Mnterhallungsblatt des Worwärls Nr. 161. Mittwoch, den 2a August. 1902 Machdruck verboten.» 8i] Dev Msnksnrnnn. Roman von Hall C a i n e. Autorisierte Ucbersetzung. „O, daß sie wirklich im Grabe läge," nuirmelte Käthe und bedeckte sich das Gesicht mit den Händen. „Sie ist tot und begraben und hat dies Haus für immer verlassen," sagte Pete. Es war nicht seine Absicht, sie zn verstoßen, doch brachte er im ersten krampfhaften Schmerz mir einzelne unbestimmte Worte hervor, die sie irrigerweise als Befehl auffaßte, daß sie gehen sollte. Es entstand eine augenblickliche Stille; dann nahm sie die Hände vom Gesicht und sagte:„Ich verstehe Dich— ja, ich will fort. Ich hätte gar nicht zurückkommen sollen— ich weiß es. Doch nun will ich gehen. Ich werde Dich nicht mehr beunruhigen. Ich komme nie wieder." Sie küßte das Kind leidenschaftlich. Es rieb sich das kleine Gesicht mit dem Rücken des Händchens, aber es wachte nicht auf. Sie zog sich die Kapuze über den Kopf und den Schleier vors Gesicht, richtete sich mühsam auf, stand einen Augenblick da und sah sich um. stieß dann einen schwachen, schmerzlichen Schrei aus und glitt zur Thür hinaus. Als sie sort war, taumelte Pete, ohne ein Wort zu sprechen oder einen Laut von sich zu geben, in einen Stuhl vor dem Feuer, legte die eine Hand auf die Wiege und fing an. sie zu schaukeln. Nach einer Weile blickte er sich um, wie jemand, der aus der Bewußtlosigkeit erwacht. Die Seele hat nur für eine einzige große Erregung auf einmal Raum; er hatte sich zunächst gesagt:„Sie lebt! Sie ist hier!" Die Luft im Hause erschien ihm durch ihre Gegen- wart mild und still. Er sprang jetzt empor.„Käthe!" rief er so leise, Grls wäre sie ganz in der Nähe und kaum erst über die Schwelle getreten. „Käthe I" wiederholte er lauter. Dann ging er in die Vorhalle hinaus und wankte den Gartenpfad entlang, immer wieder mit grenzenloser Aufregung „Käthe, Käthe!" rufend. Ader Käthe hörte ihn nicht. Eben wollte er das Thor ausstoßen, als er einen dumpfen Sckmerz im Kopf fühlte und ein heiseres Acchzen sich seiner Kehle entrang. „Es ist besser, wenn sie tot ist," dachte er und schwankte wie ein Betrunkener ins Haus zurück. Der Kamin sah schwarz ans, als ob das Feuer aus- gegangen wäre. Er setzte sich in der Dunkelheit nieder, hielt sich den Mund zu und biß die Zähne aufeinander, weil er nicht laut aufschreien wollte. VIII. Der Deemster sprach jetzt in dem nur noch schwach erleuchteten Gerichtshof das Urteil aus. „Gefangener," sagte er,„Sie sind von einer aus Ihren Landsleuten gebildeten Jury des abscheulichsten Betrugs schuldig befunden worden. Sie haben die Unwissenden hinter- gangen, die Unvorsichtigen getäuscht, die Einfältigen belogen Und die Armen beraubt. Sie haben Ihr Leben auf Lug und Trug gegründet, und das bringt nun in Ihren alten Tagen Verderben über Sie. In roheren Zeiten als die unsren wäre Ihr Vergehen anders betrachtet worden: nian hätte es Zauberei genannt statt Betrug, und Ihre Strafe würde der Tod gewesen sein. Das Urteil des Gerichtshofes geht dahin, daß Tie auf ein Jahr als Gefangener nach Schloß Rushen gebracht werden" Der schwarze Tom hatte während dem Urteilsspruch des Dcemstcrs kläglich dagestanden, den kahlen Kops gebeugt und sich mit dem Aermel die Augen gewischt. Als er aus dem Gerichtssaal entfernt werden sollte, lehrte jedoch sein dünkcl- Haftes Selbstbewußtsein zurück. „Sie haben recht, Deemster," rief er:„Die Zauberei gilt jetzt nichts. Religion ist die einzige Spitzbüberei, die heutzu- tage frei ausgeht. Ihr Freund Cäsar war klug. Ich bezeuge ihm meinen Respekt, Deemster, und mögen sie selbst immer nach Ihren Worten leben." „Wenn mein Fleiß und meine Unbescholtcnhcit"— erhob sich eine feierliche Stimme an der Thür~«und was sagt die Schrift?— ,So aber jemand die Seinen, sonderlich seine Hausgenossen nicht versorget, der ist ärger denn ein Heide I' Aber der Herr ist mein Schild.— Warum sollte ich mich ver- leidigen?.Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch', sagt der Psalmist." „Der Psalmist hat ganz recht, Cäsar," schrie ihm der schwarze Dom zu, der gerade von zwei Konstablern abgeführt wurde. Während der Unruhe, die nach dem lärmenden Abgang des schwarzen Tom entstand, hörte man den Sekretär des Gerichtshofes mit dem Deemster sprechen. Es war gerade ein neuer Rcchtsfall angemeldet worden— versuchter Selbst- mord— eine Frau, die versucht hatte, sich in den Hafen zu stürzen, aber daran verhindert worden war.