Anterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 167. Donnerstag, den 28. August. 1902 «Nachdruck verboten.) 87J Vev MsnksmNnn. Roman von Hall C a i n e. Autorisierte Uebersetzung. Philipp atmete schtver. Tante Nan horchte auf.„Ich bin gewiß, es ist jemand in der Halle, Martha. Ist er es— ja, er ist's.... Schnell, geh hinunter zu ihm." „Ja, Madam," sagte Martha und machte ein Geräusch mit dem Schirm, damit man Philipps Flucht auf den Fuß- zehen nicht hören sollte. Dann kam sie zu ihm auf den Gang, trocknete sich die Augen mit der Schürze und that, als ob sie Philipp nun erst in die Stube führte. „Mein Junge, mein Junge!" rief Tante Nan und öffnete ihm die Arme. Die Verwandlung war wunderbar. Sie sah ordentlich jung und heiter aus.„Ich habe die große, große Nach- richt gehört," flüsterte sie, seine Hand erfassend. „Das ist nur ein Gerücht, Tante," sagte Philipp.„Sind Sic wohler?" „O— aber es wird wahr werden. Ja, ja, ich befinde mich besser. Ich bin fest überzeugt, daß es wahr wird. Und was für ein Triumph! Ich träumte es schon die Nacht, eh' ich's hörte. Du warst auf der Spitze des Tynwald und eine große Menschenmenge umgab Dich. Doch komm,.setze Dich und erzähle mir alles. Und Du selbst fühlst Dich besser? Wieder ganz stark. Lieber? O ja, wo Du willst— setze Dich nur, wohin Du willst. Vielleicht hier auf diesen Stuhl neben mir. Ach, wie gut Du aussiehst I" Sie wurde von ihrer Freude fortgerissen. Auf ihr Kissen zurückgelehnt, seine Hand immer noch fest in der ihren haltend, sagte sie: „Weißt Du wohl, Philipp Christian, wer die glücklichste Person in der Welt ist? Ich bin sicher, daß Du's trotz Deiner Klugheit nicht weißt. Ich will es Dir sagen. Vielleickt meinst Du, es wäre ein schönes junges Weib, das einen Mann hat, der es anbetet? Da hast Du aber ganz und gar unrecht. Es ist eine alte, alte Frau, die sehr, sehr schwach ist, nur noch so weiter wackelt und nicht mehr lange leben kann, die aber ihre erwachseneu Söhne um sich sieht, die groß und kräftig sind und noch die ganze Welt vor sich haben. Das ist die glücklichste Person auf Erden. Und ihr zunächst komnie ich; denn niein Junge, der Sohn meines geliebten Jungen—" Sie brach ab und sagte dann mit einem Blick ins Weite: „Ob er meinen wird, daß ich meine Pflicht gethan habe?" «Wer?" fragte Philipp. „Dein Bater," antwortete sie. Dann Ivendete sie sich au ihr Mädchen und sagte ganz heiter:„Du brauchst nicht zu warten, Martha. Seine Excellenz wird Dich rufen, wenn ich meine Arznei nehmen will. Nicht wahr. Excellenz?" Philipp konnte es nicht übers Herz bringen, sie noch einmal zu berichtigen. Das Mädchen verließ die Stube. Tante Nan wartete, bis sich die Thür geschlossen hatte, dann wendete sie sich mit höchst gcheimuisvoller Miene zu Philipp und flüsterte: „Du mußt nicht erschrecken oder Dich verwundern oder Dir einbilden, daß ich sehr krank sei und dem Tode ent- gegen gehe— was glaubst Du aber wohl, daß ich gethan habe?" „Nun, was denn?" „Ich habe mein Testament gemacht. Ist das schrecklich?" „Sie haben ganz recht daran gethan, Tante," sagte Philipp. „Ja, der Bürgermeister war hier, und alles ist in Ordnung gebracht, jede Kleinigkeit. Sieh," und sie hob das Papier auf, welches das Mädchen ihr aus die Bettdecke gelegt hatte.„Laß mich Dir sagen—" sie nickte bei jedem der verschiedenen Punkre mit dem Kopf.„Zuerst einige kleine Legate, verstehst Du. Da ist Martha, ein so gutes Mädchen— ich habe ihr meine seidenen Kleider vermacht. Dann die alte Marie, das Hausmädchen in Ballawhaine. Das arme, alte Ding hat drei Jahre an Rheuma- tismus danieder gelegen, und Flockenbetten nutzen sich ab— ich habe ihr mein Federbett hinterlassen. Ich hatte zunächst daran gedacht, mein kleines Einkommen auf Dich zu übertragen. Du mußt wissen, daß Deine alteTante ein wahrer alter Geizhals ist. Ich habe mein kleines Vermögen so lieb gehabt. Und es schien mir so süß, zu denken— aber Du brauchst es jetzt ja nicht, Philipp. Es würde für Dich keinen Wert haben, nicht wahr? Da habe ich nun gedacht— nun, was denkst Du wohl, was ich beschlossen habe, mit meinem kleinen Besitz zu thun?" Philipp streichelte ihre runzelige Hand. „Gewiß nur, was recht ist, Tante. Was ist's?" „Du würdest es niemals erraten." „Nicht?" „Ich habe mir gedacht," fuhr sie plötzlich ernst werdend fort,„weißt Du, Philipp, es ist niemand in der Welt so un- glücklich als eine arme Frau aus besserem Stande, die ge- strauchelt und gefallen ist. Und dieser hat noch obendrein der eigne Vater, wie man mir sagt, den Rücken gekehrt, unb natürlich hat sie von ihrem Manne nichts zu erwarten. Da habe ich mir nun gedacht.. „Ja..." sagte