Mnlerhaltungsblatt Nr. 142. Donnerstag, den 24. Juli. 1902 cNacbdruik verboten.! 62] Dev Ms»nKsrnann. Romcin von Hall C a i n e. Autorisierte Uebersctzung. Pete konnte nicht anders; er hatte schon eine Art wilder Freude an seinen Erfindungen. „Flacken und Musikpanden den gausen Tag und Illuminationen die ganze nacht es war phänominal— wir furn oben auf einen Oniuipus die Lortstraße endlang und saen ihn gans deitlich." „Potz tausend!" sagte Pete, die Feder hinlegend und sich in verzückter Betrachtung seiner erdichteten Darstellung die Hände reibend;„bald werden wir am Ende zu hören bekommen, daß sie zweispännig in eigner Karosse gefahren ist." Er stieß einen leisen, nuterdrückten Seufzer aus, konnte sich aber doch nicht versagen, noch ein Wort hinzuzufügen. „Hertsliche Krüse an alle teilnehmenden Freinde und besde Emfehlungen an den Dempster, wenn er mich nicht fergeßen hat." Nachdem dieser zweite Liebesbetrug beendet war, ging er auf den Fußzehen im Hause herum, nahm einen Bogen braunes Papier und Bindfaden, legte den Hut in die Schachtel zurück und seinen Brief dazwischen, so daß er aus der Krause hcrausguckte, die das kleine Gesicht umrahmen sollte. Dann packte er es mit seinen plunipen Fingern zu einein ungeschickten Pakete zusammen, das er wieder an sich selbst adressierte. Zuletzt traf er noch seine gewöhnliche Veranstaltung mit der Lampe und der Thür und legte sich dann wieder im Besuchs- zimmer schlafen. Am Montag bei Tische sagte er in verdneßlichem Ton: „Eine schreckliche Schererei, Nancy— ich muß heute nach Port St. Mary hinüber wegen der vertrackten Kundgebung der Fischer." Dann zog er unter dem Sofa des Besuchszimmers ein Paket in braunein Papier hervor, stopfte es unter seinen Ucberrock, knöpfte diesen zu und schmuggelte es so aus dem Hause. VI. Sie segelten früh am Nachniittag ab inid fuhren unter eiiicr günstigen Brise, ivelche die Segel blähte, am Ufer hin. Der Tag war feucht und unfreundlich; ein dicker Nebel verhüllte das Land, und als sie an Laxey vorüber kamen, konnten sie grade noch den obersten Bogen des großen Rades erspähen, der wie der Schatten eines Rcgcnbogens in der grauen Luft schwebte. Als sie nach Douglas kamen, hob sich der Nebel, dafür fiel aber ein dichter Sprühregen nieder. Eine Musikkapelle spielte Tanzmelodien auf dem eisernen Hafendamm, der wie die Zunge einer Schlange ans der Ocfsnung der Bucht hervorschoß. Der Dampfer aus Eng- land kam eben um das Ende der Bucht heruin, und die see- kranken Passagiere drängten sich dicht auf dem Vorderdeck zu- fammen; die Männer hatten buntgedruckte Taschentücher über die Mützen gebunden, die Frauen schützten mit den Ober- kleidern ihre nassen Hutfedern. Eine Harfe und eine Violine spielten dazu auf dem Schiff lustige Melodien. Als sie nach Port St. Mary kamen, hatte sich der Nebel gehoben und der Regen war vorüber, die Fischerstadt aber sah schwarz und grämlich aus unter einer finster drohenden Wolke. Es war tiefe Ebbe und viele Boote lagen auf dem Strande oder im seichten Wasser zwischen den Felsen. Pete ivurde ans Land gesetzt; seine„Nickcy" fuhr um das Calf herum nach dem Hcringsgebiet jenseits des Gebirgs- abhanges; eine Anzahl Fischer erwarteten ihn auf dem Quai, hielten die Hände in den Hosentaschen und blickten finster drein. „'s ist unnötig, große Reden zu halten," sagte Pete, nach den Booten zeigend, die auf den Grund geraten waren. »Ihr seid Eurer mindestens fünfzig hier und findet keinen Raum an den» felsigen Ufer, den Anker auszuwerfen. Und doch wollen sie Euch eine Hafensteuer auferlegen." „Stellen Sie sich nur an die Spitze, Kapitän," sagte einer der Fischer,„es sind fünfhundert Mann hier beisammen, die �hncn durch dick und dünn folgen." Pete trug sein Paket im braunen Umschlag eben so der- stöhlen auf die Post, als früher den Brief, und verließ noch denselben Abend Port St. Mary, um nach Douglas zu gehen. Auf den Straßen wimmelte es von Wagen, in denen die Vergnügungsreisendcn aus Port Erin dicht ge- drängt saßen. Sie hatten noch dieselben Kleider an, die am Morgen so gründlich durchweicht worden waren; ihre Stiefel waren naß und kalt; die Nachtluft durchfröstelte sie, doch das machte ihnen keinen Kummer. Sie sangen, lachten und aßen Orangen, hielten oft vor einer Schenke am Wege air, ließen sich Bier geben und reichten die Flaschen herum. In ihrer Art war es eine aufgeräunite, lustige Gesellschaft. Manchmal vermischte sich das Lied:„Erstürmt die Burg", das in dem vorderen Wagen gesungen wurde, mit„Molly, das Kind und ich", was aus lustigen Kehlen in einem der Hinteren Fuhr- werke erklang. Durch Castletown rasselnd, verhöhnten sie mit lautem Geschrei die am Schlosse lungernden Rotröcke, und als die Dunkelheit