Hwierhaltungsblatl des Horwäris ?cr. 119. Sonntag, den 22. Juni. 1902 lNaSdruck oerboten.» 30] Dov LNnttksittAttN. Roman vo» Hall Caine. Autorisierte Uebersetzung. XIX. Inzwischen befand Philipp sich selbst in wahrer Todes- angst. Bei der Nachricht, dasi Käthe krank sei. wurde er von Gewisiensbissen gepackt, und als er sich erkundigte, ob sie im Fieberrvahn gesprochen habe, hatte er ein peinigendes Gefühl seiner Erbärmlichkeit, das er zuvor noch nie empfunden. Bei seinem Zusammentreffen mit Pete wurde er sich zum ersten- mal bewusit, wie tief ihn seine Doppelzüngigkeit herabwürdigte. Er hatte sich gebrüstet, ein Mann von Ehre zu sein, und sah sich plötzlich ganz ans den Pfaden gedrängt, in denen er mit Ehren hätte gehen können. Als er sich von dem ersten Schreck über Käthes Unglück erholt hatte, erinnerte er sich seiner Unterredung niit dem Gouverneur. Das Verlangen nach der Dcemstcrwürde brannte in seiner Seele mit immer wachsender Glut, aber er bewarb sich nicht darum. Er erwähnte es nicht einmal gegen Tante Nan. Sie hörte von seinen Aussichten aus Peter Christian Ballawhaines Mnnde, der bei diesem Glückwunschbcsuch zum erstemnale den Futz in ihr Haus setzte. Die gute alte Seele geriet in heftige Aufregung. Alle Hoffnungen ihres Lebens näherten sich der Erfüllung, ihre Gesichte und Träume sollten verwirklicht werden. Philipp war nahe daran, das zurück- Zugewinnen, was sein Vater verloren hatte. War er schon darum eingekommen? Nein? Er würde es aber noch thun. Es war seine Pflicht. Doch Philipp konnte sich nicht um die Deemsterstelle bewerben. Sich mit kaltem Blute niederzusetzen und an den Sekretär des Innern zu schreiben, während Käthe krank darniederlag, wäre ihm vorgekommen, als fordere er den Sündenlohn dafür, daß er sie geopfert habe. Dann kam Pete und erzählte ihm, daß er bald Hochzeit halten würde. Es regte ihn nicht weiter auf. Es war nur die letzte Umdrehung eines Rades, das schon in Bewegung gesetzt worden war. ehe Pete in die weite Welt ging. Käthe würde nicht einwilligen. Man hatte ihre Einwilligung nur vorausgesetzt. Er fühlte sich unbekümmert, ruhig und sicher. Dann kani sein alter Lchrherr, der Kollegicnfreund seines Vaters, der jetzt zu der Stellung des Kanzleidirektors be- fördert worden war. Er war stolz auf seinen Schüler und hatte gehört, daß Philipp vom Gouverneur in erster Linie begün.stigt würde. „Ich habe es vorausgesehen," sagte er.„Ja wirklich, Madam, ich wußte es längst. Als ich ihn das ersteinal vor mir sah. dachte ich:„Der hat das Zeug dazu, der erste Rechtsgelchrte der Insel zu werden,— er wird mich gewiß nicht enttäuschen." Der gute Alte war ein etwas geschwätziger, aber tüchtiger, kräftiger Mann, ein Junggeselle, und als die Rede auf den letzten Deemster kam. bemerkte er, daß die Frauen gewöhnlich das Haupthindernis für die Laufbahn eines Mannes seien. Er bat Tante Nan deshalb um Verzeihung, aber die alte Dame schien es nicht übel genommen zu haben. Sie gab zu. daß es sich in einzelnen Fällen wirklich so ver- hielte. Die jungen Leute sollten auf ihrer Hut sein. daß sie sich nicht sesbst Steine des Anstoßes in den Weg legte», um ihr Fortkommen zu hindern. Philipp hörte schweigend zu und konnte sich während all der selbstlosen Ratschläge einer gewissen cynischen Bitterkeit nicht erwehren. Doch bewarb er sich nicht um die Deemster- stelle. Nun traf Cäsars Brief ein, der die bevorstehende Hoch- zeit anzeigte und sogar einen bestimmten Tag dafür festsetzte. Dies rief einen Sturm der Entrüstung bei ihm hervor. Er war gewiß, daß man einen ungebührlichen Druck auf das Mädchen ausübte, daß sie zu der Heirat gezwungen wurde. Es war seine Pflicht, der Sache Einhalt zu thun. Doch wie? Es gab dazu einen ganz klaren Weg, aber den konnte er nicht beschreiten. Er konnte seinen einmal gefaßten Entschluß, daß er selbst das Mädchen weder heiraten dürfe noch könne, nicht wieder aufgeben. Nur eines blieb übrig: sich auf Käthe selbst zu verlassen. Sie würde nie darein willigen. Da sie ihn nicht heiraten konnte, würde sie überhaupt niemals heiraten. Sie würde thun, was er selbst zu thun willens war: sie würde ihr Leid tragen und unvermählt bleiben. Mittlerweile erwachte Philipps Liebe, die sich', ohne daß er es ivollte, seit der Melliah und in dem Kampf mit seinen weltlichen Zwecken