Interhaltungsblatt des Worwüris Nr Z45. Dienstag, den 29� Juli. 1902 iNachdruS verboten.» 65] Dev MsnksntÄttn. Roman von Hall Caine. Autorisierte Uebersetzung. Noch immer, entgegnete Philipp kein Wort. Der Gou» verneur wurde seinen Vorteil gewahr, doch ahnte er nicht. auf wie grausame Weise er ihn benützte. „Der Mensch ist Ihr Verwandter, und ich verlange nicht, daß Sie selbst gegen ihn einschreiten. Das wäre barbarisch. Aber, wenn keine Aussicht vorhanden ist, ihn morgen im Zaum zu halten, wenn er trotz seiner Klugheit keinen verständigen Rat annehmen will, so möchte ich Sie nur bitten— doch das ist Sache der Polizei. Sie sind jetzt ein hoher Beamter. Es winde mir leid sein, Ihnen Verdruß zu be- reiten. Bleiben Sie morgen zu Hause, ich werde Sie gern entschuldigen— Sie sehen so wie so aus, als ob Ihnen ein Ruhetag gut thun würde." Philipp trank rasch hinter einander zwei Gläser Wein. Der Gouverneur schenkte ihm ein drittes ein und fuhr fort: „Ich weiß zwar nicht, welche Gefühle Sie für den Mann hegen, doch kann es nicht Freundschaft sein. Ich bin gewiß, daß er Ihnen ein Pfahl im Fleische ist. Und das wird auch nicht anders werden, so lange er hier bleibt." Philipp blickte halb fragend, halb angstlich und zweifelnd auf. „O, ich wußte es wohl. Selbst wenn die Sache vorüber- geht, werden Sie keine Ruhe behalten. Ueber kurz oder lang müssen Sie mit dem Burschen in Streit geraten— Sie wissen das so gut wie ich. Es liegt in der Natur der Dinge, wenn er der Mann ist, den Sie mir schildern." Philipp traick das dritte Glas Wein und stand auf, um zu gehen. „Ueberlassen Sie ihn mir, ich will schon mit ihm fertig werden. Sie haben dann nichts mehr mit ihm zu thun und sind ihn, dünkt mich, auf gute Art los geworden. Nun aber kommen Sie mit zu den Damen, die vennutlich wissen, daß Sie hier sind." Philipp bat, ihn zu entschuldigen, und ging in fieberhafter Erregung fort. „Der Gouverneur hat recht," dachte er, als er durch die dunklen Straßen nach Hause ging. Pete war ihm ein Pfahl im Fleische, jetzt und immerdar: bei all seiner Liebe zu ihm war er sein Feind, sein unversöhnlicher Feind. Das Elend des verflossenen Monats ließ sich nicht länger ertragen. Fortlvährend schivebte er in Furcht vor Entdeckung, er mußte jedes Wort auf die Goldwage legen, bei jedem Schritt auf seiner Hut sein: und das sollte so fort gehen, heute, morgen, übermorgen, bis zum letzten Tag in Elend oder Schmach— es war unleidlich, es war ein Ding der Unuiöglichkeit, es ließ sich nicht länger durchführen. Tann kamen Gedanken, die zu furchtbar waren, um feste Gestalt anzunehmen, zu schrecklich, um in Worte gefaßt zu werden. Sie glichen dem Flattern unsichtbarer Flügel, die durch die Nacht neben ihm herzogen, und ihr Sinn war der:„Wenn Pete aus seinem Vorhaben bcharrt, so giebt es einen Aufstand. Wird jeniand dabei verletzt, so deportiert mau Pete als Sträfling: wenn jemand getötet wird, büßt es Pete niit dem Leben." „Und doch habe ich meine Pflicht gegen ihn erfüllt," winselte sein Herz.„Ich habe versucht, ihn zurück- zuhalten, und habe dem Gouverneur Vorstellungen gemacht. Es ist nicht meine Schuld. Was kann ich mehr thun?" Philipp beschleunigte seinen Schritt. Hier bot sich ein Ausweg, eine Rettung aus den Bedrängnissen, die ihn rings unigaben. Das Schicksal streckte ihm die Hand entgegen. Wenn der Mensch ein Unrecht begangen hat, so begeht er oft ein noch weit größeres, um die Folgen seines ersten Fehltritts abzuwenden; tn seinein Fall hatte er das jedoch nicht einmal nötig. ES war schon spät. Ein starker Wind wehte vom Meere her und trieb ihn» das salzige Naß ins Gesicht, als er den Hügel herab nach der Stadt zu eilte. Jnl kochte das Blut in den Adern; ein ihm bisher ganz imbefanutcs Gefühl von Wagemut und Wildheit überkam ihn. Wohl mußte er sich gestehen, daß er kein so guter Äkensch mehr war. wie er früher gewesen, ab-r das Bewußtsein, daß er ein stärkerer Mann geworden, ers�ute ihn doch mit heim- licher Genugthuung. Sollte er Käthe etwas davon sagen? Nein. Er wollte der Sache ihren Lauf lassen bis ans Ende. Wenn alles vorüber war, würde sie schon sehen, ob sie dabei ihre Rech- nung fänden. Als er das dachte, mußte er laut anflachen. In den Straßen der Stadt war alles still. Bisher hatte er, in Gedanken verloren, gar nicht bemerkt, wie scharf die Luft war und seinen Mantel über dem Arm getragen; jetzt zog er ihn an und drückte sich den Hut fest auf den Kopf. Ein Hund, ein herrenloser Köter, folgte ihm auf den Fersen; er trieb ihn fort, doch das Tier kam immer wieder und geriet ihm schließlich zwischen die Beine, so daß er darüber stolperte. Da gab er ihm einen Fußtritt und der Köter lies heulend guer