts gegenwärtig halten, da« der Rialer. der hier bereits eine reife Meisterschaft erlangt zn habe» scheint, nicht bei dieser Art stehen geblieben ist. sondern schließlich zu einer Technik gekommen ist. die der Farbenanftösniig der Pointillisten schon sehr nahe steht. Aber nicht sprunghafl ist diese Entwicklung vor sich gegange», sondern in einer langen Folge von einzelnen Phasen, die sich fast durch zwei Jahrzehnte verfolgen läßt und aus dem Strebe» des Malers nach steter Vervollkonmmimg in der Wiedergabe des Spiels von Licht und Lust verständlich wird. Mir scheint, daß daS, was diese große» Franzose» errungen haben, immer die Grundlage einer gesunde» Entwicklung der niodcruen Malerei bilden»inßte, und es ist daher mit Freuden zu begrüßen, daß sich nnter den jüngeren dentichcn Malern eine Gruppe heraus- löst, die ans diesem Wege weiter zu kommen sucht. Der selbständigste nnter ihnen ist Max S l e V o g t, der jetzt von München»ach Berlin übergesiedelt ist. Er hat ein Bild.Somnierinorge»" in großem Format gemalt, das bei breitester Behandlung ein anbcrordentliches Lebe» zeigt, wenn es auch nicht ganz ausgeglichen scheint. Eine glänzende Lcistnng ist das Bild des Sängers d'Andrade, der auf der Bühne stebt und das Champagncrlied singt. Die»»onieutane Brivcgung, der Schiviing i» der Haltung des Sängers und der ansdrncksvolle Kopf, die künstliche Bühnclibelcuchtnng, das alles in einer skizzenhaiten Technil. bei der kanul der Grund gedeckt ist, brillant herausgebracht. Sehr stark bemerkbar bleibt der französische Einfluß bei II l r i ch H ii b» e r, der sehr vielseitig nnftritt. Er hat ein Porträt einer Dame. die in einer Sofa-Eckc sitzt, ein Bild ans der Lebewelt in den Balkonlogcn des Mctropol-Thcaters, ein Straßenbild, ans der Höhe gesehen, und ei» Sccstück gesandt, alles Bilder in sehr reizvolle», sehr weiche» Farbenharinoinen. Weiter wären hier zu nennen einige Maler wie R o b e r t B r c y e r und Emil P o t t n c r, bei denen die Vorliebe für geschmackvoll zusanimengestellte und fein gestimnite Stillleben und Jnicrieurs an französische Vorbilder der oben erwähnten Art «riuncrt. Die Bctciligniig deS Anslands ist in diesem Jahre entschieden geringer als i» dem vorigen. Tie ivenigc» Bilder als Maßstab zu nehmen für das, was jetzt im Auslnild geleistet wird, wäre völlig unmöglich. Bon den Franzose» ist nur noch L n c i e n S i in o» zu erwähnen, der ei» schönes Stillleben in ticfgrünci» To» und ein prächtiges Porträt einer älteren Frau gesandt hat. Von den Engländern sieht man einige Porträts: John L a V e r y nennt ein Damenbildnis„Rose nnd Perle" und bezeichnet damit schon, daß eS aus diese beiden Töne.gestiinmt" ist. John Sargent, der Maler der eleganten Damciiwelt Londons, hat diesmal auch ein inicressantes Herrenporträt geschickt. Die Holländer sind außer durch den Soh» des alte» Jsrnäls, Jsaac Israels, der benierienswerte kleine Bilder gesandt hat, nur durch George Hendrik B r e i t» e r vertreten, dessen in den schwere» braunen Farben der Holländer gehaltene Bilder, besonders eine Slraßenansichl von Amsterdam und ei» kleineres Bild mit Reitern, zu de» besten der ganzen AuSstellimg gehören. Der Schwede Anders Zorn stellt drei Porträts i» seiner breiten farbigen Art ans, von denen das große Bildnis einer Dame in Schivnrz durch seinen feinen Ton besonders fesselt. Der Stein des Anstoßes, die„Secession" in der Secession. bildet diesmal der Norweger Eduard M» n ch. Ans ihn bezieht sich wohl der fast entschuldigend klingende Satz i» Liebermamis Vorwort:.Aber selbst auf die Gefahr hin, n»s geirrt zu haben, wage» wir daS Rene zu