Zinterhallungsblatt des vorwärts Nr� 144. Sonntag, den 27. Juli. 1902 (Nachdruck»erboten.» C4J Vev ZNÄnksutÄnn. Roman von Hall Ca in«. Autorisierte Uebersetzung. Pete stopfte sich die Pfeife aus der Westentasche und fing an zu diktieren:„Liebes Weib—" Unwillkürlich stieß Philipp eine erstickten Schrei aus. „Man muß anfangen, wie sich's gehört, verstehst Du— Liebes Weib," wiederholte Pete. Philipp nahm sich zusainnren und schrieb die Worte hin, Seine Hand war eiskalt; es fröstelte ihn bis ins innerste Herz hinein. Pete steckte seine Pfeife an und ging, während er den Brief diktierte, rauchend auf und ab. Nancy saß mit dem Strickzeug neben der Wiege, die sie von Zeit zu Zeit schaukelte. „Habe mich sehr gefreut, Deinen lieben Brief zu erhalten und das Hütchen fürs Kind..." „Weiter." sagte Philipp mit erzwungener Gelassenheit. „Schon damit fertig. Philipp? O, Du bist wunderbar stink mit der Feder— hättest Du es auf ihrem Köpfchen sehen können. Du würdest schrecklich gelacht haben. Sie sahen gerade so aus, wie der kleine Johannes der Täufer im Kirchenfenster." Pete hielt mne. Philipp erhob die Feder und wartete. „Schon»nieder fertig? Das geht ja wie der Wind.— „Freue mich zu hören, daß Du so glücklich und behaglich bei Onkel Sepp und Tante Hannchen bist. Sage beiden meine herzlichsten Grüße und achtungsvollsten Empfehlungen. Hier geht alles vortrefflich und ich bin ganz aufgekratzt. Manchmal ist Grannie etivas niedergeschlagen aus Sehnsucht, und Nancy auch; wenn ich ihnen aber sage, daß Du jedenfalls vor ihrem Begräbnis zurückkommst, so ist ihnen das ein großer Trost." „Euer Gnaden sollten doch nicht all sein erlogenes Ge- schwätz aufschreiben," sagte Nancy. „Still, Mädchen I was ist da Schlimmes dabei? Es ist ja nur ein Spaß, um sie in der Fremde bei guter Laune zu erhalten, nicht wahr, Philipp?" fragte Pete und stieß ihn mit dem Ellenbogen. Philipp schtvieg und starrte beim Schreiben wie betäubt auf da? Papier,»vährend Pete paffte und fortfuhr: „Cäsar fischt wieder fleißig in der Bibel nach kurzen Texten. Der Deenister kommt regelmäßig uns zu besuchen und hat auch Dich nicht vergessen. Jin Gegenteil. er denkt immer an Dich und hofft, es wird Dir»vohl bekommen, daß Du Dein Heim verlassen hast."„Eil' ich zu sehr? ja? So Hab' ich Dir's doch zuletzt abgewonnen." Philipps Stirn war mit kaltem Schweiß bedeckt; er sah aus wie ein gehetzter Hund. „Soll ich— muß ich das schreiben?" ftagte er hilflos wie ein Kind. „Natürlich— nur weiter," sagte Pete lachend und blies Rauchivolkcn in die Luft. Philipp schrieb. Die Hand war ihm wie gelähmt; die Feder fuhr zuckend und spritzend über das Papier. „Was mich betrifft, so bin ich nur ein armer Strohwitwer, und wenn Du mich noch länger ohne Frau lassest, wird man mich für einen Junggesellen halten." Pete legte die Pfeife auf den Kaminsims, räusperte sich wiederholt und wurde plötzlich von einem Husten geplagt. „Bin froh zu hören, daß Du bald wiederkommst, Schatz." (Husten.)„Liebste Ltitty, ich entbehre Dich schmerzlich." (Husten.)„Schlechter war's selbst in Kimberlcy nicht."(Husten.) „Wenn ich zu Bett gehe, sage ich:„Wo ist sie diese Nacht?" Und wenn ich aufstehe, denk ich:„Wo ist sie jetzt?" In her finsteren Mitternacht frage ich mich:„Ob sie wohl jetzt schläft?"(Wiederholter Husten.)„Komm rasch nach Hause, mein Herz! Doch nicht bevor Du wieder ganz»vohl bist.— Es hilft nichts, sie zu zeitig zurückzurufen, weißt Du," sagte er Philipp ins Ohr und stieß ihn»vteder mit dein Ellen- bogen. Philipp antwortete zerstreut und fuhr bei der Berührung zusammen, als hätte er sich gebrannt. Petes Husten dauerte fort und das Diktteren begann wieder. „Ich halte hier ein wannes Nest für Dich bereit. Jeder- mann wird Dich mit Freuden begrüßen, und keiner etwas andres als Gutes und Liebes von ,Dir sprechen. So komme denn bald, mein treues Weibchen, ehe das närrische alte Herz Deines Mannes—" Hier hustete Pete heftig. Er regte seinen Hals und der- zog den Mund.„Der Husten, der mir in der Kehle steckt, wird mich noch in Stticke reißen," sagte er.„Holen Sie mir einen Löffel kalten Schelleh, Nancy, das ist gut gegen den Hustenreiz." Nancy nickte über der Wiege— sie war eingeschlafen. Philipp war bleich geworden, ihn schwindelte, er fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Im ersten Augenblick konnte er sich kaum einer furchtbaren Anwandlung erwehren. Er war der- sucht, über Pete herzufallen, ihn zu packen und zu erwürgen. Das Bewußtsein seiner eignen Erbärinlichkeit und Doppel- züngigkett»nachte ihin Pete verhaßt. Gerade die Lauterkeit des Mannes erregte seinen Widerlvillen. Er konnte nicht anders. der letzte Funke voll Selbstgefühl rang verzweifelt in seiner Brust. Dann aber warf er, von grenzenloser Angst getrieber», voll Scham, voll Reue, voll Abscheu vor sich selbst die Feder hin, drückte sich den Hut auf den Kopf, rief„Gute Nacht I" daß es klang wie das Aechzen eines todlvunden Tieres, und stürzte fort aus dem Haufe. Nancy fiihr aus dem Schlummer auf.