Mterhaltungsblatt des Horwäris Nr. 123. Freitag, den 27. Juni. 1902 MaSdruck verboten� 43) Dev MÄNkstttKltN. Roman von Hall Ca ine. Aiiionsierte UebersetzüNfl. Im Zimmer war es ganz still. Wie ruhig war die Nacht innerchalb dieser Mauern. Käthe ließ die Hände an ihrem Stuhl herabsinken und blickte umher. Das Feuer brannte gelinde und wärmte ihre auf dem Schaffell ruhenden Füste. Die Lampe hinter ihr auf dem Tisch gab ein mildes Licht. Auf der einen Seite war der Kleiderschrank von altmodischer Form, mit einem grosten Spiegel in der Thür; auf der andern stand das Bett mit den rosa Vorhängen, die zeltartig darüber hingen. Das Gänze übte auf sie einen seltsam vertrauten Eindruck aus. Ihr war als ob sie cS schon ihr ganzes Leben gekannt hätte. Sie stand auf, sich näher umzusehen, und nun wurde ihr erst der Zusammenhang klar, und die Augen gingen ihr auf. Die Stube war eine genaue Nachbildung ihres eignen Schlafzimmers zu Hause, nur neuer-und kostbarer. Ihr war zu Mute, als sei ihr Geist hier gewesen, während sie schlief, als habe sie in einem Traum ihrer Kindheit das alles mit eigner Hand geordnet; als habe das Alltägliche ein groß- artiges Ansehen erhalten, wie das im Traum geschieht. Käthes Augen füllten sich aufs neue; sie wendete sich nach dem Schrank, um ihren Mantel abzulegen. Als sie es that, sah sie etwas auf dem Ankleidctisch liegen, woran ein Zettel befestigt war. Sie hob es auf. Es war ein kleiner Spiegel, ein Handspiegel, wie ihr eigner alter, doch in einem Elfcnbcinrahmcn, und auf dem Zettel stand: „Statt des zcrprochnen mit härzlichcr Licwe seiner Kitty! Pete." Das Herz schlug ihr furchtbar. Eine Flut von neuen Gedanken brach über sie herein. Sic warf den Spiegel hin, als hätte er ihr die Finger verbrannt und bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen. Alles in der Stube schien sie an- zuklagen. Bisher hatte sie immer nur an Philipp gedacht. Jcht dachte sie zum erstenmal auch an Pete. Sie hatte sich an ihm so schwer, so furchtbar schwer vcr- gangen, daß jede Versöhnung und jede Hoffnung auf Ver- gebung ausgeschlossen war. Er liebte sie; er hatte sie gc- heiratet; er hatte sie in sein Heim geführt, in diesen Hafen der Sicherheit, und sie hatte ihn hintergangen und be- trogen— sie hatte es geduldet, daß man sie mit ihm verheiratete, während sie die Liebe zu einem andern Manne im Herzen trug. Eine plötzliche Verzagtheit ergriff sie. Ihr wurde schwiiidelig, sie wäre beinah umgefallen. Eine noch schreck- lichcre Erinnerung war erwacht. Schon der Gedanke allein war Höllengual. Ihre Schläfen pochten, als wollten sie zer- springen, alles Blut schien aus ihrem Herzen gewichen. Gerade jetzt tönte Petes Stimme herüber und weckte den Widerhall zivischen dem Hause und der Kapelle jenseits des Gartens. „Du rotes Vöglci» vom Torfmoorgrund, Wo schliefst du wohl letzte Nacht?" Sie hörte, wie er das Gartenthor öffnete, es dann wieder zuwarf, mit raschem Schritt den Fußpfad heraufkam, die Hausthür schloß und inwendig die Kette vorlegte. Dann hörte sie seine tiefe Stimme unten sagen: „Ist's jetzt besser, Fran Gorry?" „Ja, Herr; seit zehn Minuten ziemlich ruhig." „Wir müssen ihr Zeit lassen. Man darf es solchem Herzchen nicht zu schwer machen." Und nun hörte sie, wie er Frau Gorry für die Nacht cnt- ließ; er sagte ihr, daß er kein Abendessen brauche und bald zu Bett gehen wolle. Dann wurde es still im Hause und der Geruch von Tabaksrauch zog die Treppe herauf. Käthe drückte die Hände vor das Gesicht, und ihr Atem ging schwer. Sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe und hielt sich am Kaminsims fest.„Es kann nicht sein," dachte sie.„Er darf nicht kommen. Ich will zu ihn: hinuntergehen und ihm sagen:„Pete vergieb mir. Ich bin aber in Wahrheit schon das Weib eines andren." Und dann wollte sie ihm alles gestehen. Ja, sie wollte ihm nichts mehr verbergen. O, sie fürchtete sich nicht. Seine Liebe war groß. Er würde thun, was sie wünschte. Sie ging einen Schritt nach der Thür hin, wurde aber wie von einem Zügel zurückgezogen. Pete würde sagen: „Denkst Du mich ais Deckmantel zu benützen? Verlangst Du, daß ich mit Dir hier in diesem Hause Seite an Seite leben soll, ohne irgend jemand argwöhnen zu lassen, daß wir von einander getrennt sind? Warum hast Du mir den Vor- schlag nicht gestern gemacht? Warum verlangst Du's erst heute, nun es zu spät ist, eine Wahl zu treffen?" Nein, sie konnte es nicht gestehen. Wäre das Geständnis gestern schon schwierig gewesen, so lvar es heute noch tausendmal schwerer, und morgen würde es noch viel tausend- mal schwerer sein. Käthe griff nach dem Mantel, den sie abgeworfen hatte. Sie mußte fort. Irgend»vohin, wohin es auch lväre. Es war das letzte, was ihr noch übrig blieb, der einzige Aus- weg aus der Verstrickung von Angst und Pein. Pete lvar in dem Vorzimmer. Es mußte aber einen Ausgang