Unterhattungsvlatt des Vorwärts Nr. 137. Donnerstag, den 17. Juli. 1902 (Naüdruck verboten.! vr] Vrv MlANksnrsnn. Roman von Hall C a i n e. Autorifterte Uebersetzung. „Das hatte seinen Grund," erwiderte die Tante.„Doch jetzt hast Du Deines Vaters Hoffnungen gerechtfertigt und es muß hinfort Dein Zimmer fein. Ach, wenn er Dich nur selbst sehen könnte, wie stolz würde er sein! Dein armer Vater! Vielleicht sieht er Dich. Wer weiß— vielleicht— küsse mich, Philipp. Sieh, was für eine alte einfältige Person ich bin. So glücklich, daß ich weinen muß. Aber darauf bestehe ich, daß Du jedesmal hier schlafen mußt, wenn Du zur Gerichtssitzung nach Ramsel) kommst. In Zukunft trete ich Dich nicht mehr an das Ulmenhaus ab. Meinetwegen nenne es Eifersucht. Wenn Pete nicht eifersüchtig ist. so kenne ich eine, die es ist oder bald sein wird. Aber Philipp... Philipp Christian.. »Ja?" Das liebe alte Gesicht wurde feierlich.„Der größte Mann hat seine Sorgen und Zweifel und seinen inneren Zwiespalt. Das ist nur natürlich draußen in dem Getriebe des Lebens. Aber Du mußt Dich nie scheuen, mit Deinen Kümmernissen hierher zu kommen, in Dein Vaterhaus. Philipp. Es soll Dir ein Ort des Friedens und Schutzes sein, ivenn Dich die rauhe Welt verletzt und kränkt; ein ruhiger Ort, mit seinen Erinnerungen an Vater und Mutter und die unschuldige Kindheit— und mit der alten thörichtcn Taute, die den ganzen Tag und alle Tage an Dich denkt und so eitel und närrisch ist— und... und Dich so liebt, Philipp, mehr als irgend jemand in der Welt." Philipp hatte den Arm um die Tante geschlungen, ihr aber nicht zugehört. Einen entsetzten Blick nach dem Fenster werfend, sagte er rasch und leise: „Sind das nicht Fußtritte draußen auf dem Kies?" „N— ein, nein! Du bist aufgeregt heut nacht, Philipp. Lege Dich nieder und ruhe Dich aus. Ich komme später noch hinauf, um zu sehen, ob Du schläfst." Sie verließ ihn und er sah sich ringsum. In der ganzen Welt Hütte Philipp keinen Ort finden können, der so voller Schrecken für ihn war wie dieser. Er kam ihm vor wie ein Grabgewölbe— sein toter Vater, seine tote Mutter, seine tote Jugend, seine tote Unschuld, feine gemordete Freund- schaft und sein geschändetes Gewissen lagen hier in der Gruft. lieber dem Kamin hing ein Bild seiner Mutter. Es stellte ein jugendlich anmutiges Mädchen nnt vollen, schwellenden Lippen und glänzend braunen Augen dar. Philipp sah es und ihm schauderte. Aus diesem Frauenantlitz blickte ihn sein eignes Abbild wie durch einen gespenstischen Schleier an. Gegenüber, über dem Bette, hing seines Vaters Bild. Die Augen waren voll Licht und die Linien der Wangen noch gerundet: um den Mund spielte ein zärtliches Lächeln. Doch das alles sah Philipp nicht. Er sah ein Bild mit langem, verworrenem Haar, das feucht wie Riedgras hcrabhing, die Wangen bleich und hager, die Augen wie zwei Lampen, die durch deir Nebel schimmern, den Hals vom Hemde entblößt und die Lippen geöffnet wegen des schweren Atinens der keuchenden Brust.. Nahe bei dem Feiistcr stand das Lettchen, in dem er einmal mit Pete geschlafen hatte und am Morgen lachend herausgesprungen war. Wohin auch sein Auge fiel, überall erhob sich das Gespenst seines � verlorenen und versunkenen Lebens. Und Tante Nan hatte ihn gerade aus stolzer Liebe in diese Folterkammer gebracht I Philipp glaubte ein Pochen an der Hansthür zu hören. Niemand ging, um zu öffnen; er klingelte daher dem Mädchen. Sie kam mit freundlicher Miene herauf. „Hörten Sie nicht an der Thüre klopfen, Martha?" „Nein, Herr." „Seltsam, sehr seltsam! Ich hätte darauf schwören mögen, daß Mr. Ouilliams unten klopfte." „Vielleicht doch. Ich will gehen und nachsehen." „Nein, lassen Sie's nur. Ich habe Ohrensausen. ES wird wohl weiter nichts gewesen sein." Das Mädchen ging. Er zog sich die Stiefel aus und schlich geräuschlos im Zimmer umher, als thäte er etwas. wobei er fürchtete entdeckt zu werden. Jedesmal, wenn seine Augen auf des Vaters Bild fielen, ließ er den Kopf sinken und wendete sich ab. Jetzt hörte er Stimmen im unteren timmer. Diesmal war der Klang in seinem Ohr keine äuschung. Er öffnete geräuschlos die Thür und horchte. Es war Pete. Martha antwortete ihm. Tante Nan rief ihm aus dem Speisezimmer etwas zu und Pete sagte leichthin: „Nein, nein," er ging dann fort. Das Gartenthor fiel zu, und die Hausthür ivard wieder geschlossen. Nun machte auch Philipp die Thür seines Zimmers ganz leise zu. Einen Augenblick später öffnete Tante Nan sie wieder. Sie trug ein brennendes