„Himmlische Güte!" rief sie aus und schaukelte die Wiege heftig mit dem Fuße. „Er ist nun einmal so weichherzig und teilnehmend," flüsterte Pete vor sich hin,»vährend er die Thür schloß.„Der Brief ist aber ferttg und hier ist der Umschlag." VIII. Am folgenden Abend stand der Deemster in seiner Wohnung in der Atholstraße. Er hatte den Hut auf, den Mantel über dem Arm und sah, den Ellenbogen auf das Fensterbrett gestützt, hinab in den Kirchhof. Er drehte Jem, der hinter ihn» stand, den Rücken zu. während er»nit ihm sprach. Ihre Stimmen waren leise, und sie bewegten sich kauin. „Alles gut oben?" fragte Philipp. „Ganz gut. Euer Gnaden." „Heiterer und zufriedener?" „O ja, außer»ve»n Euer Gnaden auswärts ist. Der Deemster ist tvieder da l" pflegte sie zu sagen, und es leuchtet in ihrem Gesicht»vie Sonnenschein an einem Regentage." Philipp schwieg einen Augenblick, dann sagte er mit kaum hörbarer Stiinme: „Sorgt sie sich nicht mehr so sehr um das Kind, Jeminy?" „Sie möchte fortwährend wissen, wie es ihm geht. Ist er heute in Ramsey gelveseu? Hat er die Kleine gesehen? Ist sie wohl? So geht's ohne Aufhören." Der Deemster schwieg abeimals, und Jem wollte sich mit einer tiefen Verbeugung zurückziehen, als sein Herr wieder anhob:„Jemmy, ich gehe ins Gouverncmentshaus und komme vielleicht erst spät wieder. Lleiben Sie meinetwegen nicht auf." Jem antlvortete leise:„Jemand bleibt Ihretwegen immer auf. ob ich es thuc, ob nicht.„Er ist nun zu Hause," sagt sie dann und schlüpft in ihr Bett." Philipp murmelte dumpf und heiser:„Die Karaffe ist leer. Setzen Sie mir eine neue Flasche hin." Dann ging er zur Thür hinaus, vermied aber dabei, seinen Diener an- zusehen. Er fand den Gouverneur ebenso aufbrausend wie das letzte Mal und bereit, über ihn herzufallen, bevor er noch Zeit gehabt hatte, ein Wort zu sagen. „Wie ich höre, Deenister. soll ja der Führer des Auf- standes eine Art Verwandter von Ihnen sein. Sie werden doch wohl im stände sein, den Mann von sernen» Vorhaben abzubringen." „Ich habe es versucht, Exccllcnz, doch vergeblich," er- »viderte Philipp. Der Gouverneur warf den Kops in die Höhe.„Man hat mir gesagt, daß der Mensch nicht einiual seinen Namen schreibe» kann," sagte er. „Das ist wahr." „Ein ganz imwissenber und ungebildeter Bursche." „Nichtsdestoweniger ist er der klügste und stärkste Mann der Insel," sagte Philipp bestimmt. Der Gouverneur runzelte die Brauen, und die Pocken- narben auf seiner Stirne traten stärker hervor.„Dieser klügste und stärkste Mann wird sedoch die Insel verlassen müssen," sagte er. Philipp gab keine Antwort. Er war gekommen, sich der Fischer anzunehmen, sdoch sah er ein, daß es vergeblich sein würde. Der Gouverneur, den er nach Tisch allein in dem Speisezimmer getroffen hatte, steckte die rechte Hand in seine Weiße Weste und sah Philipp mit strengen, zornigen Blicken an. „Deemster," sagte er,„wenn Sie diesen gemeinen Halunken nicht Einhalt thun können, wie Sie behaupten, so können Sie doch etwas anderes thun— ihn sich selbst über- lassen." „Oder vielmehr I h n e n I" erwiderte Philipp mit Nach- druck. „Nun ja— mir, und wer hätte wohl ein besseres Recht? fragte der Gouverneur hitzig. Philipp hielt an sich. Er schwieg, und sein Schweigen konnte für Unterwerfung gehalten werden. Der Gouverneur knackte sich ein paar Nüsse auf, und während er sie zerkaute, begann er einen andern Ton anzuschlagen. „Es würde mir wirklich sehr leid thun, Mr. Christian, wenn zwischen uns beiden nicht alles beim alten bliebe. Wir sind bisher gute Freunde gewesen, und Sie werden zugeben, daß Sie nur einiges verdanken. Sehen Sie denn nicht ein, daß dieser Mann meinem Ansehen schadet, mich in den Augen der Insel heruntersetzt? Wenn Sie das möglichste gethan haben, um ihn zu hindern, sich selbst den Strick zu drehen, so fallen die Folgen auf sein Haupt." „Wieso?" fragte Philipp, ohne die Augen, vom Boden zu erheben. „Sie haben dann gegen den Mann Ihre Pflicht erfüllt, sage ich. Schenken Sie. sich doch ein Glas Wein ein." iFortiehunq folgt.) SmulkÄgsplmidrvet. Der Chemiker Dr. Berger saß in seinem Laboratorium, einem engen Hofzimmer eines großstädtischen Riesenhauses, mitten zivischc» seinen Retorten und Tiegel», in dieser ivifsenschaftlich dünstenden Lust, die von beizenden Gasen erfüllt war. Dr. Berger aber merkte nichts von Enge nnd übler Lnft, er holte sich aus einem Kämmerchen einen kleinen runden Tisch, deckte ihn mit einem sauberen weißen Tuch, und legte auf ihn mit einer fast religiösen Andacht ein braun glänzendes' knuspriges Brot. Daun schnitt er von ihm ein Stück ab, nahm es in den Mund nnd genoß es mit einer langsamen Innigkeit, wie nur je ein edler Trinker einen besonders