nach hinten geben, sie würde ihn finden. Sie drehte die Lampe herab und war im Begriff, die Thür zu öffnen. Da sah sie ein Licht sich auf dem Treppen- absatz bewegen und hörte einen leisen Schritt auf den Stufen. Es war Pete, der in Strünipfcn mit einem Lichte heraufkam. Er stand mitten ans der Treppe still, als ob er das Klinken des Thürschlosscs gehört hätte, und ging dann geräuschlos wieder hinunter. Käthe schloß jetzt die Thür. Sie wollte nicht gehen. Wenn sie das Haus diese Nacht verließ, so fiel der Argwohn und die Schande auf Pete. Das wahre Geheimnis würde niemals bekannt werden, der wahre Missethäter straflos aus- gehen, während Spott und Verachtung den Mann traf, der ihr Obdach und Schutz gewährt hatte. Auf ihn würde man mit Fingern weisen, und er würde sterben vor Schmach und falschen Selbstvorwürfen. Diese Erwägung beherrschte sie eine Zeitlang; doch bald wurde sie von einer noch qualvolleren Angst befallen. Sie war nun einmal nach dem Gesetz mit Pete verheiratet, und er be- saß die Rechte eines Gatten. Er hatte das Recht, zu ihr zu kommen, und er würde auch kommen. Es lvar unvermeidlich. Es mußte so sein. Es handelte sich nicht um die Liebe eines Jünglings oder Mädchens, es handelte sich um kein Werben niehr; kein Verzögern, kein Verweigern lvar möglich: Es handelte sich um eine eiserne Notwendigkeit des wirklichen Lebens— um eine Forderung, die keiner verheirateten Frau erspart bleibt. Und sie lvar init Pete verheiratet. In den Augen der Welt, in den Augen des Gesetzes gehörte sie ihm an und es lvar»nmöglich, sich ihm zu entziehen. Sie mußte bleiben. Was die Schande ihres früheren Verhältnisses zu Philipp betraf, so lvar das ja ihr Geheimnis. Sic fing wieder zu weinen an, wie ein Kind im Dunkeln. Als sie den Mantel zum zweitenmal abwarf, knitterte ihr Kleid; sie sah an sich nieder, und ihr fiel ein, daß es ihr Hochzeitskleid war. Dann blickte sie im Zimmer umher und erinnerte sich, daß es ihre Vrautkammcr lvar. Sie dachte daran, wie sie es sich geträumt hatte, im Brautkleid in ihr bräutliches Gemach zu treten— stolz und doch furchtsam, wie sie glühend in Liebe ulid errötend vor Freude, sich selber zuflüsterte:„Es ist alles mein, dies hier und das da. Er hat es mir gegeben, denn er liebt mich, und ich liebe ihn. Er ist niein, und ich bin sein; er ist mein Geliebter und mein Herr, und er kommt jetzt zu mir—" Da klopfte es leise an die Thür. Es überlief sie eiskalt. Das Klopfen wiederholte sich. Es fuhr ihr durch Mark und Bei». „Kitty 1" wisperte eine Stimme von außen. Sie rührte sich nicht. „'s ist nur Pete." Sie gab keine Antwort und bewegte sich nicht. Einen Augenblick lang lvar alles still, doch dann sprach die Stimme noch einmal, teils ängstlich, teils beglückt, halb lachend, halb gerührt, als schwanke das Herz draußen zwischen Freude lind Leid.„Ich komme jetzt hinein, Geliebte l" Vierter Teil. I. Am nächsten Morgen sagte Käthe z» sich:„Ich muß von heute an mein Leben neu anfangen." Sie hatte ein Geheimnis, das Pete nicht teilte, aber sie war nicht die erste Frau, die bor ihrem Manne etwas verbarg. Wenn man Geheimnisse hat. deren Eröffnung andren wehe thun würde, so muff mau sie in sich verschlieffen. Die Ehre gebot, daff sie bei dem Entschluß, Philipp aus ihrer Seele zu tilgen, felsenfest verharrte. Als sie sich daher des Versprechens erinnerte, welches Pete bei der Hoch- zeit von Philipp gefordert hatte, ihr Haus zu seinem Heim in Ramsey zu machen, und einsah, daff Philipp kommen müsse, wenn auch nur, um den Schein zu retten, so fragte sie sich, ob es nicht besser wäre, ihn daran zu hindern. Doch nein! Sie nahm sich vor, die Leidenschaft zu besiegen, die seine Gegenwart zu einer Gefahr machte. Die Trennung bot keine Sicherheit. In ihrem Verhältnis zu Philipp glich sie dem entlassenen Sträfling, der sein Leben neu beginnen will. Der einzige Ort, wo er sich mit Sicherheit eine neue Laufbahn gründen kann, ist gerade der, wo sein Vergehen bekannt ist.„Philipp soll nur kommen," dachte sie und richtete für ihn eine Stube ein. Sie war verheiratet. Es war ihre Pflicht, ein gutes Weib zu sein. Pete liebte sie— seine Liebe würde es leicht machen. Sie saßen zusammen beim Frühstück im Wohnzimmer, und sie sagte:„Ich möchte meinen Haushalt gern selbst führen, Pete." „Ganz recht!" sagte Pete.