„Wollen Euer Gnaden die Sache gleich vornehmen oder bis zur Bürgermeistersitzung vertagen?" „Wir wollen sie gleich erledigen," sagte der Deemster. «Wir können die arme Person dann rasch wieder entlassen." Die Frau wurde hereingeführt. Sie sah mehr wie ein Haufen halb durchnäßter Kleider aus als wie ein menschliches Geschöpf. Der Mantel, der sie vom Kopf bis zu den Füßen bedeckte, war schwarz von dem Wasser, das er eingesogen hatte. Auch ihre Haut schien schwarz zu sein, denn der Schleier, den sie trug, war durchnäßt und klebte fest an ihrem Gesicht. Einige der im Gerichtshof versammelten Leute er- kannten ihre Gestalt selbst bei dem unsicheren Kerzenlicht. Sie hatten die Frau während der Pause in der Gerichtsverhandlung in die Stadt kommen sehen. Von den Konstablern unterstützt, halb hineingeschoben, trat sie in die Anklagebank. Hier klammerte sie sich an die Schranken vor ihr, als fürchte sie umzufallen. Sie war ganz in sich zusammengesunken und schien vor Angst ver- gehen zu wollen in ihrer Schmach und Schande. „Die Frau hätte in diesem Zustand nicht hierher gebracht werden sollen; nun aber rasch, rasch", sagte der Deemster. Die Zeugenaussage war kurz. Einer der auf dem Markt- platze dienstthuenden Konstabler hatte vom Hafen her einen gellenden Schrei gehört. Als er den Quai erreichte, sah er, wie der Hafenmeister eine Frau die Quaitreppe herauftrug. Herr Ouarry, der vom Bureau kam, hatte eine Frau vorbei- laufen sehen wie der Wind und gleich darauf den Schrei gehört. Er war an die zweite Treppe gelaufen, wo es ihm gelang, die Frau,»velche sich ertränken wollte, mit einem Bootshaken zu ergreifen und trotz ihres Sträubens ans Land zu ziehen. Der Deemster sah die Gefangene aufmerksam an.«Weiß man etwas Näheres über sie?" fragte er. Der Sekretär antwortete, daß sie eine Fremde zu sein scheine und jede Auskunft verweigert hätte. Jetzt trat der Polizeisergeant an die Schranken. Mit wichtiger Miene legte der kleine, dicke Mann der Frau verschiedene Fragen vor. Welches ihr Name sei? Keine Antwort. Was sie in Ramsch zu thun habe? Immer noch keine Antwort. „Euer Gnaden," sagte der Sergeant,„zweifellos ist sie eins der verlorenen Geschöpfe, die während der Sommer- zeit auf unsrc Insel konnncn. Die ärmsten von ihnen sind oft nicht im stände, wieder fort zu gehen, wenn die Saison vorüber ist. und treiben sich dann bei uns herum als eine Last und Pest für jeden Ort, in den sie ihren Fuß setzen." Er wandte sich nun zu der Gestalt zurück, die zusammen- gekauert auf der Anklagebank saß.„Weib," fragte er sie, „bist Du eine Gasscudirne?" Die Frau stieß einen jammervollen Schrei aus, schlug den nassen Schleier zurück und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. „Gehen Sie sofort auf Ihren Platz, Mr. Gawne," sagte der Deemster heftig, und ein zustimmendes Gemurmel erhob sich unter den Anwesenden.„Wir wollen die Frau nicht länger als nötig zurückhalten." Er erhob sich, lehnte sich mit gefalteten Händen über das vordere Gitter, sah auf das Weib nieder und sagte mit so leiser Stimme, daß es ohne die Grabesstille, die im Gc- richtssaal herrschte, ihr Ohr kaum erreicht haben würde: „Anne Frau, wissen Sie niemand, der für Sie einstehen könnte Vi /-' Die Gefangene bückte den Kopf noch tiefer und brach in Thränen aus. „Wenn eine Frau so unglücklich ist, daß sie sich das Leben nehmen will, so trägt leider manchmal ein andrer die Mitschuld an den Verhältnissen, die sie zu dem Verbrechen verleiten." Die Stimme des Deemster war sanft wie eine Lieb- kosung. „Verhält sich das in Ihrem Falle auch so, dann müssen wir erfahren, wer es ist. Nach Recht und Billigkeit sollte er als Angeklagter neben Ihnen stehen. Ist hier nicht jemand zugegen, der Sie kennt?" Die Gefangene weinte jetzt niitleiderregcnd. „Beruhigen Sie sich, es soll niemand ein Leid geschehen. Es liegt ja in der Natur des Weibes, daß. wenn es noch so unglücklich und tief gesunken ist, es den geliebten Feind doch schützen möchte. Darin zeigen sich selbst die schwächsten Frauen oft tapfer, und alle guten Menschen ehren diesen Trieb Das Gesetz aber muß seine Pflicht erfüllen und in diesem Falle übt es zugleich Erbarnicu." Die Frau stöhnte hörbar. „Fürchten Sie nichts, armes Weib. Keiner soll Ihnen schaden. Fassen Sie Mut und blicke» Sie um sich. Ist jemand hier in der Versammlung, der Sie vertreten kann und uns sage», wie Sie dazu gekommen sind, hier an diesem Platz zu stehen?" Die Frau ließ die Hände sinken; sie erhob den Kops und sah den Deemster an. Auge in Auge, von Angesicht zu Angesicht. „Ja." sagte sie.