Inlerhallungsblall des yit. 172 Donnerstag, den 4. September. 1900 Machdruck verboten.» 92] De« Mclnkstnnnn. Roman von Hall C a i n e. Autorisierte Uebersetzung. (Schlug.) Das Buch wurde zur Richterbank hinaufgereicht, Philipp unterzeichnete, händigte es dem Sekretär wieder aus und sagte, zu dem Gefängniswärter gewendet: „Aber behaltet sie.noch im Gewahrsam, bis jemand kommt, sie abzuholen." Während dieser Vorgänge hatte eine frostige Stille ge- herrscht. Als sie vorüber waren, holten die Damen wieder frei Atem.„Sie erinnern sich wohl noch des Falles," hieß es— die unwürdige Person hatte Mann und Kind verlassen, ist seitdem geschieden worden."—„Ach ja. War es nicht bei ihrem ersten Verhör, daß der Deenister krank wurde?"— „Die Männer sind solchen Geschöpfen gegenüber immer zu zartfühlend." Philipp hatte sich wieder erhoben.„Eure Excellenz, ich habe zum letztenmal mein Amt als Dcemster ausgeübt." Seine Stimme war heiser geworden. Er sah erschöpft und abgezehrt aus. Die»vanne Teilnahme des Exgouverneurs war durch den unerwarteten Zivischenfall etivas abgekühlt worden. Dennoch glätteten sich die Pockennarben seiner Stirn und er stand lächelnd auf. In demselben Augenblick trat der Kanzlei- dircktor herzu und legte zwei Bücher vor ihn auf das Pult— ein Neues Testament in zerrissenem Lcdereinband und das lübvr Juramentorum, das Buch der Eide. „Wenn ich auch nur niit stets wachsendein Bedauern," sagte der Exgouverneur,„an die Lösung der Bande denken kann, die mich an diese schöne Insel geknüpft haben, so wird mein Schmerz doch gemildert durch die Befriedigung, mit der niich die Wahl meines Nachfolgers erfüllt, den ich als einen Ehrenmann von gewaltigem Geist und fleckenlosem Rufe kenne. Er wird die selbstherrliche Unabhängigkeit wahren, welche Ihnen ans fernem Altertum überliefert wurde, und gleichzeitig die Treue eines Volkes aufrecht zu erhalten wissen, welches der Krone immer ergeben gewesen ist. Möge der Segen des all- mächtigen Gottes auf seiner Verlvaltung ruhen und möge er,»venu je die Zeit kommt, daß er sich in derselben Lage befindet wie ich heute, ebenso lebendig siihlcn, wie ich es thue, welche treue Hilfe und große Güte er hier erfahren hat. Gleich mir wird er sich dann nur mit dem tiefsten Bedauern von der kleinen Manksnation trennen, die er dann verlassen lvird." Der Gouverneur ergriff hierauf den Amtsstab und gab das Zeichen, sich zu erheben. Alles stand auf.„Und nun," sagte er, sich lächelnd zu Philipp wendend,„um, wie Sie sagten, alles zu thun, was der Regel entspricht, lassen Sie uns zuerst die Vollmacht Ihrer Bestallung in Empfang nehmen." Es entstand eine augenblickliche Stille, dann sagte Philipp nrit ruhiger, klarer Stimme: „Excellcnz, ich habe kein Anstellungsdekret. Das Dokument, das ich erhielt, habe ich»vieder zurückgeschickt. Ich habe daher kein Recht, als Gouverneur eingesetzt zu werden. Auch habe ich mein Amt als Dcemster niedergelegt, und obschon mein Entlassnngsgesnch noch nicht angenommen worden ist, bin ich in Wirklichkeit doch nicht mehr im Dienste des Staats." Ganz betäubt vor Ueberraschung sahen die Anwesenden den Sprecher mit verwirrten Blicken an. Jemand war hinten auf der Richterbank aufgestanden. Es war der Kanzleidircktor. Er streckte die Hand aus, als ob er Philipps Schulter be- rühren wollte. Dann zauderte er und setzte sich wieder. „Meine Herren des Rats und der Keys, die Sie hier vcr- sammelt sind," fuhr Philipp fort,„Sic»verden glauben, einen Mann vor sich zu sehen, der in einen Abgrund springt, welcher iioch dunkler ist, als der Tod. Das mag sein, wie es will. jedenfalls haben Sie ein Recht auf Aufklärung, und ich bin da, sie zu geben. Bei dem was ich gethan habe, gehorche ich nur. dem Zivange meines Gewissens. Ich bin deS Amtes, dem ich bisher Vorstand, nicht würdig und noch weniger deS Amtes, das man mir jetzt anträgt." Ein nur halbverständlicher Ausruf, der hinter Philipps Stuhl ertönte, unterbrach ihn. „Ach. glauben Sie nicht, alter Freund, daß ich in leerer Selbstunterschätzung befangen bin. Ich würde vorgezogen haben, mich nicht so genau auszudrücken, was aber sein muß, muß sein. Eure Excellenz hat von meiner fleckenlosen Ehre gesprochen. Wollte Gott, ich wäre rein; ich bin aber leider tief mit Sünde befleckt." Er hielt inne und strengte sich an, von neuem zu be- ginnen, doch stockte er abermals. Dann aber sagte er in dumpfem Ton, mit gemessenem Ausdruck, während eine atem- lose Stille herrschte:„Ich habe ein Doppelleben geführt. Unter dem Leben, das Sie alle sahen, war noch ein zweites— Gott allein weiß, wie voll von Uebelthaten und Unehre und Schande! Es gehört nicht zu meiner Pflicht, andre mit in dieses Bekenntnis zu verwickeln. Lassen