Nnterhaltungsblatt des HorwSris Nr. Z6t. Sdimtaq. den 24. August. 1902 «Nachdruck verboten.« 84] Vrv Wlsuksiuant». Roman von Hall C a i» e. Autorisierte Uebersetzunst. Pete brach ab und fing dann noch einmal an zu sprechen, so leise, daß es kaum noch zu hören war.„Sage mir, wenn die Zeit kommt— und sie wird kommen, Käthe— sorge Dich dannn nicht." Er brach zusammen und känipfte schwer. „Wenn die Zeit kommt, daß ihr zusammen vereint seid, er und Du— wirst Tu Dich dann nicht furchten, die Kleine bei Dir zu haben, wird es Dir nicht unrecht erscheinen, Käthe. daß ihr beide und die kleine Katharinc in demselben Haus halt... in einer Familie— nein?— it— dir?" „Nein." „Das ist genug." murmelte er nüt heiserem Kehllaut. „Ich habe nun nichts mehr zu bedenken. Er muß mm für alles andre sorgen." „Und Du, Pete?" „WaS liegt an mir! Glaubst Tu. daß mir noch lvas Schlimmeres geschehen kann? Glaubst Du, daß ich danach frage, was ich essen und triilken soll, und was ans mir werden wird?" Er lachte wieder, und sie brach von neuem in Schluchzen mls. Seine Augen starrten unbeweglich ans das prasselnde Fetter; die aufflackernde Flamme beleuchtete sein steinernes Gesicht.„Zch habe kein Kind mehr!" Wie zu sich selber sprach er es. Sic glitt ihm zu Füßen ans die Knie tiieder, ergriff seine herabhängende Hand und fing an, sie mit Küssen zu bedecken.„Vergicb mir," stammelte sie,„ich bin sehr schwach und schuldig gewesen". „Woztl diese 3ieden?" antwortete er.„Was geschehen ist, ist geschehen," tind er entzog ihr die Hand.„Kein Kind mehr... kein Kiitd mehr." mnrmelte er wieder. Er hatte das Gefühl eitles Meitschcn, der mitten int Lcean Schiffbruch erleidet. Ein Sparren treibt auf ihn zu; er ist das einzige, truis ihm noch geblieben ist von dem ge- scheiterten Schiffe, in dcui er gesegelt war, in dem er gestlngen, gelacht und geschlafen hatte. Er hofft, sich itoch daran halten und sich retten zu können, doch ein andrer klaunnert sich fest daran, und er muß lvSlasseit und untergehen. Sie vermochte nicht, ihm wieder ins Gesicht zu sehen; sie konnte seine Hand nicht wieder berühren; sie wagte nicht, ihn nochmals uni Verzeihung zu bitten. Er stand einen Augenblick da, ohne zu sprechen, dann ging er hinaus in das Sonnenlicht— mit seinen hohlen Wangen, dem verwilderten Barte und dem glanzlosen Blick. XU.' Philipp war in tiefen Schlaf versunken. Als er erwachte, sah er wie in einem Spiegel eine Lösung des stmmbewegten Dramas seines Lebens. Es war eine glorreiche Lösung, ein erlösendes und entsühnendes Ende, ein Ende, das ihn ans den Fesseln befreite, die ihn gefangen hielten. Was that es, daß die Lösung hart und schwer schien, daß sie bitter war wie die Wasser von Marah und steil wie Golgatha. Er war be- reit und voll Eifer, alles auf sich zu nehmen. Der gesegnete Schlaf, der weife und besänftigende Schlaf hatte die dunkle Wolke seiner Vergangenheit zerrissen und den Pfad, der vor ihm lag, durch einen Lichtschein erhellt. Philipp öffnete die Singen und sah Tante Nan an seiner Seite sitzen und in einem Bande Predigten lesen. Die alte Dame merkte sein verändertes Atemholen, sah sich uni, legte das Buch hin und sing an, sich im Zimmer zu schaffen zu machen.„Still, Liebster, still!" flüsterte sie. Man hörte einen schlveren, eintönigen Schall, wie eilt- fernteS Trommeln oder das Hämmern einer Maschine unter der Erde. „Tante I" >->5. Liebster" „Welcher Tag ist heute?" „Sonntag. Du hast einen langen, langen Schlaf gehabt, Philipp. Dn hast gestern den ganzen Tag geschlafen." „Ist das das Läuten der Kirchenglocke?" „Ja, Lieber. Auch ist es ein herrlicher Morgen, so sanft und frühlingsmäßig. Ich will das Fenster öffnen." „Dann muß mein Gehör gelitten haben." „Bewahre, nian hat die Glocke nniwickelt, den Ton zu dämpfen.