Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 170. Dienstag, den 2. September. 1900 lNachdruc! verboten.» voz Drv MctnstSMANN. Roman von Hall C a i n e. Autorisierte Ucbcrsetzung. „Nein, ist Dir je so was vorgekommen?" rief Pete. „Sieh nur das Kind an. Sie weiß, daß es eine Muschel ist. Wahrhaftig, das weiß sie. Und immerfort kriecht sie herum — vom Morgen bis Abend. Ich will Dir mal was zeigen, Phrt— etwas Hübscheres giebt's nicht in der Welt." Er kniete nieder und streckte die Arme aus.„Komm her. kleiner Strandläufcr. Rücke den Stuhl da etwas näher heran— so ist's recht,'s ist gut, daß Nancy nicht hier ist. Sie würde gleich wie ein Wetter dazwischen fahren. Geht aber Wunder- voll um mit Kindern; und wenn jemand jetzt eine Wärterin brauchte— das Herz einer Stiefmutter ist kalt— doch Nancys? Meiner Treu, man braucht nur über die Hecke nach ihrem Lämmchcn zu sehen, so fährt sie gleich wie ein Erdbeben darauf los. Steh jetzt hübsch fest, Kitty, steh fest, Liebchen I Die Frau hat übrigens recht, die Beine der Kleinen sind wie von Fischbein. Komm nun, mein Schätzchen, komin I" Pete hatte das Kind mit dem Rücken gegen den Stuhl gestellt und dann, sich vorwärts beugend, die Arme nach ihm ausgestreckt. Das Kind»nachte schivankend einen Schritt in den unenneßlichen, meterlangen Raum, der zwischen ihnen lag, blickte zurück auf den umviederbringlich verlorenen Stuhl, sah nieder auf den fernen Fußboden, stürzte dann mit ängst- lichcin Lachen vorwärts und fiel in Petes Arme. „Bravo! War das nicht schön, Phil? Ist»»icht der erste Schritt eines Kindes das Reizendste,>vas es auf der Welt giebt? Noch cinnial, Kitty, mein Schätzchcn. Doch diesmal geh zu Deinem neuen Vater. Ruhig, jetzt, ruhig!" sagte er tief aufatmend.„Gieb mir erst einen Kuß I" er erstickte sein Schluchzen.„Noch einen, Liebling!" dabei versuchte er zu lachen.„Und nun dreh Dich um. Ems— zwei— Bist Du fertig, Phil?" Philipp streckte seine langen, weißen Hände zitternd aus. „Ja," sagte er mit unterdrücktem Stöhnen. „Drei, vier— fort mit Dir!" Die Fwger des Kindes berührten Philipps Hände, man sah es wieder zögern— dann ängstlich lachend vorwärts- stürzen— und das Kind war in Philipps Armen. Er beugte den Kopf zu ihin nieder, er drückte es an sein Herz. Nach einem Augenblick rief Philipp, ohne die Augen zu erheben:„Pete l" Doch Pete hatte sich leise aus dein Zimmer gestohlen. „Pete, wo bist Du?" Wo er war? Er war draußen auf der Straße und weinte wie ein kleiner Junge— nein, wie ein Mann— bei dein Gedanken an das Glück, das er da oben zurück- Die Stadt Peel war an jenem Abend in großer Auf- regung. Es war der St. Patricktag, und die Makrclenflotte sollte Kinsale verlassen. Hundertundfünfzig Boote lagen im Hafen, jedes mit einem Licht im Kompaßhaus; in der Kajüte brannte ein Feuer, Rauch stieg aus dem Schlot und die Segel waren halb beigesetzt. Es wehte eine lebhafte Brise aus Nordwest bei frischer See, und die Luft war voll Salzgeruch. Sobald die Flut eintrat» fingen die Boote an, den Hafen zu verlassen. Frauen, Kinder und alte Männer liefen um die Wette bis ans Ende des Hafendamms. Mütter sahen ihre Söhne, Weiber ihre Männer, Kinder ihre Väter, Mädchen ihre Burschen absegeln— unter Scherzen, Lachen und freudigen Zurufen. Eines der Mädchen machte die Bemerkung, daß die Männer die Insel gerade vor Einsetzung des neuen Gouverneurs verließen. Sofort fingen sie an, daraus ein Spiel zu machell, indem sie thaten, als ob sie den Gouverneur selbst zu wählen hätten. „Für wen»verden Sie stimmen, Mr. Quayle?—„Nun, für Decmster Christian natürlich."—„Werfen Sie uns Ihr Tau zu, damit wir Ihnen dafür einen Ruck geben können."— „Vorwärts, drauf los, ihr Mädchen." Das Tau wurde um einen Anbindepfahl auf dem Quai geworfen, zwanzig Mädchen erfaßten es und das Boot flog nun wie eine Möive am Hafendamm vorbei, um die Schloßfelsen herum, wo der Nord- Westwind es vor sich her trieb. „Viel Glück, Harry I"—„Bring'nen Haufen Geld mit bei der Heimkehr, Jem!"—„Schreib uns einmal— vergiß es nicht."