Unlerhaltungsblatt des Horwärts Nr. 158. Freitag, den 15 August. 1902 «Nachdruck verbolen.» 731 Dev Msnksmsnn. Roman von Hall Ca ine. Autorisierte Uebersetzung. „Komm", sagte Philipp, Petes Arm ergreifend. „Darf ich mich auf Dich stützen, Philipp?" sagte Pete, und der sonst so kräftige Bursche ging schwankend die Treppe hinunter. Sie setzten sich einander gegenüber an das Kaminfeuer und ließen die Treppenthüre offen, um alles, was oben vor- ging, hören zu können. „Geh Du zu Bett, Nancy", sagte die Stimme Grannies. „Wer weiß, wie bald Du gebraucht wirst." „Dann wecken Sie mich aber um zwölf Uhr, Grannie � wecken Sie mich ganz bestimmt!" „Der arnie Pete! Und er hat nicht so unrecht. Wie heißt es denn? Lasset die Kindlein—" „Aber Cäsar wird diesmal wohl recht behalten, Grannie. Das Herzenskind ist so gewiß wie was vom Tod gezeichnet. Ich habe die Krähe, die sich beim Hochzeitsfest einfand, über des Kindes Kopf fliegen sehen, als es das letztemal aus war." Pete hörte aufmerksam zu. Philipp starrte gedankenlos in das Fener. „Ich wußte niir nicht zu helfen, ich konnte wirklich nicht anders," flüsterte Pete nach der andern Seite des Kamins hinüber.„Wenn einer ein krankes Kind hat, so liegt kein Trost darin, vom Heil der Seele zu sprechen. Man will ja doch nicht die Seele, sondern das Kind; nicht wahr, so ist es?" Philipp gab eine verworrene Antwort. „Natürlich kann ich nicht von Dir verlangen, daß Du mich verstehst, Philipp. Du bist ein großer Mann, ein ge- scheiter Mann und ein Mensch von Gefühl, aber das kannst Du doch tvohl nicht begreifen— wie solltest Du auch? Der unreifste Gelbschnabel von einem Vater, der nur halb bei Verstand ist, ist Dir darin voraus, Phil. Verlaß Dich drauf. Stur jemand, der ein eignes Kind hat, weiß, was es be- deutet. Etwas ruft ihm zu, es ist die Stimme des Blutes — es ist— Ich weiß nicht, ob ich es selbst richtig ver- stehe—" Jedes Wort, das Pete sagte, war wie ein zweischneidiges Schwert. Philipp atmete schwer. „Du kannst den Schmerz eines andern mitfühlen, Gott verhüte, daß Du je selbst solchen Kummer hast. Die Bücher sind Deine Kinder, und wer nichts Besseres kennt, ist gut daran. Denn die armen Kleinen matt und krank zu wissen, sie leiden und verfallen zu sehen und nicht im stände zu sein, ihnen zu helfen, tvenn sie immer wieder rufen und um Mit- leid bitten ohne Unterlaß, immer wieder— ich kann Dir nicht sagen, was—" Philipp war der Hals wie zugeschnürt. Er glaubte, daß er sich im nächsten Augenblick verraten würde. „Vielleicht hat der Doktor doch recht. Das Kind mag Wohl nicht mehr bei uns bleiben, weil seine Mutter tot ist; möglich, daß es sich fortsehnt, das arme Ding. Und wer weiß, ob nicht die Mutter da drüben am User auf den kleinen Engel wartet und wartet und das Kind lockt und lockt.— Ich habe schon von dergleichen gehört." Philipp ächzte. Der Kopf drohte ihm zu zerspringen. Seine Füße waren kalt wie Eis. Eine große Furcht überkam ihn. Es war nicht Pete allein, mit dem er im Kampfe lag. Bei diesem Durchforschen und Zerfleischen des Herzens, das jeden Gedanken bloßlegte und jede Wunde aufriß, trat er mit Gott selbst in die Schranken. Die Glocke der Kirche fing an zu läuten. „Was ist das?" rief Philipp. Es hatte ihm wie Grab- geläute geklungen. „Oiel Verree," sagte Pete. Die Glocke läutete den alten Mankischcn Gottesdienst ein, bei dem die Weihnachtslieder gesungen werden. Petes Erinnerungen wurden wach. Er erzählte von seinen Weihnachtsabenden in der Ferne, wo es Sommer war statt Winter, wo kein Schnee auf dem Boden lag, sondern Früchte an den Bäumen hingen, und Leute, mit denen er vorher noch niemals gesprochen, ihm die Hände ge- schüttelt und ein glückliches Weihnachtsfest gewünscht hatten. Zuletzt schlief er vor äußerster Ermattung und Trostlosigkeit, die nur durch Philipps Anwesenheit wohlthäfig gemildert wurde, auf seinem Stuhle ein. Die Nacht verging, im Haus blieb alles ruhig; nur das heisere Röcheln der beschleunigten Atemzüge des 5iindes tönte von oben herab. ' Ein böser Gedanke in frommem Gewände bemächtigte sich Philipps.„Gott ist weise," sagte er sich.