Wnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 175. Dienstag den 9 September. 1902 «Nachdruck scrdozen.) 3z Vie Roman von Nicolaus Krauß. Lene war über das„Stöcke!" hinaufgekommen, aus dem Gewirr heraus, da sah sie beim Brunnen des„Röhrkasten- wastcls" jemand eifrig winken. Sie schaute schärfer hin, es war ein seltsames Gefährt; ein kleiner Kastenwagen, davor ein Esel mit. wie es schien, ungeheuer großem Kopf. Ach, das war ja das Eselfuhrwert des Bauers am Bühl, mit dem sie selbst so oft zur Stadt gefahren! Sie wußte sofort, das das Winken ihr galt, und schon hörte sie auch das Geschrei der Magd: „Frau Försterin!... Frau Förstcrin!... So hören S' doch I..." Lenenähertesichmitihrem gewohnten, gleichmäßigen Schritt. „Ja, was hast denn mit dem Eserl g'macht, Margareth?" Bald wäre ihr das Lachen ausgekommen. Die Magd brachte ihre Arme und Beine zur Ruhe und schöpfte tief Atem. „Ich soll Ihnen doch was sagen, hat der Bauer g'sagt!... Und da Hab' ich Sie g'sehen... Und da Hab' ich müssen so schreien... Ich kann doch nct vom Wagen fort!... Der Esel ist doch noch so jung und dumin l... Und da Hab' ich ihm einen Sack über den Kopf gezogen. Er reißt doch aus mit dem Wagen, wenn ihn die Schusterbuben, die verdammten, zwicken und am Schwanz ziehen... Und ich bin doch heut' mit den ersten Johauni-Eroäpfeln Herinn' l..." Lene that einen Blick in den Wagen. Ja, das würde ihren Burschen schon schmecken: Neue Kartoffel, Salat und Schweinefleisch. Na, und einmal könnte man es ihnen schon geben, sie gingen ja doch bald aus Ferien... „Ja." fuhr die Magd fort und wischte sich ein um das andre Mal den Mund mit der Schürze,„gut finden sie und schmecken thucn s' wie Mandelkern'... Willst stehen bleiben, du Lump!" Sie gab dem Esel einen Puff, tätschelte ihn aber gleich wieder. „Ja, ja, Fra Försterin, ich Hab' schon mein Kreuz!... Na ja, viel sein'r ja net word'u, aber die ersten sein ma halt doch wieder auf'in Markt!... Herrgottsakra, Schinders- Vieh, ich reiß' Dir die Ohrwaschcln aus I... Der Kerl bringt mich rein noch um!..." Sie faßte den Esel am Ohr und beutelte ihn hin und her, wie man einen jungen Dackel schüttelt, der nicht brav gewesen. Der Graue machte keine Einwendungen. „Soll ich Ihnen ein Maß! einfassen, Frau Förstcrin?... Sie kriegen schon'n guten Preis, der Bauer hat's extra be- fohlen... Lene nickte und hielt ihren Handkorb hin. Während die Magd die Kartoffeln in das Maß klaubte, plauderte sie: „Ja. sagt er, hat er g'sagt, was unser Bauer is: Wenn fein die Konradsreuther Försterin kommt und will Erdäpfel haben, net so teuer anrechnen, wie den Stodterern, und ja gut messen!... So. und da sein noch ein paar drauf I..." Die Knollen rollten in den Korb. „Ist's z' viel, wenn ich zwanzig Kreuzer sag'?... Gelt nct?... Na alsdann!..." Die Magd-steckte das Geld unter die Schürze in eine Ledertasche. „Weiter brauchen S' nix?... Ja so I Wenn ich über- morgen wiedcrkoninr', bring ich junge Tauben mit... Das ganze Taubenhaus gurrt jetzt... Na, Sie wissen's ja, Sie haben ja selbst in dem Hof schon dient..." Sie hielt die Hand zum Abschied hin. Da sagte Lene: „Du wolltest mir ja noch was vom Bauer sagen, Mädel!" Die Magd schlug sich aus den Schenkel. „Lcut' und Kinder, jetzt Hütt' ich dös wieder vergessen! D' Hauptsach'!..." Sie dämpfte ihre Stimme, damit die andern Käufer, die sich allmählich anfanden, und