Sie sich genügen, wenn ich erkläre, daß meine Laufbahn auf Falsch- hcit und Raub gegründet war, daß ich das Weib betrogen habe, das mich aus tiefstem Herzen liebte, und den Mann beraubt, der mir init ganzer Seele vertraute." Das Volk fing hörbar zu atmen an. Ein Stuhl wurde hinter dem Sprecher gerückt. Der Kanzlcidirektor hatte sich erhoben. Sein hochgerötetes Gesicht war heftig bewegt. „Möchte es Eurer Excellenz gefallen," fing er stockend und stammelnd, mit heiserer Stimme an,„es wird zur Kennt- nis Eurer Excellenz und zur Kenntnis aller auf dieser Insel gekommen sein, daß Seine Gnaden nur eben erst von einer langen und ernsten Krankheit genesen ist, einer Folge von Uebcrarbeitung und allzu eifriger Ausübung seiner Pflichten ... und daß... thatsächlich... nun, um die volle Wahr- heit nicht zu verbergen... daß—" Mit ungeheurer Erleichterung atmete die ganze Ver- sanimlung auf, und der Gouverneur, der sehr blaß geworden war, nickte zustimmend. Nur Philipp lächelte traurig und schüttelte den Kopf. „In der That bin ich krank gewesen," sagte er,„aber nicht aus dem Grunde, welchen Sie angeben." Der Kanzleidirektor sank in seinen Sitz zurück. „Der Augenblick kam. da ich über meine eigne Sünde zu Gericht sitzen sollte, der Augenblick, da sie, die ihre Ehre ver- loren, weil sie der meinen vertraut hatte, auf der Anklage- dank vor mir saß. Ich, der die erste Ursache ihres Unglücks gewesen war, saß ans dem Richterstuhl als Richter. Sie be- findet sich jetzt im Gefängnis, und ich bin hier. Dasselbe Gesetz, welches ihr Vergehen mit Schmach ahndet, hat mich zur Macht befördert." Im Gerichtshof herrschte eine eisige Ruhe: das erste Licht durchbrach die Dämmerung. Mit dem raschen Instinkt, welcher sich einer Menge in großen Momenten bemächtigt, begriff das anwesende Volk alles— die Unlauterkeit des Charakters, der für so rein gegolten, die Nichtigkeit eines Lebens, das sich scheinbar so edel gezeigt hatte. „Als ich mich nun fragte, was mir zu thun übrig bliebe, konnte ich nur eins finden. Ich durste das Richteramt nicht länger ausüben, im Hinblick auf meine eigne Ungerechtigkeit und auf die höheren Schranken, vor denen ich einst selbst stehen würde. Ich mußte aufhören, Dcemster zu sein. Doch dies konnte mir nur Schutz gegen die Zukunft bieten, es war noch keine Strafe für das Vergangene. Ich konnte mich nicht einem irdischen Gerichtshof stellen, weil ich keines Ver- brechens gegen ein irdisches Gesetz schuldig war. Das Gesetz kann den Menschen nicht vor das Gericht des Gewissens stellen. Er muß dies selbst thun." Er hielt wieder inne und sagte dann ruhig:„Mein Urteil ist dies offene Bekenntnis meiner Sünde und das Aufgeben der weltlichen Vorteile, die durch das Leiden andrer erkauft worden sind." Es war nicht länger möglich, an seinen Worten zu zweifeln. Er hatte gesündigt und den Lohn seiner Sünde geerntet. Dieser Lohn war groß und glänzend gctvesen, aber er war entschlossen, ihm zu entsagen. Die Träume seines Ehrgeizes »varen erfüllt, er hatte Wunderbares erreicht, die Welt»var erobert und hatte ihm zu Füßen gelegen, und doch stand er jetzt im Begriff, auf alles dies zu verzichten. Die Ruhe des Gerichtshofes war jetzt zu einer scheuen ehrfurchtsvoll� Stille geworden. Er wendete sich an die Bank der Richter, doch aller Augen sahen zu Boden. Da senkte sich auch sein eigner Blick. „Vleine Herren des Rats, die Sie dieser Insel so lange und ehrenvolle Dienste geleistet, vielleicht tadeln Sie mich, weil Sie sich hier versammeln mußten, um dieses Geständnis mit anzuhören. Doch wenn Sie wüßten, wie schwer es mir geworden ist, der Versuchung zu widerstehen, die mich trieb, von hier zu entweichen, ohne ein Bekenntnis ab- zulegen und memer Vergangenheit den Rücken zu kehren, meine Schuld dem Schicksal zuzuschieben, allen Tadel auf die Verhältnisse zu werfen und mich zu überreden, daß ich nicht anders hätte handeln können, so würden Sie glauben, daß ich Sie nicht leichtsinnig, auch nicht unnütz hierher bcschicden habe, um mich mein Schafott besteigen zu sehen." Er wendete sich nun zu der übrigen Versammlung zurück. „Meine Landsleutc, Männer und Frauen von Man, die Sie so viel gütiger gegen mich gewesen sind, als ich es bei niciner Lebensführung verdient habe, ich nehme Ab- schied von Ihnen, doch nicht als einer, der von dannen geht. Indem ich die Versuchung überwand, ohne Be- kenntnis fort zu gehen, bezwang ich zugleich den Wunsch, die Insel überhaupt zu verlassen. Hier, wo mein altes Leben in Trümmer zerfallen ist, muß ich mein neues Leben wieder aufbauen. Das allein bietet mir Sicherheit. Es ist auch dieleinzige Gerechtigkeit. Nur wo man meinen tiefen Fall kennt, darf ich hoffen mich wieder