Mnterhaltungsblatt des Worwärls Nr. 150. Dienstag, den 5. August. 1902 (Nachdruck verboten.) 70) Dev Mnnltsrnnnn. Roman von Hall C a i n e. Autorisierte Uebersetzung. „O. wanun erzählst Du mir das. Philipp? Es muß mich ja mit Gewalt dahin zurück ziehen. Und auch das Kind zieht mich zurück... Hat er Dir die Briefe gezeigt?" „Ja, und was weit schlimmer ist. Käthe: er nötigt mich, sie zu beantworten. Gestern abend habe ich eine solche Ant- wort geschrieben. O, wenn ich nur daran denke I„Liebes Weib I Habe mich sehr gefreut, Deinen lieben Brief zu er- halten."— Gott weiß, mir fiel die Feder fast aus der Hand vor Bestürzung. Er gab Dir über alles Nachricht, wie es Deinem Vater und Grannie geht und den übrigen, alles auf seine frische, muntere Art. Der arme alte Pete, er ist die freundlichste, sonnigste Seele, die es gicbt. Der Dcemster kommt regelmäßig, uns zu besuchen, er hofft, es wird Dir wohl bekommen, daß Du Dein Heim verlassen hast.— Es war schrecklich, schrecklich I Liebste Kitty, ich entbehre Dich schmerzlich, schlechter war's selbst in Kimbcrleh nicht.— So komme denn bald, mein treues Weibchen, zu Deinem närrischen alten Mann, denn sein Herz wird sonst brechen." Philipp sprang auf und fing an mit starken Schriten hcrunizugehen.„Doch warum sag' ich Dir das? Ich sollte meine Last allein tragen." Sie hatte die Hände vom Gesicht genommen: ein tiefes Mitleid sprach ans ihren Mienen.„Und das hast Du alles schreiben müssen?" fragte sie. „O, er wußte nicht, was er that. Er wollte niemand zu nahe treten. Er hatte keine Ahnung, daß jedes Wort mir wie Fenersglut tief ins Herz hinein brannte.— Und doch war es gerade so," fuhr er mit harter, dumpfer Stimme und schrecklichem Ausdruck fort,„als wäre ein der Hölle cnt- sticgener Teufel in den Mann gefahren, um ihm einzugeben, wie er mich quälen sollte; als hätte ein grausanier Tyrann mich gezwungen, mein eignes Todesurteil zu schreiben. Mir war, als müßte ich ihn umbringen; ich wußte nur nicht anders zu helfen, ja, ich fühlte in dem Augenblick, daß ich— o, wie schrecklich, so etwas zu sagen!" Er hielt iiine, setzte sich wieder auf den Bettrand und derbarg das Gesicht in den Händen. Sie kam und setzte sich neben ihn.„Philipp ," sagte sie, „ich richte Dich zu Grunde und mache Dich zu einem schlechten Menschen. Du warst so reinen Herzens und ich, die ich Dich so groß und so edel wünschte, ziehe Dich ins Verderben herab. Wenn ich hier bleibe, so ist es Dein Untergang. Philipp. Niemand besucht Dich jetzt mehr. Du verschließest Deine Thür vor jedermann... Ich habe Dich letzte Nacht nach Hause kommen hören, Philipp. Ich höre Dich jede Nacht. Ja, ich weiß alles. O, es wird damit enden, daß Du mich hassest; ich weiß es. Waruni schickst Du mich nicht fort? Es wird besser sein, mich beizeiten fortzuschicken. Auch niacht es ja keinen Unterschied. Wir sind in demselben Hause, kommen aber nie zusammen. Schicke mich fort, jetzt, eh' es zu spät ist." Er ließ die Hand sinken und suchte die ihre, ohne ihr ins Gesicht zu sehen.„Wir haben beide gelitten, Käthe. Wir können einander nie hassen, wir haben zu sehr gelitten, eins um des andren willen." Sie klammerte sich fest an die Hand, die er ihr gab, und sagte:„So willst Du mich nie verlassen, was auch geschieht?" „Niemals, niemals, Käthe," anttvortetc er, und mit einem erstickten Schrei schlang sie die Arme um seinen Hals. Der Regen strömte noch inmrer mit eintönigem Geräusch auf die Dächer und auf die Gräber hernieder. „Was sollen wir denn aber thuu?" fragte sie. „Das»veiß nur Gott I" antwortete er. „Was wird aus uns werden. Philipp?" Sollen wir uns nie lviedcr anlächeln? Wir können doch die Last nicht fort und fort tragen. Heute, morgen, überinorgen, das nächste Jahr— soll es fürs ganze Leben so weiter gehen? Heißt denn das noch leben? Kann man auf keine Weise ein Ende machen?" „Ja. Käthe, ja; es giebt etwas, das diesen Zustand enden wird, aber nur eines." „Du meinst— den Tod?" Er antwortete nicht. Sie stand langsam vom Bcttrand auf, ging zum Fenster zurück, lehnte die Stirn an die Scheibe und blickte in den einsamen Kirchhof hinab, wo der Toten- gräber seine Arbeit im Regen fortsetzte. Plötzlich brach sie das Schweigen.„Philipp," sagte sie,„ich weiß jetzt, was wir thun sollen. und wundere mich, daß wir nicht eher daran gedacht haben. „Und das ist?" Sie stand ihm jetzt mit fliegendem Atem gegenüber. „Sage Pete, ich sei tot." „Nein, nein, nein!" Sie ergriff seine beiden Hände.„Ja! ja I" sagte sie. Er wandte das Gesicht ab.