Hlnterhastungsblatt des vorwärts Nr. 162. Donnerstag, den 21. Angust. 1902 cNaibdrucl verboten.! Dev MnnsrsinKnn. Stoinnn von Hall C a i n e. Autorisierte Uebersetzung. Und Pete sann weiter:„Und doch habe ich sie an der Wiege hier knien und beten sehen.„Gott segne und behüte mein Kind samt seinem Vater und seiner Mutter"—" Warum hatte er sie nicht getötet? Seine Einbildungs- kraft malte ihm ein grausiges Bild vor—— wie er Käthe erwürgte und dann zu dem Decmster ging und sagte:„Latz mich festnehmen: ich Hab' sie ermordet, weil Du sie entehrt hast. Sprich mir das Todesurteil; aber bedenke auch, datz ein Gott lebt und Dich zu ewiger Verdammnis verurteilen wird." Und doch— es war so jammervoll, so herzzcrrcitzcnd! Mit einem raschen Umschwung zur Zärtlichkeit rief er sich Käthe zurück, wie er sie eben gesehen hatte, neben der Wiege kauernd, wie ein gchchtes Wild, das mit flehendem Blick den letzten Verzweiflungsschrei ausstößt. Er erinnerte sich ihres veränderten Gesichtes, das selbst vom Feuer beschienen so blas; ausgesehen hatte, so hager, so abgezehrt— und sein Zorn begann sich gegen Philipp zu kehren. Die Blume, die er stolz gewesen sein würde, offen an der Brust zu tragen, hatte Philipp im Dunkeln vergraben. Fluch über ihn, ja, Fluch über ihn! Sie hatte für diesen Mann alles dahingegcben— Gatten, Kind, Vater. Mutter, Freunde, den guten Namen, ja selbst das Licht des Himmels. Wie mutzte sie ihn geliebt haben! Und doch hatte er sich ihrer geschämt, sie heimlich versteckt ge- halten, ans Furcht, ein Windhauch möchte sie verraten— Fluch— dreimal Fluch über ihn! In seinem heißen, leidenschaftlichen Zorn dachte Pete jetzt auch an sich selbst. Das Gefühl der Eifersucht Ivar tief unter ihm, aber wie alle großen Seelen hatte dieser schlichte Mann einen hohen Begriff von dem Wert der Freundschaft. Zwei Ströme, die in eins zusammenfloffen und den Himmel in ihrem Schotze trugen. Doch Philipp hatte den befreundeten Strom abgelenkt, hatte ihn eingedämmt, um ihn dann bis zum Bodensatz zu entwässern. Er hatte sich in seiner ganzen Blöße gezeigt und die Nacktheit seiner Seele aufgedeckt. Stück für Stück fügte Pete die Ereignisse der letzten Monate an einander. Er gedachte der Nacht, als Käthe verschwunden tvar und er nach Ballure ging, um zu dem noch hellen Fenster hinauf zu rufen:„Ich Hab' sie nach England geschickt," unr um ihren Fehltritt vor ihm zu verbergen. Und er hatte doch alles gewußt— wo sie war(an dem Ort nämlich. wohin er sie geschickt hatte), Ivarum sie fortgegangen sei und datz sie nie wiederkehren würde— o, Fluch über ihn, Fluch über ihn!" Pete rief sich die Briefe ins Gedächtnis zurück— den ersten, den er in Philipps Hand gelegt, den zweiten, den er ihm vorgelesen, den dritten, den Philipp nach seinem Diktat geschrieben hatte. Die kleinen Erdichtungen, um ihren Namen rein zu erhalten, die kleinen Erfindungen, um seine Geschichte glaubbar zu machen, die kleinen Lügen der Liebe, die kleinen Scherze eines brechenden Herzens! Und dann die Botschaften! Die Geschenke fürs Kind! Die Grüße an den Dcemster selbst! Und der Deemster hatte daneben gesessen und alles durchschaut, wie die Sonne durchs Fenster sieht, und sich doch nichts merken lassen, kein Wort zur Auf- klärung gesagt; er hatte sein Spiel getrieben niit dem armen zuckenden Herzen, und seine Brust war dabei kalt geblieben wie Stein. Gottes Fluch soll ihn treffen I Pete erinnerte sich an die Nacht, als Philipp ihm Käthes Tod zu melden kam, und wie er sich an dem Gedanken getröstet hatte, daß er in seiner großen Not nicht ganz allein stände, weil sein Freund bei ihm war. Er dachte an die Reise zum Grabe und an das Grab selbst— das Grab einer andern— und wie er dort am Hügel gekniet und so laut, daß Philipp es hören konilte, gebetet hatte:„Vergieb mir, meine arme Käthe, was ich Böses gedacht habe!" „Wie soll ich ihn umbringen?" dachte Pete. Und er war obendrein noch Deemster I Erster Deemster auch jetzt und hoch in Ehren gehalten! Seiner Gerechtigkeit wegen verehrt! Geliebt um seiner Barmherzigkeit willen l Es giebt so überwältigende Leidenschaften, daß sie den Menschen der Sprache berauben, und er zum Tier herabsinkt. Mit einem wilden Aufschrei stürzte Pete in das Besuchs- zimmer zurück und hob den Schlegel auf. Ein wahnsinniger Gedanke- war in ihm ausgestiegen. Philipp auf dem Sitze, den er entehrt hatte, zu töten. Bei dem Gedanken an solche blutige Gerechtigkeit pochte es ihm wild in den Schläfen. Er sah sich selbst, wie er den Deemster an der Kehle packte und dem Volke laut zuschrie:„Ihr glaubt, dieser Mann sei ein gerechter Richter— er ist ein übcrtünchtes Grab; Ihr glaubt, er sei so wahr wie die Sonne, und er ist so falsch wie das Meer— er hat mir Weib und Kind geraubt und mich an den Pforten des Himmels mit höllischer Lüge betrogen. Die Stunde der Gerechtigkeit hat geschlagen und so zahl' ich's ihm heim— und so— und so!" Doch in seiner trunkenen Wut ivar er keiner Worte mehr mächtig. Mit gräßlichem Gebrüll warf er den Schlegel von sich, der über den Fußboden hinrollte.