Mterhaltungsvlatt des Horwörts Adr. 129. Sonntag, den 6. Juli. 1902 (Nachdruck verbalen.! 4gz Dev WlnnksntNnn. Roman von Hall Eaine. Autorisierte Ucbcrsetzung. „Soll geschehen." sagte Pete. „Wenn das nicht anschlägt, so schicken Sie sie eine Zeit lang sort." „Ii« wohl, das will ich." „Neue Gegenden, neue Menschen; am liebsten ganz fort von der Insel." „Einverstanden." „Sie wird als eine ganz andre Frau wieder zurück- koinmen." „Weun's dieselbe sein könnte, war' mir's schon recht," sagte Pete. Die Gesellschaft lachte, er aber riß die Thür auf und rief:„Kommt nur herein!" und ein halbes Dutzend Gäste, die draußen gewartet hatten, traten schüchtern in die Stube; die Awvesenheit vornehmer Leute machte sie verlegen. „Nun einen Trunk, Nancy," rief Pete. „Doch auch nicht zu viel Aufregung." sagte der Doktor und entfernte sich mit dieser Warnung. Der Pfarrer ging mit ihm. Philipp hatte sich schon vorher unbemerkt fortgeschlichen. Graunie trug die kleine Äatharine in die Küche und badete sie hier vor dem Feuer. Käthe saß mit Kissen gestützt aus dem Armstuhl in der Ecke. Dann brachte Nancy das Bier und Pete begrüßte es mit einem Juchzer. Cäsar erschrak und stand auf, um zu gehen." „Der Trunk kommt aus Ihrem Haus," sagte Pete. „Bleiben Sie doch und kosten Sie ihn." Doch Cäsar mochte nicht bleiben; er hielt es für un- statthaft. „Wird Ihre erste Enkelin doch nicht jeden Tag getauft," meinte Pete.„Genießen Sie das Leben, so lange Sie es haben, der Tod kommt früh genug." Cäsar verschwand; die übrige Gesellschaft beherzigte aber Petes Rat und that sich gütlich. „Die letzte Taufe, bei welcher ich war, hat gestern statt- gefunden," sagte John, der Küster.„DaS Kind von Christiane Stillip ist getauft worden, das zur Welt kam. che sie getraut tvurde, und es hat das Wasier ebenso gut angenommen wie jedes andre." „Die letzte Taufe, bei welcher ich war, war meine eigne." erklärte der schwarze Tom,„da bin ich zum Erben gemacht worden, Hab' aber bis jetzt nichts geerbt." „Wohl wahr," sagte eine asthmatische Stimme von der Hintertreppe aus. „Die letzte Taufe, die ich mitgemacht habe,>var in Kim- berley," sagte Pete,„und damals bin ich selbst der Pfarrer gewesen. Nun ja— Pfarrer Pete. Auch Pate und Patin war ich und das Tauskind hieß ebenfalls Peter Quilliam. Aber zum Lachen war es keineswegs. Auf jedem Wirtschafts- hos lungert dort immer ein Rudel Weiber herum, die sich wie Kletten an die Burschen hängen— meist schmutzige, liederliche Dirnen, aber dennoch menschliche Wesen. Eine von ihnen hatte von jemand ein Kind, und da es mit ihr ans Sterben ging, konnte sie keine Ruhe finden, weil ihr Kind nicht ge- tauft war. Es gab aber fünfzig Meilen in der Runde keinen Pfarrer; es war nachts und die Frau lag auf freiem Felde neben dem Feuer und wurde immer schwächer. „Was ist da zu machen'i" fragten die Leute.„Ich will's übernehmen." sagte ich, und ich that's. Einer der Burschen holte in einer Frühstückskanne Wasser aus dem Flusse und ich tauchte die Finger hinein.„Wie soll es heißen?" fragte ich, aber die arme Seele war schon zu schwach, um sprechen zu können. So gab ich dem Kind denn meinen eignen Namen und die großen Burschen standen barhäuptig ringsum und fingen an wie kleine Kinder zu heulen.„Ich taufe Dich, Peter Quilliam, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, Amen." Und dann starb das Weib ruhig und zufrieden, und weshalb auch nicht? Die Worte waren dieselben und das Wasser war dasselbe, und wenn die Hand auch nicht so rein war wie gewöhnlich, so wird vielleicht der Herr droben nicht über den Unterschied grollen." Käthe stand auf mit brennenden Wangen. Der Raum war ihr zu eng geworden. Pete half ihr ins Besuchszimmer, wo ein helles Feuer brannte, machte ihr aufs neue einen Sitz mit Kissen und Decken zurecht und kehrte dann auf ihre eigne Bitte zu den Gästen zurück. Die Gesellschaft war inzwischen größer geworden, auch Frauen und Mädchen hatten sich ein» gefunden. Man fing zu singen und zu spielen au und schließ- lich tanzte man auch. Käthe hörte es. Durch die geschlossene Thür zwischen dem Hausflur und dem Besuchszimmer tönte der fröhliche Lärm zu ihr herein. Dann und wann steckte Pete den Kopf mit herzlichem Lachen ins Zimmer und rief ihr heiter zu: „Hast Du's gehört. Käthe?'s ist köstlich." Endlich kam auch Philipp wieder; er hielt den Hut in der einen Hand und eine Pappschachtel in der andren.„Das Patengeschenk für die kleine Katharine," sagte er. Käthe öffnete den Deckel und nahm einen Kindcrhut von rotem Plüsch heraus. „Sie sind sehr gütig," sagte sie zerstreut. „Von Güte kann keine Rede sein," antwortete er und machte Miene, wieder zu gehen. „Warten Sie noch," stammelte sie.„Ich habe Jhnca etlvas zu sagen. Machen Sie die Thür zu." XI. Philipp wurde blaß.