„Käthe, wie kannst Du so etwas sagen!" „Was ist wohl natürlicher, Philipp? Bedenke doch, wenn Du ein andrer xgewesen wärest, hätte es schon lange so weit mit mir kommen müssen. Ich würde Dir verhaßt sein, weil ich Dich in diesen Abgrund des Betrugs hinabgczerrt habe. Du hättest mich verlassen und ich wäre verkommen und zu Grunde gegangen. O, ich sehe es alles vor mir, als ob es wirklich geschehen wäre. Eine einsame Stube, irgendwo— und ich. allein dahinsiechend, von niemand gekannt, ohne Namen, vergessen." Seine Augen schweiften durchs Zimmer.„Es Wird ihn umbringen, ihm das Herz brechen," sagte er. „Er hat einen härteren Schlag überlebt als diesen, Philipp. Glaubst Du, daß er nicht auch leidet? Trotz seiner scheinbaren Lustigkeit und seinen zuversichtlichen Reden, trotz aller Briefe und Geschenke leidet er schwer— glaube es mir." Er ließ ihre Hände los und fing wieder an, im Zimmer herminzugchen, doch mit gesenktem Kopf und mit auf dem Rücken verschränkten Händen. „Es wird grausam sein, ihn so zu täuschen," sagte er. „Nein, Philipp, nur menschenfreundlich. Der Tod ist nicht grausant. Die Wunde, die er schlägt, wird heilen. Sie wird nicht immer bluten. Wenn er glaubt, daß ich tot bin, wird er vielleicht ein wenigjveuien und trauern, dann aber" — sie unterdrückte einen Seufzer—„wird alles vorüber sein. Die arme Frau, wird er sagen, sie hat schwer gefehlt. Ich habe sie einst geliebt und ihr nie etwas zu leide gethan. Doch sie ist dahin, und sie war die Mutter der kleinen Katharine; laßt uns nicht mehr ihrer Schwächen gedenken l" Philipp hatte nicht mehr auf sie gehört. Er stand am Fenster, blickte hinab. Du hast recht, Käthe; ich glaube, daß Du recht haben mußt." »Ich zweifle nicht daran." „Es wird ihn schmerzen, aber er wird darüber hinweg kommen." „Ja, ganz gewiß. Und Dich, Philipp— Dich wird er nicht länger qnälen. Keine Briefe, keine Geschenke mehr, keine Grüße für Dich." „Ich will es thun. Ich will es gleich morgen thun," sagte er. Sie öffnete ihre Arme weit und rief:„Küsse mich, Philipp, küsse mich. Wir werden wieder aufleben. Ja, wir werden eines Tages noch zusammen lachen— küsse mich 1 küsse mich!" „Noch nicht— wenn ich wieder komme." „Nun gut, wenn Du wieder kommst." Sie sank auf einen Stuhl und weinte vor Freude; er ging hinaus, wie er hereingekommen war, verstohlen, geräusch- los wie ein Schatten. XVII. Philipp ging von Ballure nach dem Ulmenhaus. Es war spät und die Nacht dunkel und still, ohne Mond oder Sterne. Rings herrschte eine feuchte, dunstige Schwüle, man spürte weder Wind noch Luftzug. Die Straße war ruhig, die Bäume regte,» sich nicht, nur vom Meere her kam ein fernes Gemurmel. Und wie er so ging, war er bemüht, sich zu überreden, daß, was er thun wollte, wohlgethan sein würde.„Es ist unrecht, ihn zu täuschen", dachte er; es wird nur zu seinem eignen Besten sein. Die Ungewißheit würde ihn töten. Er müßte sich innerlich verzehren. Seine Seele würde weder Saft noch Kraft behalten. Warum sollte ich also zögern? Außerdem ist es auch teilweise wahr, wahr ini eigentlichen Sinne, auf den es allein ankommt. Für ihn ist sie wirklich tot. Sie kann nie zu ihm zurückkehren, sie ist auf immer für ihn verloren. Es ist daher trotz allem wahr— ja, es ist wahr." „Es ist eine Lüge!" sagte ihm eine Stimme ins Ohr. Er fuhr zusammen. Er hätte schwören mögen, daß jemand die Worte gesprochen habe. Doch ging niemand neben ihm; er war ganz allein auf der Straße.„Es muß meine eigne Stimme gewesen sein; ich muß laut gedacht haben," sagte er sich. Im Weitergehen nahm er seine Ge- danken wieder auf. „Und wenn es eine Lüge ist, ist es dann darum ein Verbrechen?" fragte er sich.„Ja gewiß— o, nur zu gewiß! — Hat doch ein weiser Mann gesagt: wer einmal einen großen Fehler begeht, schmiedet das erste Glied einer Kette. Die andren Glieder scheinen auch Verbrechen zu sein, sie sind's aber nicht, es sind nur die unausbleiblichen Folgen. Unser Vergehen liegt weit zurück, und selbst dann war es zum Teil die Schuld des Schicksals. Ließe sich das Vergangene auch zurückrufen, so könnten wir doch nicht anders handeln, wenn unser Geschick nicht ein andres wäre. Alles was später geschah, war nur die notwendige Folge jenes ersten Schritts. Daß Käthe sich mit Pete verheiratete, daß sie Pete verließ, und mein jetziges Vorhaben— eins folgt aus dem andern." „Es ist eine Lüge." sagte dieselbe Stimme ihm zur Seite. Er blieb stehen. Die Dunkelheit um ihn her war groß, er konnte nichts erkennen. „Wer ist da?" fragte er. Keine Antwort. Er streckte seine bebende Hand aus— niemand war da.„Es muß der Wind in den Bäumen gc- Wesen sein," dachte er; doch wurde die schwere, dunstige Luft von keinem Windhauch bewegt.„Es klang wie meine eigne Stimme," dachte er dann, und erinnerte sich dabei, wie ihm sein Diener in Douglas gesagt, daß er seit kurzem die Gewohnheit angenommen habe, laut mit sich selbst zu sprechen.