hereinbrach, schliefen sie ein— die Männer meist auf der Schulter der Frauen. Man konnte die Hufe der Pferde durch den Straßenschmutz plantschen hören und jeder Kutscher knallte mit der Peitsche zu dem schnarchenden Chor der Schläfer. Douglas strahlte von Licht, als sie aus der Dunkel- heit den Berg hinunter fuhren. Lange, gewundene Licht- streifen liefen wie das Feuer eines Moorbrandes, kreuz und quer, hierhin und dorthin, wo die Geschäftsstraßen waren, und mündeten dann in öffentlichen Gartenanlagen und auf breite Marktplätze. Die Schläfer erwachten und rüttelten sich auf. „Gehen wir heute nacht noch aufs Schloß?" fragte einer. „Wo denken Sie hin?" rief ein andrer, und alle lachten über die närrische Frage. „Ich will hier übernachten," dachte Pete.„Ich habe Douglas noch nicht durchforscht." Der Kutscher verschaffte ihm im Hause seiner Mutter ein Nachtlager. Es war ein Logierhaus in der Kirchgasse, das auf den Friedhof hinausging. Da es sich ganz in der Nähe der Atholstraße befand, wollte. Pete sich Philipps Wohnung wenigstens von außen ansehen. Er fand das Haics leicht, obschon die Straße dunkel war. Es gehörte zu einer Reihe Häuser, an denen Messingschilder waren; auf jeden stand ein Name und das Wort Advokat dahinter. Philipps Haus hatte nur ein kleines Schild und der Name darauf war bei dem unsicheren Licht nicht leicht zu lesen. Er lautete: „Deemster Christian". Nachdem Pete die Aufschrift herausbuchstabiert hatte, schlich er wieder fort. Um keinen Preis der Welt hätte er in dem Haufe vorsprechen mögen. Er fürchtete fast, sich in der Stadt sehen zu lassen. Philipp hätte ja denken können, er wäre nach Donglas gekommen, um Käthe zu suchen. Pete durchstreifte den Postplatz, das enge Heywood- gäßchen und die Fannystraße, bis er ans Meer hinab kam, Das nächtliche Leben war gerade in vollem Gange und die Feststadt schien sich ganz dem Vergnügen überlassen zu haben. Die Stufen der Terrassen wimmelten von Menschen; uniher- ziehende Photographen stellten ihre Apparate neben den Prell- steinen auf; jedes offene Fenster war mit dunklen Köpfen be- setzt, hinter denen Helles Licht schien; in den Häusern hämnicrteii Klaviere; auf der Straße klimperten Harfen; klingelnde Pferdebahnwagen fuhren längs der Bucht hin; ein unaufhörlicher Menschenstrom erging sich auf dem Bürger- steige und vom Gestade bis zur Spitze des Felsens hinauf; lag die Stadt in Hufeisenform mit ihren tausend Lichtern, blitzend, sprühend, funkelnd und leuchtend wie ein prächtiger Waldbrand. Pete dachte an die trübe, armselige Beleuchtung der lieben alten Stadt im Norden; an das düstere Dorf am Fuß der einsamen Berge, wo der Forellcnbach unter der niedrigen Brücke hindurchfließt.„Sie mag das alles wohl satt bekommen haben, das arme Ding!" sagte er sich. Er schaute jeder Frau, die an ihm vorüberging, in die Augen und lechzte nach dem Anblick eines Gesichtes, das er doch zu sehen fürchtete. Er entdeckte es nirgends und irrte wie eine verlorene Seele durch die kleine, lebenslustige Stadt» bis er von der wogenden Menge, die rund um die Bucht flutete, nach dem Orte mit fortgerissen wurde, der das„Schloß" aenannt wird. Es war cht prächtiges Tanzlokal iit einem Garten, das wie ein großes Treibdaus aussah; der geebnete Boden in der Mitte war für die Tanzenden bestimmt und die Zuschauer saßen auf den Galerien. Von seinem Sitze in der Vorder- reihe starrte Pete auf die Gesichter unten hinab. Dreitausend junge Männer und Mädchen tanzten, die Männer in Flanell- anzügen und bunten Halstüchern, die Frauen in hellen Musselinkleidern und Strohhüten. Bisweilen färbte sich das Weiße Licht des Glasdaches rot und blau und gelb. Das Schleifen der Tanzenden, das Schmettern der Blechinstrumente, der dumpfe Ton der großen Trommel, das Erbeben des Glas- Hauses selbst und das Dröhnen in dem hohlen Räume unter dem Fußboden— es klang alles wie ein Musikstück, das eine Schlacht darstellt. „Sie mag sich gelangweilt haben, das arme Ding— wer kann's wissen, ob sie sich nicht gelangweilt hat," dachte Pete. Es schwirrte ihm vor den Augen und wurde ihm drehend im Kopfe; da fühlte er sich plötzlich von einem Wohlgeruch angeweht und eine leise Stimme flüsterte ihm ins Ohr: „Suchen Sie vielleicht jemand?" Er fuhr heftig zusammen und sah sich nach der Sprechenden um. Es war ein junges Mädchen mit einem hübschen aber stark geschminkten Gesicht. Er konnte dem kleinen Dinge nicht zürnen. Sie war so jung und lächelte ihn an. „Ja," sagte er.