abgekühlt hatte, bei der Annäherung eines anderen Mannes plötzlich wieder mit aller Heftigkeit. Aber der Ehrgeiz bekämpfte in ihm die Liebe, und er fing an, sich zu fragen, was es bei der Angelegenheit mit Käthe über- Haupt für einen Unterschied mache, ob er die Deemsterstelle bekäme oder nicht. Käthe war in der Genesung, er hatte sich in dieser Beziehung nichts mehr vorzuwerfen, und es würde thöncht sein, den Ehrgeiz eines ganzen Lebens um der Liebe eines Weibes willen zu opfern, das doch nie die Seine werden, das er doch niemals heiraten konnte. In dieser Gemütsstimmung schrieb er seinen Brief an den Sekretär des Innern. Es war ein in seiner Art ausgezeichnetes Schrift- stück, einfach, natürlich, nachdrücklich und einsichtsvoll. Er hatte die ruhige Ueberzeugung, daß keine bessere Eingabe von der Insel ausgegangen wäre, gleichwohl vermochte er'es nicht über sich, den Brief zur Post zu bringen. Etwas von der alten Zärtlichkeit überkam ihn. als er ihn in der Hand hielt; Käthes Bild tauchte vor ihm auf, mit ihren zuckenden Lippen, ihren leidenschaftlich flammenden Augen; die Liebe, die er zu ersticken suchte, regte sich wieder flüsternd in seinem Herzen. Dann kam Pete mit einer enffch eidenden Nachricht. Käthe hatte doch eingeivilligt. Es war jetzt kein Zweifel mehr mög- lich. Seine frühere Entrüstung erschien ihm jetzt fast komisch, seine Zuversicht unsinnig. Käthe war bereit, Pete zu heiraten, und im Grunde, welches Recht hatte er, sie zu tadeln? Welches Recht hatte er, dieHeirat zu hintertreiben? Er hatte dem Mädchen schon Leid genug zugefügt. Ein braver Mann kam und bot ihr seine Liebe an. Sie war im Begriff, sie anzunehmen. Wie durfte er wagen, sie zu hindern, einen andern zu heiraten, da er selbst außer stände war, sie zur Frau zu nehmen? Am Abend trug er den Brief an den Sekretär des Innern zur Post und beschwichtigte die nagenden Vorwürfe seiner Liebe mit Träumen des Ehrgeizes. Er wollte den Platz seines Vaters zurückgewinnen; er wollte die Ueber- lieferungen aus der Zeit seines Großvaters»oeitcr fortpflanzen, die Familie Christian sollte ihre alte Stellung auf der Insel wieder einnehmen, der letzte ihres Stammes würde ein starker und gerechter Mann sein. Nein, er wollte nie heiraten; er würde für sich allein leben, ein stilles, ein friedliches Leben, mit einem leisen Hauch von Schwernmth. doch nicht ganz un- glücklich, nicht ohne den Beifallsruf der Menge. Zu allen andren Gemütsbewegungen, die ihn stärkten und unterstützten, gesellte sich eine geheime Verbitterung gegen Käthe, eine gewisse Verachtung ihrer Unbeständigkeit, ihrer Leichtfertigkeit, ihrer oberflächlichen Liebe, ihrer Bereitwillig- keit, sich der alten Liebe zu entschlagen und eine neue einzu- gehen. Er fühlte eine Art Stolz auf seine eigene, höher geartete Hingebung, seine unerschütterliche Leidenschaft. Pete lud ihn zur Hochzeit ein, aber er wollte nicht kommen; er würde schon eine Ausflucht finden. Dann kam die Abänderung des Hochzeitstages, um seine Gegenwart zu ermöglichen, und Käthes eigene Einladung. Nun gut, sei es drum. Käthe wollte ihm Trotz bieten. Ihre Einladung war eine Herausforderung. Er ivollte sie au- nehmen; er war entschlossen, zur Hochzeit zu gehen. Und wenn sich ihre Augen begegnen sollten, so Wußte er. Wessen Augen sich zur Erde senken mußten. XX. Am frühen Morgen des nächsten Tages wurden die Schläfer von dem Ton eines Hornes geweckt. Es schallte irgendivo vom Dorfe her, wanderte die Thalschlucht hinab, überschritt die Brücke, kam über die Felder und überflutete schließlich dos Haus der Braut mit verstärktem Mißklang. Dieser ruhelose Geist im grauen Morgenlicht stellte den Herold der kommenden Hochzeit dar. Sein Gruß entspraug der rauhen Kehle von Jonaique Jelly. Noch vor Anbruch des Tages war die„Manks-Fee" in lebhafter Bewegung. Beim ersten Morgengrauen putzte Nancy Joe das ganze Haus noch einmal von oben bis unten. Etwas später wurde Grannie mit dem Backen der Kuchen im Herd und auf der Pfanne fertig. Hierauf fanden sich einige Nachbarinnen ein und holten das Rindfleisch, das Schöpsenfleisch, die Hühner und Ente» ab, die für das Hochzcitsessen bestimmt waren, um sie an ihrem eignen Feuer zu braten. Die. Frauen waren heute am Ruder, und alle müßigen Männer wurden aus dem Wege getriebeu. Gegen neun Uhr