„Es war meine eigne Stimme," überlegte er und ging weiter. „Eine Lüge ist eine schlechte Grundlage, um etwas auf- zubauen— das ist gewiß I Was Dauer haben soll, kann nicht auf etwas Wesenlosem ruhen. Es muß zusammen- brechen, in Trümmer fallen, und alles mit in seinen Unter- gang reißen. Aber dennoch—" „Es ist eine Lüge," sagte wieder die Stimme. Diesnial war kein Irrtum möglich. Es klang wie ein leises, dumpfes Flüstern, tief drinnen in der Höhlung seines Ohrs. Er hatte selbst nicht gesprochen, und doch wirkte es auf seine Sinneswahrnehmung wie der Ton seiner eignen Stimme. Ja, es mußte seine eigne Stimme gewesen sein, die zu ihm selber sprach. Als er zu dieser Ueberzeugung gelangt war, ergriff ihn tätliches.Entsetzen. Das Herz schlug ihm gegen die Rippen, und eisige Kälte durchriefelte ihn.„Es ist nur dasselbe quälende Wahngebilde." dachte er.„Erst war es eine Vision, jetzt ist's eine Stimme. Einsamkeit und Abgeschiedenheit haben es erzeugt. Ich muß stark sein und ihm Widerstand leisten. Es wird mich sonst überwältigen und mit einem Druck auf mir lasten, wie ihn nur der Wahnsinn ausübt. Die Menschen sehen ihre Seele nicht eher, als bis religiöse Schwärmerei oder Verbrechen sie an die Grenze des Irrsinns geführt hat." „Eine Lüge! eine Lüge!" sagte die Stimnie. „Das ist schon vollkommener Irrsinn. Gesichter in die Dunkelheit zu malen, Stimmen in der leeren Luft zu hören, ist Geisteskrankheit. Der Tollhäusler kann es nicht schlimmer treiben." „Eine Lüge!" sagte die Stimme. Er warf einen Blick über seine Schulter. Ihm war, als hätte ihn jemand berührt und dabei gesprochen. (Fortsetzung folgt.» Große Vcrlinev Kunfkausstellung. n. Am reichlichste» ist natürlich die Landschaftsmalerei ver- treten. Kein Ausstellungsraum, der nicht lveuigsteus einige in diesen Kiuistzlveig einschlagende Bilder aufwiese! Wollte man einmal eine Statistik aufstellen, so würde unfehlbar konstatiert werde» können, daß die genannte Sparte am meisten gepflegt wird. Wieviel tausend Quadratkilometer Leinwand mögen wohl schon allein im abgelaufenen Jahrhundert mit Ansichten von der Natur in Farben bedeckt worden sein?I Denn die Landschaftsmalerei ist ja so recht eigentlich im letzten Säkulum zur Blüte gelaugt, hoch zu Ehren gekommen— aber freilich auch in Mißkredit. Das unermeßliche Heer der Dilettanten, das sich ja zum überwiegende» Teil aus den„gebildeten" Ständen rekrutiert, jede„höhere" Tochter, viele pensionierte Offiziere, Beamte, Lehrer. invalide Theaterleute zc. pinseln, sobald sie einige Elementarzeichen- knrse mit oder ohne fachliche Anleitung durchgemacht haben, an landschaftlichen Motiven herum, sei es nach farbige» Vorlagemustcnr, sei es nach der Natur selber. An sich ist diese Beschäftigung durch- aus nicht verwerflich. Ja man könnte versucht sein, sie gutzuheißen, iveil sie in gewisser Beziehung dem geisttötenden Müßiggänge der Besitzenden steuert, andrerseits doch auch das Gemüt für das Schöne empfänglich macht und die Fähigkeit des Kuiistverstehenlernens weckt und fördert. Sobald aber jener Dilettantismus anfängt, mit den Prätensionen der Knnstlerschaft aufzutreten und den berufenen Malern beim kaufenden Publikum Konkurrenz macht, muß er mit der schärfsten Abweisung bekämpft lverden. Damit soll nicht gesagt sein, daß unter der Masse der in Riesenausstellungen zur Schän gebrachten Bilder auch offensichtiger DiNetautismus zü Tage tritt. Die Jury Ivaltet ja ihres ebenso hohen ivie undankbaren Änites; dennoch ver- mag sie bei großen Unternehmungen nicht immer die geschäftliche Seite zu ignorieren. ES sind da tausenderlei Niicksichten zu nehmen und schließlich sind derer, die sich Berufsnialer nennen, schon so viele, daß es beim beste» Willen nicht gelingt, auch in jedem Falle die im Interesse wirklicher Kunst notwendige Pflicht der Begrenzung zu üben. Denn von allen Sparten der darstellende» Knust ist gerade die Landschaftsmalerei unerschöpflich— ivie die abkonterfeite Natur selber. Und wenn die Wissenschaft, deren Leben, Entstehen und Per- gehen im Jahrcszeitenlauf nach den diesen Prozessen zu Grunde iiegeuden Gesetzen erklärt, so darf die Landschaftsinalerci vollen An- spruch darauf erheben, uns das Abbild der Natur mehr oder minder getreulich vor Augen geführt zu haben. So bildet sie für das Erkennen des äußere» Schönheitsbildcs der uns umgebenden Landschaft, fiir dessen Festhalten im Geist und Gemüt, einen hohen erziehlichen Faktor. Aber damit allein ist's doch nicht gcthan. Wir lvollcn mehr, wir ertvarten von einer Masienzurschanstellung ein sattes Vorhandensein, ein abwechslungsreiches„Konzert" sowohl in motivischer, als anch in der das künstlerische„Wie?" betonenden