—„Gute Nacht, Vater!" Hier gab es kein Weinen, keine Spur von Thränen, nichts als frische, junge Gesichter, helle Augen und schallendes Gelächter, als die Boote eins nach dem andern hinausglitten in das frische, grüne Wasser der Bucht, wo der Wind sie er- faßte uiid sie in die Nacht hinaustrieb. Selbst die Hunde auf dem Quai sprangen fröhlich herum und bellten, als ob sie vor Freude toll»vürden. Mitten durch das fröhliche Gedränge kam ein Mann in einer Matrosenjacke»lach dem Hafen gegangen; er trug einen weichen Hut mit breiter Krämpe und ein kleiner mißgestalteter Hund folgte ihm auf den Fersen. Einen Augenblick stand er still, wie verwirrt von dem seltsamen, niittcrnächtigen Schauspiel, das sich vor ihm entfaltete. Dann schritt er an den jungen Leliten vorbei und hörte eine Weile ihrem Geschwätz und Ge- lächter zu. Niemand sprach ihn an, und er sprach mit nie- mand. Sein Hund blieb immer dicht hinter ihm. Wenn ein andrer Hund in jugendlicher Ausgelassenheit um ihn her- sprang, und bellte, so knurrte und schnappte er nach ihm und kroch dann bis zu den Füßen seines Herrn und sah aus, als schämte er sich. „Dempster, Dempster! wirst etwas alt, he?" sagte der Manu. Nach einer kleinen Weile ging er ruhig tvieder jfort. Niemand vermißte ihn, niemand hatte ihn beobachtet. Er kehrte zur Stadt zurück. In einem Bäckerladen, der ans- nahmsivcise wegen der Abfahrt der Flotte noch offen geblieben»var, kaufte er einen Schiffszwieback. Mit diesem kehrte er längs des Ufers nach dem Hafen zurück. Durch die Schlippe beim Raketenhaus begab er sich an den Strand hinunter und suchte unter den Kieseln, bis er einen wie eine Hantel geforniten Stein fand, der breit an den Enden und schmal in der Mitte war. Dann ging er zurück nach dem Quai. Der Hund folgte ihm und beobachtete ihn unablässig. Das letzte der Boote»var inzlvischen draußen in der Bucht. Man sah deutlich im Mondschein, Ivie sich die grün aufleuchtende Woge an seiner Windvierung brach. Jemand brachte ein Licht auf das Deck und der riesige Schatten eines Mannes wurde auf das neue Raasegcl geivorfen. Anrufe und Antworten ließen sich über dem Klatschen der Wellen vernehmen. Dann fing eine junge, frische Stimme im Boote zu singen an:„Liebliche Mona, leb wohl, leb wohl!" Die Mädchen sielen ein. und nun sangen sie es sich wechselweise Vers und Vers zu, die Mädchen vom Quai aus und die Männer auf dem Boot über das Meer weg. Ein alter Fischer stand außerhalb des Gedränges mit einem kleinen Mädchen auf der Schulter. „Sie gehen diesmal nicht mit nach Kinsale, Kamerad?" fragte hinter ihm eine(Stimme. „Nein, Herr. Ich habe das seiner Zeit auch mitgemacht. Dreißig Jahre und mehr bin ich dabei gelvesen. Doch nun ist's zu Ende mit mir." „Ja, so geht's nun einmal,'s ist jetzt an den Jungen die Reihe. Laßt sie nur singen, und Gott gcsegne es Ihnen. Wir brauchen uns aber auch nicht zu grämen— wie? Eins bleibt uns ja immer noch übrig— wir können uns an das Vergangene erinnern, und das ist ein Trost, nicht tvahr?". „Ich thue es immer," sagte der alte Fischer. „Trotz allem ist es eine gute Sache gelvesen, zu leben, und wenn unser letztes Stündlein kommt, wird es auch wieder keine so verdammt schlechte Sache sein, zu sterben. Sind Sie nicht auch meiner Meinung, Kamerad?" „Freilich, Herr, freilich." Das letzte Boot war jetzt um den Schloßfelsen herum, sein Topsegel wurde kleiner und verschivand. Auf dem Quai»var das Singen zu Ende, und die Frauen und Kinder wendeten sich nun mit traurigen Gesichtern»vieder der Stadt zu. „Nun, was giebt's?" hieß es hier und da,„war's denn nicht herrlich? War es esiva nicht schön? Und tvas weint Ihr denn drüber?" Tie Mädchen lachten einander mit nassen Augen an und «ingen mit müden Schritten davon. Tie Mütter nahmen die Kinder auf den Arm und brachten sie weinend nach Hause; die Alten schleppten sich mit hängenden Köpfen und schweren Füßen hinterdrein. Als alles fort war und der Hafenmeister seinen letzten Rundgang gemacht hatte, ging der Mann mit dem Hunde ans dnde des leeren Quais und setzte sich dort auf den An- bindeblock, uni den man vorhin die Taue gewunden hatte. Es war jetzt ganz still. Die Stimmen, das Singen, das Lachen— alles war verstuinnit. Man hörte nichts weiter als das Rauschen der Flut, die zwischen dem Hafeudamm und den« Schloßfelsen wie ein gewaltiger Strom hinansschosz. Der Mann sah seinen Hund an, bückte sich zu ihm nieder und gab ihm den Schiffszwicback zum Abendessen, dabei streichelte und liebkoste er das Tier.„Dempstcr, guter Kerl! Dempster, wirst du alt. he? Wir sind weit mit einander herumgewandert, nicht? Bist ein wenig müde geworden? Könntest eine schwere, lange Reise nicht mehr ertragen. Und doch ist das Scheiden auch schwer, o, gar so schwer!" Er nahm den Stein aus der Tasche, band ihn an das eine Ende des Strickes, machte eine Schlinge an das andre Ende, streifte sie dem Hunde über den Hals, hob ihn ohne weiteres mitsamt dem Steine auf und warf ihn über den Damin. Das alte Tier stieß im Hinunterfallen einen kläglichen Schrei aus— das Wasser spritzte auf und strömte dann rasch weiter, am Hafendninnr vorbei. Der Mann hatte sich weggewendet und ging schweren Schrittes am Quai hinunter. XX. Die Nacht war Philipp unter peinlichen Gedanken vcr- gangen. Es schien. als ob sich die ganze Welt verschworen hätte, ihn von der Ausführung seines Vorsatzes zurückzuhalten. „Du