über die dunkle Straße. Ja, er war ein schlechterer Mensch geworden, das wußte er. Er öffnete sich selbst die Thür mit dem Hausschlüssel und warf sie hinter sich ins Schloß. Doch kauin atmete er die weiche, schwere, dumpfige Luft drinnen, als eine Veränderung mit ihm vorging. Sein wildes Ungestüm war plötzlich ver- flogen und er fing an zu zittern. Der Flur und das Treppenhaus lagen im Dunkeln. Dies geschah auf seinen Befehl, da er immer das Gas auszudrehen vergaß, wenn er spät heimkam. Aber seine Stubenlampe brannte auf dem oberen Absatz der Treppe und warf einen langen Lichtstreifen an der Wand des Treppenhauses hinunter. Bon einem unheimlichen Gefühl durchfröftelt, hatte er eben den Fuß auf die erste Stufe gesetzt, als er den Tritt eines andren zu hören glaubte, der die Treppe herabkam. Der Tritt war ihm nicht fremd; er kannte ihn sicherlich. Es mußte ein Tritt sein, den er täglich hörte. Er stand, still und zugleich vernahm er das Geräusch des Trittes nicht mehr. Im nächsten Augenblick hörte er aber das Schlürfen von Pantoffeln auf einem oberen Treppen- absatz und Jem-y-Lord rief herab:„Sind Sie es, Euer Gnaden?" „Ja," stieß Philipp mühsam heraus. „Ist Ihnen etwas zugestoßen?" fragte der Diener. „Es kommt soeben jemand die Treppe herunter, wer ist es?" „Jemand die Treppe herunter?" wiederholte der Diener verwundert, und das Licht bewegte sich, als ob er die Lampe emporhöbe. „Sind Sie's, der herunter kommt. Jem?" „Nein, Euer Gnaden. Ich stehe hier oben und halte das Licht." „Eine meiner Einbildungen," dachte Philipp, hielt sich am Geländer und stieg weiter die Treppe hinauf. Wieder vernahm er das Geräusch. Er wußte jetzt, daß es sein eigner Tritt war.„Nur der Widerhall," sagte er zu sich selbst. „oder vielleicht ein Traum, eine Sinnestäuschung," und er zwang sich, hinauf zu gehen. Der Tritt kam herab. Jach und schiver glitt er an der andren Seitenwand der Treppe bei ihm vorüber, als ivürde er unividerstehlich nach unten gezogen. Dann kam einer jener Augenblicke halber Bewußtlosigkeit, bei der ein Ton, den»vir wahrnehmen, sich verkörpern kann. Es ka»n Philipp vor, als sei die Gestalt eines Mannes an ihm vorübergeschritten. Er erkannte sie sofort. Es»var die- selbe, die er in der Vorhalle des Ratsziinmers gesehen hatte, seine eigene Gestalt, die sich in eiiren Mantel hüllte wie der, den er damals trug, und die Kapuze über den Kopf gezogen hatte. Sie ging halb von ihin abgewendet und verbarg das Gesicht, während ihre gairze Haltung Verachtung, Widenvillen und Abscheu ausdrückte. „Euer Gnaden sind heute nicht wohl?" fragte die Stimme Jem-y-Lords>vie aus weiter Feme. Er hielt die blendende Lampe empor, um dein Deemster ins Gesicht zu sehen. „Ein wenig abgespannt, das ist alles. Gehen Sie zu Bett." Dann war Philipp in seinein Zimmer allein.„Mein Gewissen!" dachte er.„Selbst wenn Pete nicht mehr da ist— wird es mich bis ans Ende verfolgen t Und was wird das Ende sein?" Er goß ein Wasserglas aus der auf dem Tische stehenden Flasche halb voll und trank es auf einen Zug aus. In demselben Augenblick hörte er über sich einen leichten Schritt. Der Fuß einer Frau glitt über den Boden hin, und dann ward es stille. IX. Ani nächsten Morgen schlief der Deemster noch, als die Sonne schon ins Zimmer schien. Ein donnerähnliches Getöse erweckte ihn; ihm war, als würde ihm von hinten ein Nagel in den Kopf getrieben. Als er die Augen öffnete, erkannte er, daß jemand draußen an seine Thür klopfte und in kräftigem Baß die Worte rief: „Christian, hören Sie doch! Wollen Sie denn gar nicht aufstehen?" Es war der Kanzleidirektor. Von einem seiner schweren Schläge sprang der Riegel auf, und er trat ins Zimmer. „Entarteter Manksmann I" brüllte er.„Am Tynwald- morgen noch im Bett. Puh I die Stube riecht nach der- brauchte! Lust, abgestandenen Getränken und lauter schalem Zeug. Lassen Sie nnch dort das Fenster aufmachen— aber Sie haben ja alle ihre Kleider in der Stube herumgeworfen. Ah, so wird's gleich frischer I Kopfschmerzen? Das kann ich mir denken. Stehen Sie auf, und ich will Sie nach St. Jo- Hann fahren." „Ich werde heute wohl nicht dahin kommen," sagte Philipp mit kläglicher Stimnie. „Nicht möglich? Nun, bei allen Heiligen! Der Richter der Insel und will nicht nach Tynwald gehen. Was wird der Gouverneur dazu sagen?" „Er sagte gestern abend, daß er meine Abwesenheit ent- schuldigen würde." „Entschuldigen? Narrenspossen! Die Luft wird Ihnen schon gut thun. Mein Wagen wartet unten. Hören Sie doch, es schlägt schon zehn auf der Kirchenuhr. Ich gebe Ihnen fünfzehn Minuten Zeit, gehe in Ihr Fnihstückszimmer und werfe einen Blick in die„Times"." Der Kanzleidirektor eilte hinaus, und Philipp