Hinsicht. Man wird nicht sagen können, daß bei dieser Ausstellung alle Bedingungen erfüllt sind. Von vielen Bildern gilt: sie waren schon unzählige Male da I Wenn man bloß ein Motiv hernimmt, weil es große Vorgänger schon mustergültig behandelt haben, so geivährt es nur noch'Genuß, wenn es anch zugleich mit neuen malerischen Feinheiten durchtränkt ist. Man möchte doch einmal sehen, welch Zetermordio entstände, sofern ein Dichter, Schriftsteller oder Komponist einfach vorhandene Litteratur- oder Musikwerke kopierte! Oder tveun er sie vcrwäfferte! Wie auf diesen Gebieten, so müssen sich anch die Maler gefallen lassen, daß ihnen die Kritik in allen Fällen, Ivo es notwendig ist, die Sünden ihrer Nachlässigkeit Vorivirft und von ihnen Beschränkung verlangt. Eins soll anerkannt werden: wir begegnen fast jeder Malweise der letzten zehn, fünfzehn Jahre. Der Naturalismus ist tot, doch nicht ganz tot; das Plcinair. der Impressionismus haben, unter stetiger Verfeinerung, auf der ganzen Linie gesiegt, wenn auch noch mancherlei Extravaganzen mit.unter- laufe». Für das stilisierte Landschaftsbild ist hier kein Platz; Stürmer und Dränger sind nicht vorhanden. Höhenkunst im Sinne anScrlesenster Scccssionisten hat sich ja ihre eigne» Ansstellnuge» ge- schaffen I Aber werfe» wir allen Bildkram, in welchem lediglich Ober- flächen-Knnst, bar jeglicher Vertiefung, auftritt, beiseite, so treffen wir doch einige erstklassige und eine hübsche Zahl höchst erfreulicher Landschaften, die als eine Bereicherung gelten und der Beachtung kauffähiger Liebhaber empfohlen werden können. Da hat Eduard Fischer— merkwürdigerweise in einem der Wandelgänge I— einen „Herbstobend"? Man sieht eine» sich weit i»S Land ziehenden schnür- geraden Kanal, einige Birken an der linken Seite und ein Dörfchen im Hintergrund. Wnrdervoll ist das Weiß der Stämme und durch- sichtig spiegelnd das Wasser gemalt. Herbstklar ist die Luft, wie im Oktober, kuhlere Sounigkeit liegt in ihr und n,an sieht weit, weit hinaus. Das wirklich schöne Bild erinnert, was die Malweise und das Motiv— wohl der Nymphenburger Kanal bei München?— betrifft, an ein ähnliches Bild von Kaiser. F. Hofstnann-Fallerslcben bringt ein wuchtiges Hünenmal, nämlich den„Opfertisch in der Oldenburger Heide", mit breitwipfeligen Eichen darüber. Warmes gesättigtes Kolorit liegt über der Landschaft, dem Himmel und Sonnigkeit auf dem Wege. Von Bernhard Schroters Hand fällt eine Düncnlandschaft„An, pommerschen Haff" mit diesem letzteren im Hintergrunde, bei leicht bewölktem Mondlicht, ins Auge, und Ha iiS Schleich' entzückt durch eine wunderfeine Abendstimmung „Nach de», Regen": ein blutroter Horizontstreifeii und das dunkle Wasser danint'cr von zartester Abtönung. Olof Jernberg, der zur Zeit als Professor an der Königsberger Malerakadcmie wirkt, bringt einen ausgezeichneten«Weg am Diinenrand", mit warmem Lichte ans diesem. und Albert Heitel eine köstliche Landschaft„Aus Ober- franken", bei welcher das Beleuchtungsprobleni auf den, Abhang schön und tief gelöst ist. Julius Jacobis„Herbst" zeigt ein Hohliveg- motiv mit vorzüglichem Licht und Schatten. Sonnige klare Stimmnng verbreitet der„So>nmertag in dem Polder" dcsNiederländers J.H.Wys- müller. Von feiner Wirkung ist Bruno Marquardts„Märkischer Sand", und bewegt eine„Landschaft" bei Sturm von Otto Ackermann. Wmider- voll durchleuchtet erscheint ein großes Temveraaemälde aus dem Harz von Hermann Urban:„Einsamkeit", mit einer Taiine auf weitem geäumigem Felde. Das Bild erhielt die ziveite Medaille. Antzerdem seien noch genannt:„Unsre Ufer", ein breites Strandbild mit grünlich weiße» Wellenkämmen von Abril y Blasco; Albert Flaums.Auf der Via Appia mit Blick auf Rom" und.Blick auf die Küste bei Mola di Gaeta", Ludlvig Willroidcrs„Ans der bayrischen Ebene": ferner Karl Behm s.Vineta"). Ernst Kolbe<. Winter- abendftille". plastisch gemalt), Müller- Knrzivelly l.Abendwolken"), Paul Weber(„Ammersee", Bayer»), Joseph Remmelspachcr(„Stilfser Joch"), Th. von Eckenbrecher(„Norivegischer Wasserfall"), Otto Günther- Naumburg(.Mittelbergglctscher im Pitzthal, Tirol"), L. K. Brotvn(„Valley ok bbö rritb", Schottland), F. Sartorelli (.Abenddämmerung"). Das See» und M a r i n e b i I d, das namentlich von den Belgiern, mehr noch von den Niederländern(Maesdag) gepflegt wird, hat einige beachtenswerte Stücke aufzuweisen, wie'„Nothafen an der Elbmündung" von Hanna Mehls,„Abend" von Gerolamo Cairati,„Aus dem Hafen von Trieft" von Raoul Frank..Fischer- dorf an der Maas bei Rotterdam" von Hans Herrmann.„Bei der Ueberfuhr" von Alessandro Milesi,„Im Hamburger Hafen" von Leonhard Sandrock und ein helles Regenbogenmotiv von der Unter- rlbe von dem bekannten Marinemalcl HanS Bohrd«. Derselbe schildert gleichzeitig in einem interessant gemalten Triptychon („Stapellanf".