feinen Wein schlürfen mag. Dieses Brot sah zwar ans wie jedes andere, aber es steckte in ihm ein getvaltiges Geheimnis, es barg nicht nur eine völlige Um- wälznng der bisher sehr bescheidenen persönliche» Verhältnisse des Gelehrten, sondern eine allgemeine ökonomische Umgestaltung, deren letzte Wirkungen noch gar nicht zu crmessen waren. Dieses Brot war das Ergebnis einer fünfzehnjährigen, unermüdliche» Arbeit. Dr. Berger hatte sich während der ganzen Zeit elend durchgehungert, er hatte Tag und Nacht über nichts andres als seine Erfindung ge- sonnen. ES gab Tausende von Mißerfolge, oft, wenn er sich nahe am Ziel glaubte, zerrann der Erfolg ivie ein höhnischer Spuk, bis- weilen halte er in trüben Augenblicken selbst mit dem Schränkche» geliebäugclt, in dem er die gefährlichsten Gifte aufbewahrte. Und nun war die Mühsal doch belohnt worden. Dort lag das erste Brot vermenschliche n Geschichte, das ans gewöhiilichem— Brennholz gebacken war, und es schmeckte unvergleichlich, ivar leicht verdaulich, wirkte magenstärkend, bildete reichlich rote Blut- lörperchen nnd kostete nicht viel mehr wie Lnft und Wasser. Um den Leser, der noch iveniger von Cheinie verstehen sollte als ich, über die Bedeutung der Erfindung Dr. Bergers einigerniaßen aufzuklären, füge ich erläuternd ein: Die Cellnlose des Brotniehls, des ivichtigsten menschlichen Rahrungsmittels, ist chemisch gleich der Cellnlose, ivie sie im Halm des Getreides, im Holz der Bäume, in allen Gräsern und Blättern enthalten ist. Es ist dieselbe chemische Identität ivie zwischen Diamant und Kohle. Aber der menschliche Magen erkennt diese Gleichheit des Brotinehls nnd der andren Cellulose nicht an, und so sind denn aus der ungeheueren Produktion von Cellnlose nur die Ivinzigen Körner in der besonderen Erjcheimmgs- form der Gctreidefrüchte für die menschliche Nährung zu verwerten. Gelänge es nun. jede Cellulose in Brotmehl zu verwandeln, so sind nicht nur die Körner, sondern auch die Geireidehalme, jeder Baum» stamm, Reisig, Sägemehl, Torf unmittelbar für die menschliche Er« nährung zu gebrauchen, und damit würde Mehl und Brot in uu- erschöpflicher Fülle für einen kann, nenncnslverte» Preis fabrikmäßig erzeugt iverden können, vorausgesetzt, daß der chemische Berwand- Inngs-Prozeß nicht zu kostspielig. Dr. Berger war diese Unnvandlnng gelungen, er versetzte die Cellnlose des Holzes in eine Form, die der menschliche Magen der- bauen kann, nnd der Prozeß erforderte äußerst geringe Mittel, da es sich im wesentlichen nur um ein geistreich ersonnenes Belichtung-- und Erivärmnngs-Vcrfahren handelte in Verbindung mit der Ein« Wirkung eigentümlicher Tomvelle», die mit jeder Kindertrompete er- zeugt iverden konnten... Der Chemiker ivar ein Forscher, jedoch kein Geschäfts»'«»». Er hatte aber in einen: kleinen Kramladen der Nachbarschaft, in den: er bisiveilen Kragen oder sogar Unterhosen eingekauft hatte, einen Ver- käufer kennen gelernt, der zwar Müller hieß, doch nichtsdestoweniger zu Höherem bestimmt war. Mit dem hatte er seit langem die kapitalistische Verivertung der Erfindung besprochen, und an diesem Abend des erstem Holzbrotes ging Dr. Berger zu dein jungen Mann und ver Kriegsplair wurde abgeschlossen. Müller kannte einen Buch- Halter der größten und solidesten Bank des Landes, dieser Buch- Halter eröffnete ihn: den Zugang zum jüngsten Direktor der Bank, der zwar Schulze hieß, indessen in dem Geruch der Genialität stand. Schulze empfand längst die philiströsen Gcivohnheiten seines Instituts als lästig und er fürchtete die Ueberrcnnnng durch die ivage- inutige Konkurrenz. Die erste Unterhaltung mit Müller festigte sogleich den Entschluß, wie er die Bank auf die Höhe der modernen Zeit bringen könnte.... Nach ein paar Wochen war das«Patent Bcrger" die größte Sensation der Gegcnlvart. Die Zeitungen besprachen im politischen Teil die Wirkungei: der Erfindung auf die Entwickelmig der Gesellschaft nnd der Parteiverhältnisse, im Feuilleton ivnrde der ivissenichaftliche Wert erörtert, und im Handelslcil wurde die epochale finanzielle Be- deutnng in größtem Stil schwungvoll gefeiert. Im Inseratenteil aber erschienen Riesenanzeigen über die«Internationale S p e i s e h o l z- A k t i e n g e s e l I s ch a f t(Patent Bergcr), Direktor Müller". Einige hundert Professoren hatten als Sachverständige ihr Gutachten dahin abgegeben, daß das nach den: Patent Berg'er hergestellte Holzbrot— der Centner stellte sich ans 2'/e Mark— weit nahrhafter»nd bekömmlicher sei. als das bisher aus Körnern hergestellte. Die„Internationale Speiseholz-Gcsellschast" gründete fast in jedem Dorf, in dessen Nähe ein kleines GeHolz oder Torfboden ivar, eine Tochtergesellschaft. Ein dichtes Netz von solchen Ablegern erstreckte sich über die ganze Erde, vom Nord- bis zum Südpol. An Stelle des eingestürzten Campanile Ivnrde selbst in