Mnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 153. Freitag, den 8. August. 1302 «Nttckdruck verboten.» 73} Der ManksmÄtttt. Roman von Hall C a i n e. Autorisierte Uebersetzung. XX. Später, am selben Abend noch, trug Pete die Nachricht nach Sulby. Grannie war in der Schenkstube, und er teilte es ihr vorsichtig, zärtlich und liebevoll mit. Laute Stimmen kamen aus der Küche. Cäsar war dort in heftigem Streit mit dem schwarzen Tom begriffen. Eine offene Bibel lag auf ihren Kniecn. Tom zog sie zu sich hin, deutete mit seinem plumpen Zeigefinger auf eine Stelle und rief:„Da ist der Text, und das wird Sie Wohl überführen, „Gastwirt*) und Sünder." Cäsar lehnte sich in seinen Sitz zurück und sagte mit der- nichtendem Hohn:„Es ist ein schlimmes Gewerbe, das will ich nicht bestreiten. Durch Leute wie Sie wird es zum Aergernis. Ist's aber nicht besser, wenn ein schlimmes Ge- werbe in guten Händen ist als in schlechten? Da ist ein großer Sektenprediger in London, der, wie man mir sagt, sehr warm dafür eintritt, das Gasthaus mit der Kirche zu verbinden und die Geistlichen zu Gastwirten zu machen. In früherer Zeit waren sie das alle auf der Insel Man, und es ist schade, daß es damit vorbei ist. Ich habe den Herrn im Gebet befragt:„Soll ich mein Gasthaus aufgeben oder fest daran halten, um es nicht in schlechte Hände geraten zu lassen?" lind ich bin fest in dem Glauben, daß der Herr gesprochen hat:„Es ist ein kleiner Weinberg,— eine kleine Arbeit in einen: kleinen Weinberge. Halte fest daran, Cäsar." Und das will ich denn auch." Pete trat in die Küche und warf Cäsar seine Trauer- Nachricht herausfordernd ins Gesicht, als wollte er sagen: „Da— ist das nun genug für Sie? Sind Sie endlich zufrieden?" „Mair yee shoh— Gott hat es so gefügt; es ist das Werk seiner Hand," sagte Cäsar. „Das wäre ein ziemlich schlechtes Werk." sagte Pete.„Ich habe jedenfalls weit Besseres von Gottes Hand gesehen." Ein hoher, geistlicher Stolz bemächtigte sich Cäsars; er sah, daß der schwarze Tom ihn beobachtete und seine buschigen Augenbrauen in die Höhe zog. Da warf Cäsar den Kopf zurück und sagte, den Mund kaum öffnend mit einer Grabes- stinune:„Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt." Pete schlug ein wildes Gelächter auf. „>sagt Ihnen Ihr Geftihl das nicht auch?" fragte ihn Cäsar. „Auch nicht von ferne," sagte Pete.„Ich habe, so viel ich weiß, dem Herrn nichts zu leide gethau, er aber hat mir mein junges Weib genommen und mein armes, schuldloses Kind der Mutter beraubt." „Nuerforschlich ist die Weisheit und Gerechtigkeit Gottes." sagte Cäsat. „Unerforschltch?" erwiderte Pete.„Das ist gewiß. Doch weiß ich nicht, ob man's Gerechtigkeit nennen kann. Ich selbst thne es nicht. Ich habe das nicht verdient. Gotteslästerung? Das überlasse ich Ihnen. Ich wäre ein Spötter? Mag sein. Der Herr hat mich geschlagen— das ist mir genug— ich will ihm nicht noch auf den Knieen dafür danken. Der Allnmchtige und ich— wir sind quitt." Mit diesen: Wort auf den Lippen verließ er das Haus, finster, unversöhnlich, fast grimmig— ein wildes Lächeln zuckte über sein aschgraues Gesicht. XXI. Grannie kam am nächsten Morgen mit zwei Enteneiern für Petes Frühstück nach dem NlmenhauS. Sie kochte sie gerade in einem Schmortiegel, als Pete herunter kam. „Komm und iß," sagte sie bittend und setzte ihm die Eier vor, während das Wasser noch aus den Schalen dampfte. Aber Pete konnte nicht. „Er hat in den letzten Tagen so gut wie nichts zu sich genommen," sagte Nancy. Sie hatte kurz zuvor ihre Schürze abgebunden, war auf die Straße hinausgeschlüpft und mit *) Der Doppelsinn des Wortes publican, das sowohl Zöllner als Gastlvirt bedeutet, ist in: Deutschen nicht wiederzugeben. einem kleinen in Zeitungspapier gewickelten Paket zurück- gekommen. „Vielleicht wird er die Eier unterwegs essen," sagte Grannie. „Ich will sie ihm zu dem Taschentuch in den Hut stecken." „Um Gottes willen nicht!" rief Nancy.„Er gerät leicht ins Schwitzen; dann wird er sich die Stirn wischen und nicht an die Eier denken. Aber hier— wo ist Ihre Westentasche, Pete? Haben Sie irgendwo Platz für'ne Kleinigkeit? Da!... Es ist ein Viertelchen Tabak für den armen Burschen," flüsterte sie Grannie mit vorgehaltener Hand zu. So wetteiferten sie mit einander in kleinen Aufmerksam» keiten für den tiefbetrübten Mann. Inzwischen spannte der Kutscher des Postwagens, der nach Douglas fuhr, auf dem Marktplatz die Pferde an und pfiff sich dabei ein Liedchen. Er war ein lustiger, alter Sünder, Namens Krähe, mit einer Kartoffelnase und kurzem Haar, das so steif aufrecht stand wie die Stahlnadeln einer elektrischen Bürste. Nicht lange darauf bog er um die Ecke und hielt am Gartenthor. Die Frauen wurden auf einmal ruhig und hielten sich die Schürzen vor den Mund, als wenn ein Leichenwagen draußen stände; Pete aber war in geschäftiger Eile und sprach mit lauter Stimme, um seine Erregung beim Abschied zu verbergen. „Gott befohlen, Grannie; ich werde dort etwas in Ihrem Namen sagen. Leben Sie wohl, Nancy, auch Sie vergesse ich dort nicht. Leb wohl, kleiner Schatz;" er ließ sich neben der Wiege auf ein Knie nieder.