„Leben und Kampf".„Wrack"), das„Schiffslos". Das Stillleben hat jedenfalls sein Bestes von Clara v SiverS (Früchte), Frieda Fränkel(StiNleben, inleressant gcmalls. Bruno Hohl- seid(Stilllcben), Elisabeth Nube(Weiße Astern). Nel Grönland(Frucht- stück), Helene Nagel(Blunrcnstück) und Ferdinand Oldeweldi(Mohn und Lilien) aufzniveisen.— Phantasiebild, Märchen und Allegorie haben ihre gewisse Berechtigung. Der Schotte Robert Fowler belebt in seinem apart gemalten Bilde„Eine S e e- E r s ch e i n u n g" den Grund des Meeres mit hübschen blondhaarigen Nereiden, die durch zottel- bärtige lüstern dreinschauende Tritoneir erschreckt werden In,„Tanz der Stunden"(zwölf Mädchengcstaltci» um eine Ellipse schwebend) bietet Gactano Prcviati eine eigenartige Versiimbildlichimg des Tageslaufes zivischen Mond und Sonne Hermann Heirdricks Bilder aus einem Cyklus zu Goethes„Märchen von der grünen Schlange" versuchen den poetische» Gehalt jener Dichtung nach der Seile des Geheimnisvollen zu erschöpfe». Malerisch, wenn auch fremdartig, wirkt Fritz Erters.Einsamer Mann", der. begleitet von einem roten Fabeltier nach altnordischer Vorstellung, über' et»« schneebedeckte Ge- birgspartie schreitet. Die Tier malerei steht im üppige» Flor, wenn auch nicht alles Gebotene Fcmbadle ist. Als Glanzleistung lau» Hermann Hnrtlvichs„Im Herbst" bezeichnet werde», welches zwei stnpend gemalte Ochsen neben einem Hcnlvagen zeigt. Ganz ausgezeichnet ist auch ein„Pferdebildnis" von Theodor Bohnenbeigc» Effektvoll geben sich ferner HanS Ungers.Flamingo« am Mitlelmeer": tüchtig Julius Adams„Rivalen"(zwei Katze», die eine Eule belauern). ein bnmstender Hirsch von Richard Friese:„Ilh» vor der.Krähenhütte" von Carl Kappstein, Edinond van der MeulenS„Ringer"(vier Hunde): Enten anr Weiher von Alexander Köster:„Eggende Pferde" von Arthur Knaner; Katzcnbilder von Richard Marli»(Farnilienglück in der Bodenkammer) und Minna Stocks(Ei» Ouartett). Vo» Otto Gebier sehen ivir den„Siebenschläfer", der. wen» ich nicht irre, bereits auf der letzten Pariser Wcltansslcllnng war. Schließlich will ich nicht unteilasle». aus dir Schwarz- Weiß- Ausstellung, sowie auf die znsannnengrbrachleu Erzeugnisse des moderne» K u n st g e Iv e r b e S, dir beide viel des Jnlercssanten haben, gebührend hinzuweisen.— E r n st K r e o w S k t. Mleines Feuilleton. —„Erutcfrst." Vorgestern war ich bei einem Erntefest. Draußen im Nordosten, Ivo sie mit ihrem Häuserbnucn eine alte, millionenschtvcre Berliner Familie noch reicher machen. Ich schlorppte die neuaugclegte Straße hinauf, wie an jedem Sonntagnachniittag, geladen mit JunggescNcnlvut bis zum Hals. Da spürte ich um mich ein Drängeln. S— sss I Das auch noch! Aber es waren Kinder, Mädchen, meist in ausgewaschenen Sonntagsfähnchen, mit ihren Müttern. Zugleich kam ein Bnm-Bum I mächtig über den Planken- zäun. Setzte sich das Gift, und ich ließ mich treiben, schieben. Durch eine niedrige, enge Thür— ach herrjeh!— einen Lehnrhang hinauf; schon lief's vor mir, hinter inir, alles, was Beine hatte. Einer stand da mit einem Teller und tvollle einen Nickel. Bekam ihn. Jetzt sah man schon den Zug. Quer durch die Koloirie kam er. Da mußte man wohl einen Schnstertrab riskieren. Vorne weg Buben mit Larven, Schnanzbärten, in buntscheckigen Leibcheu-Hosen. Ein uralter Preßkohlenschimmel. Der Reiter hielt krampfhaft eine Fahne:„Hoch lebe Ackerbau und Viehzucht." Acker- bau: ein paar Kartoffelstauden, Grünzeugbeete. Blumen. Viehzucht: Kaninchen, Hühner und Taube». Dann die Musike. Blech. Nichts als Blech. Eifrig bis zum Zerspringen. Bum-bum-bum und Tschindadra I Einige Handiverksburschen'. Ganz echt, bis auf den „Berliner". Hinter ihnen Bettelvogt, Nachtwächter und noch so eine Obrigkeit. Ter Schulmeister mit seinen Kinderii. Aus dem Kopf eine Landsturm-Miitze anno Tobak. Allerlei halbwüchsiges Volk, Flicken-Männer. Schauderhaft! Der Erntelvagen. Ein Kinder- und Mädchennest. Ritsch— Ratsch I Der halbe Zaun ist hin. Bum— dum— bunt I Kinder, Kinder. Kinder. Junge Frauen, weniger junge Frauen,»och weniger junge. Lachende Augen, Ge- schrei. Jauchzen. Noch kein Ende. Männer in Hemdsärmeln, sonnen- verbrannt den krähenden Jungen auf der Schulter. Hinterdrein der Getvalthaufe» der Ankommenden. Vorbei... In allen Lauben gedeckte Tische. Kaffeekannen, dickbäuchig tvie Säuerlingpfludcrer. Um sie herum qnitschvergnügte Menschen. Und bunte Papierschnitzel air Fäden über Zäune, Lauben, Beete, an Masten hinauf und hinab, ein rotes Geriescl allerwärts. Und darüber die grelle Augustsonue.... Ich weiide den Fuß. Ein Gärtchen. Wie ein glühender Teppich. Nichts als blühende Kresse. Kapuziner-Schlorppe nennt man es in meiner Heimat. Wieder die Wut. Ach was I... Sagt mal: Könnte man die Feste, die wir feiern, nicht etwas farbiger gestalten?