„Nein, mit den Händen!" dachte er. Er wollte Philipp erdrosseln und dann alles totschlagen, ivas ihm in den Weg trat, aus bloßer Lust am Morden. Warum auch nicht? Die verhängnisvolle Grenzlinie war überschritten. Nichts war mehr heilig. Die Welt war eine grause Wildnis voll schrankenloser Willkür. Brüllend wie eine Bestie im Käfig stürzte er nach der Thür, riß sie auf und sprang hinaus ins Freie. Dann blieb er plötzlich stehen. Ein donnerähnliches Geräusch, gleich dem Brausen der Wellen in einer Höhle, kam ihm von außen entgegen. Eine Menge Menschen drängten zur Gartenthür herein. Einige gingen mit schweren Schritten. als ob sie eine Leiche trügen. Andre hatten Laternen, noch andre hielten Fackeln über ihren Häuptern, wie sie der Fischer nachts beim Einholen der weißen Netze zu benützen pflegt. „Wer ist da?" rief Pete, und feine Stimme klang fast wie ein Geheul. »Ihr Freund," sagte jemand. „Mein Freund? Ich Hab' keinen Freund!" schrie Pete. „In der That— er ist hin, wie es scheint," sagte eine Stimme aus dem Dunkeln. Pete hörte es nicht. Da er die Menge und die Lichter sah, die ihren Schein durch die Dunkelheit warfen, so dachte er. Philipp käme wieder, wie er ihn schon oft gesehen hatte, in seiner Herrlichkeit, seiner Größe, seinem Triumph.„Wo ist er?" schrie er.„Er ist hier!" lautete die Antwort. und dann wurde Philipp auf den Armen von vier Trägern den Gang herauf gebracht. Sein Kopf hing zur Seite herab und schwankte bei jedem Schritt hin und her, sein Gesicht war so weiß wie die gepuderte Perücke, und sein Amtskleid schleppte auf der Erde hinterdrein. Eine plötzliche Stille entstand, und Pete taumelte vor Scheu und Schrecken zurück. Ein Blitzstrahl vom Himmel schien vor ihm niederzukrachen, und er zitterte, als hätte das Licht ihn geblendet. Tot! Sein Zorn hatte sich gelegt, seine Wut hatte sich an einem Felsen gebrochen. Angesichts dieses entsetzlichen Anblicks war seine wilde Raserei in nichts zusammengeschrumpft. Der böse Geist war ihm zuvorgekommeil und hatte ihm sein Ofer aus den Händen gerissen. Er war ausgegangen, um seinen Feind zu morden, und hier trug man ihn denselben Menschen bereits tot ins Haus. X. In dem ausgeräumten, kahlen Hause war doch ein Raum unberührt geblieben— das Zimmer, welches für den Deemster eingerichtet war. Philipp lag hier auf dein Bette, regungslos. und wie es schien, leblos. Jem-y-Lord stand mit gefalteten Händen ain Fußende. Pete saß auf einem niedrigen Schemel daneben, mit dem Kopf ans den Knien. Nancy, wieder von Sulby zurück, blies durch das Kamingitter, um das Feuer anzufachen. Eine kleine Gruppe von Leuten stand, wie Schafe zusammengepfercht, an der Thür. Jemand sagte, des Deemsters Herz schlüge. Man brachte aus etiler andren Stube einen kleinen, elfenbeinernen Hand- spiegel und hielt ihn ihm vor den Mund. Als man den Spiegel wieder wegnahm, ivar die Oberfläche ein wenig gewübt. Dieser Hauch auf d.em Glase erweckte bei den Umstehenden die Hoffnung. Jem-y-Lord nahm einen Schwamm und fing an, die kalte Stirn damit zu benetzen. Die Leute an der Thür begannen einer nach dem andern ihre Altweiberweisheit auszukramen. Jemand bemerkte, daß seine Großmutter bei einem scheinbar toten Menschen immer Riechsalz angewendet habe; ein andrer erzählte, sein Vater sei am nämlichen Tage, an dem der alte eiserne Christian starb, von einem jungen Füllen niedergeworfen worden und habe zwölf Stunden be- Wußtlos gelegen; als ihm aber der Hufschnned zur Ader ließ, habe er sofort die Augen wieder aufgeschlagen. Der Doktor war vor einer halben Stunde nach Ballaugh gefahren, und man hatte ihm einen Mann zu Pferde nachgeschickt. Allein es war zwölf Meilen Wegs und finstere Nacht; eine gute Stunde würde vergehen, ehe er zurück sein konnte. Man klopfte Pete auf die Schulter und flüsterte ihm etwas zu. „Was wollt ihr?" fragte er wie geistesabwesend. „Er ist ganz verstört," sagte man sich. Der arnie Mann konnte keine vernünftige Antwort geben. Der Schreck hatte ihn betäubt und ihm stand Schlimmeres bevor. Man sprach mit gedämpfter Stimme von Käthe und Roß Christian; man bedauerte Pete, aber die Sorge um den Deemster war noch größer. Des Dccmsters Perrücke war ihm abgenomnien und den Tisch geworfen worden, Sie lag umgekehrt da, wie die Nachthaube einer alten Frau. Dabei hatte sich sein Haar über das Kopfkissen gezerrt. Den Talar hatte man ihm nicht ausziehen können, sondern ihn nur vorn am Halse aufgerissen, damit der Atem frei würde. Einer von Philipps Armen war über die Bcttkante herabgeglitten; die lange, schmale Hand sah kalt, grün und durchsichtig