„Ein Menschenherz hat nicht das Recht, sich für ganz verloren zuhalten, so lange es noch so ein kleines, unschuldiges Wesen hat, für das es leben kann. Lebt wohl." Am Thore drängten sich eine Menge Frauen, die über Käthe sprachen.„O, eine feine Person, eine feinere hat es niemals gegeben."—„Auch mir wird sie recht fehlen; Hab' ich sie doch, sozusagen bis zu ihrem Tode, mit Eiern versorgt. „Guten Morgen. Anne Christiane," sagte sie jedesmal, wenn ich an ihre Thür kam. Ich war dort ganz wie zu Hause."—„Und wie schön sie aussah, als sie mit der Kleinen im Gig wieder heimkehrte. Es ist mir, als wäre es erst gestern gewesen. Und nun— o Gerechter 1"— Still, still, da ist er ja selbst. Ich könnte weinen, wenn ich den Mann sehe. Das fröhliche Herz in ihm ist gebrochen."—„Still!" Sie sahen zu Boden, damit Pete ihren Blicken nicht zu begegnen brauchte, und machten ihm den Kutschenschlag auf, weil sie dachten, er werde sich hinetnsetzen, wie bei einem Leichenbegängnis. Aber er wünschte ihnen allen einen guten Morgen, sprang auf den Bock hinauf und setzte sich neben den Kutscher. Der Postwagen hielt am Thor des Ballure Hauses, um den Deemster aufzunehmen. Philipp sah elend und abgezehrt aus; er kam sterbensmatt, aber doch mit fieberhafter Eni- schlossenheit herbei; hinter ihm, eine Decke tragend, Tante Nan in ihrer weißen Haube mit ängstlichem Gesicht, bemüht, ihm allerlei kleine Aufmerksamkeiten zu erweisen. „Setz Dich heute hinein, Philipp," bat sie. „Nein, nein," antwortete er und küßte sie; dann schob er sie unter beruhigenden Versicherungen wieder ins Thor zurück und stieg an Petes Seite hinaus. „Guten Morgen. Peter," sagte die alte Dame. Ich be- klage Ihr großes Unglück aufrichtig und hoffe... Aber lassen Sie den Deemster ja nicht zu lange draußen fahren — wenn es... Er hat eine schlaflose Nacht gehabt und..." „Fahren Sie zu, Krähe," rief Philipp mit ent- schiedenem Ton. „Ich werde schon dafür sorgen, Miß Christian" rief Krähe, den Kopf zurückwendend.„Seine Gnaden studiert ein bißchen zu viel— das macht�s.„Alles mit Maßen", sagt das Sprichwort. Sie selbst sehen dafür um so wohler aus, Miß Christian. Werden, meiner Treu, mit jedem Tag jünger. Ich muß wahrhaftig den ostindischen Kapitän noch herholen. Das will ich auch, haha I Vorwärts, Boxer l" Er knallte mit der Peitsche und die Reise ging fort. Der Tag war ruhig und schön. Der alte Barrule hatte seine gelbe Hausnmtze von blühendem Ginster aus, die Vögel sangen in den Bäumen, und mit dem Wellenschlag am Ufer mischten sich die Klänge ferner Feftglocken. Für Pete war es ein Tag zmtt Herzbrechen, er versuchte jedoch, sich tapser zu halten. Er saß zwischen Philipp und dem Kutscher. Auf Krähes andrer Seite befanden sich noch zwei Mitreisende, ein Pächter und ein Fischer. Der Pächter, dem die beiden Hunde ge- hörten, die auf der Straße bellend nebenher liefen, kehrte vom JohanniSniarkte zurück, auf dem er seine Schafe verkauft hatte; der Fischer, ein einfacher Mann, kam vom Makrelen- fang in Kinsale heim; ein Fäßchen mit Fischen stand zwischen seinen Beinen. „Meine Frau hat ein Kleines bekommen, während ich fort war," sagte der Fischer und lachte über sein ganzes, bronzefarbenes Gesicht.„Natürlich wieder ein Knabe. Es sind jetzt drei— und lauter Buben. Hab' auf der Post in Ramsey'nen Brief vorgefunden. Es geht der Mutter so gut als nur möglich, und die alte Frau besorgt ihr die Wirtschaft." „Hüh, Boxer l wir wollen im„Jrländer" eins trinken, aufs Wohl des neuen Weltbürgers I" sagte Krähe. „Mir nicht zuwider," gab der Fischer munter zurück. „Der Makrelenfang ist dieses Jahr gar nicht so übel gewesen." Und nun fing er in seiner schlichten Weise an zu beschreiben, wie er sich auf die Rückkehr freue; auf sein Heini mit dem neuen Säugling, der Mutter im Wochenbett, der Großmutter als Wirt- schafterin und den übrigenKindern, die auf neueKleider undJäckchen aus dem Ertrage des Fischfangs warteten, und wie er dann selbst gehen wolle, um dem Krämer zu bezahlen, was während seiner Abwesenheit angekreidet worden war. Pete konnte ihm endlich vor Rührung nicht länger zuhören. „Ich bin noch immer überzeugt, daß sie krank war, als sie fortging," sagte er, den beiden Männern den Rücken kehrend, zu Philipp gewendet, im Flüsterton. Er sprach so leise, daß es vor dem Rollen der Räder kaum zu hören war, und suchte Käthes Vergehen in Philipps Augen zu mildern und zu entschuldigen. „Man soll über keinen Menschen hart urteilen, nicht wahr, Phil?" sagte er.