— k. Ueber einen furchtbaren Gletschersturz im KankasuS Ivird einem englischen Blatte ans St. Petersburg berichtet: Am Morgen des 16. Juli wurden die Ossetinier im Kaukasus, die die vom Genal Don durchflossene Schlucht bewohnen, durch ein donnerähnliches Geräusch eriveckt. de», ein Wirbelwind und unmittelbar darauf eine ungeheure Laivine folgte. Der Sturm war so heftig, daß er die erschreckt Flüchtende» in die Höhe hob. Im oberen Teil der Schlucht stand ein kleines Sanatorium, dessen zwölf Gebäude um die heißen stahleisen- haltigen Quelle» standen. In einem Augenblick Verschtvanden Ge- bände und Kranke unter deni Eise. Der einzige Ueberlebende ist schwer verletzt. Der Gletscher ergoß sich über drei englische Meilen und fegte alles vor sich fort. Zwei Tage später nahm ein ziveiter. noch viel größerer Eisstrom denselben Weg. Vier Ossetinier, die nach den Leichen der Opfer des ersten Unglücks suchten, bemerkten inr Thal eine kleine Wolke, das sichere Zeichen eines Eisrutsches, und wurden gleich darauf durcb den Stoßwind nmgeivorfen. Zivei verschtvanden unter dem vorrückenden Eise, ivährend die beiden andern tvie durch ein Wunder auf der Oberfläche blieben und mit Blitzesschnelle vier Meilen thalabwärts getragen wurde». Eine Rettungsmannschaft hatte sie fast erreicht, da überschlug sich der Block, auf dem sie standen, und sie wurden unter den, Gletscher begrabe». Wie schnell sich der Eisstrom fortbeivegtc, erhellt daraus, daß der zweite Gletscher in zwei Minuten acht Meile» bedeckte. Ein Bauer ist auf ivunderbare Weise gerettet worden. Die Gewalt deS Windes warf ihn nieder und das Eis schloß sich um ihn auf allen Seilen, so daß er wie auf dem Grunde eines Brunnens mit senkrechten Eiswänden stand, aus dem er glücklich gerettet wurde.— Theater. St. Lessing-Theater..Flachsmann als Er». z i e h e r" Konrödie von O t t o E r n st.— Wanim das Lessing- Theater sei» neu engagiertes Mitglied, Herrn H e r n, a n n John von, Deutsche» Lande's-Theatcr in Prag, gerade als Jcan Flcmming in Otto Erusts berüchtigte», Schnlschtvank„FlachSmaun als Erzieher" präsentierte, ist uns nicht ganz verständlich. Ueber Otto Ernsts Stück sind die kritische» Akten geschlossen. Man ist sich darüber einig, daß in diesem Scknvaul höchstens das Milien einigermaßen neu ist: die Mischung ivohlfeiler Situationskomik und un- verfrorcuster Bühnenmache mit pathetischer Rhetorik ist nach sehr allen SckNvankrezepten bereitet. In diesem Stück, in dem den,„Heiligen BureaukratiuS" die verblüffendste Ehrenrettung zu teil ivird. sind nur die Nebenrolle» psychologisch richtig gezeichnet, was freilich auch kein besonderes Verdienst ist, da sie nur bekannte Typen darstellen. Die Hauptrollen, die Kanaille FlachSmaun, eine Inkarnation von Schufterei und borniertester Pedanterie, und Jean Flemming, dieser neue Pestalozzi mit den Marquis Posa-Allüren, sind, dieser ins„Idealistische", jener ins „Bühncnbösewichtcrhafte". karikiert. De»„genialen" Schönredner spielte Herr John. Und zwar sehr respektabel. Aber die Verkörperung eines Ron, anhelden ist leider lein Prüfstein für die Begabung eines tüchtige» Schauspielers. Erst wenn Herr John einen Menschen verkörpert haben ivird, wird nun, sich ein Urteil über sein Können zu bilden vermögen.— —.Kater Lampe." Komödie in vier Akten vo» Emil R o s e n o iv.— Aus Breslau wird uns geschrieben: RosenowS Komödie„Kater Lampe" errang am Sonnabend bei ihrer Erstauf- sührung in, hiesigen„Neuen Sommer- Theater"(Direktion Alfred Halm) vor volibesetztem Hause einen starken und ehrlich verdienten Erfolg. Das Stückt giebt mit frischem Humor und treffender Satire eine Schilderung des Lebens der Bevölkerung im sächsischen Erz- gcbirge. Der kleinliche und doch das Lebeusiuteresse erschöpfende Kampf der drei dort hausenden Bevölkerungsgruppen. der altein- gesessenen ärmliche» Gebirgsbauern, der handwerksmäßigen Spiel- ivarcuschnitzer und der andrängenden kapitalkräftigen Spielwaren- fabrikanteu ivird hier mit lebensvoller Kraft dargestellt. Die liebevolle natürliche Wiedergabe der intimsten Lebensvorgänge dieser eigenartigen Volksgruppen zeugt vo» der starken Beobachtungs- gäbe des Autors; die köstlichen Gestalten des Gemeindcvor- stehers Ermischer, des Geniciudedieners Seifert und des buckligen Spielwarenschnitzers Neumerkel stellen seiner dichterischen Befähigung und humoristischen Gestaltungskraft ein ehrenvolles Zeugnis aus, Auch die biihnentechnischen Schwierigkeiten bot Roseuow in einer für den Anfänger auf der drama tischen Laufbahn überraschend glücklichen Art überwunden. Wen» der Rotstift in einigen gar zu breit an- gelegten Scenen seines Amtes gewaltet haben wird, dürfen wir Skatet Lampe" unbedenklich zu den besieren inodernen Komödien ans socialer Grundlage zählen. Das äusterst angeregte Premieren- Publikum rief de» anwesenden Dichter nach den Aktschlüssen wiederholt ans die Bühne. Eine bis in das kleinste vorzüg- liche Darstellung(Hermann Vallentin gab den Gemeinde« Vorsteher mit unübertrefflicher Kunst) vollendete die starke Wirkung des Stückes.