des vorwärts Nr. 1 73. Freitag, den 5. Septetnber. 1900 iNocbdruck verbotene 1t Dio Stadls Noman von N i c o l a u s K r a u ß. I. „Na, Kleines, ist er schon wieder zu heitz?" Das Kerlchen, dessen Kinn kaum die Höhe des runden Eßtisches erreicht, bläst eifrig in sein Kaffeetöpfchen. „Ein bitzl, Kostfrau.. Der Kleine pustet, daß ihm die Augen quellen; eine Kaffeewelle schwappt über den Rand des Gefäßes. Rasch stellt er den Becher auf den Tisch und reibt sich die Hände, während er von einem Bein auf das andre hüpft. „Fitt!... fitt!... fitt!..." „Essen!... Essen!... Essen!. Die Studenten kommen durch den Alkoven in die Küche; die einen in: Schnellschritt mit den Büchern unterm Arm, sie nehmen sich nicht die Zeit, einen Stuhl zu suchen, während die Kostfrau die Porzellanbecher füllt, knappern sie schon an den Semmeln; der alte Lehramtskandidat und der, den sie den„Pfarrer" heißen, schreiten daher wie Männer in Amt und Würden. Der frühere Maurergeselle nimmt die Schöße seines Leibrocks auseinander, läßt sich nieder, brockt die Semmel in den 5laffee, langt nach dem Löffel, fährt mit der Linken über Schnurr- und Backenbart und ißt langsam und mit Verstand; daß er studieren kann, hat er seiner Hände Arbeit zu ver- danken, was er hier verzehrt, hat er erworben, Essen und Trinken ist ihm ein Vergnügen, das er auskostet bis zum lebten Bissen, zum letzten Schluck. Die andren sind jünger, fahriger, zuthuulicher. Der eine möchte wissen, was es zu Mittag geben wird, schmeichelt um seine Kostfrau herum, äugelt nach den Töpfen, die auf dem Kochherde stehen. „Kostfrau, was Bratenes?.. Andren sind Knödel lieber. „Rindfleisch, Kostfrau?... Ja?.., Gelt?... Das giebt so gute Suppe I..." „Schweinernes!..." „Ja!... Ja!... Ja I...« „Und recht viel Salat!..." „Kostfrau... der Netsch l..." Es ist die piepsende Stimme des Kleinen, wie der Schrei eines gcängstigten Vogels klingt sie. Die Frau hebt den Schöpflöffel. „Netsch!... Vogt!... Werdet Ihr wohl das Kleine in Ruh' lassen!... Da, jetzt schwimmt der Tisch schon wieder!... So alte Klacheln!..." „Kleines!... Hä— hä— hä!... Mutt— er!.. „Klachel'!... Ließ' ich mir net gefallen!.. Geschrei, Gelächter, Hcrumzcrren. Jimner wieder treibt die Frau: „Essen I... Essen I... Essen!..." Plötzlich legt sie einem die Hand auf die Schulter. „Vogt, nicht die Semmel einstecken!... Zuerst muß man was im Magen haben, dann kann man arbeiten." „Der Pater Martin sagt anders I".. „So— o?" „Wenn man den heiligen Geist net anruft, nützt alles Studieren nichts...." Um den runden Tisch ist es mit einmal still geworden. Aller Augen blicken gespannt auf die Frau. Sie wissen, ihre Kostfrau läßt auf die„Patern" nichts kommen. Der„Pfarrer" runzelt die Stirn, der alte Lehramtskandidat löffelt gleich- mäßig weiter. Vogt thut, als wäre die Kostfrau gar nicht in der Nähe. „Klotzsch auf—" „Klotz nieder!" respondiert der Kleine. Die andern winden sich vor Lachen. Der Frau ist das Blut ins Gesicht geschossen. „Schand und Spott!.." Sie muß abbrechen, ihre Mundwinkel zucken. ..... der Herr Professor...." Jetzt ist bei Vogt kein Halten mehr. Ernsthaft nachäffend Schlutzband der Romantrilogie„H e i m a t".(1. Band„L e n e". 2. Band„Der F ö r st e r von 5t o n r a d S r e n t h".) fährt er fort:„Die Heidenkinder... in Afrika... wenn ich schic zusammensang.. schind gescheidter.. als ihr.. Klotzsch auf—" „„Klotz nieder!..." „Ja Vogt, woher wiffen Sie denn das?" „Ach/ Kostfrau, das weiß die ganze Stadt. Nicht die „Schweinderln" allein"— er wies auf den Kleinen und die andren Gymnasiasten—„die„Brettelrutscher" der Bürgerschule, wir von der Lehrerbildungsanstalt— alle wissen es... Jctzscht Hab' ich den Kerl drei, vier... fünfmal geprüft... die beschte Klasse war eine halbe Erschte; sonst lauter Zweite und Dritte oder eine Null... Setz Dich, Lump!..." Die Frau weiß nicht, was sie sagen soll. Da fällt ihr Blick auf die Wanduhr. Sofort ruft sie nach dem großen Vorderzimmer: „Halb acht ist's!... Matz I..." Drinnen wird ein Stuhl gerückt. „Ach I... Na, ja!..." Dann hebt ein Gerumpel an, und eine weinerliche Stimme erklingt: „Wo sind denn meine Ssiefel?... Tont!... Tant Lene!... Mir haben sie meine Stiefel gestoben!..." Ein kichernder Ton, halbverschluckt und durch Murren erstickt, macht die Frau aufsehen. Sie findet nur einfältige Gesichter; dem und jenem steht der Mund auf, und das obere Lid hängt über das Auge. „Tant!... Tant!..." Es klingt wie die helle Verzweiflung. Die Porzellan- töpfchen sind mit einmal leer, von den Studenten verzieht sich einer nach dem andern. Unter der