„Was ist's?" fragte er. Sie versuchte zu sprechen, doch versagte ihr die Stimme. „Sind Sic unglücklich, Käthe?" stammelte er. „Können Sie es nicht sehen?" antwortete sie. Er setzte sich an den Kamin und verbarg sein Gesicht in den Händen. „Ja, ivir haben beide gelitten," sagte er mit- dumpfer Stimme. „Warum haben Sie mich ihn heiraten lassen?" Philipp richtete sich auf.„Wie hätte ich Sie hindern können?" „Wie? Fragen Sie, wie?" Sie sagte es nicht ohne Bitterkeit; er aber antwortete ruhig: „Ich versuchte es, Käthe, konnte aber nichts thun. Sie schienen entschlossen. Je mehr ich bemüht war, die Heirat zu verzögern, sie aufzuschieben, sie ganz zu verhindern, desto mehr drängten Sie und beschleunigten die Hochzeit. Da dachte ich bei mir selbst: Nun, vielleicht ist es das Beste. Sie versucht, zu vergessen und zu vergeben und fängt das Leben von neuem an. Welches Recht habe ich, ihr in den Weg zu treten? Habe ich ihr nicht schon Leid genug an- gethan? Ein guter Mann bietet ihr Herz und Hand und sie willigt ein. Laß sie's thun, wenn sie kann, Gott stehe ihr bei! Wohl werd' ich leiden; ich bin ihr aber jetzt nichts mehr! Ich will meines Weges gehen." Sie legte die Arme auf den Tisch und verbarg ihr Gesicht darin.„O, ich kann's nicht ertragen!" sagte sie. Er erhob sich langsam.„Wenn es meine Gegenwart ist, die Ihnen so unerträglich scheint, so will ich fortgehen. Ich bin nur gekommen, weil ich mußte; es ivar ein peinliches Vergnügen für mich. Sie werden mir bezeugen, Käthe, daß ich nicht aus freier Wahl hierher kam, sondern nur dem Zwang gehorchte. Ich will Sie aber nicht quälen. Ich will gehen und Sie sollen mich nie wiedersehen." Sie sah zu ihm auf und flüsterte mit leidenschaftlichem Ausdruck:„Nehmen Sie mich mit!" Er schüttelte den Kopf.„Das ist unmöglich. Sie sind nun verheiratet. Ihr Mann liebt Sie zärtlich. Er ist ein besserer Mann als ich, ein tausend-, tausendmal besserer Mann." „Glauben Sie, daß ich nicht weiß, was er ist?" rief sie. sich in den Stuhl zurückwerfend.„Gerade deshalb kann ich nicht mit ihm leben. Es bringt mich um. Ich sage Ihnen, daß ich es nicht zu ertragen vermag," rief sie und sprang auf. „Er liebt mich I Habe ich nicht versucht, mich zu zwingen, ihn wieder zu lieben? Habe ich nicht versucht, ein gutes Weib zu sein? Ich kann nicht— ich kann nicht! Jedes Wort, das er spricht, wird mir zur Qual. Nichts kann geschehen, das mir nicht durch Mark und Bein ginge. Ich kann in seinem Hause nicht leben. Die Mauern erdrücken mich, die Decke droht auf mich herab zu fallen, die Lust hier erstickt mich. Ich sage Ihnen, ich werde sterben, lvcnn Sie mich nicht voq hier fort bringen. Nehmen Sie mich mit. Philipp, nehmen Sie mich mit, fort, fort von hier!" Sie erfaßte flehentlich seinen Arm, er aber senkte das Haupt und sagte mit tiefer, schwerer Stimme: „Still, Käthe, still! Ich kann nicht und ich will nicht. Sie sind von Sinnen, daß Sie nur daran denken." Wieder sank sie zurück in den Strihl, atemlos und erschlafft mit unterdrücktem Schluchzen. Der Lärm der Tanzenden drang aus der Halle herein, vermischt mit Hoch- rufen und Petes Stimme erscholl: Springt mit Hacken ans und Zeh'n Bis die Dicl'n in Stücke gch'n. „Ja, ich bin wahnsinnig oder werd' es bald sein," sagte sie mit hartem Ton;„ich dachte es schon, als ich diesen Morgen aus der Kirche über den Fluß ging. Dort unten wäre bald alles vorüber, dachte ich. Keine Not mehr, keine Träunie, keine Schlaflosigkeit, die mich zwingt, den Atem des einen»eben mir zu hören, während mir eine Stimme aus der Dunkelheit zuruft..." „Käthe— was sind das für Reden?" unterbrach sie Philipp. „O. Sie brauchen nicht zu glauben, daß ich schlecht bin, weil ich Sie bitte, mich von hier fort zu nehmen. Wäre ich ein schlechtes Weib, so würde ich vielleicht mit frecher Stirn weiterleben und heucheln, ich hätte alles vergessen. Man sagt, das thun viele Frauen. Und ich fürchte auch nicht, daß er es jemals entdecken würde. Ich brauche ja nur nreine Lippen zu verschließen, und er wird's nie erfahren. I ch aber werde es wissen, Philipp Christian,"' sagte sie, und ihr heraus- fordernder Blick traf ihn, als er die Augen erhob, Ihre Vorwürfe thaten ihm weniger weh als ihre jammer- vollen Klagen, und schon im nächsten Augenblick schluchzte sie wieder: „O, warum hat mich Gott nicht sterben lassen? Ich dachte, er würde es thun, wenn das Kind käme. Aber es geschah nicht und da— o, das war wirklich schlecht— da betete ich, daß er wenigstens mein unschuldiges Sind nähme." Im Zorn über ihre Schwäche wischte sie sich jetzt die Thränen ab und sagte:„Ich bin keine schlechte Frau, Philipp Christian, und darum will ich eben nicht länger hier leben. Es handelt sich um etwas, das Ihnen nie eingefallen ist, und auch von mir haben Sie's nicht erfahren; jetzt aber muß es heraus, denn ich kann mein Geheimnis nicht länger verbergen." Er hob den Kopf; es brauste und schwirrte ihm in den Ohren. „Ein Geheimnis, Käthe?" „Wie glücklich war ich," sagte sie.