Philipp mit niedergeschlagenen Augen. „Um Dir die Wahrheit zu sagen, so Hab' ich gedacht, es würde so hübsch sein—" Und dann brachte sie mit ängstlichem Stammeln und zitternder Stimme, unter vielen Entschuldigungen das große Geheimnis, die mächtige Kriegslist heraus: Tante Nan hatte Käthe ihr Vermögen vermacht. „Sie sind ein Engel, Tante," sagte Philipp mit erstickter Stimme. Er durchschaute jedoch ihren.Kunstgriff. Sie sprach von Käthe und dachte dabei an ihn. Sie wollte versuchen, ihm aus der Verlegenheit zu helfen, ein Hindernis zu beseitigen, das ihm im Wege stand, sein Gewissen zu erleichtern, seinen Fehler zu verdecken, und überhaupt alles zu verbergen. „Und dann dieses Haus, Lieber," fuhr Tante Nan fort. „Es gehört Dir, aber Du wirst es nie brauchen. Es ist ein lieber kleiner Zufluchtshafen gewesen, doch der Sturm ist vorüber. Würdest Du— hast Du irgend etwas dagegen einzuwenden— vielleicht doch?— oder könntest Du die arme Seele nicht mit ihrer Kleinen hier wohnen lassen, nach- dem ich— wenn alles vorüber ist, nämlich... und sie... was nieinst Du?" Philipp konnte nicht sprechen. Er nahm die runzelige Hand und zog sie an seine Lippen. Die alte Seele war vor Freuden ganz außer sich.„So glaubst Du also, daß ich recht gethan habe? Ganz gewiß? Schließe es wieder dort in das Schubfach, Liebster. Das oberste zur Linken. Ach, die Schlüssel— ja, wo sind nur die Schlüssel? Wie verdrießlich I O, ich erinnere mich jetzt. Sie liegen unter meinem Kopfkissen. Willst Du Martha rufen? Vielleicht aber thust Du es selbst— willst Du?" fragte sie mit schlauem Lächeln.„Es macht Dir nichts aus.— Ja. da liegen sie. nun noch ein wenig weiter hierhin, nur ein ganz klein wenig— ach, Junge, mein Junge!" Der alten Tante zweite Kriegslist war ebenfalls gelungen. Indem er hinter ihrem Kissen nach den Schlüsseln suchte, mußte er sich über sie beugen, und sie küßte ihn auf die Stirne und auf die Wangen. Dann trat ein Schmerzenskrampf ein. Es verzog ihr das Gesicht, aber ihr Lächeln brach durch. Sie holte tief und schwer Atem und sagte: „Und jetzt... Lieber... fühle ich mich... etwas schläfrig... wie selbstsüchtig von mir... Deine Koteletten... gebräunt... hübsch gebräunt... mit geriebener Semmel... Du weißt—" Philipp floh aus der Swbe und rief Martha herbei. Er schweifte an diesem Abend noch stundenlang ziellos im Hause herum. Einmal geriet er auch in die blaue Stube, das Arbeitszimmer der Tante, das so voll von ihren ihm so wohlbekannten Besitztümern war— dem Spinnrad, dem Stick- rahmen, dem altmodischen Klavier und dem Lavendelgeruch— all den kleinen Zeugen ihrer so feinen, so zierlichen, so lieben Gegenwart. Eine Lampe brannte hier znr Bequemlichkeit für den Doktor, aber der Ofen war kalt. Der Doktor kam gegen zehn Uhr. Es war nichts mehr gn thttii,'.nchts ,nehr zu hoffen, doch könnte sie noch bis zum Morgen leben, wenn... Uni Mitternacht schlich Philipp geräuschlos au ihr Schlafzimmer. Der Zustand war unberändert. Er ging, sich uicdergulcgeu, bat aber, man möchte ihn tvcaerr. wenn etwas vorfiele. CS dauerte lange, ehe er fest ewgeschliimmert war. und ihm schien. alS hätte er nur einen Augenblick geschlafen, als an feine Thiirc geklopft wurde. Er hörte es noch halb im Traum. Tie Morgeudärnmennig war angebrochen, der Licht- schein der kommenden Sonne stieg schon aus dem Meere auf, Ein Sperling im Garten ließ unermüdlich sein einförmiges Gezwitscher hören. Tante Nan war ganz erschöpft, aber der Ausdruck des Schmerzes in ihren Zügen war vergangen, und eine wahrhast himmlische Heiterkeit lag auf ihrem Gesicht. Als sie Philipp crkaitnte, fühlte sie nach seiner Hand, führte sie an ihr Herz und hielt sie dort fest. Sie sprach nur wenige Worte, denn ihr Atem war kurz. Sie empfahl Gott ihre Seele. Dann winkte sie mit mattem Lächeln Philipp ganz dicht zu sich. Er neigte sein Ohr an ihre Lippen und sie flüsterte:„Still. Liebster, sage es niemand, denn niemand hat eS je gewußt, je geahnt... aber ich habe Deinen Vater geliebt... und... Gott... hat mir ihn... in Dir gegeben.