zeigen." Es ist ein ganzer Bilderchklns, ein FricS voii über zivanzig Gemälde», in dem eine Reihe von Lebensbilder» über die Themen Liebe und Tod dargestellt wird. Die Arbeiten ent- täuschen, weil der Künstler nicht über das hiiiauSgekounncn zu fei» scheint. waS er in seinen frühere» Ansstelkunge» versprach. Damals überraschte es, wie er i» seinen Bildern bei all seiner abstrusen Forinciisprache, die oft nicht anders wirkt als eine über Gebühr vergrößerte Karikatur, Einzelheiten von einer außer- ordentlichen psychologischeii Tiefe zu geben wußte._ Mehr ist es auch heute nicbl; psychologische Feinheiten findet man auch in diesem Cyklns noch, wenn mall sich die Mühe ninimt, genaiicr zuzusehen, aber das gewaltsam lleberlricbene, Karikierende scheint innner mehr z» überwuchern. Den Truinpf spielt in der Ausstellung der Spanier Jgnacio Z u I o a g a aus. Er schildert in einem großen Bilde Epaiiierinnen der Gesellschaft, wie sie kokettierend auf einer Höhe vor einer iveite» offenen Ln»d- schast stehen. Die Landschaft wirkt allerdings nicht als solche, sonder» mehr wie ein Gobelin in matten Tönen, der hinter den Figuren ausgespannt ist: die Personen sind, vielleicht ei» wenig aus- dringlich, aber doch schlagend charakterisiert; und sie zeige» die Brillanz der Farbe, die deS Spaniers beste Eigentüinlichkest ist.— Das Germanisrho Mufcnnr in Tin».'nb erg. Fünfzig Jahre werden es dieser Tage, daß die nun zu voller Kraft erivachsene Anstalt ziiin Stiidium der deutschen Geschichte in dem alten Nürnberg entslaude» ist. in dieser Stadt, die dem Beschauer selbst wie ein Milieu», erscheint, mit ihren mcrkivürdigen Türmen, Gräben und Wällen, mit ihrer überragenden Burg, jene» herrlichen Zeugen der Architekiiir lmjrcc Vorfahren. Ans ganz kleinen An- sängen ist dieses Miiscilm nach ungeheure», mühsame» Vorbereitungen entstanden zu einer gelvaltigen Anstalt, die einen Sins hat in aller Welt. Diese großartigen Sammlniigen. die in herrliche» Gebändeil»»tergebrackt find. köniiteii schon viel länger existieren, könnten bald ihre 100jährige Feier begehen. wenn»ichi die Zeiten, in denen der Gedanke, eine Sanimliiiig zur Veranscbaulichiing deiitsche» Lebens und Wirkens zn errichten, die trostloseste» Jahre deutichcr Geschichte gewesen wärm. Es war in, Jahre 1819, als Frhr. v. Stein, a» dessen Name» sich die Bauern- besreiinig in Preuße» und die ganze Reformbewegnng unter Friedrich Wilhelm III. aiitnnpft, den Gedanken gefaßt hatte, eine Anstalt zu erricblc», wie sie heute inn,»iiser aller Augen erfreut. Freiherr v. Stein gedachte niil dem von ihm in, Jahre 1819 gc- stifteten Geschichtsverein ein aNgeincines deutsches Mnicnm zu vor- binden. Er trug sich bei seinen historischen Forschungen mit dem Gedailkc» der Gründling einer Centralaiistalt für die Wissenschaft deutscher Geschichte. Dieser Gedanke begeisterte den jungen Freiherr» von Anfseß, aber Siems Wünsche und Anfseß' Streben konnte in jener Zeit nicht venvirklicht werden. Die Jahre der Teniagogenvcrfolgung, der Unterdrückung der Burschenschaften waren eine Epoche, i» der jedes selbständige Streben unterdrückt wurde, i» der nian nichts mehr fürchtete, als die eigne Initiative der bevormlindeten und unterdrückten Uillerthanen. In de» Kreisen der Hmscheiidcn dachte nian damals nur an die Sichernng der eignen Macht, a» die Unterdrückung jeder selbständigen Regmig deS Volkes; die Kreise der Regierenden waren bar jedes Idealismus. Es herrschte nnninschränkt der Geist cincS Metternich in Preußen wie in Oesircich, in den meisten Kleinstaaten wie bei de» Vormächten. In dieser Zeit der tiefsten Bedrückung, der