„Vielleicht war es ein Unrecht— aber ich liebte Sie so sehr, und fürchtete, Sie zu verlieren. Sie glaubten vielleicht, daß alles, was zwischen uns geschehen ist, mit der Zeit immer mehr in Vergessenheit geraten würde. Aber es ist ganz anders gekommen. Ja, und so lange ich lebe und so lange das Kind lebt—" Ihre Stimme zitterte und stockte. Er sprang auf. „Das Kind, Käthe? Das Kind— sagten Sie?" Sie antwortete nicht sogleich, dann aber murmelte sie mit gesenktem Haupt:„Sagte ich nicht, daß es etwas gäbe, das Ihnen nie in den Sinn gekommen ist?" „Und wäre es d a s?" stieß er in angstvollem Flüsterton hervor. ..Ja." „Sind Sie auch sicher? Täuschen Sie sich nicht vielleicht? Ist es keine bloße Einbildung?" „Nein." „Sie glauben wirklich, das Kind.. ," »Ja." iFortsetzung folgt.» Srmnktt�splmtdevei. Die rastlose Technik arbeitet daran, elektnschc Züge zu schaffen, die ISO, 180, 200 Kilometer in der Stunde rasen. In schtvinimenden Palästen ivird der Ocean eilend durchmessen. Fahrräder lassen die längste Chaussee in einen Punkt zusanimenschrmnpfeir. Die automobile Höllenmaschine, der Hai der Landstratzen, vermag in einer Stunde fünfzig Kilometer, 20 Menschen, 40 Hühner, 30 Gänse und 10 Schweine zu verschlingen, lieber die Alpen fliegt der Luft« ballon, den Tausende von Erfindern lenkbar zu gestalten sinnen. Durch Granit und Basalt bohren sich kühne Tunnel, über tief ein- geschnittene Flußlhäler spannen sich gewaltige Brücken in fast zier- lichem Eisensiligran. Zeit und Raum selbst scheinen sich in Verkehrs- mittel zu materialisieren, und der schwerfällige Mensch gewinnt schier die Flügel des elektrischen Funkens, des Sonuensträhls und des Schalls. Die Gesetze aber gewähren den Staatsbürgern das Recht der Freizügigkeit: mögen sie sausen, wohin sie wollen, bitte, mir einzusteige»! Die Menschen aller Länder sind Nachbaren geworden und die Erde ivard zum Dorf, in dem man Über die Wendekreise spaziert lvic Über eine Wiese. Die Hero, die am Südpol nach ihrem Leander am Nordpol schmachtet, sie können sich täglich telegraphische Liebesbriefe spenden und binnen ein paar Tagen werden sie am Aequator sich in den Armen liegen. So sieht die Welt des Verkehrs i» der Idee, in der Möglichkeit aus. In der Wirklichkeit aber ist der Mensch noch immer au die Scholle gefesselt. Er ivird in einer Gefängniszelle geboren, sieht immer dasselbe kleine Stück Himmel durch das enge Gilterloch und stirbt au der Stätte der Geburt. Die Erde und ihre Menschen bleiben ihm fremd wie der Sirius und der Jupiter. Kaum weiß er. wie es eine Stunde weiter aussieht. Es giebt zahllose Groß- städter, die Tag für Tag immer die gleiche Straße entlang gehen oder fahren und die außerhalb ihres Winkels nicht Bescheid wissen. Ein paar Meilen bereits von Berlin kann man in märkischen Dörfern erwachsene Lente finden, die niemals in der Hauptstadt ge- Wesen und für die der Begriff Berlin ebenso dämmerhaft ist wie der von Peling oder Timbuktu. Denn stärker als Dampf»nd Eleltricität, »ndiirchdriuglicher als Stahl nud Eisen, mächtiger als Wogen und Gase, gebieterischer als alle Sehnsucht der Menschen, frei über die Erde zu schweifen, Länder und Völker kennen zu lernen, ist das Gold, das seine Opfer an die Erde kettet nnd gebeugt im Joche gehen heißt— im engen kahle» Geviert eines Gcfäugnjshofes, im steten gleichen Trott. Nur die Beherrscher des Goldes, die über und auf de» Massen gebieten, und die Zigeuner, die nnterhalb der Kultur vagaboudiercu, dürfen die Freizügigkeit nützen. Auch Sklaventransporte der Arbeit werden von Zeit zu Zeit vom Osten nach dem Westen nnd zurück geschafft. Alle andren sind unbeweglich, sie grasen auf dem Stück Bode», in das sie ein Ohngefähr gepflanzt, und sie haben mir die Bewegungsfreiheit einer Ziege, die an einen Pfahl gebunden ist, und die sich schon frei dünkt, wenn sie nur ein wenig hüpfen kann. Sie geraten in ein Leben, auf eine Erde, die sie nicht keimen, und sie verlasse» dieses Leben und diese Erde, ohne daß sie ihnen ver- traut ward. Die Erfindungen des Menschengeistes, der die Schivere aufhob, Raum und Zeit überwand, sind für sie umsonst erfunden worden. Freilich in diesen Tage», da die großen Ferien anhebe», scheint es, als ob der von fromme» Männern der gntcn alten Zeit der Postkutsche nnd des Scheiterhaufens viel geschmähte Verkehrsdusel doch eine Wahrheit sei. Alle Bahnhöfe sind überfüllt. DicEiscnbahnzügeschlcp- Pen ungezählte Massen in die Ferne. Die gesamte regierende und unternehmende Intelligenz