hörte gleich darauf seine Stimme in lauter Unterhaltung mit Jem-Y-Lord. „Und wie befindet sich Frau Cottier heute?" „Ich danke, Herr, so ziemlich." „Man bekommt ja gar nichts von ihr zusehen, Jemmy." „Sie war nicht recht wohl, seit sie in Douglas ist." Die Tassen klirrten, die Zeitung knitterte, der Kanzlei- direktor räusperte sich, und dann trat wieder Stille ein. Philipp stand schweren Herzens auf, noch immer von seiner großen Versuchung gequält. Er erinnerte sich der Vision der vorigen Nacht, und obgleich es jetzt heller Morgen war, überfiel ihn ein Zittern. Derartige Visionen werden auf der Insel Man für Anzeichen des nahen Todes gehalten, und man sagt von dem Menschen, welchen sie be- fallen. er habe seine Seele gesehen. Doch Phllipp war frei von Aberglauben. Er kannte die Ursache der Vision und wußte, was sie zu bedeuten hatte. Jem-Y-Lord brachte ihm heißes Wasser, und nachdem die Thür geschlossen war, fragte Philipp mit leiser Stimme, ohne sich umzusehen:„Wie geht es ihr jetzt, Jem?" „Sie grämt sich wieder. Euer Gnaden," antwortete der Diener im Flüstertöne; zugleich machte er sich etwas in der Stube zu schaffen und fügte hinzu:„Sie erfährt immer alles, was vorgeht— ich weiß nicht wie. Gestern abend, als ich ein paar Flaschen herunterholte, traf ich sie auf der Treppe. Gleich darauf sah ich, daß sie geweint hatte." Philipp nahm das Rasirmesser zur Hand und murmelte verwirrt: „Sagen Sie ihr, daß ich sie besuchen will, sobald ich von Tynwald zurückkomme." „Ich habe es ihr schon gesagt.„Es ist nicht das, Mr. Cottier," antwortete sie mir." „Die Perücke und den Talar heute, Jemmy," sagte Philipp und ging dann in seiner Amtskleidung fort. Der Tag war sonnig und hell; die Straßen wimmelten von Fuhrwerken aller Art. Offene Gesellschaftswagen, Omnibusse, Herrschaftskutschcn, Mietwagen und Handelskarren, alle gedrängt voll, kamen die Straße hinauf, die von Douglas nach Peel führt. Die ganze Stadt war voller Jubel, sogar der alte Jnselfels schien zu lachen. „Der Tausend, Christian," sagte der Kanzleidirektor nach der Uhr sehend, wissen Sie wohl, daß es schon halb elf ist. Der Gottesdienst fängt schon um elf Uhr an. Vorwärts, Kutscher I Sie haben noch acht Meilen in einer halben Stunde zu machen." „Kann bei dem Gedränge auf der Straße nicht schneller fahren," erwiderte der Kutscher, den Kopf zurück wendend. „Ich hatte mich so in die Zeitung vertieft," sagte der Kanzleidirektor,„daß— nun, wenn wir zu spät kommen, so komnien wir zu spät— das läßt sich nicht ändern." Philipp hatte die Arme über die Brust verschränkt und blickte vor sich nieder. Er kämpfte einen schweren inneren Kampf. „Ich dachte nicht, daß die Angelegenheit der Fischer so ernst werden würde," sagte der Kanzleidirektor.„Der Gouverneur scheint die Soldaten sämtlicher Aufgebote ins Feld führen zu wollen. Aber, wie ich ijreine Landsleute kenne, werden sie sich dergleichen nicht lange gefallen lassen." Philipp holte tief Atem; man fuhr in einer Wolke von Staub dahin; die Frauen in den Gesellschaftswagen lachten. „Es geht das Gerücht, daß der Anführer einer Ihrer Freunde ist, Christian— der unrechtmäßige Verwandte eines hohen Beamten, wie mein Berichterstatter sich ausdrückt." „Er ist mein Vetter," entgegnete Philipp. „Was? Der große, schwarze Lockenkopf, den Sie neulich mit im Wagen nach Hause nahmen?... Kutscher, Sie brauchen nicht ganz so schnell zu fahren." Philipp blickte noch immer zu Boden. Der Kanzleidirektor beobachtete ihn mit ängstlicher Miene. „Christian, am Ende hat der Gouverneur doch recht ge- habt. Ist es das, was Sie seit einem Monat so beunruhigt? Sie verstehen, meiner Treu, ein Geheimnis zu wahren I Das heißt— wenn Sie etwas Gutes zu berichten haben, so sind Sie gleich dannt bei der Hand, wenn es sich aber um etwas Schlimmes handelt, so ist eine Eule, im Vergleich zu Ihnen, der reinste Starmatz." (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.» Das JTevnspvechett ohne Dealzk. Der Fernsprecher ist dem Fernschreiber, das Telephon dem Telegraphen, erst beträchtlich später gefolgt. In die dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts fallen die entscheidendeii Versuche mit dem elektrischen Telegraphen, der dann in den vierziger und fiinsziger Jahren rasch zu einem ziemlich vollkommenen Mittel des rcgel- mätzigen Verkehrs ausgebildet ivnrde. Das Telephon dagegen, dem ivir zuerst im Jahre 18S1 begegnen,»nutzte dann noch zivauzig Jahre warten, ebe es zu einem Gebrauch in der Praxis kam, zu einem wirklichen Verkehrsmittel zu»verde»» begann. Bekanntlich wird das Telephon, das in der Mitte der siebziger Jahre von Bell erfniiden»viirdc, nicht als Sprechapparat, sondern als