wurde das Frühstück stehend ein- genommen. Dann dachte jeder daran, sich zu putzen. Die Männer nnißten bereits fertig sein, ehe die Frauen beginnen konnten. Schon hörte man sie aus unsichtbaren Regionen oben uni Hilfe schreien. Grannie ging Cäsar zur Hand. Nancy Joe lieh Pete ihren Beistand. Im letzten Augenblick entdeckte sie noch, daß Pete der- gcsscii hatte, sich ein weißes Henid anzuschaffen. Er hatte zur Trauung nur das stanellcne, in dem er aus Afrika ge- kommen war. Das ging doch nicht an. Es schickte sich nicht, es war nicht anständig. Es blieb ihm nichts übrig, als sich ein Hemd von Cäsar zu borgen Das war aber nach ganz altem Schnitt und Pete betrachtete es niit peinlichem Gefühl.„Nehnrt es nur, sonst habt Ihr gar kcins," sagte Nancy und drängte ihn in seine Stube zurück. Als er wieder herauskam, ging er nrit steifem Halse die Treppe hinab, in einem Kragen, der ihm aus beiden Seiten bis zum Ohre hinaufreichte und von seinen Backen abstand wie die Flügel einer weißen Fledermaus. Er mußte sorgsam acht geben, daß die langen gestärkten Spitzen ihm nicht die Augen ausstachen. In dem- selben Augenblick erschien Cäsar in weißen Hosen, geblümter Weste, einein Frack niit langen Schößen und einem hohen Hut von rauhen» schwarzem Filz. Die Küche hatte sich unterdessen mit Männern und Frauen gefüllt, und draußen aus der Straße standen Gruppen junger Burschen, einige mit Pserden, die sür die Vorrcitcr der Braut gesattelt und gezäumt waren, andere mit geladenen Flinten, die man losschießen wollte, sobald der Brautzug erschien, und wieder andere niit gedruckten, an Leinen befestigten Taschentüchern, die statt der Flaggen von Baum zu Baum angehängt wurden. Mit jeden, Augenblick wuchs die Menge draußen, und die Gesellschaft drinnen wurde zahlreicher. John, der Küster, sprach auf seinem Wege zur Kirche vor und flüsterte Pete zu, daß alles fertig sei und sie zum Empfang einen schönen Psalm singen würden. „So viel Mühe mache ich mir nicht bei jedermanns Hochzeit," sagte John.„Wenn Sie die Allee hinnntcrkommcu, so geben Sie Acht, Herr, dann werden Sie mich sehen." „Er ist nur ein armseliger Wicht," flüsterte Mr. Jelly Pete ins Ohr, als John, der Küster, fort war.„Mein altes Schwein kann ebenso gut Musik machen wie er. Haben Sic diesen Morgen das Horn gehört? Ich bin noch nie einer Hochzeit wegen so zeitig aufgestanden wie heute. Ich werde Ihnen den„Schwarzen und Grauen" ausspielen, wenn Sie in die Kirche eintreten." Grannie kam in einer riesigen Haube in Form eines Halbmonds angegangen, unter der man ihre weiße Mütze sehen konnte: und Nancy Joe erschien so reich bebändert, daß sie nicht wiederzuerkennen war und viele Zoll größer als sonst aussah, weil sie einen Turm von Federn und Blumen aushattc, während sie für gewöhnlich mit bloßem Kopf ging. Nun fingen die Kirchenglocken zu läuten an und Cäsar stieß ein gedehntes„A— huml" aus und fragte in wichtigem Tone:„Ist der Wagen vorgefahren?" „Er kommt eben über die Brücke." sagte jemand an der Thür, und im nächsten Augenblick hielt ein geschlossener kleiner Gcscllschaftswagcn an der Vorhalle. „Alles bereit?" fragte Cäsar. „Halt, Herr", sagte. Pete, und dann zu Nancy Joe ge- wendet:„Nicht wahr, an seinem Hochzeitstag soll sich der Mensch doch seines Lebens freuen?" natürlich, Du Einsaltspinsel, was sonst?" ant- Wartete sie. „Aber in einem solchen Hemde kann kein Mensch froh sein," sagte Pete.„Ich will gehen, und es ausziehen." Zwei Minuten später erschien er wieder in seinem Flanellhemde unter dem Anzug von blauem Lotsentuch, in dem er einfach und und natürlich aussah, jeder Zoll ein ganzer Man». »Jetzt ruft die Braut," sagte Cäsar. XXI. Käthe war während der ganzen Nacht durch einen Klang im Ohr wach erhalten worden, der dem dumpfen Geläute ferner Glocken glich. Als das Tageslicht kam, verfiel sie in unruhigen Schlummer und hatte beim Erwachen ein Gefühl von Betäubung, als ob sie einen Schlaftrunk genommen hätte, dessen Wirkung noch nicht ganz verflogen war. Nancy kam in die Stube hereingestürzt und schrie:„Es ist Dein Hochzeits- tag. Kitty l" Statt der Antwort wiederholte sie wie im Traum die Worte:„Es ist Dein Hochzeitstag, Kitty!" Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck von Seelenruhe, sie lächelte sogar ein wenig. Eine seltsame Heiterkeit kam über sie. wie sie jemand empfindet, der lange in Angst und Spannung an einem Krankenbett gewacht hat, wenn der Kranke gestorben ist. Nancy szog den kleinen Fenstcrvorhang zurück, bückte sich uni hinauszusehen und sagte:„Glücklich die Braut. auf welche die Sonne scheint, pflegt nian zu sagen, und siehe I die Sonne scheint." „Ach, aber auf die Sonne ist kein Verlaß," antwortete sie. lFortsetzung folgt.j Smmtcu�splnttdevci. Seitdem mir meine grofemütchste» Freunde beteuert haben, daß meine Verse bei wohlivoNendster Diagnose schnnpfenerregend— die unedlen Gvuuer äußerten sich unappetitlicher— wirke», habe ich seufzend das Dichten aufgegeben. Mit um so niächtigereni ltngestiim aber treibt mich seit diesem Verzicht die Leideiischast. ivenigslens in der Weise für die Litleralur etwas zu thun, daß ich Genies cut- decke. Für einen vereitelten Dichter ist diese Bemühung noch schivierigcr und aussichtsloser als das Selbstreimen, schon deshalb, iveil immer der Neid auf der Lauer liegt und ihm ver- ivirrend zuraunt:„Was, der soll ein Genie sein, das kannst dn ja selbst viel besser, und man sagt dir doch nach, daß du schiiupfeu- erregend dichtest". Dennoch Hab ich meine Nachforschungen nicht ausgegeben. Ich will und muß in die Kunstgeschichte kommen, als einer, der den erhabenen Genius des*,* entdeckt und gesördert hat. Obwohl ich nun täglich vormittags von 11 bis 12 Uhr Ansichtssendungen von Genies cntgcgcnuchme, ist es mir doch all die Jahre nicht gelungen, nicin Ziel zu erreichen. Schon begann ich müde zu ivcrden und ging mit dem Gedanken um, auch diesem letzten Ehr- geiz zu entsagen, da. jauchze meine Seele, erschien im Fernrohr meines suchenden Geistes endlich der ersehnte neue Stern, ei» Sirius an Glanz und Größe und an Billionensernc» kühnen Gedankenfluges. Wenn mein Held nicht etiva ein elender Schuft sein sollte, der eigens seine Poesien hat drucken lassen, um seinen Ent- deckcr zu foppen, so ist er zivcifellos der Centraidichter der moderne» Zeit, in dem sich alle Woilnc» und Leiden der gegenwärtigen Menschheit magisch leuchtend brechen. Um meinen Lesern keinen Augenblick des Mitgennsses zu rauben. beeile ich mich, unverzüglich den Name» des Erlauchten zn nennen; am liebsten hätte ich ein Extrablatt der Freude herausgegeben— aber ich schreibe ja nicht am„Lokal-Anzeiger". Kurz es ist: Israel A b r a h a in s o h n, der unter dem Titel„Islam" soeben „Verse und Knittelverse" in die Welt gesandt hat— Israel Abrahamsohns Islam, nicht mehr und nicht weniger! Ich gebe von vornherein bereitwillig zu, man muß sich erst«in wenig an den Namen geivöhnen. Aber man wird das bald lernen. Auch der Name Klopstock klang anfangs ivie ein frivoler Hohn, und doch hat er der neuen deutsche» Litteratur die heilige Altarlampe an- gezündet. Ich sehe nicht ein, warum Israel Abrahamsohn»»lyrischer klingen soll als Klopstock. Jedenfalls betveist schon der Name, daß er umnittelbar fähig ist, ins preußische Herrenhaus berufen zu werden. So wird Israel Abrahamsohn auch ins Herrenhaus der deutschen Kunst eingehe». Ferner will ich gestehen, daß man ohne den Besitz eines hebräisch-deutschen Wörterbuchs nicht alle Schönheiten voll verstehen kann— aber welcher Gebildete besitzt kein hebräisch-deutsches Lexikon oder hat uickit wenigstens eine» Onkel, der jüdische Witze zu erzählen vermag I Also aucki dieser Umstand ist kein Hindernis. Wenn ich noch verrate, daß Israel Abrahamsohn gleich dem Grafen Bülow, der übrigens bereit« dem„Islam" drei höchst verwendbare Eitate enlnommen hat, au de» äußerste» deutschen Ostmarken Kultur ver- breitet, so habe ich genug zur Einleitung gesagt. Wenn man einen Dichter— vergleiche Goethe I— ganz er- kennen will, so muß man seine Ahnen studieren. Israel Abraham- söhn giebt selbst über die Vorgeschichte seines Genies und die Elemente seines Wesens erschöpfende Auskunft: Mein Urgroßvater, Rabbiner Elias. Von Barllezowo, der Himmelsleiter, Der furchtbar dick war und Chaser nie aß, Das war ein bekoiveter Herrenreiter. Sein Prinius ist nach ihm Rabbi geworden, Und dessen Eimke! ist es heute, Geliebt und gefürchtet im ganzen Norden, Es schlvören auf ihn die Hausiererleute. Meines VaterS Vater war leider der zweite Und ividmete sich dem Schmngflclgcschäfte.. Mil sechzehn ging er zudem auf die Freite. Zur Xutzanweiidung