- Die liebe alte Seele hatte sich ihres letzten großen Geheim- nisses entledigt. Philipp drückte die Lippen ans ihre Wangen. die schon von kaltem Todesschweiß bedeckt waren. Dann schkossen sich die Augen, das liebe alte Haupt sank zurück', die Lippen veränderten ihre Farbe, waren aber noch wie von eurem Lächeln halb geöffnet. So starb Tante Nan. friedlich, hofsnungsrcich. vertrauensvoll, fast freudig in der Fülle ihrer Liebe und ihres Stolzes. Ihre Liebe hatte ihn wahrend seines ganzen Lebens gc- reizt und gelockt. Sein Vater war schon seit zivanzig Jahren tot. sie aber hatte seinen Geist lebendig erhalte»— seine Ziele, seinen Ehrgeiz, seine Befürchtungen uird die Lehre seines LebenS. Hier lagen die Allfänge seiner Niederlage, seiner Ent- Würdigung, und der erste Grund seines heimlichen Doppellebens. Er hatte alles wieder errungen, was verloren gegangen war— alles gewonnen, was die Welt geben konnte; und was war es ihm wert? Welchen Preis hatte er dafür gezahlt I„Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewänne und nähme doch Schoden an seiner Seele?" Philipp drückte seine Lippen auf die kalte Stirne. XV. Philipp ging nicht nach dem Ulmenhause zurück. Er begrub Tante Nan zu Füßen von seines Vaters Grab. An beiden Seiten war kein Platz mehr. Seiner Mutter eürgejunkenes Grab war zur Linken, und das umgitterte Grab seines Großvaters lag auf der Rechten. Man mußte, um Raun« zu gewinnen. eine Trauerweide zwei Fuß näher an den Weg ver- setzen. Als alles vorüber war, kehrte er allein nach Hause zurück und verbrachte den Rachmittag damit. Tante Nans persönliche Besitztümer zu ordnen; einige Sachen versah er mit Zetteln und schloß sie in die blaue Stube ein. In letzter Zeit hatte man seltsame Witterungscrscheiuungen bemerkt. Auf der Souue waren Flecken beobachtet worden. Magnetische Störungen hatten stattgefunden, nachdem sich am Abend zuvor flackernde Nordlichter zeigten. Bei Sonnen- Untergang trat tief im Westen ein glänzender Lichtschimmer hervor, über dem sich eine wellige Wolkenwand türmte, die wie ein dickes Strohdach aussah; mitten hindurch schoß ein Bündel goldener Lichtstrahlen, bis hinunter ins Meer. Noch- dem die Sonne verschwunden war. breitete sich ein feurig roter Streifen quer über den Himmel aus. und man vernahm ein dumpfes Donncrgeroll. .. Als Philipp seine Arbeit uirterbrach, um auf den Strand hinanszujchanen, sah er einen Reiter rasch herairgetrabt kommen. Es war ein Bote aus den? Rcgierungsamü Er hielt am Thore. Einen Augenblick später war der Ab- gesandte in Philipps Zimmer, ihm einen Brief auszuhändigen. Wenn jemand den Deemstcr gesehen hätte, als er diesen Brief in Empfang nahm, müßte er gedacht haben, daß er sein Todesurteil enthielte. Eine fohle Bläße überzog sem Gesicht, als er das Siegel des Umschlags erbrach und das Schreiben herauszog. Es war Philipps Bestallung aus dem Ministerium.des Innern: Er war zum Gouverneur der Insel Man ernannt worden.„Die Strafe für meine Sünden!" dachte er. Je höher er stieg, desto tiefer war auch der Fall. Es war eine grausame Güte, eine schmerzvolle AnZ- Zeichnung, eine furchtbare Züchtigung. Wahrlich die Stufe» zu seinem Kalvarienberge waren steil. Würde er ihn jemals erklimmen? Der Bote verneigte sich mit uuterthänigstem Lächeln: „Taufend Glückwünsche, Euer Exccllcnz!" «Ich danke, mein Junge. Geh nur hinunter. Man wird Dir zu essen geben." Etwas später kam Jem-y-Lord unter einem Vorwand in die Stube mrd schmin, zelte, vergnügt mn ihn herum. „Ja. Euer Excellenz— nein. Euer Excellenz, ganz recht, Euer Excellenz." Auch Martha, die Philipp auf dem Treppenabsatz be- gegnete, zwang sich zu lächeln und machte einen Knix. Das ganze Haus, das eben noch so dunkel und traurig ausgesehen, schien hell zu werden und zu lachen, als wenn nach einer schlaflosen Stacht das Tageslicht durch die Fensterläden scheint lind die Vögel im Käfig zu zwitschern anfangen. „Sie wird auch davon hören," dachte Philipp. Er schrieb ihr zwei Zeilen, die ersten, zu denen er feit seiner. Krankheit die Feder angesetzt hatte. „Laß den Mut nicht sinken, Geliebte; ich werde bald bei Dir sein." Er steckte ihn ohne Anrede und Unterschrift in ein Couvcrt und adressierte ihn. Dann ging er aus und trug ihn selbst auf die Post. Es blitzte, als er zurückkehrte. Ihm war. als wäre er bei dem Wetter gern weit fortgewandert, hinunter nach Port Mooar. zu den Höhlen und unter den Klippen herum, wo die Seevögcl schreien. XVI. Die Nacht ivar eingebrochen, und er saß in seiner Stube, als sich lärmende Stimmen in der Halle erhoben. Jemand verlangte den Deemstcr zu sehen. Es war Naircy Joe. Sie kam eben von Sulby zurück. Cäsar war etwas zugestoßen, und niemand vermochte, ihn im Zaume zu hatten. „Gehen Euer Gnaden doch zu ihm", rief sie ihm schon von der Thüro aus zu.