„Wer kann denn in die Seele eines andern hineinkriechen? wie nian zu sagen pflegt." Hierauf fragte er vielerlei, über Käthes Krankheit, über den Arzt, über die Beerdigung, über alles und jedes; nur nach dem Manne fragte er nicht. Philipp mußte Antwort geben. Ihm war wie einem gefesselten Galeerensklaven zu Mute, er sah sich gezwungen, weiter zu gehen. Jetzt fuhren sie über die Brücke am oberen Ende des Ballaglaß, der zur Mühle von Cornaa hinunterfließt. „Da ist die Schlucht," sagte Pete.„Ach, die guten, alten Tage, da wir durchs Wasser wateten, über die Steine sprangen und an den Baumstämmen hinaufkletterten. Damals lief sie barfuß und mit bloßem Kopf und war doch so wunder- hübsch und schrecklich stolz auf ihren schmucken Anzug. Aus zusammengeflochtenen Farnwedeln machte sie sich einen Spitzenkragen um den kleinen Hals; steckte sich eine Berg- distel, auf der noch der Tau blitzte, als Diamant vor die Brust und wand sich einen Fuchsienzweig als Krone um die Stirn. Und jetzt— wie schrecklich, nur daran zu denken!" Von der andern Seite der Kutsche her erscholl Gelächter. „Was sagen Sie dazu, Kapitän Pete?" rief Krähe. „Zu was?" fragte Pete. Der Fischer hatte den Kutscher und den Pächter im „Jrländer" traktiert und swurde dafür niit Stichelreden belohnt. „Ich sage dem Dan Johnny hier, daß den Kindern, die während der Abwesenheit des Mannes zur Welt kommen, nicht recht zu trauen ist. Am besten, man geht mit dem Kleinen zu der Wahrsagerin nach Glen Aldye hinauf, um es besehen-zu lassen. Niemand zieht doch gern einen Kuckuck im Neste auf. Was ist Ihre Meinung. Kapitän?" „Ich sage, daß Sie ein erbärmlicher alter Teufel sind, nicht wert, von Ihrem. Sitz heruntergeschmisscn zu werden," entgegnete Pete, sich wieder Philipp zuwendend. Der Kutscher war beleidigt, der Pächter verstand es jedoch, ihn einzuschüchtern und dadurch friedlicher zu stimmen. „Es würde schwer sein, ihn unter zu kriegen," meinte er,„ich Hab' in Thnwald gesehen, wie er mit einer Hand ein ganzes Zelt rein gefegt hat." „Es wundert mich nur, daß sie trotz allem schließlich nicht heimgekommen ist," raunte Pete Philipp ins Ohr.„Sie muß wohl den Mut verloren haben. Und doch brauchte sie nichts zu fürchten, wenn sie das nur gewußt hätte. Bis da- hin konnte ich noch alles im Geleise halten, und dem ersten, der ihr mit einer Silbe zu nahe getreten wäre, hätte ich das Genick gebrochen. Vielleicht war i ch es aber, vor dem sie sich fürchtete. O, das arme Ding, das arme Ding! Sich vor Mjr zu fürchten l"(Fortsetzung folgt.) lNaSdruck verboten.» Gin Gedenkblttkk dev ß�frikKfovfchung. lStanlehs Ankunft an der Kongomündung. 8. August 1877.) Das bunte, reiche und verhältnismäßig Ivohlausgearbeitete Bild, das uns heute eine Uebersichtskarte Aequatorialafrikas bietet, stellt in der Hauptsache das Forschunaswerk der letzten 25 Jahre dar, der Zeit also, die seit Stanleys erster Afrikadurchquerung vergangen ist. Betrachtet man die Karten aus der vorangehenden Forschuugsperiode, so fällt einmal die Spärlichkeit der Angaben ins Auge, dann aber auch die Unsicherheit in der Darstellung der wesentlichsten charakte- ristischen Züge im Antlitz des damals noch in der That„dunklen" Weltteils. Es mangelte vor allein Klarheit über die Ursprünge des Nil und die Zugehörigkeit der großen Flüsse, denen Livingstoiie im Westen des Tanganika auf die Spur gekommen war. Der Mann, der dieser Unsicherheit ein Ende machte und die klaffendsten Lücken ausfüllte, war Henry M. Stauley, damals Journalist und Beauftragter des„New Jork Herald" und des Londoner„Daily Telegraph". Als er, der 1371 Livingstoiie ge- fuuden, während der Beisetzung von dessen Leiche in der Westmiilster- Abtei einen Zipfel des Sargtuchs hielt, gelobte er sich, die unvollstäiidig gebliebenen Entdeckungen desselben zu Ende zu führen, und er lain bald in' die Lage, sein Gelöbnis einzulösen; ja, auch dem Werk des Nilquellen-Eiitdeckers Speke den noch mangelnden sicheren Rahmen zu geben. Stanley landete im September 1874 in Sansibar und brach am 17. November ins Innere des heutigen Deutsch- Ostasrika auf. Er umsiihr als Erster— und seitdem hat es ihm kein andrer nachgemacht— den 1858 von Speke entdeckten Victoria Nyansa, bestätigte Spekes Vermutuiig, daß er ein einziger See sei, und besuchte die Stelle, wo der Nil ihn verläßt. Dann von Uganda nach Westen wandernd, fand Stanley im Januar 1876 einen neuen Nilsee, das jetzt als Albert Edward Nyansa be- kannte Gewässer, und zog südwärts nach Udschidschi an den Tauganika. Es folgte eine Umfahrung dieses Sees, die allerdings, da Camero» kurz vorher dieselbe Reise gemacht hatte, nicht viel Neues ergab, und nun ging Stanley durch Manjema nach Westen, nach Njangive am Lualaba, Ivo er Mitte Oktober 1876 anlangte. Stanley stand dort im innersten Herzen Afrikas, an der Stelle, wo Livingstone und Cameron gescheitert ivaren; der ersterc hatte 1371 nach Udschidschi zurückkehre» inüsseii, der letztere lvar 1874 nach Südwesten abgedrängt worden; Boote waren nicht