Licht. „Wie merkwürdig. Philipp. Martha sagt, Du hättest gc- glaubt, Peter klopfe unten, und in demselben Augenblick muß er auf den Berg heraufgekommen sein. Auch war er so seit- sam und sah so verstört aus; er fragte, ob jemand hier ge- Wesen wäre, um ihn zu suchen— denke nur, wie unwahrschein- lich I Ich wollte Dich rufen, aber er sagte, es sei nicht nötig, und ging lachend fort. Wirklich, wenn ich nicht wüßte, daß er kein Trinker ist—" Philipp war übel und weh zu Mute, es fröstelte ihn. Doch empfand er einen unwiderstehlichen Trieb, ähnlich der halb unbewußten Angst, die den Schuldigen zwingt, der Totenschau beizuwohnen, die über seine hingemordeten Opfer gehalten wird. „Es muß etwas dort nicht in Ordnung sein," sagte er. „Wo sind meine Stiefel?" „Willst Du nach dem Ulmenhaus gehen, Philipp? Schade, daß der Kutscher nach Douglas zurückgefahren ist. Willst Du nicht lieber Martha schicken? Möglich, daß es nur eine Einbildung von mir war. Warum sich überhaupt quälen? Du bist viel zu weichherzig— glaube mir's." Philipp stürzte die Treppe hinab, wie einer, welcher der Folter entflieht. Während er in der Halle seinen Ueberrock anzog, überlegte er aber, was ihm bevorstand. Er sollte zu Pete gehen mit dem Vorgeben, nichts.tzu wissen, Petes Geschichte anhören und erstaunt darüber erscheinen, Pete trösten, ihm vielleicht bei der Nachforschung helfen, denn das durfte er nicht ablehnen; er sollte an Petes Seite von Straße zu Straße gehen, um etwa? zu suchen, wovon er wußte, daß sie es nicht finden würden. Wie eine Schlange kam er sich vor, und die Rolle, die er spielen mußte, empörte ihn. Er ging wieder hinauf. „Ich habe mir's noch einmal überlegt, Tante, Du wirst wohl recht haben." „Ich zweifle nicht daran." „Wenn nicht, so wird er ja wieder kommen." „Ja wohl, ganz gewiß." „Wenn Pete etwas fehlt, bin ich der erste, an den er sich wendet." „Es wird ihm nichts weiter fehlen, als was ich schon gesagt habe. Vielleicht ein Glas zu viel, was doch auch keine große Sünde ist an einem Tag wie heute. Und wie stolz er auf Dich ist, Philipp. Ich glaube wahrhaftig, er könnte nicht stolzer und glücklicher sein, wenn er selbst an Deiner Stelle wäre." „Gute Nacht, Tante," sagte Philipp mit erstickter Stimme. „Gute Nacht, lieber Junge. Ich gehe jetzt zu Bett; bitte, lege Dich auch zur Ruh'." Als Philipp allein war, stand er, an den Kaminsims ge- lehnt, und sah nach dem Bilde seines Vaters hinüber. Er fing an, sich mit ihm zu vergleichen. Sein Leben war ein großer Erfolg, das feines Vaters eine Niederlage. Mit sicbennndzwanzig Jahren war er schon Deemster, mit dreißig Jahren war sein Vater als ein gebrochener Mann gestorben. Das Ziel feines Strebens war erreicht; er hatte den Platz, den seine Familie so lange inne gehabt, wieder errnngen; nnd doch, was für ein erbärmlicher Mensch war er im Ver- gleich zu seinem Vater, der nichts erreicht und alles verloren hatte. Sein Vater hatte sich nichts vorzuwerfen als seinen Mißerfolg; er aber hatte sich der Unehrenhaftigkeit schuldig gemacht. Das Vergehen seines Vaters war nur ein Fehler gewesen, das seine aber war ein Verbrechen. Wenn sein Vater willens gewesen wäre, Liebe und Freundschaft zu verraten, so hätte es auch ihm nicht an Erfolg gefehlt. Er selbst war beiden untreu geworden, und nur deshalb nicht unter- legen. Seines Vaters ungewöhnliche Tugend war die Ursache seiner Niederlage gewesen. Ihn selbst aber hatte jede seiner eigennützigen Handlungen stets höher emporgehoben. Seinem Vater waren Liebe und Wahrheit und ein rechtschaffenes Leben weit wichtiger gewesen als Reichtum, Rang und Beifall. Die Welt hatte sich von ihm losgesagt, weil er ihr zuerst entsagt hatte. Ihm selbst aber hatte sie die Arme geöffnet, ihm war sie mit Jubel und Beifall gefolgt, ihn hatte sie mit Ehren überhäuft. Und doch war.er ein elender Mensch! Wäre denn nicht ein verfehltes Leben, selbst in Schmutz und Schlamm, weit besser für ihn gewesen? Ja, würde er nicht lieber tot im Grabe liegen?