„Sie allein haben noch Macht über ihn; wir wissen gar nicht, was plötzlich in den Mann gefahren ist. Er hat sich ein Widderhorn verschafft, auf dem er wie toll bläst und um das Haus herum geht; dabei rust er den Herrn an. es niederzuwerfen, weil er es für die Mauer» Jerichos hätt." Philipp schickte nach einem Wagen und fuhr unverzüglich nach Sulby. Das Gewitter war inzwischen stärker geworden. Laute Donnerschläge hallten von den Bergen wider. Zuckende Blitze leckten an den Baumstämmen herab und liefen wie Schlangen die Aeste entlang. Als sie an der Kirche von Lezayre vorüber kamen, bog sich der Kutscher vom Bock herab und sagte:„Da drüben muß ein Unglück geschehen sein. Sehen Sie nur, Herr!" Eine helle Glut schlug in der Richtung, nach der sie stlhren, zum dunklen Himmel ans. An der Biegung des Weges beüu„Kampshahn" rannte jemand an ihnen vorbei. „WaS giebt's dort?" fragte der Kutscher. Und eine Stimme aus der Dunkelheit antwortete:„In die„Manks-Fee" hat der Blitz eingeschlagen, und Cäsar ist verrückt geworden." iForisetzung folgt.) (Nachdruck»erdotni.) Eins Wnudevmrg dnvrlxs Spnltcv L�opfen�Nvviev. u. Hopfeiilnltur, Pflücke und. S a» in a r k t Die Hopfcnpflanze stanimt ursprünglich ouS dem Orient und kam nxihrschmkich erst zur Zeit der Aöikeiioauderung nach Europa. Deutschland und Oestrcich waren die ersten Länder, wo mau deu Wert des Hopfens als Znsatz zum Bier erkannte, während in Eng- laud die gedachte Berwcndu»., noch zu Anfang des 16. Jahrhunderrs nicht falotz als Verfälschung angesehen, sondern iogar unter Heimich Vlll. mit schweren Strafen geahndet wurde. Was aber dem Bier erst Würze und Geichmack gicdt, ist eben das in � der Praxis Lupulin(von blimmlus lupulus, der lateinischen Venemmng der Pflanze hergeleitet) genannte Hopfemnehl, das aus deir iveiblichen Blntendolde» des kultivierten Hopfens gewonnen wird. Hierin ist, als für den Bierbrauer tvichtig. ein flüchtiges narkotisches Oel, daS Hopfenöl enthalten, sowie ein bitterer Extraktiv- stuff, ein bitteres Harz und Gerbstoff, die alle mit auf den Geschmack »ind die Haltbcirleit des BiereS Wirker. DemgemSß muß a»f die Alift'elvahnmg und»nulentlich das Trockneii des«ingesaniiiielten Hopfens die glövte Sorgsait vcrtvcudet iverden, datz er nicht an Lttpulin und fonut Aroma und Wirisainkrit verliert. Man trocknet die Dolden heute allgemein ans Darren mit künstlicher Ventilation. Hicrinit ist i» der Siepcl auch das Schwefeln verbunden, nni den Hopse» sür längere Zeit zu konservieren. Die Fonpflanzimg des Hopfens geschieht nur durch Wnr�eltricbc (Stecklinpe, Fechser) welche in etwa 1,6 Meter entfernte» Reihen 311 je drei in tiefe Löcher gelegt und mit Erde bedeckt werden. Haben die Fechser Ranken getrieben, so giebt ma» ihnen kurze Pfahle, einjährigen Pflanzen 6—7 Meter lange nngeschälte Fichtcnstangen, oder statt dieser, Ivie ich z. B. im Niederbayrischen bei Wolnzach, Langqnaid und andren Orten gesehen habe, besondere Drahtanlagen. Die«tvcke iverden jährlich im März aufgedeckt, alle Fechser bis auf drei oder vier abgejchnitten, gereinigt, gedüngt rmd wieder bedeckt. Daun folgt das Stangeusetzc» und etwa 14 Tage später das erste Behacken und das Aufbinden der Ranken. Im Juli findet das zlveite Behacken statt. Indessen erfordert der Hopfen während seiner Vegetation fortgesetzt anfrncrksainster Untersuchung, da er in dieser Periode zahlreichen Krankheiten, wie Honig- und Mehlthau, Schimmel, Krebs, Wurzelsänlnis in nassen Jahren, Brand und Fuchs unter- liegt und außerdem besonders von Engerlingen, Raupen des Hopsenspinners. Erdflöhe» und Hopfcnblatüänseii heimgesucht ivird. Zwischen Begrünen, Emporranken, Sieifen liegt eine Verhältnis- mäßig kurze Zeilspannet den» der Hopfen ist ja eine tropische WucherpflaiWe, deren rapide? Wachstum beinahe einer mit dem Auge wahruchmbaren Fortbewegung gleichkommt. Ueber Nacht zu sagen bat sich das Raturbild des ganzen Spalter Landes gewandelt. Nun heben sich die zahlreichen Thalmulden mit saftigen Wiesenplaneir, durch Ivelche die fränkische Rezat, unten am Städtchen vorbei, fast geräuschlos ihre klare» Wasser schlängelt. merNich ab vom hohen Hopjcngcstänge an den wiudgeschütztcn Abhängen der Hügel..Garten" an»Garten" 1 Man wandert sortwährend, stundenweit durch frisch- grüne« Rankcugewinde, aus welchem die gegen Ende August bis in dw erstell Septemtwrtage hinein zur Reife kommende» graugold- gelbe» Frucktdolde» hervorlnge». Eine fenchtwanne Luft liegt darüber, ein würziges Aroma strömt dem Wanderer fast atemschiver entgegen, eine gewisse tropische Schönheit ist der Landschaft eigen. Man nierkt nun erst recht, wie natnrnotivcndig sich selbst der Stil- charakter der Bmirrhäuser mit ihren spitzen, bohe», von feilster- ortige» oder schmalen Langlnlen durchbrochenen Dächern der Hopfen- knltur augepaßt, wie bestimmend diese ans alles eingewirkt hat. Die Zeit der Hvpfenrcifc ruft aber noch ein neues Moment bervor: das Monicnt der Lebendigkeit. Reichlich hundert und mehr Jahre zurück, wo»och jeder Bauer seinen kleinen Hopfengarten als Nebenerwerbs- quelle selbst