sollst nicht ," war die Aufschrift, die ihm überall entgegen sah, wohin er blickte. Vier Personen hatten sein Geheimnis kennen gelernt, und alle vier waren bemüht ge- Wesen, es zu verbergen. Zuerst der Kanzleidirektor, der bei verschlossenen Thüren den Scheidungsprozeß geleitet hatte; dann Pete, der das Aergeruis nach allen Seiten hätte aus- schreien und ihn von scinepr Platze herabreißcn können, der es aber vorzog, zu schweigen und sich unbemerkt fortzustehlen; ferner Cäsar, dessen furchtbare Selbsttäuschung eine Bürgschaft für seine Verschtviegenheit war, und endlich Tante Nan, deren Fürsorge für Käthes leibliches Wohl den Zweck gehabt hatte, der Notwendigkeit einer Entdeckung vorzubeugen. Sie alle hatten ihn bedeuten wollen, sei es auS Neigung oder aus Furcht:„Schweige still, sage nichts. Das Vergangene ist vergangen; es ist tot und begraben. Geh weiter auf deiner Laufbahn. Sie hat eben erst angefangen. Welches Recht hast du, sie aufzugeben? Die Insel blickt auf dich und harret deiner. Vorwärts! Sei stark!" Doch es war zu spät; diese Erwägung konnte ihn nicht mehr bestechen, diese Versuchung besaß keine Gewalt mehr über ihn. Er hatte bereits die unabänderlichen Schritte gethan— sein Weg war ihnr unwiderruflich vorgezeichnet. Er konnte nicht mehr zurück. Doch welch furchtbare Strafe, vor der ganzen Insel die Täuschung offenbaren zu niüssen! Welche Qual würde ihm der Augenblick bereiten, Tn wclchenr jedermann erfuhr, daß er die Welt hintergangen hatte I Daß er ein Betrüger, ein übertünchtes Grab sei I Jedem Schritt, den er bei seinem raschen Emporkomnien gethan, war ein Mensch zum Opfer gefallen, der ihn nur allzu sehr geliebt hatte. Zuerst Käthe, welche seine Deemsterschaft ins Verderben gestürzt, und jetzt Pete, der den Preis zahlen mußte, den seine Erhebung zum Gouverneur kostete. Er sah im Geist die kalten Blicke der Stolzen; er hörte die Verwünschungen der Getäuschten; er fühlte die brennenden Thräncn, welche alle wahrhaftigen Seelen über den Nieder- gang eines so verheißungsvollen Lebens weinen würden. In der wahnsinnigen Angst dieser letzten Prüfungsstunde schien es ihm, als ob er nicht gegen die Menschen und die Welt, sondern gegen den Teufel zu kämpfen habe, der jene benützte, um solche bittere Ironie mit seiner Stellung zu treiben— der ihn mit weltlichem Ruhm zu bestechen suchte, damit seine Seele auf ewig der Verdammnis anheimfalle. Und daraus entstand eine Versuchung, die ihm am nächsten lag— die Versuchung, der Heimat den Rücken zu kehren und die Flucht zu ergreifen. Es war Mitternacht. Der Mond be- schien die weite Meeresfläche. Seine Seele war matt und kraftlos,>vie das Wasser zur Zeit, wenn die Ebbe vorüber ist und die Flut noch nicht wieder begonnen hat. O, wer doch alles hinter sich lassen könnte— die Schande mitsamt dem Ruhm I Das war gerade der Augenblick, da die Mädchen auf dem Pecler Quai das Tau für die Männer im Boote zogen, die allesamt für Christian stimmen wollten. Die Beängstigungen im Schlafe waren noch größer. Er glaubte in Castletown zu sein und heimlich au den Mauern des Schlosses herumzuschleichen. Verstohlen blickte er nach dem Parlamentshaus hinauf und hinab nach dem Hafen, dann steckte er zitternd seinen Privatschlüssel in das Schloß des Seiteueingangs zum Ratszinmier. Die alte Pförtnerin hörte ihn durch den langen Korridor gehen und klapperte in den Holzpantoffeln zur Thür heraus mit einem Licht, das sie mit der Hand beschattete.„Ich habe etwas vergessen," sagte er.—„Verzeihung, Euer Gnaden, erwiderte sie und machte eine tiefe Verbeugung. Er öffnete geräuschlos die kleine Thür, welche aus dem Ratszimmer zu den Gefängnissen führt, doch in dem dunklen Schatten der Treppe rief ihn der Schließer an:„Wer da? Halt!"—„Still, der Deemster!"—„Bitte Euer Gnaden um Verzeihung."—„Zeigen Sie mir die Fraucngefängnisse."—„Hierhin, Euer Gnaden."—„Ihre Zelle."—„Hier, Euer Gnaden."—„Den Schlüssel. Ihre Laterne. Gehen Sic nun in die Wachstube zurück." Er war bei Käthe.„O, mein Herz, mein süßes Herz I"—„Geliebter!" —„Komm, laß uns fliehen von der Insel. Ich kann dem Sturm nicht Trotz bieten. Ich glaubte, ich hätte Kraft genug — aber ich kann es nicht. Auch Hab' ich das Kind. Komm!" — Und Käthe antwortete:„Ich würde mit Dir gehen, Philipp, wohin es auch wäre— überall, überall hin! Ich brauche nichts weiter als Deine Liebe. Wäre dies aber würdig eines Mannes, wie Du? Verlaß mich! Wir sind schon zu tief gefallen, um noch tiefer ins Verderben zu gehen. Hebe Dich weg von hier, gehe fort!" Und er schlich beschämt aus der Zelle vor der zornigen Liebe, die ihn vor sich selbst zu retten suchte. Er, der Deemster, der Gouverneur, stahl sich davon wie ein Hund. Es war nur