„Die Kirche ist so nah," sagten die Leute,„es niöchte ihn stören." Ein Wagen kam die Straße herab. Er rasselte auf dem gepflasterten Wege; dann hörte das Nassein auf, und es war nur noch ei» dumpfes Ziollen, wie wenn ein Karren über eine hölzerne Brücke fährt.„Das Pferd muß gefallen sein," sagte Philipp und versuchte aufzustehen. „Es ist nur das Stroh aus der Straße," Versichertc Tante Nan.„Die Leute brachten's von allen Seiten.„Wir müssen den Lärm vor dem Hause dämpfen", sagten sie. O, Du kannst Dir nicht denken, wie gut sie gewesen sind. Gestern war Markttag, doch von Kauf und Verkauf konnte keine Nede sein. Den ganzen Tag über war hier ein ewiges Gehen und Komnien.„Wie geht es dem Deemster?"—„Und wie geht es ihm jetzt?" Es mußte einen zu Thränen rühren. Ich glaube wirklich. Philipp, daß sich die erste Nacht niemand in Namsey zu Bett gelegt hat. Jeder wartete und wollte erst sehen, ob es nicht etwas zu helfen und zu holen gäbe, und in der ganzen Nachbarschast blieb der Kessel in der Küche auf dem Feuer. Doch still. Liebster, still.! Nicht so viel sprechen auf einmal. Still jetzt." „Wo ist Pete?" fragte Philipp mit dem Gesicht gegen die Wand. „Er ölt die Angeln des Thores ein. Gestern hat er den ganzen Tag die Treppen mit Teppichen belegt, und ohne daß man einen Hammerschlag gehört hat. Der Mann ist bewunderungswürdig. Es muß Hände wie Eisen haben, und dabei ist sein Herz so weich I Ueberhaupt sind sie alle so freundlich— alle, ohne Ausnahme. Der Doktor und der Vikar und die Zeitungen. O, es ist herrlich. Es ist ganz so, wie Pete sagt." „Was hat denn Pete gesagt, Tante?" „Er sagt, die Engel müßten glauben, daß in jedem Hause ans der Insel ein Kranker wäre." Durch das offene Fenster kamen Klänge hereingezogen, die das Flüstern der Blättern und das Zwitschern der Vögel übertönten. Es war der Psalm, der in der Kirche gesungen wurde:„Wohl dem. der sich des Dürftigen annimmt, den wird der Herr erretten zur bösen Zeit—" „Horch, Philipp. Das muß ein besonders ausgewählter Psalm sein. Ich bin überzeugt, daß man ihn um Dcinct- willen singt. Wie lieb das von ihnen ist! Doch wir plaudern zu viel. Der Doktor wird schelten. Ich muß Dich nun ver- lassen, Philipp. Doch nur auf kurze Zeit, um einmal nach Ballure zu gehen; ich schicke Dir Cottier herauf." „Ja, schicke mir Eottier." „Mdn Liebling," sagte die alte Seele noch, während sie sich die Hutbänder band.„Wirft Du Dich auch hübsch ruhig verhalten? Bleibe nur ja hübsch ruhig liegen. hörst Du l Nun, adieu, lebe wohl!" Als Philipp allein war. erfüllte der schwebende, schwellende Gesang des Psalms die ganze Stube. Was für ein Hohn lag in dem allen. Welch ein sinnloser, gräßlicher, furchtbarer Hohn! Da lag er, der schuldige Mann, und ihm zur Seite wachte die ganze Insel, ihn bemitleidend, für ihn sorgend, den Atem, zurückhaltend, nur damit er ruhig atmen könnte— und sie, die Genossin seines Vergehens, sein Opfer, sein unschuldiges Opfer, war im Gefängnis und duldete eine Schmach und Erniedrigung, die ärger war als der Tod. Noch immer ertönten die Klänge des Psalms. Er vergrub den Kopf in die Kissen, um sie nur nicht mehr zu hören. Jem-Y-Lord kam eilig herein; Philipp winkte ihn ganz nahe zu sich heran und fragte leise:„Wo ist sie?" „Man hat sie gestern noch spät am Abend nach Schloß Nushen gebracht, Euer Gnaden," sagte Jemmy leise. „Schreiben Sie unverzüglich an den Kanzleidirektor," sagte Philipp.