„Ich habe nach jemand gesucht," und dabei war er bemüht, sie wieder loszuwerden. „Ist's vielleicht Magdalene, schöner Herr? Sind Sie der junge Mann aus Dublin?" „Lassen Sie mich, Mädchen, lassen Sic mich." sagte Pete, indem er ihre Hand zurückschob und sich von ihr abwandte. Das Mädchen bewachtete ihn mit einer Art Mitleid und sich dichter an ihn herandrängend sagte sie:„Ein hübscher Junge wie Sie, sollte sich das Herz nicht schwer machen lassen, selbst nicht von dem besten Mädchen in der Welt." AlS er noch einmal in ihr hübsches Gesicht sah, begannen alle kleinen Kniffe, mit denen sie vertraut war, ihr zu versagen. „Sie sind ein Manksmädchen, nicht wahr?" fragte er. Das Lächeln verschwand wie ein Blitz.„Woher wissen Sie das? An der Sprache können Sie's doch nicht erkennen" Das kleine Ding schämte sich. Pete nahm ihre behandschuhten Finger in seine große Hand. „Dann sind Sie ja meine Landsmännin," sagte er.„Wie alt sind Sie denn?" Die bemalten Lippen fingen"" zu zittern.„Sechzehn werd' ich bis zur Ernte," antwor'sie sie. „O, mein Gott!" rief Pete. Die gefärbten Augenlider zuckten— sie fing an zu weinen.„Ich war nicht schuld daran. Es war ein Fremder, der zur Miete bei meiner Mutter in Ballaugh wohnte, und er ließ mich im Stich—" Pete zog ein Goldstück aus der Tasche und drückte es dem Mädchen in die Hand. „Gehen Sie diese Nacht nach Hause, liebes Kind," sagte er leise zu ihr und verließ dann den Ort. „Hier nicht!" rief es in seinem Herzen,„hier nicht— ich will einen heiligen Eid darauf schwören, daß sie nicht hier ist." Damit endete seine Nachforschung. Er beschloß, noch die- selbe Nacht nach Hause zurückzukehren und ging nur noch in seine Wohnung, um die Rechnung zu bezahlen. An der Ecke der Atholstraße wäre Pete fast von einer glänzenden Kutsche überfahren worden; zwei Diener in gelber Livree saßen auf dem Bock und einer stand hinten drauf.„Der Wagen des Gouverneurs." hörte er sagen. Im nächsten Augenblick hielt der Kutscher vor Philipps Thür, ließ einen Herrn aussteigen, lenkte dann um und fuhr fort.„Es>var der junge Deemster," sagte ein Mädchen im Vorbeigehen zu ihrer Ge- fährtin. Pete hatte eine große, dunkle Gestalt gesehen, die schwach und gebeugt die Stufen hinauf schritt.„Es bleibt doch wahr," dachte Pete,„man erhält nichts in dieser Welt, ohne daß man den Preis dafür zahlen muß." Es war drei Uhr morgens, als Pete in Namsey anlangte. Das Ulmenhaus lag still und dunkel da. Er mußte lange pochen, ehe Nancy erlvachte.„Wenn es nun Käthe gewesen wäre." dachte er, und eine neue Furcht bemächtigte sich seiner. Sein armes Herzblatt, sein verirrtcs Lamm— hatte es viel- ckeicht zweimal klopfen müssen? Wo war sie in dieser Nacht? Er hatte sie sich im Glück und im Ueberfluß vorgestellt— schmachtete sie etwa in Armut und Unglück? Alle Welt schlief — schlief sie wohl auch? Seine Hoffnung schwand mehr und mehr; sein starkes Vertrauen fing an zu wanken. Etwas Kaltes berührte ihn. Es war der Hund. Ohne zu bellen, hatte er seine Nase in Petes offene Hand gelegt. „Was, Dempster, Dempster, Du bist's!" Der Hund spitzte sein.' Fledermausohren, wedelte mit dem Stutzschwanz und für Pete war die Gegenwart des ruppigen alten Freundes, der seines Herrn Fußstapfen durch die ganze Welt gefolgt war, ein förmlicher Trost. Nancy nahm die Kette von der Thür, öffnete sie einen Zoll breit, hielt sich das Licht über den Kopf und sah hinaus. „Du meine Güte!'s ist der Herr selbst. Wie sind Sie denn heimgekommen?" „Auf Schusters Rappen,">sagte Pete lachend, als sei die lange nächtliche Wanderung für ihn nur ein Spaß ge- Wesen. iFortsetzung folgt.) vervoteu.» Es sp«kk iur Eine Dorfgeschichte von O l e Bang. Der Dorfschulze Andres Björn war ein„Lenteichinder". ein »F>lz"; das war seine Nachrede bei Hunderten; mit jedem Jahr nahm dieser schlechte Ruf z» und verbreitete sich immer weiter. Man nannte ihn schließlich„Sachvcrdreher" und.Ganner": voll Hohn und Zorn wurde es von Tausende» an seinem letzten Tage gejagt, dem Todestage. Man dehaiiptetc, der Dorfschulze brächte die ganze Gemeinde in Armnt; er machte so lange Drehereien und Winkelznge, bis er Hofbesitzer wie Häusler in die Armenkasse gebracht hatte. Als man erfuhr, daß der Dorfschulze an einem Donnerstag- abend tot auf seiner eignen Stabbur-Treppe gefunden worden sei, hrach allgemeiner Jubel im Dorfe aus uud alle sandle» Dankgebete zum Himmel. „Ja. ja," sagten die Acltcrcn..der Teufel holte ihn schließlich doch!" Und die Kinder hielten sich am Nockzipfel der Mutter fest. Der Schnlzenhof ivar auch keine Zierde für die Gegend. Die Gebäude waren einmal gelb gewesen, aber nun fast grau mit nur ciiligen gelben Flecken. Der Hof stand an einer dem Winde auS- gesetzten Stelle, und daher kam es ivohl, daß die Gebäude so bald ein verfallenes Aussehen bekamen. Das Hanptgebäiide war durchaus nicht alt: auch fehlte es nicht an Neparieriing, wenn der Sturm einige Steine vom Dach geblasen oder ein Stück von der Wandbcdachnng sortgerissen hatte, im Gegenteil, der