Hörapparat benutzt, Ivährend als Sender, in den hinein« gesprochen»vird, das 1878 von Hughes erfundene Mikrophon dient. Die Verbindung von Mikrophon und Telephon ist seitdem in hohem Matze vcrvollkonimnet»vorde», der Verkehr hat sich dieses be» queinen Verstäiidiguugsnlittcls so sehr bemächtigt, datz»vir uns ein grotzstädtischcs, zunial geschäftliches Leben ohne den Fernsprecher überhaupt nicht mehr denken können. Schon Bell, der Erfinder des Telephons, ersann gemeiiisam mit T a i n t e r eine Anordiunig, bei der die beiden Stationen/ die in mundlichen Verkehr niitcinander treten sollten, nicht durch eine Draht- leitung verbniide» zu sein brauchten, die Fortlcitiing vielnichr dnrch den freien Luftrainn geschah. Der wesentlichste Bestandteil dieses merklvnrdigcn Apparates,- den die Erfinder Photophon(Licht- sprecher) nannten, ist eine Selenzelle, die auch bei den moderucn Einrichtungen zum Fernsprechen eine Hauptrolle spielt; wir»vollen daher etwas näher darauf eingehen. Das Selen ist ein chemisches Element(Grnndstosf), das sich oft als Begleiter des Schlvefels findet; es wurde im Jahre 1817 von Bcrzelius in dem Flugstaub, der sich bei der Schlveselsänrefabrikation in den Kanälen absetzt,»velche die Nöstöfen niit den Blcikannnern verbinden, zuerst aufgefunden. Aus jeleniger Säure fällt man es mittels schlvesliger Säure als roten, nicht krystalliiiischcn Niederschlag aus. Dieses rote Selen kann man in Schivefelkohlenstoff lösen, aus »velchen» es dann in roten durchscheinenden Krystallen auskrystallisiert. Diese Krystalle solvie auch das rote nicht krystallinische Selen ver« ivaudeln sich bei Erhitzung bis zu etiva 219° in eine grobkörnige, krystallinische, nietallisch glänzende Masse,»velche die Eigenschaft au« genomincn hat, den galvanischen Strom zu leiten, merkiviirdigcr- »veise aber bei Belichtung bedeutend besser, als in» Dunkeln. und zivar reagiert das Selen»nit grotzer Empfindlichkeit auf Unterschiede der Belichtung, so datz ein hindurchgesandter galvanischer Strom sofort seine Stärke ändert, wenn die Belichtung geändert »vird. Diese im Jahre 1852 eittdeckte ganz merkwürdige Eigenschaft benutzte nun Bell in folgender geistvoller Weise: ElivaS Selen, das den Zwischenraum zivischcn einigen Metall- blähte, ausfällte, wurde zwischen zivei Glimmerblättchen gebracht, und diese Zelle in den Kreis einer galvanischen Batterie eingeschaltet, in welche» auch ein Telephon geschaltet lvar. Die Selenzelle wurde so nufgestellt. daß sie sich im Brennpunkte eines parabolisch ge- krünimten Hohlspiegels befand, so daß sämtliche Lichtstrahlen, die den Hohlspiegel in paralleler Richlmig trafen, durch Reflexion auf das Selen fallen mußten. Auf der entfernten Sendestation sprach man gegen ein Mundstück, das mit einem Spiegel von versilbertcnr Glimmer geschlossen war. Dieses überaus elastische spiegelnde Plättchcn gerät nach dem Rhplhmus der Schalllvellen in Schwingungen, wobei seine ebene Lage sich fortwährend ändert. Eine helle Lichtquelle sendet Strahlen auf den Spiegel, die durch eine Linse konvergent gemacht sind, d. h. nach einen« Punkte hinter dem Spiegel hinstreben. Der Spiegel wirft sie auf eine zweite Linse, durch die sie in paralleler Richtung in die Ferne gesandt werden, zu dem Hohlspiegel der Empfangsstation, der sie auf die Selenzelle wirft. Bei dem Sprechen und dem dadurch vcranlaßten Schwanken des Spiegels wird bald mehr, bald weniger Licht auf die Linse geivorfen-, somit empfängt auch die Selenzelle bald mehr, bald weniger Licht, so daß der elektrische Strom, der sie durchfließt, im Rhythmus des Schalles stärker und schivächer wird. Diese geringen Schtvanknngen giebt das Telephon wieder, so daß das Ohr deutlich die an der Sendestation gesprochenen Worte vernimmt. Bell und Tainter versuchten, den schon im Jahre 1880 erbauten Apparat weiter auszubilden und in die Praxis einzuführen. Es ge- lang ihnen, eine Verständigung bis auf 200 Meter Entfernung herbei- ?»führen; praktische Bedeutung erlangten ihre Versuche jedoch nicht, onderil das Mikrophon bürgerte sich als Sprechapparnt mehr und mehr ein— hat doch die Drnhtleitung vor der Ueberinittclung durch Lichtwellen den Vorzug, vom Nebel und andren störenden Witterungseinfliissen ganz unabhängig zu sein. Interessant ist es aber, daß schon vor 22 Jahren, lange bevor an eine drahtlose Tclegraphie gedacht tvurde, der Gedanke an das Fernsprechen ohne Draht auftauchte und zu geistvollen Experimenten führte. Die Atisbildung des Telephons in Verbindung mit dem Mikrophon brachte die Versuche Bells»aturgeinäß etwas in Vergessenheit. Die Erfindung der drahtlosen Telegraphic, die sich vor tvenigen Jahren an den Nachweis elektrischer