ein Traum. Als er erwachte, sangen die Vögel und der Himmel blaute über dem Meere. Die Ver- suchnng war vorüber; sie lag unter seinen Füßen. Er konnte nicht länger zaudern; sein Becher war übervoll— er wollte ihn bis auf die Hefen leeren! Jem-y-Lörd kam ganz voll Neuigkeiten. Die Stadt war mit Flaggen geschmückt. Man wollte einen allgemeinen Fest- tag feiern. Eine große Tribüne war auf dem Rasenplatz vor dem Gcrichtshaus errichtet worden. Das Volk wollte sich nicht durch des Deemsters Weigerung abschrecken lassen. Wer den Ehrenbezeugungen ausweichen wollte, war ja nur um so würdiger, gefeiert zu werde». Mau gedachte dem neuen Gouverneur eine Adresse zu überreichen. „Laßt sie nur, laßt sie gewähren." sagte Philipp. Jem blickte verwundert auf. Das Gesicht seines Herrn hatte einen so sonderbaren Ausdruck. „Soll ich Sie heute fahren, Exccllenz?" „Ja, Jenrnry. Es ist vielleicht das letzte Mal." Was fehlt nur dem Gouverneur? Ist die Aufregung doch zu stark für ihn gewesen? XXI. Es war ein herrlicher Frühlingsmorgcn, lind und frisch, voller Duft und Farben. Neuer Ginster leuchtete von den Hecken, die Veilchen guckten verstohlen aus dem Grase hervor, über das frische Grün der Wiesen sprangen mutwillig die jungen Lämmer, und die Lerchen sangen in der klaren blauen Luft. Als sie zur Stadt hinunter gelangten, herrschte dort ein lebendiges Treiben. In der Umgebung des Gerichtshauscs war die Menge am dichtesten. Ein Polizeidiener gab dem Kutscher mit der Hand einen Wink, und Jcm-Y-Lord fuhr vor. Der Bürgermeister trat an den Schlag und verlas eine Adresse. Des eisernen Christians wurde darin gedacht und ihm der Name des„großen Deemsters" gegeben; die Stadt war stolz darauf, daß der erste mankische Gouverneur der Insel in Ramsey geboren sei. Philipp antwortete kurz; er beschränkte sich darauf, feinen Dank auszudrücken. Uuter lebhaften Hochrufen belvegte sich der Wagen weiter. Die Fahrt war von da ab ein lauger Triumphzug. In der Sulbh- und der Ballaughstraße gab es Flaggen und Volksgedräuge. Von Zeit zu Zeit schlössen andre Wagen sich an, bis sie eine lange Reihe bildeten. Der Bischof wartete am bischöflichen Palast: es wurde für ihn unmittelbar hinter dem Wagen des Gouverneurs Platz ge- macht. lFortsetzung folgt.! Kleines Feuillekon. � Ein Kiiustlcrstrcit. Zwei norwegische Mciler, der dekaniite Secessionist und Symbolist E. M u n ch und sei» künstlerischer Gegen- pol, der sich stets im Rahmen der.typischen Thatsachen" haltende. ans dem Kunstinarlr tvohl nngeschriebenc v. Dittcn, leben seit einiger Zeit in erbitterter Fehde. Diese führte öfter schon zn kern» haften Wechselgcsprnchen, deren Nusartnng zn Thätlichkeiien mir durch wohlmeinende Freunde verhindert wurde. Eines schönen Tages aber, so erzählt man den„Münchcner Neuesten Nachrichten", war Dittc» so unvorsichtig, vor seiner neu erworbenen Villa in Aasgardstrand Posten zu fassen,«in seinen gegen- über wohnende» Widersacher ei» ivcnig zn ärgern; nun ivar endlich der ersebnte Augenblick der Schlntzabrechnnng gekommen. Der Impressionist erschien am offenen Fenster, in der einen Hand ein anfgcschlagenes Slizzenbnch, in der andren einen scharf geladenen Revolver von beunruhigendem Umfang, nnd forderte den tödlich er- schrockcncn Landschafter ans, sich gütigst zehn Minuten ruhig auf dem Fleck zu halten, damit er eine hübsche Karikatur von ihm malen könne. Der„Typische" kam der peinlichen Einladung mit schlotternden Knien nach, gelobte sich aber im stillen, blutige Rache zn nehmen. Als beide am nächste» Morgen ans öffentlichem Markte anfs neue znsamnienprallten und Dittcn seinen Gegner zur Rede zn stellen versuchte, ergriff Münch, der darauf nur ge- ivnrtct zu haben schien, Ditteus silberbezwingten Spazicrstock und verabfolgte ihm eine ausführliche Tracht Prügel. Die um- stehende Menge konnte natürlich eine so schöne Gelegenheit unmöglich vorübergehen lassen nnd schlug alsbald mit vereinten Kräfte» reils aus die Ditte» zn Hilfe gerufene Polizei, teils auf Dittcn selbst los. Nachdem die allgemeine Balgerei eine Zeit- lang fortgedauert hatte und iniltlcrtvcile eine entsprechende Anzahl Fensterscheiben durch umherfliegende Stöcke, Bierflaschen und andre gefällige Geschosse eingeworfen war. fand es die Ortsbehörde von Äasgardstrand angezeigt, mit kräftigerem Geschütz aufzufahren. Eine grosze Handjpritze der Feuerwehr wurde heimlich nach einem nahegelegenen Hofe geschoben, dort mit Wasser gefüllt, worauf ein Diener der hl. Hcrmandad hinter einem schützenden Bretterzäune hiinvcg de» Lcitnngsschlanch in Thätigkeit treten liest. Bis auf die Haut dnrchnästt, zog sich männiglich alsbald in seine Reviere zurück, während der unglückliche v. Dittc» spornstreichs zum Kadi lief, um diesem sein Leid zn melden. Damit tvar für einst- wciligen Waffenstillstand gesorgt. Die Chriftianiäer Künstler- Boheme hat cS sich nicht nehmen lassen, Manch nachträglich eine bc- geisterte Huldigung zu bereiten, während v. Dittcn sich bis auf weiteres damit begnügen mnst. in sämtlichen Witzblättern der Residenz alS Held des Tages verwendet zn werden.