„Gott ist barm- herzig. Er weiß, was uns allen zum besten dient. Was sind wir anne, ohnmächtige Geschöpfe, daß wir ihn zu bitten wagen, seine großen Zwecke zu ändern? Es ist vergeblich, es ist ruchlos... So lange dies 5find lebt, giebt es für uns keinerlei Sicherheit. Stirbt es, so kann Frieden und Ruhe eintreten und die Möglichkeit eines erfreulichen Zustandes. Die Mutter muß ihm schon im Tode vorangegangen sein, und so würde das dunkle Kapitel unsres Lebens endlich geschlossen werden. Gott ist weise. Gott ist allgütig I" Das Kind stieß einen schwachen Schrei aus, und Philipp schlich hinauf um nachzusehen. Grannie war auf ihrem Sitze eingeschlummert, und die kleine Katharina lag auf dem Bett. Eine mißachtete Puppe trieb sich mit dem Kopf zu unterst auf der Bettdecke herum. Das Feuer war ausgebrannt und der Kessel hatte aufgehört zu dampfen, es glimmte nur noch unter der Asche. Man hörte kein Geräusch in der Stube außer dem fliegenden Atem des Kindes, der dem Raspeln einer Feile glich, und zuweilen einen schwachen Hustenanfall. Philipp schlich geräuchlos hinein, kniete am Kopfende des Bettes nieder und beugte sich über das Kissen. Ein Licht, das auf dem Kaminsimse brannte, warf seinen Schein auf das 5linderköpfchen. Die Züge waren verzerrt, die schmalen Nasen- löchcr pulsierten unaufhörlich, auf der Lippe standen Schweiß- perlen. die schöne runde Stirn war feucht, und die seidig glänzenden Härchen klebten zusammen. Philipp glaubte, das Kind läge im Sterben, und mit seiner häßlichen Frömmigkeit war es aus. Jetzt regte sich etwas auf dem Bette. Eine kleine Hand, die fest zusammen- geballt auf der Brust gelegen hatte, kam über die Decke und glitt ausgestreckt und offen vor ihm herab. Es erschien ihm wie ein stummer, kläglicher Hilferuf, und die unterdrückte Zärtlichkeit des Vatcrherzens gewann die Oberhand. Ihr Kind— sein Kind war dem Tode nahe, er saß daneben und wagte noch immer nicht, sich dazu zu bekennen. Eine neue Furcht überfiel ihn. Nein, des Kindes Tod gab keine Sicherheit, keinen Frieden, keine Ruhe. Es war nur ein Irrwahn. Starb das Kind, so würde er sich sicherlich verraten.„Mein Kind! mein Liebling I" würde er schreien, „Käthe meiner Käthe!" Er würde sich nicht länger be- herrschen können und alles heraussagen, was sich ihm un- ividerstehlich auf die Lippen drängte. Das schwarze Geheimnis, am Rande eines offenen Grabes zn enthüllen, müßte schrecklich, entsetzlich, grauenhaft sein.„O, habe Erbarmen. Herr, laß sie am Leben!" In einer Angst, die an Wahnsinn grenzte, ging er hinab und schüttelte Pete bei den Schultern, um ihn zu wecken. „Komm rasch," sagte er. Pete öffnete die Augen mit verstörtem Blick.„Es geht besser— nicht?" fragte er. „Nur Mut!" sagte Philipp. „Geht's schlechter?" „Auf Leben und Tod. Wir müssen etwas versuchen, das ich auf meiner Reise gesehen habe. „Guter Gott! und ich habe geschlafen I Rette sie, Philipp. Du bist stark. Du bist geschickt—" „Um Gottes willen, schweig still! Rasch einen Kessel kochendes Wasser— eine wollene Decke— heiße Handtücher." „O, Du bist ein Freund in der Not, Du wirst sie retten. Die Aerzte wissen ja nichts." Zehn Minuten später fing das Kind leise zu weinen an, hustete, warf losen Schleim aus und erwachte ans dem be- täubten Zustand, in dem es eine Woche lang gelegen hatte. In weiteren zehn Minuten saß es in heiße Handtücher ge- wickelt auf Petes Knie vor einem prasselnden Feuer, öffnete die Aeuglein, spitzte das Mündchen und gab ein paar unver- ständliche Laute von sich. Jetzt wachte Grannie erschrocken auf und war außer sich darüber, daß sie geschlafen hatte.„Aber du meine Güte," rief sie mit aufgehobenen Händen,«das Engelskind hat sich ja wunderbar erholt!" Auch Nancy kam jetzt auf Strümpfen herbei, gähnend und sich die Augen reibend. Als sie die Veränderung sah, die mit der Kleinen vorgegangen war, erhob sie ein Freuden- geschrei und klatschte in die Hände. Die Uhr in der Küche schlug eben zwölf, die Glocken hatten wieder zu läuten be- gönnen; man hörte die Sänger aus der Kirche kommen, der leichte Schnee auf der Straße knisterte unter ihren Tritten; draußen stimmten sie die alten Weihnachtslieder an zur Feier des anbrechenden Festtags. Der Doktor sah auf dem Heimweg herein und beglück- wünschte sich wegen der eingetretenen Besserung. Die Krisis war überstanden, das Kind war gerettet. „Viel besser, viel besser." sagte er vergnügt.„Ich dachte mir wohl, daß wir sie über den Berg bringen würden." „Es ist der Deemster, dem wir's zu danken haben," rief Pete, der die kleine Katharine durch die Fransen der sie um- hüllenden Handtücher anblies und ihr zulallte.„Er hätte nicht mehr für die Kleine thun können, wenn sie sein eignes Fleisch und Blut gewesen wäre." Philipp wagte nicht zu sprechen. Er eilte in stürmischer Erregung hinweg.