Hlnterhaltlmgsblatt des Horwürts Nr� 163. Freitag, den 29. August. 1902 cNachdmcl verboten.! »sz Der Msnksnrstrn. Roman von Hall Caine. Autorisierte Uebersetzung. Es War wirklich so. Während Cäsar in seinem Irrsinn auf dem Widderhorn blies und in dem Wahn, es sei Jericho, um sein Gasthaus herumzog, war es vom Blitz getroffen worden. Jede Hoffnung, das Feuer zu löschen, mußte aufgegeben werden. Ein großes Loch war ins Dach gebrannt und die Flammen loderten wie durch einen Schornstein daraus hervor. Ganz Sulby schien auf dem Platze zu sein. Einige Leute schleppten Gerät aus dem brennenden Hause, andre liefen mit Eimern zum Flusie hinab und spritzten Wasser auf das lohende Dach. Zugleich bemerkte man die Gestalt eines Mannes, der mit großen, schweren Schritten rings um das Haus, über die Straße, die Brücke und hinten durch den Mühlteich ging, wobei er wütend auf einem großen Hörne blies, dem er schauerliche Töne entlockte. Dazwischen schrie er mit höhnischem Triumph hier diesem, dort jenem der Arbeitenden zu:„Um- sonst, sag' ich Dir. Du kannst es nimmermehr löschen. Es ist Feuer vom Himmel. Habe ich nicht gesagt, daß ich es hcrabrufcn würde?" Es war Cäsar. Seine Augen sprühten, sein Mund be- wegte sich krampfhaft, und seine Backen waren von dem herumfliegenden Nuß so schwarz wie ein Kochtopf über dem Feuer. Als er Philipp sah, flog ein fürchterliches Lächeln über sein wildes, schwarzes Gesicht; er ging auf ihn zu und schrie, auf das Haus zeigend, so laut, daß es den Wirrwarr der Stimnien, das Brüllen des Donners und das Gepraffel des Feuers übertönte:„Ein unsauberer Geist lebte darin, Herr. Er hat mich schon seit zehn Jahren gequält." Er lauschte. als wollte er etwas hören.„Das ist sein Gebrüll," schrie er mit wildem Frohlocken. „Beruhigen Sie sich, Mr. Cregeen," sagte Philipp und versuchte, ihn beim Arm zu fassen. Doch Cäsar riß sich los, blies fürchterlich schmetternd auf seinem Widderhorn und ging wieder mit großen Schritten ums Haus. Als er das nächste Mal zurückkam, hörte man ein dumpfes Donnenollen.„Das ist Ballawhaine," sagte er.„Fünf Jahre hat er am Stein gelitten und immer so gestöhnt." Philipp bat ihn abermals, sich zu beruhigen. Es war vergeblich. Immer wieder ging er rund um das brennende Haus, auf seinem Hörne blasend, und rief den Arbeitern zu, sie möchten mit ihrem gottlosen Werk innehalten, da der Herr ihm befohlen, die Manern Jerichos umzublasen er hätte sie statt dessen niedergebrannt. Die Leute fingen an, sich vor seinem Wahnsinn zu fürchten. „Man wird den Mann ins Schloß bringen müssen," sagte der eine.—„Oder ihn gebunden im Hinterhaus einsperren," sagte ein andrer.—„Den Irrsinnigen von Kirk Manghold hat man fünfzehn Jahre auf deni Boden eingesperrt und während der Zeit wuchsen seine Kinder im selben Hause zu Männern rurd Frauen heran."—„Es ist das Mädchen, das dies über Cäsar gebracht hat. Schande den Töchtern, die ihre alten Väter zu Grunde richten." Immer noch rannte Cäsar um das Feuer herum, auf dem Widderhorn blasend und schreiend:„Umsonst l Es ist der Herr, Euer Gott!" Je mehr das Feuer aufloderte, je mehr es den An- streugnngen der Leute, die es bewältigen ivollten, widerstand, desto loildcr und schauerlicher war Casars Geblase, desto triumphierender sein Geschrei. Endlich kam Grannie herbei und hielt ihn auf.„Komin nach Hause. Vater," schluchzte sie. Er sah sie mit verstörten Auge» an, blickte dann auf das brennende Haus uiid schien sofort zum Bewußtsein zu kommen. „Komm heim, lieber Alter," sagte Grannie zärtlich. „Ich habe kein Heim mehr," klagte Cäsar hilflos.„Und habe kein Geld mehr. Das Feuer hat alles genommen." „Das thut nichts, Vater." benihigte ihn Grannie.„Wir hatten nichts, als wir aiifinge«. Wir wollen aufs neue beginnen." Nun begann Cäsar, Sprüche aus der Schrift vor sich hin zu murmeln, und Grannie suchte ihn auf ihre schlichte Weise zu besänftigen. „Meine Seele geht durch tiefe Gewässer. Ich bin schwach und völlig gebrochen. Gott, hilf mir, denn das Wasser geht mir bis an die Seele. Ich versinke in tiefem Schlamm, da kein Grund ist." „Ach nein. Cäsar, wir sind hier auf fester Straße. Es ist überall trocken." „Große Farren haben mich umgeben, fette Ochsen haben mich umringt. Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und er- rette mich von den Einhörnern." „Mache Dir nichts aus dem Löwen und den Einhörnern, Vater, sondern komm. Du mußt trockene Hosen anziehen." „Entsündige mich mit Asop. daß ich rein werde. Wasche mich, daß ich schneeweiß werde." „Ja, ja. Wir werden Dich schon waschen, wenn wir in Ramsey sind. Komm nur, lieber Alter." Er hatte sein Widderhorn irgendwo fallen gelassen; sie faßte ihn bei der Hand. Dann ließ er sich geduldig fort- führen und die beiden alten Kinder verschwanden zusammen in der Dunkelheit. XVII. Zu Hause fand Philipp einen Brief vor. Er kam vom Kanzleidirektor. Es waren nur einige auf die Rückseite eines Gerichtsprotokolls gekritzelte Zeilen, durch die er ihm mitteilte, daß das Gesuch um Ehescheidung bei verschlossenen Thüren zur Verhandlung gekommen und genehmigt worden sei, so daß alles abgemacht und entschieden wäre. „Ich möchte Ihr ohnehin schon schwer verwundetes Ge- fühl nicht noch mehr verletzen, Christian," schrieb sein alter, väterlicher Freund,„oder Ihnen eine noch größere Verant- wortlichkeit aufbürden, wenn Sie Vorsorge für die Zukunft dieser Frau treffen; doch muß ich sagen, daß sie Ihretwegen einen verdammt guten, braven Menschen aufgegeben hat." „Ich weiß es," sagte Philipp laut. „Als ich ihm sagte, daß nun alles abgemacht wäre und sein verirrtes Weib ihn nicht mehr belästigen würde, glaubte ich, er werde in Thränen ausbrechen." Doch Philipp hatte noch keine Zeit, an Pete zu denken. Sein ganzes Herz war bei Käthe. Sie mußte die gerichtliche Anzeige der Scheidung im Gefängnis erhalten haben, und es würde sie wie ein schwerer Schlag treffen. Er hätte zu ihr hineilen mögen, um sie in seine Arme zu schließen, sie auf die Lippen zu küffen und ihr zusagen:„Mein! endlich mein!" Sein Weib... ihr Gatte... alles vergeben... alles ver- gessen! Philipp brachte den Rest des Abends dmnit zu. einen Brief an Käthe zu schreiben. Er sagte ihr, daß er ohne sie nicht leben könne; zum erstenmal wären sie jetzt beide eins. sie die Seine und er der Ihre. Nun sei ihre Liebe von neuem geboren, und er werde-die Zukunft damit verbringen. das Unrecht zu sühnen, das er ihr in der Vergangenheit angcthan. Dann geriet er in daS gewöhnliche Licbesgeschwätz und schüttete sein Herz vor ihr aus— alle die Kindereien der Liebe, das thörichte Geplauder, den zärtlichen Unsinn. Was lag daran, daß er jetzt Gouverneur und der erste Btann der Insel war V Es kam ihm gar nicht einmal in den Sinn. Was machte es aus, daß er an ein schuldbeladenes Weib im Gefängnis schrieb. Er dachte nur daran, um sich selbst noch mehr zu vergessen. „Nur noch eine kleine Weile. Geliebte, noch eine kurze Frist, dann komme ich. dann bin ich bei Dir. Aelter vielleicht, vielleicht trauriger, und kein Knabe mehr. aber immer noch hoffnungsvoll und bereit, jedes Schicksal auf mich zu nehmen, wenn die Geliebte mir zur Seite steht. Am nächsten Tag trug Jem-y-Lord diesen Brief nach Schloß Rushen und brachte eine Antwort zurück. Es war nur eine Zeile:„Mein Liebling... Endlich, endlich! O Philipp, Philipp! Wie wird es aber mit uusrem Kinde?" xvni. Die Ernennung Philipps zum Gouverneur der Insel Man war in den Kirchen verkündigt und an den Thüren der Gerichtshäuser angeschlagen worden; der Kanzleidirektor betrieb eifrig die Vorbereitungen zur feierlichen Einsetzung� „Ich dächte, sie könnte am Osterdienstag stattfinden", so schrieb er,„und natürlich im Schloß Rushen. Ihr Vorgänger ist bereit, Ihnen an diesem Tage die Amtssiegel zu über- geben und die Bestallungsurkunde entgegenzunehmen. L.(Privat). Und wenn Sie der Meinung sind, daß das Frauenzimmerchen mit der sanften Stimme lange genug in Haft gewesen ist, so will ich sie freigeben. Nicht, daß ihr dort irgend etwas Schlimmes widerfährt, aber es ist doch besser, wenn wir diese kleinen Rechnungen begleichen, ehe Ihr großer Tag beginnt. Sie werden auch inzwischen für ihre Zukunft sorgen wollen. Seien Sie freigebig, Christian! Sie haben die Mittel, um sich großmütig gegen sie zu erweisen. Doch wozu erwähne ich das überhaupt? Weiß ich etwa nicht, daß Sie Ihre Großmut bis ins Lächerliche übertreiben werden?" Philipp antwortete umgehend auf diese» Brief:„Der Osterdienstag paßt mir ebenso gut wie jeder andre Tag. Was die Dame betrifft, so lassen Sie sie noch bleiben, wo sie ist, bis zum Morgen der Feierlichkeit, an dem ich selbst alles feststellen will." Philipps Briefwechsel war jetzt sehr groß; er konnte ihn kaum bewältigen. Die vier Städte der Insel wetteiferten mit einander, ihm ihre Verehrung zu zeigen. Douglas, als Schauplatz seiner Laufbahn, wollte ihm zu Ehren ein Bankett geben; Ramsey, als sein Geburtsort, ihn durch einen Festzug feiern. Er lehnte alle Einladungen ab. „Ich bin in Trauer," schrieb er.„Und außerdem befinde ich mich nicht wohl." „Das darf nicht sein!" dachte er.