aus wie Marmor. Pete kauerte auf dem niedrigen Schemel neben dieser Hand. Er war jetzt besänftigt genug, um sie zu berühren. Die kalten Finger lagen in seiner Hand, und seine heißen Thränen fielen darauf. Wenn er an das Verbrechen dachte, das er hatte begehen wollen, graute ihm vor sich selber. Sein Freund, der einzige Freund, den er sein Lebtag ge- habt I Nicht mehr der Deemster, nur noch der Manu! Auch nicht einmal der Mann, sondern das Slind I Die grausamen Jahre mit all ihrer Bürde und Not waren ver- flogen. Vergessene Tage kehrten zurück, die lange unter der Asche der Erinnerung begraben gelegen hatten. Sic waren wieder Knaben zusammen. Ein kleiner, sonniger Bursche im Velvetanzug und ein derberer Junge mit einer gestrickten Kappe. Der kleinere erzählte fort und fort, der größere hörte ihm unermüdlich zu; der kleinere war voller Entwürfe, der größere stimmte immer bei; der kleinere führte an, der größere folgte; der kleinere blickte hinauf und doch auch etwas herab, der größere sah herab und doch zugleich hinauf. O, die glücklichen, glücklichen Zeiten, che Zorn, Eifersucht. Wut und der wahnsinnige Mordgedanke ihren Sonnenschein verdunkelt hatten. Mit dem schweren Seufzer, der ihm bei diesen Erinnerungen aufstieg, mischte sich ein schwaches Geräusch vom Bett her: Es waren einige im Fiebcrtraum gemurmelte Worte, so leise wie Bienengesumme, doch Pete hörte sie. „Decke mich zu, Pete, decke mich zu!" sagte Philipp laut träumend. Ein Geflüster dringt oft weiter als ein Schrei. Die Leute an der Thür flüsterten die Kunde in den Gang, vom Gang kam sie nach der Treppe, von der Treppe in die Vor- Halle und von dort in den Garten, wo sich in der Dunkelheit eine Menschenmenge angesammelt hatte, um das Haus an- zusehen, über dem der Engel des Todes schwebte. Gleich darauf entstand im Zimmer ein Lärm wie in einem Froschteiche.„Gott sei gelobt I" rief der eine.—„Seine Barmherzigkeit währet für und für!" ei» andrer.—„Was hat er gesagt?" fragte ein dritter.—„Er redet irre, der arme Mann I" sagte ein vierter. Pete wies sie hinaus— alle, außer Jem-y-Lord, der immer noch des Deernsters Gesicht mit Wasser benetzte und ihm die Hände öffnete, die jetzt krampfhaft zuckten und sich fest zusammenzogen. »Fort von hier I Fort mit Euch!" schrie Pete mit heiserer Stinime. „Man muß es ihm nicht übel nehmen, er ist ein schwer geprüfter Mann," brummten sie vor sich hin und gingen hinaus... ' ��emmy sali sie nur ungern gehen. Er fürchtete sich, miff Pete allein zu bleiben, und ihm bangte davor, den Deemster in der Gewalt dieses wilden Menschen mit den flammenden Augen zu sehen. Jetzt, da Philipp wieder am Leben war. geriet Pete in Angst vor sich selber. Er sah Philipps Gesichtszüge sich neu beleben, und sein nagendes Elend kehrte zurück. Sein Haß, den er schon überwunden glaubte, rang wieder in ihm um die Herrschaft. Lag hier doch der Mann, der ihm Weib und Kind und Heim geraubt hatte! Was hinderte ihn. seinen gerechten Grimm mit voller Wucht an ihn, auszulassen? Philipp raste in heftigem Fieber, und Pete, der den letzten Kampf mit der wilden Bestie in seinem Innern zu be- stehen hatte, beugte sich mit lauerndem Blick über das Bett. In der Fieberhitze riß sich Philipp die Kleider von der Brust und zog etwas unter dem Henide hervor. Einen Augenblick später fiel es ihm aus den kraftlosen Fingern auf den Fußboden herab. Es war eine dunkle Haar- locke. Pete wußte, wessen Locke es war, und er setzte den Fuß darauf; in demselben Augenblick kehrte auch sein wahnsinniges Verlangen zurück, Philipp au die Kehle zu packen und zu erwürgen. Wieder und wieder kam ihm der Gedanke. Selbst noch unter seinem Schluchzen und Weinen nurßte er ihn niederringen. Doch die Liebe kann nicht in einem Augenblick ver- nichtet werden. Sie füllt nicht auf einmal tot danieder. Eine zärtliche Empfindung beschlich ihn bei dem Gedanken, daß dies der Mann war, für welchen Käthe die ganze Welt hingegeben hatte. Pete fing wieder an, milder für Philipp zu fühlen, weil Käthe ihn liebte; er glaubte in Philipps Gesicht etwas von Käthe zu sehen. Diese seltsame Weichheit nahm noch zu, als er Philipps ine Reden vernahm. Er hätte das Zimmer verlassen sollen, er konnte sich aber nicht losreißen. Auf den Schemel zurücksinkend, faltete er die Hände hinter dem Kopfe und drückte sich die Arme fest auf die Ohren. Es war vergeblich. Er konnte nicht anders— er mußte zuhören. Es waren nur unzusammenhängeude Reden, einzelne, ans dem Vnche des Lebens gerissene Blätter, einige von Thränen verivischt— aber sie waren für den, der sie hörte, wie eine kühle Hand, die sich auf eine fiebernde Stirn legte. „Ich war ein Kind, Philipp— ich wußte noch nicht, was Liebe war... mit dem Ramseydampfer kommt er zurück... sage ihm einfach die Wahrheit, Philipp... sage, daß wir versucht haben, treu und ehrlich zu sein, doch wir konnten es nicht, weil wir einander liebten— nein, es ließ sich uicht ändern... Ja, Tante, habe Vaters Briefe gelesen— das Bildchen ist zerbrochen—" Er sagte das alles mit der Stimme eines Menschen, der im Schlafe spricht; und dann mit leisem, dringendem Flüstern: „Habe ich nicht ein Recht auf Dich?