„Noch nicht," dachte er,„noch nicht." Die Zeit, sich zu entdecken, war für ihn immer noch nicht da. Sie war aber so gewiß wie der Tod, sie wartete irgendwo feiner. Irgendwo und irgend einmal— an irgend einem Tage, an irgendwelchem Ort. Vielleicht hatte sein Auge den Tag schon im Kalender gesehen, sein Fuß den Ort betreten, ohne daß er es wußte. Irgendwo und irgend einmal mußte es offenbar werden. Die Nacht schlief Philipp in der„Bischofsmütze", und am nächsten Morgen ging er hinauf nach Ballure. IV. Der Gouverneur konnte Tynwald nicht vergessen. Er stellte sich die Demütigung, die er an jenem Tage erlitten, weit größer vor, als sie in Wirklichkeit war, und glaubte, er habe allen Einfluß auf der Insel verloren. So verkaufte er denn Pferde und Wagen und benahm sich auch sonst wie je- mand, der erwartet, bald abberufen zu werden. Gegen Philipp zeigte er keinen Groll. Und doch hatte er sich in dem Deemster nicht bloß an jenem Tage getäuscht, als er der Urheber seiner Schmach wurde. Auch seine leise Hoffnung, daß Philipp sein Schwiegersohn werden könne, war fehlgeschlagen. Als ihm aber das Werkzeug seiner Hand den Dienst versagte, als es sich zu groß für einen Stab und zu knorrig für eine Stütze erwies, versuchte er nicht, es zu zer- brechen. Mochte ihn nun seine Charakterstärke oder sein Stolz als Ehrenmann dazu treiben, jedenfalls hörte er nicht auf, Philipp mit Gunstbezeigungen zu überschütten. Als er zu Anfang des neuen Jahres mit Frau und Tochter nach London ging, ernannte er Philipp zu seinem Stellvertreter. Philipp mißbrauchte die ihm übertragene Macht nicht, und die Bewohner der Insel erkannten den hochbegabten Mann, der der Enkel des einzigen großen Manksmanns des Jahr- Hunderts war, bereitwillig an. Die einzige Schattenseite, die sich an ihm finden ließ, war seine schwermütige Sinnesart. Diese steigerte aber noch das Interesse für ihn, wenn sie auch seiner Volkstümlichkeit Abbruch that. Die Damen flüsterten unter einander, daß er der Liebe zum Opfer gefallen sei und sein Herz„im Grabe liege". Er vergaß auch seine alten Kameraden nicht, und nian äußerte sich mit Wohlwollen darüber, daß einer seiner Freunde ein einfacher Fischer war, ein Vetter von außerehelicher Herkunft, der auf thörichte Weise sein Vermögen durchgebracht hatte. Am St. Brigittentage hielt Philipp ein Dcemstergcricht in Ramseh. Der Schnee war geschmolzen und die Erde atmete Frühlingsdüftc, obgleich die Veilchen noch in den Knospen steckten. Die Sowie, die man seit Wochen nicht gesehen hatte, war an diesem Tage durchgebrochen, die Luft war warm und der Himmel blau. Im Innern des Gerichtshauses waren die oberen Bogenfenster niedergelassen worden; die Sonne schien auf den Deemster, der auf er- höhtem Sitze saß, und der Frühlingswind spielte mit seiner silberweißen Perücke. Zuweilen, wenn die schnarrenden Stimmen schwiegen, hörte man draußen auf dem Rasenplatze die Vögel in den Bäumen singen. Die Verhandlung war zeitraubend und zog sich sehr in die Länge. Es war die gerichtliche Untersuchung gegen den schwarzen Tom. Während der Epidemie, welche die Insel heimgesucht hatte, war er als Wunderdoktor aufgetreten. Zuerst hatte der Bürgermeister ihn vor Gericht gefordert und ins Gefängnis setzen lassen. Er war auf Petes Bürgschaft hin aus der Haft befreit worden, hatte sich aber durch einen Fluchtversuch dieser Vergünstigung wieder verlustig gemacht. Der Zeugen waren sehr viele, und da manche aus weiter Ferne kamen, war es wünschenswert, die Sache! noch am selben Tage zu Ende zu bringen. Um fünf Uhr abends er- hob sich der Deemster und sagte:„Der Gerichtshof wird sich auf eine Stunde zurückziehen, meine Herren." Philipp nahm im Deemsterzimmer einige Erfrischungen ein, die Jem-y-Lord ihm brachte; dann legte er die Perücke und das Amtskleid ab und schlüpfte hinten durch den! Ge- fängnishof und um die Ecke herum nach dem Ulmenhaus. Es war jetzt schon dunkel. Das Haus wurde nur vom Schein des Kaminfeuers erhellt, der wie ein Irrwisch über das Fenster der Halle huschte. Zu seiner Ueberraschung ver- nahm Philipp beim Eintreten ganz ungewöhnliche Töne. Man lachte drinnen, dann wurde gesungen, dann wieder gelacht. Unbemerkt hatte er die Borhalle erreicht; die Thür stand offen, er blickte hinein und lauschte. So leer hatte er die Stube noch nie gesehen, ein Tisch, drei Stühle, eine Wiege, ein Kleiderschrank und der Geschirr- schrank in einer Ecke war alles, was sie enthielt. Nancy saß am Feuer mit dem Kind auf dem Schoß. Pete lag platt auf dem Fußboden, der mit Binsen bestreut war, und sang: „O heillge Brigitte, komm, komm zu uns hellt, Der Flur ist gefegt und mit Binsen bestreut." Dann kroch er wie ein großer Junge auf allen vieren, wackelte mit dem Kopf, brummte wie ein Bär und kam in kleinen Sätzen und Sprüngen aus das Jftind zu, das sich auf Nancys Schoß vor Vergnügen wälzte, lachte