Thür bleibt das Kleine stehen, wendet sich und eilt zurück. Die Frau weiß, was das elternlose Kind will. Mit beiden Händen hebt sie ihn halb empor und küßt ihn mitten auf den Mund. Dann läuft der Kleine den andern nach. Als Lene sich umdreht, kann sie nur mit Mühe das Lachen verbeißen. „Na ja. der Matz!" Da steht er vor ihr, der sechzehnjährige Bürgerschüler, der„Doppelstudent", wie ihn die Kameraden nennen, weil er zu jeder Klasse wenigstens zwei Jahre braucht, groß und stark, mit nackten Füßen und mit einem mordsdummen Gesicht. In der Rechten schwenkt er einen Stiefel, der einem Drescher passen könnte, und er greint: „Da. den andern haben mir die Lausbuben versteckt, der Vogt und der Netsch und der scheinheilige„Pfarrer"... Wenn ich ihn net find', kann ich heut' net mit'm Eßtiegcl gehen...h In Lene führt der Zorn. „An die Schul' denkst d' net... Die geht Dich ja nichts an I... Wennst nur Dein Essen hast... viel und gut.. Sie wendet sich wieder nach dem Alkoven. „Fritz, schau mal nach!... Dem dummen Matz haben sie wieder einmal einen Stiefel versteckt. Er möcht' am liebsten die Schul' schwänzen. Den Faulenzer kenn' ich schon!..." Im Vorderzimmer klingt eine Taste an, der Deckel des Pianos klappt. Gleich darauf kommt ein Stiefel durch den Alkoven geflogen. Das Gesicht der Frau ist ganz rot. Sie schreit den«weit- schichtigen" Vetter an: „Jetzt machst d' aber!... Verstehst mich?!... Wennst in fünf Minuten net draußen bist, dann geh' ich mit Dir— zum Direktor!... Weißt, wie damals..." Die Drohung hilft. Im Umdrehen ist Matz angezogen, hat auf einen Zug seinen Kaffeebechcr leer und stolpert mit einem Arm voll Büchern davon. Das Abschiedswort bringt er nicht mehr heraus, er hat den ganzen Mund voll halb- zerkauter Semmel... � Fritz kommt in die Küche und hält Lene die Hand hin. Ueber das Gesicht der Vierzigjährige» fliegt es wie mütter- liche Weichheit. Der strenge Zug um den Mund ist ver- schivunden. Sie nickt ihm zu. „Bleib' noch ein bis'l." Und als er sich gesetzt, mustert sie den jungen, frischen Burschen, dem schon leichter Flaum über die Lippe sich zieht. „Hast d' Angst?... Du kannst doch Deine Sachen? I..." Ucber seine milden Augen senkte es sich wie ein Schleier. Er sah an ihr vorbei. „Angst nicht... Aber ich weiß, er wird mich wieder tritzen, ich kann es anstellen, wie ich es will." „Der Jakob?" Er nickte. „Der kann Dir doch nichts anhaben!... Du bist doch ini Latein und Griechischen mit der Beste in der Klasse!..." „Trotzdem!... Mit den andren, die etwas können, ist er gut, mit manchem niacht er seine Spaße... Bei mir heißt es immer, wenn ich fertig bin:„Ist gut— der Nächste I"... Er verhöhnt mich, wo er kann..." Sie riß einen Stuhl vom Tisch und ließ sich nieder. In ihren Augen glomm es auf. „Der Professor Jacob?" „Direkt nicht. Aber jeder versteht es, daß es auf mich geht. Wir reden doch eine andre Sprache, als die in der Stadt! Und ich kann doch nicht anders, als ich es beim Vater gelernt! Da fragt er:„Höfel, wie nennen die Jäger die Hasenohren?"—„Löffel"!—„Und die Füße?"— „Läufe" I—... Dann sieht er mich an, schüttelt aber gleich den Kopf und sagt:„Nein, den Gruber brauch' ich nicht zu fragen, das ist ja ein Mordsförster!... Der weiß ja mehr, wie wir!...„Gruber, wie viel Böcke haben Sie schon geschossen?..." Die andern schreien vor Lachen... Er hat etwas gegen mich. Weshalb, weiß ich nicht. Wie soll das erst zur Matura werden?..." Die Frau hatte bei der Erzählung ihres Neffen den Kopf hin und her gewiegt. Ihre Blicke waren über die blau- gestrichene 5küchenwand geglitten. Jetzt gab sie sich einen Ruck, und forsch klang ihre Stimme: „Weißt, Fritz, einen Försterssohn Hütt' ich mir eigentlich ein bis'l anders vorgestellt... So kann doch Dein Vater net g'wesen sein!... Ein Förster ist doch kein Butter- Hörndl!... Weißt d', was der Gruber, Dein Vatersbruder, der Förster von Konradsreuth, g'sagt hat?...„Und wenn sie mit Spießen kommen, sie werden schon sehen, was sie davon haben!"