— Der Tote in seinem Grabe mußte ihn ja verachten. Ein stirchtbares Bild stieg vor Philipp auf. Es war sein eignes Abbild in der Zukunft. Er sah sich als alten Mann, groß, niächtig, vielleicht sogar geliebt und verehrt, aber tot im Herzen, dem Grabe zuwankend; er sah das Possenspiel eines glänzenden Begräbnisses, eine große Menschcnmasse, ge- dämpfte Trommeln und Trauermusik. Dann folgte plötzlich tiefe Stille, wie wenn der Schnee anfängt zu fallen, ein weißglänzendes Licht breitete sich aus, und eine furchtbare Stimme rief:„Wer ist es, der da kommt mit Staub, statt eines blutenden Herzens, und mit Asche statt einer lebendigen Seele?" Philipp schrie laut auf bei der Schreckenserscheinung, die er im Geiste mit allen Einzelheiten erblickte. Sein Schrei verhallte in dem leisen Klirren der Porzellanfiguren auf dem Kaminsimse, und er erinnerte sich, wo er war. Da klopfte es zweimal an seiner Zimmerthür. Er nahm sich ein Wenig zusammen, griff hastig nach einem Buch und rief dann: „Herein I" Es war Tante Nan im Nachtkleide und mit der Nacht- Haube auf dem Kopf. Sie hielt ein Licht in der Hand und die Flamme zitterte. „Was hast Du. mein Kind?" fragte sie. „Ich las nur laut, Tante. Habe ich Dich geweckt?" „Aber Du thatest ja einen wilden Schrei, Philipp?" „Macbeth, Tante. Weißt Du, die Bankettsccne. Er ist König geworden, aber sein Gewissen—" Er stockte. Die kleine Dame sah ihn zweifelhast an und zerrte an dem Bande der Nachthaube, so daß sie ihr schief auf einer Seite saß und dem besorgten alten Gesicht ein wunderliches Ansehen gab. „Nimm einen Schluck Branntwein, lieber Philipp. Ich habe ihn Dir auf den Tisch gestellt," „Sorge Dich nur nicht um mich, Tante. Nochmals gute Nacht. Gehe wieder zu Bett." Halb mit Liebkosen, halb mit Gewalt, zog er sie zur Thür zurück, und sie ging langsam, widerstrebend, beunruhigt hinaus, die Bänder der Nachthaube flatterten ihr auf den Schultern nach und man sah ihre bloßen Füße unter dem Nachtgewand. Philipp blickte auf das Buch, das er in der Eile ergriffen hatte. Was hatte ihm gerade dieses Buch in die Hand ge- spielt? Was mußte ihn gerade in dieser Nacht in dieses Zimmer führen I Welcher der Hölle entstiegene Teufel hatte es Tante Nan eingegeben, ihn so zu quälen? Er wollte nicht bleiben, er wollte wieder sein altes Bett aufsuchen. Draußen auf dem Treppenabsatz hörte er eine leise Stimme. Sie kam aus Tante Nans Zimmer. Ein Lichtpfeil schoß aus ihrer Thür heraus, die nicht ganz geschlossen war. Er stand still und blickte hinein. Tante Nan kniete im weißen Nachtkleid vor dem Bette, die Nachthaube in der Steppdecke vergrabend. Eine Katze hatte es sich daneben bequem ge- macht und knurrte leise. Tante Nan betete und Philipp hörte seinen eignen Namen. „Segne meinen Philipp, lieber Gott, in dem hohen Amte, zu dem er heute berufen worden. Gieb ihm Weisheit und Stärke und Frieden I" Philipp ging in des Vaters Stube zurück. Er fing an, sich mit seiner Lage abzufinden. Obschon er sich selbst ver- damnite und den Bater pries, hatte er doch im Grunde nichts gethan, als seine Hoffnungen verwirklicht? Und wie hätte er sich unter den Umständen denn überhaupt verhalten sollen? In keinen: Punkte hätte er anders zu handeln vermocht, als er gethan. Warum sollte er sich anklagen? Hatte er eine Sünde begangen, so war er nur durch blinde Schicksalsmächte. denen er uicht gebieten konnte, dazu getrieben worden. Und was für ihn galt, galt auch für Käthe. Ach, er konnte sie jetzt sehen. Sie war gegangen, wohin er sie gesendet hatte. Ihre schönen Augen standen voll Thränen, doch die Zeit würde sie trocknen. Die Doppel- züngigkeit ihres früheren Lebens war vorüber; der auf- reibende Betrug, die tägliche Qual, die stündliche Untreue— das alles lag hinter ihr. Wenn sie noch von Gewissensbissen gepeinigt wurden, so ttug doch das Schicksal die Schuld daran; und wenn ihr Schamgefühl litt, so war sie doch ein Weib und würde das um des Mannes ihrer Liebe willen mit frohem Mute ertragen. Sie hatte um seinetwillen alles hingegeben. Den Menschen und ihren Satzungen zum Trotz war sie seine Herzensgeliebte, sein Schatz, sein Weib— ja, sein Weib nach natürlichem und nach göttlichem Rechte, und mochte auch kommen, was da wollte, er würde doch bis zuletzt an ihr festhalten. Plötzlich drang eine dumpfe Stimme durch die stille Nacht- luft. zu ihm herauf. „Philipp!" Das war Pete. Er stand unten auf dem Gartenweg und rief zun: Fenster hinauf. Philipp stöhnte und bedeckte sich das Gesicht mit den Händen. „Philipp!" In straffer Haltung schritt Philipp ans Fenster und schob es in die Höhe. Es war sternenhell und die Zweige rauschten im Nachtwind. lFortsetzung folgt.) (Nacbdruck verboten.! Mnuevstchiimk. Von Ernst Prcczang. Der kleine, idyllisch om Wasser gelegene Wirtshausgarten war beinahe vollbesetzt. Meistens von Sonntagsansflüglern, die hier unter den dichtbelaubten Besten der alten Bäume Rast machten und sich ein kühles Glas— oder zwei— zu den mitgebrachten Stullen schmecken liehen. Die Tische im Gatten waren ungedeckt; nur von der