die Lehrbuben, die, statt das Frühstück zu holen, von ferne dm Esel begustierten, nichts hören sollten. „Unser Franz kommt im Herwest in die Studie. Dös soll ich Jhna sagen, hat der Bauer g'sagt, daß Sie's wissen und sich einrichten können. Er soll za Ihnen in die Kost und ins Quartier. Und nächstens wird der Bauer selber einakumma, spätestens am Bincenzisonntag.. Alsdann, ich hab's aus- g'richt!... Adje, Frau Förstcrin!.. Lene wandte sich und schritt auf der andern Seite den Marktplatz hinab, um zum Fleischer zu kommen. Auf den blanken Basaltköpfen wurde das Gehen zum leichten Wiegen. Ein aufprasselndes Geschrei riß die Frau herum. Der ganze weite, im Sonnenglast flimmernde Platz war wie mit einem Schlage verändert. Von oben herab kam's im reißenden Zuge, als ging's einem Strudel zu. Von allen Seiten das Trappeln eilender Füße; Geschrei, Kreischen und Gelächter; das Pfeifen der Lehrbuben und das Schrillen einer Polizisten- pfeife; kopfloses Flüchten und Stürzen; und alles übertönend der Schreckensruf der Magd: „Halt's auf l.. Halt's auf I..." Es hielt ihn aber keiner auf, den zornigen Bauerncsch dem einer einen Schuhzweck durch das Fell getrieben. Er raste daher mit seinem Kastenwagen und vorn schlug er aus und hinten und wenn er sich einen neuen Schwung gab, flogen die guten, theneren Johannikartoffeln im weiten Bogen rechts und links. Und zu der tollen Fahrt klang die Begleitung: „Schlagt ihn nieder! Das Vieh ist wütig geworden!" „Polezei!... Polezeil..." „Trommelt den Bürgermeister heraus I" „Jessas, mein Gott!" „Ich derschieß ihn, wenn ich ein G'wehr Hab I" „Herzog von Eger, schau Dein Volk an!" Der Esel hielt gerade auf die Schlucht zu, die sich in- mitten der beiden Hälften des„Stöckels" aufthat. Kam er heran, dann mochten die zwei Uhrmacher, die da ihre Aus- lagen hatten, keine Freude erleben. Da geschah etwas ganz Unerwartetes. Knapp vor dem Gäßchm wuchs mit einem Mal die Gestalt eines ManneS empor. Ein Blitzen wie von blankem Stahl— der Esel, der noch nie etwas mit einem Stadtpolizisten zu thun gehabt, bekam so einen Schrecken, daß er einen Satz nach links niachte und auf das Hinterteil fiel. Er schrie gottsjämmerlich. Eine. Hand griff zu, und der Rummel war zu Ende. Auf dein Marktplatze. Alles, was Hosen trug, war bei der Eseljagd so warm geworden, daß es nicht mehr zum Aushalten war. In den Aemtern dehnte sich die Frühstücks- pause bis zum Mittagessen und in den Wirtshäusern und Liergärten wurden etliche Einier mehr ausgeschänkt als sonst an Werkeltagen. Drüben, vor dem schwarzen Hause mit dem Treppen- giebel war im allgemeinen Wirrwarr ein Milchkorb umgestoßen worden. Neben dem Gefallenen stand schluchzend und händeringend eine Magd; und immer wieder blickte sie auf das weiße Bächlein, das sachte verrann— der reine Schmetten... Lene wäre am liebsten gleich in der Thüre wieder um- gekehrt. So peinlich war es ihr. Im Schlächterladen be- fanden sich nur drei Personen. Die Geschäftsinhabcrin, eine stämmige Frau mit einem roten, energischen Gesichtund zusammen- gezogenen Brauen, hinter ihr am Hackstock ein etwas fetter junger Mann mit dem Beil in der Hand, jedes Winkes seiner Mutter gewärtig. Die alte Frau vor dem Ladentisch hatte bei Lenes Einttitt einen Blick nach rückwärts geworfen und war verstummt. Jetzt hob das Bitten und Flehen von neuem an; erst halblaut, dann immer