„Sei Du Herrin in Deiner eignen Wirtschaft. Schatz; mache Frau Gorry nicht zu Deiner Haushälterin, sondern zu Deinem Dienstmädchen." Um ihren Geist von unrechten Gedanken abzuziehen, ging sie unverzüglich ans Werk und beschäftigte sich mit kleinen Pslichteu, kleinen Ersparnissen, kleinen Sorgen und Nöten. Allein sie verstand nichts von der Führung eines Haushalts. Ihre erste Hammelkeule kam so zusamniengeschrumpft aus dem Bratofen, daff sie nicht größer war wie eine niagcre Schulter, und ihr erster Pudding glich an Farbe und Be- schaffenhcit einem schlecht gebrannten Ziegelstein. Sie wurde nicht rasch eine gute Köchin, doch Pete aß von allein, was seine untadelhaften Zähne zermalmen konnten, und machte seinen Appetit dafür veraullvortlich, wenn seine Verdauung schlecht war. Durch andre Arbeiten trachtete sie, das Gefühl ihrer Pflicht als Hausfrau in sich wach zu erhalten. Sie kaufte Rollen von Tapeten beim Tapezierer und beklebte alle Kammern im Hause damit. Die Muster paßten aber nicht aneinander und der Kleister haftete nicht. Sie zeichnete die von Grannie gesandten neuen wollenen Bettdecken mit den verschlungenen Buchstaben P. Q. und K. Sie sah das Leinen- zeug immer auss neue durch, räumte alle Stuben zweimal die Woche ganz aus, um sie gründlich zu putzen; sie bestrich die Küchenschräuke und alles hölzerne Hausgerät mit Oel- färbe, die sie aus Sparsamkeit selbst mis chte, und die nicht trocknen wollte, iveil sie den Terpentin vergessen hatte. Pete war bei allen ihren Mißgriffen nur inimcr voll Bewunderung. Sie hatte es für so leicht gehalten, einem guten Manne ein gutes Weib zu sein. Es ist aber schwer— schwer für jede Frau, die zu viel Nachsicht findet, ani schwersten für sie. Sie konnte bei nichts lange aushalten, eine Woche lang aber gab sie Pete jeden Abend Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen. Das Lesen machte ihm Mühe; bei der Rechtschreibung galt für ihn keine Regel; beim Rechnen zählte er die Summen an seinen dicken Fingerspitzen ab; wenn er schrieb, machte seine Zunge jede Bewegung! mit, und er drückte den wuchtigen Daunien fest auf die Feder. „Was für ein Buchstabe ist das, Pete?" fragte Käthe und deutete mit der Stricknadel auf die Seite eines offen vor ihr liegenden Gedichtbuchs. Pete blickte erstaunt auf.„Das fragst Du mich. Kitty? Wenn Du es nicht weißt, wie soll ich's wissen?" „ Es ist ein großes öl." „Wirklich?" sagte Pete, und sah den Buchstaben der- wundert an.„Du lieber Himmel I Das steht ja so gerade wie das Gitterthor auf der langen Wiese." „Und das ist ein großes A." „Wahrhaftig, das sieht aus, wie der Dachsparren am Wagenschuppen." „Und das ist ein B." „Wirklich— im Ernst? Aber das gleicht ja ganz dem Huf eines Bullen." „Und NAB wird Mab ausgesprochen, die Königin Mab," sagte Käthe weiter strickend. Pete sah sie mit weit aufgerissenen Augen an.„Ich glaube wahrhaftig," sagte er stolz,„Du weißt, wie alle Wörter geschrieben werden." „Von allen weiß ich es nicht. Manchmal muß ich ins Wörterbuch sehen," sagte Käthe. Sie zeigte ihm das Buch und erklärte ihm den Gebrauch desselben. „Und da siehst Du, wie man jedes Wort schreiben soll, Kitty?" fragte er. „Jedes gewöhnliche Wort." „Alle Wetterl" rief Pete, indem er das Buch mit Ehr- erbietung berührte. Ten nächsten Tag saß er eine Stunde lang ganz vertieft über dem Wörterbuch; als er endlich aufblickte, spiegelte sich Zweifel und Verdruß in seinen Zügen. „Aus diesem Buchstabierbnch lenit man rein nichts, mein Schatz." sagte er. „Wirklich nicht, Pete?" „Nein, gar nichts," fuhr Pete fort.„Ich habe nach einem gewöhnlichen Wort gesucht— einem sehr gewöhnlichen Wort, und es ist nicht einmal drin." „Welches Wort ist das?" fragte Käthe, und sah ihm über die Schulter. „Liewe"— sieh I" sagte Pete, mit seinem großen Zeigefinger hinweisend.„Da sollte es doch stehen, aber wo ist's?" „Ei. Liebe wird mit b, und nicht mit w geschrieben, Siehst Du, hier ist es,„Liebe". Pete ließ einen langen Pfiff hören, fiel dann zurück auf seinen Stuhl, blickte niit schlauer Miene auf uud sagte bedächtig:„Man muß also schon vorher wissen, wie sich das schreibt, nicht wahr, Kitty?" „Ja wohl," erwiderte sie. „Aber, Schatz, dann ist man ja ebenso klug wie das Buchstabierbuch; da wollen wir's lieber wieder auf das Bücher- brett stellen."(Fortsetzung folgt.) Sin Momnn dev nnkuvcUistiflszen ventfchen Dichtung. Die Geschichte der iiiodemeii deutschen Littcroturbeivegimg von den achtziger Jahren bis nahe a» die Schivelle des zwanzigsten Säknluins ist noch nicht geschrieben worden. Die Gründe hierfür liegen teils darin, daß noch immer zn viel Gärung, aber fast gar keine Klärung herrscht, weshalb sich das Endziel, zu dem jener be- rechtigte Ansturm schlietzlich führen soll, noch gar nicht voraussehen läßt. Zum andern wird abznwarte» sein, was jene erstercn Talente, die nun freilich beinahe zu den„Alten" gehören, noch zu bicteir haben, und ferner, ivas der junge Nachwuchs für die Zukunft ver- spricht. Soviel aber wissen wir heute, daß die ganze Be- wegung während ihres zehnjährigen Zeitraumes verschiedene Ringe, die immerhin einer Art von Entwicklung nahe- kommen, durchlaufe» hat. An der Berechtigung der einstmals so grenzenlos verlästerten, selbst von Fürstenthronen in Acht und Aberacht gethane»„Moderne" zweifeln heute ivohl bloß noch centrümliche Giftnickcl und protcstanlische Moralprediger. Das Gros der Gebildeten, soweit