Venedig eine Speischolz-Fabril errichtet, deren Beziehungen zur Mnllerschen Gesellschaft»icht unbekannt waren. Das Publikum prügelte sich um die Speiseholz-Aktien. Ein Dutzend Papier- nnd Färbfabrike» waren ständig in Thätigkeit, um das Material für die Aktienherstellnng zu liefern. Die Dividenden schwollen lawinenhast. Das Aktienkapital wurde jeden Monat ver- doppelt. Dr. Bergcr hatte sich inzwischen wieder in sein Laboratorium zurückgezogen, nachdem man ihm sein Patent mit allen Rechte» für 3000 Mark 75 Pfennig— die Hälfte in Aktien der Speiseholz-Gesell- schaft zum Noniinalivert— abgekauft hatte. Einen besonderen Einfluß hatte die Entdeckung übrigens auf die Zeitungsindustrie. Die Presse war ja nun genießbar geivorden. Man hob die Zeitungen sorgfältig auf, brachte die Makulatur am Ende jeden Monats in die nächste Holzbrotfabrik, wo die Cellulose von der Verniireinigung durch die Druckerschwärze gesäubert und dann in Brotmehl verwandelt wurde. Eine Fainilie konnte ihren Brolbedarf so zieinlich durch das Zeitungspapier decken. Gleichzeitig mit dem nngeheuren Aufschivung des Müllerschen Unternehmens entwickelte sich auch die Bank, seitdem Schulze der Generaldirektor geworden war. Auch sie verteilte riesige Dividenden, und das Aktienkapital wuchs binnen kurzer Zeit in die Milliarden. Müller und Schulze galten für die größte» Finanzheroeii des 20, Jahrhunderts: ihre gemeinsamen Beziehungen kanute niemand. ** * 4 So stand alles in wundervollem Segen, da erschien eines Tages in einer Zeitung ein Artikel des Pros. Verifatzky, der mit kühler Ruhe nachwies, daß die»icrklichc Verschlechterung des allgemeinen Gesund- beitsznstandes lediglich durch das Holzbror herbeigeführt sei, das in Wirklichkeit keine der ihm nachgerühinten Eigenschaften besitze, sondern völlig unverdaulich sei. Einen Tag später brachte der Handels- redakleur des Blattes andeutende Betrachtungen über größenivahn- sinnige Gründerei und er sprach de» Verdacht aus, daß die Schnlzesche Bank das höchst unsolide Müllersche Unternehme» finanziell anshalte. Das Publikinn wurde beunruhigt. Aber Müller ließ hundert neue Gutachten von ersten Autoritäten aufmarschieren, die bündig zeigten. daß der Prof. Verifatzky ein mißgünstiger Narr, wenn nicht ein von der Konkurrenz bestochener Schuft sei: zugleich kündigte die Speise- ! bolz- Gesellschaft abennals gesteigerte Dividende und eine iveitere Verdoppelung des Kapitals an. Schulze aber erklärte namens seiner Bank, sein Institut sei überhaupt nur mit 50 000 Mark an der Speiseholz- Gesellschaft beteiligt: auch die Bank brachte Iviederum eine höhere Dividende aus und steigerte ihr Kapital um dreiviertel Milliarden. Indessen Prof. Verifatzky nnd der Handelsredaetenr ließen nicht locker. Immer schärfer ivnrden ihre Angriffe— und eines furchtbaren Morgens lag das Müllersche Unternehnien und die Schnlzesche Bank zusammengebrochen am Boden. Niemand hatte mehr Speise- holz essen wollen; die Aktien der Speiseholz-Gcsellschast waren völlig entwertet, man konnte sie ja nicht einmal mehr verzehren, weil sich das Patent Berber als Hnmbng erwiesen hatte. Das entsetzte Publikum erfuhr, daß die Bank mit 4 Milliarden bei dem Schwindel- unternehmen Müllers beteilig! war. Ungeheure Vermögen und Er- sparnisse waren verloren gegangen. Und das schlimmste war: die Besitzlosen standen grinsend'und hohnlachend da:»Das also ist Eure kapitalistische Ordnung— Schwindel nichts als Schwindel 1" Die finanziellen Schiebungen waren in der Tbat ebenso kolossal wie unentwirrbar und skrupellos. Die öffentliche Meinung raste ob so fürchterlicher Verwahrlosung, am lautesten die Presse, die von den ander» Banken und Jndustriegründungen subventioniert war. Diese Müller und Schulze wurden als die ivahnsinnige» Schinder- haimesse des sonst so soliden kapitalistischen Geschäfts an den Pranger gestellt. » Müller und Schulze kamen vor das Schlvnrgericht. Selbst die Verteidiger fanden kein Wort fiir mildernde Umstände. Die Ver- Handlungen dauerten ein ganzes Jahr. Jeder Tag enthüllte neue Verbrechen der beiden Schurken. Staatsanivalt, Richter und Gc- schworene bekamen sämtlich vor Wut über so viele Gemeinheit Gallensteine und Leberleidcn— auch sie hatten bei dem Zusammen- bruch schwere Verluste erlitten. Die Znjchanertribüne mußte mehr- mals geräumt werden, weil das erregte Publikum die Angeklagten mit faulen Eiern, Speischolzbroten und Bank-Aktien-Ballen bewarf, die mit Schwefelwasserstoff durchtränkt waren. Endlich kain der letzte Tag. Die Geschivornen hatten sich zurück- gezogen. Das Publikum barst schier vor Spannung. Trotz aller Verluste sah man überall ein triumphierendes verbissenes Lächeln: Unter 20 Jahren Zuchthaus, so frohlockte nian, würden die beiden Schufte nicht davon kommen I Die Geschivornen kamen in feierlichem Zuge in den Saal. stumm, gclblich-grü», schwitzend; von