mehr losbrechend drängte sie: „Nur einmal noch l... Ja?... Nur einmal noch, Frau Heß!... Ja?..." Ihr schlaffes Sinn zitterte, und die Augen flackerten; mit beiden Händen griff sie über den Ladentisch hinüber und suchte die Schlächterfrau festzuhalten. Die bog sich etwas zurück, und kalt blieb ihr Antlitz, als sie sagte: „Ich hab's schon einmal g'sagt: Es geht nicht und cS geht nicht l..." Die alte„Kostfrau" rang die Hände, und sofort schössen ihr die Thränen aus den Augen. „Um Gottes und Christi willen.... nur einmal noch. Frau Heß I"... Ich weiß ja nicht, lvas ich anfangs soll... Meine Studenten wollen doch essen l... O ich arme... arme Witfrau l.. Die Thränen kamen stromweise. Lene schluckte. Die Kehle war ihr wie ausgedorrt. Mit brennenden Augen sah sie die Scene. War das das Schicksal, das auch ihr einst bevorstand? Die Geschäftsfrau blieb hart. „ES geht nicht l... Es geht wirklich nicht, Frau Brandt!.. Die Arme der alten Frau fielen herab. „So soll ich also mit Gewalt verhungern? I... Lieber thu' ich mir was an I... Sie wissen doch selbst, wie es einer armen Witftau ist, die niemand hat... Und immer Hab' ich mich ehrlich durchgebracht... Sie werden an d e n Tag denken, Frau Heß I..." Der junge Schlächter räusperte sich. Seine Mutter wurde glutrot, riß die Hand aus der Schürzentasche und blätterte in dem Flcischbüchel, das vor ihr lag. Ihre Stimme klang nicht mehr herb, als sie sagte: „Seit sechs Wochen haben Sie keineu Kreuzer mehr be- zahlt, Frau Brandt!..." „Ja... aber... ich hab's Ihnen doch schon gesagt, daß dem Seidel sein Vater auf Geschäftsreisen ist... Für zwei Monate ist er mir Kostgeld schuldig I Und er bezahlt... be- zahlt!... Jeden Tag kann das Geld da sein!.. „Das haben Sie gestern auch schon gesagt!... Nein, ich gcb' Ihnen nichts mehr aufs Büchel, bis Sie wenigstens einige Gulden abgezahlt haben..... Ich hab's verschworen I..." Der Alten verschlug es die Stimme, fassungslos starrte sie die Geschäftsfrau an. Lene griff nach dem Thürdrücker. „Ich werde später... vielleicht wiederkommen," Die Schlächterftau wurde ganz erregt. „Aber nein, Frau Försterin I... In dem Augenblick sind wir fertig!..." Sie gab ihrem Sohn einen Wink. „Hack' iju 1" Und ganz geschäftsmäßig klang ihre Ansage: „Ein und ein halbes Pfund Schöpsernes... für Frau Brandt l... Nicht zu fett I... Ohne Zuwage!..." Sie schlug das Fleisch in reines Papier und reichte es der alten Frau hinüber. „So I... Sein Wort muß man halten!... Die fünfzig Kreuzer werden wir uns schon merken, auch ohne Büchel..." Die Getröstete wollte nach ihrer Hand haschen, sie aber hob beide Arme hoch in die Luft und wandte sich an Lene: „Was wird denn gefällig sein, Frau Försterin?" Lene machte ihre Angabe: Zwei und ein halbes Pfund Schweinefleisch mit Schwarte, elf Paar Krenwürsteln. Frau Heß hatte schon nach dem an einer Schnur hängenden Bleistift gegriffen, um den Betrag in das Büchel einzuschreiben. Da legte ihr Lene zwei Gulden hin. Sie stutzte, sah das ernste Gesicht der Kundin und schrie ordentlich auf: „Aber Frau Försterin I... Sie werden doch net I... So was würd' mir ja net im Tod einfallen!..." „Ziehen Sie nur ab, Frau Heß!..." Die that nicht dergleichen, sah die Kundin von der Seite an und meinte: „Ah, die Brandt!... Gelt?... Die kenn' ich schon (eit zwanzig Jahr'... Wie mein Mann noch g'lebt hat. Seit ie Studenten hält... Die, die ist auch eine von denen, die's nicht einzuteilen wissen!... Wenn Geld da ist, wird ge- lebt. Und hat man nichts, na für was ist denn das Büchel da?... Sie ist zu gutmütig I Große Studenten würd' ich nie nehmen. An denen setzt jedes zu. Und an wem geht's aus?... An den Geschäftsleuten! Ich Hab einen ganzen taufen im Büchel stehen: Und wo sind sie jetzt?... 