es für die richtige Wertschätzung littcrar- künstlerischer Produktion in Frage koiuint, hat längst zn deren Gunsten entschieden. Namentlich'darf die socialistische Arbeiterschaft nebst einigen studentischen Korporationen vollsten Anspruch auf de» llmschwuiig der Knnstmeinnngen erheben. Denn hier fand die jung- deutsche Littcralurbewegung ivohl vorbereiteten Boden, in ivelchem sie keimen, wurzeln und blühen konnte. Der SocialismuS hat die Geister befruchtet! Was sie hervorbrachten, ivar die Konsequenz aus jenem, in dichterische That umgesetzt. Der Naturalismus war ebenso notwendig, als die spätere Abivendung von revolutionären Neigungen ein Merkmal der Charakterschwäche gewesen ist. Künstlerisch allenfalls ließe sich der nachfolgende.Impressionismus" mit allen späteren„Ismen" rechtfertigen, obgleich auch hierbei Brotkorbintercssen und der völlige Mangel an einer gefestigten Kunst- und Weltanschauung den Ausschlag gaben. So ist die „Moderne" gegenwärtig nahe am Bankrott,' aus dem sie nur eines retten kann: die Lehre, die allein die internationale Macht des SocialismuS giebt, und das Ziel, das dieser der Menschheit weist. Man könnte nun also schon von einer sich zum Abschluß rüstenden Litteraturperiode reden. Und so erscheint es denn beinahe selbst- verständlich, wenn im eigenen Lager der jüngeren Schriftsteller ein früherer Mitstreiter den Versuch macht, jene Principienkämpfe und Strömungen wenigstens im Spiegel des Romans aufzufangen uud für einen breiteren Interessentenkreis zu fixieren. Wilhelm v. P o I e» z, der Verfasser der socialagrarischen Romane„Der Büttnerbauer" und„Der Grabenhäg'er" hat in seinem neuesten zweibändigen Roman„Wurzellocker"") diesen Versuch gewagt. Der Titel des Werkes täuscht vorerst. Man hofft, wieder ein Gemälde aus landwirtschaftlichen Volkskreisen vor sich zu sehen, worin Polenz ja eine ausgezeichnete Kennerschaft be- währt hat. Nun aber stößt man auf einen Littcraturroman, für den •) Verlag von F. Fontane u. Co., Berlin. der Titel allerdings trefflich vorbereitet. Wie schon angcdcntet, führt dieser Roma» den Leser mitten hinein in die Anfänge des deutsche» Naturalismus. Sachkenntnis für dies Thema wird nian dem Autor, als ehemaligem Mittänipfer kaum absprechen dürfen. Wer selbst mit- gestrebt, mitgestünnt, mitgeirrt, sich aber schließlich kraft Wurzel- ständiger Gesundheit aus jenem Chaos herausgearbeitet hat, fleht heule gewissermaßen über jeuer ganzen Bewegung. Er ist im stände, das Bleibende von Modethorheiten zu scheiden, das Gute zu rechtfertigen, das Kranke, Schivache mit der Sonde ehrlicher Kritik nachzuweisen, aber auch tröstliche Perspektiven in die Zukunft zu er- öffne». Die schivache Seite der jungen Bcivegnng erkennt Polenz darin, daß ihre Träger nirgendlvo feste Win-zel habe», weder in der Familie, noch im Vaterlande, noch in der Gesellschaft. Ihren Werken fehle der Untergrund einer gefestigten Weltanschauung, wie ihrem Leben der feste Halt. DaS ist unziveifelhaft richtig. Man ivird den Schlüssel für die Erklärung der aufgestellten Formel natürlich nicht so sehr innerhalb, als außerhalb des Kreises jener Bewegung zu suchen haben. Es fragt sich da: Ivcß Geistes ist das deutsche Bürger- tum, die„Familie', die„Gesellschaft"? Und was ist„Paterland"? Heißt der Name nicht Rückständigkeit? Vor allein: welchen Standpunkt behauptet jener Atavismus? Räumt er dem Individuum, das sich aus seiner niedrigen Interessensphäre eigenmächtig heraus- stellt. Rechte ein? Nein, er beschwert es nur mit unsinnigen Pflichten. Ihm soll es dienen, weiter nichts. Der Atavismus im deutschen Bürgertum und StaatSivescn hat sich aber auch seine Feudalbegriffe vom„Vaterland" zurechtgezimmert.„Vaterland" ist ihm gleichbedeutend mit Herrschaft nach oben und Knechtung nach unten— und im„angestammten" Rcgentcnhanse, im devoten Ver- beugen vor dem Geßlcrhute erblickt es das„Vaterland". Politischgesehen. Ein andres ist eS. Ivenn Polenz vom Künstlermenschcn erwartet, daß er im Vaterlande wurzeln müsse, daß er nicht in fremde Zonen schweife, sondern die Eigenheiten seines Volkes, seines Stammes in den gegebenen Verhältnissen und Zuständen schildere. Vielleicht aber war die Ansschau derJungdeutschen nach fremdländischen Vorbildern doch de- rechtigt. Das Studium des Fremden schärfte nur den Blick für die Scheinknltur im eignen Hause. Ihr rückte man zu Leibe. Da ivar aber das Kommende vorauszusehen. Bürgertum, Familie, Gesellschaft, deren hübsch bequem frisierte Begriffe von Moral, Ethos, Kunst, Menschentum unterminiert zn werden drohten, degradierten die jungen, energischen Litteratnrärztc zn marktschreierischen Charlatanen und Quacksalbern und riefen aus Leibeskräften nach Polizei und Staatsanwalt. Nach allen diesen Seiten hat nun Polenz die moderne Littcratur- erscheinung allerdings nicht aufgerollt. Wohl giebt er, was das