„Sie soll auf der Abteilung der Schuld- gefangenen untergcbrachl werden und Krankenkost sowie jede Bequemlichkeit erhalten.— Käthe, meine Käthe!" wiederholte er fort und fort,„es soll nicht aus lange sein, nicht auf lange, Geliebte, nein, nein I" Die Genesung schritt nur langsam vorwärts, und Philipp war ungeduldig.„Ich fühle inich heute besser, Doktor,"''agte er häufig.„Glanben Sie nicht, daß ich aufstehen kann?" „Tra» dy liooar(Zeit genug), Deemster," antwortete der Arzt.„Warten wir ab, wie es in einigen Tagen sein wird." „Ich habe eine große Aufgabe vor mir," sagte Philipp wieder.„Ich muß sie unverzüglich beginnen, Doktor." „Sie haben Ihre ganze Lebensarbeit vor sich, Deeiuster, und müssen bald damit anfangen, doch jetzt noch nicht." „Ich habe etwas ganz Besonderes zu thun, Doktor," sagte er endlich.„Ich darf keine Zeit verlieren." „Natürlich dürfen Sie keine Zeit verlieren, und eben darum müssen Sie da, wo Sie jetzt sind, noch etwas länger verweilen." Eines Morgens überwältigte ihn die Ungeduld, und er stand auf. Doch kaum war er auf den Füßen, so wurde ihm schwindlig, seine Glieder zitterten, er hielt sich am Bettpfosten fest und mußte zurück kriechen.„Gott ist mein Zeuge," murnrelte er,„daß dieser Aufschub nicht meine Schuld ist." Den ganzen Tag über sehnte er sich nach der Nacht, um die Augen im Dunkeln schließen und an Käthe denken zu können. Er versuchte, sie sich so vorzustellen, wie sie einst gewesen— strahlend, glücklich, reizend, voll Freude, voll Liebe, voll Leidenschaft, wie sie die Füße vom Apfelbaum herunter baumeln ließ, oder auf dem Baumstanim im Glen hinlief, ihn quälend, ihn lockend. Es war unmöglich. Er konnte sie sich nur im düsteren Gefängnis denken. Das erfüllte ihm den Geist mit Schrecken. Manchmal in den finsteren Stunden ward er aus körperlicher Schwäche von allerlei phantastischen Hirn- gespinnsten heimgesucht. Er rief nach Papier und Feder, um zu zeigen, daß er noch Briefe zu schreiben vermöchte, doch konnte er weder Worte noch verständliche Zeichen hervor- bringen, sondern nur Kritzeleien und Kleckse. Diese faltete er dann mit großer Mühe und Sorgfalt zusammen, gab sie Jem-Y-Lord mit wichtiger, geheimnisvoller Miene und flüsterte ihm zu:„Für sie!" So brachte die Nacht ihm keinen Trost und er wartete auf den Tag, damit er die Augen dem Sonnen- licht öffnen und denken könnte:„Sie ist am besten aufgehoben, wo sie ist. Gott wird sie stärken." Vierzehn Tage gingen vorüber, und er sah nichts von Pete. Endlich faßte er sich ein Herz und fragte:„Tante, warum läßt sich Pete gar nicht sehen?" „Er kommt. Liebster. Doch nur, wenn Du schläfst. Er steht dann in Strümpfen dort an der Thür. Ich nicke ihm zu, und er tritt ein und betrachtet Dich. Dann geht er wieder hinaus, ohne ein Wort zu sagen." „Was macht er denn jetzt?" „Es heißt, er soll häufig nach Douglas gehen. Man redet sogar davon— doch die Leute schwatzen gern..." „Und was sagen die Leute?" „Daß er dort die Scheidung betreibt." Philipp stöhnte und wendete sein Gesicht ab. Eines Tages erwachte er aus dem Schlummer, und als er die Augen öffnete, sah er Nancy Joes ehrliches Gesicht. von einem roten Tuche umrahmt. Das offenherzige Geschöpf hielt Rücksprache und Beratung mit Tante Nan. Als un- verheiratete alte Jungfern machten beide genieinsame Sache mit einander. „Warum halten Sie denn nicht Wort," Hab' ich ihm gesagt.„Damals beteuerten Sie bei Gott, daß Sie sie zurück- nehmen wollten, was sie auch gethan haben möchte, und was immer ans ihr geworden wäre. Ist sie denn nicht schon genug in Schande geraten, das arme Ding, ohne daß Sie sie noch tiefer hineinzustoßen brauchen?" sagt' ich.