der Manneslräfte. Ms Witwer floh er mit siebzehn Jahren Und braute Pech in preichiswen Hainein Denn Väterchen hatte von Paschen erfahren Und wollte Bocher sibirisch verfeinen. Dein Schicksal ist er buchstäblich entgangen. Er nahm ein Mädchen, das ärmste der Kille, Und da er das Handwerk früh angefauge», Erzengt er Kinder vierzehn Mille.' Und Kindern und Enkeln vermacht er dieses— Den grimniigsten Hohn den Feinen und Frommen. Eine Menge Pech, ein Masel, ein mieses, Ich habe davon mein Teil bekommen— Das Gedicht enthält zlvar eine Anzahl indogcrinanischer Fremd- Wörter, aber es ist völlig aufklärend: man begreift nun alles, �auch das Folgende. Das Unvergleichliche an Israel Abrahamsohn ist, daß ihm jedes kleine Erlebnis zu tiefster innerlicher Tragik wird. Er sieht z. B. eine alte Mähre. die er ans besseren Zeiten kannte,»die Augen brechend, die Beine geknickt. die allcrtranrigste Rosinante". Den Dichter packt ein Schauer ivild und er sieht sich das Vieh an. Und nun bcgicbt sich das Erschütternde: „Was willst Du?" schrie der Knecht mich an. .Hund, Aas" und hundert andre Worte; Genierlich ivar ich dem g»te» Mann, Er schimpfte mich in der Schinder Sorte. Ich sah de» Klepper jammervoll Und rannte, Feigheit ohnegleichen I Von danne» rannt ich wahnsinnstoll, Nicht weit genug könnt ich entweichen. Die Tierlvclt ist dem Poeten überhaupt ein nnerschöpflichcr Born gcmiilvollcr Betrachtungen: Ein Vöglein sab anf neigendem Mast, Es hebt sich t h r ä n e n g e b l e n d e t, Und es spannt sein Gefieder, goldig gefaßt. «Oder: Naben sind schtvarze, glänzende, fliegende Tierchen. Raben haben ivic jedes Thier ein Plaisicrchen. Naben lieben es höchst melodisch zu krächzen. Rabe» lieben das Gold und das Aas mit Lechzen. Raben. Mit marterndem Granen wühlt Israel Abrahamsohn in dem Schrecken des Todes: .Heute wird der alte Jude begraben. Das Biest hat lange genug floriert. Nun iverden die Maden am Kauschern sich laben, Hcp, hep. Der Jtzig ist endlich krepiert!" Von dem Gemein-Mcnschlichen erhebt sich der Dichter zur socialen Aullage: Tot anf dem Tisch der Anatomie Liegt, die noch gestern gesungen. Sie ivar betrunken und da ist sie Kopfüber ins Wasser gesprungen. Sie war mit Sekt ganz voll gepumpt Und machte der Sache ein Ende; Und andre miih'n sich, zersetzt und zerlumpt Und ringen sich blutig die Hände. Sie war betrunken. Wie hätte sie denn Sonst so verrückt gehandelt. Die Mutter erhebt ein lautes Gcflenn; Nun ist das Geschäft verschandelt I... Die Mutter tobt ganz jämmerlich Und flucht dem tolen Kinde. Dem Gatten ist's höchst beklemmerlich, Er gießt eins hinter die Binde. In den Zeiten der Hnndespcrre wird das Lied vom Hnndefang zu Thräncn rühren: Ja. Hund, Du bist auch gar zu naiv I Wo ist der Maulkorb, die Stcuermarke? Der Ordnung Hüter nimmt Freiheit schief Und zeigt Dir seine beklemmende Harke. Und heulst Du:.Ich bin doch ein dummes Tier Und kenne keins von Deinen Gesetzen," So schnürt er noch enger die Gorgel Dir Und hängt Dich noch auf; es ist zum Entsetzen. Gewaltig zürnt der Dichter über das Somitagstreiben im Berliner Grünewald: Der Ede knutscht die frischgewaschne Male, Und alles präpelt, was es fassen kann, donnert Abrahamsohn in zuckendem MenschhcitSekel. Dann sieht sich der Dichter das Ballett an. Auch daran hat er keine Freude: Diese Pastete in Fleischtricot, In Gaze hopsend und Fliltern! Asthmalisch wie ein gelähmter Floh! Pfui I Trinken wir einen Bittern! Wild stürmen die Sätze, in denen Abrahamsohn den Bankkrach darstellt: Krach I Krach! Wildes Geheul I Zetern I Krach in der Börse I Geweimcr! Laufen l Krach I Die Tempel gefüllt mit Betern I .Lieber Gott I Lieber Gott I Unser Geld I" Acchzcn k Haareranfcn I Krach! Krach I Feuer— Zerriss'ne Köpfe l Krach I Die festeste» Häuser krachen I Krach! Schlotternd starrende Tröpfe Purzeln von, Ast runter zu klatschenden WegeS Lachen. Krach! Krach: Schicksalsfäuste packen I Krach! Fliehen nach allen Zone» I Krach I Generale klappten die Hacken l Nun muß er parterre sZnchthaus heißt das) Ivohnen. Aber nicht nur die Nachtseiten des Lebens lassen AbrahamsohnS Leier ertönen. Mit nicht minderen Kunst beherrscht er voll zarter Innigkeit und fröhlichem Humor alle Schönheit des Daseins. Wie fein vergleicht der Poet die Frauen mit Appctitbrötchen: Famos so'n