besorgte— und cS war keine Veränderung zu verspüren, das Leben der Bewohner ging seine monotone Bahn ivie iinnier. Mit der Ausbreitung der Hopsenanlageii jedoch und seitdem man beinahe jede andre landwirtschnstliche Bearbeitung des Bodens aus- schied und diesen ausschließlich der Hopfcnkultur überlieferte, hat sich auch jene Wandlung vollzogen, die wir heute zur Reifezeit deS Ge« wächfeS alljährlich vor Augen haben. Mehr und mehr war nun der Bauer auf Helanziehuiuz von fremden ArbeitSlräfte» angeiviejen, die für ihn die Eincnitung der Frucht verrichten. Schon zuvor im Angustinonat begegnet man den fremden Leute», die vereinzelt oder auch zu mehreren dem Spalter Lande zuwandern. Dieser Znzng wird stärker, je näher die Tage der Ernte herankomme». Nach und nach schwillt der Strom der Menschen bis auf 1560, ja bis a»f AXX) an. Das ist das Heer der Hopfenpflücker, das sicd aus anue» ebrtichei, Laiidlente» nnd Handwerksgesellen zusammensetzt, die in ihrem gelernte» Beruf augenblicklich keine Arbeit gefunden haben und nun jede Gelegenheit wahrnehmen, zeit- weilig etwas Bar zu verdienen, um nicht betteln oder hungern zu müssen und möglicheriveife noch einen Reisepsennig zu erwerben, um dann mit neue» LebenShosfmiiigen iveitcrzuwandern. Aber es sind auch so manche.catiliimrische Existenzen" darunter anzutreffen, welch«, sei es durch eigne Schuld oder durch die zwingende Ungunst der socialen Verhältnisse, ans der Bahn tüchtigen Könnens mid an- gespannter stabiler Tlzätiokeit hinansgeworsen� worden sind und dahin nicht mehr zurückkehren kömien oder' nicht wollen. Alljährlich pflegt es zu geschehen, daß Kinder, Männer, graue» von ihren Angehörigen, Vormündern, Pflegern beim Bnrgcrnicifter in den flehcndsten Briefen, wie ich mich habe überzeugen können, gesucht werden. Schiffbrüchige aus allen Ständen und Bernsen finden sich da beim Hopseiiblancn zusammen, manch einer, dem daS traurige Lied dieses Elends nicht au der Wiege gefnngeii wurde, oder den seine im- gewöhnliche Existenz nnd Bildung in einer andren als kapitalistischen Zeit an einen würdigen Platz gestellt haben würde. Hier sind sie alle gleich, denn die Not kennt nur eine Sprache und verschivistert die Unglücklichen mit einander. AIS Brüder nnd Schivestern „von Habenichts" betten sie sich hier, obwohl unter schirmenden Meiischeudächeni, auf Lagern von Stroh und verrichten am Tage die gleiche Arbeit. Da erschallt dann, während die eilten das Eeranke ab- schneiden, dasselbe mitsaint den Stange» herausheben nnd niederlegen nnd während die andern die reifen Frucht- dolden pflücken, Scherzgeplauder. Lachen und Gesang von früh bis spat. In allen„Gärten" draußen, in allen Bauernhöfe», auf Tenne» und Flurvödeu herrscht Leben und Be- wegung. Mancher hat wohl schon von der dem Pflückervolk gemein- bin bekannten Sitte des„Höpfer'Iösens gehört. Der Fruchlzapfen des weiblicben Hopfens, die berühmte Hopfendolde oder Trolle, i'� hier nnd da mit grünen Lnubblättchen durchwachsen:— eine Anamorphose, die Überall den Namen„Höpser" oder auch„Hopferlönig" führt. Hat»in, einer das übrigens seltene Glück, einen„Höpser" zu entdecken, so ivartet seiner auch noch eine besondere Ehre. Man umkränzt ihn mit Hopseulaub und ernennt ihn zum„Kvmg". Er aber schenkt die gefundene Dolde seiner Herzliebstcn oder fönst einer Pslückcrin, die nun ihrerseits als Gegenleistung einen Kuß zu bieten und zu gewähren hat. Bis in die»cnnziger Jahre hinein besaß jene Spalter„KönigS"würde ei» Adliger nnd zwar ein heniiitergekommcner Boro» V.Crailshcim. iiahcrVerivandter des bayrische» Premierministers, der regelmäßig im jcltensten Stromer-Aufzuge zur Pflücke einzutreffen pflegte, bis er, wer weiß es?— vielleicht übers Meer verschickt wurde oder auch total verschollen ist. Etil andrer nicht minder poetischer Brauch knüpft sich an den Erntcbeschinß. Ist nämlich der letzte Wage» beladen, so wird auf ihm eine volle, mit Bänder» verzierte Hupsenstauge errichtet. Der- jcinge aber, der sie hält, kostümiert sich gewöhnlich als— Weib, wirst auf den Kopf eine» Hopfcukrauz und nmgüriet die Lende» mit grünem Gcranke. Was Platz findet, nimmt Sitz auf dem Wagen; alles andre Voll, klein und groß, läuft, ebenfalls mit Hopsenraukc» geschmückt, nebenher, und nun zieht das Gefährt unter Haruiouika- klänge» und Singen und Jauchzen dem Gehöfte zu. Dort wird dein Bauer»cbst der Bäuerin das letzte und vollste Bündel kuicend mit folgendem Spruch überreicht:„Hier überbring' ich Ihnen den schönsten und letzten Strauß und wünsche Ihnen viel Glück zum Verkauf." Was mm folgt, ist ein mit Frei- effcn. Trinken nnd Tanze» verbundener Freudeuabend. ähnlich