„Warum halten Sie also Ihr Wort nicht?"—„Weil ich meine Rechnung mit dem andern ins Reine bringen will," sagt' er, und dann ging er fort, hinunter ans Flußufer." „Es ist unchristlich, Nancy," erwiderte Tante Nan,„doch es ist menschlich— denn wenn er auch der Frau vcrgiebt, läßt sich doch kaum von ihm erwarten, daß er auch dem Manne verzeihen wird, und er kaun diesen nicht ohne jene strafen." „Es wäre besser, keinen zu strafen, sag' ich. Was nützt es ihm denn, feine Floßfedern g,, strauben, nun der Haken ihm in der Kehle sitzt? So machen's die Männer doch immer. Sie reden und reden von ihrer Liebe wenn aber die Not kommt, ist's nicht besser damit bestellt als mit dem Rahm im Butterfaß, der sauer wird an einem Gewittertag." «Fortsetzung folgt.) lNachdnick verboten.) Hilflose Elkevn.*) Von Ottokar Tann- Bergler. Zu meine» allernächsten Bekannten gehört ein Mann, welcher alle Junggesellen, deren er habhaft werden kann, mit Thrnnen in den Augen beschwört, entwedcr gar keine oder höchstens eine linder- lose Ehe zu schließen. Demnach versteht es sich von selber, daß dieser Mann glücklicher Familienvater ist. Er findet, daß ihm die Ztindererziehung zu Ivenig Muße für lohnende Nebenbeschäftigmig läßt, und eigentlich kann man ihm, wenn man genaueren Einblick in seine geordnete, durch vier zarte Menschenbliite» verschönte Häuslichkeit gewinnt, so unrecht nicht geben. Es ist entschieden eine der mühseligsten Aufgaben, vier Rangen im Alter von drei bis acht Jahren in der Achtung der Staatsgrundgesetze und der„Hausordnung" heranzubilden und sie wenigstens so weit zu bringen, daß man nicht als eine„ruiruhige und geivaltthätige" Partei im Schwarzbuch der Hausherren für ewige Zeiten angenagelt wird. Es wird auf die Dauer lästig, mit jedem Quartal eine neue Wohnung suchen zu müssen, iveil der Hausherr das dringende Be- dürfnis empfand, eine ruhigere Partei zu bekommen. Zu einem solchen Nomadenleben ist mein armer Freund seit undenklichen Zeiten, lediglich seiner liebe» Kleinen halber, gezivungen, da ihre lebhafte llnterhaltnug die übrigen Bewohner stets in einer ungesunden Furcht und Aufregung erhält. Die guten Leute sind eben in dem weitverbreiteten Jrrtiun befangen: sobald vier Kinder unisono eine geschlagene halbe Stunde hindurch aus vollem Halse schreien, so müsse das irgend eine schmerzliche Ursache haben. Dieses Mißverständnis und haltlose Vorurteil brachte unfern Papa alsbald in den Ruf unmenschlicher Grausamkeit und in die beständige Gefahr, eine Intervention der Polizei oder doch der Frei- willige» Retlungsgesellschaft abwehren zu müsse», und er beschloß endlich, der Sache enerqisch ein Ende zu bereiten, vorerst jedes Ge- schrei im Keime zu ersticken und den Sprößlingen die Lust daran »ach und»ach auszutreiben. Es ist ein seltsames, aber tagtäglich zu beobachtendes Faktum, daß die Eltern in solchen, Falle eine tüchtige Portion„ungebrannter Asche" für das sicherste Gegengift halten. Diese Anschaunng hat sich so tief eingewurzelt, daß unser Mann glaubte, in Bezug auf ihre Richtigkeit nicht den leisesten Ztveifel hegen zn sollen. Außerdem führte er ja eine sitzende Lcbeiisweise und Bewegung war ihm also sehr zuträglich. So oft in der Kinderstube ein Vokalkonzert anzuheben drohte, bewaffnete er sich also mit dem„Staverl" und ivaltete mit Ernst und Unverdrossenheit seines Amtes, so daß ihm iib�r laxe Ausübung seiner väterlichen Gcivalt höchstens Böswilligkeit hätte Vorwürfe machen können. Was ich nun sage, wird vielleicht mancher für Erfindung halten, »nd dennoch ist es die lautere Wahrheit: die Prügel brachten diese entschieden abnormal veranlagten Rangen keineswegs zum sofortigen Schweigen, sondern— wer hätte das denken mögen?