Nnlerhaltungsblatt des Horwäris ]24. Sonntag, den 29, Juni. 1902 «Naivdruck serfioten.) 443 Vev MnnksInnnn. Roman von Hall C a i n e. Aulorisierte Neliersetzimg. Nierzehn Tage lang las Käthe ihrem Mann seine Briefe dor und beantwortete sie. Es liefen viele und mannigfaltige Zuschriften ein. Briefe von Leuten, die eine Erbschaft er- warteten und Anteilscheine für bares Geld anboten, dessen sie benötigt waren; von Gründern einer Aktiengesellschaft zum Bau palastartiger Tanzlokale für reisende Engländer; von Geistlichen. welche Beiträge für eine neue Orgel sammelten; von vornehmen Tamen. die Pete aufforderten, einen Wohlthätigkeitsbazar zu eröffnen: von Predigern, die ihn zu einer Jahresseier mit Thee- geseüschaft einluden, unter der Versicherung, dag die Metho- disten stolz auf ihn wären. Wenn jemand Geld brauchte. fo wendete er sich an Pete und sagte ihm allerlei Schmeichel- Haftes. Käthe suchte ihn vor den schlimmsten Blutsaugern zu schützen, aber den schlauesten gelang es doch hinter ihrem Rücken, mit ihm selbst zu verhandeln. Manchmal liefen Danksagungen für Unterstützungen ein, von denen Käthe nichts wußte. Wenn Pete dergleichen rasch beiseite schob. that sie. als merke sie es nicht..Ich muß ihm etwas freie Hand lassen, sonst verderbe ich ihn." dachte sie. Eines Tages kam mit der N»,'« mit einem mächtigen«vieget auf der Rückseite an; Käthe zog ein Dokument heraus und las die Auffchrift:„Darlehns- schein von Cäsar Cre"— .Das ist nichts," sagte Pete, und riß das Schriftstück an sich, das er in seine Jackentasche steckte. Käthe sah mit einem Blicke voll Schmerz, Scham und gekränktem Stolz zu ihm auf. und damit war ihr Amt als Sekretär zu Ende. II. Einen Monat nach ihrer Hochzeit kam ein Mann zum Thore herein, welcher aussah, als sei er im Begriff, etwas Erniedrigendes-,u hun. Der Hund, der am Eingang träge in der Sonne ausgestreckt lag, sprang auf und erhob ein wütendes Gebell. „Wer kommt denn da den Fußweg herauf und schielt mit den Augen nach allen Seiten?" sagte Pete. Käthe sah hin.„Es ist Roß Christian." erwiderte sie mit stockendem Atem. Roß kam näher und Pete ging ihm bis an die Haus- thür entgegen. Sein Gesicht war blaß und aufgedunsen; er sprach mit sanfter Stimme, doch lag ein Anflug von leicht- fertigem Spott m seinein ganzen Wesen. „Ihr Hund macht nicht leicht Freundschaft, Pete," sagte er. .Er gleicht darin seinem Herrn. s�Es ist gegen seine Grundsätze." erwiderte Pete. Roß lachte ein wenig.„Er verlangt, daß man ihm mit Rücksicht begegnet— nicht wahr, Kapitän?" „Ja. wissen Sie, er hat schon so lange in der Welt ge- lebt und so vieles gesehen," meinte Pete. Roß blickte rasch auf und sagte in einem andren Tone: „Ich bin nur gekommen, Ihnen Glück zu wünschen, Mr. Quilliam, daß Sie gesund und wohlbehalten zurückgekehrt sind." .Sie sind willkommen, treten Sie näher," sagte Pete, und ging voran, ihm den Weg zu zeigen. Roß folgte, machte vor Käthe eine steife Verbeugung rmd nahm dann Platz. „Ich will Ihnen jedoch nicht verhehlen, daß ich noch wegen eines andren Zwecks komme— in einer Privatangelegenheit nämlich," sagte er mit einem Blick auf Käthe. Sie war gerade beschäftigt, ein Kleid aufzutrennen; der Stoff raschelte in ihren Händen, sie legte die Schere auf den Tisch und stand auf, um zu gehen. Doch Pete that Einsprache.„Meine Frau kennt alle meine Angelegenheiten," sagte er. Roß stieß ein kurzes Lachen aus.„Sie erinnern sich wohl, Kapitän, was man von einem Geheimnis zu sagen pflegt:„Zu groß für einen, gerade recht für zwei, drückend für drei." „Mann und Weib sind eins, Herr— also sind wir im ganzen zwei," erklärte Pete. Käthe griff wieder nach der Schere und setzte ihre Arbeit mit innerer Unruhe fort. Roß rückte auf seinem Stuhl hiw und her.„Nun, ich sehe, daß ich's Ihnen auch so sagen muß, Peter." „Quilliam. Herr," sagte Pete, eine Pfeife stopfend; doch Roß that, als hörte er nicht. „Es ist auch vielleicht ganz natürlich, da es unfern Vater betrifft." „Wie Du mir, so ich Dir," dachte Pete und zündete sich die Pfeife an. „Vor fünf Jahren setzte er mir ein Jahrgeld aus und schickte mich nach London, die Rechte zu studieren. Er glaubt, daß ich in England Advokat bin. und angesichts des erledigten Deemsterpostens wünscht er nun, daß ich auch hier auf der Insel Man bei Gericht zugelaffen werde." Pete hielt inne mit Rauchen.