„einer ist hier." Des Dccmsters Antlitz wurde blaß, seine Augen funkelten unheimlich, sein Blick schweifte umher, er biß sich auf die Lippen, daß sie bluteten „Führt sie ins Gewahrsam zurück." murmelte er.„Sorgt. daß sie gut behandelt wird." Eine große Bewegung griff Platz. Als die Gefangene fortgeführt wurde, hatte jedermann sie erkannt, wie sehr sie auch verändert war durch Scham und Entbehrung.„Peter Ouilliams Weib I"—„Cäsar Cregcens Tochter!"—„Ist der Mann nicht selbst da?"—„Also ist's doch wahr, was man sagt! sie ist gar nicht tot. sondern viel was Schlimmeres." „Herr des Himmels!"—„Welche Aufregung für den Deemster I" Nachdem Käthe fort war, hätte der Gerichtshof sofort vertagt werden sollen, der Deemster blieb jedoch auf seinem Platz sitzen. Er sah alles wie durch einen Nebel; es flimmerte ihm vor den Augen. Seine Mienen waren wild und zaghast zugleich. Alle Glieder schmerzten ihn und schienen zu un- geheurer Größe anzuschwellen. Ihm war. als ob sich eine schwere, unsichtbare Hand ihm auf den Scheitel gelegt hätte. Da begegnete er dem Blick des Sekretärs und stand mit einer Entschuldigung auf. hielt sich am Geländer fest und ver- suchte mit Anstrengung vom Sitze niederzusteigen. Im nächsten Augenblick war ihm sein Diener. Jem-y-Lord, zur Seite, er machte jedoch eine ungeduldige Bewegung und lehnte jede Hilfe ab. Drei Stufen mit einem Seitengeländer führten in den Gerichtssaal hinab. Als er an die Stufen kam, strauchelte er. stieß ein paar wirre Worte hervor und fiel nach vorn mit dem Gesicht aus den Boden. Die ganze Versammlung war aufgesprungen, alles drängte dem Ort des Unfalls zu. „Zurück I Er ist nur ohnmächtig geworden I" schrie Jem-Y- Lord. „Das ist etwas Schlimmeres." rief der Sergeant. „Schafft ihn zu Bett und schickt sofort nach Doktor Mylechreest." „Wohin sollen wir ihn tragen?" fragte einer. „Man hält eine Stube für ihn im Ulmenhaus bereit," sagte ein andrer. „Nein, nicht dorthin." erklärte Jem-y-Lord. „Es ist am nächsten, und keine Zeit zu verlieren," be- stimmte der Sergeant. Man hob Philipp aus und schaffte ihn, wie er war. in Perücke und Deemster-Talar, seiner Amtstracht, nach Petes Hause. IX. Es gtebt geistige Erscheinungen, die, gleich Erdstößen unter einem Kerker, Schloß und Riegel sprengen, so daß die Gefangenen entfliehen. Nach einiger Zeit bemerkte Pete, daß er im Finster» saß; er stand auf. um Licht jju�machen und suchte nach Leuchter nnd Zündhölzchen. Vom Tisch giisg er zum Gefchirrschrank, vom Geschirrschrank zuin Tisch und dann wieder bom Tisch zum Geschirrschrank, immer dasselbe wiederholend, ohne gewahr zu werden, daß er sich im Kreise bewegte. Als endlich das Licht angezündet war. nahm er es in die Hand und ging wie ein Nachtwandler nach dem Besuchszimmer. Er setzte es auf den Kaminsims und sank auf einen Stuhl. Vor seinen umflorten Blicken bewegten sich wirre Gedanken durch einander.„Ach, mein Arbeitszeug." dachte er und hob den Schlegel und zwei Meißel auf. Er saß mit diesen in den Händen da. als sein Blick auf den andern Leuchter fiel, in welchem das Sicht niedergebrannt war.„Ich wollte doch ein Licht anzünden," dachte er. stand auf und trug den leeren Leuchter in die Halle. Als er nun mit einem angezündeten Lichte zurückkam, bemerkte er, daß zwei Lichter brannten.„Ich werde noch ganz dunmi," dachte er und blies das erste aus. Im nächsten Augenblick hatte er es aber schon wieder ver« gessen, und als er das zweite Licht noch brennen sah, blies er auch dieses aus. So betäubt waren seine Sinne, daß er nicht einnial merkte, was er gethan hatte. Seine Augen sahen überal. Gegenstände, die zu furchtbarer Größe an- wuchsen und ihm drohten. Seine Ohren hörten allerlei Ge- räusche, die den schrecklichsten Lärm und Aufruhr in seinem Kopfe verursachten. Die Stäbe war nicht ganz finster. Zuweilen fiel ein Streifen trüben Mondlichts herein und verschwand wieder. Der Mond segelte an dem wetterschweren Himmel dahin, bald die Wolken durchbrechend, bald von ihnen verhüllt. Pete kehrte zu seinem Stuhl zurück! er selbst saß im Lichte, aber der»amenlose Stein lehnte im Schatten an der Wand. Er nahm Schlegel und Meißel wieder auf, in der Absicht, zu arbeiten.