tritt in den Streik. Die Geheime Kommerziell- rätin wird zur Tippelschixe und klettert in kurzem grauen Rock auf Gipfelpfadcu. Die Minister verwandeln sich i» Stromer; das Wandern ist Ercellenz von MüllcrS Lust, und sie dürfe» einmal nach Willkür die Etaudpuiikte ivechsel», ohne daß eine hämische Opposition sie verspottet. Lehmanns siebzehnjährige Tochter badet Heuer zum ersten Mal i»l deutschen Familienbad am Ostsccstraud mit Krügers zivanzig» jährigem Sohn zusammen— nuter der polizeilich verfügte» Aufsicht der Elteru. Die Verfettete» und Verstopfte» der Börse reinigen sich in Karls- oder Marieubad. Ei» Gewimmel von Gymnasiasten, höheren Töchtern und Babys stören den Frieden der Natur und gefährden die Unschuld des Landes. Selbst die Staatsanivaltc geben demnächst ihr edles Handiverk auf, die Zuchthäuser und Gefängnisse zu versorgen, und träumen— auch Staatsanwälte träumen—, fern von Mord, Wechselsälschnng nnd Majestätsbeleidigung in de» Strandkörbe» der Nordsee-Jusel». Ja sogar ein paar hundert blasse verkümmerte Volksschüler— o über die edelmütige Barmherzigkeit der christliche» Gesell- schaft I— werde» i» die kurze Freiheit vo» Wald und Wasser auf Kosten der Besitzenden gelassen. Diese wenige» Wochen lassen sie ei» Lebensgefühl uud Lebensglück ahnen, das ihnen vielleicht niemals mehr beschicde» ist. Aber die begüterten Erholmigs- reisciide» empfinde» die Nähe dieser gemischten Gesellschaft armseliger Ferienkolouiste»»nangenehm. An der Mittagstafel des Hotels nntcr- hält man sich über die Frage. Ei» alter Gymnasialprofcssor spricht seine Freude über den Fortschritt aus:„So iverdc» die Klassengegen- sätze gemildert, ein Strahl der Freude fällt i» das Dasei» der Ent- erbten und sie erkennen, daß auch die Besitzenden gütige Menschen sind." Indessen der Alte findet keine Zustimmung. Ein nervöser Fabrikant, der immer„Post"- Artikel redet, wendet sich auf« geregt gegen diese Humanitätsduselei:„Wozu dieser Unsin» l Ließe mau diese Jöhre» zu Hause, so würde» sie sich a» ihre Vor- Hältnisse gewöhnen. So aber reißt man sie heraus, und wen»'sie aus dem schöne» Bad und der guten Verpflegung inihreKcllerwohnnngen zurückkehren müssen, dann gefällt ihnen natürlich das Lebe» nicht mehr, sie werden unzufrieden und neidisch. Ich sage Ihnen, die Ferienkolonien sind die Hochschule für Socialdemokraten."„Gewiß," fällt ei» Kanzleirat ein, der trocken und peinlich ist wie ein Akten- bogen,„und ivarum werden gerade die Arbeitertiuder in die Ferien- koloiiien geschickt? Den Arbeitern geht es viel besser als andren Leute». I ch kann mir nicht gestatte», meine Kinder ins Bad z» nehmen, und sie hättcn's wirklich nötig. Das ist eine ungerechte Bevorzugung der Arbeiterkinder auf uusre Kosten."— „Ja, und wer hat mich in die Ferienkolonie geschickt, als ich jung war," zürnt der reich geivordcne fette Bäckermeister.„Für u»S hat niemand gesorgt, und heute möchte man am liebste», daß die Arbeiter- linder Chanipagner saufen und in seidenen Betten schlafen. Bei mir wohnen Arbeiter, die täglich zum Frühstück ein Beefsteak essen, aber wenn sie die paar Pfennige Miete bezahlen sollen, schimpfen sie.' Der Fabrikant aber schließt die Diskussion mit der grollenden Klage: „Es ist eben ein nationales Unglück, daß wir keinen Bismarck mehr habe»....' Alles ist verreist— so lautet die Zeitimgsphrase. In Wirklichkeit ist alles zu Hause. Nach wie vor kreisen die Räder und hämmern die Hämmer und rascheln die Federn über's Papier. Alles arbeitet wie immer. Die Kette ist nicht ini mindesten gelockert. Die Muskeln und Hirne der Millionen schürfen unablässig das Gold, mit dem die Herren sie fesseln, während jene selbst sich die Freiheit mit ihm er- schließen. Die Schulkinder, die die Ferien der Familie zurückgeben, erregen durch ihren entfesselten Lebensdraug die gesteigerte Ungnade der Haustyrannen, deren Ideal der ruhige Mieter ist. Wenn der Wirt sich über die.Ungezogenheit' der.Bälger' während der Ferien nicht tot ärgern will, muß er schleunigst ins Bad reisen; aber dem Vicewirt oder Hausverwalter werden strengste Instruktionen hinterlasten. Selbst die Kerkerfrciheit eines Großslndthofcs wird den Kindern der Armen nicht gegviint, die niemand haben, der ihre nach Auslösung drängende Jugend in sinnvolle Thätigkeit und lustig harmloses Spiel verständig leitet. Und dennoch möchtet Ihr alle reisen, in göttlicher Freiheit, in rein und frisch wehender Luft durch Wälder wandern, bergan klettern, ins Meer binanssegcln. Und Euch fehlt nur diese dumme Rleinig- keit: ein bißchen Zeit und ein bißchen Geld. Hört I Ich Ivill Euch lehren, wie's sich herrlich reisen läßt, ohne Zeitverlust, Bernssstörnng und Geld, ja ohne Bahnunfälle, Gewitterslürme, ohne Schweiß und Staub, ohne schlechte