zu erlangen gewesen, kein Araber oder Neger wußte in dem Dunkel Bescheid, in dem der Strom nördlich von Njangwe sich verlor, keinen Führer, keine Begleitniaimschaft für die Reise in das Unbekannte hatte man finden könucn. Stanley stieß zunächst auf dieselben Hindernisse und erwog schon den Gedanken, ob es nicht besser wäre, die ebenfalls dankbare Aufgaben bietenden südlicheren Gebiete auszusuchen; allein Dank seiner Energie und Zähigkeit bekam er doch endlich Fahrzeuge, und sein starker Einfluß auf seine Leute bewog sie, ihm, wenn auch zagend, weiter zu folgen ins unheimliche Land' der Kaimibalen und Zwerge. Am 6. November 1876 verließ Stanley Njangwe. Livingstone hatte den Lualaba für den Oberlauf des Nil ge- halten und war in dieser Ucberzcugung auch gestorben. Viele an- gesehene Geographen, die die Behauptung Spekes. der Victoria Nyansa sei ein einziger See und die wahre Quelle des Weißen Nil, be- kämpfen zu miisscn glaubten, waren eine Zeitlang derselben Meinung; doch erwiese» schon die Höhenunterschiede sehr bald die Unhaltbar- kcit dieser Hypothese, und es gewann besonders nach wissenschaftlicher Begründung durch de» Gothacr Geographen Bchm<1872) die Au- schaunng die Oberhand, nur der au der Westküste mündende Kongo könne die Wassermassen des Lualaba in sich aufnehmen. Allerdings wurden liebciiher doch noch andre Möglichkeiten erwogen, so die Zugehörigkeit des Lualaba zu dem in seiner Bedeutung stark über- schätzten Ogowe, zum Beuue und zum Schari. Obwohl man somit zu wisse» glaubte, was aus dem Lualaba würde, blieb der äugen- fällige Identitätsbeweis doch immer eine entdcckungsgcographische Aufgabe ersten Ranges: das Kongoproblem hatte denn auch schließ- lich alle andre» Fragen der imicrafcikanischen Geographie in den Hintergrund gedrängt. Danach läßt sich der Wert von Stanleys Stromfahrt auf dem Kongo leicht ermessen. Der Entdecker kam anfangs nur langsam vorwärts. Immer weiter ging der Wasserweg geradeaus nach Norden— sollte er deimoch zum Weißen Nil oder zum Schari führe». Niemand halle eine Ausbiegung des Stromes über den Aequator hinaus vermutet. Endlich, nachdem man die unter dem Aequator liegenden Stanleyfälle passiert hatte, änderte der Fluß seine Richtung und wandte sich nordwestlich, dann rein westlich und zuletzt südwestlich. Die Fahrt selbst auf dem von Inseln übersäten, bis 50 Kilometer breiten Niesenstrom hatte seit den Stanlcyfällen Hindernisse nicht mehr geboten, wohl aber griffen Stanley die Ein- gcborncu mehrfach an. denen er wahre Schlachten lieferte. Es blieb ihm keine andre Wahl, er mnßte sich den Durchzug erzwingen. Außerordentlich packend und dramatisch sind Stanleys jSchilde« rnngen von dieser Slromsahrt. und es giebt wenige Bücher in unsrer Reiselitteratur, die sich darin mit dem Stanlcyschcn „Durch den dunklen Weltteil' messen können. Schwere Verluste an Menschen und Zeit brachte noch der letzte Reise-Abschnitt, die fast vier Monate beanspruchende Fahrt über die zahllosen Fälle und Schnelle» des Unterlaufes, und dann schlug endlich am 8. August 1877 die Stunde der Erlösung für die todesmutige, aber auch todcsmatt ge- Pordene Schar und ihren in Sorgen>md Entbehrungen ergrauten Befehlshaber: am Tage des Einzuges in Boma aii der Kongo- Mündung. Viele Leute haben es Stanley nicht verzeihen können, dah er „nur" ein Journalist war und als solcher an Aufgaben sich heran- wagte, die sonst wissenschaftlich vorgebildeten Reisenden vorbehalte» Sind. In England war man beinahe ungehalten darüber gewesen, iob er Livingsstone aufzufinden sich erlaubt hatte, und anfangs sogar geneigt, den kühnen Walliser für einen Schwindler zu halten. Von dieser Anschauung mutzte man sich freilich bekehren, um so schärfer ging man dann mit Stanleys Karten und Beobachtungen ins Gericht. Es ist wahr: Stanleys Ergebnisse bieten zu Ausstellungen mehr als genügende Veranlassung, wie es bei einem Manne, der nur zufällig— sozusagen auf Befehl seines Verlegers— in den Beruf eines Äfrikapioniers hineingeraten lvar, nicht wundernehmen kann. Hierzu trat der das Urteil becin- flussende Umstand, datz seit dem Einin Paschazuge Stanleys Charakterbild, von der Parteien Hätz und Gunst verwirrt, eine Zeitlang recht erheblich schwankte, und eine vielleicht nicht ganz un- berechtigte Voreingcnonunenheit aufkam. Allein nian darf nicht ver- gessen, datz die Aufgaben der Afrikaforschung vor einem Viertel- jahrhundert ganz andre waren, als heute. Damals galt es vor allem, das Genist der afrikanischen Geographie aufzubauen, und das hat Stanley vortrefflich verstanden. Wenn aiiherdein seine Reise- keistung eine glänzende war, wenn mit seiner Thalsahrt ans dem Kongo nur die Fahrt Orcllanas auf dem Amazonas von 1540 ver- glcichbar ist, so mag man diesen Ruhm einem Manne gönnen, der zeitweise zweifellos sehr hart und ungerecht beurteilt worden ist. Ueber- dies hat die Folgezeit