Verhältnis des Publikums zum Schrifttum der„Jüngsten" angeht, mancherlei Ausblicke, aber das eigentliche sociale Element bleibt er uns schuldig. Wohl schildert er die Gesellschaft, aber er erhebt den Typus nicht zur Allgemeinheit. Wohl giebt er anschauliche Spiegelbilder vom Chaos des ans allen Gebieten revolticrenden Geistes der Intellektuellen, von dessen Berührung mit dem Socialismns der Massen, mit der Philosophie eines Nietzsche, mit der religiösen Gärung usw.; aber er faßt das Problem rein künstlerisch, wogegen sich schlechterdings nichts einwenden läßt. Polenz läßt den Helden seines Buches, den jungen Schriftsteller Fritz Berting durch wechselvolle Erlebnisse und mannigfache Ver- irrungcn beide?: des Lebens wie der Anschauung hindurchgehen und schließlich doch zu einer Stufe der Enlwicklung gelangen, die der modernen Knnstbcjahnng des Autors ein liebenswürdiges Zeugnis ausstellt. Polenz legt mit Recht den Schwerpunkt alles Kunstschaffens ans den Wert jenes Lebens, das von seinem eignen Träger gestaltet wurde, kurz aus den innigen, unzertrennlichen Zu« sammenhang alles Dichtens und Lebens. Was den Künstlern notthut, ruft er,„ist ein wenig sociales Gewissen. Auch der Künstler muß sich einordnen in das große Ganze, die Gemeinsamkeit. Daraus mag er dann wieder hervorblühen in seiner Eigenart. Einen andern Weg sehe ich nicht zur Genesung. Also erzieht euch zu Persönlich- leiten, ihr Künstler I" Nach Polenz sollen aber diese hauptsächlichste» Erziehungsfaktore» die Religion und das Vaterland sein. Das Miß- Verhältnis derKünstler zur Religion und ihr. kühles" Verhalten dem Vater- lande gegenüber bezeichnet er als die„zwei Todsünden" der Jungen, als „Gedankenlosigkeit und Befangenheit in falschem Freisinn. jAus Religiösilät und Heimatliebe wird der Mensch der Zukunft seine Kräfte ziehen I" Schön. Aber ist es nicht eine arge Kurzsichkeit, wenn Polenz dem SocialismuS nur genau dieselbe Berechtigung zuerkennt, wie dem Naturalisnms, der doch in der großen Menschheitsbewegung nichts mehr, als ein Kultur- shmptom bedeutet?„Beide", meditiert Polenz,„hatten Berechtigung als Opposition gegen Verflachung. Philistertum, Versumpfung des Alters. So lange sie jung und stürniisch ivare», konnte man ihnen Sympathie nicht versagen, aber jetzt sind sie beide auf dem besten Wege, selbst fette Bourgeois zu werden." Und nun versteigt sich Polenz— keineswegs sein„sociales Gewissen", eher jedoch alle ver- steckten feindlichen Vorurteile eines feudalen„BlaublüterS" zeigend— zu folgender durch nichts zu beweisenden Phrase:„Der lvissenschast- liche Socialismus zeigt genau dieselbe Erscheinung wie die natura- listische Dichtung; er bleibt an der Oberfläche haften. Es ist für Mannigfaltigkeit und Originalität bei ihm kein Raum. Darum Ivird er auch nie und nimmer im stände sein. uns eine Kunst zu schenken. DaS ist der Fluch der radikal demokratischen Systeme, daß sie, die ans Freiheit abzielen, doch schließlich in der Fesselung des Individuums enden müssen, weil der Masseninstinkt, dem sie schmeicheln, das Aristokratische haßt. Tod der Persönlichkeit, nicht ihre Befreiung, ist das Ende." So nun wissen wir's: die Social« demokratie eine Aristokratenlöteriu l Sollte Polenz wirklich so begriffsstutzig sein, als wisse er nicht, daß gerade die„alles mordende" Socialdemokratie für das„Aristokratische im Menschen", d. h. doch für die Eutwickelung und Bethätignng der edelsten Tugenden, den wahrhaftigsten Hort und Hüter bildet? Oder meint Polenz vielleicht gar, daß die egoistische Servilität eines altprenßischen Krautjunkers sich mit dem Heldentum eines schlichte» Mannes, der für eine große ideale Menschheitssache seine ganze Persönlichkeit einsetzt, im entferntesten vergleichen lasse? Weder von Thronen, noch von einem von Polenz erträumten„Christentum germanischen Gepräges", weder vom Geldsack, noch vom Militarismus ivird das Heil' für die Künste kommen. Zum Können— denn von diesem Begriff ist das Wort Kunst abgeleitet— trete der Charakter des Mannes, der ein durch Studium. Lebensernst und Nachdenke» erworbenes Gut: seine wirklich moderne, das ist sociale Welt« anschauung zu verteidigen wagt, statt feige hinterm sicheren Versteck die Wolle impotenter symbolistischer Auchkunst zn spinnen. Denn auch die Kunst und Dichtung wie jede große Sache braucht Männer, keine Memmen, die weibisch flenne» und dem Brotkorb zuliebe den Mantel nach dem Winde hängen oder ihre„Ueberzeugung" gleich dem Hemde wechseln! Was nun Polenz' Roman als Ganzes betrifft, so hat er zwar kein Gesamtbild, wohl aber einen bemerkenswerten Ausschnitt der littcrarischcn Sturm- und Drangbewegnng gegeben, in welchem die Federkämpfe um eine neue Knnstanichaunng ziemlich getreu und sicher konzentriert worden sind. Die Schilderung interner Vorgänge sowie einzelner Typen von der Zunft der Talente und auch das