Schulze nötigte innner gleich seinen nächsten Häusler, der sich ein wenig auf der Tischlerei ver- stand, alles ivieder in haltbaren Zustand z» versetzen. Wenn das geschehen war, durfte der Hänslcr dann in seine Zlüche lommen und bekam eine Scheibe Brot und einen Topf Kaffee. Gab es Arbeit für ein oder zwei Tage, aß er die Mahlzeiten beim Schulzen. Das war die ganze Ausgabe, die der Schulze hatte, natürlich abgesehen vom Holzmalcrial. Obwohl also alle Beschädigungen an den Hofgcbäuden stets so« fort repariert wurde», sah das Ganze doch ziemlich versallen ans. Nnr cincS seiner Hofhäuscr hielt sich gnl, trotz Wetter und Wind, und das war des.Schulzen eignes Slabvur", das daher auch sein Stolz war. Es gab nämlich zwei Stabbnre anf dein Hof; das gut erhaltene wurde als.Schatzkaminer" benutzt. Hier wnrde alles aufbcivahrt, ivas Wert hatte, selbstverständlich auch der Geldlaste» de« Schulzen. ES hatte lein Fenster, sondern mir ein paar Lichtlöchcr hoch oben unter dem Dach, nicht größer als daß man eine Hand dnrwstecken konnte."�5)aS Stabbur war aus dicke», soliden Blöcken erbaut und sotvohl außen und innen geteert. Der Schulze Halle es selbst erbaut und er wußte wohl, daß es stehen würde, so lange er stand und wohl noch länger. Niemand, außer ihm. durste„sein" Stabbur betreten. Schulze Andres Björn war nämlich Witwer. Wenn er nicht»nterwegs>var oder im Bureau eilige Geschäfte zu erledigen hatte, oder gerade je- mand bei ihm lvar, verbrachte er sc ine Zeil im Stabbur. Wenn der Hoflnecht oder eine der Mägde sich zur Stabburwand hinivandten, hörte» sie, wie drinnen die Silberthalcr klangen. Halten sich die Kinder am Rockzipfel der Mutter festgehalten, als man sagte, der alte Dorfschulze sei zur Hölle gefahren, so lanien nun auch die Erwachsenen heran. Mußte» ein paar Mädchen am Schulzenhof in der Dunkelheit vorbei, faßten sie sich iinmer fest unter und eilten so schnell vorüber als sie konnlen. Erwachsene Männer, die jahrelang oben iin Urwalde gewesen waren»nd niit Bären gekämpft hatten und allerhand Untieren und natürlich für Helden galten, die sich vor nichts auf der Welt fürchteten, gingen *) Stabbnr ist ein kleines ans Pfählen errichtetes Blockhaus, das meist abgesondert steht und als BorratSraum für die oft bedeutenden Kleider- und Wäschevorräte benutzt wird. Es wird, da eS durch seinen Stand aus Pfähle» vor dem Wasser geschützt ist, nieist für wertvollere Sachen benutzt. Ainnerk. d. Uebers. doch schneller, wenn sie nm Schiilzenhof»orbei sollten. Die Dorfleute hotte eine geivisse Angst ergriffen, es lag eine»iiheiinlilbe Er- regniig über dein ganzen Ort. Es bestand nur eine Meinnng:.Der Dorfschulze Andres Björn geht um!" Das war ganz offenbar. Einige waren ihm ans den, Kirchwege begegnet. Andre hatten ihn auf der Stabbnrtreppe gesehen. Alle hatten das Klirren des Geldes drinnen im Stabbur gehört, obschon es allgemein bekannt luar, daß in dem Stabbur sich jetzt keine Hand voll Silbcrmünzen mehr befand. Der neue Dorfschulze wollte nicht so weit oben im Dorfe wohnen, so daß der Schnlzenhof zum Verkauf stand, und er würde Wohl noch heute nicht verlauft sein, wenn sich nicht ein.Südländer" gemeldet hätte, der keine Angst vor dem„Umgehen" halte. Der Südländer brachte eine Frau, einen halberwachsenen Sohn und ein paar kleine Jungen sowie' eine Magd mit. Einen Knecht muhte e»im Dorfe mieten. Er bekam manche Absage, bis er einen Burschen fand, der auf dem Schnlzcnhofe dienen ivollte. Das Stabbur wurde nun auch zur Anfbeivahrnng von Kleidern Ivie von allerband Hansgerät gebraucht, das nicht alltäglich benutzt wurde. Der Südländer zog im Frühling ein, und da man während des ganzen Sommers nichts von Spukereien hörte oder sah, starb die Furcht von selbst hin. Die Frau des Südländers war zart und bleich und konnte nicht viel an der Hausarbeit teilnehmen, so dah sie manchmal Zeit hatte, ihren Nachbarinnen«ine kleine Kaffeevisite abzustatten. Sie tvar überall beliebt und gern gesehen. Mit dem Kaffee wurde mich das Dorfgeschwätz und allerhand kleine Geschichten serviert; dabei kam auch die alle Spukgeschichte an die Reihe. Sic konnte nickt anders, als ganz bescheiden zugeben, dah sie eines Abends, als alle ander» zu Bett gegangen waren, ganz deutlich gehört habe, Ivie gleichsam ein Mann sich mit sich selbst über Zinsen und Abzüge und Zinses» zinsen stritt, und als sie beschreiben muhte, wie sich die Stinuuc an» gehört hatte, dah sie heiser und knarrend wie eine Snndinühle ge» Wesen wäre, wurde unter Bekreuzen und voll Grausen festgestellt, dah es der unselige Schulze Andres Björn wäre und kein andrer. Die beiden kleinsten Jungen, die meist die Mutter bcgleitelen, gerieten schlichlich in solche Äugst, dah man sie fast gar nicht