Veranda, die an der Vorderseite des ztveiftöckigen Hauses sich hinzog, schimmerten weiße Decken. Der einzige Kellner in diesem kleinen Lokal hatte genug zu thiin, um alle durstigen Kehlen und hungrigen Magen zu befriedigen. Bald eilte er mit einem Arm voll gefüllter Gläser im Garten um» her, bald balancierte er mit einem Haufen von Tellern und Schüffeln zur Veranda empor. Nun hatte er einen Moment Ruhe. Er wischte den Schiveih von der Stirn, überflog, auf der Veranda stehend, mit einem Blicke die Tische der Speisenden, dann den Garten, und sah. dnh alles versorgt war. Er atmete auf und begab sich eiligst nach der Küche, um das eigne Mittagessen zu holen. In einem versteckten Winkel, unterhalb der Veranda, an einem Tische, der sonst zun: Sammeln leerer Gläser und dergleichen benutzt wurde, fand er gerade noch so viel Platz, um den Teller hinstellen zu können. Halb auf einem Gartcustuhl sitzend, begann der Hcihhungrige zu essen.— Eine fröhliche Gesellschaft kam durch den Eingang. Zwei Männer in hellen Anzügen und iveihen Mütze», zwei ältere Dame» und eine jüngere in luftigen Sommertoiletten. Auf der Veranda nahmen sie Platz. „Das Ivar herrlich heute," sagte die Jüngere,„drei Stunden unterivegs I So einen Marsch haben wir noch nie gemacht, seit ivir in unsrer Sommerwohnung sind. Aber nun: Hunger I" „Ja, Hunger I" Der Behäbigere unter den Männern fiel mit leisem Grollen ein und ivandte sich'zu dem Gefährten, einem hageren, lustig blickenden Herrn mit goldener Brille:„Ich danke schön, Moritz I Drei Stunden und kein vernünftiges Wirtshaus, wo man einen anständigen Happeit präpcln kann I Du sollst uns öfter führen I" Der Angeredete lachte:„Desto besser schmeckt's. Uebcrhaupt: berühmte Küche I Wir speisen an jedem Tage hier." „Ja." Die eine der beiden älteren Damen sagte es in scharfem Tone:„Nur der Kellner läßt wieder auf sich warten!" Sie klemmte ein Pincenez auf die spitze Nase und sah sich forschend um. lind die Frau des Behäbigen seufzte:„Ja. Die Bedienung in diesen Sommerlokalen!" „Kellnär! Kellnär!" Der Dicke rief. Der Kellner hatte die Angekommenen nicht früher bemerkt. Nun fuhr er auf, führte hastig noch einige Bissen zum Munde und sprang kauend die Stufen zur Veranda empor.„Sie wünschen?" „Fünf Echte und die Speisekarte." Der Kellner ging. „Eine sonderbare Art, mit vollen Backen zu bedienen", eiferte die scharfe Stimme der Dame mit den» Pincenez. „Ja. Es ist alles so ungeschliffen hier aus dem Lande", seufzte die andre. »Das kommt in Berlin auch vor', sagte die Jüngere. „Na, Du!' Der Behäbige setzte sich in Positur.„Det sollte so'n Bruder mal in meiner Stammkneipe wagen!' Der Hagere lächelte. Der Kellner brachte das Gelvünschte und blieb erwartend stehen. Die Gesellschaft stieß umständlich an und trank. Daun begann der Behäbige die Speisekarte zu studieren, jede Zeile mit geringschätzigen Glossen begleitend. Der Kellner trat von einem Fuß auf de» andern. Er dachte an sein Mittagessen. Und als er sah, daß die Auswahl der Speisen an diesem Tische einige Zeit in Anspruch nehmen würde, verschivand er. Auf dem Wege zu seinem harrenden Teller wurde er noch ziveimal gerufen. Er versorgte die Durstigen und ließ sich dann ivieder in seinem Winkel bei den nahezu erkalteten Speisen nieder, in nervöser Hast würgend. „Kellnär I„Kellnär I' Der Gerufene machte eine wütende Bewegung und blieb sitzen. „Kellnerr 1".Kellnerr 1" Eine scharfe Stimme durchschnitt die Luft. .Aber Kellner.' Klagend klang es. „Und ich habe einen solchen Hunger l' murrte die Jüngere. „Das arme Kind,' sagte die Mutter und wiederholte seufzend: „Aber Kellner!" Der Behäbige war aufgestanden, schlug heftig einige Bier- Untersätze aneinander und musterte den Gärten mit furchtbaren Blicken. Der Wirt zeigte sich. Die Dame mit der scharfen Stimme erblickte ihn zuerst. Sie erhob sich und zeterte:„Herr Wirt l Dürfen wir vielleicht hoffe», heute noch etwas zu bekommen? I Die Bedienung in Ihrem Lokal... I' Der Hagere legte seine Hand ans ihren Mund und zog die Ent- rüstete ans ihren Sitz:.Mach' nicht schon wieder Scene», Rosa. Solcher Lappalie ivegen!' Ihr Zorn ergoß sich über den Gatten:„Lappalie? Wenn man seit drei Stunden mit leerem Magen hernmläiist? Lappalie? Na, da ist mir meine Gesundheit lieber als Dir die Deinige I Aber das ist so Deine Art, Moritz I Ich kann mich aufregen und Du sitzt da wie ein NnlpnS I" .Jaja,' sagte die Seufzende und blickte vorwurfsvoll auf den Hageren, der gleichzeitig von sechs andre» zornigen Angenblitzen durchbohrt wurde. Der Wirt trat gerade zum Kellner, als dieser den letzten Bissen in den Mnnd schob.'