..." Schnell erhob sie sich. „Das merk' Dir! Und auch vor der Matura brauchst d' keine Angst zu haben. Den Jacob dengele ich noch!... So, und jetzt ist Zeit, Fritz!..." Ihre Stimme war wieder weich geworden. Sie ging mit ihm bis zur Thür, schloß sie hinter ihm und zog den Vorhang wieder zu, nachdem er die Treppe hinabgestiegen. �Fortsetzung folgt.) cNachdmck verboten.) Der Mttflerbrkeicb. Von Emil R o s e n o>v. Es Ivar kurz»ach der Frnhstück-pause. Der Fabrikant war, wie gewöhnlich, durch den Betrieb gegangen, um sich zu überzeugen, ob auch alle arbeiteten. Diesmal hatte cr's eilig gehabt. Seil vierzehn Tagen mutzte» die Leute bis in die Nacht hinein Uebcrstnnden machen. Es lagen mehrere grotze Aufträge vor. willkommenes Futter in dieser stillen Zeit. Sie mutzten bewältigt werden und da die Bctriebskraft nicht ausreichte, so ordnete der Fabrikant eben Neberstunden an und die Arbeiter mutzten sich's gc- fallen lassen, ob sie wollten oder nicht. Was, sollte der Fabrikant etwa ein Risiko übernehmen und neue Maschinen aufstellen, die Ivo- möglich nächstens leer standen? Da mochten besser die Arbeiter Ueberstunde» machen; man bezahlte ihnen ein paar Pfennige mehr, riskierte gar nichts und steckte doch den hohen Profit der großen Aufträge ein. Die übermüdeten Arbeiter aber, die mit schweren Augen und gebeugtem Rücken an den Maschinen standen, machten finstere Ge- sichter und der Fabrikant schob eilig vorbei, bannt niemand ihn anhalten und ihm etwas vorlnmcnticren kounte. Glücklich kam er auch aus dein stickigen Raum hinaus und warf hustend die Thür hinter sich ins Schloß. Verflucht noch'mal. er würde, wenn er Ar- beiter wäre, gewiß nicht solch' ein Ochse sein und in solchem Dunst arbeiten 1 Aber es ging nun'mal nicht anders. Wie er das Compt'oir betrat, standen da zwei Arbeiter, die auf ihn warteten. Er zog ein mißvergnügtes Gesicht. „Was wollt Jhr'benn hier, hä? Sowenig zu thun? Geht doch an Eure Maschinen I" „Man hat uns'rüber geschickt," sagte der Eine.„Wir sollten 'mal mit Ihnen sprechen. Es ist nämlich in der Fabrik nich mehr zum Aushalten. Eine ganz verdorbene Luft..." „Ei, so macht doch die Fenster auf, zum Teufel!" „Ja, dann ist's wieder vor Kälte nicht anszuhalten. Die zwei eisernen Oefen heizen zu schlecht und es zieht aus allen Löchern." „Soll ich wegen Euch vielleicht Dampfheizung machen?'s hat doch immer mit den Oefen gegangen." „Nu, sehen Sic. wenn Sie die Ventilation'mal in Ordnung bringen ließen... sie is' ganz verdrcckt und eingerostet. Manchmal liegt so viel Holzstanb in der Lust, daß man sich gegenseitig gar »ich' sehen kann." „Ach, papperlapapp. Wie ich noch jung war, gab's überhaupt keine Ventilation. Da mutzten die Arbeiter im größten Drecke stehen und se waren dick und gesund dabei." „Nu aber...'s geht auch mit'n paar Maschinen nich länger. 's sind die reinsten Mordmaschinen, nehmen Sie's nich übel. Die Schntzvorrichtung fehlt und dabei steh'» wir im Arbeite» so dicht bei einander, daß wir uns gegenseitig fast ins gangbare Zeug hineinstoßen." Der Fabrikant stampfte wütend mit dem Fuße auf und schlug ein Buch zu, daß es krachte.„Ich laß' nu' mal nischt machen, zum Domicrweddcr I Die Bude is alt, das weiß ich, aber ich kann keine neue hinstellen. Ihr müßt Euch eben einrichten, ich muß's ja auch, hä?" „Na, das heißt, Sie brauchen keine vierzehn Stunden in der Bude zu steh'»..." Der Fabrikant funkelte hinter der Brille die beiden Leute an. „Jetzt Hab' ich's aber satt!... Euch is's einmal nich' recht zu machen. Sind keine Aufträge da, so lamentiert Ihr über den flauen Betrieb, und is'mal was zu thun und müßt Ihr'mal'ne lieber- stunde machen, und wenn Ihr noch so viel verdient, dann is's wieder»ich richtig. Ich laß' nischt machen und damit basta l Wem's nich paßt, der kann gehen." Die Arbeiter sahen einander an und gingen dann achselzuckcnd hinaus. Der Fabrikant schimpfte noa) eine Weile mit dem Buch- Halter über die Anmaßung der Arbeiter, denen nichts mehr gut genug sei. Dann zündete er sich eine Cigarre an und gaffte zum Fenster hinaus. Der Vormittagszug war eben angekommen und vom Bahn- Hof her kamen die paar Reisende die Straße herauf. Da stürzte der Lehrling herein. Er hatte die Post vom Bahn- amt geholt. „Herr Miffclwitz. Herr Misselwitz..., ich irr' mich nich. ich Hab' ihn selbst gesehen. Der Gewerbe- Inspektor is' mit dem Zuge angekommen!" Herr Misselwitz hatte kaum das Wort„Gewerbc-Jnspektor" ge- hört, als er wie von der Tarantel gestochen herumfuhr und zur Thür hinaus über den Hof in die Fabrik stürzte. Eine Wolke von Holzstanb schlug ihm entgegen. „Hä... pfui... man kommt ja um vor Dreck! Fenster auf! Fenster auf! Durchzug machen!" Die Arbeiter rissen die Fenster auf, der Fabrikant öffnete die Thnre, sodnß ein scharfer Luftzug durch den Saal pfiff und mit dem Staub auch das bißchen Ofcnwärme hinauszog. Inmitten des Saales stand der Fabrikant und fchimpfte. „Wie oft Hab' ich gesagt, es soll gelüftet werden. Ich will, daß frische Luft hier drinnen sein soll. Aber man kann sagen, was man will,'s wird nich gemacht. Warum is die Ventilation nich geöffnet, hä? Wer hat die Ventilation so verdrecken