— ja, ich habe ein Recht... Ziehe den Ueberrock an, der Sturm kommt... Ich werde nie von Dir lassen... Erinnerst Du Dich denn nicht?... Kannst Du es jemals vergessen... niein Gatte, mein Gatte!" Pete richtete sich aufi als er es hörte. Er hatte geglaubt, daß Philipp ihm Käthe entrissen habe. Hatte er Käthe denn etwa Philipp geraubt? „Ich kann in diesem Hause nicht länger leben. Philipp ... die Wände erdrücken mich... die Decke bricht über mir zusammen... die Luft erstickt mich... Drei Uhr, Pete... ja, morgen um drei im Ratszimmer zu Donglas... Ich bin keine schlechte Frau, Philipp Christian... etwas habe ich Ihnen nie gesagt... und Sie haben es nicht erraten... Ist es das Kind, Käthe?... sagten Sie das Kind?... Sind Sie auch gewiß?... Sie täuschen sich nicht?" tFortsctzuna folgt.» Die deukfch�natimmle MunstÄUsstelluns in Düsseldorf. Der Leser keiint das Plakat der Düsseldorfer Industrie-, Gelverbe- und Kunstausstellung. Ein robuster Arbeiter, der den schilleren Hammer über die Schulter geworfen hat; vor ihm, gleichsam unter 'einem Schutz, ein kindliches Wesen, das in der eine» Hand eine Statuette, in der andren Pinsel und Zeichenstift hält. Die Arbeit im Bunde mit der Schönheit, die Industrie als Schützen» der Kunst — ein Gedanke, der weder an sich noch in seiner Ausführung auf dem Düsseldorfer Plakat neu und überraschend ist. Aber der Ge- danke ist auch, trotz seiner Landläufigkeit, nicht einmal wahr, er ist äi;|�esoi>deje in dem vorliegende� Falle nicht wahr. Der Arbeiter auf dem Plakat steht selbstverständlich nicht für seinesgleichen da. Die Urheber der rheinisch- ivestfälischen Ausstellung habe» nicht daran gedacht, den eigentlichen Träger der Industrie, den Arbeiter, zu verherrlichen; von dem Arbeiter ist bei dem ganzen Unternehmen bis heute gar nicht die Rede gewesen. Die Ausstellung ist geschaffen worden zu Nutz und Ehr der rheinisch- westfälischen Jndustrieherren, die ebenso, wie sie sich in ihrem Betriebe als die Alleinherrscher fühlen, auch als die Seele, die Kraft und die Stütze des Wirtschaftslebens überhaupt angesehen sein wollen. Für sie spielt der Arbeiter keine andre Rolle als die einer käuflichen Ware, einer Maschine, die der Geist des Kapitals belebt. Wenn die Jndustrieherren sich bei ge- wissen Anlässen, im Schivung der Rede, ans Plakate» usiv. in der Gestalt des einfachen Arbeiters präsentiere», so geschieht das ,nit der- selben Aufrichtigkeit, mit der Herr v. Stumm sich der Welt gelegentlich als einfachen Hammerschmied vorstellte. Vielleicht liegt dem Vor- gange, wenn es sich um die bildliche Darstellmig handelt, auch eine innere Notwendigkeit zu Grunde. Ein Arbeiter mit seinen kräftigen Gliedern, seine» scharf ausgeprägten Muskel», Knochen und Sehnen, ist künstlerisch ein überaus wirksames Objekt, was man von einem feisten Kommerzienrat oder einem jener modernen Finanzgcnies, die mit dem emen Aerniel das Zuchthaus, mit dem andern das Idioten- heiin zu streifen pflegen, gerade nicht behaupte» kann. Aber einerlei— der Gedanke, den das Düsseldorfer Plakat ver- sinnlichen soll, trifft in keiner Weise zu. Die Arbeit soll erst der Kunst treuer Genosse iverden, Arbeiter und Künstler sollen sich erst zu gemeinsamem Wirken, zu gemeinsamer Anregung und Begeisterung finden. Heute sftid sie einander noch fremd, noch fern von ihren, wahren Berufe: einmütig zu wirke» an des Volkes inntericllcni und geistigem Wohle. Der Arbeiter dient dem Profit und der Künstler der verständnislosen Laune des Geldbesitzers. Und dieser selbst ist alles andre, als der Schützer der Schönheit und Förderer der Kunst, wie sich das nirgends besser zeigt, als an den Düsseldorfer Knnstznständcn. Ei» volles Mcnschenalter hindurch, von den zivnnzigcr bis Ende der fünfziger Jahre, hat Düsseldorf ans die deutsche Knnst einen bestimmenden Emflnsz ausgeübt. Dann begann ein Niedergang, der auch anhielt, als an andern Orten sich frisches, reges Leben zu zeigen begann. An der Erneuerung des Geschniackes und der schaffenden Knnst, die sich in den letzten ztvci Jahrzehnten in Deutschland vollzog, hat Düsseldorf gar keinen Anteil, im Gegen- teil, Düsseldorf blieb mehr und inehr gegen die übrigen Kunststädte: Berlin, Dresden, Karlsruhe, München usw. zurück. Und gegenüber diesem Stillstand und Rückgang ans künstlerischem Gebiete, gegen- über dieser Verarmung im westlichen Deutschland auf geistigem Gebiete überhaupt— ein wirtschaftlicher Aufschwung sondergleichen, eine gewerbliche Fruchtbarkeit und ein