gelehrt, datz die Karten und Beobachtungen Stanleys, obivohl von erheblichen Jrrtiimeru nicht frei, lange nicht so schlecht sind, als man viele Jahre hindurch annahm. Der Kongo- ström selber z. B. verläuft noch heute auf»uisrcn Darstellungen so, ivie ihn Stanley unter unsäglichen Schwierigkeiten festgelegt hat, und wissenschaftliche Reisende von Ruf, wie Stuhlmann und Bau- mann, haben gefunden, datz auch die Aufnahmen Stanleys im Osten seines Rcisegebictcs relativ zuverlässig sind. Als die ersten näheren Nachrichten über Stanleys beispiellosen Erfolg nach Europa gedrungen waren, schrieb August Petermann dem Entdecker folgendes Zeugnis:„... Stanley hat mehr gcthan, als die ganze wissenschaftliche Erforschnug Jnncrafrikas, die sich nun etwa über 30 Jahre erstreckt, er hat mehr gcthan als alle Reisen von Europäern, die enva 80 Jahre zurückdatieren, alle Reisen der Araber, die seit 1000 Jahren und niehr überall im Innern Afrikas vordrangen; er hat mehr gcthan, als das graue und klassische Altertum, und schlietzlich hat Stanley mehr in Erfahrung gebracht als die Millionen von Eingeborenen von ihrem eignen Lande wissen. Es giebt kein ähnliches Beispiel der ganzen Entdcckungsgeschichte der Erde." Der grotzc deutsche Kartograph hat den grotzen Pionier im ganze» richtig eingeschätzt. Entkleidet man dieses Urteil einiger verzeihlicher Ueberschwänglichkeiten, so darf man es heute noch unterschreiben.— _ H. Singer. Kleines Feuillekon» — Vou dem in den Negiern»gSb»rcailS iu Washington herrschende» Zopf bringt die„Frankfurter Zeitung" einige Pröbchcn. Zwei»lögen hier Platz stnden: Vor einiger Zeit erschien der Chef des Wetteramtes bei seinem unmittelbaren Vorgesetzten, dem Ackerbau-Sekrctär, und über- reichte ihm ein dickes Aktenstück, in welchem dargelegt war, datz der Bundcs-Wettcrbeobachter in Baker City. Oregon, seit vier Tagen nichts von sich habe hören lassen: „Und so beantrage ich denn, Herr Sekretär", lietz sich der ivisseuschaft- liche Wettermann vernehmen,„datz einMitglicd dcrBeobachtnngsstalion in Sau Franziska angewiesen Iverde, sich sofort nach Baker City zu begeben, um zu ermitteln, lvarum der dortige Beobachter nicht die Berichte, wie vorgeschrieben, gesandt hat. Zur Beslrcituug der Un- kosten dieser Reise beanlragte ich ferner, die Summe von ISO Doll. anzuweisen." Der Ackerban-Sekretär, der erst einige Jahre lang dem praktischen Leben entrückt ist. brummte nur ein einziges, aber sehr vielsagendes Wort vor sich hin—„Hell I" Dann langte er ein Tclegrannn« Formular hervor und telegraphierte dem Wettermann in Baker City folgendes: „Sofort Antlvort, lvarum Sie seit vier Tagen nicht berichten." Und nach wenigen Stunden kam die Antlvort: „Ein Schneesturm hatte die telegraphische Verbindung unter- brochen. Diese ist erst heute morgen wieder hergestellt worden." Der Wctterchcf war aber vollständig degouliert von dem gegen alles Herkommen verstoßenden Vorgehen seines Vorgesetzten, der es vorzog, für 75 Cents Informationen an demselben Tag zu er- langen, die für 150 Dollar erst in vierzehn Tagen hätte erzielt werden sollen. Die Bnndes-Fischkom Mission liefert auch manche Stücke, über die der gewöhnliche Erdenbürger den Kopf schüttelt. Einstens fand fte, datz sie eines Quantums Alse- Rogen bedurfte. sAIse sind eine Heringsart. D. Red.) Sic rüstete nun eine formidable Expedition aus; eine große Anzahl bebrillter Pro- fessoren, noch mehr unbebrillte Neger, Zugtiere, Wagen, Netze usw., wurde» zufammcngebracht und so ging's zum Potomäc auf die Jagd nach weiblichen Alse. Die Tagesausbeute betrug auch richtig 80 Fische, von Ivelclien 30 dem zarteren Geschlcchte angehörten. Die Kosten waren 300 Dollar. Allerdings hätte sich irgend ein Fischersmann ein Vergnügen und eine Ehre daraus gemacht, 300 dieser Tiere für zehn Dollar zu liefern, aber sich auf diese Weise mit den gewünschte» Fischen zu versorgen, wäre ein grober Verstoß gegen die Lehren des heiligen Burcaukratismus gewesen.— k. Gefälschte Mniuicn. Die Herstellung künstlicher Mumien ist seit kurzem eine recht einträgliche Industrie geworden. Von 21 Mumien, die von Aegypten nach einem amerikanischen Institut geschickt wurden, waren, wie ein bekannter Archäologe entdeckte. 