„Nun?" .Das ist aber unniöglich," erklärte Roß. „Die Sache hat wohl einen Haken?" „Uin Ihnen die Wahrheit zu sagen, Kapitän, ich geriet gleich von Anfang an in ausschweifende Gesellschaft. Ich glaubte, daß meine Freunde reich wären, und ich selbst war kein Knicker. Zum Beispiel Monty, der Vorsteher des Boxerklubs"— die Schere in Käthes Hand hörte plötzlich auf zu kinppsen. und Ron-„Ich„üi.üiu, man zur Alwotalur zugelassen und habe überhaupt nicht studiert." Roß wand sich auf seinem Stuhl und schielte seitwärts nach Kärhe hin. Pete lehnte sich vor und qualmte in den Kamill hinauf, ohne zu sprechen. „Sie sehen, ich rede frei heraus, Peter— ich kann nicht anders. Wenn man feine kleinen Vergehen nicht einmal seinem eignen Bruder bekennen sollte, Peter—" „Lassen Sie die Brüder aus dem Spielt" sagte Pete. „Was wollen Sie von mir?" „Schießen Sie mir genug vor, damit ich das thun kann, wovon ullser Vater glaubt, daß ich es bereits gethan hätte," sagte Roß und fügte dann rasch hinzu:.O, ich will Ihnen einen Schuldschein darüber ausstellen." „Man sagt mir. Ihre Schuldscheine wären so wertlos wie Muschelgeld," entgegnete Pete. „Da hat man mich bei Ihnen verleumdet. Kapitän. Thun Sie's uni unsres Vaters willen— er hat sein Herz an die Deenlsteiftclle gehängt— vielleicht ist es noch nicht zu spät." Pete schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.„Es giebt bessere Männer, um sie auszufüllen," rief er. Roß blickte auf Käthe, und ein bitterböses Lächeln glitt über sein Gesicht.„Wie hübsch," sagte er,„wenn die guten Freunde der Frau auch die guten Freunde des Mannes sind." „Ganz richtig." stimmte Pete ein; Roß lachte höhnisch und Käthes Schere ruhte in ihrem Schoß.„Nichts für ungut," sagte Pete aufstehend,„mir scheint, Herr, Sie machen's wie der Seerabe, der an dem Fisch erstickt, den er iu der Hast verkehrt verschlungen hat. Die 5ftcinen sind Ihnen im Halse stecken geblieben"(er schlug ihm dabei auf die Schulter):„Sie hätten aber nicht zu Ihres Vaters Sohn kommen sollen, damit er Ihnen hilft, sie hinunter zu würgen." Als Roß fort lvar, trat Cäsar ein.„Der Nichtsnutz hat etwas gewollt," sagte Cäsar. „Er sitzt ganz auf dem Trockenen," meinte Pete. „Das war immer so bei ihm und wird auch niemals anders. Er ist zur Ebbezeit geboren und wird auf dem kahlen Felsengrnnd sterben.— Hat er Geld borgeu wollen, he?" fragte Cäsar mit forschendem Blick. „Er hat es versucht," meinte Pete gleichgültig. „Borgen Sie's ihm doch," sagte Cäsar ohne Besinnen. „Er selbst ist nicht sicher, aber borgen Sie's ihm aus sein Erbrecht. Oder borgen Sie's dein alten Manne und lassen Sie sich Ballawhaine verpfänden. Es ivird Ihnen nach dem Tode des Vaters schon zufallen, und wer hat ein größeres Anrecht darauf?" Pete nahm seine Pfeife aus dem Mnnde und klopfte einige Minuten lang die Asche auf dem Rost aus.„Es liegt etwas Wahres drin," sagte er iu Gedanken,„�och ist > noch ein andrer da, der mehr Recht daraus hat, Er würde 494- schon jetzt der Besitzer sein, wenn jeder dos Seine hätte. Ich muß darüber nochdenken— musi mir's überlegen." III. Philipp hotte am Morgen noch der Hochzeit die Insel derlassen. Er war ins Ausland gereist, und als sie wieder von ihm hörten, war er in Kairo. Die langen, windstillen Nächte auf dem Mittelländischen Meer, die er allein auf dem Deck zubrachte, die weiche Lust, die fernen Lichter— das alles hatte ihm gut gethan; es ging ihm besser, jedenfalls fühlte er sich ruhiger. Erhoffte, daß sie nuu in ihrer neuen Wohnung eingerichtet und gesund— und glücklich wären. Küthe hatte den Brief laut vorlesen müssen. Es war wie ein Pulsschlag von Philipps Herzen, nur matter, schwächer und wegen der großen Ent- fernung kaum noch fühlbar. Dann hatte sie ihm im Auftrag Petes darauf geantwortet. „Schreibe ihm, er soll sich beeilen, um rasch aus deni Lande Egypten und dem Haus der Knechtschaft zu kommen," sagte Pete.„Schreibe, es sei ohne Sinn und Verstand, daß ein hübscher junger Mann in einem Lande lebt, wo nian kein schönes Gesicht mit Augen zu sehen bekommt. Schreibe, daß Kitty viele liebevolle Grüße hinzufügt: sie sei mit weißer Wäsche beschäftigt, und er solle sich lieber in kein Spiel niit Pharaos Töchtern einlassen." Das nächstemal schrieb Philipp von Rom ans. Er hatte an Schlaflosigkeit gelitten, sich sonst aber nicht unwohl gefühlt. In dieser Stadt zu leben, wäre wie ein Dasein nach dem Tyde— das ganze wirkliche Leben läge hinter einem. Doch ,e»' �''*•* J.'i'nnttev der Vergangenheit zu wandeln. Er vegluckwunscyre Quilliam zu ihrer lebhaften Thätigkeit— Arbeit bewirke dasselbe wie Leiden, es gäbe Stärke und Macht. Käthe mußte auch diesen Brief verlesen. Es-war, als klänge ein Seufzer übers Meer.