Reichtum des Besitzes von erstaunlichem Umfange. Die Jndnstriemagnaten kamen auf, die Künstler gingen zurück, nicht in ihrer Zahl, aber in ihren Leistungen. Die Düsseldorfer Knnst blieb ohne eine Spur von Beziehung zu den großen Fragen und Erscheinungen der Zeit und der näheren Um- gebung. Menzel, der Berliner, gab nns die modernen Cyklopcn, das Bild des eiserne», im Feuer und Dampf schaffenden Jahr- Hunderts, und»ach Düsseldorfern oder rheinischen Künstlern, die wie ein Mcnnier in der Industrie Anregung zu neuen großen Werken gefunden haben, schauen wir uns vergebens um. Die reichen Jndustrieherren, wofern sie ettvas mehr sein wollten als profitmachende Geschäftsleute, hätten gegenüber der Düsseldorfer Knnst eine hochherzige und dankbare Aufgabe erfülle» können; aber ihr Knnst- Verständnis ging nicht hinaus über die trivialsten Bedürfnisse: ein Ticrstück für das Jagdziimner, eine Landschaft für den Salon und ei» Liebcsgeschichtche» für das Boudoir— in diesen niederen, dem industriellen Parvcnütuin angemessenen Bereiche hat sich die Düffel- dorfer Kunst die letzten Jahrzehnte ivohl fein lassen niüsien. Und die öffentliche Knnslpflege. die Aufträge von Gemeinden usw. hielten sich in den Grenzen der heute übliche» Geschichts- und Knnstauffnsinng, deren Wesen die Phrase und Pose ist. Der verstiegene Nationalismns, der Hurrapatriotismus hat in der rheinisch-wcstfälischc« Bourgeoisie seine hervorragendste Stütze; man kann sich denken, Ivas für die Knnst dabei herauskommt, die dieser Gesinnung Rechnung zu tragen gezwinige» ist. Immerhin bietet die Düsseldorfer Kunst noch manches Beachtens- Iverte und Bedeutende. Da ist in erster Linie Eduard v. Gebhardt. Eine große starke Persönlichkeit tritt uns in ihm entgegen. Seine Bilder, in denen die Vorgänge des neuen, seltener des alten Testaments in das Kostüm des Reformalionszeitalters gekleidet sind, besitzen eine hinreißende Kraft und unvergängliche Schönheit, und so oft man seine Bilder iviedersieht, wird man aufs neue ergriffen von ihrem Ernst n»d ihrer Innerlichkeit. Unbegreiflich ist, wie manche Kritiker mit diesem Künstler in einem Atem Peter Janssen Trennen können. Janssen hat eine» Teil der Wandgemälde ans- gestellt, die für die. Marbnrger Universität bestimmt sind; in den Bildern zeigt sich wohl eine virtuose Mache, aber das Ganze kommt doch nur ans gemalte Thentralik ä la Wildenbruch hinaus. Da ist uns ein- andrer Künstler gleichen Namens, Gerhard Janssen, weit lieber. In ihm scheinen die altniederländischcn Bauern und Kirmcß- malcr wieder lebendig gcivorden zu seini in seinenZcchergcstnlren herrscht ein herrlicher Humor. Gregor v. B o ch m a n n ist ein Landschafter von imiig-melancholischer Empfindung; seine Motive sucht er in den weite» Ebenen seiner Heimat, den russischen Ostsceprovinzen, oder Hollands; die kleinen Bilder: Scenen von der Landstraße, der Küste und den Dörfern, sind mit viel Stimmung ausgearbeitet. Ein andrer Maler der Ebene, Enge» Kampf, ist durchaus modern in der Auffassung, ein Jmpreffionist, der die Farbe mit echt malerischer Empfindung meistert. Unter den Porträtisten verdient besonders Wilhelm Schncider-Didam genannt zn werden. Seine Charakteristik ist von außerordentlicher Treffsicherheit und er- frischender Wahrheit, sein malerischer Vortrag breit und flott; Schneider-Didam ist ohne Zweifel einer der hervorragendsten Porträt- maler der Zeit. Den traurigsten Eindruck macht die Düsseldorfer Plastik. Hier giebt die Schule von Karl Janssen de» Ton an, und wer wissen will, ivas diese Schule leistet, der sehe sich einmal die Produkte des Meisters an. Die„patriotischen" Denkmäler Düsseldorfs rühren von Janssen her und sie gehören mit zum Trivialsten, was in letzter Zeit in Deutschland geschaffen wurde— und das will was heißen. Die Düsseldorfer Kunstansstellnng hat den Zweck, ein Bild von dem Stande der deutschen Kunst am Anfange des zwanzigsten Jahr- Hunderts zu geben. Dieser Zweck ist nur sehr unvollkommen erreicht worden. Namhafte Künstler sind entweder gar nicht vertreten, oder nur in Werken von einer Art und Zahl, daß'man durchaus fehlgehen würde, daraus auf ihr Wesen und ihr Können zu schließen. So ist, um nur einige zu nennen. Adolf Menzel im ganze» mit einer Zeichnung, Uhde nur mit einer Porträtgruppe, Stuck nur mit seinen Furien vertreten. Was sonst von namhafte» Künstlern ausgestellt wird, ist zum allergrößten Teile schon von andren Ausstellungen her bekannt, das Neue enthält nichts von derartigem Einfluß, um i» dieser kurzen Besprechung Anlaß zu besonderer Hervorhebung zu geben, womit nicht gesagt sein soll, daß nicht mancherlei Beachtenswertes und Hoffnungsvolles in Düsseldorf zn sehe» wäre. An zwei Werken darf auch die flüchtige Besprechung nicht vor- übergehe». In der Dresdener Abteilung, die durch Gotthard Kühl, Hans