lassen? Und wo is' die Schntzvorrichtung? Zum Donnerwedder, wer hat hier von der Maschine die Schutzvorrichtung abgemacht, hä? Und warum sind keine Kohlen im Kasten? Ich Hab' doch angeordnet,'s soll immer für Brennmaterial gesorgt sein." Die Arbeiter sahen sich ganz erstaunt an. Sonst durften die Fenster nicht geöffnet werden, damit die Wärme blieb, die Oefen waren meistens kalt, weil es nur zweimal täglich Kohlen gab, die Ventilation war seit einem halben Jahr unbrauchbar und an den Maschine» hatten sie noch nie Schutzvorrichtungen gesehen. Während der Fabrikant noch schimpfte, erschien der Inspektor in der Thüre. Herr Misselwitz war wie aus den Wolken gefallen. .'» Morgen. Herr Inspektor. So nuverhofft.... Sie seh'n inich gerade'mal wieder für Ordnung sorgen. Wenn man nich' immer dahinter is... l Aber die Arbeiter wissen leider den Wert der Schutzvorschriften gar nich zu schätzen. Das muß man ihnen aufzwingen, förmlich aufzwingen... Da sch'n Sie'inal, da ha'm se an der Maschine die Schutzvorrichtung abgemacht, Iveil's zu imi- stäudlich beim Arbeiten is, kein Fenster wird geöffnet, den Ofen lassen se ausgehen, die»ene Ventilation ha'm se verrosten lassen. Na, aber ich werde jetzt'mal für Ordnung sorgen." Der Inspektor sah sich um und lobte dann des Fabrikanten Eifer. Es scheine auch nötig, daß Herr Misselwitz sich darum bc- kümniern muß, wenn die Arbeiter so wenig Interesse für ihren eignen Schutz zeigten... Daun gab er einige Anordnungen. Die Schutzvorrichtung' müßte wieder angebracht werden, Ventilation. Heizung, Lüftung. Herr Misselwitz fiel ihm ins Wort: er trage sich mit dem Gedanken einer Dampfheizung. Auch die Petroleum- lampen sollen'raus, in ein paar Wochen kann schon alles elektrisch sein,'s is noch nich bestimmt. Der Inspektor nickte befriedigt und fragte dann die Arbeiter, ob sie Beschwerden hätten. Die beugten sich tief über ihre Arbeit. Der Gewerbc-Jnspektor trat mit dem Fabrikanten auf den Hof hinaus. «Ja, seh'n Sie," meinte Herr Misselwitz wichtig�„wenn alle Arbeitgeber so wären wie ich, und so dahinter wären..., die Gewerbe- Inspektion brauchte»ich halb so viele Anzeigen zu mache». Man muh eben'n bißchen für seine Arbeiter sorgen. Hab' ich recht, Herr Inspektor?" »Gewiß, Herr Misselwitz, gewiß. Sorgen Sie nur, daß die paar Einrichtungen gemacht werden, dann Hab' ich gar nichts aus- zustellen." »Aber gewiß, Herr Inspektor." ,Na. denn will ich mal zu Schlüter hinübergehen,'n Morgen, Herr Misselwitz." ,ii Morgen, Herr Inspektor I" Der Fabrikant kam wieder ins Comptoir. Er lachte in sich hinein. ,Na, das war' wieder'mal für'n paar Monate über- standen." Er entzündete seine ausgebrannte Cigarre. Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er trat ans Telephon..Achtundvierzig. Weberei Schlüter." Als sich diese meldete, kreischte er:.Hier Misselwitz." Und mit einer tiefen, gruseligen Baßstimme setzte er hinzu:.Der Gewerbe-Juspektor kommt I" Er lachte, als er durch den Apparat die entstandene Bewcgimg auf dem Comptoir der Weberei vernabm und meinte:„Mir können sie nichts wollen. Wie's sonst aussieht, is ganz egal. Aber immer stramm sein, wen» kontrolliert wird. das is die beste Schutzvorrichtung."— Kleines �euMekon. bt. Niels Henrik Abel. Heute sind es 100 Jahre, seitdem in einem norwegischen Kirchspiel, Findoe mit Namen, ein Knabe geboren wurde, der später kaum dem Jünglingsalter entwachsen die wissen- schnstliche Welt durch die fruchtbarsten Leistungen in Erstaunen setzte, so daß sein früh erfolgter Tod— er starb am 6. April 1829, also bevor er das 27. Jahr zurückgelegt hatte— als unersetzlicher Verlust betrauert ivnrde. Das Vaterland Abels hat großartige Vorbereitungen getvosfen, um den hundertjährigen Geburtstag seines großen Sohnes würdig zu feiern. Aber wer war Abel, was hat er geleistet? werden die- jenigen fragen, die seinen Namen wahrscheinlich zum erstenmal hören. Das liegt nicht etwa daran, daß seine Arbeiten nicht über den engen Rahmen seines Vaterlandes hinaus Bedeutung erlangt haben, viel- mehr ist es wohl gerade dem Umstände geschuldet, daß sein Forschungsgebiet diejenige Wissenschaft bildete, bei der man am wenigsten von einer nationalen Entivicklnng reden kann, die höhere Mathematik. Den Nicht-Mathematikcr erfaßt ein gelindes Granen, wenn sein Auge in ein Buch aus dem Gebiete der höheren Mathematik fällt, die seitenlangen Formeln voller geheimnisvoller Zeichen, Wurzeln, Differentiale, Integrale starren ihn an wie die rätselhaften Hieroglyphen auf altägyptischcn Denkmälern oder wie chinesische Schriftzeichen. Mit