ihrer düsteren Stirn las man das:«Schuldig I' Eben wollte der Obmann den Spruch beginnen. Da entstand draußen ein Lärm. Herein stürzte, verfolgt von den Gerichtsdiener»--- Dr. Berger. Er stellte sich unmittelbar vor die Geschivornen und sprach in atemloser Hast das Folgende:«Verzeihung, meine Herren, daß ich Sie so geivallsam störe. Aber ich muß Jhuen mit- teilen, daß ich soeben nieine Erfindung vervollkommnet habe. Das frühere Holzbrot litt in der That an einem Fehler. Jetzt ist auch der beseitigt. Ich bin so glücklich, mich auf das Zeugnis des Herrn Professor Verifatzky selbst berufe» zu können, der freudig auerkennt, daß das verbesserte Holzbrot alle Vorzüge des natürliche» Brotes besitzt, es aber bei w'citem durch Billigkeit, leichte Verdaulichkeit und Geschmack übertrifft. Ich überlasse auch dieses Patent meinem so schtver geprüften Freund Müller." Das Gesicht des Obmanns leuchtete aus; er verständigte sich, ohne den Saal zu verlassen, schnell mit seinen Kollegen, dann ver- kündete er laut und heiter:«Nicht schuldigl" Darauf ivurden Müller und Schulze freigesprochen. Geschworuc. Staats- anwalt und Richter schüttelten ihnen glückwünschend die Hände und boten ihnen für ihr neues llnternehincn den Rest ihrer Vermögen an. Das Publikum durchdrang jubelnd die Schranken und trug die beiden Entlassene» begeistert ins Freie. Dr. Berger aber ging still seines Weges. »« » Daö neue Holzbrot bewährte sich in der That. Müller und Schulze wurden wegen ihrer Verdienste um das Vaterland bald geadelt; sie erhielten den höchsten Orden und waren zeitweilig Minister. Als sie ziemlich z» gleicher Zeit starben, ivnrdc ihnen auf dem größten Platz der Hauptstadt ei» Denkmal errichtet. Es war ein nationaler Gedenktag. In den Volksschulen wurden Biographien der Recke» verteilt, die also schloffen:«Das Schicksal dieser beiden Männer zeigt, aiisi welche Höhen Fleiß, Umsicht, Tapferkeit und strenge Redlichkeit zu führen vermag. Ihr schönster Ruhin aber ist, daß sie mit echt deutscher Treue und opfermütigcr Zähigkeit ihrem einmal gefaßten Ideal unbeirrt, zum Heile der Menschheit, folgten. mochten auch Neid, Unverstand und Mißgunst die genialen und mutigen Männer selbst bis an die Pforten des Zuchthauses schleppen. Der herrliche Sieg ward ihnen dennoch!*— Joe. Kleines Feuilleton. -w. Die alte Berliner Stadtmauer ist der heranwachsenden Generation fast ebenso unbekannt wie etwa die chinesische Mauer. Und doch hat auch Berlin seine Mauer gehabt, gleich ander» deutschen Städten und die Geschichte dieser Mauer ist ein Stück Geschichte Berlins überhaupt. Diese Mauer, mit einem doppelten nassen Graben. begann an der Spree und lief mit der heutige» Neue» Friedrichstraße, deren ganzen Bogen beschreibend, bis zum Ufer an der Friedrichsbrückc. Ihren Anfang bezeichnete ein runder Turm und ein viereckiges Thorhans sperrte nach dein Osten zu den Ausgang. Ein zweiter Turm erhob sich an der Ocffnung der Waisenstraße nach der Neuen Fricdrichstraße. Hinter der Klosterkirche machte die Mauer eine Biegung und lief, durch einen dritten Tnrni geschützt, zur Königstrnße,>vo das Königsthor lag. Bon dort lief sie iveiter zu der Stelle, wo die Klostcrstraßc und die Nene Friedrichstraße zu- sammenstoßen. Hier schützte tviedcr ein starker Turm die Mauer, welche dann schnurgerade auf die Spree stieß. Dazwischen lag das van einem runden Turm gedeckte Spändauer Thor und am Spree- Ufer, nahe der Börse, schützte ein weiterer Turm, der Mönchtnrm, die Mauer. Von dem östlichen Thore lief die Mauer glatt bis zur Kleinen Stralauerstraße. Hier stand ivieder ein runder Turm. Von, Mönch- türm verlief die Mauer hinter der Burgstraße, von zwei Türmen geschützt. Von dem Turm an der Kleinen Stralauerstraße ging eine Schanze ins Wasser hinein. Bei der Bcsestigiing der Köllnischen Seite war die Natur den Bürgern zu Hilfe gekommen. Ein hochgelegener Platz um die Petri- kirche beherrschte hier den Flußlauf, um gegen Südcu und Westen hin zu einem Gewirr von Sumpf und Wasserläufen abzufallen. Vom Ende der Fischerstraße, wieder mit einem Turm begrenzt, zog sich die Mauer iii der Flucht der Friedrichsgracht, im Bögen des Wassers, vis über die Spreestraßc hinaus. An der Roßstraße lag wieder ein Thorhans, das Köpnicker Thor. Zwei größere Tünne und sieben Weichhäuser begleitete» dann den Mauerlauf bis zum Gertraudten- oder Teltolver Thor. Bis zur Sprecstraße wies die Mauer wiederum 10 Weichhäuser auf, zwischen Sprccstratze und Jungfern-Brücke erhob sich ein größerer Tun» und dann verlief die Mauer zwischen Brüdcrstraße und Mtthlcikgraben nach der Stcchbahn hin. Die Beschreibung von 1030, »ach der ivir gehen, läßt hier die Mauer sich verlaufen. Hier hat eben 1442 der Kurfürst, als ihm die Berliner den Grund und Boden zuni Schloßban abtreten mußte», die Befestigung abgerissen und sich die Stadt