„Sag ihm was Fröhliches, damit er den Mut nicht verliert. Sag ihm, die Römer wären verteufelt eifer- süchtig, und wenn er sich in einem Gasthause eine Tasse Thee geben ließe, sollte er daran denken und die Mädchen nicht auf den Schöß nehmen— die Römer könnten so was nicht leiden." Das letzte Mal. daß sie von Philipp hörten, war er in London. Die alte Wunde war geheilt: er glaubte, daß er fast genesen sei, aber er war durch ein scharfes Feuer ge- gangen. Der Gouverneur war sehr wohlwollend gewesen; er hatte Mittel gefunden, die Deemster-sielle offen zu halten, ihn auch in London seinen Freunden vorgestellt— jeden Abend ging er in Gesellschaft. Doch zog es ihn nach Hause, wie mit unsichtbarer Gewalt— sie würden ihn wohl über kurz oder lang wiedersehen— er wäre nun sechs Monate fort, aber er fühlte, daß es doch nicht ganz unnütz und bloßer Zeitverlust gewesen sei— er würde neu gekräftigt zurückkehren. Dieser Brief konnte nicht beantwortet werden, denn er gab keinen Wohnort an. Er war mit der Nachtpost auf dem Dampfschiff aus England eingetroffen. Zwei Stunden später kam Frau Gorry eilig von einem Gang in die Stadt zurück und sagte:„Meiner Treu, soeben habe ich Mr. Philipp Christian auf der Straße gesehen." „Wann?" fragte Pete. „Diese Minute," antwortete sie. „Dummes Zeug," sagte Pete.„Er ist ja in London. Sehen Sie hier seinen Brief"— er wies mit dem Finger auf die oberste Zeile—„„London, den 31. Januar"— das ist gestern. Da sehen Sie." Frau Gorry war ganz verdutzt. Aber am nächsten Abend war sie zur nänilichcn Stunde in gleicher Richtung ausgegangen und kani ganz erschreckt mit derselben Kunde nach Hause. Ueberzeugen Sie sich nur selbst," rief sie,„er geht eben den Heckenweg am Garten hinauf" „Unsinn! Sie haben sich täuschen lassen." sagte Pete, und dann hielt er die Hand vor den Mund und flüsterte Käthe zu:„Sie sieht Gespenster, die Arme— kein Wunder sie hat erst unlängst ihren Mann verloren." Doch auch ani dritten Abend kehrte Frau Gorry von eineni ähnlichen Ausgang niit demselben Bericht zurück. „Ich kann nicht irren," keuchte sie. Sie war voller Ent- setzen, denn sie glaubte, daß es sich um etwas Uebernatürliches handle. �,Die Frau hält es wirklich für wahr," sagte Pete und fing ein Kreuzverhör mit ihr an.„Wie war Mr. Christian gekleidet?" Sie hatte diesmal nicht darauf geachtet: aber deil ersten Abend hatte er eineil mankischen Mantelkragen nmgehabt.„Welchen Weg hat er eingeschlagen?" Wohin er heute gegangen war, wnßte sie nicht; den Abend zuvor aber war er durch den Heckenweg zivischen der Kapelle und dem Garten gekommen.„Hatte sie sein Gesicht wirklich gesehen?" Das erste Mal hatte sie es gesehen, es war sehr schmal und blaß gewesen. tFortsetziing folgt.) Episode» vo u derVorortbahn. E i s e ii b a h ii l e k t n r e. Ani schönsten fährt's sich morgens zwischen 7 und 8 Ilhr nach Berlin. Der Morgen selbst zieht dann in die Stadt. Das junge Geschäftsscänlei», das ans dein Vorort in die Warenhäuser eilt, beherrscht die Situation. Alle Bänke voll von herrlich ansgeschlasener Jugend. Die Freundinnen feiern wortreiches Wiedersehen. Der Tag blüht noch rein und frisch, nichts von der welken Abspa Inning der Erwerbsmiihsal. Es sind noch die lustigen Bräute der Arbeit, die ins Land des Unberührten, Ahnungsvoll cir, Schnsnchligcu schweifen, nicht die verkrüppelten Ehefrauen der Arbeit, die zermürbt wurden im Joch. Auch das„Geschäft" scheint ein lockendes Paradies, wenn man am Morgen zu ihm strebt, schiniinenid von rosigem Tau der nächtlichen Ruhe. Diese Morgeuinädel sind alle hübsch, auch wenn sie schief sind und eine dicke Nase haben. Jedes hat auf dein Schotz, in Papier eingewickelt und sorgsam verschnürt, sein Frühstück; cS ist ja das Schicksal des weiblichen Menschengeschlechts, datz seine Kleider nuinner auffindbare Taschen haben, kaum datz es für die Abonneniciitskarte in einer Rockfalte Unterschlupf findet. Alles sonstige Gepäck wird neben, über, unter irgendivie hingelegt, als wärs kein Stück ,1f iu)ftrii,iFi,/< laCU.ft i-des ehrliche Morgeuinädel ein Buch, einen Vtoinan, ein»gearer,,«.., äTch die Zarteste der Zarten wohl ein Bändchcn Gedichte. Außer den beiden Freundinnen, die über irgend einen Hngo allerlei nierkivürdige Betrachtungen anstänschen, sind die Morgeuinädel tief und stumm in die Lektüre gebannt. Mein Gegenüber liest einen Roman. Ich beneide den Verfasser, datz er eine so andächtige Leserin gefimdeu hat. Obwohl vor