mehr dazu brachte, einen kleinen Gang zu machen, wenn es einmal dunkel geworden war. Die Jungen hörten bald dies, bald jenes, was sie der Mutter und dem Knecht erzäblten. Zum Vater n»d zur Magd durften sie nichts sagen. Der Vater wurde nur ärgerlich nnd jagte die Jungen fort. Die Magd jmachte es aber noch schlimmer, sie gab ihnen eine Ohrfeige. Ohrfeigen geben war ihre Spccialität. Als aber der halberwachsene Sohn einmal seinem Vater erzählte, dah auch er ganz deutlich etwas drinnen im Stabbur habe husten und sich schuäuzen gehört, an einem Abend, als er hinunter nmhte, nachdem die andren schon zur Ruhe gegangen waren, wurde auch der Vater ein wenig unruhig, zeigte aber doch niemals Furcht. Gegen de» Winter hin, als der Schnee und die Stürme kamen, wuchs die Angst im Schulzenhof ivie im ganze» Dorf. Eines Abends kurz vor Weihnachten kam Votschaft von der Schlbestcr der Magd, die in demselben Ort Häuslrrfrau geivordca war, wohl eine Viertelmeilc vom alten Schulzcnhof entfernt, dah sie erkrankt sei nnd mir ein siebenjähriges Mädchen bei sich hätte; darum möchte sie so gern die Schwester über Nacht bei sich haben. Das Mädchen bekam Erlaubnis, um acht Uhr, wenn alle Hansarbeit gethan war, zu gehen. Es war ein dunkler, stürmischer Abend. eS schneite stark, so dah die Leute in den Stuben blieben und sich mit Handarbeit beschäftigten. Es konnte ivohl so gegen neun Uhr sein, als der Bauer de» Knecht dat. das Siclcnzeng zu holen. Er wollte etivas daran machen. Der Knecht sah den ältesten Sohn an, der de» Wink verstand, sich erhob nnd mit ihm ging. Wenige Minuten später kamen beide bleich nnd zitternd in die Stube gestürzt.„So ivahr es einen Himmel giebt, der Schulze ist heut' abend im Stabbur I" rief der Knecht.„Ja. Vater, wir hörten es ganz deutlich." bestätigte der Sohn leise und feierlich. Die Mutter stand und stützte sich auf einen Stuhl.„Gott helfe nnd erlöse uns von allem Bösen," sagte sie leise, indem ihre Augen unwillkürlich nach dem Doppelbett hinirrteu, wo die beiden jüngsten Kinder im tiefen, ruhigen«schlaf lagen. Das Gesicht des Mannes wurde tief ernst. Er sagte zum Knecht gewandt:„Es ist wirklich traurig, dah die Kinder einem durch die Thorheit des Knechtes auch noch dumm gemacht werden I" „Bauer!" stammelte der Knecht. „Schweig!" brüllte der Bauer.„Du bist ein feiger Kerl, schweig also!" „Fa. Du magst nun sagen, was Tu willst, Karl," fiel die Frau ein,„aber Gott helfe mir, so wahr und gcwih, wie ich hier stehe, habe ich viel Seltsames gehört, seit ich unter diesem Dach wohne." Der Bauer zog still seine Jacke an, setzte die Pelzmütze auf und ging hinaus, der Knecht nnd sein Sohn folgten. Er ersuchte sie nicht, mit ihm zu gehen, lehnte es aber auch nicht ab. Sie gingen leise zum Stabbur hin. Als sie ein Stück vom Hauptgebäude entfernt waren, blieb der Sohn plötzlich stehen:„Höre, Vater!" Alle blieben stehen. Dah jemand im Stabbur war, konnte keinem Zweifel unterliegen. Es klopfte an die Thüre, schlug und schrie mit dem Sturm um die Wette, wie in wilder, endloser Naserei. Sie gingen noch ein paar Schritte näher hin, dann rief der Bauer fest, fast schreiend:„Wer ist im Stabbur?" Es war ihnen, als wenn der Vöde» unter ihnen sich senkte nnd sie tiefer und tiefer, wie in ein Meer von Daunen hinabsanken, als der Wind die Worte herübertrug:„Andres Björn!" Nur eine Minute nnd sie wären wieder Herren ihrer Glieder, machten wie auf Kommando kehrt nnd kamen alle drei in die Stnbe hinein- gestürzt. „Herr Jesus I" rief die Frau und fuhr von dem Bett auf, in dem die Kinder lagen. „Still, Karl, wen Gott will bewahren, ist außer aller Gefahren. Aber dah die sündige Seele in ihrem Grabe keine Ruhe findet, das ist zlveifellos, nnd hier wird kein Friede, bevor der Pfarrer lommt!"...„Du, grüh ihn vom Karl auf dem Schulzcnhof, dann kommt er, das weih ich." Das war das letzte, was er sagte, als der Knecht nach dem Pfarrer davonsprcngte. Dem alten Pfarrer halfen weder Bitten, noch Drohungen, noch Ermnhuunge», er muhte in den Schlitten: aber er war wütend:«So. also vom Karl aus'm Schulzenhof kommst Du? Na. dah auch er dem Dorfgcschwätz und Altweibertratsch zum Opfer gefallen ist, das thut mir wirklich leid!" Während des ganzen Wegs schimpfte er in seinen Bäreupelz hinein. Erst hielt er ihnen noch eine gründliche Standpauke, bevor sie sich zum Stabbur begaben; dann kam auch die Frau mit. Bald vernahm man denselben Lärm vom Stabbur, aber alle gingen trotzdem näher. Voran schritt der Pfarrer, dann kam der Bauer mit seinem Sohn, dann der Knecht; die Frau schloß den Zug. Als sie zur Stabbnrtreppe gekommen waren, rief der Pfarrer in vollem Predigttou:„Wer bist Du?" Es klang ihnen wie ein Notschrei:„Andres Björn!" Dann war es ihnen als