zu erheben, wenn auch unter schweren Kämpfen, Sorgen und Thränen— das ist nur gerecht. Kommt aber die Zeit, dann bin ich auch der Erneuerung gewiß. Mag sein, sie kommt erst in Jahren, in vielen Jahren vielleicht, doch bin ich willens, zu warten— ich bin zur Arbeit bereit. Inzwischen wird diejenige, welche würdig war, daß ich sie zur höchsten Ehre emporhob, die tiefste Erniedrigung mit mir teilen. Das ist das Los aller Frauen— Gott segne und erhalte sie!" Die hohe Erregung, mit der er sprach, riß alle mit sich fort. „Vielleicht glauben Sie, daß ich zu bcniitlciden sei. Es hat in meinem Leben Stunden gegeben, in denen ich wirklich Mitleid verdient habe. Es sind aber die Stunden, die dunklen Stunden gewesen, in denen Sie in den, Ucbermaß Ihrer Dank- barkeit mich mit Auszeichnungen überschüttet haben, während mich ein Schatten verfolgte, der mir zurief:„Philipp Christian, sie halten dich für einen gerechten Richter, du bist kein gerechter Richter. Sie halten dich für einen recht- schaffenen Mann, du bist kein rechtschaffener Mann." Bemit- leiden Sie mich also nicht jetzt, nun die dunklen Stunden vorüber sind und das neue Leben begonnen hat, da ich end- lich aus die Stiimne meines Herzens höre, die jederzeit die Stimme Gottes gewesen ist." Seine Augen glänzten, sein Mund lächelte. „Wenn Sie bedenken, wie nahe mir die Gefahr lag. die Dinge so, wie sie gingen, weiter fortgehen zu lassen, meine Fehler zu verhüllen, meinen wahren Charakter zu verbergen, als ein Betriiger zu leben und als ein Heuchler zu sterben, so werden Sie mich eher fiir beneidenswert halten. Leben Sie wohl! Leben Sie wohl I" Noch ehe jemand gewahr wurde, daß er nnt seiner Rede zu Ende war, hatte er die Richterbank schon Verlaffen und der Stuhl des Dcemstcrs war leer. Die Leute wandten sich nun zu einander und sahen sich in die aufgeregten Gesichter. Sie standen noch immer, denn keiner hatte daran gedacht, sich zu setzen. Niemand ergriff an diesem Tage noch weiter das Wort. Ohne etwas zu sagen oder irgend ein Zeichen zu geben, stieg der Gouverneur von seinem Sitze herab, und die Verhandlung war zu Ende. Alles bewegte sich dem Ausgang zu.„Er hat doch einen teuern Preis dafür gezahlt." dachten die Männer.„Wie muß er sie trotz allem geliebt haben," dachten die Frauen. In diesem Augenblick schlug die große Königin Elisabeth- Glocke des Schloffes zwölf Uhr— draußen in den irischen Gewässern brachten die Fischer ihrem Freund in der Heimat einen jubelnden Hochruf. Ein donuernder Knall tönte weit über die Stadt hin. Ein zweiter folgte, ein dritter. Es waren Kanonenschüsse, die von einem Dampfer kamen, der zur Bucht hinaus fuhr. Philipp wußte, was es zu bedeuten hatte— es war Petes letztes Lebewohl. XIII. Eine halbe Stunde später war der Teil des Schlosses, der die Gefängnisse enthielt, der Schloßhof und der Gang nach der Fallthüre von einer ungeheuerem Menschen- menge erfüllt. Die Damen drängten sich auf den Sülsen der beiden Treppen, die zu der Kapelle der Gefangenen und zu dem Ratssaal führten. Die Männer waren bis zu den Zinnen hinaufgestiegen und sahen über die vorspringenden Mauern herab. Alle Augen waren auf die Gefängnisthür zur Linken gerichtet, von der aus ein Weg frei gehalten wurde. Die Thür öffnet sich; Philipp und Käthe traten heraus. Es gab keinen andren Ausgang, und sie mußten ihn nehmen. Er hielt sie fest an der Hand, halb führte er sie, halb zog er sie mit sich fort. Vor dem Blick so vieler Augen, die auf sie schauten, beugte sie das Haupt; doch die, welche nahe genug standen, um ihr Gesicht zu sehen, erkannten, daß ihre Scham von ihrem Glück und ihre Furcht von der Liebe über- wältigt war. Philipp sah wie verklärt aus. Die ungewöhn- liche Blässe seiner Wangen war gewichen, sein Schritt war fest und sein Gesicht strahlte. Allgemein bemerkte man, daß er noch nie so stark, so heiter, so edel ausgesehen hatte. Dies war die Stunde seines Triumphes. Er hatte seine Sünde be- kannt, sein Gewissen besaß keine Macht nichr. ihn zu schrecken, die Welt und aller irdische Stolz lag unter seinen Füßen, und er schritt aus der Gefängniszelle Hand in Hand nnt der gefallenen Frau, um an ihrer Seite einer neuen Zukunft ent- gegen zu gehen. Und sie? Sie bestand die Feuerprobe mit ihm. An- gcsichts ihrer beleidigten Mitschwestcrn und aller Welt teilte sie mit ihm die Tiefe seiner Erniedrigung, die Höhe feines Sieges, den Gipfel seiner Schande und seines Ruhmes. Einnial hielt sie einen Augenblick an und wankte, als wäre die Glut, die auf sie herniederströmte, allzu heiß. Er aber schlang den Arm um sie, und sofort war sie wieder stark. Die Sonne glänzte von dem großen Turm herab auf sein emporgerichtetes Antlitz, und seine Augen strahlten durch Thränen.