— Diicrit:?. Schauspielhaus.„Die Hcitercthei", Thüringer Volksstnck von Heinrich W e l ck e r.„Die Hochzeitsreise", Tragikomödie in einem Aufzug von Wilhelm Wolter s.— Da st einem, der Otto Ludwigs alte, behaglich-hnmoristische Thüringer Dorfgeschichte von der„Heitcrelhei" liest, der Gedanke kommt,>me hübsch eS wäre, das prächlig-frische„Mordsniäd'l" mit dem tanz- mästig hüpfenden Spitznamen, den kecken, selbslbeivnsttcn, eigen- sinnigen Spottvogcl, der sich endlich doch in de» Schlingen der Liebe füngi, leibhaft vor sich zu sehen, ihr mmüeres Gerede selbst mit anzuhören, zeugt ganz gcivist von keinem schlechtem. Geschuiacke. ES geht dem Leser nicht anders, tvie all den Lnckenbacher Mannsleuten, vom federleichten Schncidcrlein bis zn dein raiislnstigcn, ricscnslarkcn Fritz Holder; er mnst an dem eigenartig reizenden Geschöpf verliebtes Wohlgefallen haben. Aber den Wunsch, die-Phantasie- gcstalt leibhast zn sehen nnd zuhören, dadurch verwirklichen z» wollen, dast man das Mädchen samt all dem Kleinvolk, zwischen dem cS sich in der Novelle betvegt, auf die Bühne bringt, das ist freilich ein arges Stück. Wer die„Hcitcrcthci" tvirklich lieb hat, der hätte ihr dieS Unrecht nicht anthnn solle»! Im Lampenlichte mnst sie notivcndig das beste persönlichste Teil ihrer Schönheit, körperlich nnd seelisch, verlieren. Was uns in sie verliebt macht, das ist die Liebe, mit der der Dichter selbst von ihr erzählt, die Liebe, die ihm hundert kleine, im Thcaterbilde gar nicht tvicderzngcbcnde Züge er- finden lästt. Was bleibt von dem Gesichte der„Heiterethci", wenn nian das reizvollste darin, das.immerwährende Erbleichen und Wiedererrötcu vor Kraft', das Spiel der tveisten, rasch in � dunklere Färbung übergehenden„Druckfleckeu", die jede selische Veivcgnng in den prallen, goldbraunen Wangen hervorruft, auslöscht? Es ist dies fast das Einzige, was Ludwig uns von ihrem Antlitz erzählt, aber ein Zug, so malerisch, so charakteristisch für die wogende, gesunde und leicht erregbare Kraft ihres Wesens, dast er nrit vollen» Recht in des Dichters Erzählung als eine Art Leitmotiv wieder und wieder kehrt. Ans diesem Zug erschafft die Phantasie des Lesers das Antlitz deut» licher, als es bei einer noch so ausführlichen Einzelbeschreibimg möglich wäre. Wie kläglich mnst da jede Schanspielknnst, nnd wäre die Darstellerin die hübscheste, die schminkknndigste und in jeder Be- Ziehung eine Virtnofin der Nachahmung, hinter dem Originalbild, das der Dichter zeichnet, zurückbleiben I Und wie ums Aenstere, so steht's nms Innerliche der Gestalt. Das beste in der Erzählung ist eben das, ivas jeder Bühnennachahmnng sich von vornhereii» völlig entzieht. Die„Handlung" hat bereits in der Novelle an mancherlei Stellen et>vas Schleppendes, znweile» selbst künstlich Konstruiertes. Auch scheint sie hier nnd da zn klein für die Länge der Erzählung. Aber der bilderreiche Humor, die Innigkeit, die ebenso heitere Ivie tiefe Psychologie in der Chnraktercntlvicklung der Heldin hilft leicht darüber himveg. Ja der bequeme Schlendergang hat seine eignen Vorzüge. Es eilt tvirklich nicht so, dast die Heitercthei unter die Haube komme! Auf der Bühne ist alles anders. Wohl oder übel rückt da die„Handlung" in den Vorder- grnnd, und all das üppige. freie Phantasie- Gerank, das in den Nahmen dieser„Handlung" nicht hineinpastt, wird ge» kappt. In drei Akten, oder ziveieinhalb Stunde», niust das Knnststück gelöst werde», dast die eigensinnige Heitcrelhei dein eigensinnigen Fritz Holder nm den Hals fällt. Was z» diesem Schlnsteffekt in Be- zichung, ihn fördert oder ihn als feindliche Jntrigue kreuzt, das mnst, so oder io für Biihnenzivecke zurechtgestutzt, inS Stück hinein, was sich nicht stutzen lästt, bleibt eben drallste». ES ist ein unbarmherziges Rnpfen, Biegen nnd Zusammenpressen. Kein Wunder, wenn Ludwigs frisch gepflückte Waldblumen in diesem kiinstlichen Drahtstranst so ver« ivcllt und dnftlos erscheinen. In der Sache selbst, vielmehr als ctlva in einem besonderen individuellen Ungeschick des Herrn Welcker ist das gründliche Mistliiigen das Thcalralisiernngsversuches begründet. Eine„Banernkinnedie", nicht besser nnd nicht schlechter als es ihrer zn Dutzenden giebt, ist so herausgekommen. Und die Heitereithei in diesen» Werke sieht bei aller änstercn Ucbereinstinnnnng von