„Die Herrschaften auf der Veranda werden un- geduldig,' sagte er ruhig. Der Kellner sprang hinauf. „Sagen Se mal, Menschenskind, wat fällt Ihnen denn ein!" schnob der Behäbige ihn an:„Denken Se, wir find aus Nixdorf?' „Ihr Benehmen ist geradezu rücksichtslos I' zeterte die scharfe Stimme. „Das arme Kind,' seufzte die andre und streichelte der Tochter die Hand.„Wir haben seit drei Stunden nichts gegessen.' „Ich seit sechs Stunden nicht, meine Dame,' sagte der Kellner. „Sie müssen mir schon erlauben, auch Mittag zu essen." „Wat jeht'n uns det an!" schrie der Behäbige.„Vermieten Se fich»ich als Kellner, wenn Se't»ich vastehn." „Das geht Sic nichts an! da haben Sic recht.' „Jetzt ivird der Mensch noch frech!" kreischte die Dame mit dem Pincenez und erhob sich mit funkelnden Blicken.„Wir Iverden uns beim Wirt beschwere» 1 Wissen Sie das!' „Bitte." Der Kellner machte eine ironische Verbeugung und trat vor dem herbeigekommene» Wirt zurück. Dieser wendete sich beschwichtigend zu den Gästen:„Aber, meine Herrschaften I Es ist doch wirklich nicht so schlimm, wenn Sie einmal drei Minuten warten. Der Kellner ist seit sieben Uhr auf den Beine»." „Wat?!' Der Behäbige erhob sich.„Sie, als Wirt, nehmen so'ne Bummelei in Schutz? Sie sind ja'» feiner Geschäftsmann I' Er zog mit zitternder Hand die Börse und warf Geld auf den Tisch. „Unerhört!" sagte die scharfe Stimme. Und die seufzende:„Der Wirt muß doch zu seinen Gästen halten." Der Wirt zuckte die Achseln:„Also, was wünschen die Herr- schaften?' „Rischt l" schrie der Behäbige,.jarnischt!!' und griff nach Hut und Stock. Und die scharfe Stimme:„Wir verzichten in Zukunft auf ein derartiges Lokal!" Die Gesellschaft, mit Ausnahme des hageren, bebrillten Herrn, strebte scheltend und schimpfend dem Ausgange zu. „Mein armes Kind." sagte die seufzende Dame und betrachtete sorgenvoll das böse Gesicht der Tochter.„Wenn Du mir nur nicht krank wirst!" „Jetzt können wir wieder eine halbe Stunde laufen, ehe man ein Wirtshaus trifft. Und dann ist die Tischzeit vorbei," zürnte die Jüngere. Sie warf einen neidischen Blick zurück:«Onkel Moritz bleibt sitzen". Und die scharfe Stimme wendete sich noch einmal am Thor des Gartens zurück zum Wirt und schrie:„Wissen Sie, wie man das nennt? Unverschämt nennt man das!' Der Wirt und die Gäste lachten. Auch Onkel Moritz nahm die Entrüstung seiner Gattin von der heiteren Seite. Er saß aus der Veranda, putzte fich gemächlich die Brille und sagte:„Kellner, bringe» Sie mir, bitte, einen Gänsebraten. Und noch ein Halbes."— Kleines Fenillekon. k. Die Bastille der Schauspieler. Unter den vielen Er» innerungen, die der Jahrestag der Erstürmung der Bastille, der 14. Juli, diesmal in Pariser Blättern hervorrief, ist eine sehr Über- raschende. Auch die Leute vom Theater haben ihre Bastillc ge- habt, und man hat nicht erst deu 14. Juli abgewartet, um sie zu zerstören. Die Bastille der'Schauspieler nanutc sich„lTor-llEveigus'. Frantz Funck-Breutauo, der Archivar am Arsenal, bereitet über diese eigenartige Institution des„ancien rsgime" eine Studie vor. in der er folgende Feststellungen macht: Der Name„Eor-I'Evsgns" kommt von dem lateinischen„Eormn episcopi"; dieses Gebäude war ursprünglich der Sitz der weltlichen Gerichtsbarkeit des Bischofs von Paris(seit 1622 Erzbischof) und ihr Gefängnis. Der Prälat hatte nämlich neben der kirchlichen Gerichtsbarkeit als Erzbischof auch eine Iveltliche Gerichtsbarkeit, als Lehnsherr eines Teils von Paris. Diese weltliche Gerichtsbarkeit tvnrde 1674 von Ludwig XIV. unter- drückt, und von dieser Zeit an wurde das„Eor-rEvegue" königliches Gefängnis für Offiziere, die Versehen gegen die Disciplin be- gangen hatten. Man setzte auch in großer Anzahl Gefangene ivegen Schiildcn dort hinein. Schließlich kamen regelmäßig die Störenfriede bei Schauspielen und die Schauspieler in diese Bastille. Die Stellung der Schauspieler unter dem„ancisri regime' war eine ganz eigenartige. Sie bildeten einen Teil der Kammer des Königs; aus diesem Anlaß ivar sogar im 17. Jahrhundert die Frage verhandelt worden, ob sie nicht adlig wären. Wie dem auch war, sie trugen den Degen, und begaben sich frei ins Gefängnis, das heißt, sie begaben sich allein dorthin, wie die Edelleute. Die Einkerkerung wurde von den Edelleutcn der Kammer entschieden, die in dem betreffenden Jahre die Leitung der Schauspiele hatte. Man sah bislveilen auch den Edelmann der Kammer die