wenn Totenstille eintrat sowohl im Stabbur ivie vor dein Stabbur. obgleich der Wind pfeifend sein wildes Spiel trieb. Da faltete der alte Pfarrer die Hände und sandte ein inniges Gebet zu dem hinauf, der Teufel bannen und austreiben konnte, ihm jetzt zu Hilfe zu kommen und alles Tenfelsweseu aus dem Stabbur und dem ganze» Dorfe auszutreiben und den alte» Schulzen in scinenl Grab Frieden finden zu lassen. Da vernahm man innen vom Stabbur ein furchtbares Lachen, daS nach Hohn und Wut klang. Aber ohne Besinnen sprang der Pfarrer die Stabburtreppe hinauf, während die übrigen zitternd mit gefalteten Händen wie im stillen Gebet dastanden. .Zum zweiten, zum dritten und letztenmal frage ich: wer bist Du?" Da kam wieder dieselbe furchtbare Antwort, aber alle standen wie erstarrt, als sie den Pfarrer hineinrufen hörten:„Bist Dn es, Agnes Björn?" Da schlugen alle voll Ueberraschung und Freude die Hände zusammen. Herr Gott, es war ja ihre Magd Agnes Björn, die sin Stabbur eingesperrt war I Endlich fand sich der Schlüssel, der ans der Thüre herausgefallen war und die Thüre wurde aufgerissen. Hätte der Pfarrer nickt so behende seinen Kops zur Seite gebogen, so hätte er eine kräftige Ohr- feige mit der Thüre bekomnieu zum Dank für seine Hilfe. Dann schlicken sie sich alle ins HauS.— Die Magd hatte ins Stabbur gehe» müssen, um sich ein wenig umzukleiden, che sie sich zu ihrer Schwester begab, und hatte ver- gesie», den Holzklotz in die Thürritze zu legen wie es üblich war, dn das Schuappichloh von innen ohne Schlüssel nicht geössnet werden konnte. Der Wind hatte dann die Thüre zugeworfen. Agnes Björn durfte nun im Schlitten des Pfarrers zu ihrer Schwester fahren.— Kleines I?euillekon. en. Daö Kribbeln in den Fingerspitzen ist eine Empfindung, die ohne Zweifel jeder kennt. Man braucht auck kaum daran zu erinnern, daß sie in sehr verschiedenem Grade sich bemerkbar machen kann, von einer ganz leichten und kaum unangenehmen Empfindung bis zu einem Gcsühl einer lästigen Taubheit in den Glied- mähen. Uebrigens ist die Erscheiming nicht auf die Finger« spitzen beschränkt, sondern findet sich auch in den unteren Gliedern. In der Wissenschaft nennt man sie Akroparästhefie und sieht in ihr ein« nervöse Störung, deren eigentliche Entstehung noch recht wenig bekannt ist. Man tvird dieses Kribbeln. selbst wenn es in wirtlich lästigem Maße auftritt, nicht wohl als eine eigne Kraukheii bezeichnen könnesi, wohl aber als ein Anzeichen dafür, daß irgend ettvaö an dem betreffenden Menschen nicht in Orb- nung ist. Professor Joseph Eollins hat an einer Klinik 100 Fälle der Akroparästhesie beobachtet und die daraus gezogenen Schlüsse im„Mcdical Record" auseinandergesetzt. Die Erscheinung ist häufig verbunden mit chronischem Rheumatismus, mit Gicht nnd gichtähnlichen Krankheiten, mit peripherischer Nervenentzündung, Zuckerkrankheit und Lungenschwindsucht. Solche Fälle aber wurden bei der Untersuchung nicht berücksichtigt, da gerade festgestellt werden sollte, lvas daL Kribbeln in den Fingern und Zehen an sich be- deutet, wen» eine derartige Krankheit nicht besteht. Professor Collius berichtet von einem besonders bezeichnenden Fall: Eine 68jährige Frau wurde geraume Zeit während der Nacht je füns- oder sechsmal durch das Gefühl von Taubheit nnd Prickeln in Händen und Armen heimgesucht und dermaßen gestört, dah sie sich jedesmal erhebe» muhte, um diese Empfindlichkeit zu beschwichtigen. wodurch selbstverstäudlich ein gesunder Schlaf mmiöglich wurde. Zurückgeführt wurde dieses eigentümliche Leiden auf eine körperliche Ucberanstrcngung und auf Vcrdaumigsstvrutigcn. Durch Niche imb VeseiligunI der letzteren ivnrde das Ucl>el gehodein Dies Beispiel ist vvn alla.cmcincr Äedcuiiin�, da es die hänftjtste Entstehnini des Prickelns anpiebt. Naineiillich salche Personen, die in ihrer beruflichen Thntigkeit leicht einer Ucdcranstrenpniui der Hände und Arme ausgesetzt sind, ivcrde» davon befallen, außerdem ist es in vielen Fällen eine Folge gastrischer Störungen. Frauen scheinen davon häufiger heimgesucht zu werden als Männer. Als geeignetes Mittel wird der Gebrauch von»crvenstärkenden Bädern cmpsohlen, außerdem die Galvanisicrnng der zu den Armen führenden Nervenstränge, eine Diät zur Regelung der Berdauung und gelegentlich die Anivcndung von Arsenik und Strychnin,— — Wie wirkt der elektrische Schlag? A. Brocca schildert. nach der„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", die Wirkung eines elektrische» Schlages, den er in seinem Laboratorinnr erlitt, in folgender Weise:„Ich wurde infolge eines Muskeltetauns(Starr- krampf) zur Erde geschlendert und versuchte dabei aber doch, mich von den Elektroden frei zu machen. Ich Ivollte auch um Hilfe rufen, aber