Worten nnd Handlungen sich selbst so ivenig ähnlich, ivie sie in der Novelle ihrer Schwester ähnlich sieht. Die Kraftproben, die Herr Welcker sie auf der Bühne verrichte!» lästt, haben keine Spur von der naiven Ergötzlichkeit der Schnbkarrengeschichte, und der lachende, sorglose Ucbcrmnt, um den»vir sie an»»leisten lieben, konrmt in den» Ge- spinste der Theaterhandlung völlig zn kurz. Man»veist nicht recht. war»»» man sich für sie und ihre Heiratsgcschichte viel mehr inter- essieren sollte. als für die irgend eines Broneli öder Marieli oder ivie sonst brave und trutzigliche Heldinnen in Bauernkomödien hcistcn. Was das Stück immer noch über Wnffer hielt, war die A»if» führnng. AnS den Posscnfignre» der Ringwirti» und des angstvolle» Schneidermeisters»nachten Frau Schräm in nnd Herr Vollmer, was daraus gemacht werden tonnte, Herr S t ä g e m a» n Ivar ein guter Fritz Holder,»md Fräulein L i n d n e r überraschte geradezu durch die herbe Kraft, n»it der sie die Hauptrolle gestaltete. Das spröde Wesen, die Energie nnd der Trotz kamen vorzüglich zum Ausdruck, nur mnstte man eben nicht an das nnnachahm'lliche Urbild mit den goldbraunen Wangen nnd den»„immerwährenden Erbleichen und Er- röten" zurückdenken. Der Beifall blieb nicht ohne Opposition. Auch die kleine dramatisierte Humoreske„Hochzeitsreise", von Herrn Böttcher und Fräulein Hans n er flott heruntergeplaudert, brachte es zu keinen» Erfolge.— 6t. Freie Volksbühne.„John Gabriel B o r k n> a n", Schauspiel i» vier Auszügen von H c u r i k I b s e n.— Das vorgenannte Drama, dessen bedeutsame Ausführung an» letzten Sonntage im M e t r o p o l- T h c a t e r vor dem Verein Freie Volksbühne statt- gesunden hat, nimmt nntcr Ibsens Werken eine besondere Stellung ein, sotvvhl in stofflicher, als anch in technischer Hinsicht. Zunächst frappiert diese grostartige Tragödie des griindtich bankrott ge- Ivordcncn EgoismnS und kapitalistischen MenschheitSbeglückungs- Ideals durch das in ihr verkörperte Verhältnis zn frühere», über- wundcnci» nnd zu»ciic» Lebeilsausfasiniigen nnd Idealen des Dichters. An Borlman zeigt er, dast selbst ein Verbre.bcr und Zuchthäusler nicht aufhört, eine seelische nnd geistige Individualität zu sein und dast es, wenn anch in ver- änderter Form, eben wieder Nlir eine»nenschlichc Genleinheit ist, ihn mit allen seinen Rechte» ans die Freiheit des Daseins ge- wisserniasten für vogelfrei zn erklären. So luirkt das Drama wie ei» Tribunal, vor welchen» Ibsen lange Jahre hinter den» gesühnten Verbrechen Borkmans diesen verteidigt. Ein zweites Merkmal bildet hier das Verhältnis der Geschlechter zn einander. Wir wissen ja. dast Ibsen in allen seinen voraufgegangenen Dramen de» Frauen auch insofern eine besondere Stelle zuerkeimt, als er gewöhnlich die Männer sür das Los und Schicksal jener verantwortlich macht. Bork- ma» lästt er dagegen daS Weib als Spielverderberiii brandmarken. Nicht Eines sei gut und im Lebenskampf müsse mindestens jemand untergehen, ganz gleich»ver. Als drittes Merlmal soll endlich Ibsens Stellung z>»r Natur herborgehoben sein. Wie diese schon in der „Frau vom Meere" inid in der„Wildente" gespenstisch und bvbiiend in das Leben seiner Mensche» hineinragt, so lästt Ibsen anch Borkman in die freie Landschaft, als das Traumreich seiner einstigen Jugend hinaustreten und hier sein Leben enden. Nun die Anfführnng selber. Die drei Hauptrolle» der Tragödie wurden drwch drei hervorragende Darsteller ganz bedetitjam ver- lorpert. Ndvlf Klein qab den Jo�n Gnbriel Borkman. SÄon die ganze wuchtige männliche Erscheinung imponiert. Borkman, dem selbst die harte Gefängnishaft nicht den Glauben an sich zu brechen vermocht hat, Borkman, der rücksichtslose Egoist, von dem eine eisige Kälte ausströmt, wenn er zu Menschen redet, und der sich zum enthusiastischen Träumer wandelt, sobald er seine dunkle Bergmanns- seele den Faktoren des Reichtums, der Macht zuwendet, Borkman endlich, in dessen napoleonischer Gewaltnatur doch nicht ganz die Erinnerung an feinere Gcmütsregungen der Jngend und Liebe erloschen sind und der kurz vor dem Ende seiner Laufbahn noch schaffensselig und siegesfroh in die Welt hinaus- strebt, bis er hier angesichts der landschaftlichen Natur inmitten seiner neuen Lebensträume dahinsinkt: so stellt ihn Adolf Klein in seiner vollen Menschlichkeit vor uns hin. Wir müsse» an ihn glauben und unser Herz wird ergriffen, das; der Held, ohne der Menschheit mehr nutzen zu sollen, wie ein kranker Wolf vom Dasein scheiden muff. Frau Elisabeth S ch o l tz spielte die Frau Gunild Borkman. Jeder Zoll war hier jener kaltherzige starre Egoismus, den Ibsen in dies gegen den sündigen Mann und die trostlose Vergangenheit. gegen