leidenschaftlicher Spaunung ihr Gesicht glüht, verweilt sie doch anscheinend mit hingebender Geduld auf jedem Buchstaben. Denn bisher hat sie noch nicht ein einziges Mal umgeblättert, und ich beobachte sie doch schon zehn Minuten. Der Zug fährt über eine Kurve. Es giebt eine kleine Er- schütterung, und der gänzlich versunkenen Ronianleserin gleitet das Buch ans den Händen ans den Boden. Hastig bückt sie sich. Den Roman hat sie glücklich erwischt. Aber im Fall ist dem Bande ein Blatt zierlichen Papiers entflattert: ein Brief. Dem jungen Mann neben dem Morgenmädel ist der Brief zwischen die Fiitze gerateir, er holt ihn hervor, und indem er einen flüchtigen neugierigen Blick ans die erste Seite wirft, überreicht er ihn der Adrcssalin mit der schmachtend spottenden Anrede:„Süße Riizzi!" Das Morgeuinädel schaut hilfesuchend nach der Notbremse!..' A n g e ii- U e b e r f a l l. In den ersten Nachmittagsstunden sieht man die Geschäftsfränlcin wieder. Sie haben zu Hause gegessen und kehren uuii in den Dienst zurück. Eine leichte Schläfrigkeit hüllt die Seelchen. Mit geschlossencu Augen lehnen sie sich rückwärts. Das ist die Zeit, Ivo ich nach Herzenslust in Menschcnköpfen lesen kann. Es ist eine der. schlimmsten Dummheiten, das; eine klösterliche Anstandsregel künstliche Blindheit gebietet. Wie fromme Sekten sich zn ewigem Schweigen kasteiend verurteilen, so fordert die Schicklichkeit, datz der Mensch nicht den Menschen recht herzhast ansehen darf, namentlich nicht, wenn der eine Mensch ein Man», der andre ein Weib ist.„Fixieren" gilt als frech und beleidigend. und hat nun jemand gar das Unglück, wie ich, ein alter kahler Ekel zu sein, so»lachte er sich eineL nichtswürdigen und zugleich lächcr- lichen Verbrechens schuldig, wenn er ein Wesen. das weder alt noch kahl und auch kein Ekel ist, ernst und gewissenhaft betrachtet. Warum verurteilt man uns zu so thörichter Selbstblendung? Ist es nicht viel schöner und interessanter, in fremden Gesichtern zu forschen als mit den geistreichsten Bekannten tiefsinnige Gespräche zu führen? In der Anschauung des Unbekannten wird die eigne Phantasie schranken- loS und fmchtdar. Was für ästhetische Offenbarungen enthüllen diese Mienen, die aus der Flut des Lebens zum erstenmale auftauchen. um flüchtig wieder zn verschwinden I Welche Wunder und Märchen laffen sich in diese fremden Lippen und neuen Stirnen hineinträumen. Im Vorübergehen wird der stärkste Reiz geweckt, und in der huschenden Berührung des Fremden flammt das Glück auf. Das unbekannte X wird zum Quell unendlicher, geheimnisvoller Deutungen. Im Reich des Bekannte» aber langweilt uns immer dieselbe bekannte dürre Eins, dieselbe krumme Drei und dieselbe dicke Nenn. Und da raubt man uns durch ein blödes Gesetz deS guten TonS den höcbsten Genutz. durch die Begnadung des Fremden Menschen zu enb- decken, Schönheiten zu enträtseln, bunte Abenteuer, gigantische Schick- sale und kühne Leidenschaften hinter Mädchcnstirnen suchen, deren Inhaber sich bei näherer Bekanntschaft vermutlich als Geschöpfe ent- larven, die nicht nur baumwollene Socken verkaufen, sondern auch als Seelen tragen. Wahrlich, das wäre weit gescheiter, wenn map mis verbiete» würbe, misre lieben Vertrauten anstarrend zn be- lästigen, da hingegen da-Z Recht der weder Verwandte» noch Ver- schwägerten noch irgend wie Bekannten unumschräiikt ließe, sich nach Herzenslust zu beschaue». Aber wenn sie ihren Nachmittagsschlaf im Eisenbahn-Coup« abhalten, dann benutze ich die Gelegenheit und veranstalte Forschnngs- reisen. Ich setze mich ctivas schräg in die Eele, und lese in meinem Gegenüber. Da der junge Mann neben mir teilnanislos hinter einer Zeitung vergraben ist. habe ich keine Konkurrenz zu befürchten und keine Entdeckung: Ei» feines, frisches Köpfchen, dunkles Haar über einer launenhaften Stirn. Gewiß ein keckes Fräulein, hintcr dessen geschlossenen Lidern ivilde, nnrnhige t'lugcn gliiume». Der etwas geöffnete Mund scheint nach allerlei Seltenein, Aufregenden, Unerhörten zu schnuppern. Dabei schläft sie ganz fest, nichts mehr von der Verstellung des Wachens, der Schlummer stellt ihr Innerstes ivahr und rein zur Schau. Merk- Ivürdig ist nur, daß sie ihr Gesicht starr nieineni Nachbarn znlvcndet, als ob es selbst im Schlafe fühlte, daß da ein fröhlicher, derber und hübscher Bursche sitze. Plötzlich aber sehe ich, lvie das Geschöpf blitz- schnell die Augen öffnet und hinter die Zeitung des jungen Mannes lugt, gerade in dem Augenblick, da er