politische» Stille, � der geistigen Wüste ivar es den Besten der Ratio», soiveit sie nicht in den Gefäiignissen über das Elend des Vaterlandes nachdenken niiißten, nicht möglich, sich irgendwie znni Besten der Lebenden zn bclhätigen. Weg wandte sich der Blick von der Gegeii>va>-t, in der es nichts zn leisten gab, niid kein HosfuungSschiininer erleuchtete die Znkuiist. So blieb nnr die Rückschau in die Vergangenheit übrig. Hieraus erklärt sich daS Streben so vieler Männer jener Zeit, die Geschichte� des deutsche» Volkes anfzubcllcii, so erklärt sich auch das üppige Anfblühe» der romantischeil Schule, welche in den letzten Jahrzehnte» Goethes die deutsche Lilteratur beherrschte. Ei» Mai», voll Lebenskraft lind BethätignngStrieb, Freiherr v. Aiisscß. wandte sich gleich, nachdem er seine Studien beendet hatte nnd i» de» Staatsdienst eingetreten war, ab von dem Wirken für die Gegenwart, er verzichtete auf Amt und Würde» nnd widniele die Zeit, � die ihm die Bewirtschaftung seiner Güter ließ, der historischeu Forschnng. Obgleich er bei allen dencil, von tvelchc» er Ilnterslützinig seines Strebend erivartete, nicht verstanden und nicht gefördert wurde, blieb er dem Gedanken, de» Freiherr v. Stein ge» faßt hatte, bis zu seinem Lebensende treu, Sicherlich wäre aus diesem Man» in andrer Zeil ei» hervorragender StaatSinann gc- worden; so wurde aus ihm einer der ersten Förderer der deutschen GeschichtStvissenschast. Wohl mögen diejenigen über ihn aburteilen, die gesehen haben, was nach ihn, ans dem Germanischen Museum geworden ist, ivohl mag ma» Einzelheiten seiner Pläne bekritteln, vohl mögen Urteile gefällt iverdc», daß er die Sache licht richtig angefaßt habe, sicher ist aber, daß ohne die Energie des Freiherr» uon Anfseß das Germanische Museum in jene» tvübcil Zeiten nicht enlstaiideu wäre. In dcit nächsten Tagen werden die dentfiben BimdeSfürste» mit großem Gepränge in Nürnberg einziehe», m» das 50jährige Jubiläum deS Germauijchc» National-Mnsenms zn begehe». Würde» sie die GeichicUte der Enlstehnng dieser Anstalt kennen, so würden sie vielleicht zu Hause bleiben, demi an dieser Entstchung sind die deutsche» Fürsten recht unbeteiligt. Fast alle Bennihliiigeii des Frei- Herrn von Ansseß, Uiltcrstützmig zu finden, ivarcn vergeblich. Bcr- sprrchiingc», die ma» ihm»lachte, wurden nicht gehalten. Der Mann, der das Mnseilni gründete, geriet in die schwerste» Geldverlegeii- heiie». weil er alles geopfert hatte, m» dieses großartige Dcillmal deutscher Geschichte zn stisrcii. Freilich, als das Mliscnm entstandeu >var. als es seine vielen, vielen Kinderkrankheiteil überwunden hatte. da stellte» sich denn auch die Fürsten nnd Regierungen ein. nm es zu mlterstützcii, um eS zn fördern, um es zn protegieren; aber hierin liegt nicht das bleibende Verdienst um das Rntional-Milselii». Es bleibt im Wirken des Freiherrn von Anfseß, dessen niiil zn gedcnleii sicherlich die erste Ehrenpflicht ist für alle diejenigen, die sich frenen, daß diese« Werk nun seinen Scböpfcr»nd seine Meister loben kmm. Wenn wir die großen Verdienste deS Freiberrn von Ansseß i» den Bordergrmld stellen, so soll sicherlich nicht in den Schatten ge« stellt werden, was sein Nachfolger Essenwein und auch die gegen- wärtige» Leiter des Instituts geschaffen haben, all' die Mühe, die sie .sich gegeben haben, das von Anfseß Ersoilneve zu dem zu machen» was es heute geworden ist: die �vöstte Sammkuiq deutscher Kuttur- geschichte, die wir besitze», ei» Beispiel für viele ähnliche Institute ü» In- und Auslände, die nachher entstauden sind. Doch de- trachten wir selbst, was das Gerinanische Museum heute