dnibbligcs, knnbbligeS Weibchen, So'n molliges, knolliges Mädel zu lutschen, Wie zu'nem Kümmel ein Leberwurstscheibchcn Das Herz erfreuend thut runterrutschen. Einen unerschöpflichen Schatz der Lebensweisheit bergen seine Sprüche. So dichtet Israel Arahamsohn äußerst zutreffend: .Die Welt, die ist zum Kugeln I"„Ach l Nun niöcht' ich noch dies eine wissen! Sind viele Kegelkugeln da? Wer wirft? Wer setzt, wenn umgeschmissen? Oder— jeder Buchstabe eine echter Mann: Meinen Rock, meinen Rücken, steif ich. Anf Klüngel und Vetternschaft pfeif ich. Wenn einer mich kneifen will, kneif ich. Wer mir zu frech wird, den greif ich. Und wem der Mund juckt, den seif ich. Ich muß mich mit diesen spärlichen Proben begnügen. Mögen andre Leute diese» Dichter neuer, starker Töne verhöhnen. Den Kerlen hat's Abrahamsohn bereits ordentlich gegeben: Höre, Schinock I Mein Rat ist gut. Mäßige Deines Schandmauls Wut. Kannst nicht anders als höhnen und witzeln? Mußt wie ein Wanzerich stänkern und ritzeln? Mußt über alles die Nase rümpfen? Frech, was andre» heilig, beschimpfen? Wirft Dn auch innner ekelhaft sein, Sei doch gefälligst nicht s o gemein. Mir aber ist der Verfasser von Islam heilig; denn ich habe ihn entdeckt. Nun kann ich ruhig sterben.— Joe. Kleines Feuilleton. lk. Soinnirrblnuicn. Die Blütenpracht hat ihren Höhepunkt erreicht. Jeder Weg im Freien, führe er uns an Aeckcrn und Feldern vorüber oder durch Wiese» und Wald, bringt uns eine übergroße Fülle von Blütengestalten vor Augen, und selbst anf Sandfcldern könne» wir jetzt ein Sträußchen zusammenbringen.— Haben wir den Ackerrand gewählt, so sind es die bekannten Gestalten des Ritter- spornS, der Kornrade und Koniblume, die uns den festen Stamm des Bouqncts liefern, an den wir andre Gewächse mit weniger steifem Rückgrat anschmiege» können. Dies sind besonders die Ackcrwinde und die prächtig violett blühende zottig behaarte Vogelwicke. Alle diese hübschen Blumen sind dem Landmann ein Dorn im Auge, er wird uns also nur Dank wissen, wenn wir seinö Saaten davon befreien, indem wir uns einen möglichst großen Strauß davon binde».— Ganz anders sieht's am Waldrand aus, wo uns Karthäusernclken, Johanniskraut, Grasnelken, weißes und gelbes Labkraut, Odermennig, Ranunkeln, Glockenblumen und noch eine Menge andrer Blumen die Wahl schwer machen. Schließt sich an den Wald eine etwas feuchte Wiese an, so geht die Auswahl für den Strauß ins Unübersehbare; da ist die lilafarbige Pracht- nclke mit den zierlich geteilten Blumenblättern, die gelbe Schwertlilie, eine der prächligsten Pflanzen der heimische» Floro. und— meist schwer erreichbar an nassen Stellen— die Schwanen» lilie, die niit ihren in Dolde» stehenden, schön rosenroten Blumen an dekorativer Wirkung der vorigen nicht nachsteht. An wenigem yossen Stellen lockt uns der Tenfels-Nlibiv mit seinen runden blauen Blütenköpfchen, die qelbe riipcnblütiftc Wiesenraute und der gelbe Hahnenlamm. Zwischen zahlreichen Gräsern treffen wir ebenfalls eine Auswahl, indem wir besonders das Zittergras mit den zierlichen, herzförmigen Aehrchcn bevorzugen. Weiter hinauf, am trocknen Waldraude, ziehen uns die silberig glänzenden Rispen der Waldschmiele an, die Ivir gelvöhnlich mit der gelben Strohblume vergesellschaftet finden. Sind steile, sonnige Wald- abhänge vorhanden, dann stofien uns wieder neue Erscheinungen auf. Da ist die nickende Dickel, so genannt wegen der leicht zur Seite ge- neigten grofien Purpurköpfchen; trotz der Dorne» werde» wir die schöne Blume in unsrem Straiche nicht missen mögen. Da sind ferner die blauen Nehren des Wiesensalbcis mit unrcgclniäfiigcn, sogenannte» Lippenblumen, und schließlich die Königskerzen mit hohen, schlanken Stengeln und weithin sichtbare» gelben BIlitcnständcu. � Wir nchnien noch FraUenpachs, wciszc Wucherblume und Schafgarbe niit und vervollstäudigen zuletzt den Strauß, indem wir erst jetzt auch zartere Pflanzen hinzusiigen, die in seinem Innern von den großen Blumen erdrückt worden ivärcn. Kleine Nelkenartcn und Glockenblumen, Ehrenpreis und Krcuzbliiinchcn stehen uns rasch zur Verfügung rmd im Abwärts- schreiten haben wir wieder die Wiese erreicht, Ivo wir zum Schluß uns»ach den blauen Sternchen des Vergißmeinnichts umsehen. Dann Ivird mit dein nächsten Binseuhalm das Ganze fest mit- einander verbunden und im Triumph der Heiiulveg angclretcu.