seinerseits über das Blatt hinweg einen Ausfall auf das holde Gegenüber Ivagt. Die Blicke prallen überrascht aneinander und erschrecken. Im Nu versinkt das Mädchen ivieder in ihren liefen Schlaf, und der junge Mann in seine Zeitung, »» » Sein L e i b b l a t t. Zwischen 4 und 5 Uhr nachmittag lieben es die behäbige» Bürgerinnen der Vororte, den Zug zu beniitze», um in Berlin.Vcsorgimgen" zu inachen. Zwei einander bekannte junge Frauen haben sich im Coup« getroffen. Jede hatte die Absicht, den„Lokal- Anzeiger" zu studieren, als sie sich aber sahen, legten sie das Blatt beiseite und plauderten: über die Dienslniädchcn zuerst, dann über die Schneiderin, endlich über die Kinder. Beide sind elegant angezogen, die eine ist hager und schon ein lveuig vcrivittcrt. die andre eine üppige Blondine mit einem runden glatten Gesicht, in dem kein Fällchen ist, die kleinen Schönheitsfehler der Haut mit einem Pnderhauch zart verdeckt— die ganze Erscheinung sehr appetitlich. Ans der nächsten Station zlvängt sich ein breitrückiger Koloß ins Coiip«. Kaum gelingt es ihm, das Trittbrett zu erklimmen und in die Thiiröffimng hineinzufinden. Auf dem letzten vorhandenen Platz, mitten zwischen den stattlichen Bürgersfraucn, fällt er nieder. Er hat ein graues, fahles Gesicht, seine Augen flackern irr. Das ganze Coup« wird von Schnapsgeruch erfüllt. Der Mann niacht den Eindruck eines herabgekomnienen kleinen Handwerkers, vielleicht eines Schusters, der die Gelvohnheit angenommen hat, den Früh- schoppen zu verlängern. Er schüttelt unänfhörlich den Kopf, knurrt . mißbilligend, ihm gefällt offenbar vieles in der Einrichtung der Welt nicht. Dabei versucht er durch galante Beivcgungcu die ängstlich zur Seite geivichcne Blondine zu beruhige»; verständlich kann er sich zwar nicht machen, aber seine gute Absicht ist, der Danie z» bedeute», daß sie sich nicht zu fürchten brauche und ruhig neben ihm sitzen bleiben könne. Ein verlegenes Schiveigcn hat die Mitreisenden befallen. Es liegt eine Katastrophe in der Lnft. Die Blondine umhüllt ihre Nase mit einem seidenen Taschentuch, blickt aber scheu, ob diese Demo»- stration nicht etiva den Mann beleidige und aufrege. Der Zug hält. Ein Herr mit goldene,» Zwicker stürzt, während sich der Zug bereits in Beivegung setzt, eilig herein. Er unterläßt es, den Thürhebel nach oben zu drehen, und setzt sich»eben den Betrunkenen hin, obwohl die Bank bereits voll besetzt ist. Der Alkohol verschärft, wie ninn weiß, das Rcchtsgefiihl. Der Betrunkene hatte längst auf einen Anlaß gewartet, dieses ge« steigerte Rechtsgefühl zu bethätigcn. Jetzt war die Gelegenheit ge- kommen. „Thür zu." brüllt er. Der Herr, einer von den Neudentsch-Schneidigen, bei denen man immer das Gefühl hat, als ob sie nach Afrika gehören und dort mit der Nilpferdpeilsche weltpolitisch thätig sind, blickt empört auf»nd rührt sich nicht. Schon wegen des holden, anfmcrksam zuschauenden Damenflors darf er nicht zugeben, daß der Betrunkene recht hat. „Thür zu I" brüllt der Mann noch einmal, dann entschließt er sich, als der Vernünftigere nachzugeben, und bringt selbst nach einigen vergeblich tastenden Griffen den Hebel in die rechte Lage. Aber sein Rechtsgefühl fordert weitere Bethälignng. Er schubst mit den Ellbogen den Herrn mit dein goldene» Zwicker und sucht ihn von der Bank zu drängen: „Hier ist kein Platz mehr, hier sitzen schon vier.— Ich habe auch mein Billet dezahlt und brauche mich nicht drücken zu lassen. 's ist alles voll." Wieder hat der Mann recht. Der Schneidige aber weiß, was er seiner Ehre schuldig ist und ruft:„Aeh, machen Sie sich mal nicht inansig, sonst lafl'e ich Sie hinansbefördcrn." Dieses llebermaß der Ungerechtigkeit steigert die Erregung des Betrunkenen, eine Flut von nndentlichen Lauten strömt aus seinem Munde und schließlich sammeln sich seine lvirr übereinander purzeln- den Gefühle in den Satz:„Wissen Sic>vas. Sie, ich ivcrde mich beschlvcren, ich bring die Sache in'»—„Lokal-Anzeiger". Damit versinkt er erschöpft iii� dumpfes schweigendes Brüten. Auf der nächsten Station steigt er schiverfällig aus. Die Zurückgebliebenen at-nen auf. Der Bann ist gewichen. Sie sind plötzlich alle mit einander vertraut getvorden. Das ge« nieinsan« Erlebnis hat sie genähert. Sic tauschen lebhaft ihre Empfindnngc». Die Hagere meint vornehm lässig:„Ich sag es immer, man nmjz ziveiter Klasse fahre». Wenn ich nun allein mit dem Kerl gewesen wäre!" Eine andre Dame erzählt einen Vorfall, Ivo sie einmal von Zehlendorf bis