widerstreitenden Gefühlen steht er einem solchen Buche gegen« über, je nach Neigung und Temperament gewinnt das eine oder das andre die Oberhand; das eine ist das Gefühl der unbegrenztesten Hochachtung vor den Männern, die solche geheimnisvolle Dinge be- wältigen, die der gewöhnliche Menschenverstand nicht fassen kann, das andre ist das überlegener Verachtung der Personen, die sich so abstrusen, weltfremden Grübeleien ohne praktischen Zweck hingeben. Das letztere Gefühl überwiegt in unsrcr mammongierigen Zeit bei den Bourgeois, das elftere bei den naiven Arbeitern, die vielfach noch in jedem Doktor oder Gelehrten etwas wie ein höheres Wesen erblicken. Daß das Gefühl der Verachtung unberechtigt, ein Zeichen des Niederganges ist, daß bei wissenschaftlicher Forschungs- arbeit die Frage der Erkenntnis, nicht die des Nutzens im Vorder- gründe stehen muß und steht, darüber wollen wir hier keine Worte vertieren. Aber auch das naive mit einer Spur von Verehrung gc- mischte Staunen muß überwunden werden und an seine Stelle die genießende Erkenntnis treten. Freilich wird es immer Wissensgebiete geben, deren Forschungen im einzelnen der Menge unbekannt bleiben müssen; aber über den Zusammenhang dieser Forschungen mit der allgemeinen WisscnSentwicklnng sollte in großen llnirisscn wenigstens jeder unterrichtet sein; wenn heute die Bildung der Arbeiter hierzu im allgemeinen nicht ausreicht, so erhoffen wir doch von der fort- schreitenden Kulturciitwicklung im Sinne des SvcialiSmns einen er- heblichen Fortschritt in dieser Richlimg. Die höhere Mathematik verdankt ihre Entstehung und. Fort- entwickelimg nicht etwa der Freude an begrifflichen Spielereien, sondern der fortschreitenden Erkenntnis der natürlichen Zusammen- hänge in der Welt. Schon die Alten sahen sich genötigt, zur Dar- stcllung der Bewegungen der Hinunclskörpcr die verschiedensten geometrischen Gebilde, Cykloiden, Epicykloiden zc. eingehend zu untersuchen. Aus den Arbeiten von Kopcrnikus und Kepler entstand eine ganz neue Wiffenschaft, die Himmels- Mechanik; nachdem die Bewegungen der Himmelskörper erkannt waren, galt es, dem Mechanismus derselben nach- zuspüren. Die Grundlage für die Bewältigung dieser Aufgabe lieferte das Newtonsche Gesetz der allgemeinen Anziehung der kosmischen Körper; aber dadurch wurden der Berechnung von Be- wegungen ganz neue Aufgaben gestellt, zu deren Bewältigung neue Rechnungsarten ersonnen werden mußten. Derselbe Newton, dem es gelang, die Bewegungen am Himmel auf eine ollgemeine mechanische Ursache zurückzuführen, war es auch, der zuerst die unter dem Namen Infinitesimalrechnung bekannte Methode des Rechnens auffand. In steter Wechselbeziehung mit einander haben sich dann die Himmelsmechanik und die höhere Analysis entwickelt; die eine lieferte die Probleme, die andre die Methoden zu ihrer Lösung. Mit der Zeit wurde der Umfang beider Gebiete so groß, daß eine'gewisse Teilung der Arbeit eintreten mußte; der Astronom benutzte zwar die Hilfsmittel der Mathematik, konnte aber schöpferisch an ihrer Weiterentwicklung nicht mitarbeiten, für den Mathematiker ergaben sich auch unabhängig von der Astronomie innerhalb seines Gebietes selbst neue Aufgaben, durch welche die schon bekannten Methoden über sich Hinansiviesen. Ans diesem letzteren Gebiete liegen vorzugsweise die Arbeiten Abels; in einem Alter, in welchem die meisten noch schwer mit der Aneignung der schon bekannten Ergebnisse der höheren Rechnung zu thnn haben, bereicherte er bereits die Wissenschaft mit den schönsten Entdeckungen. Die Abelschen Gleichungen, die Abelschen Integrale, die Abelschen Funktionen werden stets bedeutsame Abschnitte der höheren Rechnung bilden. Ihr besonderer Wert kann hier nicht an- gedeutet werde»; aber auch ohne das Verständnis für die Einzel- beiten seiner Arbeiten müssen wir uns über einen so Hervorrageildell Geist freuen und sein Andenken in Ehren hallen.