Wellen durch Hertz anschloß, rückte die Aufgabe, sich vom Lande ans mit Sein sie n auf dcni Meere zu ver- ständige», in den Bereich der Lösbarkeit, und eifrig wird an der Ans- bildmig dieser Methode gearbeitet, an den verfchiedcnstcn Stellen der Erde befinden sich bereits Slationcn für drahtlose Telegraphie, deren Vcrvollkonimnung emsig betrieben tvird— plant man doch bereits eine drahtlose Verständigung über das Weltmeer hinweg zwischen England und Kanada sowie de» Vercinigten Staaten. In dieser Zeit rüstigen VorwärtSschrcitens erhielt auch die draht- lose Tclephomc einen kräftigen Anstoß und neue Anregung. Ein junger Gelehrter. Dr. S i»t o n in Erlangen, gegciiwnrtig Professor in Göttingen, bemerkte vor vier Jahren, daß eine elektrische Bogen- lampe auf Stromschlvauknngen in derselben Weise reagiert wie ein Telephon; ist sie in de» Stromkreis eines Mikrophons eingeschaltet, so kann sie geradezu anstatt eines Telephons benutzt werden; als sprechende öder singende Lampe giebt sie die Töne wieder, die man in das Mikrophon hinein giebt. Im Verfolg seiner Entdecknng fand Simon, daß der elektrische Flauimcn- bogen auch als Sendc-Apparat, statt des Mikrophons, benutzt werde» kann; spricht man gegen die Flamme, so verursachen die über sie hinziehenden Schalltvellc» Druckänderungen in der um- gebenden Luft, durch die ebenso schnelle Schwankungen der Strom- stärke bewirkt werden, die dann am Telephon wieder als Schall- schivingnngeu hörbar werden. Den so benutzten Flammcnbogeir hat man im Gegensatz zu der sprechenden Flaninie die lauschende Flamine genannt; es ist klar, daß man ganz von Telephon und Mikrophon absehen und lediglich ztvci Flaninienbogcn mit einander in einen Stromkreis schalten kann, so daß die eine Flaninie alles tviedergiebt, tvas gegen die andre gesprochen oder gesnngcn wird. Der sprechende Flainmenbogen führte Simon sehr bald auf die Idee, ihn z» einer Telephonie ohne Draht z» benutzen. Hierzu griff er auf die ans Bells Versuchen bekannte Selenzelle zurück, die in dersclbeti Weise wie bei Bells Pholophon mit einem Telephon in denselben Stromkreis geschaltet wird und Lichtändernngeii von der Sendestation empfängt. An der Sendestation wird aber nicht gegen einen elastischen Spiegel gesprochen, sondern niittels eines Mikrophons gegen einen elektrischen Flammenbogcn, dessen Licht mittels ciiieS Scheinwerfers, eines großen Hohlspiegels, in die geivnnschte Richtung geworfen wird. Unser Auge ist zu grob. um die überaus geringen Aendcrnngen der Lichtstärke, tvclche die Fla»»»« beim Spreche» erleidet, irgendwie tvahrzunehnien; die Selenzelle ist aber ein künstliches Auge, das auch die feinsten Acndcrungcn empfindet, sie dem Telephon mitteilt und uns so zu Gehör bringt. So einfach die ganze Anordnnng im Princip ist— Flainmenbogen mit Mikrophon und Scheiniverfcr als Sender, als Empfänger Selenzelle im Breiinpnnktc des auffangenden Hohlspiegels, zu- sammengeschaltet in den Stromkreis einer Batterie mit einem Tele- Phon— so schwierig ist es»atürlilb, von Laboratorinmsvcrsuchen in kleinem Matzstabe zu solchen für die Praxis überzugehen. Aber das Problem der Verständigung von Schiffen auf hoher See miteinander und mit bestimmte» Stationen an der Küste steht so sehr im Vordergrund des Interesses, seine Lösnng ist iur Interesse der gesunden Weiterentwicklung des Verkehrs so notwendig, daß Prof. Simon keine Mühe scheute, die Aufgabe zu bewältigen. Es gelang, die Entpfindlichkeit der Selenzellen be- deutend zu steigern; weitere Versuche wurden in Nürnberg mit großen Spiegeln von SO Ccntinieter und ISO Centinletcr OesfnUng bei 40 Centimeter und 60 Centimeter Brennlveite angestellt. Dabek gelang es, über eine Entfernung von 1200 Meter hin sich zu verständigen. Im September v. I. führte Simon den in Hamburg versammelten deutschen Naturforschern und Aerzte» seine Versuche vor, wobei die Lanipe ihren sprechenden Strahl 1000 Meter weit entsandte. Seine Darlegungen schloß Sinion mit den Worten:„Ich glaube, daß der schöne Bellsche Gedanke der Lichttelephonie durch unsre Versuche aus dem platonische» Stndiun, in eine Phase getreten ist, die eine praktische Verivertnug in das Bereich der Erivägnngen nickt.