„Still!" sagte er. als er begann. Das Getöse in seinem Kopf war so groß, daß er dachte, jemand im Hause mache Lärni. Diese Arbeit war ihm heilig, er verrichtete sie stets in tiefer Stille. „Tipp-tapp, tipp-tapp I" Wie lange er so fortgearbeitet hatte, wußte er nicht. Es giebt Augenblicke, in denen alle Zeitrechnung aufhört. Bei den unsicheren, unregelmäßigen Schlägen gab der Stein plötzlich einen Ton von sich, der wie heiseres Stöhnen klang. Ein Riß, gleich einem zackigen Blitz- strahl, klaffte mitten hindurch und die Hälften fielen zu beiden Seiten aus den Boden herab. Pete erinnerte sich jetzt, daß er den Stein nicht niehr brauchte.„Es thut ja nichts," dachte er. Es war jetzt überhaupt alles gleichgültig. Mit dem Schlegel in der herabhängenden Hand blieb er im ungewissen Mondlicht sitzen; ihm war, als sei alles in der Welt zertrümmert und zersplittert. Seine beiden Abgötter waren mit einem Schlage vernichtet worden— sein Weib und sein Frennd. Die goldenen Fäden, die ihn ans Leben gebunden hielten, waren zerrissen. Als die Armut gekommen war. hatte er sie ohne Murren auf sich genommen: als der Tod zu nahen schien, hatte er ihni tapfer stand gehalten. Doch des Weibes, des Freundes beraubt, von denen getäuscht und betrogen, die er geliebt und angebetet hatte, fühlte er. daß er verloren und zu Grunde gerichtet war— eine grenzenlose Verzweiflung bemächtigte sich seiner. Auf einmal ertönte, ein kläglicher Schrei aus der Wiege, und mitten in seiner Verzweiflung ging Pete wie betäubt hinaus, um das Kind zu wiegen, Das Feuer, das nur un- merklich und unterdrückt gebrannt hatte, leuchtete jetzt in hellen Flammen auf. und das Kind sah mit Philipps Augen zu ihm auf. Das schnitt ihm durchs Herz wie ein Messer. Er war ja noch verlassener, als er geglaubt hatte.„Bisch, bisch, mein Kindchen, bisch!" lallte er. ohne sich etwas dabei zu denken. Sein Kindchen? Er hatte ja keins. Auch dieser Trost war dahin. Wut und Entrüstuug halfen ihm, daß er nicht von Sinnen kam. Um nicht in Zorn zu geraten, hätte er kein Mensch sein müssen. Er dachte daran, was das Kind ihm gewesen war— damals, als es zur Welt kam. und dann wieder, als er glaubte, daß seine Mutter gestorben wäre: was es ihr gewesen, als es vom Tode bedroht wurde, und was es ihm war, seit der Tod es verschont hatte. Fleisch seines Fleisches. Blut feines Blutes. Mark seines Marks, Herz seines Herzens. Nicht nur sein, sondern ein Stück von ihm selbst. Und das alles nur ein Spott, ein Wahn— nichts als Lug und Trug I Sic hatte es ihm vorgegaukelt. O. sie wußte ihr Geheimnis wohl zu wahren. Sie hatte geglaubt ihrer Sache ganz sicher zu sein. Das Kind selbst aber war zum Verräter geworden. Die Züge des Kindes hatten das Ge- heimnis verraten. lFortsetzung folgt.) tNaSdruck»erbot«».» Vers kloine Gonk. Bon S. Falkland. Autorisierte Uebersetznng von R. Rüben. Trei kleine Mädchen und ein kleiner Junge saßen zusainmen im hochaitsgeschossenen Grase. Aiinettcheii, des verlvitwetcn Krämers kleine Tochter, hatte nur ein Aermchen, das andre war nur ein ab- gerui>deter Stumpf. Eifrig spähte sie auf dem Felde nach frisch erblühten Hunds- blumien a»S, pflückte sie mit dem linle» Händchen und hielt sie dann mit dem Armstumpf fest au die Brust gedrückt. .Ich habe wieder eine ganze Menge," sagte sie zuriickkebrend. „Wirf sie zu den andren hier in meinem Schoß," sagte Christine, die älteste, ein Wildfang von sechs Jahren mit langen, schön ge- wellten, blonden Haaren, in denen sie seit einigen Tagen eine» Kamm trug, auf den sie nicht wenig stolz war. Nun hatte sie ihre liebe Last damit, den Kamm durch die vollen Locke» zu schieben. Die schmutzigen Fingerchen in schnellster Bc- wegung. das Gesicht erhitzt unter dem verschossenen Strohhut, die Bernchen ausgespreizt, init dicken, zwischen den Grashalmen ivciß hervor- lugenden Ho'lzschuhe» daran, beugte sie sich über die vielen VlUmc», die in ihrem Schöße lagen; kleine Hnndsblnmcn und ganz ge- wältig große Hundsblumen, alle aber von derselben grcllgclbcn Farbe. Andächtig spalteten ihre kleinen Nägel die Stiele der Blumen und reihten eifrigst Köpfchen an Köpfchen. So machte sie das nun mal. So müßte man das mache», sagte sie, und so nur bekäme man einen prachtvollen Kranz. Die kleine Trine, die neben ihr saß und noch ein halbes Jahr jünger>vnr, ein Kind mit