geöffnet. In dein«Historischen AtlaS von Berlin", den I. M. F. Schmidt 1838 herausgab, führte die Berliner Mauer in der Richtung der Stechbahn und der Schloßfreiheit bis in den Lustgarten. Hier stieß sie in einem rechten Winkel an die Spree und traf mit dem oberen Ende der Mauer von der Friedrichs-Brückc her zusammen. So waren also Berlin und Kölln durch eine starke Befestigung wohl verwahrt. Berlins Um« mauening ist vennntlich bereits im 13. Jahrhundert vollendet gewesen. Ans einer Urkunde von 1319 schließt Holtze, daß Berlin damals bereits ummauert war. Diese Berliner Mauer bestand in ihrem Unterteile ans großen, fest vermauerten Feldsteinen, während oben das Material ans Backstein gewonnen war. Nicht durch» gängig aber doch an den meisten Stellen ivar sie sechs Fuß dick. Mit kunstvoller Ausziernng konnten sich die Erbauer nicht abgeben, galt es doch rasch zu arbeiten. So wurde denn zunächst eine bloße Mauer mit einem einfachen Graben gebaut. Die Feldsteine wurden herbeigeschafft und die in der Nähe befindliche Ziegelerde nutzbar gemacht. Dabei arbeiteten nicht nur die Bürger mit ihren beim Ackerbau benutzten Gespannen, sondern die Stadt zwang auch die dienstpflichtige Banenischaft zn harter Fronde, wie ja überhaupt an den Befestigungsbauten, ivelche die Stadtherre» jener Zeit ausführten, Thränen und Schweiß der Bauern klebten. Auch die Markgrafen leisteten dem Mancrbau alle Hilfe, denn eine feste Stadt im Rücken zu haben, ivar für die Aufrcchterhaltung ihrer Macht in der Mark draußen von höchster Wichtigkeit. Da man Eile mit der Herstellung der Mauer hatte, so haben die Erbauer die Tünne zum Teil erst später hergerichtet. So ist dies z. B. mit dem Mönchturm der Fall. Auch der Wall vor der Mauer und der zweite äußere Graben ivurden erst später angelegt, als die Stadt sich für ihre Rechte und Privilegien zu wehren begann. Hinter dieser Mauer und diesen Türmen lag viel Reichtum, Macht und Bürgertrutz. Die Gewalt lag in den Händen der städtischen Geschlechter, die stolz auf ihre zahlreichen Vorrechte pochten, welche»m so größer waren, je weniger Einfluß die staatliche Gewalt hatte. Der Landbesitz der Stadt erstreckte sich bis iveit in die Um- gegend, der Handel füllte die eisenbeichlagenen Truhen mit seinen Ucberschüssen; kein Wunder, daß dieser Stadtadel und dieses Bürger» tum stolz waren. Aber ihre Macht brach zusammen, als die neuen Herren der Mark erst die Junkermacht überwunden hatten. 1442 ivurden den Berlinern ihre besten Rechte genommen, die köllmsche Mauer wurde niedergelegt und der Schloßbau schob sich als Zwingburg in sie hinein. Der Stadtgraben wurde an jener Stelle zum Burggraben und richtete sich nun gegen die Stadt. Die beiden Türme, die zu dein gebrochenen Stadtmauerstück gehörten, wurden Außenwerke deS Schlosses. Die kurfürstliche Befestigung mit Zugbrücken, Mauern und Türmen, Geschützen und Geschossen, Besatzung und Burgmannen erhob sich bald inniitten der Stadt und konnte bereits anfangs 1481 von dem Kurfürsten bezogen werden. Diese Unterwerfung deS trutzigen Berlins erregte weithin Aussehe». Aber mit der Stadt« maucr war auch der Bürgerstolz zusammengebrochen und Berlin hatte jetzt kein Interesse mehr an der Aufrechtcrhaltung der weiteren Stadtmauer, die nun rasch verfiel. Die zahlreichen Ermahnungen und Befehle, die seit Mitte des 16. Jahrhunderts an die Berliner ergingen, zur Instandsetzung und Erhaltung ihrer Mauer, sind der treffende äußere Beweis dafür. Mit dem Wachsen der Berliner Bevölkerung wuchsen die Häuser« bauten über die Mauer hinaus. Da sie dicht vor den Thoren an den großen Landstratzeu lagen, verhinderte» sie in jeder Weise die wirksame Veneidigniig der Stadt. Die Türme benutzte man als Strafgcfängiiisse, die Weichhäuser waren an arme Bürger vermietet. und an die innere Mauer waren mit Vorliebe Hänser angebant worden, weil auf solche Weise der sparsame Besitzer die Hanshinterwand sparte. Als die Söldner- Heere des 30jährige» Krieges nahten, versuchten die Bürger so viel als möglich an der Befestigung zu bessern, ohne jedoch viel zu erreichen. Die Kricgshorden konnten sich über die fast wehrlose Stadt ergießen. Unter dem Kurfürsten Friedrich Wilhelm begann man Berlin durch Neimufrichtung von FestnngSiverken, zu befestigen. I» der Folgezeit verfchivand die alte Mauer mit ihren Thiinnen bis aus den letzten Rest. DaS KönigSthor fiel zu Ansang dcS IS. Jahrhunderts, das Stralauer Thor ließ Friedrich Wilhelm I. fortnehiuen, das Spaudauer Thor sank 1718, der gcivaltige Mönchturin sank schon 1704. Aber noch beim Bau der heutige» Börse fand man seinen Grundba» und mußte ihn ent- fernen. Die Köllnische Stadtmauer war 1680 niedergelegt worden. So verschwand im Wandel der Zeiten die Berliner Mauer, das tmtzige Wahrzeichen bürgerlicher Macht. Aber noch bis in unsre Zeit erhielten sich Reste von ihr, bis die nnabläsfige Erneuerung, welche die wachsende Stadt auch in ihrem Innen» vornehmen nnißle, auch diese beseitigte. Heilte erinnert nichts mehr an diese ver- gangene Zeit.