fein Psychologische in der Beziehung der beiden Geschlechter zn einander kommen zu ihrenr Recht. Doch ist manches, namentlich das Liebesvcrbältnis zivischcn Berting und Alma gar zu lang und alltäglich ausgesponne», obwohl es echte menschliche Züge trägt. Wäre das alles nicht bloß warmherzig, sondern auch gut deutsch geschrieben, würde das Buch sicher höher zu bewerten sein. Aber Polenz, der auf der einen Seite so bcherzigensiverte, wen» auch ziemlich abgethane Lehren über die Dichtung der Zukunft giebt, vergaß doch allzu oft, daß er selber sich beim Schreiben des sorg« fältigsten Sprachtums befleißigen müßte. In diesem zweibändige» Romane giebt er nämlich fast auf jeder Seite eine Satzkonstruktion zum besten, die vom unverfälschten„Bocher'-Deutsch nicht zu unter« scheiden ist und wahrlich als kein Muster zur Nachahmung empfohlen werden kann.— E r n st K r e o w S k i. Kleines Feuillckon. — Sccncn aus dem altgriechischc» Lebe». In das Museum des Louvre zu Paris sind, wie der„Kölnischen Zeitung" geschrieben wird, in den letzten Jahren einige kleine unscheinbare Terracotte» gelangt, die merkwürdige Darstellungen aus dem griechischen Leben in sehr alter Zeit geben. Da sieht man z. B. fünf Frauen um ei» Becken mit Einseifen oder Waschen beschäftigt, jede vor einer kleinen Aushöhlung in der steinernen Umfassung, wo ihre Wäsche liegt. Links steht' noch eine Frau, welche ihr Kind trägt und mit den ander» schwatzt, auch von rechts eilt noch eine Frau herbei mit einem Gefäß, ivohl um Wasser zu holen. Also eine Scene am Waschbrunnen stellt dieses Kunstwerk aus Chpcrn dar, wie man sie noch im heutigen Griechenland vor jedem Dorfe beobachten kann. Eine andre Terracotte aus Theben zeigt vier Brotkuetcrinnen über ihre Arbeit gebeugt. Vor jeder liegt auf einem kleinen Tischchen eine Rolle aus Teig, und unter den Armen der Arbeiterinnen sieht man noch ein ziveitcs cylindrisches Brot liegen. Auf der linken Seite steht eine fünfte weibliche Person, welche die Doppelflöte spielt und die Bewegungen der andern zu dirigieren scheint. Wir haben demnach eine alt« griechische Illustration zu Büchers bekannter Forderung von„Arbeit und Rhythmus" vor uns i wie denn schon der alte Geschicht« schreiber AlkimoS berichtet. daß die Tyrrhener ans Ver« weichlichung nach deni Spiel der Flöte kneteten, rangen und geißelten. Weitere Darstellungen derselben Art haben die Gräber von Thespiä und Tauagra geliefert. Da findet sich eine länd» liche Köchin auf einem Schemel sitzend. Sie ist vornübergebeugt über ein großes Gestell an der Erde, das unten Andeutungen von brennenden Holzscheiten zeigt, über denen zwei Roste zu sehen sind zum Braten von Fleisch oder Fisch. Links steht auch der Stiel eines großen Löffel« angelehnt, rechts stehen auf der Erde zwei kleine Schüsseln, von denen eine einen Fisch enthält. Eine andre Köchin sitzt vor eincni großen Henkeltopf und hält in der linken Hand einen Löffel mit langem Stiel und Aufhängeloch, der in dem Topf steckt. Rings um den Topf liegen brennende Holzstücke. Am Boden sitzt rechts ein Hündchen, das eine Vorder- Pfote bittend in die Höhe hebt, links steht ein Topf, wohl mit allerlei Zuthaten zum Kochen. Bemerkenswert sind ferner mehrere Bäckerinnen oder Müllerinnen. Die eine steht vor einem großen Mörser mit Getreidekörnern, in dem sie beide Hände hat. An der Erde lehnt die große Mörserkeule, die sie benutzen will, um das Mehl herzustellen, auch kleine Gefäße mit Körnern sieht man noch. Eine andre Müllerin kniet fast unbekleidet über eine Steinplatte mit Körnern gebückt, die sie zerstoßen will. Gewiß eine lebenstreue Ab« bildung des ältesten Bäckereibetriebes I Auch Franc» mit Kindern auf dem Arm, Männer, welche die Zither spielen, sind aus Böotien vielfach in den Louvre qekominc»,»»d schließlich nock> eine»icrklviirdifie Figur, die einen Mann darstellt, der ans seiner Schreibtafcl schreibt. Er sitzt ans einem Schemel, hält die aufgeklappte Tafel, ein Diptychon, ans den Knien und schreibt -mit einem Griffel, der»ntcn spitz ist und oben breit und flach, um das in das Wachs Geschriebene ivieder auszulöschen oder zu ver- bessern. Die Buchstaben, die er schon geschrieben hat. scheinen zu bedeuten:„Ueberlege gut". Wozu dienten nun alle diese Dar- -stellungen ans dem täglichen Leben? In der Mehrzahl stammen sie aus Gräbern und erläutern allgcineiuverstäudlich den Glauben der Griechen an ein Fortleben nach dem Tode. Sie ivurdeu dem Toten in das Grab gegeben, damit ihm nichts fehlte von dem, lvas zur Vereilnng der Nahrung und sonst zum täglichen Leben gehörte. Die älteste Gruppe, die der Wäscherinnen aus Cypern, ist uralt, etiva aus der Zeit um 2000 v. Chr., die andren dagegen stammen aus dem sechsten und fünften Jahrhundert v. Chr. So lange Zeit also erhielt sich diese Vor- stellung bei allen Griechen lebendig, und mir besitzen auch aus andren Gegenden Griechenlands ähnliche Thonfiguren ans Gräbern, ivelche wiegende Mütter, schwatzende Frauen, Trägerinnen von Gaben für die Toten, Frauen mit Schüsseln, ja, eine ganze Bäckerei mit acht Personen darstellen, in der mir die Bereitung des Brotes vom Mahlen der Getrcidekörner bis zum Einschieben des TeigS in den Backofen perfolgen können.