19 gefälscht. Skelette von modernen Kirchhöfen werden in eine Art Gcivcbe gewickelt, das dem Mumiengewebe der alten Aegypter ähnelt. Die Einhüllung geschieht mit Leim, und die fertige Mumie kommt dann in einen nachgemachten Mnmicnsarg ans Papiermach«. Solche Mumicnsärge werden zu Hunderten von Paris aus in dk Welt geschickt und nach de» ägyptischen Originalen mit Inschriften und Figuren bemalt. Schließlich werden die nachgemachten Mumien in den falschen Särgen nach Aegypten eingeschifft' und dort verkauft. Eine gut erhaltene Mumie ist 300 M. bis 2000 M. Ivert. Schon im alte» Aegypten wurden Schwindeleien in Mumien be- gangen. Die ganze Thätigkeit lag in den Händen der Priester, und sie mutzten auch die Leichen heiliger Tiere wie Katzen, Krokodile und Ibisse so präscrvieren. Häufig nahmen sie jedoch ein Bündel Lumpen und gaben es als Mumie eines Ibisses aus, und sicherlich ivurden sie ebenso dafür bezahlt. Tierinumien auS Aegypten werden heutzutage deshalb mit X- Strahlen durch- leuchtet, bevor man sie öffnet. In Amerika sind nachgemachte Mumien auch nicht imgeivöhnlich. Vor kurzem tauchte in' Atlanta eine angeblich in Kalifornien gefundene Mumie eines 9 Fuß grotzen Niesen auf. Mehrere Archäologen hatten sich täuschen lassen? dann aber untersuchte Mr. F. A. Lucas von der„Smithsonian Institution" den Niesen und fand, daß die Mumie hauptsächlich ans Juteleiuwand und Eisenröhren bestand. Eine andre, gleichzeitig mit dem Niesen ausgestellte Mumie stellte ein Kind dar. in dessen Kopf eine Steinaxt steckte. Bei der Untersuchung zeigte sich, datz die Mumie aus un- geleimleni Papier bestand. Dieses sah durch Behandlung mit dünnem Leimwasser wie menschliche Haut aus. Die Oberlippe war herauf- gezogen, um die Schneidezähne zu zeigen, die ursprünglich einer Kuh gehört hatten, und das Haar war ans Jute. Sogar eine Seite lvar ausgehöhlt, um zwei Rippen zu zeigen. � — Der Morgenhnsten. Viele Leute, besonders in den Groß- städten, klagen darüber, daß sie regelmäßig jede» Morgen durch einen mehr oder weniger heftigen Husten gequält werden, der nicht früher nachläßt, als bis sie mehrere Male einen grau-weitzlichen oder selbst schwärzlichen Schleim misgeiuorfen haben. Sich wegen dieser Erscheinung zu beunruhigen, ist, lvie wir in den„Blättern für Volksgesundheitspflcge" lesen, durchaus unbegründet, so lange sich der Hustenreiz nur a»f den Morgen und die charakterisierte Schleim- absonderung beschränkt. Nicht ein krankhafter Prozeß liegt hier vor, sondern im Gegenteil eine Selbstreinigung des Körpers, die eher gefördert als unterdrückt werden sollte, da auf diese Weise zum Teil die Staub- und Kohlenteilchen wieder aus der Lunge entfernt werden, die am Tage vorher durch die Atemluft in sie gelangten. Bis in ihre feineren Verziveigungen in der Lunge ist die Schleimhaut der Luftröhre mit Zellen ausgekleidet, auf deren dem Raum der Luftröhre zugekehrten Basis zarte Härchen sitzen, die nur bei viclhundertfacher Vergrößerung sichtbar werden und sich in fortwährender Bewegmig befinden. Die Bewegungsrichtung geht von der Lunge nach dem Munde zu, und wenn nun in der Atem- lust Unreinlichkeiten körperlicher Art vorhanden sind und ans die Schleinihaut der Luftröhre oder ihrer Verziveigungen niedersinken, so werden durch die Flinnnerbewegung der oberflächlichen Härchen diese Stäubchcu nach dem Kehlkopf allmählich hinauf« geschafft. Unterhalb desselben oder an den Stimmbändern sammeln sie sich zu größeren Häufchen, bis sie schließlich aus mikroskopischen Anfängen eine Größe erreicht haben, die als Reiz wirkt und uns zunr Räuspern oder Husten ziviugt. wodurch dann diese An- samnilungen wieder ans dem Körper hinauSbesördert iverden. Diese Erklärung läßt es auch verstehen, lvarum besonders in Fabrik- gegcndeu und iu den Großstädten, wo viele Feuerungen unterhalten iverden, solche Beobachtungen gemacht werde», und Leute, welche an einen» derartigen Wohnorte stets in der Frühe ihre Luftröhre rein husten müssen, verlieren in ivenigen Tagen ihre» morgendlichen Hustenreiz, wenn sie in ländliche Gegend, wo nicht Staub und Ruß die Luft verunreinigen, ziehen. In der schönen reinen Wald- und Laudluft werden keine Schmutzleilcheu in die Lunge gebracht, die- selbe hat also auch nicht das Bestreben, sich dieser unerfrcnlichen Beigaben zu entledigen, und kein fernerer Kehlkopfreiz macht sich quälend bemerkbar. Datz ganz die gleichen Folgen starkes Rauchen von Tabak oder Cigarren haben kann, ist natürlich, und das Hüsteln und Räuspern wird auch hier nur durch das Bestreben des Kehl- kopfes veraulaßt, die mit dem blanche aufgenommenen Staub- und Kohlcuparlikelchen wieder nuSzuslotzeu. Darum ist es direkt eine Sünde am eignen Körper, wenn man bei Spaziergängen im Walde oder Gebirge nicht auf die Cigarrc verzichten lvill, sondern das Qualmen als eine Erhöhung des Genusses empfindet. Tiefe Atmungen in reiner, sanerstofficicher Luft habe» unter andern Vor- gilflcu fiu de» Körper auch den, dah sie die Lun�e dcfrcien helfen von solchen Schlacke», welche, wenn sich viel scharfkantiger Straßen- und Stcinstanb darnnlcr befindet, selbst lebensgefährliche Eigen- fchaften erhalten können.