ist, ' Schon sein AenstereS Ivirkt in hohem Mäste auf den Beschauer; eine Saminlunq von Bauten aller Art, eine Snnnulung last aller Stile, die in Deutschland angewandt wurde», finden sich da, nebe» der Gothit finden wir die Renaissauce, wir finden alte Kirchen und slrenzgänge, in denen die Schätze des Museums aufbewahrt iverde», und in denen sie doppelt wirken, weil die Ilmgebung so austerordentlich mit dein In- halt zusanuuenstinunt, wir finden aber auch eine Reihe neuer Bauten, die belveiseil, dast der Schöpfer derselben aiifs innigste verknüpft war mit dem Museum selbst. Nicht Bauten, in die man hineiiipfropst, was hineingeht. Mau dachte nicht, wie so viele neue Bnumeifter, zuerst an die Fassade, und an die Ziveekbestiminiing und Einrichtung erst dann, als der Bau vollendet war. Die Gebäulichleiten für das Gennanische Musemn sind Baute», die ihrem Ziveeke dienen sollte», zu denen die Pläne erst enttvorfen worden, nachdem inan sich vollständig klar lvar, was sie bergen solle». Die Essenwein und Bezold, die sie geschaffen haben, lvare» nicht nur die Architekten, sie waren auch die Leiter des grasten Werkes, sie schufen für den Ziveck selbst, Vor 50 Jahren genügten kleine Räumlichkeiten iin Toplerhanse und Vestnerthortunn, um den Grundstock der Samnilnng des Gerinani- scheu Museums, vornehmlich Privatbesitz des Freiherrn von Anssest, unterzubringe», heute bedecken die Gebänlichkcile» des Mnsenms ein grostes Stadtviertel. Auch diejenigen Nürnberger, tvelche die alten Räume des Museums kannte», bevor sie den heutigen Zwecken diente», würde» diese alten als Henmagaziue verwendeten halben Ruine» nicht mehr erkennen, wie sie sich nun darstellen, wo sie nichts verloren haben an ihrem altertümlichen Charakter und doch seit dem Jahre 1857 mm auf Jahrhunderte gesichert würdigen Zwecken dienen. Es war das alte Karthäuserkloster, daS im Jahre 1380 geschaffen wurde und infolge der Reformation seinem ursprünglichen kirchlichen Zwecke nicht inehr diente, das nach wechfeliiden Schicksalen dazu bestimmt ward, den Grundstock des Museums zu beherbergen. In der allen Kirche des Karthänserklosters ruhen zwar nicht, wie es Cssenweins Wunsch war, die Reichsinsignien des heiligen römischen Reiches deutscher Nation z aber wertvolle Werke alter Kunst, wie die berühmte Nürnberger Madonna, diese herrliche Holzschnitzerei cineS unbekannten Meisters, sind da aufbewahrt. Da finden wir be- rühmte Werke eines Veit-Stost, Adam K rafft, und so vieler andrer, die in den Zeiten des UebergangS vom Mittelalter zur Neuzeit Nürnberg zur ersten Kultnrstadt Deutschlands ge- macht haben. Neben diesen»»» mehr als ei» halbes Jahrtausend alten Gebäuden finden wir gewaltige Museumsbanten, die erst aus den letzten Jahrzehnten und Jahre» stammen. Immer Iveiter und weiter miistteu die Räniue weiche», denn immer reicher und reicher wurden die Schätze, die sich im Germanischen Nationalnmseum ansammelten. Die Kirche lvurde zum Mittelpunkt der gesamten Anlage, des Neubaues des alten Klosters fürs Museum, die Kreuz- gänge, daS Refektorium, der Konventsaal des Klosters blieben er- halten und wurden für die Zwecke des Museums verivendet. Dann wurde das Angnstinerkloster nmgebant, wunderbare Höfe, Thore und Türme, herrliche Fassaden blieben dem Museum teils erhalten, teils kamen sie neu hinzu. So wuchs mit dem reicheren Inhalt der Sammlung auch immer mehr der Raum deS MnsenmS. (Schluß folgt.) Kleines Ileuilleton. !s. Ein Jahrhundert der Kanal- Schiffahrt. Kann, auf einem Gebiete lassen sich die Fortschritte des Verlehrs'vesens im letzten Jahrhundert so deutlich nachweisen, wie im Kanal