— Musik. Und>nag einer auch noch so'» Philister sein: bei den„Bohöme- Scenen"(.Zigeunerleben") des sraiizösischcn Dichters Henri M u r g e r geht ihm doch ein Herz für die fröhliche Not der jungen Künstler ans, und er verliebt sich in die ariue Mimi. Und mag einer auch noch so'» musikalischer Bohemicn sein: daß des italienischen Komponisten G i a c o m o P u c c i n i„l-a Lobsme-Scenen aus" uslv. eine Halbheit sind, lvird er doch zugestehen müsse». Wodurch Mnrgcrs unsterbliche lyrisch-epische Dichlnug von 1851 in Paris auch' als Schauspiel erfolgreich ivar, missen mir nicht; daß die Bearbeitung des Werkes durch die italienischen Textdichter G i a c o s a und I l l i c a ein echtes mnsikalischcs Bühnenstück che- gründen sollte, konnte das Textbuch trotz der sorgfältigen 'Ausgabe, in der es vor uns liegt, nicht envarten lassen. »Lyrische Scenen" oder dergleichen statt einer„Oper" sind uns nichts Neues mehr: aber einen Aufbau ans Grund und Folge statt eines bloßen Ncbeneinanders und Nacheinandcrs verlangen mir von einein Bühnemvcrk nun doch noch, auch Ivcnn es von Mufik getragen lvird — und dann erst recht. Wäre da mit meisterhafter Charakterisierung des Einzelnen, mit einem das beste musikalische Können verratenden Jneinauderarbeitcn von Eiiseinbles und Chören, mit einem Neichtum an Erfindung da und dort alles gclhan: dann ivürde Puccini's »Bohöme" eines der glücklichsten musikalische» Bühnenstücke sein. Allein mag auch jedes der vier„Bilder" init einer frappanten Charakteristik beginnen(das schnceglitzernde dritte mit den ver- schneitcsten Intervallen, die es iveit und breit giebt); mag das zweite ein Unikum an Volksscencnmnsik und der Tod Mimis im vierten, nach der brillanten Ulkstiminung der vier Mausardenhelden, noch so ergreifend vertont sein: das Ganze sitzt doch so locker beisammen, daß es stellcntveisc sogar lnngiveilig lvird, trotz oder vielleicht auch Ivegen der vielen Aufregungen im Orchester. Der neuliche Weiugartncr war dagegen noch ein Acschylns, mag auch an musikalischcr Erfindung und Deutung der Puccini gegen ihn ein Pfitzner sein. Anno 1897 haben sie zu Turin die„Boheme" aufgeführt und ich iveiß nicht unter ivelche Kategorie von„Verismus" oder„lieber- Windung des Verismus" eingereiht. Dann kam sie ancki nach Berlin. Und während sieb Mailand zu der jüngsten Puccini-Novität rüstet, haben uns am Dienstag bei Kroll die Stuttgarter jenes Werk lvicderholt. Sie machen ihre Sache iininer so gut. daß mir sie zu Ende dieses Monats ungern lvcrdcu ziehen sehen. Nene Sänger- »lailien haben wir nach nusrer iienlichcn Aufzählung nicht zu nenne». Doch sei niit Beifall verzeichnet, daß in jeder der drei von uns ge- hörten Aufführungeu des Stuttgarter Theaters August Harlacher die Regie führte, und daß einmal Hugo Reiche uberg er und zlvcimal Karl P o h l i g dirigierte. Zum xtcmnal möchten mir darauf aufmerksam machen, daß der Maßstab, an dem mir die Grenzen der Leistungen eines Weingartncr oder Puccini messen, nichts zu thun hat init der Resiguatioil, die »vir irgend einem Opercttending entgegenbringen, und die uns dies und das daran loben läßt.„Der a r in c I o» a t h a u" von M i l l ö ck e r entfaltet in einem oder dem andren Duett und Finale innnche Geschicklichkeit, und dem alten Operettengriff, mit den Haupt- melodicn des Anfangs im Fortgang unter andren Situalionen hübsche Erinucrniigscffektc zu erzielen, verdankt gerade diese Operette viel von ihrer Wirkung. Aber vergessen wir die Traurigkeit nicht, die darin liegt, daß solche Stücke, die iveder einen historischen noch einen gegcnmnrtigen Wert von nennciiSivertem Betrag besitzen, iinnier und immer ivieder als Futter herhalten müssen. Nachgerade könnte an Stelle dieses Stampfens eines ordinären Rhythmus und dieses emigen Einerleis von„Melodien", die sich hiuaufbicgen wie der Buckel einer gestreichelte» Katze, doch hnal etwas andres kommen. Herr Rein hold Wellhof soll schlvcr krank sein, und dadurch wurde der„Jonathan" erst verschoben, dann ohne ihn gegeben. Vor- gestern im„Theater deS W e st e n s" stand mir in der Rolle des Impresario Quickly der Abrnesendc fast»ichr vor Augen als sein Vertreter Richard E m a l d. Eine ctivas hellere, frischere Stimme dürfte alles sei», was dieser vor jenem voraus hat. Die Bemcglichkeit der Zunge und der übrigen Muskeln von Wcllhof blieb da in lveiter Ferne: und seinen drastisch-ernsten Ausdruck ersetzt eine gefällige Süßigkeit noch nicht. Im übrigen wurde ivieder gcsmigen, ivie eben am Theater der Westens gesungen lvird— mehr Ivohl- gemeint als mohlkliiigeiid. Daß Lina D o n i n g e r davon einiger- maßen auszunehnieu ist, missen wir. Lola C a r c n a ist cS nicht; doch die Bildung ihrer Sprcchstimme ist besser als die ihrer Gesangs- stimme.