Wirtshnusbctten und verdorbenes Essen. Ich babe selbst diese Kunst, zu reisen, ausprobiert, wenn mich die Sommerschnsucht hinanstrieb und der Zwang mich festhielt. Ihr bedürft nur eines Kapitals von zehn Pfennigen, das reicht aus für Monate lange herrliche Reisen. Ihr habt nichts weiter nötig, als Euch ein altes— Reichs-KurSbuch zu kaufen. Für einen Groschen erhält Ihr sicher schon eines aus dem Borjahr, wenn Ihr es nicht gar umsonst kriegt. Dann kann's los gehen. Schon die N-isevorbereitnngen sind köstlich. Ihr müßt Euch nämlich auf dem Umschlag die Zeichenerklärung sorgsam einprägen. Erst dann könnt ihr die geheimnisvolle Sprache des Kursbuchs lese» und mit Genuß reisen, ihr werdet nicht Luxus-Expreßzüge mit gemischten Zügen, nicht Tag und Nacht, nicht Schlafwagen und Speisetvagen verivechseln, nienrals den Anschluß versäumen, Umwege ersparen und immer die kürzeste, schönste und billigste Strecke fahren. Jeden Tag könnt Ihr Euch eine andre Route zusammenstellen. Ihr reist durch den Gotthard nach Italien, über Frankfurt an den Rhein, über Hain- bürg nach Helgoland. An Sonntagen macht Ihr einen Abstecher nach Schweden, nach Algier oder dem Kaukasus. Vor allem müßt Ihr darauf achte», daß Ihr pünktlich einsteigt, auf den Stationen nicht über die Anfenthaltsminuten hinaus in den Restaurants ver- bummelt, daß ihr bei kühler Witternng tags, bei heißer nachts fährt. Sucht Euch immer die zweckmäßigsten Kombiiiationcn aus, wählt die bequemsten Züge, rechnet sorgfältig die Fahrpreise und benutzt die Strecken, die durch reizvolle Gegenden führen. Der Ab- wechselnng halber werdet Ihr auch gelegentlich die mühsameren Seitenpfade auf Kleinbahnen und Posten einschlagen; hier bietet die Ermittelung des richtigen Weges besondere Genüsse. Interessiert Ihr Euch gar für die wunderbaren Rätsel der Tarifbestimmnng, so wird Euch das Knrsbuchrcisen, eine Fülle weiterer, anregender Offenbarungen gewähren. Endlich werdet Ihr Euch im Inseratenteil die verlockendsten Hotels auswählen— und mit fröhlich geröteten Wangen, erfrischten Nerven und erfülltem Kopf werdet Ihr glückselig jedesmal aus der Ferne und Weite in Eure Enge zurückkehren. Und alles dies für höchstens zehn Pfennige! Versucht's einmal und— reiset wohl I— .1 o c. Kleines Fenillekon- —„Im Krug zum grünen Kranze" beginnt ein vielgesmigencs Volkslied und deutet damit auf die allgenicin übliche Sitte, dort, Ivo Wein und Bier zu haben, einen frischen grünen Busch oder Strauß über der Wirtshausthür aufzustecken. Bietet sick im Winter kein grünes Laub, dann nimmt man als Ersatz hölzerne Kränze, wenigstens »i Norddeutschland, wo sie auch Zeichen des Braugewerbes sind. Das Lied muß übrigens in Norddeutschland entstanden sein, ivie die Bezeichnung.Krug' für Wirtshaus andeutet. Statt deS Kruges und Busches bedient man sich wohl auch des Sternes, entstanden durch zivci ineinander geschobene Dreiecke. Solcher Brauch. durch grünen Busch und Kranz die Schenke zu bezeichnen, ist uralt. H. C. B o l t o n hat ihn neuerdings als Neberlebsel von 2000 jährigem Alter durch die Zeiten und bei verschiedenen Völkern verfolgt und findet die älteste Erwähnung bei Pnblius Syrus s45 v. Chr.), welcher eine Reihe von Maximen niedergeschrieben hat, deren S68. lautet:.ES ist nicht nötig, de» Epheubnsch da aufzuhängen, wo der Wein sich gut ver- kauft.' Im Veltlin bedient man sich heute eines Strohkrauzcs, um den Weinverkauf anzuzeigen, oder lockenförmig herabhängender Hobel- späne; solche Zeichen kommen auch im Venetianischen vor, und bei Belluno find die Hobelspäne durch Eisenspiralen ersetzt, die dem Wind und Wetter besser widerstehen. In Umbrien nimmt das Wein- zeichen ungefähr die Form eines Beiles an: an einem Stocks ist ein Brett befestigt, und auf diesem find vier oder fünf schwarze Punkte aufgemalt, welche die Zahl der Saldi bezeichnen, um die der Wein verkauft tvird. Steht vor den Punkten noch V R oder V B, so handelt es sich um viuo rosso oder vino bianco, roten oder weißen Wein. > l VR.... VB..... Der Brauch des Anfstcckcns eines grünen Busches muß von den ursprünglichen Weinländern sich mit dem Getränke nach dem Norden verbreitet haben. Ju Frankreich heißt der Busch bouebvn äs cabarsb, und man nimmt immergrünes Laub dazu: Epheu, Hülsen(Rex), Fichten, Buchsbaum. König Karl VI. erließ dort 1415 ein Edikt, daß nur jene Wirte eine„Couroims" benutzen dürften, deren Wein mit Salbei oder Noßmarin versetzt sei. In England hat man das Sprichlvort.Gooä wine neeäs no bush"; in der Litteratur tvird das Wirtszeichen(ale-staks) oft erwähnt, schon bei Chancer. Der .Busb' in seinen verschiedenen Formen ist das Seitcnstück zu den Barbierbeckeu, die auch eine stumme Sprache reden, ursprünglich in die Analphabetenzeit zurückreichend, und aus dieser als Ueberlebsel zu uns gekommen.