— Volkskunde. — Der ungarische Bauer als Wetterprophet. Paul Cserna ciliert' in der.Frankfurter Zeitung" eine Anzahl alter ungarischer Baucrurcgeln, von denen die folgenden hier Platz finden mögen: Wenn in der Früh' kein Than fällt, so wird es regnen. Wenn daS Glockengelänte weithin hörbar ist. so wird eS regnen. Wenn der Flui;(Bach. Wehr) stark rauscht, so wird es regnen. Wenn sehr große Regentropfen fallen, so kommt noch mehr Regen. Scheint die Sonne und regnet eS dabei, so giebt eS in der Saat Rost. Nähert sich im Sommer eine Regenwolke, so miissen die Glocken geläutet werden, damit kein Hagel d'rauS wird. Hagelt es. so muß man auf dem Hofe die Axt mit der Schneide in den Erdboden stecken— gleich hört das Wetter ans. Wenn eS am Margarethentag regnet, so dauert der Regen sechs Wochen lang. Regnet eS zu Medard!(oder am Peter-PanlStag), so wird eS vierzig'Tage lang Regenwetter geben. Donnert eS am St. Jlia-Tag. so giebt eS in dem Jahre keine guten Haselnüsse. Der Gast in der Frühe bleibt nicht lang'— Morgenregen vcr- geht rasch. Regnet es am Freitag, so hält daS schlechte Wetter lange an. Neuer Regen treibt den alte» hinweg. Donnert es vor Gcorgi, so giebt's einen guten Sommer. Der April hat sieben Winter und sieben Soinmer. Schmilzt das Eis zur Fastnachtszeit, so giebt'S eine reiche Ernte. Hitze am Karfreitag— Kälte am Ostersonntag. Dürre anfangs Mai bedeutet Trockenheit fürs ganze Jahr. Nach St. Urban giebt's keinen Frost. Dauert der Herbst lange und giebt eS keinen Regen, so tvird im Winter viel Schnee fallen.— Medizinisches. — Der Zahn in der St a s e. In der»Wiener medizinischen Presse" wird ei» merkwürdiger Fall mitgeteilt, der in der mährischen Landes-Kraukenaustalt in Brünn zur Vchandlnng kam. I» der Krankenanstalt erschien eine 4lljährige Tagelöhnerin und beklagte sich über heftige rechtsseitige Kopfschmerzen.' Sie gab an, daß die Kopf« schmerzen schon seit nahezu zwanzig Jahren ununterbrochen an« gehalten und sich anfallsiveise gesteigert hätten. Gegen das Leiden habe sie von den Aerzten vom Beginne an Morphium-Jnjektionen bc« kommen. Seit ungefähr drei Pierteljahren habe sich jedoch der Kopf« schmerz fast täglich gesteigert, daß man der Patientin täglich bis sechs Morphium« Injektionen habe geben müssen. Den Brünner Aerzten tvar es nun begreiflicherweise daran gelegen, die Herkunft dieser eigenartigen Kopfschmerzen festzustellen, und als sie im Ber- laufe der Untersuchnng die Nase der Patientin besichtigten, da stießen sie auf einen sehr»icrklvürdigen Befund: Aeußcrlich zeigte die Nase nichts Abnormes. Die linke Nase war normal, die untere rechte Nasenmnschcl war jedoch geschivollen. Und ztvischen derselbe» und dem Boden der Nasenhöhle lag ein grünlich- weißer. ungefähr erbsengroßer Körper, der sich sehr hart anfühlte. Man versuchte den Körper mit einer Pincette herauszuziehen, doch er zerbröckelte hierbei und eS zeigte sich, daß er auS einer porösen weichen Steinmasse bestehe. Tags darauf fand man dort, wo am Tage vorher der beschriebene erbsenförmige Körper gesessen, ungefähr 4 Centimcter hinter dein Nascnloche, einen glänzend ivcißcn, harten, etwas kleineren Körper, der sehr fest saß. Die Stelle, Ivo der rätselhafte Körper saß. tvnrde mit Cocain im» empfindlich gemacht und man ging nun daran, den Körper heraus- zuziehen. Man benützte die Pincette, die Sironzanqe— vergebens, der Körper ivollte sich nicht herausziehen lassen. Endlich wurde er mit einem schmalen Hebel in seinem Sitze gelockert und jetzt gelang es, den Körper herauszuziehen. Wie groß tvar das Erstaunen der Aerzte, als sich nach näherer Unter» suchung herausstellte, daß der Fremdkörper ein— Zahn sei. Er ist beiläufig 18 Millimeter lang und zeigt deutlich Form und Bau des Zahnes.— Es kommt nämlich vor. daß obere Zähne nach oben statt nach unten wachsen. Es kann sich ereignen, daß ein Zahn seine Krone nicht hinab gegen das Zahnfleisch und die Mund« höhle, sondern hinauf gegen die Rase wendet. Und er durchbricht dann im Verlaufe seines WachSknmS den Rasenboden und gelangt ins Innere der Nase. Solche..auf den Kopf gestellte Zähne" können sowohl Schneidezähne, als auch Eckzähne, oder auch Backenzähne sein. Die Tagelöhnerin ivar nach der Operation völlig schmerzfrei, sie schlief gut, und zwar das erstemal seit 20 Jahren ohne Medikament, die Kopsschmerzen waren spurlos verschwunden. Die Patientin konnte geheilt die Anstalt verlassen.