— sz. Aus dem Tierleben. cc. u c b e r eine K o l o li i e von Saatkrähen finde» wir einen interessanten Bericht in den„Ornithol. Monatsberichten". In einem prächtigen, nur einige Quadratkilometer großen Kiefernwalde, der die Getreidefelder einer ausgedehnten Besitzung in Ostpreußen abschließt, fand der Berichterstatter nach mehrjähriger Abivescnheit 3— 10 Nester von Saatkrähen, mährend sich früher in dieser Gegend größere Vögel überhaiipt nicht hatten blicken lassen. Nachdem sich die ersten dieser gefiederten Gesellen einmal dort nieder» gelassen, vermehrten sie sich so stark, brachten ivohl auch l'o viele Neisekameradcn mit, daß sie direkt zur Landplage ivurden. Der Berichterstatter hat selbst gesehen, ivie sie sämtliche Eier aus einem Rebhuhnnest in ivcnigen Sekunden verzehrten. Ebenso beobachtete er, wie sie vier junge Lerchen ivcgschleppten. Fell und llcbcrrcste eines Hasen— sie konnten den Schmaus nicht zu Ende genießen, da sie von einem Hunde beim Mahle über- rascht ivnrde»—, gaben weitere Beweise von der gcmeingefähr- lichcn Lebensweise der kecken Räuber. Thatsächlich haben Rebhühner und Hasen in jener Gegend sehr abgenommen.— Sehr sehenswert war aber vor allem die Kolonie, die sich diese Krähen- schar angelegt. Auf den höchsten Kiefer», die sich stolz und schlank ans dem linterholz und Brom- und Himbeersträuchern erhoben, be- fanden sich Krähennester bis zu einer Höhe von zehn Horsten, aber auch die niedrigeren Bäume, die man noch bequem schütteln konnte, trugen je«nindestens ein Nest. Von den Exkrementen der Vögel ivarcn die Kiefcrnstämme ganz iveiß, und am Boden lag eine solche Menge, daß der Pflanzculvnchs vollständig unterdrückt wurde. Die Beobachter folgte» dem lauten Geschrei der Tiere und sahen, wie eine Schar ivütcnd einen Sperber verfolgte, der mit Mühe und Not und unter Zurücklaffung einiger Federn und Blutstropfen den Schnäbeln der schwarzen Bande entging. Ein furchtbares Janunergeichrei erhob sich aber, als ei» vom Ämtsvorsteher auSgefandter Mann, mit Steigeisen bewaffnet, von Baum zu Baum zog, um die Nester systematisch zu zerstören und die Brut nuSznuchmcn, und schön Ivar der Anblick der zcr» brocheuen Eier, der getöteten Jungen, die am Boden lagen ja auch nicht. Ei» Knabe, unterstützt von einem Terricr, sammelte die Tiere und einige recht fette Krähen ivurden in einen Sack gesteckt und mitgenommen, denn„sie schmecken ivie Tauben", sagte der Mann. Der Berichterstatter, der sich dieses neue Gericht auch ausprobierte, fand, daß diese Tiere sehr wohl als Rahrnng dienen könnten. Die angerichtete Verheerung hatte nicht viel genützt, hundert Meter weiter siedelten sich die Tiere ivieder an. Im Hochsommer vcrschlvinden sie und kehren ini Frühling um so ranblnstigcr wieder; der Nutzen, den sie bringen, fleht in keinem Verhältnis zn dem Schaden, den sie stiften, so daß mau ernstliche Maßregeln lvird treffen müssen, um diese Schädlinge zu vernichten, die uamcntlich de» kleinen Besitzer zur Verzivciflung bringen, da er ihrer Menge gegenüber völlig machtlos ist.— Notizen. — Die Pariser Bühnen, die den Autoren durch- schuittlich 10— 12 Pro z. Tantieme vom Brutto-Einkomnien der VorsteNuugcn gewähren, sührcn jährlich gegen 3 Millionen Frank an die Dramatiker ab. die französischen Provinz- lheater bei 6 Proz. Tantiemen etiva 1 Million.— — A u g u st e P r n s ch- G r e v e n b e r g, die mit dem Berliner Theater noch auf drei Jahre Kontrakt hatte, scheidet gegen eine ihr zn zahlende Entschädigung von 20 000 Marl am Ende dieser Saison ans dein Verbände der Bühne aus, wird aber noch an 25 Abende» in der Spielzeit 1903/4 als Gast auftreten.— c. E i n finnischer S t n a t s p r e i s für lvi u s i k e r. Der finuländische Senat hat dem Komponisten S i b e l i n s, der all- gemein als der bedeutendste Musiker seines Landes gilt, eine Summe von 1600 Mark und einem ander» Komponisten, A r m a s I a e r n c» felt, 1000 Mark als iintionale Belohnnug beivilligt.— — Nach einer Meldung des„Berliner Tageblatts" ist in Leipzig ein K o m i t e e in Bildung begriffen, das gegen die Höhe des städtischen Zuschusses z u m Ä n k a u f von K l i n g e r s „Beethoven" P r o t e st erheben will. Bis jetzt sind k a'u m 100 000 M. für den Kaufpreis gezeichnet worden. — Die Zahl der M o r in o n e n in den Vereinigten Staaten bat sich seit dem Jahre 1690 von 144 000 auf 310000 verniehrt. Neuerdings ist die Sekte auch in Japan eingedrungen.— Die nächste Nummer des Unterhaliungsblattes erscheint am Sonntag, den 29. Juni,_ Verantwortlicher Rebacteur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.