dem Erutesest in niederdeutschen ackerbautreibenden Gegenden. Ob ein ähnlicher Brauch noch in andren Hopfengegeuden Deutschlands oder Oestreichs gang nnd gebe ist. möge dahingestellt bleibe». Den„Saumarlt" aber hat Spalt sicher ganz allein aufzuweisen. Au jedem Sonn- und Feiertag, der in die Zeit der Pflücke fällt. sind schon morgens alle nach der Stadt führenden Straßen, Wege nnd Steige mit.Zupsianern" und.Ziipfiaueriuueu' belebt, die festlich geputzt oder, wenn sie nichts andres haben, in der Werktags- .Kluft" aus.Portugal", wie sie das ganze Land jenseits der Rezat- brücke nennen, nach.Spanien"(Spalt) hiueinwanderu. Dieser Gang verfolgt zunächst praktische Zwecke: man hat dies oder jenes für des Leibes Noldurft anznschaffe». Deshalb habe» einheimische Klein- und Viktiialiciihändlcr an vielen Plätzen der Hauptstraße ihre Waren- stände ausgeschlagen, wo nun jeder billig kaufen kann, was er an Lebensinmeln nnd allerlei Gebrauchssache» notwendig hat. Noch geht alles ruhig her. Das Straßenbild ruiterscheidet sich wenig von einem gewöhnlichen Sonntage, wo die in die Stadt gekommene» Landleme ihren Kirchengaug zn halten pflegen. Gegen Mittag zu wird's aber lebendiger: »Die Glock', die hat kaum zwölf geschlagen» Da komuien's auch schon angefahren: Sachsen, Schlvcizer und Berliner. Hesic», Bayern, Schwarzwaldiuer. Russen. Türken und Kroate», Und olle, die da Hopse».blatten", Am.Saumarkt", am.Saumarlt". Am»Snnmartt" kominen'S z'samm'. lind mm im raschen Lauf der Nachmittagstiinden rollt sich ein Bild voller groteSlcr Gegensätze ans, das Psychologen, Malern und Sociologen niierschöpflicheu Bcobachtimgsstoff bietet und deffen bis- hariuonijche Farben und Klänge im Gedächtnis haften bleiben. Mau sehe da und höre einmal dieses zusaniuicngeivürfclte Völkchen in den Gärte» und Lokalen'der Gasthäuser, wenn es Krug nn> Krug des .süffigen" Spalter Bieres jauchzend, johlend, spcktakuliercnd herunter- stürzt I Hier eine Vorstcllnng:„Prinz von Arkadien"—«Ober- staalsamvalt GrippSgrapps"—.Landgerichtsrat Hasicmich"— .Baron von Habenichts" zc. zc.. den» man liebt es, sich gegenseitig unter fingierteu, aber nie iinter Familiennauien bekannt zu machen: dort reißt ei» aller Pemibrnder eine Zote oder erzählt einigen Tisch- genossen Schnurren mid Streiche ans seinem Lebe» auf der Walze, in Herberge» und hinter.schwedischen Gardinen". Was hier zusainmeiistcckt: Zupfer und Zup scrinne 11. läßt seinen jonst von der Elendmiserc des Daseins niedergedrückten GeinütSstinnmingen freie» Lauf, pokuliert, witzelt, karesficrt, singt, schreit durcheinander, daß man taub wird. Während dieser allgemeiiieu Wirtshausgandi ist das Leben in den Straßen lind Gassen keineswegs still geblieben. Nicht immer geht's ohne irgend einen„Krach" ab, der jedoch rasch beigelegt zu sein pflegt. Den» denionstrante Aufzüge, oder Maffenlrawallc, wie solche früher zuweilen vorkamen, sind heute fremd, weil auch die polizeilichen Sicherheitsorgane einer hnnranere» Auffassung Sitz und Stimme ge- währen. Gleichwohl tritt die Gendarmerie während der ganzen Hopfenpflücke i» aiigemesscner Verstärkung überall auf, ivie denn auch besondere polizeiliche Bestiinniungen des Bezirks- amtö Schlvabncb über die Dauer der Arbeitszeit, den Aufenthalt der Pflücker ini Spalter Revier und in den Gast- und Baueruhänseril überall öffentlich aushängen und strikte Geltung haben. Nach denselben darf»ieuinnd während der Arbeit den Play verlassen oder ein Wirtshaus besuche», keiner, der ohne Beschäftigung ist, länger als sechs Stunden nach geschehener Abmeldung und Empfang der Papiere am Orte berweile»: und endlich ist an allen in die Pflücke htueiufallcudcn Sonn- oder Feiertage für die Wirts- lofnlc Punkt neun Uhr abends Schluß geboten. Tann muß jeder. ob Stadtbiirger oder Fremder nach Hanse gehen, und iiieiiimid darf mehr die Wohnung verlassen. Auch die einzigen Glücksangenblicke, die der„Saumarkt" bringt, nehmen rasch ein Ende, wie die Pflücke- zeit selber. Strichvögel» gleich verschwindet das Znpfervölkchen nach allen Richtungen der Windrose, und nun setzt wieder das beschaulich- stille Leben ein, welches vom Schimmer des zu erhoffenden Gewinns vergoldet wird.