„Niemand soll mir etwas vorwerfen, wenn die Zeit kommt." Die Welt ließ nicht nach in ihrer Güte und Freund- lichkeit gegen ihn, sie verfolgte ihn damit rastlos, ohne Er- barmen. Er erkundigte sich nach Pete. Kaum, daß jemand etwas von ihm wußte; fast niemand kümmerte sich um ihn. Der Verschwender, hieß es. hätte alles verbraucht bis ans den letzten Schilling und verkaufe nun den Rest seiner Ein- richtung. Am Osterdienstag sollte der Makler das Haus völlig leeren. Das war alles, was er erfuhr. Kein Wort von der Scheidung. Das arme, vernachlässigte Opfer, das man über der lärmenden Verherrlichung dessen vergaß, der so Uebles an ihm gethan hatte, bewies zu guterletzt noch die höchste Kraft eines starken Mannes— die Kraft, zu schweigen und zu vergeben. Philipp fragte nach dem Kinde. Es war noch im Ulmen- Haus in Nancy Joes Pflege. Jede Nacht entwarf er Pläne, um in den Besitz der Kleinen zu gelangen, und jeden Morgen gab er sie wieder auf, weil er sie für zu schwierig oder zu grausam hielt. Am Ostermontag war er in seiner Stube in Ballurc be- schäftigt, während ein reitender Bote fortwährend zwischen seinem Thor und den Regierungsämtern hin und her ritt. Er hatte den Morgen über zwei wichtige Briefe verfaßt. Beide waren an den Staatssekretär für innere Angelegenheiten gerichtet. Der eine war mit seinem Petschaft als Deenister gesiegelt, der andre auf dem Stempelpapier des Gouverne- mentshauses geschrieben. Er wies den Boten gerade an, sich einen Empfangsschein für die Briefe geben zu lassen, als eine mächtige Stimme aus der Halle durch die offene Thür drang. Es war Petes Stimme. Einen Augenblick später kam Jem-y- Lord mit erschrockenem Gesicht herein. „Er ist selbst hier. Euer Excellenz. Was soll ich mit ihm anfangen?" „Bringen Sie ihn nur herauf," sagte Philipp. Jeni fing an zu stammeln:„Aber... aber... und dann kann der Bischof auch jede Minute hier sein." „Bitten Sie den Bischof, in der Stube unten zu warten." Man hörte Pete jetzt heraufkommen.„Ruhig, hübsch ruhig. Bücke Deinen kleinen Kopf, Herzchen. So— so ist's recht I" Philipp hatte nicht wieder mit Pete gesprochen seit jener Nacht, als er bei ihm in der Schlafstube Brandy und Wasser getrunken. Seine Hand zitterte— er konnte nicht anders. Es mußte eine peinliche Scene geben. „Bücke Dich noch einmal. Schätzchen. So— da sind wir." Jetzt stand Pete im Zimmer. Er trug das Kind auf der Schulter; beide hatten ihre besten Kleider an. Pete sah älter und etwas schmäler aus; seine gebräunten Wangen hatten unter den Augen große, blasse Flecken, aber sein Blick war hell. (Fortsctzung folgt.) lNflchdNIck vttbotiN.) Das Biel dev Sonnenbvmegung. Die Sonne, die Beherrscherin der Planetenbelvegungen, ist auch ihrerseits den Eimvirkungen der um sie kreisenden Massen unter- warfen; sie kann daher nicht in majestätischer Ruhe verharren. sondern muß ebenfalls in genau bestimmter Weise sich beivegcn. Kopernikus setzte die Sonne als die Königin des Planetensystems in den Mittelpunkt aller Belvegungen am Himmel; mit der Er- kenntnis des mechanischen Zusammenhanges dieser Bewegungen mußte diese Borstellung weichen. Betrachten wir lediglich die Sonne und die Erde, so enthält die erstere etwa 324 000 mal so viel Masse als die Erde; aber trotzdem bewirkt die kleine Erde, daß der Schwerpunkt ans dem Mittelpunkt der Sonne herausrückt, allerdings nur um etiva 62 Meilen, eine Größe, die gegenüber dem gewaltigen Durchmesser der Sonne von 186 400 Meilen'frcilich nicht ins Gelvicht fällt. Betrachtet man jedoch den riesigen Planeten Jupiter, welcher SlOmal so viel Masse enthält als die Erde, so ver- rückt derselbe den Schwerpunkt deS Systems bereits»m Sä 700 Meilen, verlegt ihn also bereits 2200 Meilen weit ans dem Sonnenkörper heraus. Der gemeinsame Schiverpunkt des Planetensystems, um ivelchen alle Glieder desselben, die Sonne eingeschlossen, kreisen. liegt also gar nicht in der Sonne, wenn er ihr auch so nahe ist, daß sein Abstand von ihr gegenüber den sonstigen Entfernungen im Himmelsraum verschwindet. Die Sonne dreht sich also um ihre eigene Axe, und außerdem beschreibt sie eine elliptische Bahn NM den ruhenden Schwerpunkt des Planetensystems. Ist das aber richtig, so ist kaum anzunehmen, daß die beiden Bewegungen die einzigen sind, welche die Sonne vollführt. „Um Erden ivandcl» Monde, Erden nur Sonnen, Aller Sonnen Heere wandeln Um eine große Sonne" sang schon vor 1�/e Jahrhimderten der Dichter. Freilich drängte ihn zu dieser Vorstellung, daß nnsre Sonne und nüt ihr alle Fixsterne um eine einzige größere Riesensonne sich drehen, die Harmonie in den Himmelsbewegmigen, nicht wissenschaftliche Einsicht. Aber auch die letztere mutz eingestehen, daß die Gravitation oder Schiverkraft. rvelche die Bewegungen unsres Planetensystems regelt, in gleicher Weise zwischen allen Fixsternen, Sonnen gleich nnsrer. wirksam ist, und ivarum sollte nicht eine dieser Sonnen alle andern so gewallig an Größe übertreffen, daß sie alle andern zum rcgel- mäßigen Wandel nni sich als Herrscherin zwingt? Wenn aber die Wisscnschast eine solche Möglichkeit auch zngiebt, so sucht sie doch nach bestinunteren Anhaltspunkte», und falls sie solche findet, wird sie auch zu bestimmteren Vorstellungen über die Art der Beivegung kommen. Die erste Frage wäre die, ob überhaupt an irgend welchen Fix- sternen sich Bewegungen nachweisen lassen. Wenn das der Fall ist, so lvürdc die Vermutung, daß auch nnsre Sonne sich ini Räume fortschreitend bewegt, sich wohl schwer von der Hand weisen lassen. Eine weitere Frage wäre dann, auf welche Weise man wohl die Geschwindigkeit und die Richtung der Sonuenbclvegung ermitteln könnte. Daß die Fixsterne nicht, wie ihr Name besagt, fest sind, sondern ihren Ort am Himmel verändern, wurde vermutet, sobald die all- gemeine Schtverkraft erkannt war; die Beobachtung von Doppel- sternen, die umeinander kreisen, erhob die Vermutung zur Gewißheit. Seitdem die geschärften Instrumente des IS. Jahr- Hunderts genauere Messungen und Ortsbestimninugcn von Gestirnen ermöglichten, sind' außer den kreisenden Bewegungen der Doppelsterne Ortsveränderuugen auch an einer ganzen Reihe von einzelnen Sternen festgestellt worden. 