—(„Globus".) —„Flöten gehen." Die deutschen Mundarten zeigen eine be- sondere Vorliebe, die Ausdrücke, die.Verderben' und„Umkommen' bedeuten, nnt dem Zeitivort„gehen' zu bilden. Solche Wendungen erfreuen sich wohl deswegen großer Beliebtheit, weil sie viel an- schaulicher und deutlicher sind, als die vielfach verblaßten Be- zeichmmgeii der Schriftsprache. Wie bei den Römern, gilt auch dem Deutschen das Dabinschivinden als ein ver— gehen— per— ire, also als eine Art Fortbeivegung. Man braucht nur an die Wcndungcu zu denken: zu Grunde gehen, um die Ecke gehen, zum Kuckuck, zum Teufel gehe», dranfgehen, ftitschgehen, heidi- gehen, zu Schanden geben, kaputgehen, kaporesgehcn(voft dem hebräischen„Irappära-= Sühnopfcr) und pleitegchen vom hebräischen.plstab'— Entkommen, Flucht). In der„Zeitschr. für hochdeutsche Mundarten' hat nun soeben Prof. Oskar Weise m Eisenberg(Snchsen-Altenburg) die verschiedenartigsten Wendungen für diesen Ausdruck„zu Grunde gehen" zusammengestellt. Hiernach be« deuten auch die Redensarten,„in die Wicken gehen, in die Erbsen gehen, in die Rüben gehen, in die Binsen gehen, in die Pilze, in die Nüsse usw. gehen", denen allen gemeinsam ist, daß es sich dabei um ein Erzeugnis aus dem Gebiete der Pflanzenwelt und um den Ge- brauch des Plnralis beim Substantiv handelt, nichts andres als „verloren gehen", nicht-hiiiansgehen, um die betreffenden Früchte zu holen. Da in den erwähnten Verbindungen niemals Weizen, Roggen, Hafer, Gerste gebraucht tverden, da es sich ferner um Früchte handelt, denen nian keinen großen Wert zuschreibt, so sind sie nur eine volkstümlich plastische Ausdrucksweise. durch die geringwertige Gegenstände lebhaft anschaulich gemacht werden sollen. Für diese Auffassnng spricht auch die ähnliche Wendung „in Essig gehen", soivie die Berliner Redensart„er fliegt in die Käse"— er hat Pech. Hierzu gehören auch, Ivenn sie auch auf ein andres Gebiet führen, die Ausdrücke:„vor die Hunde gehen",„auf den Hund kommen",„in die Brüche gehen" u. a. Einzig steht „flöten gehen" da, insofern, als hier keine adverbiale Bestimmung zu„gehen" gesetzt ist, sondern ein Infinitiv wie bei„betteln, schlafen gehen". Analog gebildet findet sich nur das thüringische „krachen gehen". Deswegen macht auch die Erklärung von „flöten geben" die größten Schwierigkeiten, und es sind schon zahlreiche Versuche gemacht worden. Manche hallen es für entstellt, sei es von„pleite", sei es von„valeten" gehen. Daniel Sanders nimmt neben dem Worte„flöten"—„auf der Flöte blasen" noch ein zweites—„verloren gehen" an. Sehr ansprechend ist nun die Erklärung, die Weise giebt: wie andre volkstümliche Ausdrücke— so„der Himmel hängt ihm voller Geigen, nach Noten gehen, andre Saiten aufziehen u. v. a.— von der Musik und Musikinstrumenten herrühren, so wird mau auch bei „flöten gehen" an ein Musikinstrument zu denken haben. Bekannt ist die Redensart„auf dem letzten Loche pfeifen". Dies Bild ist vom Flötenspieler hergenommen, der beim erste» Loche angefangen und der Reihe nacki in alle hiueingeblase» hat, so daß er mm beim letzten angekommen ist.„Flöten gehen" ist aber so viel als„flöten" und zwar auf dem letzien Loche. Hierbei würde also auf das Verbunl „gehen" gar kein Gelvicht zu legen sein.— — Kiistcnsignale bei Ncbclwettcr auf See. Bei St. CatherincS Point auf der Insel Wighl sind Versuche angestellt worden, um die geeignetsten akustischen Signale ausfindig zu machen, welche bei un» sichtigem Wetter, wenn alle optischen Signale versagen,' die Nähe deS Landes anzeigen können. Es fand sich, wie die„Kölnische Zeitung" mitteilt, als geeignetster Apparat eine Sirene, die durch Luft von 40 Pfund' Druck auf de» Onadratzoll angeblasen wird. Die Wirkung aller akustischen Signale ist jedoch in hohem Grade von der Witterung abhängig, besonders von der Wind- richtung. Eine Sirene, deren Ton 20 englische Meilen weit gehört; wurde, war bei Gegenwind und unruhiger See nur i1!* Meile weit vernehmbar. Dann wurden auch in, allerdings nur seltenen Fällen, höchst sonderbare Lücken im Gehörfelde festgestellt. Wenn nämlich die Töne der Sirene in Entfernungen von einer Meile sehr gut ver» mmmifit wurden, kmn es vor, dnß sie in Abstünden von zwei bis drei Meile» nicht»ehört wurden, in größere» Entferiiniige» waren die Tön« dagegen wieder vernchinbar. In andern Fällen vernäh», man bei ruhiger See und Windstille nach dein Anblasen der Sirene vom Meere her starte Echos, die ans einem bestininilen Punkte des Horizontes zu kommen schienen und sich rasch nach allen Seite» hin ausbreiteten. Während der ursprüngliche Sirencnton nur eliva drei Sekunden dauerte, hielten diese Echos bis zu 30 Sekunden an. Diese akustischen Eigentümlichkeiten sind noch völlig»uerklärt.