— Musik. Es war in der zweiten Hälfte der 1850 er Jahre, da brachte Jacques Offen bach zu Paris in seinen.Vonffcs-Parifieiis" jene zahlreichen kleinen Singstückchen vors Publikum, die musikalisch ivertvoNer sind als seine berühmten Travcstic-Opcrettcn, und die derzeit schon ivegen ihrer Bequemlichkeit fleißig ausgegraben werden. Wie» beeilte sich mit der Nachfolge. Noch jetzt erzählt eine ältere Generation gern von diesen, dem damaligen Wien so passende» Köstlichkeiten. Unter andern erregte besonderes Aufsehen „D i e v e r tv a n d e I t e Katze". Thema: ein innerlich und äußerlich unglücklicher junger Mann liebt kein Weib, sondern seine Katze. Allein seine' Cousine wird sein Rettungs- und Operettungsengel. Sie läßt ihm durch eineiig„indischen Jongleur" beibringen, daß seine Katze auf Grund der L-eelenwaiiderimg einst ein Mädchen gewesen, und läßt ihn die Zurückverivaiidlung machen. Nun hat sie sich an die Stelle seines Thierchcns gesetzt, spielt furcht- bar Katze und bringt schließlich alles zum natürlichen Ende. Wie mir erzählt wird, glänzte damals in Wien in dieser Rolle dasselbe Fräulein Anna Kratz, das jetzt als Frau Kratz die, bereits über das SOer Jubiliänm hinaus verehrte, Seniorin des Burgtheatcrs ist. Sie soll damals im weißen pclzverbrämten Sammetkleid, mit einem»ied- lichen Katzenmützchen. wochenlang das Carl-Theater gefüllt haben, und die Wiener fragten einander:„Haben Sie schon die Kratz als vertvandelte Katz" gesehen?" Mit dieser Historie ging ich vorgestern lMittwoch) in den O f f e n b a ch- C Y k l u s unsres„L i e d e r s p i e I b a u s e s" draußen hinten rechts in der Ecke bei Kroll. Man hatte die„Vertvandelte Katze" wiedererweckt. Das heißt nicht ettva, daß man Frau Kratz ans Wien habe kommen lassen, obwohl das vielleicht erst recht vorteilhaft ge- Wesen wäre. Sondern man ließ Fräul. Irma U n t s ch Katze sein. War es nun ein anspruchsvolles Nachkonstrnieren jener Wiener Historie in nieinem unmaßgeblichen Kopfe oder eine stimmliche In- diSpofition der Sängerin(die manchmal doch mindestens um einen Vierteiton hätte williger falsch singen können): kurz es gab eine kleine Enttäuschung. Aber warum sah Frl. Untsch nicht katzenhafter aus, wenn sie sich'jnst als Katzenwesen in das Herz des Vetters ein- schleichen soll? Allerdings hatte sie von den Textdichtern(Scribe und Mslesville) nicht eben ein Muster der Kunst vor sich, ein ganzes Stück auf dieses eine fruchtbare Thema der Katzenberivandlung zu- zuspitzen. Der größte Teil deS Werkchens könnte gerade so gut in hundert andern Operetten stehen. Das ist eben immernoch der Jammer dieser Knnstgattung: Das Znsninmengekleble— kein notlvendigcs Herauswachsen aus einem Grunde I— So bekam denn auch Offenbach in diesem Stück nicht so originell zu thun, wie es bei ihm hätte sein können. Kaum daß ein rabiates Terzett, an sich eine treffliche Leistung, die eine gewaltige Singsuada verlangt, ein wenig katzentoller ist als sonst diese köstlichen Duette, Terzette, Quartette, Quintette der Offenbächlein. Harmlos alles von A bis Z I So amüsiert man sich draußen hinten rechts in der Ecke bei Kroll. Man lauscht diesen verblüffend hannlosen Melodien mit ihren Begleitungen in Terzen oder Sexten oder dergleichen und mit ihren Singspielbässen. In den langen Zivischenpansen ist Zeit, nachzudenken, wie lange noch die Unwahr- haftigkeit dauern ivird, daß»vir ivegen der paar abivesende» Sommer- frischlec monatelang so musikarm sein sollen,>vie wir im Winter über- voll tverden. Man greift dann zu weniger harmlosen Dingen, zieht etwa das neue„Bahre uth-Heft" der Zeitschrift„Die Musik" hervor, betrachtet mit Staunen, wie lveit es beute die Berlegertechnik gebracht, und liest darin mit Interesse, lvie schon vor einem Menschenalter Heinrich Esser den Richard Wagner so gewürdigt hat, lvie ihn vielleicht erst wieder eine unparteiischere Zukunft würdigen wird. Oder man denkt an die Toten der letzten Wochen, an Heinrich Hofmann, den konservativen Opern- und Chor- komponistcn, und an August K l u g h a r d t, den freikonjervaliven Oratorienkomponisten, dessen Jerusalemharfen uns wohl noch in Er- innerung sind. Doch der Offenbach-Cyklus geht weiter.„Die S a v o y arden" und„Der Regimentszan derer" sind vielleicht musikalisch origineller als die Katze, wenn sie auch im Text nicht so viel bieten; das erstgenannte Liederspiel so ländlich, lvie das ziveitgenannte städtisch. I» beiden fiel B r u n h i l d e Koch als eine vielleicht zu einer guten Opernsoubrette prädestinierte Sängerin mit lieblich ge- diegener Stimme und Spielart auf. A d a l b e r t L i e b a n ist ein vielseitiger Tenor, singt brauchbar und wird ivohl auch noch einmal brauchbar spielen. Unter den übrigen bleibt nicht viel Auslese. Die „verwandelte Katze" verlangt doch ivohl ein etwas lveniger Harm- loses Spiel, als sie da bekam. Zumal die Darstellerin der Alten- rolle brauchte nicht gar so schrecklich zimperln.