Friedenau allein mit einen. Wahnsinnigen gefahren sei, der mit einen, Taschenmesser einen Apfelsine geschält habe. Es Ivar schrecklich I Ein altes Mütterchen bemerkt mitleidig:„Mir th»t nur die arme Frau von den, leid." Die Blondine aber sieht sehr böse ans und ruft entrüstet: „Das allerschlinunste aber mar doch, daß der Mensch sich beim „L o k a l- A n z e i g e r" beschlvcren will. Der nnd„Lokal-Anzeiger"! Der gehört doch in den—„Vorwärts"!" Joe, Kleines„Äeuillekon. th. Heimkehr. Der Zug kommt von weit her. von Chorin, Freicnivalde, ans der Märkische» Schweiz, wer weiß es? Es ist ein Exlrazng: rasch, ohne Aufenthalt jagt er durch das sommerliche Land. Nenn Uhr abends, es ist aber doch noch hell, lieber den Wäldern liegt der letzte Wiederschein der Abendröte. Der Himmel glüht in tausend Farben, ein goldener Glanz durchleuchtet die Coupes. Es fahrt sich gut in diesen, Zug. Kein Gedränge, nicht mal m der dritten Klasse. Man kann sich dehnen und strecken, nnd das thun die Insassen reichlich. Sie sehen müde aus, es ist aber solch eine Art zufriedener Müdigkeit. Sie lehne» sich auf ihren, Sitz zurück, blinzeln verträmnt ans die Felder hinans und reden mit halblaute» Stimmen von ihren Erinnerungen. Ach es war doch ein herrlicher Sonntag l „Der Blick von,' Kloster in dev�-Ksoitergarten, weißt Du noch?" „Wie die Sonne durch das B es war als blitzte sie durch bunte Fenster." „Ueberhaupt der ivundervolle Wald I Drei Stunden haben wir bloß i», Grase gelegen und durch die Bäume in den Himmel ge- sehen." „Und diese tiefe Einsamkeit I" „Ja. wenn man so weit hinausfährt, lohnt sich'S noch, da bleibt man für sich, nahe bei Berlin ist ja alles überfüllt." „Na überhaupt solch Sonntag nahe bei Berlin I— Schrecklich! In die Nähe fahren wir nur Wochentags," „Da unten ist ja'ne Vorort-Station, seht bloß, wie fie sich schubse»; ist das ein Andrang I" „Es ist ja auch nur'ne Ziveigroschen-Station, da fährt natürlich Krelhi und Plethi hin." „Gräßlich, solche Rückfahrt, sie kann einem doch de» ganzen Sonntag verleiden." Aber die Leute unten auf der Vorort-Station sind durchaus nicht derselbe» Meinnng. Sie laufen und rennen, sie schieben nnd stoßen sich, es gicbt auch Püffe und manchen regelrechten Stoß. Es fallen Schimpflvorte und allerhand Flüche: im allgemeinen ist man aber doch i» höchst fideler Stimmung, nnd gar als alles ciiigeschnchtelt ist und der Zug langsam zu», Bahnhof hinausrollt. Mit eine», bischen guten Wille» geht alles, auch dreißig Menschen in ein Coupe. Wen» man die Kinder anfs Gepäcknetz jetzt, hat man sogar„Platz" und kann die Hand bewegen. DaS will ivaS heißen! Aber— ach nein— eS war doch ein zu schöner Sonntag I" „Bloß das alles so voll war!" „Das ist ja Sonntags immer." „Ja, wenn man so in der Woche raus könnte, wo kein Mensch da ist, dann inuß es schön sein zivischen de», Korn." „Und erst da oben an, Waldrand bei den drei Föhren." „Ach Kinder, seid froh, daß Ihr Sonntag raus könnt; wenn nian nun Sonntags in Berlin bleiben muß?" . Schauderhafte Idee!" Ein Chor von Stimnien antwortet. „'» Sonntag in Berlin ist was gräßliches I Ich weiß nicht, lvie Menschen das in, Sommer aushalten! Wenn man die Woche gearbeitet hat, will man doch an, Sonntag ins Grüne". Eine Stimme ruft:„Ach— eine Laubenkolonie." „Ja, seht doch, sie haben Ballons angezündet— italienische Nacht!" „Ist das allerliebst I" „Ich kann mir nichts denken bei'»er Laubenkolonie." „Nein, es ist gerade, als ob einer will und kann nicht:'»Garten, ach jeh, die paar Salat- und Bvhnenbeetc I Und da sitzen die Leute und denken, sie wären in, Grünen." „Ja, es ist eigentlich zun, Lache» l" „Weim's noch so Ivette wogende Felder wäre», lvie draußen, oder'ne richtige Kirschcuplantage, aber bloß solch'» Kohlfeld, na ja, eS find kleine Leute." „Ich begreife aber doch nicht, lvie ihnen das geniigen kann." Die in der Laubenkolonie begreifen es aber ganz gut. Die letzten Lampions sind im Erlöschen. Dunkle Gestalten huschen auf den Wegen und verlieren sich nach den, Eingang zu. Es ist längst zehn Uhr vorbei, man macht sich auf den Heimweg. Die Kinder schlafe», wenigstens die Kleine,,..Müde lehnen sie das Köpfchen«th Mutlcrs Schulter, müde ist überhaupt alles. Man hat geschuftet� — 490— diesen Sonntag, gehackt, gegraben, gejätet nnd gegossen, man fühlt seine Knochen, aber gerade das ist vielleicht das Schone, lieber die Straße>veg ist noch immer ein Rufen nnd Lache»: „Meine Bohnen sind doch viel iveiter, nächste Woche essen Ivir die ersten," „Nnd