— Kultnrgefchichtliches. —„Der Kerl lebt ja noch!'... Der„Frauksiirter Ztg." wird»ntenn 3. Juli ans Heidelberg berichtet: Ein Vorgang, der sich am 1. Juli hier abgespielt hat. dringt jeht trotz aller Versuche, ihn zu vertuschen, in folgender Form ins Pnblikinn: Nachmittags versaimiicltcn sich sechs Studenten in der Wohnung eines von ihnen, eines jungen Mediziners, und beschlossen, einer gewissen Wcibergcschichte durch ein amerikanisches Duell einen würdige» Abschluß zu geben. Nachdem ztvci von ihnen ausgelost waren, losten diese beiden' unter sich, und die schtvarze Kugel traf den jungen Mediziner, den Besitzer des Ziunners. Dieses iteunzehnjährige Bürschchen— es soll der Sohn eines höheren Beamten in Karlsruhe sein— wurde von den übrigen bedeutet, seinei» Leben zwischen 6 und 8 Uhr ein Ende zu mache»; er durfte zwischen drei ihm„vorgelegten" TodeSarten wählen und entschied sich für das Oeffnen der Pulsadern. Nachdem eiuer der jungen Leitle die künftige„Totenmaske" des Per- urteilten, soivie die des Studenten, der vorher mitkonkurriert, ge» zeichnet und diese Kunstwerke zu beiden Seiten eines Schädels auf dem Tische untergebracht hatte, entfernten sich die Fünf.— Gegen acht Uhr verlangte der Hausherr, der vielleicht Ungewöhnliches bemerkt hatte, Einlaß in das verschlossene Zimmer des Studenten. Der junge Manu antwortete, er fühle sich zu schwach, die Thür zu öffnen; doch gelang es ihm endlich, aufznschließe». Zu seinem Eni- setzen fand der Haiisherr das Zimmer über und über mit Blut bc- sudelt; der junge Mann hatte eine Anzahl tiefer Schniltivunden im Arm und eine am Halse, die sich der Unglückliche mit eiuein Jnstruineut aus seincin mcdizinischeil Besteck beigebracht hatte. Sosort wurden zwei Professoren der Medizin herbeigerufen. Während der Hausherr, die Herreu erlvartcnd, bei dem Schlvcrverlvimdetcn Wache hielt. erschieu einer der fünf Studenten, um zu erfahren, ob das„Urteil" vollstreckt sei. Da er noch Leben in dem„Verurteilten" sah, stieß er ihn iuit dem Fuße ans Bein und sagte verächtlich:„Pfui, der Kerl lebt ja noch, der hat sich ja nur g e st u p f t t' Astronomisches. cc. Ueb er d i e Entstehung der Monde ist entgegen der Kaiit'Laplaccschen Theorie, ivonach jeder Mond sich zufolge der Ccutrisiigalkraft von dem rotierenden Hanptkörper losgelöst hat. des öfter» die Hypothese anfgetancht, die Monde mögen ursprünglich selbständige Planeten gewesen sein, die dem betresscuden Hanptkörper auf ihrer' Bahn so nahe kamen, daß sie an ihn gefesselt wurden und ihn mnunehr umkreisen. Ei» französischer Astronom hat sich der Auf- (labe unterzogen, rechnerisch zu prüfen, ob das möglich ist. Das Re- ultat ist für die Monde von Erde. Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun negativ ausgefallen. Bei dem System Erdc-Mond z. B. würde die Bedingung der Stabilität nur dann nicht erfüllt sein, wen» der Mond mehr alS 67 380 Meilen von der Erde entfernt wäre. Thatsächlich hat er von der Erde nur etwa einen Abstand von vt 440 Meile», daS System ist also stabil, d. h. er hatte auch früher keinen größeren Abstand von der Erde. Aehnlich liegen die Verhältnisse bei den Monden der andern genannten Planeten. Es bleibt also dabei: Der gute Mond ist nicht ein armer Sklave, den die tyrannische Erde an« seiner eignen Bahn gerissen und gezwungen bat, ihr nachzu» folgen, er ist viclinchr als der einzige Sohn der Mutter Erde zu ve- trachte», der in umvandelbarer Treue bei ihr bleibt.— Technisches. — NeueSch n ellzngs-Loko Motiven. In diesen Tagen wird bei den b a d i s ch e n Stantsbahnen in größerer Anzahl eine Gattung neuer Schnellzugs« Loksmotiven in Dienst gestellt, die die schwersten in Europa sein werden und die in ihrer Durchführung das voNkonimcnste darstellen, was der Lokomotivenbau zur Zeit kennt. Schon durch ihr außergewöhnliches Aeußere werden diese Maschinen auch die Blicke des Nichlfachmainies auf sich ziehen und wegen ihres fast ungeheuerlichen Aussehens das allgemeine Staunen erregen. Zur leichteren Ileberwindnng des LnflwiderftandeS sind nämlich, wie der„Tägl. Nundsch." geschrieben wird, die Borderwände des Führer- Hauses schiffsförmig zugespitzt und die Rauchkammcrthür ist nach vorn kegelförmig verlängert, so daß diese Maschine wie ein gcivaltigesGcschoß aussieht. Durch die außerordentlich hohe Kessellagc, die hauptsächlich durch die 2,10 Meter hohen Treibräder bedingt ist, werden die nach oben gerichteten Teile des Kessels, wie Schornstein. Dampfdom und Sandbüchfc, derartig in ihren Höhenmaßen beschränkt, daß z. B. der Schornstein nur etwas über 60 Centimetec hoch werden konnte. Die »reue Lokomotive hat fünf Achsen. Sämtliche Räder können gebremst werden. Der Kessel hat mehr als die doppelte Größe der jetzigen Schiiellzngs-Lokomvtiven. 