die Schwester um den einzigen Sohn und um ein makelreineS Zukunftsideal kämpfende Weib gelegt hat. Ella Rentheim, Fran Borkmans um ihr Liebes-> und Lebensglücl betrogene Zwillingsschwester, ist keine sympathische Gestalt, weil sie, an andren Jbsenschen Frauen gemessen, eine auffallend schwache Verteidigerin ihrer weiblichen Herzensrcchte ist und eigentlich nicht viel mehr sagt, ivas nicht auch andre Durch- schniltsweiber mit ebenso aufrichtiger als banaler Wahrhaftigkeit sagen würden. Aber sie ist ganz Liebe und Hingebung. So hat sie Fran Alwine Wieke uns nahe gerückt und so vermögen wir ihr mit seelischer Anteilnahme zu folgen. Dort, wo Frau Wieke sich niit Borkman auseinandersetzt, dort, Ivo die beiden Frauen, dort. Ivo alle drei, jeder nach seinen innersten Beweggründen unr den Besitz des Sohnes und Neffen überwältigend, obivohl vergeblich ringen: ver- spürte man den Flügelschlag des Höhengeistes der echtesten Ewigkeits-- tragödie; da lochte jener Schauer, der die Herzen erbeben macht. Gleichwohl möchte ich doch vor einem gewissen pathetischen Uefaer» schwang der Sprechweise, in welchen die beiden Künstlerinnen an Borkmans Leiche verfielen, warnen, weil dabei das hochtragische Moment allzuleicht Gefahr laufen könnte, ins komische Gegenteil umzuschlagen. Frau Fanny Wilton, von Frau D ö r m a n v. L ü t l i tz dargestellt, hat eine gewisse Aehulichkeit mit Rita Allmers in„Klein Eyolf�. Ich weiff aber doch nicht, ob, neben einem allzu auffälligen Anflug wienerischen Dialekts, nicht auch di« vom Geiste der Jbsenschen Tragödie merklich entfernte Auffassung, welche Fanny Wilton durch die geschätzte Darstellerin er- fuhr, etwas störend empfunden wurde. Auch die Auffassung und Wiedergabe des Wilhelm Foldal durch Richard Valentin möchte ich nicht als einwandfrei gelten lassen. Foldal ist, ivas er sein soll, ein passiver Charakter. Dennoch muff im Auge behalten werden, daff Ibsen den Typus individualisiert hat. Auf die Jndividualisieriing durch den Darsteller kommt es sonach an und es ist darauf zu achten, daff das Individuum durch eine allzu maniricrte Gestallung nicht zum Typus, geschweige denn zur Karikatur verflacht wird. Dennoch verdient auch das Gute, das geboten ivurde, Anerkennung. Ein gleiches gilt von Richard Metzl als Erhard Borkman, obwohl der Drang des Sohnes aus dem elterlichen Totcnhause nach Freiheit und Liebe schärferer Herausarbeitung benötigt hätte. Fräu- lein D i t t m a r als Frida Foldal und Fräulein L ö b e r als Stuben» Mädchen hielten sich brav. Regie und Jnscenierung waren den An- forderungen des Dramas angemessen. Ich möchte aber doch auf» merksam machen, daff der Charakter der Dichtung als WandlungS» drama in der vorletzten Scene durch eine wandernde Naturscenerie ungleich wirksamer in die Erscheinung treten tvürde.— e. k. — n. Buntes Theater.— In Wolzogens Brettl hielten am Sonnabend die neuen Direktionsgcwaltigen Oskar Strauff und Dr. Martin Zickel ihren Einzug. Sie können mit dem Erfolg der Eröffnungsvorstellung zufrieden sein. Freilich riff nicht Hugo Salus' Einakter' den Abend heraus, sondern der eigentliche Brettl-Teil, den man für die neue Spielzeit schon halb als abgethan halten konnte. Die eigentliche Zugkraft des Abends war Tiny Senders; ihre'Wiener Couplets fanden ungeheueren Beifall: der Dialekt, das süddeutsche Temperament und die Konrik ihrer Vortragsweise machten ihr den Erfolg leicht. Von Hugo Salus' Einakter„Snsanmr im Bade" konnte man einige Erwartungen hege»; wenigstens hätte man auf ein ge» schloffenes lyrisches Stimmungsbild hoffen dürfen. Doch nichts von alledem: eine roh zusaurmengehauene Scene ivurde aufgetischt, ohne befriedigenden Abschluff, voll hohler, nichtssagender Phrasen. Zwei lüsterne Richter haben Susanna, das schönste Weib der Ortschaft, im Bade beobachtet. Ihre unbefriedigten Sinne verlangen Rache. Als Richter und Moralhüter klagen sie fälschlich Susanna an, einen fremden Jüngling iin Bade empfangen zu haben. Nach alter Sitte soll die Unzüchtige gesteinigt werden. Da erscheint der reine, fremde Jüngling— er verkörpert die Wahrheit— und befreit durch eine lange Rede Susanna vom Tode. Nun werden die beiden alten, lüsternen Richter gefesselt und abgeführt. Der Jüngling aber zieht von bannen, ohne Dank noch Lohn anzunehmen. Marcell Salzer verkörperte vorzüglich den einen geilen, grauen Burschen.