— — Der Dinkel und die Alcmanueu. Der„Frankfurter Zeitung" wird von einem Mitarbeiter geschrieben: Es ist nicht allgemein bekannt, daß der schiväbisch-alcinaunische Südwesten des Deutschen Reiches eine besondere Brotfrncht hat. Während in Nord- nnd Mitteldeutschland sowie in Bayern der Roggenbau'.weitaus überwiegt, herrscht in Württemberg, in den angrenzenden Teile» Badens, des Elsasses und der Schlveiz, sowie im bayrischen Schwaben der Dinkel vor, auch Spelz genannt und von den Botanikern olS Tiiticum spelta L. bezeichnet. Namentlich in Württemberg dient der Dinkel vielfach fast ausschließlich als Brolsrncht; in der Schweiz wird er einfach als„Korn" bezeichnet, also als Brotgetreide(krumontum) in» eigentlichen Sinne. Der Dinkel sieht dem Weizen sehr ähnlich, ist ihm auch nahe verivaudt; das Dinkclnichl wird dem Weizenmehl gleichgcstelit. Wer freilich au daS kräftige und würzige Roggenbrot Mittel- und Norddentschlands gewöhnt ist, ivird dein Dinkelbrot nicht leicht Geschinack abgelviuncln Dinkel, Einer und Einkorn faßt man unter dem Name» Spelztveize» zusammen! vom eigentlichen Weizen»uiterschcideu sie sich dadurch, daß die Körner beim Dresche»» in den Spelzen eingeschlossen bleibe». Der Spelztveize»» muß daher, ehe er ans den Markt und zum Verbrauch gelang», in der Mühle ge- gerbt, d. h. von der Hülse befreit werden. Die geschälte Frucht führt den Skamcn Kernen. In den ramanischen Ländern»nid in England stehi der Wcizenban an erster Stelle. Die immerhin atiffallendc Er» scheinnilg, daß ein ziemlich eng begrenztes Gebiet, da» südwestliche Deutschland, sich ans dem Gebiete dcS Getreidebaues deutlich nach allen Seilen hin abgrenzt, ist wohl bekannt gewesen, hatte aber eine genügende Erklärung noch nicht gesunden. Im neuesten Heft der „Wiirttenibergischeil Jahrbücher" veröffentlicht nun Dr. Robert Grad- »raun ans Grund eines reichen Qnellenlnaterial» eine cingehende llntersuchluig, deren Ergebnisse ivir hier kurz skizzieren wollen. Das Verbreitnngsacbiet des Dinkels ist danach Ivcscntlich dasselbe geblieben»vie in» frühen Mittelalter. Aus Thatsachen der physi- kolischen Geographie ist die Verbreitung des Dinkelbaucs nicht zu erNärci», sie ist vielmehr in erster Reihe historisch-ethnographisch bedingt, und zwar zeigt sie die eugsteii Beziehungen zum Wohn- gebiet dcS schwäbisch-aleinmuiischen Voiksstammcs. Diese Beziehungen find mir zu begreifen, falls»nm» den Nrsprling des schwäbisch-alenia»»- »ischc», VotleS annimmt. Daß die Alten den Dinkel bereits gekannt und angebaut habe,», wie»nnn bisher zicnilich allgemein aimahii», ist weder durch die Liiteratnr, noch durch die archäologischen Funde bewiesen oder»mr wahrscheinlich gemacht. Wahrscheinlich ist die von den Alten angebaute Frucht der En»er(Triticum di coccum) gewesen. Dagegen scheint der Dinkel, ebenso wie Roggen und Hafer, zuerst von den baltischen und germanische»» Böllen» angebaut»md erst durch die Germanen de» Römern bekannt gcil'orden zu sein; insbesondere ist es wahrftheinkilh, daß der Dinkel von den Lleulatmen nach Süd- Westdeutschland gebracht ivnrde und innerhalb ihres StmnmeSgebictes sich dancnid behauptet hat. Gegen die Annahme, daß der Dinkel von den Römern übernommen sei, spricht die erfahnmgS- mäßige Thalsache, daß die einjährige Killtnrpflmize am Be- balier, nicht an der Scholle haftet; auch sollte man denken, daß dann gerade die romanischen Völker heute den Dinkel noch bauen müßten, während er doch auf ihren» Gebiete sich nirgends zeigt. Die AnS- fühtimge» Dr. GradmnniiS verdienten ivohl eine Ergänzung nach der sprachlichen Seite hin. Auf diesen» Gebiete»st es vielfach noch recht dunkel. Der schriflmnßigc. anch am Rhein landesübliche Name der Frucht ist Spelz, das althochdeutsch solvohl als»vir als spelta vor- konmit»iid nm dieser Doppelfonn loillen der Entlehnung ans lal.- »tal. spelta verdächtig erscheint. Heyne»nid Kluge iiehiiici» auch Ent- lehimiig an,»vähreiid Schade das Wort sür germanisch hält. Auffallend ist jedensnlls, daß das lat. spelta erst in, 4. Jahrhundert auftritt und eine besricdigende Erklärung nicht gefunden hat. lieber die Herkunft von„Dinkel" läßt sich nicht viel niehr sagen, mir sieht seine deinsche Abkmist Ivohl fest. Außerdem gicbt es aber für den Dinkel iioch eine Reihe ieillvcisc cthymologisch dunkler Synonyma, wie Korn in der Schlveiz, Vesei» in einem Teil Schn>abeiis. Andacht in Kurhesseii,»vo in einigen»venigen Dörfern Dinkeldau vorkoinnit. Zweifellos sind i» den deutschen Mnndarten noch andre Bezeichnnngeii verborgen.