—_ Ttakuvm n ssitznftl iilzv Meb e vfi chk. Von Cnrt G r o t t e w i tz. Es hat sich schon mancher Forscher gefragt, ivaZ eigentlich die Natnr bcziveckt habe, als sie die Trennung der Geschlechter schuf. Offenbar nmtz es ein sehr wichtiger Zweck gewesen sein, denn die Existenz zweier entgegengesetzter Geschleckter finden wir, man kann sagen allgemein iin Pflanzen- und iin Tierreiche. Bei fast allen Individuen, selbst bei denen, die eine negative Vermchrnng kennen, erfolgt von Zeit zu Zeit eine Bcfruchlnng. Man hat früher die Bedeutung der Befruchtung darin zu erkennen geglaubt, daß durch sie teils das Wachstum eines»cnen Wesens an- geregt werde, teils eine Seuiliverduug. eine Erschlaffung des Organismus verhütet werde. Dadurch datz eine Samenzelle zu einer Eizelle trete, werde an dieser der EutwickluugSprozcß eingeleitet. Allein dagegen wendet zum Beispiel Boveri, der i» seinem „Problem der Besnichtnng"(Jena, Gustav Fischer, 1902) diesen Fragen näher tritt, mit Recht ein, datz kein Grund einzusehen sei, warum nickt jede Fortpflanznngszelle ebenso gut auch von allein hätte cntlvicklnngsfähig sei» können. Es ist allerdings sicher, und auch Boveri ist der Meinung, datz bei jeder Befruchtung zunächst eine Entivicklungsanregnng stattfindet, aber es ist doch nicht glaublich, datz desivegen im gesamten Tier- und Pflanzenreiche eine Trennung der Geschlechter eingetreten sei. Die Befruchtung mutz»och einen andern, ivichligeren Ziveck haben. In der Auffrischung deS.Blutes", der organischen Thütig- keit, kann aber dieser Ziveck nicht gesimdcn werden. Dem» es ist nicht beobachtet worden, datz klotze vegetative Vermehrung etwa zu einer senilen Entartung führe. Nach Boveri, cbeüso auch nach Weismann, Sirasbnrger und R, Hertwig, die alle das Problem der Befruchtung neuerdings wieder behandelt haben, liegt der Hauptzlvcck der Befruchtung darin, datz zwei verschiedene organische Körper in einen verschmelzen, datz eine Qualitätenkombination, wie Boveri sagt, zu stände kommt. Auf den untersten Stufen des Tier- und Pflanzenreiches, bei den ein- zelligen Mikroorganismen, verschmelzen zivei Wesen mit- einander durch sogenannte Konjugation, Die beiden Wesen sind einander ganz gleich, eine Differenzierung der ver- schiedenen Geschlechter ist bei ihnen nicht vorhanden. Ov- Ivohl sich nun diese Wesen im allgemeinen durch Teilung vermehren, so findet doch von Zeit zu Zeit wieder eine Konjugation statt, eine Befruchtung, die doch zu gar keiner Vermehrung führt. Diese Er- scheinimg ist nun sehr wichtig, zeigt sie doch, datz soivohl die Trennung in Geschlechter als auch die Vermehrung ursprünglich gar nicht mit der Befruchtung im Znsammenhang standen. Bei der Be- fruchtuiig war es nicht auf eine Fortpflanzung abgesehen. Der Zweck war vielmehr eben eine Vermischung von Eigenschaften zweier Lebewesen, eine Uchertrngung dieser beiderseitigen Eigenschnften ans «ine Person. Was war nun für ein Vorteil dabei, daß sich die Qualitäten zweier Wesen vereinten? Bovert ist der Meinung, daß dadurch die Möglichkeit gegeben war, ans vorhandenen Eigenschaften neue voll- loinmenere zu erzeugen. Die Qnalitätenmischung erwies sich als eine sehr geeignete Einrichtung, um Arten sich höher entwickeln zu lassen. In der ganzen Natur spielt die Entwicklung der Arten zn neuen, ihrer Umgebung besser angepaßten Arten eine große Rolle. So ist denn auch in dem Reiche der Organismen die Trennung in Geschlechter, die mit der Befruchtung in Zusammenhang steht, fast überall durchgeführt, es beruhen darauf auch die vielen Einrichtungen. welche eine Befruchtung zu naher Verivandter verhüten, iveil dadurch eben nur die Vermischung recht ähnlicher Eigenschaften befördert würde. Bei der Befruchtung verschmelzen Samenzelle und Eizelle i» der Weise miteinander, daß sich ihre Kerne mit einander vereinen. Die Kerne sind»ach Augnst Weismann die Träger der Bererbnngssubstanz des Keimplasmas. Allein über die Bedeutung der Verschmelzung der beiden Kerne weichen doch andre Forscher von Boveris Meinung ab. R. Hertwig, der schon im vorigen Jahre in den Sitznngsverichten der Münchener Akademie über Wesen und Bedeutung der Befruchtung gesprochen hat, sieht in der Kernverschinclzmig mehr einen rcgnla- lorischcn Vorgang. Auf Gnmd seiner Beobachtung von Mikroorganismen nämlich ist er der Anficht, daß zwischen Kern und Proto- Plasma der Zelle sich häufiger Gleichgewichtsstörungen einstellen, die Kernsubstanz vermehrt sich zu stark aus Kosten des Protoplasmas. Um dieses zu verhindern, trete Befruchtung ein. Bei dieser wird in den meisten Fällen eine Verminderung der Kcrnsubstanz beobachtet. In dieser Kernreduktion soivie in dem Eintritt eines