Schauspieler und Schauspielerinnen der Oomedie- Frarnjaise zu einer Art Pairs- Gerichtshof vereinen, der für den Kanieradeu, durch den das Schauspiel beeinträchtigt worden war, oder der irgend einen Skandal erregt hatte, die Strafe bestimmte. Es ist beachtenswert, daß der Beweggrund zur Einkerkerung der Schauspieler am häufigsten das Duell war. Den Verordnungen der Zeit gemäß wollte man sie verhindern, ihr Leben für Nichtigkeiten zu wagen; unter diesen Um- ständen wurde mit ihnen ebenso verfahren, wie mit den Offizieren und Edelleute». Das Gefängnis befand sich dort, Ivo heute das Meldungshaus steht, am Quais de la Mögisseric. Funck-Brentano hat eine genaue Beschreibung dieses Gefängnisses aus dem Jahre 1583 wieder aufgefunden. Die alten Gebäude wurden im Jahre 1652 von dem Erzbischof Fran?ois de Gondy niedergerissen, der deS neue Gebäude au derselben Stelle errichtete. Diese Bastille wurde sieben Jahre vor der andren zerstört— aber vom Könige.— ie. Die Wirkung deS Rauchens auf die GeisteSthätigkeit ist zum ersten Male von zwei Gelehrten des psychologischen Labora- toriunis der Universität Genf untersucht worden. Ein bekannter Schriftsteller hat unlängst das hübsche Wort geprägt, das Rauchen sei das nachdenklichste aller Laster. Dieses Wort, das jedenfalls nur eine persönliche Erfahrung ausdrücken sollte, hat jetzt wenigstens in gewissem Grade eine Bestätigung durch die wissenschaftliche Beob- achtung erhalten. Ein hervorragender Physiologe, Charles F6r6, hatte die Wirkung des Tabaksgenusses auf die Leistungsfähigkeit deS Menschen nach einer Richtung hin bereits untersucht, aber mir mit Rücksicht ans die Muskelthätigkeit, die in der That durch den Tabakgenuß gesteigert wird. Die beiden Genfer Psychologen find »un iveiter gegangen und haben nach einem Maßstab für den Ein« fluß des Rauchens ans den geistigen Vorgang gesucht, den man in der Erkenntnistheorie mit dem Ausdruck der Jdeen-Association bezeichnet. Die Experimente wurden auf Grund eines erprobten und recht interessanten Verfahrens unternommen. Einer der beiden Herren mußte sich als Versuchskaninchen hergeben, mit einigen Cigarren bewaffnet in einem Sessel Platz nehmen und die an ihn gestellten Fragen beantworte». Letztere bezogen sich auf die Vcr- bindung ziveier verivandter Begriffe, die nach einer Liste von Worten festgestellt worden ivareu. Wenn z. B. das Wort„Bad" gebraucht wurde, so sollte damit der Begriff„heiß" verbunden werden, mit dem Wort„Email" der Begriff„Zahn" und ähnliches. Die Versuche wurden an 17 Tagen hintereinander je eine halbe Stunde durch- geführt und erbrachten den völlig klaren Nachweis, daß der Tabakgenuß vermutlich durch Vermittlung des Reizes auf die Geruchs- nerven anregend auf die geistige Thätigleit wirkte. Wie so viele psychologischen Experimente litten auch diese freilich an einiger Un- sichcrheit. Die Versuchsperson gehörte zu den sehr mäßigen Rauchern, und es ist wohl mit Gewißheil anzunehmen, daß ein leidenschaftlicher Raucher sich dabei anders verhalten haben würde, wahrscheinlich nach der Richtung hin, daß die Wirkung des Tabaks auf die Beförderung der geistigen Thätigkeit noch stärker hervorgetreten wäre.— — lieber die Gefährlichkeit der Ohrfeige. Professor Hang ans München stellt seine Beobachtungen zusammen, die er in 300 Fällen von Ohrverletznngen durch Ohrfeigen machen konnte. Zumeist wird mit der rechten Hand geschlagen und dabei die linke Ohrqegend gettoffeu. Eine Verletzung der Ohren kommt hierbei nur dadurch 5» stände, daß sich verschiedene Momente vereinen. Denn nicht immer tritt das unglückliche und nngeivollte Resultat einer Öhrverletznng ein. Es sind auch nicht die heftigsten Schläge, die diese ungeahnte Rückivirkiing hervorrufen. Vor allem gehört einmal dazu, das; durch die schlagende Hand ein luftdichter Abschlnst des Gehörganges, uud zivar nur für eine Sekunde erfolgt. Es genügt dabei, daß sich nur ein Finger auf den Gehörgangs-Eingang legt. Die im Gebörgang befindliche Luftsäule erfährt dadurch eine Plötz- liche Bolninensändening und Ivird komprimiert. Da die so kompri- mierte Luft sich ivicder auszudehnen sucht und nach außen durch den verschlietzeuden Finger am Entiveichen gehindert wird, so wirkt sie auf das Trommelfell und die Gehörknöchelchen ein. Es kann also einmal das Trommelfell einreißen oder aber die Gehörknöchelchen in eine starke Schwankung versetzt iverden und so der Gehörnerv selbst in Mitleidenschaft gezogen iverden. Es können daraus schwere und dauernde Störungen entstehen. Auster diesem Hanptmomcnt kann aber auch die Erschütterung, die der Schädel durch den Schlag er- leidet, einen schädigenden Faktor darstellen. Auch die plötzliche Ueberraschnng spielt dabei eine Rolle. Wir haben im Ohr einen Muskel, den Trommelfellspanncr, der das Trommelfell spannt und sonnt vor Läsioncn schützt, wenn wir vorbereitet find, dast eine stärkere Schalleinwirkung unser Ohr treffen ivird; dieser Schutz fällt bei Ueberraschnngen weg. Schlicstlich mnst aber betont werden, dast die der Gewalteiiiwirkung zum Opfer fallenden Trommelfelle oder Gehörorgane sehr häufig' schon vorher nicht ganz normal waren.