— Physiologisches. cc. D» e Rolle des Stilkstoffs bcin» Stoff Ivechscl. Tllier vo» den ErnährnngLsaktoren, die den Gelehrten viel zu schassen »nochcn, ist u. a. auch der Slictsloff. Stickstoff wird dem Körper in Weraiuwortiicher Nevacreur» Carl Leid in Berlin. den Eiweißstoffen zugeführt, die besonders i» den animalischen Nahnnigsinitteln reichlich vorhanden sind. Durch de» Lebensprozeß ivird das Material des Körpers beständig verbraucht und»miß daher aiich stets erneuert werden. Die verbrauchten Bestandteile werden teiliveise mit dem Blut nach den Lungen geführt und beim Ausatmen ausgeschieden, teiliveise verlassen sie den Körper»n den Ausdünstungen durch die Haut»nd teilweise durch die Harn» blase. Nur bcin» Ausatmen und durch die Haut stößt der Körper gassörinige Bestandteile ab, die er nicht mehr drancht. Ob sich aber hierbei freier Stickstoff befindet, resp. lvie viel, das ist eine noch un- entschiedene Streilfrage. So viel ist sicher, daß jedenfalls>mr ein geringer Bruchteil des ansgeschiedencn Stickstoffes den Körper in GaSsonn verläßt, während der größte Teil des ans der Zersetzung von Eiweiß stammenden Stickstoffs sich im Harnstoff vorfindet; ob der Stickstoff ausgeatmet oder ausgedünstet ivird. ist»och eine offene Frage. Die Versuche verschiedener Forscher haben hierbei zu teiliveis entgegengesetzten Nesiiltaten geführt. Prof. Seegen sucht die Ausinertsainkeit der Gelehrten von neue»» auf diese Frage zu lenlen. Er selbst fühlt sich zu alt, die Versuche, die er vor 30 Jahren mit einem inzwischen verstorbencii Freunde, Nowak angestellt hat, in verbefferter Form zu wiederholen; deshalb hat er der Wiener Akadenue der Wissenschaften 3000 Kroiien für diesen Zweck zur Verfügung gestellt. Infolgedessen hat dieselbe einen Preis dieser Höhe für die Feststellung ausgeschrieben,„ob ein Bruchteil des Stickstoffs der im tierischen Körper uuigcsctzten Albuiniuate sEiweiß» stoffe) als freier Stickstoff in Gasform, sei es durch die Lunge, sei es durch die Haut, ausgeschieden ivird". Die Arbeiten sind bis zum 31. Januar 1904 an die Kanzlei der Akademie in Wien einzuseuden. Die Entscheidling der Frage hat leineswegs nur wissenschaftliche Be» dcntiiiig, sondern sie ist auch für das praktische Leben vo» höchsten» Jiltercsse.— Humoristisches. — Vertröstung. Eine H o ch z e i t s gesellschaft wartet auf de» Vetter des jungen Ehemaniis, der mit dem Mütagszuge zum Festmahle«iiitreffen soll. Statt seiner kommt aber mir ei» Tele» granini des Inhalts:„Zuganschluß versäumt. Komme bestimmt zur„silbernen" Hochzeit.— — Wohlmeinend. Fräulein(im heißen Eiscnbahncoupö, lechzend):„Ach. wenn ich doch eine kleine Erfrischung hätte!" Herr(nach einer Weile):„Schnupfen thun Sie wohl nicht, Fräulein?'— — Zn eifrig. Staatsanwalt:»... Also von einem Krokodil ivnrde Ihr Diener verschluckt?' Professor:„Ja I Und er hat noch dazu mein ganze? Reisegeld in Verwahrnng gehabt!" Staatsanwalt(aufhorchend):„Hm, glauben Sie nicht, daß er Ihnen ans diese Art das Geld vcrn»tre»ei, lvollte?'— („Fliegende Blätter.') Notizen. — Die Wintersaison des Deutschen Theaters beginnt an, 1. Anglist.— — Das Lessing-Theatcr eröffnet am 1. August seine Wiuterspielzeit mit Georg Engels Drama„lieber den Wasser»»"»nid Ludivig Thomas Banernkoniödie„Die Medaille". Noch i», August werden folgende Novitäten in Scene gehe»: Caldcrons Lustspiele „Dame Kobold' und„Das lanle Geheimnis", ferner Maxim Gorlis Dranra„Kleinbürger".— — L o r tz i» g S, U n d i n e' geht heute zu volkS- t ü n» l i ch e n Preisen im Theater des Westens in Scene.— — Theodor Jäger von» Elbcrfelder Stadt- Theater»st als lyrischer Tenor vom 1. Januar 1903 ab für das Theater de? Westens verpflichtet worden.— — Im LiederspielhauS(Kroll) gelangt als Fort» setznng im Offenbach-Cyllns in den»ächsten Tagen„Die ver« wandelte Katze" zur Anffiihriing.— — Die Bahrenther Festspiele werden im nächsten Jahre nicht ftatlfindeii; erst im Jahre 1904 werden wieder Waguer-Auf- führliiigen veranstaltet iverden.— cc. Der Planet Neptun ist in den»ächsten Tagen, zwar nicht mit bloßem Auge, doch aber schon mit einem kleineii Fernrohr ganz leicht anfznfiiidcn. Die Venns, die gegenlvnrtig als Morgenstern an» Himmel glänzt, zieht nämlich nahe an ihm vorüber; am Morgen des 23. Juli steht sie niir V4 Grad, also nur eine halbe Vollmonds- breite nordöstlich von ihm entfernt. Man braucht also das Fernrohr vom hellen Morgenstern»nr ganz Ivcnig nach Südosten zu neigen, um den Neptun zu erblicken.— — Will man einen Hund gründlich rein igen, so nimmt»in» ein gelingendes Quantuni ivarmes Wasser, worin etivaS gelbe Kaliscife aufgelöst ist, und ivasche den ganzen Hund damit, an» besten miltels einer starken Borstenbürstc; dabei muß inan gegen den Strich bürsten, damit das Seifeiiwasscr gründlich das Haar bis auf die Haut durchdringt. Im Winter muß das Waschen und Ab- spülen im ivarinen Zimnier geschehen und der Hund mit geivärmleu Decken trocken gerieben iverden.— Druck unv Verlag vor. Dtax Bading in Berlin.