es entrang sich nur ein unartikulierter Schrei meinen Lippen. Dann verlor ich jegliche Empfindung in Armen und Beinen, und es schien mir, als ob sich die Wände des Saales grün färbten und sich in einem Winkel von 45 Grad gegen mich neigten. Hierauf verlor ich das Bewußtsein. Einer meiner Mitarbeiter eilte herbei und durchschnitt die Drähte, Ivorauf mir das Beivnßtscin zurücklehnte. Ich empfand aber durchaus keine Schmerzen, nur eine starke Angst und Beklemmung, konnte auch gleich wieder gehen. Mir war. als ob ich nur noch Kopf und Beine besäße. Die Fingerbengen blieben noch steif. Als meine Hände berührt ivurden, halte ich eine intensive Kältc-Empfindung, Kneifen, Schlagen ec. merkte ich aber nicht. Nach 3 bis 4 Minuten funktionierten die Armbeuger wieder, nach einer Biertelstunde auch die Fingerbenger. Die Ueberempfindlichkeit gegen Kälte hielt noch eine halbe Stunde an. Beim Umhergehen kam ich sofort außer Atem, und auch das Angstgefühl wich erst nach 14/» Stunden. Nach 48 Stunden waren alle Funktionen meines Organismus wieder vollständig normal.-— Aus der Pflanzenwelt. — Der E» n n e n s ch i r m b a u m(iiusaDga. Smithii), ein in den Kongoländern verbreiteter Verwandter der Brotbüume, bildet nach neuen Mitteilungen von Professor Emil Laurent z» Gemblonx einen der ergiebigsten Qucllbäume Afrikas. Es ist ein hoher Wald- bäum mit großen, ans 15 Blättchen zusammengesetzten Schirm- blättern, der' dadurch ein sehr charakteristisches Ansehen gewinnt, daß aus dem unteren Teile des Stammes eine Menge von Luftwurzeln hervortreten, die ihn wie Stelzen stützen. Die Neger am oberen Kongo sowie die Bajande-Stämme, welche den großen Wald am Unterlauf des Aruwimi bewohnen, wissen den Saftreichtum dieses Baumes wohl auszunutzen, und letztere zeigten dein Berichterstatter die Saftgewinnung durch Anschneiden der Luftwurzeln. Die am Morgen angeschnittenen Wurzeln hörten am Tage auf, Saft abzusondern, aber die untergestellten Gefäße füllte» sich über Nacht, so daß zwei dünnere Wurzeln je 1 Liter, eine etwas dickere 2'/» Liter Saft lieferten. Am folgenden Abend erneuerte man die durch Gummiabsondening verstopften Wunden und versetzte den am Stamme hängenden Stümpfen der Luftwurzeln mit einem Stück Holz kräftige Schläge, um nach sicherer Erfahrung den Saflfluß zu verstärken, und nun gab die große Luftwurzel über Nacht 4 Liter und einender kleineren 2'/» Liter Saft. Die zweite, nicht durch Schläge angeregte kleinere Luftwurzel hatte nur Saft in Höhe einiger Centimeier abgesondert. Die Anregung und Ein- sammlung wird an fünf bis sechs aufeinander folgende» Tagen in gleicher Weife wiederholt, Professor Laurent konnte aber nur das Ergebnis des dritten Morgens abwarten, an welchem die starke Luft- Wurzel 3 Liter und die kleineren je V» Liter geliefert hatten. Jede Bajande-Familie besitzt in diesem quellenarmen Walde eine gewisse Anzahl dieser Sonnenschirmbäume, die ihnen Trink- und Kochwasser liefern.(„Prometheus-.) Astronomisches. — Nur 300 Billionen Kilometer. Der„Frankfurter Zeitung- wird geschrieben: Welcher Liebhaber der Astronomie kennt ihn nicht, den schon in mittleren Fernröhre» gut sichtbaren Ring- nebel in der Leier, der wenig unterhalb des strahlenden Hauptsternes Wega steht. Ein gleichmäßig mit leuchtender Nebclmaterie gefüllter, etwas exccntrischer Ring steht dort, dessen Inneres ganz leer zu sein scheint. Die Photographie hat hier eine wunderbare Aufklärung ge- bracht, denn die lang exponierten Aufnahmen zeigten nicht nur das Ringinnere nicht leer, im Gegenteil, es wurde eine zusammen« hängende Nebelscheibe aufgenommen, die nach der Mitte zu immer heller wurde und genau in der Mitte einen sternartig verdichteten Kern besaß. Der innere Teil des Nebels sendete also vorwiegend ultraviolettes Licht ans, das auf nnsre Augen gar- nicht, auf die Platte aber sehr stark wirkte und die wunderbare ganz unerklärliche Ringform— denn warum sollten die Gasmasse»' des Nebels einen leeren Raum zwischen sich lassen, und nicht vielmehr nach dem Schwerpunkt streben— war durch die sonst beobachtete mid begreifliche Form stärkerer Verdichtung der Nebelmassen nach dem Schwerpunkt zu ersetzt, nur daß hier die innersten und schwersten Gase eine für menschliche Augen nicht wahrnehmbare Lichtart aus- sendeten. Diese centrale sternartige Verdichtung Hat nun ein junger ameri- konischer Astronom Namens Newkirk, der in München seinen Studien ob- Verantwortlicher Rcdacteur: Carl Leid in Berlin. liegt, dazu benutzt, um die Entfernung des Centraisterns und damit die des Nebelfleckes selbst zu bestimmen. Es ist dazu notwendig, die kleinen Verschiebungen zu messen, die der Stern gegen benachbarte schwächere zeigt, wenn zwei Aufnahmen, die ein halbes