uiisrc Kohlrabi stehen mal fein." .Haben Se meine Nelken gesehn?" „Ja, nnd mein Rosenstrauch hat auch Knospen, ist da?'nc Freube, wenn alles blüht." „Und ich nehm' den ersten Salat mit. Und nächster Tage holen wir Erdbeeren." „Ach, nee, war das ein schöner Sonntag!" Der alte Kehrreim die ganze Straße entlang:'„War das cm schöner Sonntag!" Die jungen Mädchen trippeln im Tanzschritt. Sie rufen es noch hier drinnen in der engen Straße, Ivo die Häuser hoch und düster stehen. Ihr Helles Jnchzcn steckt selbst die Alten an. Man grüßt und iviiilt sich zu. Man kennt sich untereinander. „Na, auch ausgewesen?" „Ja, Vater Mels, i» de Brauerei. Na,'n Glas Bier kann man sich noch leisten und man sitzt doch unter'n paar Bäumen, und dann uoch's schöne Freikonzert, billig, aber'n feiner Sonntag!" „Ich bin nur im Hnmboldhain gewesen und die Kinder haben Sand gebacken und dann sang ooch noch'» Vögclken, dett war was andres,' als in de Fabrike; wem» man dett alle Tage haben könnte-- Aus dem Pflanzenleben. — Einen seltenen Bau in hat, ivie der„Täglichen Rund- schau" aus Genf geschrieben wird, ein Mitarbeiter der„Patrie Suisse" in Ecublens(Kaiilon Waadt), in der Nähe des Genfer Sees, ent- deckt. Es ist dies ein 45 jähriger Kirschbaum von ungefähr 40 Centimer größter Dicke und 8.50 Meter Höhe, der ans dem Stnmpf einer Korbweide hervorgcwachsen ist. Der Stumpf bildet einen Sockel von fünf Meter Umfang, der zwei Meter über den Boden emporragt. Der Kirschbaum trägt alljährlich reiche Frucht, die man i»�...... �.estigkeit seines Wnrzclns nnd seines Baues mißtrauend, bis jetzt noch nicht zu crnlcn gewagt hat. Sein Standort befindet sich in einer Iveitcn, allen Winden ausgesetzten Ebene, wo er bis jetzt den stärksten Stürmen wacker trotzte. Die Weide wird bekanntlich in Morästen oder am Rande der Bäche nnd Flüsse vielsach von Schmarotzerpflanzen heimgesucht. Ans ihren« von Ziveigen entblößten Stamm bildet sich mit der Zeit eine Art Kopf. ans welchen« sich eine Masse von Zwcigtrüminern und Blättern ansaminelt. Im Hinmis dieser faulenden Masse keimen alle Arten von Körnern und Gräsern nnd gedeihen vortrefflich. Letztere nnd auch verschiedene Strancharten sieht man gar häufig aus Weidenstümpfen gar üppig tvuchcrn; Bäume auf diesen« Nährboden sind schon «ttvas seltener; ein etwa acht Meter hoher, frnchtrcifcnder Kirsch- bauin auf einer Weide dürfte wohl sonst kaum noch vorkommen.— Bergbau. — P l a t i n g e w i n n n n g in Australien. In Ncn-Süd- Wales findet sich Platin in erheblichen Mengen. Trotzdem ist die Ansbente dieses Metalls dort eine verhältnisinäßig beschränkte, iveil sich infolge des in jener Gegend herrschenden Wanermaiigels ein anS- gcdehnter Betrieb nicht durchführen läßt. Der Ertrag bclicf sich im Jahre 1800 anf 530 Unzen und für die Jahre 1884 bis 1800 ans 8285 Unzen. Das Platin findet sich im nrsprünglichen Zustande ineist in Genieiiilchaft mit Eisen, Iridium, Osmiim« oder andren selteneren Metallen, gewöhnlich in Körner- oder Schuppen form, manchmal in kleinen unregelmäßigen Klinnpen zusammen, äußerst selten i» Krhstallen. Im geologischen Museum zu Sydney befindet sich ein Plntiukrystall von 8/i6 Zoll Größe. In andrer Fori» findet sich d>«s Platin nocb als Verbindung«nit Arsen, nnd zwar in kleinen Würfel- oder Oltaederkrystallen von zimnveißcr Färbung mit dunkel- grauen Strichen. Der itngcfähr 320 englische Meilen westlich von Sydney gelegene Fifield-Tislrilt ist das Hauptgebiet für die Platin- gcwiniiung in Neu-Südwalcs. Die bedeutendsten Bergwerlsaulagei« befinde» sich dort anf einem verhältnismäßig kleinen Raum zusammen, der den Namen Platina führt. Das gold- nnd platinhaltige Alluvial- lager hat eine Länge von etlva 1 engl. Meile nnd eine Breite von (50 bis 150 Fuß. Außerdem wird Platin im Bröken Hill-Distrikt und an verschiedenen andren Punkten von Nen-Südivales angetroffen. Sonst findet man es noch vereinzelt an der Nordküste von Australien in dem goldhaltigen Sande am Mecrcsstrand.