schwarzen Angen und kurzem, schwarzem Kraushaar, probierte es anders. Ihre mageren Finger hielten die Stiele fest znsainmen und umwanden sie geschickt»rit langen Gras- fasern. Die Beinchen gekreuzt, nach demselben Blnmenhaufe» greifend, arbeitete sie fleißig darauf los, während Jan rauchte. Ja» ivar des KartoffclhändlerS Baams kleiner Sohn. Seine Knie hatte er hoch hernnfgezogcn. daß fast sein Kinn den Leib berührte. seine Füße mit den gestopften groben lila Strümpfen steckten in viel z» großen Holzschuhc»; so rauchte er. Jawohl, er rauchte. Auf dem Wege, den sie ins Feld gegangen waren, hatte ein Herr seine Cigarre Iveggeivorfcn, beinahe noch eine halbe Cigarre. VnlerS Cigarrenendchen schmökte der Bengel schon lange; o je, einmal Sonntags hatte er schon eine ganze bekommen. Aber die zogen alle schlecht. Das Endchcn aber, das der Herr lvcg- geworfen hatte, war ein feines Endchc», das noch brannte. Ekel brauchte man gar nicht davor zu haben, wen» man nur das Deck- blatt abmachte. O, so I Jan rauchte nnl dicke» Zügen. Vorsichtig hielt er das Endchc» fest zwischen den Fingern und blies mit voller Kraft den Ranch weg, und dann noch einmal, und dann noch einmal, bis der Mund ganz leer war. Denn er wollte keinen Ranch verschlucken; davon wird man leicht elend. „Du wirst nicht fertig damit", sagte Trine nach einer Pause zu Christine,„das wird kein Kranz." Christine zog spöttisch die Schultern hoch, sah sie vernichtend an und sagte nur:„Hör' mal, die Kleine I" „Ihr müßt Euch eilen," sagte Jan, indem er wie ein großer Mann auf den Boden spuckte,«um eis Uhr wird sie begraben". «Das ist nicht wahr," sagte Christine,„um zwölf I" «Um zlvvls?" fragte er,„das ist nicht ivahr!" „So? Mein Vater trägt selbst mit." Eilig schafften die Finger an de» Hnndsblmncn. Annettchen lies mit den kleinen Beinchcn übers Feld, eine Ladung frisch gepflückter Blumen hinter den Stnnipf ihres Armes geklemmt. «Nu» hör' mal auf," befahl Trine,«wir habe» nun genug!" «Soll ich denn mit helfen?" fragte Annettchen niederhockend. „Nein," sagte Christine, etivas verächtlich nach dem mißgestalteten Aermchen,„das lannst Du nicht!" Inn rauchte, heftig in die Luft atmend, Christine und Trine flochten Kränze. Schars ab von dem im Sonnenlicht leuchtenden, grün blühenden Feld, das sich bis an den Deich des nahen Flusses ausdehnte, hoben sich die roten und blaue» Jäckchen und die schönen weiße» Schürzen der Kinder. I» der Ferne schoß mit langtrillerndem Ruf eine Lerche in die ivarme blaue Luft und ein verirrter Frosch machte sich mit wehinütigem Quaken bemerkbar. „Nun," sagte Jan plötzlich, und seine Stimme zitterte durch die auf dem Felde herrschende Ruhe,„ich möchte wohl ivissen, ob sie da nicht wieder heraus kann?" „Wo heraus?" fragte Christine, indem sie eine» Stengel spaltete. «Nun, aus dem Sarge."... „Wie soll sie da Ivohl tvieder herauskönnen, dummer Junge, wenn der fest zugenagelt ist?" „So," sagte er, ein Rauchwölkchen wegstoßend,„ich will man sehen, ob ich da nicht wieder herauskäme, wenn ich wollte!" Dabei preßte er die Lippen entschlossen zusammen, als ob er ganz genau wüßte, wie er wieder herauskäme; das Cigarrenendchen hielt er fest mit den Fingern umspannt. »Und wenn Du tot bist," sagte Trine,„wenn Du tot bist, dann bist Du tot; und wenn Du tot bist, kannst Du auch nicht mehr den Deckel aufmachen!" „Soo, das will ich erst mal sehen," sagte Jan, langsam ziehend und ivieder mächtig ausblasend. «Wenn sie dann Deinen Arm hochhalten und lassen ihn wieder los, dann fällt es plumps zurück. Der Feldscher hat Koosie fest an der Zunge gezogen, und da hat sie nicht mal mehr„An" gesagt. Nein, hvr' mal. wenn Du tot bist, kannst Du Dich gar nicht mehr rühren, kein bißche» mehr!" „Liegt sie denn nun in einein kleinen Sarg?" fragte Anettchen, vor sich hinstarrend und noch nicht begreifend, was eigentlich passiert sei. ,,Ja". sagte Christine, schnell die Stengel festmachend,„und dann lassen sie den Sarg ins Grab sinken, gerade ivie damals auch, als Frau Visch begraben wurde, und dann ist es vorbei!" „Mein Kranz ist fertig", sagte Trine, indem sie aufsprang und das Grüne von der Schürze abschüttelte. „Warte nur einen Augenblick noch, meiner auch gleich," sagte Christine,„nur die eine Blume noch." Schweigend sahen die Kinder zu. Woltcnschattcn zogen übers Feld. Ein Wölkchen flimmerte qualmartig vor der Sonne her. „Wenn ich ins Wasser falle," fing Jan ivieder an und hustete, iveil ilnn der Dampf in die Kehle gekömnien war,«dann schwimm' ich einfach." „Das mußt Du erst mal können." sagte Trine. „DaS kann ich von selbst," versicherte er.