— sie vergrößerten das zu beseitigende Ilel'el. Es wurden da im Schreien die alleriinglaublichsten Rekords erzielt, und was das bedenklichste tvar, der Exekutor büßte infolge der geringen körperlichen Ge- Ivandtheit, die er bewies, eine» namhaften Teil seiner Autorität ein. Es gelang ihm zumeist erst nach unsäglichen Anstrengungen, den Delinqucntc» znr Annahme der geeignete» Pose zu bringen. Die Kinder bekundete» eine» bedauerlichen Mangel an Einsicht, er- schwertc» ihm die Erfüllung seiner erziehlichen Mission durch die vcr» tverflichsten Ränke und scheuten sich nicht einmal, unter das Bett zn krieche», ivas ihre» Erzeuger stets in die denkbar ivürdeloseste Situation brachte. Er mußte sich dann aufs Parlnmenticrcn ver- legen. Anfangs kamen die Flüchtlinge hervor, nachdem er ihnen feierlich hatte'schwören müsse», daß er ihnen nichts mehr thne und ihnen einen Kreuzer schenken wolle. Als er aber einige Male zum Meineidigen wurde, fruchteten seine lieblichsten Reden nichts mehr. Nachkriechen konnte er auch nicht— bei dem ersten und einzigen Versuch. dies zn thun. war er stecken geblieben und hatte von der Mama an den Beinen mit vieler Anstrengung wieder hervorgezogen werden müssen— und so geschah es, daß er die kleinen Ucbelthäter mit dem Besen hcrvorangeln mußte, was unter allen Umständen eine er- müdende, gewöhnlich aber auch eine äußerst zeitraubende Art der Acquisitio» tvar. Bon der Gepflogenheit, bei jedem Krawall in der Kinderstube alle viere in Behandlung zn nehmen, kam er demnach bald ab. Das gestatteten seine Körperlräste auf die Dauer nicht, und schließlich war dagegen auch vom pädagogischen Standpunkte aus manche triftige Einwendung zu erhebe». Nur der Schuldige soll immer der Strafe verfallen! Das tvar ein sehr erhabener Grundsatz; freilich ein ivenig schwer zur praktischen Geltung zu bringen. Die eingehenden Erhebungen und Untersuchungen in jedem Straf- fall ergaben nämlich bis zur Evidenz, daß stets das jeweilig ein- vernommene Kind unschuldig und die drei übrigen die Thäter waren. Durch die Zeugenaussage tvurde die Sachlage nur immer ver- wirrter, und schließlich stellte sich das strafwürdige Ereignis ') Mit Erlaubnis des Verlegers(Hermann Seemann Nachfolger, Leipzig) entnommen dem Buche„Se. Majestät, das Kind". gelvöhiiliS so tar, daß der— Kanorieuvoqel nl§ der einzig Schuldtrogende erschien. Dieser so vcrtrmienerivcckend anssedende, aber perfide Vogel gehört zu den vielseitigste» Verbrechergestalten der Gegentvart und entschieden eher in den„Pitnvnl" als in eine ehreniverte Wohnung. Da kamen nette Dinge an den Tag. Die zwei Buben sowie das ältere Mädel hätten das verruchte Tier geschont, aber die vierjährige Rosel plauderte mit der un- schuldigen Offenheit ihrer Jugend alles ans. Ein Fenster ivar zer- brache». Das hatte der„Kanari" gethan. Aus dem Speiseschrank war ein Stück Apfelstrudel in der Länge von niindcstens anderthalb Meter verschlvundc». Die Rosel hatte es mit eignen Auge» gesehen, wie ihn der„Kanari" gefreffen. Ans die Wand des neu- tapezierten Speisezimmers ivar ein großer Eselskopf gemalt. Kein geringerer als der„Kanari" wurde als der Illustrator agnosciert. Und ivenn Geschrei erscholl— der„Kanari" und sonst niemand hatte geschrieen. Die DePositionen der Rosel, in deren Vergangenheit sich nicht der geringste