zwischen England und Frankreich. Hier ist das Verkehrsbedürfnis von alters her ein bedeutendes gewesen, und man kann wohl sagen, dast darum die Schiffahrt zur Ueberwinduug der Meeresstraße zu jeder Zeit ihr bestes gethan hat. Trotzdem brauchen wir noch nicht einmal hundert Jahre zurückzugehen, nur ans Verhältnisse zu stosten, die »ns angesichts der heutigen beinabe unglaubhaft erscheinen. In der zweiten Hülste des 18. Jahrhunderts war tvege» der Kriege zivischen Frankreich und England der Kanalverkehr ein sehr unregel- mästiger. Ein geregelter Dienst von Postschisfen wurde eigentlich erst seit dem Friedensschluß von 1815 wieder geschaffen, lind ivie sahen die Fahrzeuge ans, die den Verkehr zwischen den beiden damals mächtigsten Staaten Europas vermittelten? Es waren kleine Segelschiffe, Paketboote genannt, die einen Raum- gehalt von nicht mehr als 00—90 Tonnen besaßen und nur zehn bis höchstens dreißig Passagiere ausnehmen konnten. Im übrigen waren die Schiffe von tüchtiger Bauart und auch verhältnistmästig bequem eingerichtet. Ein Verkehr dieser Art fand statt zwischen Dover und Calais, zivischen Dover und den niederländischen bezw. norddeutschen Hafen und ferner zivischen Southampton lind den Inseln des Kanals. Der Aerrnelkanal gehört noch heute zu den meistgefiirchtelen Teilen des Atlantischen Oeeans, «lud die Verkürzung der Ueberfahrt ist jetzt ein dauerndes Bestreben per Dampfergesellschafteii. das eine sichere Begründung in dem Wunsch der Reisenden nach Abkürzung dieser Fahrt besitzt. Wenn aber heute Veranrnwrtlicher Redacleur: Carl Leid in Berlin. noch beim Durchfahren des Kanals viele Leute eine gewiffe Scheu befällt, was würde» sie Ivohl sagen, wenn man sie jetzt zu einer Fahrt einladen würde, die nach Art der Schiffahrt vor 80 oder 100 Jahren gemacht werden würde? Die damaligen Paket- boote tvürdeii uns jetzt als Nußschale» im verächtlichsten und bedenk- licbste» Sinne dieses schiffstechnischen Begriffes erscheinen. Sie koimten nur geringen Tiefgang habe», nm sich nötigenfalls der Küste möglichst näher» zn können. In einer Hinsicht lvären sie freilich sogar den modernsten Kanaldampfer» überlegen, sie waren nämlich ganz anständig mit Geschützen bewaffnet, aber diese Besonderheit lvar auch nicht gerade das Zeichen eines bevorzugte» Znstandes. Die Boote»uißten nämlich damals noch gewärtig sein, mitten ans dem Kanal von Seeräuber» überfallen zu iverden. Es lvar anch sonst alles auf einen derartigen Besuch eingerichtet, und der Kapitän hatte eine strenge Vorschrift, die Säcke ntft Depeschen, die schon zu diesem Zweck mit Korkschwimnier» ausgerüstet waren, sofort über Bord zu werfen, wenn sie niiders vor der Beraubung nicht zu retten waren. Die Geschwindigkeit der Beförderung lvar bei gutem Welter nochZ ziemlich angängig. sie betrug für die Ueberfahrt zivischen Dover und Calais etiva 3 Stunden. Gewöhnlich konnte» die Schiffe nicht bis i» den Hafen gelangen, und dann mnßte die ganze Ladung an Passagieren, Gepäck»nd Post erst auf kleine Boote verteilt werde». In Dover gab es zn diesem Zweck privilegierte Bootfahrer, die sich nicht iveniger als U/s Schilling für eine erwachsene Person nnd 2 Schillinge für ein Kind bezahlen ließen. In den Jahren 1815—20 besorgten drei Schiffe den regcl- mäßige» Dienst zivischen Dover und Calais, von denen eines, der „King George", jetzt im Mnsemn zn Dover als Modell gezeigt wird. Im Jahre 1820 wurde der erste Dampfer ans dieser Linie in Be- trieb gesetzt, der 2 Jahre zuvor auf einer Werft im Clydesinß gebaut worden war. Ein regelmäßiger Dampferdienst konnte jedoch erst später geschaffen werden, zivischen