neuen Kerns sieht Hertwig eine Verhütung des einseitigen Wachstums des Zellkerns auf Kosten des Protoplasmas. Es ist freilich nicht recht einzusehen, daß die i» der Natur so allgemein verbreitete und ohne Zivcifel sehr wichtige Erscheinung der Befruchtung lediglich in der Gleichgewichts« pörung der Zcllbestandteile ihre Ursache finden sollte. Da gab es wohl doch noch andre Wege, um dieser Störung vorznbcnge». Die Bedeutung der Befruchtung kann hierin nicht liegen, doch mag man wohl annehmen, daß physiologisch hier der Ausgangspunkt der Bc- frnchtnng liege, ähnlich wie im Hungergefühl der Antrieb zur Nahnnigsaufnahme liegt. Aber die Bedeutung der Rahrnngs- aufnähme liegt nicht darin, den Hunger zu stillen, sondern den Körper z» ernähren. So mag wohl die Gleichgewichtsstörung zwischen Kern und Protoplasma die Befruchumg veranlassen, aber die biologische Bedeutung der letzteren muß doch eine andre sein, als nur dieses Gleichgelvicht wieder herzustellen. Eduard Strasburgcr hält ebenfalls, Ivie er in einem Artikel in der»Botanischen Zeitung�(Jahrgang 59, Nr. 23) ausführt, die Vermischung der Qualitäten für das wesentlichste an der Befruchtung. Aber auch er weicht in seiner Ansicht über die Bedeutung der Onaiitätcilkombination von Bovert ab. Nach ihm sollen die beiden Qualitäten keine neue dritte hervorbringen, sondern sie sollen viel- mehr die Differenzen wieder ausgleichen, die unter den mannigfaltig variierenden Wesen einer Art entstanden sind. Das ist also genau das Gegenteil von Boveris Ansicht. Dieser sieht in der Vermischung getrennter Eigenschaften ein vorzügliches Mittel zur Höherentwicklung der Organismen, Strasbnrger dagegen findet vielmehr einen Aus- gleich der individuellen Verschiedenheiten, ein Mittel, die Art rein und konstant zn erhalten. Die Ansicht Boveris erscheint aber doch als die einfachste, sie steht im richtigen Verhältnis zu der Bedeutung, der Wichtigkeit, welche die Sexualität offenbar in der Natur besitzt. Auch der bekannte Biologe Angnst Weismann, der soeben die Arbeit seines Lebens in einem zweibändigen Werke»Vorträge über Desccndenz- theorie* lJcna, Gustav Fischer. 1902) zusammengefaßt bat, ist der Meinung, daß die Befruchtung die Vcdentnng habe, zivci Vererbiings- substanze» miteinander zn verbinden. Um den Ausdruck Vererbmigs« fnbstanz ganz zu verstehen, muß nmu sich an Wcismanns Bererbnngs- theorie erinnern. Er nimmt an, daß in den Keimzellen ein be- soliderer Keimstoff, das Keimplasma, enthalten sei, das bei der Teilung der Zellen von Kern zu Kern übergehe und so den ganzeit Organis- nms durchdringe. Nun besteht aber das Kcimplasma nach Weisniainr aus einer Menge kleiner Lcbenscinheiten, kleiner Jde, die unter einander verschieden sind. Jedes Jd enthält tvieder zahlreiche Determinanten, welche die Anlagesnbstanz für jedes Organ, ja für jeden Teil des Körper? sind. Beim Wachsen eines Lebewesens geht nun das Kcimplasma mit seinen Iben»ud Determinanten von Zell« zu Zelle über, die Determinante» gelangen an die erforderliche Stelle und ivachscn hier zn den entsprvchcndcn Knochen. Muskeln, Nerven nsiv. aus. Nun besteht aber auch zwischen diese» kleinsten LebenSeinheite», den Determinanten, wie Weismann annimmt, ein Kampf ums Dasein. An jeder Stelle des Körpers find mehrere Deterniinanten, und diejenigen, welche sich gerade für die dort erforderlichen Bedürfnisse am ge- eignetstcu erweisen, werden am meisten gebraucht. infolge dessen am meisten ernährt und gedeihen am besten, während andre un- branchbare verkümmern. Wenn sich nun aber ein Individuum ohne geschlechtliche Mischung vermehrt, so wird die Verschiedenheit der Determinanten keine sehr große sein; es werden vor allem nicht immer die geeigneten Determinanten vorhanden sein, die sich für eine Vcrbessernng der Lebensstellung des betreffende» Individuums eigneten. Durch die Befruchtung ist aber nun diese Möglichkeit ge- geben, dadurch wird eine neue Vercrbungsmasse mit neuen Deter» minante» zugeführt. Die Answahl an geeigneten Determinanten ist also dann viel größer, das neue Individuum vermag sich alsdann viel leichter und besser den Verhältnissen anzu- passen. Weismann ist ein strikter Anhänger der Darwinschen Zucht- ivahlthcorie. Immerhin sieht er in der Vcrinischnng der Geschlechter ein Mittel, das die Ansmerznng unmäßig vieler Individuen unnötig macht. Denn eben indem im Körper eines Individuums selbst die Determinanten ziveicr verschiedener Vererbuiigssubstanzcn einen Kampf ums Dasein bestehen, wird dass Lebewesen möglicherweise so verändert, daß es nicht in Person einen Kampf ums Dasein auszu- fechten hat. Nur in den Fällen, wo beide Vererbungssubstanzen keine geeigneten Determinanten aufweisen, wird