* Die Wahrheit dieser Ausführungen hat sich inzwischen bereits deutlich gezeigt. Simon selbst hat in Göttingen bei Iveiterc» Versuchen den Bogen schon über 2'/s Kilometer weit sprechen lassen, ohne schon an die Grenze des Erreichbaren gekommen zu sein. In Berlin sind die Versuche von R» h», e r mit gutem Erfolge aüfgenomnien worden. Am Ufer des WannseeS bei Potsdam wurde neben dem dort befindlichen Elektricitätsivcrk eine Station eingerichtet, die sich mit eiiiem de» See befahrcndcn Schiffe, dem Accuninlatorcil- boot„Gerninnia*, verständigte. Bei trüben», regnerischen Wetter sandte das Boot aus einer Entfernnng von 3 Kilonictern seine Nachrichten, die klar und deutlich am Ufer vcrstnnden wurden; all» mählich wurde die Entfernung bis aiif 6 Kilometer gesteigert, ohne daß die Deutlichkeit der Berständigung nachließ. Hier sowohl wie in Göttingen iverden die Versuche fortgesetzt; wie das Telephon den Telegraphen ergänzt hat, so wird also Ivohl auch die drahtlos sprechende Flamine sich zur drahtlosen Wcllcntelegraphie gesellen, sie ergänzen und ihren Wirkungskreis erweitern.— Dr. B r n n o Borchardt. Kleines Femllekon» oe. In der Arbeitsstube. Sie mußte an der Thür stehen bleiben und sich erst verpusten, so schnell war sie gerannt. Durch die Ritze horchte sie in de» Fabriksaal, es Ware» offenbar alle schon da, die Kurbelinaschinen surrten,»>an hörte auch hin und wieder ein Sprechen und dazivischen die schrille Stiinuie Fräulein Rosas i „Aber doch schnell, schnell, schnell! Muddeln Sie bloß nicht so.* Das Mädchen verzog den Mund: Schlecht Wetter heute. Na, es mußte ertragen iverden. Sie klinkte ans und trat ein. Zwanzig Gesichter drehten sich gleichzeitig nach der Thür, aber Fräulcm Nosa schrie:„Was haben Sie schon wieder zu äffen. Arbeiten Sie doch. Wer ist denn da? Ach, Sie sind's, Emma, natürlich'ne halbe Stunde zu spät.* „Es ist ja noch»ich mal sieben,' sagte das Mädchen etwas trotzig. „Und nm halb sollten Sie heut hier sein. Hatten das natürlich schon wieder vergessen; machen Sie, daß Sie an die Arbeit kommen, um zehn sollen die Mäntel raus. Sind Sie endlich da, Frau Berger? Zeit ivird's, daß ich die Aermcl kriege." Sie wandte sich schon ivieder zu einer andren Arbeiterin, die nach Enima gekommen war und abliefern wollte. Enuna ging unterdessen nach ihrem Platz. Hinten an dem großen Fenster»vor ein breiter Stickrahmen aufgestellt, drei Mädchen saßen schon daran. Auf und ab hasteten die Nadeln durch den iveichcn schivarzen Sainint. Stück nach Stück bedeckten sie mit glitzernden Steinen und Perlen. Ennna nickte den andern zu und letzte sich. Wie sie die Köpfe zusammensteckten, sah es sehr emsig ans, gerade als hätten sie für nichts Sinn, als für die Arbeit, heim- sich tuschelten sie aber doch. „Es ist keine einzige»in halbsieben gekommen, alle um dreiviertel und'n bißchen vor voll.* „Na überhaupt, um halbsieben kommen, so dumm I* „Wo man schon abends noch zu Hanse stickt, uni'n paar Kröten zu verdienen, die denkt ivohl, man hat seine Auge» gestohlen?" Und ordentlich dafür bezahlen ivill sie auch noch nicht nial, dazu is se zu geizig. Wenn se noch ziiin Lohn was zugeben wollte." „Jawoll zugeben, zugeben könneir tvir was von unsre Zeit. Was die sich denkt I* „Ich war überhaupt zu müde", tuschelte Emma,„die Hetzerei in den letzten Tagen! Mn» ist ja gar kein Mensch mehr, ich bin rein umgefallen, als ich gestern abend»ach Haus kam." „Na überhaupt ma» is froh, wenn man ausschlafen kann,* sagte eine leise Stimme von einem andern Stickrahinen herüber. „Ich hätte niii sünfe ausstehen müssen, wenn ich um halbsieben hier sein wollte, und sc haben doch fast alle so'» weiten Weg." „Se konnte ja überhaupt'n paar mehr einstellen, ivenn's so eilig ivar, aber lieber können ivir uns abjagen, blos damit sie'n Wochenlohn spart, der alte Geizkragen!" „Und die sechs Mäntel iver'ii doch»ich fertig; bis zehn is ja ganz unmöglich." „Sie faucht aber auch tvie'n Kater", sagte Emma. Die andern kicherten. Sie freuten sich über Fräulein RosaS Zorn; das ivar wenigstens eine kleine Rache für alles, ivas sie sonst aiisstehen mußten. „Jetzt sängt sie ja mit der Bergcr auch an. Hört doch i»al,� flüsterte Ennna,„es giebt Krach." Drüben am Licfcrtisch erhoben sich die Slimme», Fräulein Rosa keifte:„Ich Hab' Ihnen gerade gesagt, daß die Rosetten niit Bündchen ansgcnähr iverden sollen. Und ivie die Perlen hier sitzen, sehen Sie mal." Sie fuhr mit ihren beringten Händen über die Stickerei, daß die Perlen in ganzen Reihen absprangen; dabei schleuderte sie auch gleich ein paar Bund Perlen auf den Fichboden. Dann schrie sie Frmi Vergcr an:„Rehmen Sie mal die Perlen auf." „Ach nein, erlauben Sie, Fräulein Menzing, ich bin doch nicht Ihr Lehrmädchen." Die Frau war empört.„Das können Sie Wohl Ihren Fabrikmädchen zumuten, aber mir doch nicht!" „Na Gott, denn nicht!" Fräulein Nosa schleuderte die Perlen mit einem Fubstosz unter den Tisch, ihre Stimme klanc, aber bedeutend milder, als sie sagte:„Setzen Sie sich da ans Fenster und ändern Sie." „Na ich denke auch, wenn Sie das von Ihren Mamsells ver- langen, thut es nichts; ich sticke doch nicht fiir's Brot." Frau Bergcr setzte sich mit einer hochmütigen Kopfbeivegung an das Fcnstcr und begann zu arbeiten. „Dumme Trine," sagte Emma leise.