Unger, Stichnrd Müller n. a. sehr gut vertrete» ist, hängt auch das Bild, das wohl am meisten die Neugier reizt:„Der Kampf um die Wahrheit" von Sascha Schneider. Dieser Künstler hat sich vor mehreren Jahren durch zahlreiche symbolische Bilder bekannt gc- macht, die in gleicher Weise die Energie der Zeichnung und die Klar- heit der Komposition.bewundern ließen, Jene Bilder waren aber nur als Zeichnungen gedacht, hier tritt nun Schneider mit farbigen Gemälden auf. Es sind deren nicht weniger als zehn, die, zu einer großen Komposition angeordnet, in symbolischer Weise den Kampf der Mensche»,»m die ewig unerreichbare Göttin Wahrheit darstellen. Die Arbeit ist in jeder Richtung ein Rückschritt gegen Schneiders frühere Arbeiten. Der Symbolismus ist unklar und verworren, es gehört eigentlich ein Leitfaden dazu, um die einzelnen Bilder, ihren Inhalt und ihre Beziehungen zum Ganzen zu verstehen. Auf dem mittlere» Hanpltcil der Komposition sieht man zwei Dutzend lange nackte Gestalten sich schlachte», spießen und würgen, das Blut fließt in Ströme»— aber der blutige Kampf wird mit einer Steifheit der Bewegung und einer Gelassenheit des Gefichtsausdrucks geführt, daß man die Wahrheit, die so viel Blut, aber so wenig Leidenschaft und Uebcrzengung tostet, nicht tief genug einschätzen kann. Die Farbe der Bilder ist geradezu unerträglich. Seit Mitte Juli ist auch K l i» g e r s Beethoven im Düffel« dorfer Knnstpalast zu sehen. Die Beschreibung des Werkes ist wohl überflüssig, da darüber auch an dieser Stelle schon das Nötige gesagt worden ist; ich begnüge mich, den Eindruck wiederzugeben, den daS vielbesprochene Werl ans mich gemacht hat. Als Klinger, der große Kenner und Verehrer der Musik, an die Verherrlichung Beethovens ging, da sagte er sich ivohl dasselbe, was Dnnnecker sprach, als er die Büste seines Freundes Schiller in Angriff»ahm:„Er kann nicht anders lcbig werden, den» als Gott", lind so, als Gott, hat auch Klingcr sich de» Beethoven gedacht und darzustellen versucht. Aber Klingcrs Beethoven wirkt nicht als Gott, wenigstens habe ich die „Schauer des Geweihten", die nach dem„Kunstwart" von dem Werke ausgehen sollen, nicht empfunden. Beim ersten An- schauen wirkt das Werk durch seine Eigenart: Der nackte Beethoven, die Mannigfaltigleit des Materials, verwirrend; beim näheren Zusehen interessiert es, der Auffassung und besonders der technische» Einzelheiten wegen. aber darüber bleibt der Eindruck des Göttlichen, des Erhabenen und Ueber- wältigenden aus. Er ist zn viel Kunstwerk, dieser Klingersche Beethoven, zu viel technisches Wunderwerk; es sind zu viel und zu viel inlcreffnnte Mittel angewendet worden, unr der Idee gerecht zu werden, und darunter hat die Idee selber gelitten. Klinger hat von seinem Ideal z» viel sagen wollen, und unter der Fülle der Zu- thaten, des technisch Interessanten und des Dekorativen kommt das Ziel: der Eindruck der göttlichen Erhabenheit, nicht zur Geltung. Mit einfachere» Mitteln hätte mehr, hätte Größeres erreicht werden können. Ein Kunstivcrk, und zwar ein bedeutendes, bleibt Klingers Beethoven auf alle Fälle;»m es dazu zu machen, genügt der herrlich herausgearbeitete Kopf des Heroen.— A. E. Mleines Feuilleton. en. Verzerrte Tonncnbilder. Es gehört kein besonders auf» merksames Auge für die Beobachtung der Natur zn der Wahrnehmung, daß die beiden große» Gestirne unsres Himmels, die Leuchte dcS Tages und der Nacht, in ihrer Gestalt eine Verzerrung erleiden. wenn sie in der Nähe des Horizonts stehe». Namentlich bei der untergehenden Sonne wird wohl jeder einmal diese Erscheinung be» merkt haben, da ja namentlich an unsren heimischen MeereSgestaden die Betrachtung des Sonnenuntergangs vom Strande aus zu den t st obligatorischen Geniissen gerechnet wird. Jene Thatsache ,st denn ruch schon seit sehr langer Zeit belannt, trotzdem fehlt es an eigentlich zuverlässigen Aufzeichnunge» darüber. Man darf in wisfenschastlichen Schriften auch nicht so sehr weit zurüctgchen, um auf eine bestimmte diesbezügliche Beschreibung zu stoben. Eine der frühesten dürfte der Vermerk des Kapitän James sein, der im Jahr« 1632 die nordwestliche Durchfahrt«ach der Südsee suchte und in sein Tage- buch schrieb:.Ich beobachtete, wie die Sonne gleich einem Oval längs des Horizonts aufstieg: ich rief drei oder vier Leute, um meine Wahmehnnmg besser zu bestätigen, und wir alle stimmte» übcrcin, daß sie zweimal so lang war wie breit." Wenige Tage später be- obachtete derselbe Reisende die gleiche Erscheinnng am aufgehenden Mond. Im Jahre 1805 gab dann der berühmte französische Mathe- matiker Biot in seiner Elementaren Abhandlung der astronomischen Physik folaende Zusammenfassung und Erklärung der Tbatsache: .Es geschieht durch eme Wirkung der atmosphärischen Lichtbrechung. daß die Sonne am Horizont oval