'storb'n oder im Armenhaus... Ich bin auch eine Wit- krau und muß aufs Meine sehen! Mir ist's schlecht genug schon g'gangen!.... Ja ja ja, an den Studenten ist noch keiner reich worden..(Fortsetzung folgt.) Govkio„Kleittbitvgev'*« Lessing-Theater. Mit der bangen Rätselfrage nach dem Sinne des Lebens. die ausgesprochen oder verhüllt in all' den Erzählungen Gorkis wieder- eing t, setzt auch: dies. Drama ein.„Das Lebens seufzt Tatjana, !S Kleinbürgers Beßjemenow Hinwelkends-Tochter,»fließt so ruhig, so einförmig hin... wie ei» großer, trüber Strom. Und wenn Du zusiebst, wie ein Strom dahinfließt, dann werden Deine Augen müde. Du fühlst Langeweile... und es wird Dir so dumm im Kopfe, daß Dn gar nicht darüber nachdenken magst, warum eigentlich dieser Strom dort fließt". Und als zweite Stimme fällt ihr Bruder, ebenso wie sie dem Hause entfremdet und seine Kraft in nutzlosem Grübeln verzehrend, das Bild ergänzend, ein. Ihn hat gelräumt, daß er in einem Strom dahinschwimme,„dessen Wasser so dick ist, wie Birkenteer... So schwer ist's, darin zn schtvimmen... und ich tveiß nicht, wohin ich schwimmen soll... und ich sehe die Ufer nicht... Trümmer von irgend etwas schwimnien mir entgegen, aber wenn ich nach ihnen greife, zerfallen sie in Staub, ganz morsch und faulig find sie." So feindlich sich der Dichter in seinem Drama zu diese» beiden apathi» schcn, willenlos hin und hergestoßenen Figureu stellt, gegenüber den beiden kleinbürgerlichen Alte», die in die engste, ewig sich neu er- zeugende Monotonie eines selbstischen Jnteressenkreises gebannt, volle Befriedigung finden, vertreten sie doch immer in Gorkis Sinne eine eine höhere Entwicklungsstufe. Daß sie die Leerheit als Leerheit fühlen, das hebt sie über die Alten empor. Das bürgerliche Dutzendmenschentum, das blindlings sicki dem Her- gebrachten unterwirft, das rafft und rafft und es für Tugend hält, jeden Trieb einer höher fliegenden Sehnsiicht in sich zu ersticken, das ist der Schlag, der Gorki, dem Dichter, von je am tiefsten verhaßt war. Nicht aus irgend welchen moralischen Principien, aus dem innerstew Wesen eines eingeborenen Instinkts haßt er jene satt- zufriedene, jene bis ins Herz hinein veräußerlichte, in lauter kleinen, jäninierlichen Nützlichkeitserwägungen die Triebkraft ihres Ich verzettelnde, phantasielose Gattung, die es in der Welt der Wirklichkeit so herrlich weit zn bringen pflegt. Er verachtet sie, die zu bequemen Haustieren Gezähmten;' und wenn das Individuum, das sich in dieser Art des Lebens nicht znrecht- zufindcn vermag, auch keine Kraft besitzt, sich einen eignen höheren Inhalt zu verschaffen, wenn es mit den trivialen Zielen überhaupt alle Ziele verliert und, stcuerlos hin und hergeworfen, auf der Landstraße, im Asyl, im Jrreuhause stirbt, dem Herzen des Dichters steht es näher als jene„Gerechten" und jene„Glücklichen". Die Klage Tatjanas und Peters ist dieselbe, wie die Klage des Foma Gordjejew, dieselbe Klage, die in den» bunten, seltsamen Boll verlumpter