— Medizinisches. on. Ein Unglücksfall, den sich jeder, soweit es ihn angeht, zur Nachachtnng dienen lassen sollte. berichtet nach einem Vortrage von Dr. Hansy' vor der Gesellschaft der Acrzte die„Wiener Klinische Wochenschrift". In«ine Wiener Universitätsklinik kam unlängst ein Rtjähriger Mann und machte die Angabe, er hätte in der letzt- vergangenen Nacht sein Gebist verschluckt. Zunächst war seinem' ganzen Befinden so wenig anzumerken, dast man fast an der Richtigkeit der Angabe hätte zweifeln können, zumal »veder das Schlucken sogar von festen Speisen Beschwerden venirsachte, noch die Untersuchung mit einer Sonde und mit Röntgenstrahlen einen sicheren Anhalt für den Sitz des verschluckten FrenidkörperS gab. Es vergingen jedoch nur wenige Tage, bis zn einer sehr bedenklichen Verschlimmerung im Zustand des Patienten. Die inzwischen eingetretenen Schluckbeschwerdcn steigerten sich zu krampfartigem Schmerz, und da austerdem ein hohes Fieber, verbunden mit Erscheinungen der Lnftröhrenentzündung eintrat, mußte zur Operation geschritten werden. Nun ist eS aber ein übles Ding für den Arzt, wenn er operieren soll und nicht recht weist, an welcher Stelle er den Sitz des Leidens finden wird. Da der verschluckte Körperteil tief zu fitzen schien. so entfchlost sich Dr. Hansy, die Operation vom Magen aus vor- zunehmen. Die Behandlung gelang völlig, führte auch zu einer durchaus befriedigenden Heilung, war aber in ihrem operativen Ver- lauf höchst umständlich. Das Gcbist sah ganz tief in der Speise- röhre, aber doch nicht so tief, dast eS vom Magen ans leicht zu er- reichen gewesen wäre. Er mustte daher so weit geöffnet werden. dast der Fremdkörper mit der Hand gefastt iverden konnte. Eine derartige Operation ist bei dem heutige» glänzenden Stand der Chirurgie vielleicht keine sehr gefährliche, aber doch immerhin ein» unangenehme Sache, und der Besitzer falscher Zähne, der bisher «tiva noch nicht die Gewohnheit angenommen hat, sie zur Nacht- zeit herauszunehmen, wird da« gewist thun, wenn er diese Zeilen gelesen hat.— Aus dem Pflanzenlebe«. — W i n d p f l a n z e n. In seinem Buche„Die Vegetation der ostfriesische» Inseln"(Darmstadt 1901) erörtert Adolf Hansen die Wirksamkeit eines Faktors, der bisher von den Pflanzen- geographen beinahe gänzlich übersehen ivorden und unberücksichtigt geblieben ist, des Windes. Auf die'en Nordsee- Inseln weht der Wind immer, jahraus, jahrein, täglich, ohne Unterlast, und dem entsprechend gicbt es dort nur sehr wenig aufrecht wachsende Pflanze»; die meiste» drücken sich rosettcnartig an den Boden oder haben niederliegendc Stengel. Was aufrecht steht, ist entweder mit harten Blättern versehen, wie Riedgräser und Binsen, oder gehört zu den Schntlpflanzcn, die in der Nähe der Wohnungen ein geschütztes Plätzchen finde». Rur da und in natürlichen Ver- tiefungen des Bodens können Bäume und Sträncher gedeihen. Die schädliche Wirkung des Windes äustert sich allster in der inechanischen Beschädigung namentlich darin, dast infolge der erhöhten Verdunstung in de» Blättern«in teilweiser Wassermangel eintritt, so dast sie am Rande vertrocknen, was man früher bald dem Salzstanb, bald dem aufgewirbelte» Sande zuschrieb. Hiutcr Häusern und Dünenwälleu können aufrechte Gewächse windstille Stellen und Schutz gegen die herrschenden Winde finden, aber man siebt dann, dast die über das Dach hinausragenden Zweige ihre Blätter durch Austrocknung verlieren. Aus dem Auftreten gewisser Waldpflanzen, tvie des Wintergrüns und des Fichtenspargels. hatte man geschlossen, dast die Inseln früher bewaldet gewesen seien, aber so lange das heutige Windklima herrscht, können Wälder dort nicht Verantwortlicher Redacleur: Carl Lei» m Berlin. existiert haben. Hansen bekämpft die Ansicht SchimperS und Warmings, nach denen der Charakter der Strand- und Dünen« vegetativ» hauptsächlich durch den Boden und seinen