— Litterarisches. e. lr. To c n t t n z. Von 5t a r l Strecker. Hamburg, August Hanns.— Der Titel dieses Buches hat unzweifelhaft etwas, tvobei sich allerlei Gcistcrspul und Tragik denken läßt. Zudem ist er seit alters her populär, also die beste Flagge, unter welcher edle Ware, freilich noch viel mehr toter Schiffsbnüast, segeln kann. Streckers.Tvtentauz" verspricht mehr, als er bringt. Acht Stücke enthält das Buch. Vielleicht hat der Verfasser selber das Gefühl gehabt,' daß das, tvaS er bietet und wie er es bietet, eine Mischforni sei:— weder Erzählung noch Novelle. In allen Stücken spielt der Tod eine Rode: Er bildet da z.ragische Moment und Schicksal; er steht im Hinter- grund der Tapeie, auf welche der Verfasser Laternainagica-Bildchc» von seinen Menschen wirft und nun an ihre Existenz glaubt. Der Tod tritt mehrfach in persona auf, und man hat jedesmal das Gefühl, als ob ohne sein Dazwiichenlretcn die betreffende Geschichte einfach nicht cnlstandcu wäre. Wenn also der Autor in Verlegenheit ist, ruft er nach Monsieur Klapperbein, und der besorgt dann als ehrlicher Mörder und Totengräber das übrige. Letzteres ist aber eben die erzählte Geschichte. Wozu solche alten abgestandenen Konstruktionen? Wenn zu ihnen ein Autor greift, da»» muß er aber auch neuen Wein in den alten Schlauch zu schütten haben. Kurz, er muß ein Dichter sein, der das Grausige in die Sphäre des Poetischen zn tauchen vermag, er muß UcbersinnlicheS, sobald cr'S, wie hier Strecker, in concreto vor Augen zu bringen unternimmt, glaubhaft zu machen verstehen. Das ist Strecker aber in keinem Falle gelungen. Zwischen Stoff, jtonsliuklion der Fabel und Dar- stellung schiebt sich stets ein gewisses Etwas, ein künstlerisch Unverdautes, allzuviel unreife Jugendlichkeit. Die Motive der Geschichten mögen Ivahr sein, zugegeben. Besonders neu und vor allem eigenartig behandelt sind sie nicht. Es fehlt ihnen das Bedeutsame, das Packende, Ucberzengende. Der eigentlich zunreist Ivinzige Kern der Handlung ivird allzu reichlich mit gewöhnlichem Gesprächsstoff umschrieben, der ja wohl immer eine Art Rückschau über das Dasein der jeweilige» Personen anstrebt, ober weder ungewöhnliches Interesse für den Leser hervorruft, noch auch zum Ganzen im richtigen Verhältnis steht. Als die beste» Stücke betrachte ich „Gefängnisanfseher Streuber"',„Die Kränze im Meer" und„Der Tod und die Blumcnmaleri»', obwohl in dieser letzteren Geschichte ein zienilich banaler Stoff mit allzu geschwätziger Empfind- samkeit behandelt ist und das schöne Gleichmaß zwischen Form und Inhalt vermißt wird. Wenn es Strecker gelingt, sich von jugend- licheni, lyrischem Uebcrschwang und von allzu deutlich heranslngenden Vorbildern frei zu machen, dürfte er besseres leisten. Dann wollen wir ihm gern freundlicher begegnen, als diesmal geschehen konnte.— Archäologisches. k. Archäologische Forschungen in Palästina. Aus London wird berichtet: Bei der Jahresversammlung des„Palcstine Exploration Fund", die soeben stattgefunden hat, sprach Sir Charles Wilson über die jüngsten Forschungen im Lande Jndah, in welches Gebiet, wie der Redner ausführte, das alte Gath verlegt wird. An einem Ort. der eine überraschende Ansicht des Schlachtfeldes ge- währte, auf dem David den Goliath schlug, sind Uebcrbleibscl von Töpferwaren gefunden Word»»: unter de» Entdeckungen in diesem Gebiet befand sich ferner ein Moiiolith, der angenscheinlich eine der im Alten Testament so oft erwähnten„Anhöhen' zum Opfern bildete. Mcrkivürdige Höhlen, die zu einer Zeit zwischen 1500 uud 12lX) v. Chr. bewohnt waren, wurden auch gesunden, desgleichen archäologische Anzeichen, daß von den Höhlenbewohnern die Leichenverbrennung geübt wurde. Die Töpferwaren, die deutlich präisraclitischc» Ursprungs find, sind den von Professor Flindcrs Peine in Aegypten ausgegrabenen ähnlich, die nach seiner Meinung bei einer Einwanderung vor der ersten Dynastie eingeführt worden sind. Sie zeigen Verantwortlicher Redacteur: Gart Lei» in Berlin. starke Merkmale mykenischen und phönizischen Einfluffes und er- inner» an die Töpferwaren, die man in Klcinasien in der Hauptstadt der Hethiter gefunden hat. Die in der Nähe des Toten Meeres gemachten Beobachtungen zeigen, daß in seinem Niveau ein Fallen stattgefunden hat. Man hofft, durch tveitere Forschungen die Schicht verbrannter Kohle und Asche ans Licht zu bringen, die die Zerstörung der Stadt Gczer durch Pharao, den Schwiegervater König Salomos, bezeichnete, der später seiner Tochter den Platz schenkte. Aehuliche sehr gut markierte Schichten sind be reits in Palästina gefunden worden und vom größten Nutze» bei der Datierung va» Funden von Töpferwaren und andern lieber- bleibjelu gewesen.