und quiekte, bis ihm der Atem verging. „Nun genug. Du großes Ungetüm, hör auf!" rief Nancy. „'s ist nicht gut für die Kleine, wahrhaftig nicht." Doch Pete konnte sich die Freude noch nicht versagen, die Lust des Kindes zu sehen. Er führte auf dem Boden der Stube eine große Schwenkung aus, kam dann, auf der Hucke sitzend, zurückgehüpft und bellte dabei wie ein Hund. Das Kind aber lachte und jauchzte, so laut es die kleine Kehle vermochte. Philipps eigne Kehle schwoll bei dem Anblick, und das Herz in der Brust that ihm weh. Er empfaild denselben Schauer wie damals, nur noch schmerzlicher, noch voller von eifersüchtigem Verlangen. Dies war kein Ort für ihn— er wollte wieder gehen. Im Begriff, feine Absicht auszuführen, wurde er jedoch von Pete bemerkt, der jetzt auf dem Rücken am Boden lag und das Kind über sich auf und nieder schwenkte, als spiele er eine Ziehharmonika, oder es hin und wieder fahren ließ wie ein Weberschiffchen." „Meiner Treu, der Deemster! Nur immer herein, herein!" rief Pete, sobald er ihn erblickte. Dann reichte er Nancy das Kind und sprang in die Höhe. Philipp trat mit sehnsüchtigem Verlangen ein und setzte sich Nancy gegenüber aus einen Stuhl. „Du wirst Dich über mich wundern, Deemster, das weiß ich", sagte Pete.„Wundre ich mich doch wahrhaftig über mich selbst. Ich glaubte, nie wieder einen frohen Tag zu erleben; denn selbst wenn der Himmel je wieder blau würde, war doch mein Herz gebrochen. Doch wie sagt unser Man- kischer Dichter?„Mein Will' ist nur der deine, Herr—". So geht es auch mir,'s ist die volle Wahrheit, und seit die Kleine wieder wohl ist, bin ich mein Lebtag noch nie so glücklich gewesen." Philipp murmelte etwas Gleichgültiges und gab der Kleinen seinen Daumen zu halten, den sie mit ihren Fingerchen umklammerte, als hätten sich die weichen Fühlhörner einer Seeanemone daran festgesaugt. Pete zog den dritten Stuhl heran, und das gänze Ge- spräch drehte sich jetzt um das Kind.„Sie wächst zusehends", sagte Philipp heiser. „Und wird fürchterlich klng," meinte Pete.„Ich sag' Dir, das Kind hat ein Gedächtnis wie ein Kalender. Wahr- haftig. Du kannst mir's glauben. Hör nur einmal. Was sagt die Kuh, Schätzchcn?" „Muh— h!" machte die Kleine. „Siehst Du!" rief Pete ganz entzückt. „Sie weiß aber auch, was der Hund sagt," fiel Nancy ein.„Was sagt Dempster, mein Liebchen?" „Bau— wau!" machte das Kind. .Wunderbar!" sagte Pete, sich voller Staunen über der Kleinen übernatürliche Weisheit zu Philipp wendend.„Nimm nur einmal Tom Hommys Jungen, der doch auch ein ganz hübsches Kerlchen ist und noch dazu sechs Wochen älter; aus dem läßt sich noch nicht ein Wort herausbringen/' Der Hund war unter dem Tische hervorgekommen, so- bald er merkte, daß von ihm die Rede sei. Das Kind päppelte etwas zu ihm nieder und spielte dann mit seinen eignen Füßchen, wobei es wie ein Kätzchen schnurrte und von Nancys Schoß hinabzurutschen suchte. „Herr meines Lebens I Ist's nicht gerade, alle hätte man einen Aal zu warten?" rief Nancy. Willst Du nun ruhig sein?" Und sie zog die Kleine auf ihren Sitz zurück. (Fortsetzung folgt.) (Natbdruck verboten.) Oev dentfifzo Nnihvopologen� Mongveß fand in den letzten Tagen zu Dortmnnd statt. In den VerHand- langen spielte die Frage zes Hirngewichts und ihres Znsanunenhangcs mit der geistigen Befähigung eine gewisse Nolle. In dem wissen- schaftlichen Jahresbericht wurde die umfassende Untersuchung von Marchand erwähnt, der 1234 Gehirne gewogen hat; bei erwachsenen Männern wog es im Durchschnitt 1405 Gramm, bei erwachsenen Frauen 1275 Gramm, und zivar hängt dieser Umstand nicht von der geringeren Körpergröße der Frauen ab; das Frauen- gehirn ist auch bei gleicher Körperlänge stets kleiner und leichter als das Gehirn des Mannes. Die geistige Befähigung sieht jedoch nach Marchand damit nicht in Zusaminciihang, vielmehr ist die geringere Größe des Gehirns nur der Ausdruck der Thatsache, daß sich an der von der männlichen verschiedenen Organisation des iveiblichcn Körpers das Gehirn ebenso beteiligt wie andre Organe. Nur lvenn ein kleines Gehirn das Zeichen einer zurückgebliebene» Entwicklnug ist, ist es mit geringer geistiger Befähigung verbunden. Dieses Urteil von Marchand wurde durch andre Darlegungen und Demonstrationen bestätigt. So demonstrierte Prof. N a n t e, der über Berbrechergehirne sprach— aus China standen ihm mehrere Gehirne von Hingerichteten Raubmördern zur Bersügimg—, daß Verbrecher allerdings häufig ein«mormalcs Hirngewichl zeigen, jedoch ebenso häufig ein abnorm schweres, wie ein abnorm leichtes. Besonders interessant ist in