das Individuum zu Grunde gehen. Erwies sich die Befruchtung, die Vermischung zweier verschiedener Zellen, als vorteilhaft, so ergab sich daraus die Folge, daß auch eine Differenzierung der Geschlechter eintreten mußte. Eine totale Ver- Mischung zweier Individuen konnte ja nur bei einzelligen Lebewesen eintrete», bei niehrzelligen war sie mmiöglich. Bei ihnen mußten sich besondere Keimzellen absondern, die sich ihrerseits vermischten. Wären nun diese Keimzellen äußerlich gleich gewesen, so.wäre es ganz dem Zufall anbeimgestcllt gewesen, ob auch zwei Keimzellen sich gegenseitig auffinden und mit einander vermischen würden. Dadurch daß aber zwei Arte» von Keimzellen entstanden, männliche mld weibliche, die für die gegenseitige Auffindung ein- gerichtet waren, wurde der Zufall bedeutend beseitigt. Das Princip der gegenseitigen Auffindung verbesserte sich im Laufe der Zeiten mehr und niehr. Der Gegensatz der Keimzellen über- trug sich mehr und mehr auf die Individuen, es entstanden männ- liche und tveibliche Jndividnen, die nicht nur in ihren Keimzellen differierte», sonder» in ihrer ganzen Natur, in ihrem ganzen Aeußern geschlechtlich individuelle Wesen wurden. So wurde das Aufsuchen der Geschlechter untereinander zu einem Instinkt, beim Menschen verfeinerte fich hier das Princip zu jenem wunderbaren Gefühl der Liebe, das halb unbelvußc, halb bewußt, die Geschlechter zu einander führt.—_ Kleines Zenillelott. th. Auf einer Fahrt. Der Wagen lvar voll, so voll wie ein Wagen vierter Klasse nur immer sein kann. Männer, Frauen, Kinder. Kisten und Kasten, Körbe, Pakete, Reisetaschen, alles bunt durch ein- ander. Es herrschte trotzdem eine gemütliche Stimmung, jene freund- liche.Unterwegsstmunung", die die Fremdesten einander nahe- bringt. Man schtvatzte und lachte, debattierte und stritt über alles Mögliche und Unmögliche, man Wechselle sich ab im Sitzen und im Stehe», so daß schließlich jeder auf ein Weilchen einen Platz bekam und war's auch nur ein Platz ans einem Koffer. Nur einer schien ausgeschlossen von alledem: Ein Mann so von dreißig Jahren etwa. Er stand in der Mitte des Wagens ohne jeden Stützpunkt. Er stand da schon, so lange der Zug fuhr, drei Stunden lang. ' Es lvar keine angenchnic Situation, eS bot ihm aber trotzdem niemand Platz an. Er paßte nicht recht zu den andern. Die andern waren gut an- gezogen, Leute, die billig fahren wollten, sich aber sonst durchaus nicht„vierter Klaffe" fühlten. Der Mann trug einen schlichten Arbeitsrock, sauber, aber viel geflickt. Er trug ein Baumwollenhemd, ohne weiße Wäsche, und eine» Hut, der schon vor Alter glänzte. Dazu hatte er ein Gesicht.., ein Gesicht I Es war ein Gesicht mit einer Geschichte. Es stand etwas geschrieben in diesem Gesicht, in diesen ein» gefallenen Schläfen, diese» hohlen Wangen, diesem verlorenen Blick, der über die Köpfe der andern weg hinauszugehen schien ins Leere. Aber was war mit dem Mann? Den ander» machte es kein Kopf« zerbrechen. Sie plauderten nnd debattierten weiter. Auf einmal aber kam der Wagen an eine Kurve, es gab einen Ruck und alle? stieß an einander, der Mann in der Mitte kain ins Schwanken, er taumelte gegen einen Reisekorb und hatte alle Mühe, sich aufrecht zu hatten, das brachte ihn offenbar in die Trinuerung der andern zurück. Die eine Frau sagte leise zu ihrer Nachbarin:„Ach Gott, der steht ja innncr noch." „Ja. der steht schon von Berlin her." ,O Gottchen, der mnß ja reine hin sein." „Na, irr Schönow steigen welche aus. denn wird er wohl Platz kriegen." „Wir woll'n aber zusammenrücken, daß er nicht neben unS komnit." »Nee. das möchte ich auch nicht." „Das habe ich meine», Manne auch schon gesagt." tuschelte«ine dritte,„bloß zusanrmei, rücken, den möcht ich nicht neben mir haben." „Fa. er hat so ivas... so was... na— Der Mann wiegt- das Haupt. „Er sieht so komisch au?. So... man weiß gar nicht wie." »Zun, Fürchten." Die ganze linke Wagenseit« kam in? Tuscheln, auch rechtS wurde man aufmerksam. Man horchte und fragte. Die. die in der M,tte auf Körben und Kasten saßen, vermittelten das Thema, Nagtcrige, verstohlene Blicke streiften heimlich den Mnnn. Man war auch hier derselben Meinung wie drüben. .Er sieht auch wirklich zum Fürchten auS� .Am Ende ist es'n Verbrecher." .'n Sträfling, der ausgebrochen ist." .Ich möchte ihn auch nicht»eben mir haben." .Nein, lassen Sie man, wir rücken dicht zusammen in Schönow." „Wenn die Dame hier aussteigt, kommst Du sofort auf ihren Platz, Otto," flüsterte ein alter Herr seinem Sohne zu. der auf einer Niste satz. .Ja. Papa, gleich." .Schönow I" sagte ein junges Mädchen, das aus dem Fenster gesehen hatte.. Der Zug fuhr langsamer und hielt dann. Es entstand