— � Eine Ncklame. Auf einem Sonntagsansflnge, so erzählt den„Münchener Neuesten Nachrichten" ein Abonnent, kam ich unlängst nach Fürholzcn. Ich war des Willens, an der offenen WirtshauSthür vorbeizugehen, da bemerkte ich außerhalb der Umzännnng des Gartens, von einem Kastanienbaum beschattet, eine Tafel(so- gcnanutes Marterl), deren Bild meine Anfmerksainkeit wachrief; eS zeigte einen umgestürzten Leiterwagen, den davor gespannt gewesenen Schimmel in weiter Flucht und mehrere händcringende incnschliche Gestalten. Ich war daher des Glaubens, daß hier wohl ein großes Unglück geschehen sei. Kopfschüttelnd aber las ich die darunter befindliche Dichtung: Hier an dieser Stelle Kam das Unglück schnelle, Kaum zu glauben— Ach. wie dumm, Des Wirtes Schimmel warf da um. D'ruin Vorsicht, doch auch nicht verzagen— Gefährlich ist'S am Leiterwagen. Man muß alles gut bedenken, Insbesondere das Pferdelenken I Merk' Dir, Wandrer, die Geschicht' Und trau' keinem Schimmel nicht. Dank dem Herr», er war uns gnädig, Neune waren verheiratet. Fünfe ledig. Jetzt war ich so gescheit wie zuvor; es blieb mir deshalb nichts übrig, als nicinem Vorsatz ungetreu zu iverden und doch einzukehren, da meine Wißbegierde noch nicht befriedigt lvar; schmunzelnd er- zählte mir der' Wirt, von dem ich nähere Aufklärung erbat: . Schau'» S', Herr, auf diese Art kommen viele und fragen, und damit habe ich noch kein schlechtes Geschäft gemacht. Passiert ist de» Beteiligten iveiter nichts."— Theater. Schiller- Theater ll. EröffnititgSvorstelluiig.— In dem abwechselungsreichcn Lebenslauf des Friedrich Wilhelm- städtischen Theaters oben in der Chausseestraße hat ein neuer, und diesmal ein vielversprechender Abschnitt begonnen. Die Operette, die sich früher und dann nach längerer Unterbrechung zuletzt wieder in diesen Räumen etabliert hatte, niacht mm mehr wiederum dem Schauspiel Platz. ZinnGlückuntertotal veränderten Umständen. Die abenteuerlichen dramatsichen Experimente, die blutigen, durch meterhohe Plakate an- gekündigten Mordstücke im schlimmsten Vorstadt-Theater-Geschmack, mit denen Direktor Samst es seiner Zeit versucht hatte, sind ein für allemal an dieser Stätte begraben; und ebenso sicher ist eS, daß der damals auf diesem Theater heimische Schnnipiclcr-DilettantismuS — die älteren Mitglieder der„Freien Volksbühne" werden sich seiner noch aus eigner Anschauung erinnern— keine Auferstehung feiern wird. Die Traditionen des Schiller- Theaters, dessen Leitung das Friedrich-Wilhclmstädtische Theater jetzt erworben hat, bürgen für Ernst und Gediegenheit des künstlerischen Strebens auch in dem neuen Unternehmen. Gutes billig zn bieten, und hierdurch Ivette 5ireise, denen die alten teuren Theater notwendig vcrschloffcn sind, zum Genuß dramatischer Werke heranzuziehen, war das Programm, mit dem das Schiller- Theater von vornherein auftrat. Die Folge hat bewiesen, daß das Programm mehr als ein fronimer Wunsch war, daß es in einem wirklichen Bedürfnis wurzelte. Kein andres Theater in Berlin hat dauernd so volle Häuser gehabt. Und was im Osten von Berlin gelang, das muß wohl auch im Norden möglich sein. Die breitere Basis wird, das darf mit Recht gehofft werden, zugleich auch ver- nichrte Mittel und damit auch verniehrte Kraft für die Erfüllung des hochgesteckten Zieles schaffen. Die Vorstellung der Schillerschen „Braut von Messina", mit der am Mittwoch das Schiller» Theater dl.— diesen Namen soll es künftig führen— eröffnet wurde, mag als gute Vorbedeutung gelten. Bis zum Rande war das Haus gefüllt und dankte mit lautem Beifall. Daß nicht alles in dem Spiel auf gleicher Höhe stand, ist selbstverständlich, aber die beiden Hauptrollen, die Jsabella der Gertrud Arnold mids der Don Cäsar PäschkeS, waren Leistungen, die sich auf jeder ersten Bühne uiit Ehre» hätte? sehen tasjeu können.-- ät. I n t i in e s T h e n t e r.— In dem AnfsckNvnnc, des deutschen Tlieaterivesens ivährend de« letzten Halden MenschcnaltceS spielt das Bestreden nach„Intimen»' eine beträchtliche, doch iveniger erfolg- reiche Nolle als andre Bestrebungen, Man wird schon nicht recht klar, was mit diesem Schlagivort gemeint sei» soll. Am klarsten ist noch der Gegensatz kleinerer und w'ohlig ausgestatteter Räume gcgcn- iiber den ndlichc» zu großen nnd prnnkhaft ausgestatteten Nänmen. Sodann gilt es, in Zusammenhang dairrit, einen innigen Rapport ztvischen Bühne nnd Pudliknm. In»»vescntlichcn aber sollte man hier das Intime doch Ivohl verstehen als eine Dichter- nnd Schau- spielerkunst, die nicht in äußerliche» nnd groben»nd stilisierend vereinfachenden Zügen arbeitet, sondern durch innerlich vertiefende, feine, mannigfach eindringende Striche, und die in» Beschauer einen Aufbau von Stininningen hervordringt. Unter den Dichtern mag Stundberg> nuter den Schanspiclertruppen die des Deutschen Theaters z»i Berlin diesen» Ideal am nächsten gekoinmen sein. In der dramatischen Musik dürfte schwerlich etwas derartiges zu verzeichnen sein; Bayreuth besitzt einiges davon, geht aber iii der Hauptsache just andre Wege, Wege der Wirkungen auf das Festlich- Gewaltige, in großen Linien Ucbcrwältigeiide hin. Ein„Intimes Theater" Ivar 1895 zu München entstände», ein Versuch, mit Liebhnberspielern