und in senkrechtem Sinn abge- plattet erscheint, selbst iveuii das Wetter ganz ruhig und klar ist. All« Punkte ihrer Scheibe werden dann durch die Wirkung der Lichtbrechung gehoben, aber nicht in gleichem Grade: die unteren Punkte werden es mehr alö die oberen, lveil sie sich dem Horizont näher befinden, Ivo die Lichtbrechung stärker ist. Die Soimeuschcibe muß dann also in senkrechtem Sinn abgeplattet er- scheinen." Gründliche Beobachtungen sind dann in neuerer Zeit während der Landesaufnahme in Böhmen durch v. Sterncck und Krifla teils mit Hilfe eines Fernrohrs, teils mit dem blobe» Auge an der aufgehenden Sonne gemacht worden. Das Ergebnis ivar die Veröffentlichung einer Arbeit, worin die Gestalt und Farbe der auf- gehenden Sonne in 5 Stufen beschrieben wurde. Auch die Farbe wird nämlich während dieses Borganges becinflnsit, indem die Sonne in der Nähe der KinmrungSliuie tief rot zu sein pflegt und dann allmählich in die gewöhnliche gelbe Färbung Übergeht, bis sie ihren kreisförmigen Umfang gänzlich angenommen hat. Die genannten Beobachter haben höchst merkwürdige Formen der aufgehenden Sonne beschrieben, z. B. die eines Gcfähes init einem überstehenden Deekel oder die eines Pilzes mit seinem Stiel. Solche Umrisiformen ivurdea an der Sonne nur unmittelbar uach ihrem Aufgang gesehen, während sie später zunächst immer in den ovalen Umrist übergingen. Während der rühmlichst bekannte» belgischen Südpolar-Expedition(auf dein Schiff.Belgica") wandte Alctowski im Jahre 1897 in der Nähe der Küste von Patagonie» seine Aufmerksamkeit gleichfalls dieser Erscheinnng zu und es ist beachtenswert, dah seine Zeichnungen die Beobachtungen der beiden Forscher in Böhme» durchaus bestätige». In diesem Jahre hat dann «och der italienische Gelehrte Professor Ricco in Rom eine grohe Zahl von verzerrten Sonnenbildern gesammelt und wiedergegeben. In, allgemeinen kann es als Siegel gelten, daß die Abplattung der Sonne am Horizont den Wert von 0,893 hat, Iva? bedeutet, dast sich der senkrechte Durchmesser zum horizontalen verhält wie 75 zu 84.— Hygiemsrhes. — Schädlichkeit des R u v e S. lieber die Gesundheits- schädlichkeit des Rußes äußert sich, der.Technischen Rundschau' zu- folge, der Jahresbericht des Westprenßischen Vereins zur Ucberivachnng von Dampfkeffeln dahin, daß man das Störende des RancheS nicht nur in den feinsten Partikelchen dcS Kohlenstoffes sehen darf. Wie durch eingehende Untersuchungen eriviesen ist, besteht die ans rauchiger Lnft sich ablagernde Masse nur zum kleineren Teil ans Kohle. Dem Ruß haften eine ganze Reihe fremdartiger Substanzen an, als Kohlen- »vnfferstoffe, brenzliche Produkte, ivie Pyridinbasen. Phenol, namentlich aber Säuren, unter welchen die schweflige Säure, Schwefelsäure »nid Salzsäure die ivichtigstcn sind. In den Rußablagerungen hat Man bis zu 9 Proz. Schwefelsäure und bis z» 7 Proz. Salzsäure gefmiden. Anch die rnßsrci entströmenden Schornsteingase enthalte» zwar die letztgenannten sauren Produkte, aber das Rußen eines Schornsteins bringt weit unangenehmere Folgen mit sich, weil die Rußteilchen die störenden Produkte der Schornsteingase gewiffcr- maßen auf sich kondensieren und, indem der Ruß nllmälig niedersinkt, diese sonst gasförmig leichter sich verteilenden Massen den- jeuigen Luftschichten, ans welchen der Mensch seinen Atcmbedarf deckt, zuführe».— Medizinisches. ie. Die Heilung von H e r z w u n d e n durch Ope« ratio» ist seit wenigen Jahren ein besonderer Triumph der Chirurgie, lieber derartige Fälle ist bereits mehrfach berichtet worden, jedoch ist es besonders ivertboll, daß ein amerikanischer Arzt, Dr. Sherman, neulich für einen Vortrag vor der Amerikanischen Medizinischen Vereinigung eine sorgfällige Zusammenstellung aller derartiger Operationen gegeben hat, die seit dem Jahre 1896 bis auf die letzten Monate ausgeführt worden sind. Die Liste enthält insgesamt 34 Fälle, von denen 6 auf deutsche Aerzte entfallen. Der erste Versuch, eine Verletzung des Herzens durch Bernähnng der Wunde zu heilen, wurde im Jahre 1898 von Farin gemacht, dann im selbe» Jahre zivei weitere von Cnppelen und Reh»; von diesen verliefen die erstercn beiden nach einigen Tagen tödlich durch Entzündung der Atmnngsorgan« bcztv. des Herzbeutels, während die dritte erfolgreich verlief, obgleich gerade in diesem Falle ein ganzer Tag zwischen der Verletzung und der Operation verstrichen »var. Im Jahre 1897 wurden nur zwei Operationen dieser Art ausgeführt, darunter eine mit Erfolg! 