«Das können die Fabrik- mädchen machen, habt Ihr Worte?" Und sie stickte gerade so fiir's Geld wie wir, wenn sie auch'ne Sekretärsfrau ist." „Am Ende hat se's noch nötiger wie lvir." „Aber Röschen läßt sich'S gefallen, das hätte ihr eine von uns sagen sollen!" „Ja vor der Berger geniert sich Röschen, da will sie zeigen, das; sie gebildet ist." „Aber uns kann sie anschreien I" .Ruhe I" schrie Fräulein Rosa vom Liefertisch herüber.„Was soll das elvige Gequassel, Sie denken wohl, man hört es nicht? Sind Sie denn überhaupt noch nicht fertig? Jetzt ist eS neun Uhr, Herr Gott, Herr Gott! Sie fchotz durch die Reihen der stickende» Mädchen und sah auf die Arbeiten:„Liese, Sie haben ja noch die ganze Mondarabeske und Meta den halben Bermel, und da sitze» Sie hier und schwatzen und werden nicht fertig I" „Das werden wir so wie so nicht, Fräulein l" sagte eine. „Nein, Fräulein, das ist ganz und gar nicht möglich!" „Daun hätten noch zwei dran helfen müssen." Drei, vier Stimmen schrien durcheinander. „Ja wohl, helfen müssen..." Fräulein Nosa stampfte fast mit dem Fust auf:„Früher aufstehen hättet Ihr müssen, aber das giebt's ja natürlich nicht. Wozu seid Ihr denn da? Zum Arbeiten seid Ihr da, da könnt Ihr Euch ruhig'ne Stunde früher rausscheren I Wartet man, ivie früh Ihr noch aufstehen müßt,'s Leben wird's Euch schon beibringen!"— — Die lothringische» Mare. Die„Kölnische Zeitung" schreibt: Die Gesellschaft für Lothringische Geschichte und Allerlumskunde hat neuerdingS die Erforschung der Ivisscuschaftlich schon viel erörterten Frage der lothringischen Mare oder Mardellen in Angriff genominen. Bon diesen Maren hat die Forstverwaltuiig innerhalb der Waldungen nicht weniger als öOOO festgestellt. Es sind napf- oder muldenförmige, meist in Gruppen vorkommende Gruben mit einein Durchmesser von b— 30 Meter. Während man früher deren Entstehung auf geologische Vorgänge zunick- führte, steht jetzt aus Grund zahlreicher Nachgrabungen unzweifelhaft fest, das; sie durch Menschenhand hergestellt worden find. Dagegen istman über das Alter und den Zweck dieser Mare noch nicht vollständig im klaren. Neuere Funde, besonders die Entdeckung liegender Holz- stämme, haben es wahrscheinlich gemacht, dast die Mare als Woh- »ungen benutzt worden sind; andre mögen als Vorratsräume, Wasserbehälter und Vichiränken gedient haben. Um nun auch die Mare im freien Felde festzustellen, hat die Gesellschaft für Lothringische Geschichte und Altertumskunde a» sämtliche Lehrer Lothringens Fragebogen versandt, um die Zahl, Fonn, Größe, Gruppierung der in der Gemarkung jeder Gemeinde vorkommende» Mare, die in diesen vorgefundenen Holzstänune sowie die Entfernung von Wasserlänfen und Quellen zu ermitteln. Man hofft auf diese Weise ausreichendes Material zu erhalten, um die Frage der lothringische» Marc endgültig zu lösen.— Astronomisches. iv. Der Welte unedel. Robert Ball führte kürzlich in einer wissenschaftliche» Vcrsannnlung über die Nebcltheorie etwa folgendes ans: Die gewaltigen Umbildungen, die das Sonnensysteni durchgemacht hat und noch jetzt iu diesem Augenblick erfährt, könne» von uns nicht wahrgenommen werden. Sie könnten vielleicht be- obachtet werden von Wesen, deren Pulsschläge nach Jahrhunderten statt nach Sekunden zählen und deren Minuten eine längere Dauer haben als die Herrschaft ganzer menschlicher Dynastien. Die Sonne erscheint uns unveränderlich iu ihrer Größe und unveränderlich in ihrem Glanz während der kurzen Frist, in der die Menschen sie haben beobachten können, aber die Sonne ist nicht immer dieselbe geivesen; sie hat nicht immer geschienen wie jetzt und wird nicht fortfahren zu scheinen ivie heute. Unser großes Himmclslicht ist am Ende jedes Jahres kleiner als an seinem Beginn, und diese Thalsache hat gegolten durch unendlich große Zeitläufte hindurch. Bei einem Rückblick in die Vergangenheit muß man sich daher die Sonne immer größer werdend vorstellen. Vor ungezählten Jahrmillioncu gab es eine Zeit, da der Durchmesser der Sonne zehnmal größer war als jetzt, und die Stoffe, die jetzt die Sonne bilden, ausgedehnt ivaren in einem Um« fang, der über den Dnrchmesser der Erdbahn hinaus reichte. Aber sogar zu einer Zeit, als die Sonne millioncnmal größer tvar als jetzt, tvar sie nicht schwerer, und sie konnte nicht mehr Stoff ent- halten, sondern der Stoff war nur unendlich verdünnt. Damals, als die Sonne aufgeschwollen war in jene» großen Ball von Verantwortlicher Redacleur: Carl Leid in Berlin. glühenden Gasen, befanden sich die Stoffe der Erde in einem Zu- stände, der von dem gegenwärtigen