niitten in alltäglicher Unigebung Wirklichkeit zu spiele»». Ein Strindberg, ein Flaischlen nnd ein Georg Büchner Ivaren die aufgeführten Autoren, ein Verfließen in Nünstlerfestnlk war das Ende, Vor etlvn einem Jahr tröstete man sich über den Untergang des Ucberbrettls mit dem Gedanken an das Erstehen einer klcmcn, feinen Bühnenkunst ans seinen» Schutt, Die„Lebenden Lieder" retteten sich in den alten Offenbach hinein, nnd„Schall und Rauch" brachte es zu einer An- erkennuug der neuen Gattung eines„lyrischen Dramas." Das alles ist in» Verhältnis zu den» Anspruch eines großen Schlagwortes gering; am geringsten aber ist»vohl das,»vas»vir vorgestern als ein neues„Intimes Theater" kennen gelernt. Die Grenze zivischen Bühne nnd Brettl, zlvischen Kunst»nid Ulk, zwischen Aufflamme» nnd Verlöschen in der Berliner Schanspiehvclt läuft über den Alexandcrplatz»ind zlvar niitten durch jene Theater- bude dlirch, in der das Ueberbrettl an sei» Dämmerlicht trat. Längst ist es»veiter über diese Grenzen hinanSgezogen und hat nur seine Schatte» zurückgelassen. Ans den»„Bunten" soll jetzt ein„Intimes Theater" unter Dr. Arthur Pser- h o f e r s Direktion»verde». Am Mittlvoch wurde es eröffnet, aber noch nicht geschlossen. Vielleicht wird es bald ninbenannt:„Parodistisches Theater" könnte es mit mehr Recht heiße»». Parodien ans sociale Znsländc und noch niehr anf herr>che»ide Richtungen der dramatischen Litteratur Ivaren die eigentlichen Gaben des Eröffnnngsabends. Darin nnd nicht in der„Intimität" die Be- dentnng des iicnen Uilteruehmens zu sehen ist eine Wendling zum Guten,' die der Unternehmer hoffentlich als solche acceptiert. Es gab ein paar gelungene Einakter, die mit einer aber mich gar nicht intimen, sondern derb äußerlichen, einfärbigen Zeich», nngsiveise zu »virken suchen! Georges Conrtelines Verspottungen der französischen Justiz sind bekannt!„Ein Stanr nigast" setzte diese Vekanntschaft fort. H e n n e q u i n, B r a c c o und S t r i n d- b e r g wurden von P j e r h o f e r zur Herstellung dreier «parodiskischcr Ehe-Brnchstücke"(I) benützt, die die Ehe und die Ehe- litteratur lächerlich machen; das letztere geschieht in dem dritten der Stücke(„Der Papa")»vohl an» besten, Zinn Schluß eine„große romantische" Operette:„Elisa, die Taucher braut" von Claude Terrasse. Zum Glück haben »vir unsrcn Mnsikrcfercnten zu Hanse gelassen; der arnie Kollege »vürde Blut und eine Geschichte der musikalischen Parodie geschivitzt haben. Das Stück scheint nämlich in der That eine solche Parodie sein zu»vollen:»venigstcus nierkt man es an einem Angelruten- Terzett und einem Ring-Quintett. Oder»st es nur Mitleid des Kritikers, daß»vir daran durch eine solche Auffaffung etivas zu retten versuche»? Gespielt»vurde ziuneist gut! gesungen»vurde— ich Iveiß nicht, soll ich auch da sagen: parodislisch?— h. s. Technisches. ie. Ei» H e x e n n» e i st e r ans A l t- B e r l i n. Vor hundert Jahren starb in Berlin ein Man» Namens Enslen, der sich seinem Beruf gemäß als Optiker und Mechaniker bezeichnete. Er»var aber seinen Genossen im Handivcrk so»vcit überlegen, daß nicht nur sein Ruhm bis anf den heutigen Tag erhalten zu bleiben verdient, sondern auch seine Leistungen in gcivisscr Beziehung noch jetzt als vorbildlich zu schätzen sind. In den»' neuesten Heft der„Central- zcitnng für Optik nnd Mechanik"»vidinet Wikliain Bendt dem alte» Meister eine Gedcnkschrift. die das Können Enslens in ein helles Licht rückt. Enslen konnte als Hexenmeister in der Schaffung von Antomaten bezeichnet»verde»». Er vermochte selbstlhälig arbeitende Spielzeuge aller Art mit einer geradezu staunensivcrten Technik nnd Vollendung auszuführen. Da»vor zu- nächst ein„junger Spanier mit der PanPfeife". Bevor das Orchester zu spielen begann, gab der Knabe die Toiiart an. Sollte die Musik einsetzen, so nickte er dreimal n»it dem Kopf. Dann präludierte der Automat, spielte eine Andante, nnd nun setzte der„junge Spanier" selbst mit der Arie des Papageno „Der Vogelfänger bin ich ja" ein. Die Figur blies anf der Panpfeife genau so,»vie es ein Lebender hätte» Verantwortlicher Redacteur: Carl Leid in Berlin, machen müssen, indem er stets diejenige Pfeife an be» Mund brachte, die dem verlangten Ton entsprach. Er saß dabei auf einem Stuhl, schlug mit den Füßen abivechselnd den Takt zur Musik, schlenkerte darauf mit den Beinen und gcberdete sich»vie ein»virk- licher Junge, Hielt man ihn» ein Licht vor den Mund, so blies er es aus, dem» neben dem Flöteniverk»var in» Innern des Spaniers ein Blasebalg angebracht. Die Töne