em kleiner Tumult im Wagen. Zlvei, drei Passagiere nahmen ihr Gepäck und stiegen aus. Der Mann in der Mitte drehte sich um und machte ei» paar Schritte nach der linken Seite, aber die Reihe ivnr schon wieder geschlossen. Er seufzte leicht und ivandte sich nach rechts: .Setz' Dich doch. Ltlo," sagte der alte Herr. .Ich komm' ja schon, Papa." meiine der Junge und setzte sich. Der Zug kam von neuem in Bewegung. Der Mann trat an seine» Platz zurück, er»ahm den Hut ab und strich mit der Hand durch daS Haar. In sein charakteristisches Gesicht kam ein müder, gequälter Ausdruck. Er sah auf die Körbe und Kisten, die jetzt fast alle leer lvaren. Dann— streckte er sich plötzlich auf die Diele, legte sich der Länge lang und stützte den Kovf in die Hand. Im Wagen entstand ein allgemeines Stillfchlvcigeii. Alle Auge» richteten sich'anf den Mann, der da im Staube auf der harten Diele lag, die Augen geschlosfe», tvie in unsäglicher Erschöpfung. .Es hätte ihm doch einer seine Kiste oder'» Korb geben können," sagte eine Frau im Flüsterton. „Ja, ganz gelvijz, geben Sie ihn, doch Ihren." „Ach der— ist viel zu klein; er liegt ja uu» auch da unten." .Wir fahren ja nun auch blojz»och vier Stunden." „Und ich möchte ihn doch nicht neben mir haben," tuschelte eine andre Stimme,„er hat eben so was... so was... na." .Am Ende ist er doch ein ganz anständiger Mensch." „Das glaube ich sogar ganz geivist, er sieht aber so— so— aus." „Na»md wir fahren ja auch bloß noch vier Stunden." „Nein, jetzt bloß noch drei und dreiviertel." Und der Zug rasselte weiter und der Mann lag im Staube auf der harten Diele, die Augen geschlossen in unsäglicher Er- schöpfung.— Theater. Le ss i n g- Th e a t e r.„Der Zeuge." Schauspiel von Max Petzold.— Vier Akte hat das Schauspiel; vier Akte, weil der Theaterabend von Rechts ivegeu seine zlvei bis drei Stunden dauern muß. In Wirklichkeit ist aber mit dein zweite» Akte, wenn ihm nicht abfichtlich die Spitze abgebrochen wäre, da? Thema völlig er- ledigt, und die Gestünduisscenen dieses Aktes würde», wenn mit psychologisch konzentrierender Jlnnst vorbereitet und entwickelt, uns auch dm ganzen ersten Akt erspart haben. Was Herr Petzold, der vor ein paar Jahren im Schauspielhause mit einem Erstlingswerke debütierte, diesmal zu sagen hat— und der Einfall, auf dem sein neues Drama sich aufbaut, verdiente eine dramatische Behandlung ganz tvohl— hätte in einem Einakter gut und gerne Platz gehabt. Es»,ag auch sein, daß der Verfasser den Eindruck der Magerkeit und Thejenhaftigleit gefürchtet hat, den die Eiuakterform, iveün ernste seelische Probleme in ihr abgehandelt werden sollen, nur zu leicht hervorruft. Indessen Magerkeit ist»och immer besser als breite Magerkeit. Die passendste Form aber, in der der Einfall sich für das Theater hätte verwerten lassen, lväre ztveifellos die einer organisch in ein größeres selbständiges dra- matischcs Ganze eingeflochtcnen Episode gewesen. Als Hiniergrnnd- figur im Jbsenschen Stile, mit wenigen, nachdrücklichen Strichen ge» zeichnet, da hätte die dunkle Gestalt des Mannes, der aus niedriger Gehässigkeit sein Zeugnis, das dem Freunde Rettuiig bringe» könnte, zurückhält, und der dann von dem Zutrauen des Verratene» schwer und schwerer bedrückt, endlich, als die drohende Gefahr schon längst vorüber, zu den, beschämende» Ein- gesländuis seiner Verschuldung sich aufrafft, tief und stimmungsvoll wirken können. Um selbst de» Schwerpunkt einer lebendig sich vcr- zweigende», spannend aufsteigenden Handlung zu bilden, dazu sind seine Schultern zu schivach. Je länger wir Schlegel, den Helden Petzolds, jammern hören, um so weniger kann er uns interessieren; und nm so unsympathischer, abstoßender wird er. Ein Bankdepot, zu dem ein ehemaliger Freund Schlegels allein den Schlüssel besitzt, ist ausgeplündert worden; auf jenen hat sich, trotzdem er den Diebstahl sofort selbst zur Anzeige brachte, der Wer- dacht gelenkt. Man tveiß genau die Stunde, in der die That ge- schehen. Alles hängt für den Bankbeaniten davon ab, daß es ihm gelingt, für diese Zeit, in der er einen Gang gemacht zu haben behaupter, sein Alibi durch Zeugenaussagen nachzuweisen. Er erläßt Aufrufe in den Zeitnugen. aber niemand meldet sich. Nur einer hat ihn gesehen,' Schlegel. aber dieser eine— schiveigt. Fieberkrank und brütend sitzt der zu taufe. Allerhand Leute, seine Zimmertvirtin, sein leichtsinniger tudentenbruder, ein Geschäftskollege und ein Dokror, lauter Per» fönen, die mit der Handlung selbst nicht daS geringste zu thun haben. Iverden entboten, damit das Publikum von dem Prozeß erfahre und Herr Schlegel Gelegenheit erhalte, seine schtvarzen Gedanken zu äußern. Man erfährt so, was man in dem