dunkle Punkt vorfand, hatten allein genügen müssen. Die übrigen Geschwister sagten konform aus. Nichtsdestoweniger erlag der Papa stets dem nnwidcrftehlicheii Zwang, alle vier durchzuwalken. Es mußte ein andrer Modus gefunden werden. Von der gerichtsordnungsmäßigen Untersuchung der einzelnen Fakten, von der ausschließliche» Bestrafung des der Schuld Ueberwicsenen kam er ab und einigte sich mit der Mama dahin, daß in Hinkunft znr Abkürzung des Verfahrens dasjenige Kind, welches randaliert, allein das„Staberl" zu kosten bekommen solle. Die Proccdnr hatte den Vorzug der Raschheit, aber sie erwies sich als ungerecht. Es stellte sich nämlich in der Regel heraus, daß der justifizierte Schreihals schrie, weil er vorher von den Geschwistern geprügelt worden war. Der Eltern bemächtigte sich die Resignation der hilf- und ratlosen Vcrziveiflnng. Sie hielten lange Konferenzen ab. und endlich kam der erleuchtende Funke. Es war ein snbliiner Einfall. „Mit der Strenge geht es nicht," sagte der Papa,„wir werden es mit der Milde versuchen." Er versammelte die Kinder um sich, hielt eine Ansprache und gab ihnen bekannt, daß von min an, so oft eines von ihnen schreie, die drei andren je ein Malzboubon be- kommen würde». Diese Eröffnung, die mit Begeisterung aufgenommen wurde, hatte einen märchenhaften Erfolg. An diesem und an dem folgenden Tage herrschte in der Wohnung eine geisterhafte Stille, ivie man sie nur noch im Wiener Arkadenviertel beobachten kann. Die Hanslcutc beglückwünschten sich gegenseitig auf das herzlichste und priesen es als ein unverhofftes Glück, daß die lebhafte Familie schon so früh- zeitig aufs Land übersiedelt sei. Der unnatürliche Zustand ertvics sich jedoch selbstverständlich nicht als dauerhaft. Bald erscholl wieder Zetergeschrei, mehrmals im Laufe des TagcS, in innner kürzeren Zivischenpausen, von allen vier Kindern und ztvar mit einer gewissen regelmäßigen Ab- wechsclnng, so daß auf jedes die nämliche Anzahl von„Znckerln" entfiel. Die schnöde Mogelei hätten die Kinder wahrscheinlich bis in ihr höchstes Greisenaltcr prakticicrcn können, wenn nicht die»nvorsichtigc Rosel dabei ertappt worden wäre, wie sie ganz ohne Grnnd. schein- bar bloß zum Vergnügen, eine» Lärm erhob, als ob man sie an gelindem Kvhlcnfencr langsam röste. „Warum hast Du denn jetzt geschrieen?" erkundigte sich der Papa strenge.„Es thnt Dir doch niemand etwas I" Sie machte erstaunte Augen, als ob sie die Unvernunft dieser Anfrage absolut nicht zu begreifen im stände sei. „Na, jetzt ist doch an mir dieReih'! Daun muß der Richard lärmen." „Was, Ihr schreit nach der Ordnung?" „Das"weißt Du nicht, Papa? Im Anfang hat der dumme Richard allein schreien niüssen, aber er will nicht mehr, Iveil Du seit gestern den Schreienden wieder schlägst." Bei dieser Auskunft geriet der Papa in einen apoplcktischeu Zustand. „Ja— aber— wer hat denn das eingeführt?" „Na, die„Große". Und wen» eines nicht weinen mag, dann zwicken wir's I"--- Seit dieser Eröffnung ist in Wien die Nachfrage nach Malz- bonbons lviedec bedeutend geringer geivorden. Die Erfinderin des Schrei-Turnus, die„Große" aber, erhielt eine empfindliche Strafe zudiktiert. Tausendmal hatte sie zu schreiben:„Ich soll kein schlimnics Kind sein!" Der Papa»ahm an. daß sie für eine Woche reichlich mit Neben- beschüftigung versorgt sei. Doch sie ivar schon am nächsten Tage in der angenehmen Lage, die Strasarbcit abzuliefern; sie hatte das Sprüchlein nur ein paarmal abgeschrieben und die Vervielfältigung mittels deL väterlichen— Hektographen bewerkstelligt I— Kleines Fe«tl!et