1600 Pferdestärken werden entwickelt, gegenüber 600 bis 700 der jetzige» Lokomotiven. Bei der Probefahrt' niußte die neue Lokomotive 120 Kilometer in der Stunde leisten. Im Dienst wird die Höchstgeschwindigkeit 100 Kilo« Meter sein. Lokomotive und Tender wiege» 5000 Centner.— Humoristisches. — Boshaftes Mißverständnis. Sonntagsjäger: „... Wie ich heute bei der Frühpirsche an eine Blöße komme, seh ich plötzlich in den Brombeeren auf 150 Schritt' einen Kapital- Scchserbock. Ich hinter einen Baum springen, auffahren, schieße» und daliegen war ein's!" Förster;„Haben S' I h n a tv e h' t h a n, Herr Doktor?!"- — Gute Ausrede. Richter:„Sie sollen Ihre Haus« wirtin beleidigt und sie eine„alte Schatulle" genannt haben. Die Zeugin hat es im Vorbeigehen gehört und ist vereidigt.... Haben Sie darauf noch etwas zu erwidern?" Angeklagter:„Jawohl! Die Zeugin hat nur einen Teil meiner Rede gehört! Ich sagte noch:„Von außen unscheinbar, aber sie enthält ein goldenes Herz I"— — Ein guter Freund. A.:„Lieber Freund, Du bist nun schon zwei Jahre verheiratet. Auch ich hätte Lust, mein Jung« gescllcnleben aufzugeben... Kannst Du mir mft gutem Gewissen nach den von Dir gemachten Erfahrungen dazu raten oder nicht?" B.:„O, Du darfst gciviß überzeugt sein, daß ich nur Dein Bestes im Auge habe, wenn ich Dir sage:„Heirate!" Du weißt nicht, was es heißt: ein behagliches Heim zu besitze», seine Ordnung zu haben, gut verpflegt zu werden, seine Leibgerichte vorgesetzt zii erhalten, ans die man im Gasthaus verzichten muß! Ich kann Dir also nur wiederholt sagen, heirate! Du wirst dann selbst sehen, wie schön es ist... Und dann— Krcnzdoimerwctter noch aiiial!— wariim soll es Dir denn besser gehen, wie mir?!"— („Fliegende Blätter.") Notizen. — Gewerkschaftler machen wir auf den in der heutigen Nummer (27) der„Neuen Welt" beginnenden Artikel„Französische Geselle n verbände" ansmerlsain.— — Ein Preisausschreiben von 1000 Frank erläßt der „Dramatische Verein Zürich" für ein den Abend füllendes zürcherisches D i a l e k t st ü ck.— — I ii r i st e ii d e ii t s ch. Das„Berliner Tageblatt' teilt folgenden EiiileitimgSsatz eines schiedsgerichtlichen Urteils mit: „Das Schiedsgericht hat beziehentlich unter Anerkemuuig deS Blatt 24 dem Suchen Bernsiiiigsklägers gegenüber gellend gemachten bei Fassung vorstehender Entscheidung auch seinerseits für erwiese» zu erachten gehabt, daß nach dem aus den ärztlichen Gutachten bez. Berichten Blatt 10. lOb 12 in Verbiiidmig Vl. 13 sich Ergebenden die Annahme der Bcriifsbeklngten, ivonach die Erlvcrbsfähigkeit Bernssklögcrs nimmehr und zwar seit den» 1. August als um mehr als um ein Drittel vermindert nicht tvcitcr zu erachten, als gerecht- fertigt sich darstellt."— — Arthur Pserhofers nciieS Lustspiel„Die D i p I o« m a t i e" ist vom D e u t s ch c n Schauspielhaus in H a ni« bürg zur Aufführung erworben worden.— — Stefan V a c a n o geht zum Herbst alS Schauspieler nnd Regisseur an das Deutsche Schauspielhaus in H a in« bürg.— —„Der liebe Schatz", eine dreiaktige Operette von Reinhardt, wird noch in diesem Soinmrr im Neuen königl. Operntheater(Kroll) erstmalig in Scene gehen.— — K l i n g c r s„Beethoven" bleibt nun endgültig in Leipzig. Der Rat der Stadt wird die an 250 000 M. fehlende Siiinme ans den ihm zur freien Verfügung stehenden freiwilligen Sliftiiiigsvermächtiiisscii decken.— — Das kgl. Observatorium zu G r c c n w i ch ist mit der Herstellung' einer R i e s e n st e r» k a r t e beschäftigt, die drei- zehn Millionen Sterne aufweisen soll.— t. Ein neues T e l e p h o u s y st e m, bei dem jegliche Be- dienung von der Centralstelle fortfällt, koinnit demnächst in Chicago zur Einführung. DaS System führt die Bezeichnung Strowger« System; es ist schon zwei Jahre im Osten der Vereinigten Staaten erfolgreich im Betrieb.— — Ein Ueberganl wird in der neuesten Nummer dcS „Militär- Wochenblattes" ziiin Kauf angeboten. Das Inserat hat folgenden Wortlaut:.Meinen 7 jährigen. schönen, lammfromme» Hengst, mit welchem ich Versuche zur Feststellung des gcist. KömienS des Pferdes mache, will ich verkaufen. Er unterscheidet zehn Farben, liest, kennt die vier Rechmingsarten u. a. m."— — Ein wohlwollendes Inserat enthält die„Zeitung für den Odcrbruch"; es lautet:„Unlieb verspätet! Jener Herr, der mir am vergangenen Freitag eine Anzahl gefüllter Butten entwendete, wird darauf aiifnierksam gemacht, daß dieses Mürbma compositum nicht F l e i s ch e x t r a k t, sondern F I i e g e n l e i m ist. Nach erfolgtem Genuß empfiehlt sich gelöschter Kalk, um Koni« plikattonen vorzubeugen. Gustav Sasse."—__ Berannvortlicher Redacrenr: ttorl Leid in Berlin. Druck und Vertag von Mar Badiug in Berlin.