— Astronomisches. — E i n in erk würdiger dreifacher Stern. Der „Frankfurter Zeitung" ivird geschrieben: Ans der Aerkes-Steniwarte bei Chicago werden niit einem von der verstorbenen Miß Bruce der Stermvartc geschenkten Spcktrographc» die Gcschiviiidigkciten, mit der die helleren Fixsterne den Weltraum in der Richtnng anf den Beschauer durchmesse», nntersncht. Darunter befindet sich auch der Stern Omikron im Perjens, der südlichsle helle Stern 4. Größe dieses Sternbilds, der gerade nördlich von dem bekannte» Sternhaufen der Plejadcn steht. Hier fand sich nun am 18. Februar d. I., daß der Stern sich mit 134 Kilometer Geschwindigkeit i» der jSeknnde von uns entferne und am 21. Februar, daß derselbe Stern sich mit 77 Kilometer Geschwindigkeit»ns nähere. Die fortgesetzten Messungen ergaben am 4. März eine Enifeninug von 128 Kilometer pro Sekunde, am 2. April eine Aiinähcrnng von 117 und am 3. April eine Annäherung von nur 4 Kilometer pro Sekunde. Es sind zwar nnck sonst Sterne bekannt, bei denen die Bcwegungs- richtnng»nd die Geschivindigkcit wechseln, aber mir»och bei einem, Et,» im Orion, erreichen die Aenderuiigen in so kurzer Zeit so bedeutende Beträge ivie hier, und liegen die Extreme um 251 Kilometer aiiscinandir. Die Erklärung ist auch hier die, daß in unmittelbarer Nähe von Oinikroi« Persei sich ein dnickler Slcn« von nahe gleicher Größe befindet, und daß sich die beiden Stenie «im einander schwingen in kreisförmiger Bah», deren Ebene nahezu nach dem Beobachter hinzielt. Je nach seiner Stellung in der Bahn muß sich der helle Stern bald der Erde nähern, bald von ihr entserne». Soweit die bisherigen Mesiungrn erkennen lassen, wird diese Bahn in 4Vs Tagen durchlaufen, woraus sich der rasche Wechsel der Acwcgniigsrichtuiig i» eine»« Zeilrm«»« von zwei Tagen erklärt, und die Bahn hat cincil Radius von 7�/e Millionen Kilometern, etwa ein Ztvanzigficl des Abstandcs der Sonne von der Erde. Die beiden Sterne sind zusaunnen etwa ebenso schtver ivie nnsre Sonne. Daß der eine Stern dunkel ist, geht daraus hervor, daß im Spektrum die Linien stets einfach bleiben. Wäre er hell, so würden seine Linie» sich gleichzeitig nach rechts verschieben. wen» sich die des ander» nach links verschieben, also die Linien bis- weile» doppelt erscheine», da bei dem Ilmlauf um den geniciii- sanien Schwerpunkt sich der eine Stern uns nähert, während sich der andre cntjernt nnd umgekehrt. Oinikrou Pcrsci ist aber noch dadurch merkwürdig, daß er luocki einen sichtbaren Stern iicnntcr Größe im Abstände von nur einer Bogcnsckinide bei sich hat, also eiiieu dritten Stern des Systems, der in großer Entfernung, die nicht in räum- lichem Maße angegeben werden kann, langsam eine Ivette Bahn um den Schwerpunkt deS Systems beschreibt.— Humoristisches. — Neues Wort.„Gnädige Frau, könnten wir wohl Ihren Herrn Geniahl spreche»?' . Unmöglich I Mein Mann n e n t ö n t gerade l"— — B e st c s Beweismittel.(Ein junger Mann bewirbt sich bei einem Beamten un» cine Stelle.)„Wir v rauchen für diesen Posten einen durchaus«»er jch r o ck e n c i« Menschen I" „Bin ich l" „Der resolut aufzutreten weiß l" „Kann ich l" „Und seine Autorität stets wahrt l" .Thn' ich I' „Sic sind verheiratet!" .Ja I" „Gut, zeigen Sie mir. zum Beweis Ihrer Qiialifikatton, Ihren Hausschlüssel!"— —©in moderner Metzger. Köchin:„Sic, i' glaub', in dem Stück sind einwendi' lauter Knochen!" Metzgerv e n Hall. Musik von Leotic S tu wart, mit der am 1. Juli die O p e r e t t e n s aji s o n bei Kroll er- öffnet wird, ist von W. M a n n st a d t textlich und musikalisch bearbeitet.— c. Sonzogno, der große Mnsikverleger in Mailand, hat, wie der„Ganlois" berichtet, einen Wettbeivcrb unter den Ko in Po niste n der ganzen Welt für eine einaktige Oper organisiert, bei dem ein Preis von 50 000 Frank aus- gesetzt ist. Bei einem ähnlichen musikalischen Wettbewerb, den der- selbe Verleger organisiert hatte, ging seiner Zeit M a s c a g u i»nit der„Cavalleria rusticana" als Sieger hervor. Der Preis wird von einer iiiternatioiialeii Jury zuerkannt werden.— — Der französiscke Musikerkougreß hat den An- trag, Frauen als Orche st er Mitglieder für alle Instrumente zuzulassen, mit der Bedingung angenommen. daß sie sied zu einer Gcnvstcnschaft vereinigen und zum selben Tarif wie die männlichen Musiker arbeiten müßten.— — Die M a n ch e st e r Korporation in London hat die? Jahr für ihre FrühjahrSansstellung von Gemälden kein Eintritts- geld erhoben. Die Ausstellung ivurde in zwei Monaten von 40 000 Personen— gegen 2000 im Vorjahre— besucht, der Ausfall an Eintrittsgeldern durch die erhöhten Einnahme» aus Garderobe» gelder» und Katalogverkanf mehr als gedeckt.— — Beim Bau d'cS S i in p l o n t u n n e l S ist eine neue Schwierig» keit eingetreten. Die Temperatur im T u u n« l beträgt nämlich anstatt der von den Geologen berechneten 40' bis 42 Grad gegen- wärtig 50 Grad und droht noch höher zu steige».— Verantwortlicher Redacreur: Carl Leid m Berlin. Druck und Verleg von Max Badrng m Berlin.