„man schlägt mit den Armen und mit den Beinen, und dann schwimmt man." „Ilud wenn die Kleider naß iverden," sagte Christine,„und das Wasser in die Röcke steigt, danii sinkt man von selbst." „Daun müßt Ihr auch alle einfach Hosen tragen, was thut Ihr auch mit soviel Zeugs?" „Ich möchte keine Hosen tragen," sagte Trine,„o du liebe Zeit, Mädchen in Hosen I" „Und ich möchte keine Röcke anhaben," spottete Jan,„was frage ich nach'nein Rock, so'» flatteriges Ding um die Beine!" „So, soo?" sprach Christine wieder,„der sitzt wann. Und iveil Du Hosen trägst, hast Du auch so häßliche, spindeldürre Beine. Ja, die hast Du. scheußlich I" lind ei» höhnisches Lachen von Christine und Trine klang übers Feld. Jan rauchte und gab keine Autivort. Die Cigarre war ihm zu schwer; ihm wurde etwas schwindlig davon. Nun eilten sie glücklich mit ihren fertigen gelben Kränzen' übers Feld, Kränzlein wie'ne Hanh groß. Trines war am besten gebunden. Quer übers Feld liefen sie und dann hinter den Häusern her auf den Weg, der zum Kirchhof führte, der still und versteckt im Grünen lag. Dumpf vom dicken Sandboden klangen die Holzschuhe wieder; aber vom Gitter an, wo gepflastert ivar, schallten sie laut zurück von den Steinen, Ilcp, klep, klep. klep, vier Paar Kiuderholzschnhe. Von den weicheren Pfaden des Friedhofs bis zu der Stelle, wo das kleine Grab gegraben war, machten sie dann weniger Geräusch. Jan, Annettchen an der gesunden Hand führend, hinter Christffre und Trine, die scheu und schweigend voran liefen, etwas ängstlich vor den vielen Steinen und Kränzen. „Hn!" erschrak Trine vor einer Katze, die sich da gesonnt hatte und vor ihnen über den Weg schoß. „Da ist es", sagte Christine. Im Gras war eine aufgewühltc Stelle. Tiefschwarz gähnte die Gruft für die Kindeslciche. Die Traghölzer mit den Tauen lagen darüber. „Kommt Koosie da hinein?" fragte Trine, bang um sich blickend. „Ja", erklärte Christine,„und an den Tauen tvird der Sarg herunter gelassen." „Das geht nicht", stritt Jan, dem. trotzdem er den Cigarren- stnmmel nicht weggeworfen hatte, noch etivas beklommen war,„daS ist nicht tief genug, da kann der Sarg nicht drin stehen!" „Da soll er auch drin liegen, Dummerjan", sagte Christine böse,„nichts begreift der Junge, und wenn der Sarg drin ist, dann wird die Erde wieder draufgelhan I" „Müssen wir warten bis sie kommen?" fragte Trine, die gern wieder weg ivollte. „Ach nein," sagte Christine,„sie kommen erst in einer Stunde, und dann mag ich auch nicht dabei sein. Wir wollen unsre Kränze hier auf ein Stöckchen hängen, nicht?" Die kleinen Finger steckten ein Stöckchen in den Erdhaufen, der ans dem kleinen Grabe geschaufelt Ivorden war, und befestigten vor- sichtig die beide» Kränzchen aus Hundsblnme» daran. Nun wollte Jan noch wissen, wie tief wohl eigentlich die Grufl sei, aber Christine wollte davon nichts hören. Wenn das der lange Totengräber sähe, käme er hinterher. „Nun, kommt man mit, nun haben wir Koosie auch etwas gegeben!" Und die Holzschuhe klapperten wieder über die gelben Ziegel. So harrte das Grab mit den sanft vom Winde hin und het bewegten Kränzchen der Leiche der kleine» ertrunkenen Freundin, die um zivölf Uhr begraben iverden sollte. Kleines Feuilleton. dg. Die Anfwiirterin. Zehn Minuten vor zwölf I Ja, wahr- haftig! Mit einem Ausdruck des Schreckens mah sie die kleine Wecker- »Hr. Hastig stellte sie den Lkorb auf einen Stuhl, hing die dünne Pelerine an einen Nagel und lief nach der Küche. � Das Feuer war richtig am Erlöschen, das Fleisch zäh wie Leder. Es hatte sillon lange nicht mehr gekocht. Sie stocherte die Glut auf und warf eine Schippe Coaks an. dann rückte sie auch die Kartoffeln nach vorn, nahm Schrubber und Besen und kehrte in die Stube zurück. Das Zimmer sah noch wüst aus, gerade als wären die Insassen eben erst aufgestanden. Mit ciucm Seufzer überschaute sie den Wirrtvarr. Wo nun anfangen? Ei» paar fieberrote Flecken malten sich auf ihren Backen.'Sie eilte nach den Betten und legte sie zurccht, stellte dann die Tassen zusammen und hing noch im Vorbeigehen ein paar Sa-ben ins Spind. Blitteu in ihre Arbeit hinein schlug es Zwölf. Alle Dampspfeifcn in den umliegenden