— sz. Aus dem Tierleben. co. Eine hungernde Schlange. Daß große Schlangen in der Gefangenschaft zuweilen jede Nahrung verschmähen, und nach vielmonatlichem, ja vieljährigem Hungern an Entkräftung zu Grunde gehen, ist eine öfters gemachte Erfahrung. In allen bisher beobachteten Fällen trat der Tod ein, wenn das Körpergewicht um 40 bis 50 Prozent abgenommen hatte. etlvas später, wenn die Tiere wenigstens Wasser zu sich genommen hatten, etwas früher, wenn dieses ausgeschlossen war. Jetzt Ivird aus Paris von einer japanische» Schlange berichtet, bei welcher die Abnahme deS Körpergewichts noch viel beträchtlicher war. Bei ihrer Einliefcrung am 17. November 1899 war sie ein außerordentlich lebhaftes, in allen Farben schillerndes, von Gesundheit strotzendes Tier, sie maß eye Meter und wog 1S0 Pfund. Sie verschmähte jedoch von Anfang der Gefangenschaft an jede Nahrung, nur badete sie zuweilen in ihrem Basfin. Die glänzenden Farben und ihre Lebhaftigkeit schwanden natürlich, und seit Beginn deS Jahres 1992 lag sie als ein graues Häuflein Elend vollständig apathisch zusammengerollt in einer Ecke ihres Käfigs. Der Tod kündete sich durch Brandigwcrden der Haut an, die sich in Fetzen vom Leibe loslöste. Das sterbende Tier verbreitete einen ekelhaften Geruch. Es verendete am 20. April 1902, hatte also zwei Jahre fünf Monate und drei Tage gefastet. Merkwürdig ist dieser Fall nicht durch die lange Daner des Fastens— andre Schlangen haben schon drei bis vier Jahre gefastet— sondern durch die außerordentliche Gewichts- abnähme des Tieres; das Gewicht war nämlich bis auf 27 Kilo hernntcrgegniige», hatte sich also um volle zwei Drittel oder genauer um 64 Proz. vermindert, was bisher noch nie konstatiert worden war.— Notizen. — Hermann John vom Deutschen Theater in Prag ist für das Lesfiug-Theater engagiert worden.— — Einen Courteline- Cyklus wird das„Bunte Th e a t e r" in diesem Winter bringen. Zur Aufführung gelangen die Einakter„Monsieur Budin",'„Der unerbittliche Wachniann", „Ein ruhiges Heim",„Er und Sie" und„Die Waage". In sämt- lichen Stücken wird Marzell Salzer die männliche Hauptrolle spielen.— — In der Münchcner Wochenschrift„Die Werkstatt der K u n st" wird dem Profeffor Hugo Bogel(Berlin) der Vorwurf gemacht, für das Wandgemälde im Merseburger Landstündchaus „Die siegreiche Germania" die Statue der„Jemnie d'Arc" von Paul Dubais in unzulässiger Weise benutzt zu haben.— — Die Ausführung des Peter H e n l e i n- D e n k m a l s in Nürnberg ist dem Bildhauer M e i ß n e r- Berlin übertragen worden. Heulein, der Erfinder der Taschenuhr, wird im Arbeits- anzuge dargestellt werden. Die Höhe des ganzen Denkmals wird SV, Meter betragen; die Gesamikosten sind auf 15 990 M. veranschlagt.— cc. Das Atom gewicht des Radin in. Radium ist daS Element, welches nach der Entdeckung des Physiker-Ehepaares Curie der eigentliche Träger der strahlenden Eigenschaften von Uransalzen und Baryumsalzen ist, das Element, von welchem die unsichtbaren, den Röntgenstrahlen so nah verwandten Becquerelstrahlen ausgehen. Jetzt teilt Frau Curie der Pariser Akademie mit, daß es ihr sogar gelungen sei, das Atomgewicht und die Wertigkeit dieses Elementes zu bestimmen. Nach ihren Angaben ist das Radium zweiwertig und hat das Atomgewicht 225; es gehört zu den alkalischen Erden, in deren Reihe es das höhere Homolgen des Barhums bildet. Im periodischen System würde es unter den alkalischeu Erden hinter dem Bartpnu auf der Reihe, die bereits Thorium und Uranium enthält. Platz finden.— — Die Platingewinn un g im Ural ist weitaus die be- dentendste der Erde. Sie beträgt gegenwärtig durchschnittlich etwa 6999 Kilogramm pro Jahr, während Kolumbien nur 125, Kanada 65, Borneo 59 und die Vereinigten Staaten 29 Kilogramm liefern.— — Die größte Druckerpresse der Welt hat der „New Dork Herald" im Betrieb. Sie ist sechsstöckig und vereinigt in sich nicht weniger als zwölf der früheren„Web Perfecting Presses" nebst Falzmaschinen, und es bedarf 96 Stereotypplatten, um die Maschine auszufüllen. Ihre Leistungsfähigkeit per Stunde ist 399 999 bei vier Seiten, 159 999 bei acht Seiten und 75 999 bei sechzehn Seiten; alle fix und fertig gefalzt und in Pakete von 59 ab- gezählt.— — Wie ein Wiener Blatt berichtet, hat eine bekannte Wiener Schauspielerin jüngst erzählt, daß eS Jahre gab, wo ihre Aus- gaben für Theatertoiletten zwischen 29- und 26 999 Gulden betrugen. Sie bewies die Richtigkeit dieser Angaben durch die bezahlten Rechnungen des letzten Jahres. Da aber die Künstlerin„bloß" 24 999 Gulden Gage bezieht, so legte sie thatsäch« lich 2999 Gulden für den Toilettenlu'xus zu ihrer Gage zu.— — Einen merkwürdigen L e s e st o f f bietet seine» Lesern das„Soesier Kreisblatt": Durch Beschluß des Kreisansschusses müssen alle Hunde, die sich im Kreise befinden, in der Zeitung auf- geführt werden. So ist denn eine ganze Seite des Blattes mit der Liste der Neros, Amis gefüllt, und zum Schluß findet sich das ent« setzliche Bekenntnis: Fortsetzung folgt.— Die nächste Nummer des llnterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 19. August. Veraulworuiwer Redactem: Julius Kaliski iu Berlm. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.