— I Verantwortlicher Nedacteur: Carl Leid in Berlin. Astronomisches. vi. Ein merkwürdiger S o n n e n h o f, der anfangs August iin südlichen Norivcgcu beobachtet Ivurde. findet sich in der Londoner„Nature" beschrieben. Es handelt sich um ein Natur- schnuspiel, ivie es in dieser Art wahrscheinlich noch niemals in der wissenschaftlichen Litteratur verzeichnet worden ist. Die Himmels» knnde spricht in dieser Beziehung eigentlich nicht von einem Sonnen- Hof, weil darunter doch nur ein einfacher Strahlen- kreis um das Tagesgestirn zu verstehen ist, vielmehr ist für die besondere Erscheinung, von der hier die Rede sein soll, der Name Halo zur Anwendung gekommen. Ein Sonnenhalo ist ein nicht häufiges, aber sehr auffallendes Phänomen, bei dem sich in der Umgebung der Sonne leuchtende Kreise zeigen, die zuweilen noch durch das Auftreten von Nebensonnen ausgezeichnet sind. Die Kreise erscheinen nicht nur um die Sonne als Mittelpunkt, sondern gehen auch in irgendwie symmetrischer Anordnung durch die Sonne hindurch. Der in Norwegen um die Mittagsstunde beobachtete Halo hatte aber, wie gesagt, noch eine Besonderheit, die vermutlich sehr selten ist, indem die Strahlenkreise unsymmetrisch zur Sonne gruppiert waren. Zum Zustandekommen eines solchen Schauspiels gehören gewisse Witternngsverhältnisse, die zur Entstehung eines Dunstschleiers führen. Ein solcher war auch in jenem Fall vorhanden und zwar in dem Grade, daff die Sonne, obgleich ihre Scheibe deutlich erkennbar war, nur geringe Schatten zu werfen vermochte. In ihrer Umgebung stand zunächst ein leuchtender Kreis, dessen Linie durch die Sonne hindurchging, dann ein Kreis von gleicher Gcöffe, der aber weder die Sonne traf, noch sie zum Mittelpunkt hatte; endlich innerhalb dieses Kreises ein kleinerer Kreis von etwa halber Gröffe, der um die Sonne geschlagen erschien, jedoch so. daff die Sonne wieder nicht genau in seinem Mittelpunkt stand. Die Strahlenkrcise hatten einen sehr scharfen inneren Rand von orangeroter Farbe, die nach auffen hin zunächst in Gelb und schliefflich in ein bläuliches Weih überging, Ivorauf sie unmcrk- lich in dem weihen Dunst des Himmels verschwand. Die Breite der Ringe war recht beträchtlich svon l�/e— 2 Grad). Das Schauspiel änderte sich allmählich, indem zuerst der durch die Sonne gehende grohe Kreis langsam verschwand. Dann wurde der zweite groffe Kreis unsichtbar, und es blieb nur der kleine Kreis um die Sonne mit starker Leuchtkraft bestehen. UebrigcnS war auch noch ein kleiner Bogen eines vierten Kreises beut- lich erkennbar, der sich ganz aufferhalb der Sonne befand und die Linie des kleinen Kreises von anffen berührte. Das Wetter war fast gänzlich windstill. Nebensonnen waren nicht ficht- bar, jedoch erschienen die Ringe an einzelnen Teilen, und zwar namentlich an solchen Stellen,' wo das Auftreten von Nebensonnen zu erwarten gewesen wäre, eigentümlich verstärkt. Ein etwas ahn- liches Schauspiel hat der amerikanische Astronom Professor Barnard im Frühjahr dieses Jahres in der Umgebung des Mondes be- obnwtet, jedoch bleibt die Eigentümlichkeit jenes Sonnenhalo darin bestehen, daff die Lichtkreise unsymmetrisch zur Sonne erschienen.— Humoristisches. — Aufklärung. Bauer:„Jaz bist scho zwoa Woch'n da in Erntnrlaub, aber g'arbat' hast uo loa» Stroach 1" Sohn:„Arbat'n? Dös giebts scho lang nimmer I Der Ernte- Urlaub is bloh deswcg'n da, damit an Löhnung und Verpflegungs« kosten g' spart iverd I"— — Der© r u 11 d. Ein Pfarrer bewirbt sich um eine Stelle. Er macht den üblichen Besuch bei den Bauern. In dem Garten des einen findet er effbare Schnecken. Er macht den Bauern darauf auf- merksam und wundert sich sehr, als er sieht, daff die Leute dieselben nicht zu würdigen verstehen. Am Sonntag wird er einstimmig ge- wühlt. Beim Hinausgehen tritt der Bauer auf ihn zu.„Herr Pfarrer, dat hew ick matt." „Wieso, lieber Freund?" „Je nu, ick hew de andern vcrtcllt, See steten uns all dat Untüg (Ungeziefer) up."—(„Siinplicissunus.") Notizen. — Das Deutsche Theater will in dieser Saison eine Ncueittstttdiernng von Goethes„Fan st" bringen.— — Halbes„Jugend" ist schon wieder einmal verboten worden: von der Censurbehörde in L a i b a ch(Krain).— — Bei der Konkurrenz, die das I o s e f st ä d t e r Theater ausgeschrieben hatte, um Stücke m i t R o l l e n für H a n s i Niese zu erhalten, sind fünfundneunzig dramatische Arbeiten eingelaufen; eine hatte fünfundzwanzig Akte.— —„Rymond", eine Oper des jungen Pianisten Raoul v. K o c z a l s k i, gelangt am 20. Oktober in Elberfeld zur Erst-Aufsührung.— — Die erste deutsche Central st eile für Grund- karten ist an der Leipziger Universität begründet worden. Das neue Institut steht in Verbindung mit dem Seminar für histo- rische Geographie.— cc. Die Kälte, welche Fische vertragen. Pntat hat durch Experimente dargethan, daff Fische bei einer Temperatur von — 20 Grad gefrieren und wieder vollständig lcbeiidig werden können, sobald sie in ihnen zusagende Lebensverhältnisse kommen.— Druck und Verlag von Max Bading in Beri-n.