Fabriken begannen zu heulen. Sie fuhr zusammen, der Besen fiel ihr fast aus den Händen. Richtig Zwölf. Und noch nichts gemacht, und in ein paar Minuten kamen sie. Sie kamen auch sehr pünktlich. Zuerst die Kinder, ein Junge und ein Mädel, der Vater gleich hinterher. Die Kinder brachten Lärm und Leben mit. Sie schleuderten die Schulbücher in die Ecke, natürlich in eine, die schon aufgeräumt war. Sie wollten auf die Mutter zu und sie zum Willkomm küssen. Deu Knsz bekamen sie, aber die Arbeit blieb auf Minuten liegen. Als der Vater eintrat, schtvamm die Stube im Aufwischwasscr, er blieb auf der Schwelle stehen und zog die Stirne kraus, sie kam ihm aber zuvor, noch che ein Scheltivort laut werden konnte:„Ich bin erst um halb Zwölf wechjetommen." „Wieder mal?"' „Ja wieder mal." Er ließ ei» Brummen hören; es galt aber offenbar diesmal nicht ihr. Er sehte sich auf das Sofa und stemmte die Arme auf den Tisch: „Nu aber essen,'n Hunger Hab ich I" „Gleich, gleich!" Sie fuhr noch einmal mit dem Schrubber über die Diele und begab sich dann nach der Küche. Ein Weilchen klapperte sie mit den Tellern, aber nicht lange, und dann kam sie ,»ir der Suppenschüssel herein. Die Kinder jauchzte» auf, hungrig fielen sie über die Suppe. Der Mann machte sich über das Fleisch, verzog aber schon nach dem ersten Biffen den Mund. Mit einer zornigen Bctvegung schleuderte er das Stück auf de» Teller:„Was ist denn das?''»' Stücke Lederl Für'» or'iitlicheS Essen kannste sorge»! So'n Frasi!" „Kann ich? Jawohl 1 Kann ich. Wenn ich erst knapp vor zwölfe auS der Stelle komme." Ihre Stimme klang hohnvoll, ihre Lippen zitterten, es tvar, als unterdrücke sie ein Weinen. Die beiden Kinder sahen angstvoll auf; sie hatten ihre Teller schon leer. Der Vater fuhr sie wütend an:„Was kuckt Jhr'n? Macht, daß Ihr in de Küche kommt, marsch!' Und als sie»och zögerten, noch einmal:„Marsch marsch I" Da liefen sie heftig davon. Zwischen den Eltern herrschte unheilvolles Schweige», der Mann löffelte seine Suppe mit finsterem Gesicht. Die Frau rührte ihren Teller nicht an. Sic schluchzte in sich hinein:„Nun schimpfste ooch noch, ich kann mir doch»ich zerreisien! Und wenn se mir vor halb zwölfe uich wechlägt— und immer Hecht et. nu hol'n Se man dis noch, und nn machen Se man noch dctt, und statt um halb eise kommt man erst'ne Stnnde später wcch." „Last Dir'S doch nich jcfalleu." Er war schon etwas milder gestimmt. „Jawoll, last Dir's»ich jefallen, und dann?"� Er antwortete nicht, und sie schob einen Löffel Suppe in den Mund und wischte init der andren Hand die Thräncn aus den Augen:„Die nenn Mark kommen uns doch recht zu past. Wenn ick se nu nich hätte, denn fehlt's an de Miete." „Na ja"— er tvustte offenbar nicht recht was zu sagen; er war aber schon völlig überwältigt; er»ahm sogar das verschmähte Fleisch, schnitt es in kleine Stücke und ah es. Sie fuhr fort, sich zu ver- tcidigcn:„Heut' Hab' ich mir so ranjehalten, um viertel Elfe war ich schon fertig; und denn kommt de Jnädge, ich soll»och'n Brief weg- tragen; konnte ich nee sagen?" Er antwortete wieder nicht, und so sprach sie weiter:„Und wie ich den» wiedcrkonnn', soll ich noch zum Schlächter, Iveil Besuch da s. und denn kommt noch's Fräulein, ick soll ihr de Schleppe aus- bürschten. Natürlich hat se ne Schleppe und so'n Dreck drin." „Last se sich's alleene ausbürschten." Er ballte die Hand. „Ja last se man," sie lachte hart auf.„Ick Hab' ihr ooch jesagt, ick habe keenc Zeit»ich mehr, und bis halb eise wär nur auSjemacht, und mein Man» kam' nach Haus und ivollt' sein Essen. Dumm je- kommen is se mir. so'ne Jöhre!" Sie hatte sich jetzt selbst in Aerger geredet, zornig warf sie den Löffel aus den Tisch, dast er klirrte: .Jawoll, so'ne Jöhre, knapp sechzehn und will mir dumm kommen! Ick soll mir man nich aufspielen, hat se gesagt, und dann wär' ich 'ne Aufivärterin und dürfte nich knapsen mit de Zeit, und wenn Ivir 'ne Viertelstunde später essen, schadt's ooch nischt. Als ob Du nich lvech mustt, und alles so von oben runter, son ne Jöhre!" „Nu last doch man, last doch man." Er versuchte zu begütigen. Sie liest sich aber nicht zureden. Die Empörung, die sie den' ganzen Lorniittag in sich hineingefressen, schäumte jetzt über, mit beinahe ingrimmiger Wut stellte sie die Teller zusammen. „Und denn kommt ooch noch die Jnädje und sagt,'es Ivar ja mein freier Wille,„und tvenn mir's auf'ne