472 Sterne verändern ihre Stellung am Himmel' jedes Jahr um eine meßbare Größe von mehr als llio Sekunde, 25 um mehr als eine ganze Sekunde. Freilich sind das sehr geringe Größen; aber sie summieren sich im Laufe der Zeiten und bedingen eine andre Gruppierung der Gestirne. 9 Fixsterne schreiten alljährlich um mehr als 3 Sekunden am Himmel fort. bei einem überschreitet die Aenderung sogar 7 Sekunden. Nach 514 Jahren wird dieser Stern bereits um einen Grad am Himmel weiter geivnndcrt sein, das ist etiva die doppelte Breite, die uns der Vollmond zeigt, also eine sehr merkliche Größe. Kanu man mm mehr als die bloße Vermutung aussprechen, daß die Sonne, der allgemeinen Auzichung und Einwirkung der übrigen Fixsterne unterliegend, sich im Räume bewegt? Sicherlich, und zwar auf folgendem Wege. Es ist bekannt, daß alle Gegenstände scheinbar desto näher zu- sammenrncken, je tveitcr man von ihnen entfernt ist. während sie bcini Nahekomnien anscinandcrzntreten scheinen. Die einzelnen Bäume eines Waldes z. B. verschivimmen in der Entfernung voll- ständig zu einer unterschiedslosen, schwärzlichen Masse, die sich erst beim Herannahen in ihre Elemente auflöst. Wenn nun die Bewegung der Fixsterne eine solche ist, daß die an der einen Seite des Himmels befindlichen beständig zusammenrücken, die an der entgegengesetzten Seite auLeinaudertreten. so ist eine sehr hohe Wahrscheiulichleit dafür vorhanden, daß ivir selbst, also die Sonne mitsamt den Planeten, auf die letzteren Sterne uns zu bewegen, von den erstercn uns beständig entfernen. Thatsächlich ist dies der Fall, und vor etwa 50 Jahren glaubte man sogar, eine Aenderung in der Bewegungsrichtnug der Sonne fest- stellen zu können, derart, daß man auf eine Kreisbewegung um einen bestiminten hellen Fixstern schließen könnte. Der deutsche Astronom Madler, der die Bewegimgen der Fixsterne sehr ein« gehend studierte, bezeichnete einen Stern der Plejndengruppe, die unter dem Namen Siebengestirn bekannt ist, als den- jenigen, der unsre Sonne' und alle Sterne des Milch- strastensystems zum regelmäßigen Wandeln um ihn zwinge. Die Geschwindigkeit der Sonne bei dieser Bewegung wurde zu vier bis sechs Meilen in der Sekunde gefunden. Freilich nnißte die Rlkyone— dies ist der Name des Sternes, dem Mädler den Rang der Centraisonne zuweist— eine Masse haben, welche die unsrer Sonne um inehr als hundert millioncninal übertrifft, wenn sie durch ihre Anziehung die Sonne mit dieser Geschwindigkeit in eine Kreisbahn um sich als Centruin zivingen soll. Aber die Voraussetzungen, auf denen die Annahme der Alkhone als Centralsonne beruht, sind viel zu schwankend, als daß ihr ein wissenschaftlicher Wert zukommen sollte. Durch Beobachtung erivicsen ist wohl die Beivegung der Sonne, ihre Richtung und ungefähre Geschwindigkeit, indem inan ein gemeinsames Moment in allen Be- wegnngen von Fixsternen in Abzug bringt und der Sonne znerteilt; aber keinesivegsffst die Beivegungtder Sonne bereits so lange verfolgt worden, daß eine Krnmmnng der Bahn hätte festgestellt werden können. In neuester Zeit wird diesen Untersuchungen große Auf- nierksamkeit zugewendet; die Mittel, die Beivegung von Fixsternen zu erkennen, sind durch die Spektralanalyse außerordentlich verbessert worden, oder vielniehr, durch diese Methode ist eine ganz neue Art der Feststellung zu den langwierigen Messungen Hinz» gekommen. Jedermann wird schon bemerkt haben, daß das Pfeifen einer Lokomotive beinr Heranrollen des Zuges beständig höher und höher klingt, während es bei einem Zuge, der sich entfernt, in immer tiefere Tonlagen übergeht. Die Tonhöhe hängt von der Anzahl der Schallwellen ab, welche in einer bestimmten Zeit, einer Sekunde etwa, unser Ohr treffen; beim Heran- nahen der Schallquelle vermehrt sich die Zahl der Wellen, die wir empfangen, beim Abrücken vermindert sie sich, und daher rührt die Veränderung des Tones. Die Lichtcmpfindnng beruht ja auch ans einer Wellenbewegung und zivar ist der schwingende Aethcr der Träger der Lichtansbreitung und der Erreger uusrcs Auges. Was beim Tone die Höhe ist, ist beim Licht die Farbe, sie hängt von der Anzahl der Schwingungen