dieser Beziehung das Gehirn des berühmten Philosophen und Mathematikers L e i b n i z, über dessen kürzlich aufgefundene Gebeine Pros. W a l d e y c r berichtete. Merkwürdigerweise war eine vollständige Sicherheit über die iin Grab- gclvölbc der Nenstädtcr Kirche zu Hannover emfgefllndeneu Knochen- reste nicht zu erlangen, so daß ein« anthropologische Untersuchung der Ucbcrreste den Zweifel lösen mußte. Die Bcinknochcn ließen gichtischc Veränderungen bemerken, und thatsächlich warLeibnizimhohenÄltcrvon der Gicht sehr geplagt; der Schädel lveist slavischcn Typus ans, was mit der polnischen Abstammung des Philosophen übereinstimmt. Er starb im Jahre 1716 und wurde erst mehrere Wochennach dem Tode — so lange halte die Leiche unbcerdigt in einem Gewölbe ge- standen— beigesetzt; ans welchen Gründen diese späte Beisetzung erfolgte, ob etwa die Kirche ivegen der Denkweise Lcibniz', der sich übrigens stets die redlichste Mühe gegeben halte, keinen Anstoß zu erregen, irgend welche Schwierigkeiten erhob, ist nicht bekannt. Sehr interessant ist nun der Umstand, daß der Schädelinhalt von Lcibniz nur 1450 Knbikcentimetcr beträgt, woraus sich das Gehirn- gewicht zu etwa 1300 Gramm berechnet; es bleibt also sehr erheblich hinter dein Durchschnitt zurück. Dabei gehörte Leibuiz unstreitig zu den hervorragendsten Köpfen aller Zeiten; so ist, um nur eines zu erwähne», die Differentialrechnung wesentlich von ihm miigeschaffc» und erweitert worden. Eine andre Reihe von Vorträgen beschäftigte sich mit der Eni- Wicklung des Menschen und seiner Vertvandtschaft mit dein Affe». Prof. Klantsch, der über die Variationcii am Skelett des jetzigen Menschengeschlechts sprach, führte ans, daß der Schädel nicht lvie bisher siir sich allein, sondern nur im Zusammenhang mit dem übrigen- Skelett untersucht werde» müsse. Gerade diese Untersuchung hat verschiedene Stassciiimterschiede ergeben, vor allein aber gezeigt, daß das nienschliche Skelett nichts Festes, zum Abschluß Gelangtes ist, sondern beständig Variationen teils vor-, teils rückschreite'nder Natur erleidet; so ist das Gebiß bei den höheren Menschenrasse» iniverkeliubar in einem Rückbjldnngsprozeß begriffen. Um die Abivcichnngcn der fossilen Menschrnreste von dem jetzigen Menschen richtig beurteilen zu können, niuß mau die Unter- schiede der jetzt lebenden' höheren und niederen Rassen kenne». Besonders wichtig sind i» dieser Hinsicht die Eingeborenen Anstraliens, bei denen die niederen Merkmale des Skeletts sehr deutlich hervortreten. Ihre Beinknochen zeigen zwar die Fähigkeit zum aufrechten Gang, doch habe» sie sowohl am Unter« lvie ain Oberschenkel eine Reihe von Merkmalen, an denen man klar erkennt, daß sie noch nicht jene vollständige Anpassung an den ausrechten Gang erfahren haben, wie dies beim Europäer der Fall ist. Auch die Wirbelsäule zeigt interessante Abweichungen von der der höheren Raffen; durchweg sind die Wirbel in fast allen Dimensionen etwa um ein Viertel kleiner, als bei den letzteren. Alle Merkmale niederer Rassen geben aber nicht etwa eine An- Näherung an die entsprechenden Verhältnisse uon gegenwärtig lebenden Affen. Klaatsch erblickt hierin eine Bestätigung seiner Ansicht, daß die Mensche» und Anthropoiden smenschenähnlichen Affen) nur an der Wurzel ihres Stammbaumes zusammenhängen, daß aber, nachdem durch die Umbildung des Kletterfnßes einmal die specifische mensch- liche Entwicklungsrichtnng eingeschlagen war, die Ausbreitung über die Erde und damit an vielen Stellen die von einander nn- abhängige Ueberwindung der niederen Zustände und eben deshalb eine so reiche Ausbildung von Nassemnerkmalen stattgefunden hat. Prof. R o l I in n n n vertrat dieselbe Auffassung wie Klaatsch; auch er ist der Meinung, daß die Varietäten des Menschen während der Wanderungen entstanden seien. Wenn z. B. im Norden Europas sich der blonde, im Süden der brünette Typus entwickelt hgt. so wird man nicht gut besondere Schöpfungen aniiehineu könne», sondern an Varietäten aus einer gemeinsame» Form denken müssen, wie ja auch z. B. die lokalen Besonderheiten der Forellen verschiedener Gebirgsseen darauf zurückgeführt werden, daß das Zurücktreten des Wassers zur Dilnvialzeit die Gewässer isolierte, und so die Aus- bildung lokaler Verschiedenheiten ermöglicht wurde. In einer dritten Reihe von Vorträgen wurden specicll Aus- grabungen in Deutschland vorgeführt, durch welche besonderes Licht über die alten Befestigiiiigcn verbreitet wurde, denen man bisher ziemlich ratlos gegenüberstand, da man nicht Ivnßtc, aus welcher Zeit sie stammten und zu welchem Zlveck sie