Stunde' ankäme, dann sollt' ich lieber Prinzessin spielen.,'ne Aufwärter» wär' für de Herrschaft da und nich umgekehrt, und dett man fast»och drum ins Zanken kommt mit sein'» Mann, dett is sone Leute wnrscht." Sie weinte von neuem. „Last doch die janze Gesellschaft loofen." „Und dann?" fragte die Frau zum zweiten Male. Und zum zweiten Male schwieg der Mann. Sie legte den Löffel in die leere Suppenschüssel, sie hatte ihre Fassung ivieder; mit einer stillen Gelassenheit half sie ihm in den Rock.... cc. Heber den Einfluß dcS großstädtische» LcbeuS anf daS Nervensystem der Lehrer giebt eine Ermittlung der Berliner städtischen Schuldcpntanon einigen Aufschlust. Die Zahl der Fälle/ Ivo nervöse Störungen den Anlaß zur Gewährung von Urlaub geben, ist ailsterordcntlich groß. Im Schuljahr 1900/01 erhielten Urlaub von 2711 Lehrern(inkl. Rektoren) 601, von 1107 tvissenschaftliche» Lehrerinnen 501, von Hl Fach- und technischen Lehrerinnen 109. Neurasthenie und Nervosität war bei 75 Lehrern, 77 wissenschaftlichen Lehrerinnen und 15 technischen Lehrerinnen als Krankheitsgriind fest- gestellt worden. Es mußten also wegen nervöser Störungen be- nrlaubt werden von den Lehrern etwa jeder 37., von den Wissenschaft- lichcn Lehrerinnen jede 13., von den Fachlehrerinncn jede 29., im bcsondern von den beurlaubten Lehrern etwa jeder 8., von den Lehrerinnen jede 7.— Humoristisches. — Unverfroren. Professor:„In dem Salat sind ja Schnecken!" Wirt:„Ist Ihnen das als Naturforscher etwas Neues?"— — Starker Tabak. Radler:„Bei meiner Nadtour durch Afrika blendete mich eines Tag? das Sonnenlicht so, dast ich wohl an die zwanzigmal mit dem Kopfe an Bänme gerannt bim" Fremder:„Und Sie sitzen heute noch so unversehrt vor u»S I?" R a d l e r:„Ja,'s waren nämlich alles G u m m i bäume."— — Er kennt sich. Karlchen hat eine Fensterscheibe am Nachbarhanse entzwei geworfen, die der Papa natürlich bezahle» muß. Nachdem dieser seinen Buben gehörig gezüchtigt hat. sagt er: „Nun ivillst Du wohl künftig derartige Streiche unterlassen?!"— „Ja, ja", heult Karlchcn;„aber vielleicht läßt Du Dich in eine Haftpslicht-Bersicherung aufttchmen, Papa?"— l„Meggendorfer Blätter.") Notizen. — Die beiden Haupthandschriften des TaeituS, der LnurcntianuS 68 I und II, deren Originale sich in Florenz be- finden, liegen jetzt in vollständiger Reproduktion vor. Die Nachbildung, die genau die Größe deS Urbildes zeigt, ist anf das sorgfältigste von der Leidener Verlagsanstalt A. W. Sijthoff hergestellt worden. Man photogrnphicrte zunächst Blatt für Blatt, stellte dann in genauester Weise die Lichtdrncktafeln her und druckte dann wieder Blatt für Blatt, wobei man Sorge trug, dast die Border- seile genan auf die Rückseite paßte.— — Emanuel Reicher ist ans zehn Monate für das „Kleine Theater"(Schall und Rauch) verpflichtet worden.— — Hermann B a h r S Lustspiel„Der Herr Hofrat" fand bei seiner Erstanfführnng im alten Leipziger Stadt« t h e a t e r eine geteilte Aufnahme.— — Im Lt ö 1 n e r S t a d t t h e a t e r erlebt, spätestens im No- vember, die Oper„Andreas Hofer" von Emanuel Moür ihre erste Aufführung.— —„Chinesische Flitterwoche n", eine Operette des Londoner Komponisten Dance, geht am 12. Oktober als erste Novität im Central-Theaterln Scene.— — Saint S a ö n s neues Musikdrama„ParhsatiS" hatte bei seiner Erstaufführung in B e z i e r S einen grosten äußeren Erfolg.— — DaS Denkmal der Arbeit. Aus Brüssel wird berichtet: Constantin Meunicr wurde von der Regierung mit der Ans- führung seines Denkmals der Arbeit beauftragt. Das Monument, dessen Projekt der Künstler bis Ende dieses Jahres fertigstellen will, wird in der nach Tervnercii führenden Allee Aufstellung finden, jedoch nicht vor fünf Jahren beendet sein. Die Regierung zahlt an Meunicr 250 000 Frank für daS Denkmal.— — Ein Weltkongreß für Tuberkulose wird 1901 in St. L o n i s, gelegentlich der dortigen Jnternatioiialen Ausstellung, abgehalten werden.— — Auf der diesjährigen Rauch waren messe in N i s ch n y- Nowgorod sind Feh, Zobel und Persianer bis zu 30 Proz. im Preise gegen das Vorjahr gestiegen.— — Das H ö ch st e I Eine neue Berliner Verlagshandlung versendet jetzt gleich drei Waschzettel über ein und dasselbe Buch an die Redaktionen. Die Recensionsexemplare spart sich die Firma.— Verantwortlicher Revacteur: Julius Kaliski in Berlin. Druck und Verlag von fßtat Babing in Berlin.