ab, die in unser Auge fallen. Entfernt sich die Lichtquelle von uns, so muß die Zahl dieser Schwingungen kleiner Iverden, die Farbe wird röter; kommt die Lichtquelle ans uns zu, so tritt das Umgekehrte ein, und die Farbe wird blau. Freilich läßt sich die Färbung, die viele Sterne zeigen, auf diese Weise nicht erklären; denn das weiße Licht ist ein Conglomcrat ans allen möglichen Farben, die sich einzeln bei der Beivegung ändern, aber doch wieder zu Iveiß mischen würden. Zerlegt man dagegen das Licht eines Sternes in ein Spektrum, so. erscheinen in diesem die dunkeln Fraunhoferschen Linien, und deren Stelltmg im Spektrum verschiebt sich nach dem roten oder violetten Ende zu. wenn sich die einzelnen Farben des Spektrums verändern. AuS solchen Verschiebungen der dunklen Linien im Spektrum hat man bei einer ganzen Reihe von Fixsternen feststellen können, mit ivelcher Geschwindigkeit sie sich auf die Erde zu, resp. von ihr fortbewegen, und hierbei ist man in keiner Weise an die Entfernung der Sterne gebunden, die sonst die Messung so schwierig, ja vielfach völlig unmöglich machen. Aus allen Untersuchnngcn der neuesten Zeit geht hervor, daß die Geschivindigkeit der Sonne bei ihrer Fortbewegung nicht so groß ist, wie früher angenommen; sie ist zu 22 Kilometer oder ctiva 3 Meilen in der Sekunde ermittelt worden. Eine Krümmung der Bahn ist, wie ge- sagt, bis jetzt nichtszu erkennen. Die Idee einer Centralsonne ist jedenfalls abzuweisen; nichts deutet darauf hin, daß gerade e i» Stern des Milchstraßensystem die andern so geivaltig an Masse übertrifft, daß sie ihn zu timkreiseit gezwungen wären. Höchstens könnte es sich um einen von Masse gar nicht erfüllten Punkt des Raumes handeln, der als Schiverpunkt des ganzen Systems in Betracht käme. Aber bei der ungeheuren Entfernung der Fixsterne von einander ist überhaupt kaum anzunehmen, daß ihre gegenseitige Eiiuvirkung auf einander ausreicht, um die dahineilenden Massen von ihrem geraden Wege abzulenken und in bestimmte krummlinige Bahnen zu zivingen. Wir müssen die Vorstellung festhalten, daß nichts in der Welt' in Ruhe sein kann; wie auch die Sonne und andre Fixsterne entstanden sein mögen, sicherlich hat jeder vom ersten Augenblick seines Bestehens an eine bestimmte Bewegung gehabt, die er nun nach Geschivindigkeit und Richtung für alle Zeit beibehält. Freilich ist es nicht ausgeschlossen, daß eine der Riesenkugeln auf ihrem Wege einer andern so nahe kommt, daß sie unter dem Einfluß der anziehenden Kräfte für immer an einander gefesselt bleiben, und als Doppelstern um ihren gemein- samen Schiverpunkt kreisen. Mehrfach kommt es auch vor, daß die eine von zwei solchen au einander gebundenen Weltkugeln kein Licht aussendet, eine bereits erloschene Sonne ist, deren Existenz uns nur durchs ihre Einwirkungen auf ihren Nachbar verraten ivird. Unsre Sonne hat einen solchen dunklen Begleiter sicherlich nicht; denn der- selbe hätte sich längst durch seine Störnngen der Planeteubahnen bcmerklich gemacht. Welches ist»nn die Richtung, die die Sonne auf ihrer Bahn innehält? Soweit es sich bis jetzt angeben läßt, rückt die Sonne beständig nach einem Punkte ganz nahe beim Sternbild des Herkules hin; daß sie diese Richtung für ewige Zeiten beibehalten wird, ist wenig wahrscheinlich. In dem Maße, wie sie andren Welt- körpern, Nebelmassen und Fixsternen, nahe kommt, mutz eine Be- einfluffniig sich geltenö machen, welche zwar nicht ausreicht, die Sonne in eine dauernde Kreisbahn zu zwingen, sie aber jedenfalls von ihrem Wege ablenken wird. Somit sind wir int stände, anzugeben, nach welchem Punkte des Himmels die Sonne jetzt hineilt; er liegt von dem Frühlingspunkt auf dem Hinnnelsnquator 260 Grad(von Süd nach Ost gezählt) ans der nördlichen Halbkugel des Himmels, in einer Abweichung von 26 Grad vom Aequator, also noch etlvaL nördlicher, als der Wendekreis des Krebses; irgend ein heller Stern ist an jener Stelle nicht zu bemerken. Dagegen vermögen wir nicht zu sagen, Ivie lange die Sonne diese Richtimg einhalten wird, und Ivo sie sich später einmal hinwenden wird.— Dr. B. B o r ch a r d t. Kleines �euillekou» ck. Der Roma» eines Kannibalen. Eine merkwürdige Ans» grabung hat der„Figaro" gemacht. Ein Mitarbeiter hat bei einem Büchertrödler einen kleinen Band vom Jahre 1770, in Paris ge» druckt, anfgefimden, der den Titel„Schiffbruch und Abenteuer des Schiffskapitäns Pierre Biaud aus Bordeaux" führt und durch seine Mischung von Empfindsamkeit und Wildheit für den Charakter der Litteratur vor der Revolution charakteristisch ist. Der alte Kapitän segelte mit einer Brigantine„Tiger", die er znsannnen mit einem ander» Franzosen führte, am 2. Januar 1766 von Saint-Louis ab. Das Schiff scheiterte jedoch bald darauf in der Nähe mehrerer öder Inseln, und es blieben schließlich nur Pierre Viaud, Mine, la Coutnre, die Frau des Kapitäns, ihr Sohn und ein Neger, der ihm gehörte, zurück. Länger als ein Jahr führten sie ein elendes Leben, gingen von Insel zu Insel und suchten den Kontinent zu gewinnen. Die Erzählung dieser Abenteuer ist zu- weilen ergötzlich; so versuchten die Schiffbrüchigen vergebens, nach Art der Wilden Feuer durch das Aneinanderreiben zweierHolzstücke zu be« kommen. Sie liefern auch einem Kaiman eine äußerst komische Schlacht. Die Beziehungen zwischen Viaud und Mine. La Coutnre sind sehr eigenartig.