äußerst verschieden war. Die Erde tvar eben nur ei» Teil des großen Nebels selbst. aus dem die Sonne und das ganze Sonnensystem gebildet worden war. Wenn Laplace jetzt lebte, so würde er viele Dinge am Himmel sehen, die er in gerechtem Stolz als Zeugen seiner Theorie aufrufen könnte. Das Zeitaller der Photo- graphie hat begonnen, und die pholographische Platte hat nicht nur in der wunderbarsten Weife den seiner Zeit durch Lord Rosse entdeckten Spiralnebel eingehend ent- hüllt, sondern sie hat noch viele andre Spiralnebel unter den Himmelskörpern beobachten lassen. Die Photograpdien haben auch solche Spiralnebel in voller Schönheit gezeigt, die für das mensch- liche Auge unsichtbar sind selbst unter Benutzung des größten und schärfsten Fernrohrs. Die Photographie des großen Spiralnebels ist eine wundersame Bcränschaulichung der Grundsätze der Wcltcnentwicklung, ivie sie von Kaut und Laplace für die Entstehung des Sonnensystems festgestellt worden sind. Die Schöpfer dieser Theorie würden noch eine iveitere Veranlassung haben, mit großer Genugthuung auf die moderne Wisienschaft zu sehen. Sie Halle» noch kein Belveismittel für eine der ivichtigstcn Voranssetzunge» ihrer Lehre, nämlich für die materielle Einheit zwischen Sonne und Erde. Jetzt hat die Forschung gezeigt, daß beide Himmelskörper und ohne Ztveifel überhaupt sämtliche Be- standteile des Sonnensystems insofern eine gleiche chemische Zu- sammensetzung besitzen, als auf ihnen keine andren Elemente vor- Händen sind als auf der Erde.— Humoristisches. — Heitere S ch u I e r i n n e r n n g c n. Unter dieser lleber- schrift bringt die„Frankfurter Zeitung"' eine neue Folge unfrei- willigen Lehrer-Humors: „Das hat man ihm in die Schuhe geschrieben." „Im Mittelalter sind die deutscheu Städte über den St. Gotthard »ach Venedig marschiert." «Ocdipus war der Sohn des LaioS und die Tochter der Merope." „Die Reden, die gehalten wurden, haben wichtige und bedeutende Worte ausgesprochen." „Der Mittelpunkt der alten Kirchen war gewöhnlich in der Mitte." „Nach dem Aussterben seines Sohnes hatte er keine Erben mehr." „Schon vor seinem Tode erließ er eine wichtige Erklärung." „Mancher Schüler hängt auf der Oberfläche der niedersten Stilistik." „Die Splitter im moralischen Auge sehen viele nicht." „Wenn ein Dichter dem ander» Beifall klatscht, so klatscht eine Hand die andre." „vor allem bei Goethe schöpfen viele moderne Dichter ihren poetischen Wafferbcdarf." „Ein böser Nachbar ist nur dann gut, wenn noch viele andre Leute dazivischen wohnen."— Notizen. — Der Finanzausschuß des nicderöstreichischen Landtages be- willigte 4000 Kronen zur Veranstaltung volkstümlicher vor- st c l l u» g c n in P ö ch l a r n(Pechelaren an der Donau ist im Nibelungenliede der Sitz des Markgrafen Rüdeger). Der Grund und Boden für das Theater, das iu der Hauptsache die Nationalsagen der Wachau und Niedcröstrcichs pflegen soll, ist bereit» zur Ver- fügnng gestellt. Zunächst soll eine Preiskonkurrenz für die beste volkstümliche dramatische Bearbeitung des N i b e I u n g e n st o f f e s ausgeschrieben werden.— — Der Professor Lessingsche Entwurf für daS Weimarer Shakespeare-Denkmal ist vom Knnstausschnß zur Ausführung angenommen tvordcn.— — Das G c iv i ch t des menschlichen Gehirns. Pro- fcsior Marchand hat an tl73 frischen menscvlichcn Gehirnen genaue Wägnngen ausgeführt. Hiernacv beträgt beim männlichen Geschlecht das Durchschnittsgewicht nach vollendetem Wachstum 1400 Gramm, beim weiblichen 1275 Gramm. Erst im hohen Grrisenaltcr und dann durchschnittlich beim weiblichen Geschlecht zehn Jahre früher als beim männlichen, findet Abnahme des GehirngewichtS statt. Das nsiltlere Gewicht des Gehirns beträgt bei Neugeborenen bis zum siebenten Tage des Lebens 371 Gramm für das männliche, 301 Gramm für das weibliche Geschlecht und nimmt bei jenen bis zum Ende des ersten Lebensjahres um 500, bei diesen um 532 Gramm durchschnittlich zu. Die Gelvichtszunahme des GehirnS erfolgt beim männlichen Geschlecht bis zum 20., beim weiblichen höchstens bis zum 18. Jahre.— — Ein einfaches Verfahren zur Feststellung der Fahr- geschivindigleit der Züge empfiehlt die Eisenbahn-Direktion Stettin. Wenn man nämlich die Zahl 720 durch die Anzahl der Sekunden, die der Zug gebraucht, um 200 Meter zurückzulegen(von einem Kilometerstein auf derselben Bahnscite bis zum nüchsten) dividiert, so erhält man die Anzahl der Kilometer, die der Zug in der Stunde zurücklegt. Werden z. B. für die Strecke von Kilometer« stein 20.0 bis Stein 20.2 12 Sekunden gebraucht, so hat der Zug eine Geschwindigkeit von 720:12— 00 Kilometer in der Stunde.— Druck und vertag von Max Babing in Berlm.