1898 vier mit zwei Er- folgen, 1899 bereits elf mit drei Erfolge», 1909 dann drei mit einem Erfolg, 1901 neun mit drei Erfolgen und im laufenden Jahre endlich zwei, die beide zur Heilung führten. Teilweise konnte die Operation wegen der tiefen Ohnmacht de» Verletzten ohne Anwendung von Beläubungsmitteln vorgenommen werden. Von den geheilte» Fälle» sind einige deshalb besonder« erwähnen»- wert, weil das Herz sogar mehrere Wunden erhalten hatte, die genäht iverden mußten. Am günstigsten ivar der Verlauf der Vcr- letzung der Herzspitze, Ivährend bei ei»er Wunde in den Herzkammern die Operation selbstversländlich»och immer al« sehr gefährlich gelten muß, weil ihr Gelinge» dann anch namentlich von der feit der Ver- letznng verstrichenen Zeit und dem dadurch bedingte» Blutverlust ab- hängig ist. Die neueste von Dr. Nietert ausgc führte Operation des Herzens führte zur vollkommenen Heilung, obgleich die Operation erst nach 14'/s Stunden vorgenommen wurde. Hervorzuheben ist eine ebenfalls erst in dicscin Jahre von einem Pariser Arzt Launay bewirkte und erfolgreiche Veruähnng einer Hcrzivmide,»»eil es sich dabei zum erstenmal um eine Verwundung durch ein Geschoß handelte, während die früheren Fälle sich auf Verletzungen durch Stichwaffen bezogen.— Ans dem Ticrlebcn. — B r u t g e w o h n h e i t e n amerikanischer Fische hat Profesior Jakob E. Reighard in Ann Arbor(Michigan) studiert, besonders au dem bisher in seiner Lebensweise noch wenig bekannten Schlammfisch calva, einem Süßwasserfische ans der Ab- teilung der Schmelzfische(fornoidsn). Ilm zu sehen, ob die Nester allein von den Männchen gebaut würden, irennle der Beobachter die Männchen eines Brnlgrmidcs von den Weibchen und hielt sie in einem Teile desselben abgesperrt. Sie bauten dort 23 Nester, von denen hernach nur fünf mit Eiern belegt wurden, anscheinend von einem oder zivei Weibchen, die dort Zugang gefunden hatte». Die andern 13 Rester blieben»nbenntzl und wurden schließlich von den Männchen verlassen. Der Farbcnschmiick des Schlnmmfisch-Männchciis nahm im Einklang mit seinem Nestbau und Ncstwächleraint während der Brutperiode den Charakter von Schutz- färbungen a». Die Flosse» wurden in Harmonie mit der um- gebenden Waffervcgctatio» grün und die Nctzaderung der Seite» eine getreue Nachahmung der durch die flutenden und verflochtenen Wasserpflanzen geworienen Schatten. Besonders interessant ist dabei das Verhalte» eines Schwanz- flcckeS, der genau das Aussehen der Brechmigsbildcr wiedergab, welche die Sonne ans den» Boden eines seichten WasscrS erzeugt, wenn sich die Oberfläche im Winde kräuselt, wodurch dnnlle Flecke entstehen, die mit hellen gelblichen Lichlhöfen umgeben sind. Bei einem Süßwasserbarsch(Eupoinotis gibbosus) sind jedoch, obwohl sie ebenfalls Nestwächter sind, die Männchen viel lebhafter gefärbt als die Weibchen, nicht nur in den wurmförmige» Zeich- uunge« der Wange», sonder» auch in dem größeren scharlachrot und blau cingesaßten.Ohrlappen" des Kiemcudeckcls. Die bei», Weibchen gelb gefärbten Bauchflossen sind beim Männchen schwarz, die Rücken- mid Schwanzflosse viel glänzender blau als heim Weibchen. Wen» das erstere ein Weibchen einladet, in sein Rest einzutreten, spreizt es seine schön gefärbte» Kiemendeckel und erhebt deren Ohranhänge, breitet die dunkle» Banchflosse» ans n»d bietet dann ei» sehr verführerisches Aussehen. Die Farben er- scheinen in dieser Stellung(von vorn gesehen) besonders glänzend. Wenn ein Männchen andre bedroht, nimmt es eine ähnliche Stellimg an, die eS außer bei diese» beide» Veranlassungen nieNials zeigt, woraus hervorgeht, daß die Stcllmigen den Ausdruck seiner Gemüts- stinimuug wiedergeben.—(.Prometheus".) Notizen. — L ill i Lehmann veröffentlicht demnächst ein Werk .Meine G e s a n g s k n n st'(Verlag der»Znlmift"), i» dein sie ihre Erfahrungen und Anschauungen auf dem Gebiete des Gesanges niedergelegt hat.— — Die im nächsten Jahre in Dresden stattfindende „ S ä ch s i s ch e K n u st a n s st e l l n n g" wird in möglichster Voll- ständigkcit die Werke Ludwig Richters vorführen.— — Ein prächtiges Exemplar eines versteinerten S e e st e r n s. der auf einem Saiidsteinstück ailfsitzt, ist dieser Tage in einem Sandsteinbriiche bei Wehlen(Sächsische Schweiz) gemacht worden.— Dadurch wird zum erstenmale so offensichtlich die bc- kannte Theorie von der Entstehung des Saiidftcingebirges durch Sandablngeriingeii bestätigt. Solche Funde sind wegen des brüchigen Sandsteimnaterials äußerst selten.— — Mit einer Heißdamps-Tenderloko motive werden gegenwärtig auf der Strecke Eydlknhnen-Königsberg Versuche an- gestellt. Sie sollen, nach dem.Berliner Tageblatt", bis jetzt gute Resultate ergeben haben.— — Das größte Stein zenggesäß der Welt ist, nach der.Technischen Rundschau", in einer Chamottefabrik zu Euskirchen (Nheiiiproviuz) angefertigt worden. Die Spannweite der halbkugeligen Wölbung des oberen Teiles beträgt 2,S Meter; es faßt 9500 Liier. So große Gefäße werden namentlich in der Salz- und Salpetersäure« fabrikation gewünscht.— Beraiuwoaiicher Resacreur: JulinS KaliSki m Berlm. Druck uno Bertas von Max-vadin» in Berlin.