Salzgehalt be« dingt sei. Allerdings sind die Salzpflanzen durch de» Bau ihrer Oberhaut auch gegen die austrocknende Wirkung der Winde geschützt, aber diese sind es, die der Vegetation ihren eignen Stempel auf« drücken. Daher rührt auch die Aehnlichkeit dieser Vegetation der kontinuierlichen Winden ausgesetzten Inseln mit der Steppenstora, z. B. derjenigen der ungarischen Pustten oder der venezolamschen Paramos iind peruanischen Punas. trotz der Verschiedenheit der in Betracht kommenden Pflanzenarten. Auf de» Llanos finden sich zwar Palmen und anf den afrikanischen Savannen Mimosen« sträncher, aber erstere sind durch ihren Blattbau und ihr Wasser« leitungssystem der austrocknenden Kraft der Winde gewachsen, und die Mimosen schützen sich durch Zusamnicnlegen der Blätter. Auch die dort häufig vorkommende Schirmform der Baumkronen ist eine Schutzanpassung gegen die Wirkung der Winde. Auf den Gebirgen mischen sich die Anpassungen gegen den jähen Tempcraturwechsel zwischen Tag und Nacht mit den Wiudanpassunge»; die Baumgrenze wird nach Hansen in den alpinen Regionen nicht so sehr durch die Temperaturverhältnisse und Kürze der günstigen Jahreszeit(wie Kerner meinte) bedingt, als durch Absterben Ver Bäume infolge des Austrocknens ihrer Blätter durch den Wind an der Baumgrenze. Es ist klar, dast durch die Einbezichinig dieses Faktors auch Licht ge- warfen wird auf die Schwierigkeit, Düne», Steppen und Berge zu bewalden resp. wieder zn bewalden, ivenn der alte Baumbestand ver« wüstet wurde.—(„Prometheus".) Humoristisches. — Vorgemerkt.„Herr Konsul können mir also noch keine bestimmte Hoffnung anf die Hand von Fräulein Tochter machen?" Konsul:„Wie gesagt, Herr von Dallesberg,'s war schon a Kavaliex da, awer's Herz von mei Tochter hat»och»ich gesproche! Sie solle habe de zweite Hypothek."— — Immer dieselbe. A.:.Sie haben ja Ihre geschiedene Frau wieder geheiratet?" B.:.Ja. ich kenne weiter keine Dame!"— — Kurzer Prozest. Schriftsteller lau seinem Roman arbeitend):„Der Hanslehrer und die Gouveniante gefallen mir nicht, die beiden bringe ich im n ä ch st e n Kapitel um!"— („Lustige Blätter".) Notizen. — DaS Wiener Burg-Theater giebt die ermästigten SonntagsnachmittagS-Borstellmigen auf. räumt aber dafür den Arbeiter-, GetverkschaftS- und Volks bildiings- vereinen sowie den Schulen das Recht ein, Sitze imd Entree auf der dritten und vierten Galerie zu ermästigten Preisen zu erwerben.— c. Die Petersburger Oper bringt diesen Winter zwei Novitäten:. S e r v i l i a" von N i m s l y- K 0 r s a k 0 w uud „N i k i t a D 0 b r i n i e z" von G r e t s ch a n i n 0 w.— — Die philosophische Fakultät der lluiversität G ö t t i n g e n schreibt für die Beneke-Stiftung zwei Preise, von 3400 M. und 680 M., für die beste Beantwortung folgender Frage aus:„Die Fakultät wünscht eine historisch-kritische Znsammen- stellung der Ergebnisse der bisherigen Forschungen über gewiffe langsam wachsende Geschwülste und regelwidrige wuchernde Neu-. bildungen, die an Holzpflauzen wie an krantartigen Gewächsen beobachtet worden sind und als„Krebs" oder zum Teil anch als „Masertröpfe" bezeichnet werden. Sie tvüuscht ferner eine genaue Untersuchung und Beschreibung von möglichst zahlreichen neuen Fällen derartiger Erkrnnkunge», welche sich anf Prüfung durch An- steckungsvcrsnche stützt und durch Zeichnungen, sowie durch mi»' kroskopische Präparate erläutert ivird." Letzter EinliefenmgStermin ist der 31. August 1S04.— — UnVerdaulichkeit sterilisierter Milch. Ueber die Ausnutzung der pasteurisierten, durch kurzes Erhitze» ans 110 Grad sterilisierten Milch hat Camescasse Untersuchungen an- gestellt, welche zeigten, dast jene nur bei gemischter Nahrung, also mit Muttermilch zusammen, gut ist, sonst aber schlecht. Es scheinen beim Erhitzen die zur Verdauung nötigen Fermente in der Milch zerstört zu werden.—(„Technische Rundschau".) — Die Ofotenbahn, die nördlichste Bahn der Erde, wird am 1. Januar IS08 eröffcnet werden. Die Bahn besitzt eine Länge von 25 Kilometer uud führt von der schwedisch-norwegischen Rcichsgrenze bis Narvik am Ofoteufjord.— — Von dem Ob st verbrauch Deutschlands an A e p f e l n und Birnen hat»ach dem Jahresbericht der Aeltesten der Kaufmannschaft im Jahre 1901 Deutschland nur 15 Proz. ge- liefert. 20 Proz. des deutschen Obstes kamen aus Frankreich, je 15 Proz. aus Ungarn und Böhmen, 7 aus Italien, je 5 auS Tirol, Schweiz. Amerika, Steiennark, Galizien und 3 Proz. aus Holland.— Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.