„Nichts Zärtlicheres giebt es als die durchs Unglück ge» bildeten„Liaisons", beißt es an einer Stelle, und an einer andern: „Wir dachte» kaum daran, daß unser Geschlecht verschieden war". Manchmal scheint der Schiffbrüchige jedoch bei seiner Ge- fährtin Mangel an Zurückhaltung zu empfinden.„Ich mußte mir große Mühe geben", sagte er,„sie zu verhindern, sich ihrer schwatzhaften Zärtlichkeiten und ihren ermüdenden Liebkosungen hinzu- geben." Als etwas später ihr Sohn im Sterben liegt und sie über ihr Unglück seufzt, rtfft sie:„Gerechter Himmel, mein Sohn ist tot. ich habe keinen Gatten mehr! Ich habe alles verloren! Bei diesen Worten schwieg sie und brach in einen Thränenstrom aus. Ich trocknete sie nicht!" Schließlich schlug die Stunde, in der die er- schöpfte Natur, gleichgültig gegen alles andre, nur noch Lebens- mittel verlangte.„Meine Augen fielen auf meinen Neger und blieben mit einer Art Gier darauf hatten... Was werde ich thun? Gehört er mir nicht? Habe ich ihn nicht zu meinem Dienst gekauft? Kann er mir je einen größeren Dienst leisten?... Der nagende Hunger erstickte endlich in mir die Stimme der Vernunft." Der im Schlaf Überfallene Neger fleht mit entkräfteter Stimme seinen Herrn a»; dieser„kann seiner Rührung nicht widerstehen, seine Thräne» fließen". Aber mit Hilfe von Mme. La Coutnre vollendet er sein Werk, und dann schicke» sie ein Gebet zum Himmel:„Großer Gott! Verzeih' den Unglücklichen und segne wenigstens die schreckliche Nahrung, die sie zu sich nehmen werden." Aber der heftige Hunger tniterbricht ihr Gebet, sie zünden ein großes Feuer an.„Sobald unser Feuer fertig lvar, schnitt ich den Kopf des Negers ab, befestigte ihn an einein Stecken, stellte ihn vor die Glut und drehte ihn oft um, damit er gleichmäßig briet; aber unser Hunger ließ uns das Ende des Garseins nicht erwarten; wir verschlangen ihn in kurzer Zeit... Wir beide allein begaben uns nicht auf den Weg, ohne den Gefährten zu bedauern, der uns früher folgte, und dessen traurige Ueberreste wir bei uns trugen." So bewahrten die Unglück- lichcn Kraft genug, um die Aufmerksamkeit englischer Seelente zu erregen, die in einiger Entfernung an der Insel vorbeikamen. Zum Glück konnte Biaud englisch.„Da ich zweimal während des letzten Krieges Gefangener war, hatte ich Gelegenheit gehabt, diese Sprache zu erlernen." Er erzählt mit schwacher Stimme seinem Retter seine Abenteuer.„Als ich ihm von der Notwendigkeit sprach, die Nahrung, die die Natur uns in dieser Wüste versagte, in meinem unglückliche» Neger zu suchen, wollte er dies schreckliche Gericht sehen; aus Neugier führte er ein Stück zum Munde. Er warf es aber sofort mit nuaus- sprechlichem Ekel fort und beklagte uns. daß wir eine so widerliche Nahrung hatten nehmen müssen."— ks. Daö Verbrennen der Haut durch die Soune. Verhältnismäßig häufig trifft man nach den Sommerferien Menschen mit dunkler, gebräunter Haut, und man pflegt dann zu sagen, daß sie von der Sonne verbrannt sind. Bei Sonimeranfenthalten auf dem Lande, an der See oder auf mäßig hohen Bergen besteht die Wirktmg der Sonne im wesentlichen nur darin, daß sich unter der Haut ein bräunliches Pigment bildet, bei Hochgebirgs- und Gletschertonren dagegen tritt oft ein wirkliches Verbrennen mit schmerzhafter Rötung und förmlichen Brandblase» und nach- herigem Abschuppen der Haut ein. Je höher man nämlich hinaufsteigt, um so intcnfivcr wird die Sonnenstrahlung; in der Tiefe ist sie am geringsten, weil auf dem langen Wege - G durch die Atmosphäre viel StrahluugZcncrqic absorbiert ivird. Daher scheint zunächst die Meinung berechtigt, dast oie eigeuliiuiUche Brandwirkung der Sonne auf die Haut um so Icickiter eintritt, je intensiver die Strahlung ist, je stärker Liebt und Wärine auftreten. Dieser Annahme widersprechen jedoch gewisse Erscheimmge». Arbeiter an Hochöfen, bei Giasschmelzen, Heizer zc. zeigen nicht die eigen- tiimlich bräunliche Färbung der von der Sonne Verbrannte». Die kolossale Hitze, die von ghitflüssigein Eisen ausgeht, kann auch Brandblasen verursachen, aber nie kann man unvorhergesehener- weise davon überrascht ivcrdcn. da man die«nangenehnie Hitze rasch genug empfindet, um sich znniekziehe» zu können. Ganz plötzlich geht das Verbrennen aber durch die Sonnenhitze vor sich, namentlich, wenn man nicht geschivitzt bat. Während des SIcigens hat man