— Ans dem Tierleben. — Während die Zahl der S t ö r ch e in manchen Distrikten der Provinz Schleswig-Holstein, besonders an der Ostküste und noch mehr auf dem wasserarmen Mittelrücken, in den letzten Jahrzehnten stetig zurückgegangen ist, kommt dieser Sumpfvogel in unsren Nordsee- marschen, in den Niederungen a» der Eider und an der Elbe, sowie an ihren Zuflüssen immerhin noch in beträchtlicher Menge vor. Da der Storch seiner Nahrung wegen an einen wasserreichen Aufenthalts- ort gebunden ist, so kommt es, daß gewisse günstig gelegene Dörfer mit Nestern übersät sind. Hierzu gehören, so berichten die»Hain« bnrgcr Nachrichten", in Holstein ganz besonders die Dörfer Wcde und Steinbck an der Landstraße von Segeberg nach Lübeck und in Schlesivig das Dorf Seeth bei Friedrichstadt. Infolge des UcbergangS der ländlichen Gebäude von der weichen zur harten Be» dachnng hat allerdings die Zahl der Nester auch in diesen Gemeinden erheblich abgenommen, in dem nahen Seeth kommen aber selbst auf ganz kleinen Arbeiterhänsern 2—3 Nester vor. Interessant sind die Kämpfe, die sich hier im Frühjahr entwickeln, tvciin die vorjährigen Jungen mit den Eltern heimkehren, um den alte» Bau wieder mit in Besitz zu nehmen. Vertrieben richten sie sich endlich ein eignes Heim auf einem Hanse oder cincni gekappten Baume ein. Daß der Storch ein großer Räuber ist, der vielfach de» gclvährten Schutz nicht verdient, tvissen nachgerade aber auch die Landwirte, und sie habe» sich längst von dem Aberglaube» frei gemacht, daß der Storch gegen Blitzschaden oder Feuersgefahr schütze. In welcher Weise Freund »Langbein" ungesehen unter de» Lebewesen hauste, davon gievt eine von einem Hausbesitzer der Umgegend während der Abwesenheit deS Storchpaares imlernviumeiie Rcstrcvisio» ein sehr beredtes Zeugnis. Abgesehen von zahllosen Federn kleiner Vögel fand man eine' Un« menge, anscheinend von jungen Hasen und Vögel» herrührender Knochen, die des Interesses halber gesammelt, einen kleinen Hand« korb füllten. Es hätten noch mehr gesammelt werden können, wenn nickt inzwischen die Storcheltern in höchst kriegerischer Stimmung zur Beschützniig ihrer noch sehr kleinen Jungen gekommen wären und infolgedessen die Revision abgebrochen werden mußte. A» sonstigen Kuriositäten fand man noch in dem Neste der Störche ein Taschentuch, ein Stück Gardinenzeng, einen langen Dawenstrumpf, Kleiderfetzen usw. Der hier verbreitete Storch ist der weiße, der schwarze kommt sehr selten an imsrer Ostküste vor, verirrt sich selten nach Mittelhvlstem und war früher an der oberen Trave und bei Segeberg. In diesem Jahre trafen die Störche sehr spät ein.— Humoristisches. — Neues Motiv..Unser Kapellmeister hat die Jcnerals- reden als Tonjemälde in Musik jesetzt. Ick blase die Jenerals- stimme."— — Kunstverständige.»Seh'n Se mal, Sie sind der erste, mit dem ich in dieser iojcnannten Knuststadt mal'n Ivirklichc» knnftbcrständiges Jespräch führen konnte I Was malen Sie eijentlich, welcher Richtung jehören Se an?" „Na. loa Künstler bin i nöt I Mci' Namen iL Schorschi und bin a Modellsteherl"— t.SimplicissimnS".) Notizen. — Olga W o h l b r n ck s Schauspiel„Der fremde Herr" wird demnächst im. Neuen Theater" in Scene gehen.— —„Eine schlimme Nacht geht auch vorüber", Einakter von H o n o r ö, deutsch von I n l i n s Sommer, gelangt demnächst im Resideiiz-Theater zur Anfführimg.— — Das Volksschanspiel„Nene Luft" von M. A. S i m ä c e k wird eine der ersten Novitäten des L n i j e n- T h e a t c r S sei».— —„Neues Leben", ein Volksstück von S k u r a iv y, hatte bei seiner Erstanfführnng im Wiener Rai m und« Theater einen starken Erfolg.— — August K l n g h a r d t, der Komponist deS Oratoriums „Die Zerstömng Jenisalems'. ist in Dessau im Alter von 5S Jahren gestorben.— — Eine Pharmakologische Gesellschaft niit einem ganz besonderen Zweck soll demnächst in L o n d o n begründet werden. Sie wirb es sich zur Aufgabe stellen, die chemischen und niedizinischeii Eigenschaften von Pflanzen und Arzneistoffen zn untersuchen, die in fernen Ländern gesammelt und»ach Europa gebracht werden.— In der Nähe von Stada ng er(Norwegen) wurde bei AnsgM'ungen cm ganzer Komplex von Pfah'lbnnten aus der Steinzeit entdeckt. Auch Möbel, Hausgeräte und Waffen wurde» gefundeit.— Verantwortlicher Siedacteur: Julius Kaliski in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.