Ivnrde» ebenfalls durch Blasebälge erzeugt, die in Verbindung mit einem sinnreichen Uhrlvcrk auch die Bcivcgungcn der Beine und des Kopses der Figur bewirkte. Der Mechanismus ivar so genau gearbeitet, daß er nie versagte noch einen nureinen Ton zuließ. Von großartiger Wirkung»var auch eine Damenfignr, die mit beiden Händen mittels Hämmerchen auf einem aus 20 Glasstäben besteheudc»» Klavier spielte und dabei sehr natürliche Belvegnngen ausführte. Ferner fertigte Enslen einen singenden nnd hüpfende» Kanarienvogel mit innerem Flöteniverk, Walzen und Federn, Er beschäftigte sich auch mit einem Problem, das seit neuester Zeit zu »vissenschaftlichcn Zlveckc» wieder nnfgenonnnen ist, nämlich mit der Herstellung kleiner Luftballons in verschiedeneii Gestalten. Man erkannte schon damals die Bedeutung solcher Ballons zur Er- forschinig der höheren Luftschichten mid eröffnete in den Berliner Tagesblätlcrn eine Subskription für gusgedehnte Versuche mit dieser Erfindung, die jedoch nicht genügende Beteiligung fand. Immerhin »vurde»» etiva 30 solcher kleinen Ballons in Wien tind andern europäischen Hauptstädten zu den Wolken emporgelassen. Die größte Anerkennung aber fand ein von Enslen konstrnierter Seiltänzer in Lebensgröße, der seine Kunst mit einer beivunderungswürdigen Vollendung jeder Bcivegung ausführte und ein geradezu geniales Kunstiverk der Mechanik darstellte. Die Figur verneigte sich vor dein Publikum, schivang sich dann mit Eleganz und Leichtigkeit auf das Seil, ließ sich herab, hob sich»vieder empor und stand schließlich a»>f dem Kops. Diese Belvegnngen»vurde» nicht etiva ruckivcise, sondern mit der Ruhe und Grazie eines lebenden Künstlers ausgeführt. Der Automat verlor auch von seinen» Fuß eine Baridschleife und reichte dann den Fuß hin, damit sie»vieder befestigt»vürde. Für den Beifall der Zuschauer dankte der Seiltänzer mit Kopfnicken. Die Beschreibung dieses»ncrlivttrdige» Apparats ist noch erhalten. Enslen»var auch in der Berliner Gelchrtenivelt hoch geachtet und»vurde von der Berliner„Gesellschaft uaturforschende»: Freunde" zu jeder Sitzung geladen.— Humoristisches. — Fahnenweihe. Festordner:„Jatzt san ma schö in der Tiut'n! D'Festjungfra u»vill ninnna niitthoa,»venu ihr der Schriftführer uet de rückständig'» Aliment'n zahlt!"— — Eine wahre Geschichte. Aus der Briihlschen Terrasse in Dresden sitzen zivei schneidige Vollblut-Germancn, auscheineird Referendare, an einen» Tisch, als sich ihnen ein polnischer Jude in» jüdisch-polnischcn Kostüm(langer Kaftan, lange Stiefel und mit den linvcnneidlicheii Pcies geziert) mit der Frage, ob es erlaubt sei, Platz zu nehmen, nähert und, ohne Antivort abzulvarten, sich niedersetzt, Ueber die Vergrößerung der Tischrunde»venig erfreut, »vendct sich der eine der' Herren an den Juden mit den Worten: „Wissen Sie nicht, daß Sie hier unter Antisemiten sitzen?" Worauf ihm die verblüffende Antivort Ivird:„Entschuldigen Se, mciue Herren, so lang Se sich hier an st än big betragen, können Se ruhig sitzen bleiben."— („Jugend".) Notizen. — Der„ S i m p l i c i s s i m u s" hat für das Jahr 1903 einen Kalender herausgegeben. Außer der Uinschlagszcichnnng und den MonatSbildcrn enthält der Kalender nichts als aufgeivärmte Sachen aus frühereu Nummern des„Simplicissinrus"»lud recht viel Aunoucen,— Geschäft I— Geschäft!— — Max Reinhardt tritt am I, Jannar 1903 auS den» Verbände des D e»> t s ch e n T h e a t e r s. Er»vird sich ganz seinem cigiicn llntcrnehinen, den»„Kleinen Theater"(„Schall und Rauch") ividuicn,— — Josef L a u f f s neues Drama„ D e r H e e r o h m e" er- lebt am 20. Scptcinber im Lessing-Theater seine Erst- aufführung.— — G o r k i s„Kleinbürger"»verde» nun doch schon au» Sonnabend im Lessing-Theater in Scene gehen.— — Gottfried Keller»vird ein Grabdenkmal anf dem Züricher Centralfriedhof erhalten: eine» Granitsockel, anf dem eine Cyste und ein Obelisk aus rosafarbigem Marmor r»lhcn. Die Cyste hat die Form einer antiken Aschenkiste; sie enthält die i» tupferner Kapsel verschlossene Asche des Dichters. Der Obelisk ist init einem aus dem Stein herausgearbeiteten Rcliefbildnis Kellers gc» schmückt. Der Eutlvurf rührt vom Professor Bluutschli, das Porträt vom Bildhauer Rich, Kißling.— — Ein a u s g e>v a ch s e n e r Seehund, 1 ,80 Meter lang und 2,20 Centner schwer, ist in der Havel(in der Nähe von Parey) erlegt worden. Es ist der erste Seehund, den man bisher in der Havelgegcnd beobachtet hat.— Die nächste Nummer des Unterhaltungsblattes erscheint ain Sonntag, den 7. September. Druck und Berta« von Mar Bading»n Bertin