wohl die Einpfindniig der Hitze, nicht ober diejenige des Vor- brenncns. Erst wen» man sich niederläßt und dabei gar eine an- genehme Kühlung durch einen leisen Windhauch empfängt, spürt man Plötzlich einen prickelnden Schmerz und— hat eine heftige Brandwunde. Gewiß wirkt der verdunstende Schweiß abkühlend auf die Haut und sonnt schützend. Man achtet gewöhnlich nicht anf das Gefühl der Spannung, das man in der Haut hat, und doch ist das das Stadium, ivclches direkt dem Verbrennen voran- geht. Wenn aber das Verbrennen, wie ivir schon sagten, nicht mir eine Hitzivirknng ist, da sie sonst auch beim Hantieren an Hochöfen zc. eintreten müßte, so muß das Sonnen- licht ganz besondere Eigenschaften haben, die einen solchen Effekt hervorrufen können. In der That zeigt das Spektrum, daß die stark brechbaren, chemisch wirkenden Strahlen in dem Lichte glühende» Eisens und verbrennender Kohlen nur schwach vorhanden sind, während das Sonnenlicht sie in iveit stärkerem Maße enthält, und zwar um so stärker, in je größere Höhen man steigt. Diese blauen, violetten und ultravioletten Strahlen bringen fast gar keine Erwärmnng der Haut hervor; sie durchdringen sie viel- mehr und gelangen bis in die tieferen Schichten des Zell- gewebcs der' Lederhant, das sogenannte Unterhnntzellgcwebe. Erst hier geht die Absorption und Verwandlung in Wärme vor sich, wobei dann die Schmerzhaftigkeit der beschienenen Stellen als chemisch-phhsiologische Nebenwirkung auftritt. Sind die Strahlen schon einmal so weit eingedrungen, so ist natürlich eine Verbrennung nicht mehr zu vermeiden.' In ganz ähnlicher Weise ivirken auch die Röntgcn-Strahlen auf die Haut ninnchcr Menschen ein; mährend sie gar keine Erwärmung hervorbringen, bewirken sie doch manchmal, eben durch ihren Einfluß auf das Unterhantzellgeivebc die schnierz- Hastesten Verbrenmingen und Brandwunden. Die Natur scheint sich durch Bildung des'bräunlichen Pigments unter der Haut, durch welches die chemischen Strahlen abgehalten werden, zu schützen.— — Eine merkwiirdige„Krankheit" erzener Bildsänlen. Die„Kölnische Zeitung" schreibt: Ii» Central-Mnsenni in Athen bemerkte ein Amateur- Archäologe, Skonloudis. auf den erzenen Bildsäulen im ägyptische» Saal merkwürdige Flecke», von denen beim Berühren ein sandartiger Stoff an den Fingern blieb. Er benachrichtigte den Ephoren des Museums. nnd die angestellte chemische Untersuchung ergab, daß anf den Bildwerken eine Oxydation eingetreten, die man die ivilde Patina oder auch Nonia oder Musenmspest nennt. Diese Krankheit, wenn man die Erscheinmig so bezeichne» kann, zeigt sich zuerst in den oben erwähnte» Flecken und verbreitet sich dann ivie Ausschlag über die ganze Oberfläche der Statne. Die Entdeckung an dem einen Bild- merk im ägyptischen Saal führte zu einer Prüfung aller Mctallbild- Iverke; bei einer ganzen Anzahl hat der zerstörende Prozeß begonnen, bei manchen ist er schon so weit gediehe», daß ihre Erhaltung fast Ausgeschlossen ist. ES sind dies Statuen ans Bronze, die lange in salzhaltiger Erde gesteckt haben und die, ohne genügend gercinijst oder präpariert zu werden, in dem Mnsenm aufgestellt worden sind. Die Bronze, aus denen die Statuen hergestellt sind, ist porös, de- sonders die der alten Aegypter, der auch Blei beigemischt ist; sie hat die Eigenschaft, das im salzhaltigen Erdreich befindliche Salz in ihre Poren aufzimehinei!, und bildet mit dein Salz eine Verbindung von Chlor und Kupfer, die das Metall graugrün färbt. Gewöhnlich werden daher die Bronzestatnc» besonders präpariert, bevor sie in den Museen Anfstellmig finde». Sie werden mehrere Male in destillierte»! Wasier gebadet, daß das Salz herausziehen soll. Diese Bäder werden so lange wiederholt, bis man sich durch den Zusatz von argsntum nitriciira überzeugt. daß alles Salz aus der Bronze entfernt ist. Wenn noch Salz in der Bronze ist. ivird das destillierte Waffer milchig; dann müssen die Bäder mit destilliertem Wasser- fortgesetzt werden. Ist dann das Bild- lverk gereinigt, so ivcrden die etwa vorhandenen kleinen Löcher mit Wachs gefüllt nnd die Oberfläche ivird glatt gemacht. Nützen die Bäder nichts, so wendet man Sauerstoff an, der ebenfalls der Bronze das Salz entzieht. Im ägyptischen Saal sind vier sehr wertvolle Statuen von der Krankheit befallen, in den übrigen Säle» sind im- gefähr 50 Bronzetverke noch mehr als die ägyptischen angegriffen, darunter ein kleines Bronze-Schwert an« den'niykenischen Gräbern, das znm größten Teil angefressen ist. Die Archäologen rechtfertigen das Nichtpräparieren vieler Statuen dadurch, daß sie behanpten. es würde häufig die äußere Fläche verändert.