angelegt waren. Vielfach nahm nia» sie ihres regelmäßigen Grundrisses»vegeu als römisch in Anspruch, so die BumannSburg und das sogenannte Dolberger Lager, beide bei Hamm gelegen, die mit voller Sicherheit seit vier Jahren als befestigte fränkische Gutshöfe aus der karolingischen Zeit erkannt wurden. Seit der Zeit suchte mau nach einem römischen Kastell nur noch lippcabwärts von Hamm und fand so die großen römischen Anlagen bei Haltern, über welche Prof. Kopp berichtete. Durch die dort vorgenommenen Ausgrabungen konnte festgestellt werden, daß ein Römerlager daselbst vorhanden war, das etwa 4 Hektar bedeckte. Ein zweites noch größeres Lager ist zwei Kilometer vom Amiaberg aufgedeckt ivorden, das bis jetzt »och nicht genügend untersucht ist. Ueberhaupt werden weitere Aus- grabungen an der Lippe noch weitere römische Befestigungen er- schließen und die Altertumskunde in Deutschland erheblich be- reichern. Aber durch die oben erwähnte Erkenntnis lernte man auch die alt-gcrmaui scheu Befestigungen besser scheiden. Man erkannte die karolingischen befestigten Gutshöfe, wie die Heisterburg an der Deister, die Wittekindsburg bei Rulle, die Hünenburg bei Stadtlohu; daneben aber erkannte man eine Gruppe von Volks- bürgen, indein man von denjenigen ausging, die den Sachsen in den Kriegen gegen Karl den Großen gedient haben. Die größte der- selben ist die Eresburg, die sich später zur Stadt entwickelt hat. Diese Bürge» liegen auf hohem Berge und haben nur von einer Seite einen Zugang. Das Bergplateau ist rings niit einem Wall umgeben, dessen Thor stets»nt einein Zwinger versehen ist, einer Art vorgeschobener Bastion, die ein Vorwerk der Hauptbefestigung bildete, aber auch dazu dienen konnte, die stürmenden Feinde von alle» Seiten einznschließe». Diese Bürge» ivurdcn nicht ständig bewohnt, sondern nur bei drohender Gefahr aufgesucht; erst Heinrich I. hat das ständige Wohnen innerhalb einer Befestigung eingeführt. Bekanntlich erhielt er davon den Beinamen: Städte-Erbauer. Die Burgen unter- standen den Gangrafen; in späterer Zeit haben sie sich mehrfach, lvie die Hoheushburg, Iburg, Brunsburg, zu Dhuasteuburgen eut- wickelt.—' Et. Klsittes Feuillekon., od. Znr„Psychologie" der MnscnmSbrsncher. Wohl jeder, der namentlich in diesen Tagen der Reisezeit fremde Museen besucht hat, wird auch Gelegenheit zu allgemeine'.. Beteachlungen über die Musenmsbesucher gefunden haben. Es gicbt da ganz bestimmte Typen, die in allen Städten wiederkehren. Der witzige Miguel Zamacois, der im„Ganlois" seine kleineu Spöltcrcicn schreibt, hat ans einer Reise nach Belgien und Holland seine psychologischen Studien über dies« Mnsemnsbefucher angestellt und giebt nun seine Resultate in einer ergötzlichen Plauderei zum besten.„Man kann sich nicht vorstellen," schreibt er,„wie viel verschiedene Arten Be- sucher von Museen es giebt; fast ebenso viel wie Charaktere und Temperamente. Die bekanntesten sind die Methodischen. Sie grasen gewissenhaft nach ihrem Führer die Sehenswürdigkeiten der Stadt, durch die sie komme», ab; der Führer hat ihnen eingeschärft, am zweiten Tage ihres Aufenthalts um 10 Uhr die Gemäldegalerie zu besuchen,»nd pünktlich stellen sie sich zur festgesetzten Stunde ein. Mit dem Buch in der Hand überschreiten sie die Schwelle des Heilig- tums, orientieren sich, betreten den Saal Nr. I und halten sich streng »ach der Borschrift an der Wand zur Rechten. Vor den als Meister- werken bekannten Bildern versammelt das Familienhaupt, zugleich Träger des Führers, die zerstreuten Familienmitglieder um sich, wie eine Henne ihre Küchlein, Halblaut liest er, während alle andächtig zuhören... Durch die Pracht der dekorativen Wirkung und die Gewalt des Ausdrucks nimmt dieses Bild eine der ersten Stellen unter ben Werken des Meisters ein. Man bemerke den ergreifenden Ausdruck der Person links... Alle Köpfe wenden sich nach links und scheinen sofort den ergreifenden Ausdruck seinem Werte nach zu würdigen.... Gewöhnlich zeigt einer noch mit dem Finger, um jeden Irrtum zu vermeiden, auf die Persönlichkeit, von der die Rede ist.... Der Einzelgänger ist gewöhnlich ein Sammler, ein gebildeter Amateur.'ein für Kunst Begeisterter, ein Kritiker oder ein Profesior. Er liebt die Malerei, geht von Bild zu Bild und verachtet auch nicht die nicht ini Führer erwähnten. Er ist zu seinem Bergnügen da. und sein Gesicht drückt im allgemeinen Befriedigung aus. Seine Besichtigung dauert lange und ist genau. Ost ist der Einzelgänger auch ein Maler. Dieser bleibt vor seinen Auserwählten stehen. Er entfernt sich ein wenig, um das Ganze zu