— Emst K r e o w s k i. Mlvines Feuilleton» ce. Wie Berlioz die Kritik narrte. Es ist bekannt, daß Berlioz zu schlauen Mittelchen seine Zuflucht nebmen mußte, lim die Aufführung seines Oratoriums„Die Kindheit Christi" durchzusetzen. Da er fortwährend von der Kritik angegriffen wurde, die in ihrer Borcingeuommeuheit gegen ih» erklärte, daß er in seinen neuen Werken von Tag zu Tag revolutionärer werde, trat er plötzlich mit der Behauptung hervor, daß er ei» ungedrucktes Oratorium eines gewissen. Pierre Dncrs entdeckt habe, der unter Ludtvig XlV. Kapellmeister gewesen sei. Die„Kindheit Christi" erzielte infolge dieser List eine» gewaltigen Erfolg, und die Kritik forderte Berlioz auf, sich' an Pierre Dncrs ein Beispiel zu nehmen. Berlioz hatte aber in diesem Falle seine Neider und Kritiker nicht zum erstenmal gefoppt. Ein Beweis dafür ist ein ungedrnckter Brief des Komponisten, den der„Monestrel" vcröffcnt- licht. I» diesem Briefe, den Berlioz am 16. Dezember 18S4 an die Fürstin Sayn-Wittgenstein, die Freundin Liszts, richtete, heißt es: „Man bereitet meinem Oratorium einen Erfolg, der meine frühere» Werke geradezu empören muß. Er wird aufgenommen wie der Messias, und die Magier hätten ihm beinahe Weihrauch und Myrrhe dargebracht. So ist aber das Publikum in Frankreich! Mau sagt, daß ich bedeutende Fortschritte gemacht, ineine Manier geändert habe mid andre Dummheiten mehr. Das erinnert mich an folgende Anekdote. Im Jahre 1836 ivurde ich alS Pensionär der Akademie der schönen Künste nach Rom geschickt. Das Reglement verpflichtete mich, in Rom eine religiöse Komposition zu machen, die am Schlüsse des ersten Jahres meines Exils in einer öffentlichen Sitzung des Instituts in Paris geprüft werden sollte. Da ich in Italien nichts komponieren konnte sich weiß nicht mehr, warum), ließ ich ganz einlach das„Credo" einer Messe von mir abschreiben, die vor meiner Abreise nach Rom bereits zweimal in Paris aufgeführt worden war, und schickte die„neue" Komposition an meine Richter. Sie erklärten, daß das Stück schon deutlich den glücklichen Einfluß meines Aufenthaltes in Jialie» erkennen lasse; mau könne nicht ver- kennen, daß ich auf dem besten Wege sei, meine ärgerlichen musikalischen Tendenzen vollständig aufzugeben. Wie viel Akademiker giebt es doch auf der Welt!" Als der Brief abgegangen war, merkte Berlioz, daß er vielleicht doch zu viel ans der Schule ge- plaudert habe. Er schrieb deshalb schon am nächste» Tage an Liszt: „In dem Briefe, den ich gestern an die Fürstin Wittgenstein gerichtet, ließ ich mich hinreiße», über meine Pariser Eindrücke einige Wahr- heitcn zu sage». Ich schreibe Dir nun, um Dich zu bitten, daß Dil die Fürstin veranlaßst, meine Geständnisse streng geheim zu halten. Man darf doch nicht jede Wahrheit öffentlich sagen; diese besonders würde mir große Unannehmlichkeiten bereiten, ivenn man wüßte, daß ich sie nnsgcplandert habe... Berlioz kandidierte damals nämlich für das Institut I— io. Der älteste bekannte Arzt, von dem man durch eine in Aegypten geschehene Ausgrabung weiß, wurde bfii Fachgenossen der Gegenwart gelegentlich der diesjährigen Sitzung der Britischen Medizinischen Bereinigung im Porträt vorgestellt. Man hat aus der seinem Grab beigefügten Inschrift erfahren, daß er den Namen Sokhiluionkh führte und vor etwa 5l/2 Jahrtausenden lebte. Die Auffindung des Grabes geschah im Jahre 1894. jedoch hat jetzt ein hervorragender Sachverständiger, Dr. Saudlvith in Kairo, die Stätte noch einmal genau nutersucht lind namentlich ihre Inschriften durchforscht, iveil er gefunden hatte, daß die Hieroglyphen von verschiedenen Aegyptologen nicht in gleichem Sinuc übersetzt worden waren. Der von Dr. Saudlvith über seine Studien jetzt gehaltene Vortrag eröffnet «in höchst merkwürdiges Kapitel der allerältestc» Geschichte der Medizin. Das Grab selbst, dessen Ruine noch heute steht, war gelegen in Sakkarah, dem großen gegenwärtig ganz in Trümmer liegenden Gräberfeld der mächtigen Stadl Memphis, die etivn 4000 Jahre vor unsrer Zeitrechnung iu Blüte stand und einige Meilen südlich von dem heutige» Kairo lag. Noch jetzt ist der Name Solhitnionkh lesbar als Bezeicbnnng des Mannes, von dem das Lebe» Besitz hatte, lvie der altägyptische Ausdruck lautet. Die alte» Aegypter dachte» sich nämlich Leben und Tod als eigentliche Wesen, die sogar nötigenfalls gegessen und verschluckt iverden könnten. Sie glaubten auch, daß jeder Kranke von dem Geist eines Berstorbeiie» besessen wäre. Daher schien auch der Priester ohne weiteres zur Ausübung des ärztlichen Berufs bestimmt, denn iver hätte besser als er dazu geeignet sein sollen, einen solchen Geist auszutreiben und damit die Krankheit zu heben. Es gab damals keinen Arzt außerhalb des Priestcrstandcs, obgleich wahrscheinlich eine Art von Heil- gehilfen seit den ältesten Zeiten daneben praktizierte Sokhitnionkh war aber sicherlich ein eigentlicher Arzt, also zugleich Priester, während alle übrigen Titel, die hinter seinem Name» aufgeführt werden, nur die Ehrentitel eines HofmanneS von hohem Rang bezeichnen. Als Arzt führt er de» Titel