— ivölterkuude. cc. Backöfen aus Weidenruten. An den Abhängen beS KankasliS, also noch in Europa, kommt der Reisende durch Berantwortticher Redaueur: Juli«» Kaltski w Berl ■o_ Gebiete, die von der modernen Kultur fast unberührt sind. Hat man aber das Gebirge überstiegen und Transkaukasieu erreicht, so fühlt nian sich nicht nur um Jahrhunderte, sondern um Jahrtausende zurückversetzt. Das raube Bergvolk der Suancten zum Beispiel, das südlich von Elbrus wohnt, hüllt sich znm großen Teil noch nach der Art der Germanen zu Tacituö Zeiten in einfacbe Felle von Ziegen oder Büren, jdiese Felle sind nur in rohester Weise etivas gegerbt). An einzelnen Orten dieser Gegend >vird bereits gesponnen, aber noch ohne Spinnrad, indem Faden nnd Spindel i» mühseligster Weise mit der Hand gedreht werden. Ebenso einfach und an die ältesten Zeiten erinnernd ist die Art, wie die Bevölkerung ihr Brot bäckt. I» den höher gelegenen Landstrichen Ivird der Teig, wie es bei den homerischen Griechen Sitte war, auf heiße Steine gelegt und auf diesen gedörrt. Mehr thalivärts aber ist man schon fortgeschrittener, indem man dort besondere Backöfen kennt. Allerdings sind diese Back- ose» äußerst primitiv nnd sehr merkwürdig, sie bestehen nämlich aus Weiden, die zu Körben geflochten sind. Doch geben die Weiden nur das Gerüst ab, das dem Feuer nicht ausgesetzt werden darf, der eigentliche feuerbeständige Ofen ist das Innere des Korbes, der ganz mit Lebm ausgestrichen ist, der ii» der Hitze schön trocknet. Will man einen solchen Ofen oder Korb znm Backen benutzen, so macht mau innen ein starkes Feuer an, wo es nnmittelbar auf dem Lehm wirkt und die Weiden nicht gefährdet. Sind die Lchmwände dann heiß, so streicht man den Teig i» großen Fladen herum, so daß er anbackt und gar wird. Es handelt sich oft auch hier nicht um ei» eigentliches Backen, sondern immer noch mehr mn ein Rösten, doch stellt diese Brotbereitmigsweije immerhin schon einen Fortschritt dar.— Aus dem Flierl eben. — Die Kreuzotter a I s Nesträuber. Die„Vr. LdS.» Ztg." beröffentlicht folgende Zuschrift:„Ein äußerst iutereffanter Fall dürfte es sein, die so giftige Kreuzotter beim Morden von Nest« vögeln auf frischer That zu ertappen. Soeben lieferte mir nicin Kuhhirte eine Kreuzotter ein, welche in der Mitte des Bauches einen dickeren Wulst zeigte. Nichts GntcS ahnend, schnitt ich die Stelle mit der Schere ans und eS trat ein soeben heruntergewürgter Nestvogel zu Tage. Wenn ich die Kreuzotter auch längst schon als schlimmen Nesträuber im Verdacht hatte, so wollte es mir doch bisher nie glücken, einen solchen Fall persönlich festzustellen. Ein zweiter Fall war folgenderj: Vor einigen Tagen schickte ich meinen ersten Lehrting zur Revision meines Sonmicr-Fangplatzes für Füchse. Im Walde bemerkte der Lehrling eine Kreuzotter, welche er durch Trete» anf das Kreuz zu töten suchte. Dabei würgte dieselbe einen soeben verschlungenen Nestvogel wieder ans. Ans diesen beiden Fällen gebt mit Deutlich- keit hervor, daß die Kreuzotter neben ihrer Gefährlichkeit für Menschen auch ein furchtbarer Feind dcr Äleinvogelwelt, namentlich der Höhlen- brüter ist, und es sollte dieser Umstand»och mehr dazu beitragen, mit aller Energie an die Vertilgung dieses so schädlichen Reptils zu schreiten. Die Prämienznhlmig für das Töte» der Kreuzotter allein wird»nr in vereinzelten Gegenden zum Ziele führen. Wo irgend die Einbürgerung von Fasanen, de» natürlichen Feinden der Kreuz« otter, angängig ist, sollte diese eifrig betriebe» werden.— Notizen. — Halbes neue» Drama„Walpurgisnacht" ist der e r st e T e i l e i n e r T r i l o g i e, i» deren einzelnen Stücken der Dichter das Sehnen nnd Ringen, die Eutwicklmig und die Reife eines Poeten schildert.— — Das Wiener deutsche Volkstheater� plant im nächstcil Frühjahr die Aufführung eines Cyklns von I b s e n s ch e» Dramen, an denen sich auch Gäste beteiligen sollen. Man hofft anf die Mitwirkung des Ensembles des Bnrgtheaters. des Berliner Schauspielhauses sowie des Dresdener und Münchcner HostheaterS.— — M a s s e n e t S neue Oper ,D e r I o n g l e n r" wird zum erstenmal in deutscher Sprache im Hamburger Stadt- t h e a t e r aufgeführt werden.— — Vernsteinfunde in erheblichen Mengen, darunter oft größere Stücke, werden jetzt täglich bei den AusschachtnngSarbeiten für das Kanalbett des T e I t o w k a n a l s in der Nähe von Grünau gemacht. Dadurch gewinnt die Annahme verschiedener Forscher, daß die Falkenberger Höhen zwischen Grünau und Alt-Glienicke ehemals die Wasserscheide der Oder bildeten, erheblich an Wahrscheinlichkeit. Neben dem Bernstein werden auch Versteinerungen verschiedenster Art, Fische, Holzstücke usw. gefunden, ebenso auch historisch interessante Funde, die aus der Wendenzeit stammen.— — D i e höchste Geschwindigkeit für Kraftwagen erzielte in Trouville ein Gefährt, daS einen Kilonieter in 2&/3 Sekunden. oder 186,3 Kilometer in der Stunde, zurücklegte.-- Die nächste Nummer de» Unterhaltungsblattes erscheint am Sonntag, den 31. August. 8. Druck und Verlag von Mag Boving tu Berlin.