Jahr aus» cinnnderliegen, miteinander verglichen werden. Dann spiegelt sich die Kreisbewegung der Erde in außerordentlich kleinen sogenannten pa» rallaktischen Verschiebungen wieder, die der Stern ebenso zeigen muß, wie ein rasch bewegter Eisenbahnzug ein weit entferntes Ber'gkirchlcin langsam rückwärts wandern läßt gegenüber einer noch entfernteren hohen Bergspitze. Solche Messungen lassen sich von einem Nebel, der keine scharfen Punkte für die Einstellung des photographischen Meß» apparates bietet, nicht machen und daher war die so wichtige Frage der Entfernung der Nebelflecke überhaupt noch ungelöst. Das Resultat, zu dem Newkirk konunt, ist ein ganz überraschendes. Er findet, daß vom Ringncbel der Leier aus betrachtet der Erdbahnhalbmejser unter einem Winkel von Vro Bogenselunden erscheint, woraus eine Entfernung des Nebels von nur 2 Millionen ErdbaHiiradien— 300 Billionen Kilometern folgt. Diese Entfernung ist in der That außerordentlich klein, da die hellen Sterne 2. bis 3. Größe durchschnittlich in dieser Ent- fernung stehen. Der Ringnebel in der Leier wäre damit eines der uns nächsten Objekte im Weltraum überhaupt. Bisher nahm man an. daß die Nebelflecke zu den weitest entfernten Gebilden der Sternenwelt gehörten, ja daß sie, nur dem Gesanitsystem unsrer Milchstraße vergleichbar, ihrerseits Weltinseln von Millionen von Sternen in unendlicher Entfernung bedeuteten. Allerdings ließ man für die regelmäßig geformten— und zu ihnen gehört der Ring- nebel in der Leier— ihrer Verteilung wegen doch die Zugehörigkeit zu unsrer von der Milchstraße umschlossenen Welt zu. Man wird daher ans diesem einen Resultat keine allgemeinen Schlüsse über die auf die Frage nach der Entfernung der Nebelflecke sich stützende, für die Gestaltung des Universums wesentliche Entscheidung ziehen, ob es außer unsrer Milchstraße noch andre Weltsysteme im unendlichen Räume giebt, oder ob alle Materie in diesem einen System ent- halten sei, dem dann sämtliche Nebelflecke mit angehören müßten; man wird nur mit Verwunderung die so außerordentlich geringe Entfernung des Ringnebels in der Leier seststellen. Aus ihr läßt sich die wahre Große des Nebelfleckes berechnen, der danach 216 Milliarden Kilometer Durchmesser besitzen würde, oder, mit seiner Mitte auf den Mittelpunkt des Sonnensystems gelegt, die dasselbe eingrenzende NcptnnSbahn nach allen Richtungen um das 24 fache des Abstandes Neptun— Sonne überragen würde. Bielleicht ist der Neptun nicht der äußerste Planet und der Ringncbel in der Leier ist also nicht viel größer als nnsre Sonne einst war, als sie noch als Gasnebel weit über die Grenzen des Planeten- systemS sich erstreckte. Weiter fand Newkirk, daß der Nebel sich durch den Weltraum mit einer sekundlichen Geschwindigkeit von 12 Kilo- inetern bewegt, was etwas unter der Durchschnittsgeschwindigkeit ist, die wir für Fixsterubewcgungeu kennen.— Humoristisches» — Scharfe Kontrolle.„Was lesen Sie denn da?- „Die Wetterprognose.- „Aber das ist ja die Zeitung von g e st e r n?- „Jch lese principicll nur die Prognose von gestern; da weiß ich doch immer gleich, ob sie richtig ist oder falsch I-— — A u s g e s o r g t. Bauer(der seit kurzem in die Feuer» Versicherung ging): Brauchst nix mehr so vorsichtig z'sein mit Dein'm Licht, mir sau jetz in der Aseknranz l— — Boshaft. Alte Jungfer: Ich möchte gern in einen hiesigen Verein eintreten. Zu welchem raten Sie mir wohl? Herr: Zum Verschönerungsverein!— („Lustige Blätter.-) Notizen. — Das Berliner Thater eröffnet mit„Alt-Heidel» b e r g- seine Wintcrsaison.— — Fritz Beckmann vom Bellc-Allimice-Theatcr ist für das Secessions-Theater verpflichtet worden.— — Das Trianon-Theater beginnt am 27. September mit dem Lustspiel„Die Notbrücke" von Fred Grvsar und Francio Croisset seine Winterspielzeit.— —„V e r o n i q n e", eine Operette von M e s s a g e r, wird als nächste Novität bei Kroll durch das F e r e n c z y- E» s e m b l e zur Aufführung gelangen.— — Leoncavallo arbeitet an einer lyrischen Komödie „Aphrodite-, die nach dem gleichnamigen Roman Pierre Louys entworfen ist.— — K a l c i u m k a r b i d kann man, der„Technischen Rnndschau- zufolge, ohne Elektricität erzeugen, wenn man den Ofen mit stark sauerstosihaltiger Luft speist. Gasöfen lasten sich nicht ver- wenden, Iveil Wastcrstoff bei 2000 Grad nicht mehr verbrennt, sich im Gegenteil Wasserdampf bei dieser Temperatur völlig in seine Bc« standteile, Wasserstost und Sauerstoff, zersetzt; man muß Coaksöfcn verwenden, Schachtöfen, denen 50prozeiitiger Sauerstoff durch ein Gebläse zugeführt wird. Die Temperatur steigt bis auf 2200 Grad und man erhält gute Ausbeuten an kristallisiertem Kalcinmkarbid.— Druck und Verlag von Max Bading m Berlin.