beurteilen.... Neigt den Kopf auf die Seite.... Schließt die Augen halb.... Sieht wie durch ein Opernglas durch die geknimmten Finger.... Nähert sich schnell n»d prüft ganz nahe die Art der Ausführung, die Art der Pinselstihrnng... Das ist durch Lasuren gemacht.. Nein, das ist dick aufgetragen... Er bemerkt, daß die Leinwand rauh ist, und daß der Firnis abbröckelt. Wie schön das ist I Und diese Hand, wie das gezeichnet ist... Er möchte es berühren können... Plötzlich zieht er sich in den entferntesten Winkel des Saales zurück... Wie sich das hält... Wie das stimmt!... Und wenn der Künstler in sein Atelier zurückgekehrt und„die Tricks ertappt" zu haben glaubt, bemüht er sich, jede Per- sönlichkeit zu verlieren, wenn er eine hat, und Van Eyck oder Frans Hals wieder hervorzubringen.... Sehr erwähnenswert ist der eilige Besucher. Er thut sein Möglichstes. Er hat sehr wenig Zeit für sich, eine Stunde etwa vor Abgang des Zuges, und er muß fünfhundert Bilder von Meistern besichtigen; das macht etwa 12 Sekunden für jedes Bild... schnell ... Hop, hop I Er verschlingt die Meisterwerke, wie man Eier ans- schlürft...] Wie fpät ist es. Schon dreiviertel I Was ist das? »Die Anbetung der heiligen drei Könige?"... Vorüber... Sapristi, halt I' Das ist NÜbens Meisterwerk I Fünfzehn Sekunden für das Meisterwerk von Rubens I... Da!... Weiter... Sapristi! Zehn Minuten vor voll!... Fast laufend beendete er die Wanderung durch das Museum und im Winter wird er in den Salons erzählen, daß er.sein" Antwerpener Museum gründlich kennt. Jetzt kommt der müde Besucher. Dieser gchi in jedem Saal zunächst zum Sofa oder zur Bank. Er läßt sich nieder und prüft nachlässig die Bilder. Wenn er eine Seite gesehen hat, beschreibt er eine Vierteldrehung, prüft die folgende Seite, und so geht es weiter... Es giebt dann noch de» Besucher, der das Museum einzig onS Gewissenhaftigkeit besichtigt. Er versteht nichts von der Kunst, und bleibt gähnend in jedem Saal einen Augenblick, als ob er das fünfundzwanzigste »Zimmer zu vennieten" an diesem Tage besichtigte. Nur eine heftige Mordscene fesselt hier und da einen kurzen Äugenblick seine Auf- merksamkeit. Andre folgen wie die Schafe dem Hirten dem Mann, der ihnen die Schönheiten erklärt... Sie gehen haufenweise mit geöffnetem Mund und herabhängenden Händen, stoßen sich, bleiben vor dem Meisterwerk stehen, folgen wieder dem Cieerone. hallen von neuem plötzlich an.. Vergessen wir auch nicht den Mann, dessen Frau findet, daß es.totmüde' macht und .im ganzen genommen immer dasselbe ist"... Sie setzt sich auf das Sofa, während der Mann hastig die Wandening fortsetzt. Dieses Besucherpaar im Museum hat sein Gegenstück in den Jung- vermählten auf der Hochzeitsreise. Sie fassen sich unter oder halten fich an der Hand und sehen die Bilder gar nicht an. Sie tauschen leise Liebestvorte aus, verlassen sich nicht mit den Augen und gehen fort, ohne etwas gesehen zu haben. Zu Hanse fragt man die»lieben Kinder", was sie von der„Grablegung Christi" von Metshs oder der »Aiiatomiestunde" RembrandtS halten. Sie können sich nicht erinnern, erröten, sind verlegen, und gute Damen werden verständniSimiig und malitiös den Schluß daraus ziehen, daß sie das Hotel nicht verlassen haben..." — TaS billige Obst. Der.Frankfurter Zeitung" wird ans St. Petersburg geschrieben; Ein russisches Provinzblatt schildert folgende Sune. Ort: eine große Eisenbahnstation. Vor Ankunft eines Personenzu»?? kommen einige Bäuerinnen ans den um- liegenden Dörfern mit Milch, Eiern, Obst, Beeren usw. und setzen sich auf den Bahnsteig hin. Aus dem Stationsgebäude tritt ein Beamter und geht ans eine der Frauen zu. Der Beamte:.Wieviel willst Du für die Kirschen haben?" Die Bäuerin:.Vierzig Kopeken, lieber Herr!" Der Beamte:.Wa— as? Wie nnterstehst Du Dich, von mir einen solchen Preis zu fordern? Das sind ja nicht mehr als sieben Pfund." Die Bäuerin:.Aber ich bitt' Sie, Ew. Gnaden— es sind zehn Pfund und dann gebe ich sie Ihnen wirklich billig ab." Der Beamte:„Ach, was Du sagst: billig I Na warte mal!" Der Beamte geht in das Bahnhofsgebäude und komint nach einer Minute mit zwei Stationsdienern zurück. Der Beamte:„Jagt diese Frau mit den Kirschen da weg und daß sie nicht mehr wagt, sich hier zu zeigen!" Die Kirschenfran entfernt sich, von den Dienern geleitet. Der Beamte wendet sich an eine andre Bäuerin und zeigt mit dem Finger auf ihre Erdbeeren. »Wieviel?" „A— acht Kope— e— eken!" „Sechs sind genug. Da hast Du siel Ihr dummen Weiber scheint nicht zu wissen, daß ich nichts dagegen habe, wenn Ihr von den Reisenden den zehnfachen Preis nehmt, aber von mir dürft Ihr nur den gewöhnlichen fordern." Der Beamte entfernt sich. Die Bäuerinnen beraten sich unter» einander und beschließen, dem Beamten einen Teil ihrer Beeren nmsonst abzugeben und dafür bei den Reisenden die Preise aufzu- schlagen.