Le Havre und Southampton erst seit 1835 und zivischen Dieppe n»d Brighton erst seit 1844. Lange Zeit gab eS zivischen Dover nnd Calais überhaupt nur zivci Verbindungen in der Woche, und es ist knapp 60 Jahre her, daß tägliche Fahrten ans dieser ivichtigste» Linie eingerichter ivurden, Ivo jetzt drei Schiffe täglich beiderseits verkehren. Im Jahre 1851 wurden in einer Woche nur etwas über 600 Passagiere über den Kanal befördert, 1892 ivare» es ebenso viel täglich. Eine entsprechende Entivickelnng hat natürlich anch der Postverlehr erfahren. Bis zum Jahre 1830 wurde der Depescbentransport zivischen der Stadt Calais und dem Anlegeplatz der Lkanalschiffe durch einen kleineu Hmidewagen besorgt. Jetzt gehen täglich im Durch- schnitt 300 Briefsäcke von Dover»ach Calais nnd 175 in umgekehrter Richtinig, dazu über 200 Gepäckballen, doch find diese Zohleu noch erheblich größer für die Tage, an denen die Post nach Indien nnd den Bereinigteil Staaten besorgt wird. Wenn man bedenkt, daß jeder Ariefsack etiva 60 Pfund wiegt, so kann man sich eine Bor- stelliiiig von dem durch die tägliche Korrespondenz dargestellte» Gelvicht machen, das über den Kanal befördert iverden lnust.— Humoristisches. c. Vergeßliche K ü n st l e r. Ein paar drollige Anekdoten von zivei berühmte» englffcheii Malern erzählt eine englische Zeit- schrift. Der Genreinaler William Powell F r i t h hatte in seiner Jugend ein Selbstbildnis gemalt, dessen Existenz aber völlig ver- g essen, bis ein Freund ihn eines Morgens im Atelier besuchte und behauptete, daß ein vorzügliches Bild von ihm in einem lleineu Laden in Great Portland-street ausgestellt wäre.„Es sieht zwar nicht im geringsten so aus, ivie Du jetzt bist." bemerkte der Freund,„aber eS kann Dir vor einigen Jahren ähnlich gewesen sein. Sieh es Dir doch an." Frith ging hin und fand sei» eignes Bild, das er vor 45 Jahren gemalt hatte, und er beschloß es zu kaufen, obgleich er keinen Schimmer von Erinnernng mehr hatte, es je gemalt zn haben.„Ah. ein Porträt." sagte Frith zn der Frau im Laden, nachdem er angeblich mehrere andre Werke geprüft hatte.„Wessen Portrait ist es?"„Es ist das Selbstbildnis des berühmten Künstlers Frith."„Wie, er nuist ein älterer Mann gewesen sein,",»einte der Künstler.„Einst aber lvar er jung." entgegnete die Frau.„Hin,'s ist nicht viel los mit dem Bilde..." Dagegen machte jedoch die Frau Emiveiiduiigen. Sie forderte 400 M. für das Bild. Nun schien Frith erstamit.„ES hat uns fast ebensoviel gekostet", sagte die Frau, ohne eine Miene zu verziehen,„ivir haben nur eine» geringen Verdienst daran. Sehen Sie, es ist sehr wertvoll, weil der Künstler schon gestorben ist!"„Gestorben?" rief der Maler erstaunt aus:„Tot, meinen Sie?"„Ja, am Trunk gestorben. Mein Mann lvar bei dem Begräbnis..." Frith kaufte sein eignes Bild zurück, aber lebte nicht mehr lange, nachdem er so von sich als von einem Toten hatte sprechen hören. Auch Sir Joshua R e h u o l d s, der berühmteste englische Porträt- maler des 18. Jahrhunderts, vergaß die Existenz eines seiner Bilder. Burks erhielt einst eine sehr frühe Arbeit von ihm, kam zn dem Künstler nnd unterbreitete ihm das Bild als die Arbeit eines jungen Schülers, der um den Rat des Meisters bitte. Reynolds betrachtete es lauge und fragte da»»:„Ist der Maler ei» Freund von Ihnen?" Burke bejahte es.„Nim," erwiderte der Künstler,„ich fühle mich wirklich nicht fähig, ein Urteil abzugeben. Es ist ziemli-b geschickt: aber ob es genügend verspricht, daß der junge Mann sich daraufhin der Kunst widmen sollte, das kau» ich nicht sagen!"—_ Druck und Verlag von Max Bading in Berlin.