Sennu der Weisheit oder Erfahrung bedeutet. Merkwürdig sind die Sätze! mit denen die Pfosten der Grabkammer beschrieben sind. Auf dem eine» ist zu lesen:„Seine Majestät(der Pharao Sahnra von der sünften Dynastie) sagt zu seinem Leibarzt Sokhitnionkh: Stärke Deiner Nase, Dir. dessen Schritte gegen Westen den Göttern angenehm sind, und ein ehrenvolles hohes Alter Dir als einem zuverlässigen und wohlbeliebten Diener!" Die einleitenden Worte dieses eigen- tümlichen Wunsches sind eine gewöhiiliche Begrüßungsformcl jener uralten Zeit und etwa gleichbedeutend mit dem Wunsche eines kühlen Nordivindes oder einer guten Atemluft für de» Bewohner der südlichen Mitlelineergestade. Dann wird auf einer weitere» In- schrift der Arzt selbst redend eingeführt:„Ich verehre den großen König und bete zu allen Göttern für Sahnra, den» er erkennt mich und das Meine. Jeder Wunsch vom Munde seiner Majestät ist für mich zur Wirklichkeit geworden, denn der Gott(Annbis) hat ihm gewährt in ärztlichen Dingen Hervorragendes zu leisten. wegen der großen Verehrung, die er ihm vor jedem andren Gott dargebracht hat. O Ihr, die ihr Ra liebt, betet zu alle» Göttern für Sahnra. der diese Wohlthaten über mich gehäuft hat, denn ich bin sein ivahrhafter Diener. Ich ihue niemals einem Menschen Schaden." In diesen Zeilen wendet sich der verstorbene Arzt an alle, die in Zukunft die Inschrift auf seinem Grabstein lesen iverden, in seine Gebete einzustimmen. Auf einem weiteren Pfosten berichtet der Arzt, was der König für ihn getha» habe(in Wahrheit wird es ivohl umgekehrt gewesen sein); ivir erfahren daraus, wie der König die Errichtung der Grabkammcr angeordnet und mit eigne» Auge» überwacht habe, im besonderen, daß er befahl, blaue, aus Lapis lazuli geschnittene Hieroglyphen dafür auszuführen. BeachtenSivert ist der Ilmstaud, daß der danialige Pharao, lvie ans der Inschrift hervorgeht, immer einen eigne» Nutzen damit verband? wenn er eine Expedition nach den Edelsteinminen jenseits des Nil entsandte,»m zu Ehren eines hohen Dieners einen kostbare» Schmuck zu beschaffen. Der älteste ägyptische Arzt lvird stehend abgebildet mit einem Seepter in einer Hand und einem Zaiiberstab in der andren,»eben ihm sein Weib. Während aber sein Name noch vollständig zu seinen Hänpten zu lese» ist, ist der Name der Frau sorgfällig ausgelöscht, ivas vielleicht darauf schließen läßt, daß der Urvater des Äerztestandes bei Hofe glücklicher tvar als in seinem eignen Hause.— Humoristisches. — Unüberlegt. Landwirtschafts-Lehrling(in die Verwalterstube kommend):„Herr Inspektor, der Schlächtermeister aus der Stadt ist da, er möchte den Ochsen sehen I" Verwalter:„Ich komme gleich!"— — Das Einzige— sein Eigentum. Wäscherei- reisender:„Vielleicht könne» mir gnadige Frau ein Muster von den Hemden des Herrn Gemahl zeigen?" Frau:„Bedaure, mein Mann i st n i ch t z u H a u s e!"— — Schreckliches Gesicht. Meisterin:„Herrjotte, die Milch is schonst wieder sauer!" Lehrbub(aus sicherer Entfernung):„Warum kieken S e o o ch im m er r i n?"— („Lustige Blätter".) Notizen. Präsident Krügers Memoiren sollen im Herbst in einem Münchener Verlag herauskommen.— — Keine„Meinung". G o r ki s„Kleinbürger" iverden im Lessing-Theater vorerst nicht abends iu Scene gehen, sondern am 7. September einem„litterarische»" Publikum als Mntinöe serviert werden.— — Wilde nbruchs neues Drama„König L a u r i n" wird eine der ersten Novitäten des Schauspielhauses sein.— — Der aus Pikrinsäure hergestellte Sprengstoff L y d d i t, der in England zur Füllung von Granaten diente, soll nach einem Be- schlnß der englischen Admiralität in der Marine endgültig aufgegeben werden. Es soll sich bei neuerlichen Versuchen herausgestellt haben, daß Sprengstücke von Lhdditgranaten von einem 800 Meter ent- fernten Sprengpunkt auf das feuernde Schiff zurückflogen. Selbst auf 1500 Meter soll ein Kanonenboot von solchen Sprengstücken ge- troffen und sogar leicht beschädigt worden sein. Man schließt daraus, daß man beim Kampf auf geringe Entfernungen in einem Seegefecht zu befürchten habe, vom eignen Geschützfener ebenso beschädigt zu Iverden, lvie die feindlichen Schiffe.—(„Prometheus".) — Der Sohn des Vorigen. Der Schüler cineS französischen Lyctinns, so erzählt der„Figaro", bekommt als Thema des Ferieuauffatzes das Leben Victor Hugos. Natürlich greift er zum Konversationslexikon und siudet unter allen Hugos auch glücklich den Dichter Victor heraus. Im Anschluß an diese gute Quelle beginnt er seinen Aufsatz wie folgt:„Hugo(Victor), Sohn des Vorigen."— Verantwortlicher Redacieur: Jnlins KaliSti in Berlin. Druck und Vertag von Max Babing in Berlm.