— Kulturgeschichtliches. — Eine alte Scharfrilhter-Rechnung. Im dies» jährigen Jahresbericht des altmärkischen Geschichtsvereins wird eine Werbener Scharfrichter-Rechnung aus der Zeit um 1600 veröffentlicht. Sie lautet: Der Rat der Stadt Werben a. E. hatte wegen Jürgen Bertrams Pferdedieb folgende Rechnung an den Markmeister zu zahlen: S Thl. dem Scharfrichter für 9 Mahlzeiten, 4 THI. den Ge» fangenen 4 Wochen zu speisen, 19 Schilling für Branntwein dem Scharsrichter, 8 Gulden 22 Schilling 2 Pf. für ruppinsches Bier im Stadtkeller der Scharfrichter mit seinem Gesinde versoffen, wie er den Gefangenen torqnirt, b Gulden 12 Schilling an Bier im Stndtkeller versoffen, wie er den Pferde- dieb gehenkert, 2 Gulden 16 Schilling für vier Sckieffel Hafer des Scharfrichters Pferde, wie er den Gefangenen torqnirt, 1 Gulden 8 Schilling für zwei Scheffel Hafer des Scharfrichters Pferde, wie er den Gefangenen aufgehenkt, 4 Gulden dem Markmeisler gegeben zur Zehrung,' wie er nebst andren Leuten den Dieb wiedergesucht, 4 Gnlden 18 Schilling beiden Wächtern in 19 Tagen den Gefangenen zn bewachen, jeden Tag und Nacht 3 Schilling, 5 Gnlden dem Scharfrichter für die Torturen, 5 Gnlden dem Scharfrichter, den Dieb zu henken, 1 Gulden 8 Schilling für Ketten mid Krammen oidsm. 1 Gnlden 8 Schilling für die Peinliche Anklage eidsrn, 4 Gnlden Eidem Fuhrlohn und 2 Gulden seinen Knechten Trink» geld.— Physikalisches. co. Der Marco nische Apparat als Registrier- Apparat für Gewitter. Wie weit die drahtlose Telegraphie unmittelbare, praktische Verwendnng finden wird, steht noch dahin, so verheißungsvoll auch die Versuche schon sind. Dagegen ver» wendet nian die neue Erfindung schon bei verschiedenen andren Eiiirichtungen. Auf der Sternwarte von Kalocza tllngarn), wo man zu Dcmonslrationszwecken einen Marconi-Apparat zur Funken« telegraphie hergestellt hatte, bemerkte man, daß er beim Aufleuchten von Blitzen ansprach. Das gab dem Direktor, dem Astronomen Fönh, die Anregung, den Apparat direkt zn einem Gewitter- Registrator umzubauen. Ein Ivesentlicher Bestandteil der ganzen Einrichtung ist der Cohärer oder die Frittröhre, in welcher ein metallisches Pulver, am besten aus versilberten Nickelstäben, sobald elektrische Wellen auffallen, eine leitende Verbindung herstellen; ein Strom, in dessen Kreis die Röhre eingeschaltet ist, wird dadurch geschlossen. Solche Gleichgewicht-störmigen des elektromagnetischen ÄetherS, die sich wellenförmig ausbreiten, stellt jeder elektrische Funke dar, ein in der Nähe befindliches Läutewerk z. B. genügt schon, einen enipfindlichen Cohärer zum Ansprechen zu bringen. Föny hat mm den Cohärer mit einem Schreibapparat in der Weise verbunden, daß beim Schließen des Stromes auch der Schreiber in Thätigkeit tritt, dann aber auch der Cohärer wieder erschüttert wird, so daß die Metallspänchen durcheinander fallen, wodurch die Leitung des Stronies wieder unterbrochen wird. Natürlich muß darauf geachtet werden, daß keine elektrischen Anlagen irgendwelcher Art in der Nähe sind, weil diese sonst den Cohärer zum Ansprechen bringen würden. Die durch Blitze verursachten Aethersiörungen werden von einer.Anffangestange zu dem Cohärer geleitel, der dann auf sie anspricht. Der Apparat hat sich vorzüglich bewährt, so daß man Resultate erhielt, die man sonst nur durch mehrjährige Beobachtung oder ein sehr ausgedehntes Be» obachtungsnetz erhält. Entgegen der allgemeinen Annahme, daß Nachtgewitter häusiger seien als Taggewitter, giebt auch dieser Registrator an, daß in den Mittagstunden zehnmal so viel Gewitter vorkommen, als während der ganzen Nacht.— Humoristisches. — Kleine Hände. Gast(entrüstet zum Kellner):„Na, hören Sie einmal, die Semmeln sind aber schon verdammt klein!" Kellner(achselzuckend):»Bedaure unendlich, die Semmeln hat jedenfalls ein Lehrbub' gemacht!"— — Individueller Stoßseufzer.»Herr Fettle, es sind Drillinge." Metzgermeister:„Himmel, giebt der Storch aber Zu- Wang'!"— — Ausweg. Sie:„Eduard, unsres Jungen Bett ist zu kurz geworden, wollen wir ihm nicht ein neues kaufen?" E r:.'s sind schlechte Zeiten... lassen wir ihm doch lieber die Haare schneiden."(.Jugend".) Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 17. August. Verantwortlicher Redactenr: JuliuS Kaliski in Berlin. Druck und Verla» von ivtax Badin» in Berlin