— Physiologisches. — Da? Wachstum der Nägel. Ztvei ans der Uni- versitäts-Klinik Lombrosos stammende Arbeiten haben das Wachstum der Nägel zum Gegenstand. TrcveS fand, daß die Wachstums- gcschwindigkctt der Nägel von der Jahreszeit, der Temperatur und von krankhaften Zuständen abhängig ist. Jede Krankheit, die das organische Gleichgewicht des Körpers stört, veranlaßt danach eine Verlangsnmnng und JntensitätSvcrminderung in der Entwicklung des Nagels, die sich ausdrücken können durch die Ent- stehung einer queren, den Nagel in ganzer Breite durchziehenden Furche; bei Ausgleich der Störung und Zunahme der Wachstums- faktoren schließt sich an die Furche eine Erhebung des Nagelgewebcs an. Dadurch entsteht das Bild des geriefte» Nagels. Je nachdem es sichfdnbei um Finger- oder Zehennägel handelt, kann man ans der Streifnng des Nagels verschiedene Schlüsse! ziehen. Da nämlich die Fuß- nägcl den Wechsel ihres Gewebes nach Verfassers Versuchen in einem drei- bis sechsmal längeren Zeitraum als die Fingernägel vollenden, und zwar letztere in 2 bis 7 Monaten, erstere in 3 bis 24, so können die Nägel der Zehen eine größere Anzahl von Gleichgewichtsstörungen deS Organismus anzeigen, als die Nägel der Hand. Es resultiert weiter daraus, daß krankhafte Funktionsstörungen von kurzer Dauer auf dem Fingernagel noch einen Eindruck hinterlassen lönnen, den sie auf die weit langsamer wachsenden Zehennägel nicht mehr auszuüben vermögen: erstere zeigen mit ihren Furchen demgemäß im allgemeinen Krankheiten von relativ kurzer Dauer, letztere solche von langer Dauer an. Mau muß demnach ans der Anzahl, dein Fundort und der Tiefe der Furchen bis zu einem gewissen Grade die Anzahl, die Zeit und die Dauer der im Zeitraum eines einmaligen Nagelwechjels eingetretenen Störungen bestimmen können. Verfasser glaubt deshalb der Erscheinung des gerieften Nagels eine gerichtlich« medizinische Bedeutung zuschreiben zu können für die Feststellung einer etwa in der Zeit eines Nagel- Wechsels aufgetretenen Krankheit.— t.llinschau.') Humoristisches. — Angenehme Aussicht. Bauer ldem ein Zahn ge- zogen werden soll:)„Warum machst D' deun die Thür auf?' Bader:„Damit»vir Platz habst» 1*— — V e r b l ü m t. Dircktorsgattin sauf dem Balle, zur Rätin, die sehr stark geschminkt ist):„S ch ö n sind Sie heute, Frau Näti», das macht Ihnen nicht gleich Eine n a ch I'— — Stilblüte.„Mit dem Ankauf des GcmeindcstierS, der den Landwirten nun schon so lauge ans dem Herzen liegt, hat der Herr Bürgermeister geradezu den Vogel abgeschossen."— (.Flikgende Blätter.') Notizen. — Haus L'Arrongcs Schauspiel„Der Stärkere' fand bei seiner erstmaligen Aufführung im Breslau er„Neuen S o m m e r t h e a t c r' beifällige Aufnahme.— — Sieben französische Dramatiker nahmen im vorigen Jahre nach Ausweis der Pariser Gesellschaft dramatischer Schriftsteller je über lOOOOO Frank ein, 8 zwischen 50 000 und 100000, 27 zwischen 20 000 und 50 000 Frank.— — In Prag wird ein zivcitcs czechischcs Theater erbaut werden.— — 81 ii t o ii Dvorak hat eine neue Oper„?lrmida' vollendet. Die erste Aufführung findet im neuen czechischcn Theater zu Pilsen statt, das im Herbst eröffnet wird.— — Charpentiers Musikromaii„Louise' erntete im Mü n che» er Hoftheater vielen Beifall.— — Zun. Jubiläum des Germanischen Museums in Nürnberg hat das Direktorium der Sammlungen eine prächtig aus« gestattete, reich illustrierte Geschichte des Museums ver- öffentlicht, deren Verfasser dcr VtnsenmSkonservator Dr. Hampe ist.— — Die Dresdener K» n st g e n o s s c» s ch a s r plant für das nächste Jahr eine A u s si c l l n n g sächsischer Kunst.— — Die junge madagassische Akademie eröffnete ihre Arbeiten mit der Vcröfientlichiing eines Wörterbuches, daS 4000 der in den acht Hauptidiomcn von Madagaskar gebräuchlichen Wörter enthält.—_ Druck und Verlag von ivtar Babing in Berlin.