späteren Geständnis dann noch einmal zu hören bekommt, daß nämlich Schlegel aus reiner böswilliger Niedertracht, darum, weil er in seinem Jugendbekannten einen bevorzugten Mitstreber und Konkurrenten haßt, nicht als Entlastungszeuge für ihn austreten ivill. Jeder menschlich mildernde Umstand, eS müßte denn die Nachtvirkung der Krankheit sein, fehlt. Der Dieb, der den Einbruch verübt hat, er- scheint, an solcher Handlungstveise gemessen, noch geradezu als Ehrenmann, Der ztveite Akt zeigt Herrn Schlegel im Hause des von ihm Verratenen. Der Freund ist voni Gericht schließlich frei- gesprochen, aber nur aus Mangel an Beiveiseu, ein Makel hat sich seinem Namen angeheftet. Alle Welt»reibet seit de», Prozeß den Verkehr init ihr». Daß einzig Schlegel, den die Reue treibt, das Haus Wendlers aufsucht, ivird ihm von der Familie ganz über- schwenglich, als eine Art heroischer FreundschaftSthat angerechnet. In dem Kontrast dieser überschwenglichen Dankbarkeitsbezengungen und des inneren Schuldbewußtseins, der durch die Liebe Schlegels zu Wendlcrs liebensiuürdigcr und reiner Schwägerin noch gesteigert ivird, liegt sicherlich ein fruchtbares dramatisches Moment, ivohl die Idee, ans der das Stück gebore» ist. Wenn Schlegel nicht als völlig verlumpt erscheinen soll, dann muß er jetzt de» Mut des Be- keuninisses finden, und dies Bekenntnis müßte ihm zugleich den Verzicht auf alle Licbeshoffunngen bedeuten. Aber dann lväre auch das Schauspiel schon uni halb nenn zu lEnde! Herr Petzold findet aus diesem Dilemma einen pfiffigen Ausweg. Er läßt den Menschen vor dcni Mädchen eine Art halbes, ein unverständliches Geständnis machen und sich ihn dann mit der Nichtsahncnden verloben I So kann die Sache also tveiter gehen.... Und ivaö giebt dann, nachdem die stärksten seelischen Motive den Mund des Mannes nicht haben öffnen können, nachdem er, im vollen Bewußtsein seiner Un- Würdigkeit, sich in die Liebe des Mädchens eingefchlicheu hat, den Ausschlag? Nichts andres, als daß der Freund, endlich durch die späte Entdeckung des Thäters von jedem Verdacht gereinigt, Herrn Schlegel eine gutbezahlte Prokuristeustelle an einem ihm unterstellten Vaukiustitnte anbietet I Einer solchen Wohlthat, einem solchen Nebermaße edlen Veickrauciis kann auch die schivärzcstc Seele nicht widerstehen. Schlegel holt also sein im ztvciten Alte fälliges Ge- ständniS endlich im vierten Akte»ach und führt— poetische Gerechtigkeit!— trotz allem, tvas geschehen, die Braut heim. Die Figuren, auch die Hauptperson, sind nur ganz obenhin skizziert. Die Schauspieler ergänzten, was in ihrer Macht stand. Sehr gut gab Herr v. W i n t e r st e i n den traurigen Helden. In Nebenrollen lvaren Margarethe Alb recht, als alte Zimmer- Vermieterin, und Willy Peters, als jovialer Doktor und Salon» tiroler, ganz ausgezeichnet.— dt. Humoristisches. — Neues Wort. Herr Gold st ein(zum Tapezierer): „'s Boudoir von meiner Frau gefallt mer nix; cS Louis q u a t o r z e l t m e r zu w e n i g I"— — Verschlimmbessert. Besuch:„Ich finde aber doch, daß der Kleine jetzt seinem Papa rcckit ähnlich ist..." Mutter(deren Gatte sehr häßlich ist):„Ja, ja— leider." Besuch:„Das heißt— ich glaube aber, daß das sich wieder verwächst!"— — Praktische Kleidung. Pfarrer:„Ihr seid schon Ivieder betrunken, Huberbauer; Eure Beine schwanken hin und her." Bauer:„J muß mir eben aa so'u langen Rock... hupp ... tvie der Herr Pfarrer kaufen... hupp...der verdeckt das!"—(„Lustige Blätter".) Notizen. — N n s ch a B u tz e ist aus der Direktion des Neue n Theaters ausgeschieden. Paul Martin ivird fortan allein diese Bühne leiten.— — Das Trianon-Tbeater, daS Ende September eröffnet wird, bringt in der lanfeude» Saison folgende Novitäten: „Die Liebesschaukel". Lustspiel von M. Donnay,„Die Notbrücke" von E. Gresac uud de Croissct,„Philipp der Gute" von P. Gavault und G. Berr und„I-a darne du cornmissaii".— — Rudolf Lothars neues Bühnenwerk„Glück in der Liebe" erzielte bei der Erstaufführung im Neuen deutschen Theater in Prag einen vollen Erfolg.— — Die neue Görlitzer Mnsikfesthalle, deren Bau etwa 700 000 M. kostet, soll bis 1906 fertig iverden.— — Die Sammlungen für K l i n g e r s Beethoven sind soweit gediehen, daß das Werl im Januar 1903 in den Besitz d e S L e i p z i g e r städtischen Muse u m s übergehen kann.— — Den enormen Preis von 37 S00 M., wohl den höchsten, der je für ein P o st w e r t z e i ch e n bezahlt lvnrde, hat die deutsche P o st v e r w a l t n n g für die«blaue Mauritius", die erste Emission der Zwei-Pence-Briefmarke, gegeben, die jetzt dem Reichs- Posiiiiuseum einverleibt worden.— Verantwortlicher Redacteur: Earl Leid in Berlin. Druck und Verlag von Max Babing in Berlin.