Landstreicher, von dem der Dichter in seinen kleinen Erzählungen berichtet, immer wieder ertönt. Und die Flucht vor der Klage, das ist die Betäubung: der Rausch nnd das Wandern ohne Zweck und Ziel. Wunderbar hat er geschildert, wie das Gespenst dieser bangen Lebensfragen seine Menschen befällt, halb humoristisch in,„Weltschmerz" und mit wuchtigster Tragik in den„Drei Menschen", wo der junge, skrupellose Bnrsch, der in dem Schmutze seiner elenden Jugend immer von dem Erwerb eines hübschen, sauberen Kramlädchens als dem Inbegriff alles Glücks geträumt hat, mitten in seinem neuen Reichtum von jener schweren rat- und hoffnungslosen Melancholie befallen wird. Eben diese saubere, sichere Ordnung, die sein höchster Wunsch war, liefert ihn, der früher die Reue über ein Berbrechen fast mühelos in sich erstickt hatte, Seelenqualen, vor denen es nun kein Eutrinuen mehr giebt, anS. Nur einer, der die Lebcnsverzweiflnng selbst in allen ihren Tiefen ausgekostet, kann ihre Gewalt, so wie es Gorki gcthan, schildern. Es gab eine Zeit, in der er, von äußerer nnd innerer Not zugleich bedrängt, zur Pistole griff, um ein Ende zn machen. Aber auf die Dauer hat ihn das drückende Gefpeust nicht niederzuzwingen vermocht. Mag den Sinn deS Lebens auch niemand ermessen können, nicht überall wälzt es sich als jener große, gelbtrübe Strom dahin. Gelb und trüb schleicht es durch die Städte der Menschen. Aber draußen in der Freiheit, da glänzen die Wellen in unermeßlich reichem Farbenspiel, da spiegeln Himmel und Wolken sich in der Flut, da wechseln ebene Glätte nnd wildstrudelnde Fälle ab. Da ist Größe und Poesie. Selbst in den dunkelsten Erzählungen Gorkis, weht der Hauch einer geheimen, trostvollen Freude. Unerschöpflich quillt seine Phantasie, von Bildern dieser ernsten, feierlichen Schön- heis über. Und diese tiefe, innige Hingebung ist auch in seinen Schilderungen der Menschen, die er in den finstersten Abgründen deS Elends aufsucht. Er beschönigt nichts, ruhig reiht er Zug an Zug, scheinbar nur nm das eine' besorgt, die lebendige, bunte Manig- saltigkeit deS Seienden getreulich,' ohne alle störende Znthat eigenen Urteils, getreulich nachzubilden. Aber in dieser Rühe pulst ein Herzschlag wärmster Sympatie und Liebe. In dem Häßlichste» noch deckt er die Spuren eines Höheren auf, um dessen, willen wir ihn nicht verachten dürfen. Immer scheint irgend ein Lichtstrahl in das Dunkel hinein. Seiner ursprünglichen Anlage und Neigung nach erscheint unS Gorki, bei aller Menschenliebe, ähnlich wie der ihm sonst so unähn- lichc Ibsen, als ein Dichter von durchaus nnsocialem Sinne. Sein Freiheitsdrang hat so. wie der des großen Norwegers, etwas radikal Individualistisches nnd etlvas Mystisch- unbestinmites, er ist nicht auf dem Boden eines politistben Bekenntnisfes erwachsen, und fügt sich schlechterdings in kein System Der Gegensatz zwischen' der Monotonie einer geregelten, von Individuum- Unterwerfung heischenden Gesellschafts- Ordnung und dem Trieb des Individuums, die überkommenen Schranken zu durchbrechen, jenseits derselben auf selbstgebahnten Wegen ftei«in- herzuschweifen, ist mi keine bestimmte Gesellschaftsordnuitg gebunden. Keino politischen und keine sociale»» Reformen vermögen ihn in seiner Wurzel nuS der Welt schaffe». Gorkis Helden sind Land- streicher aus ihrer inneren Natur heraus. Ihr grüblerischer Hang, der Hah gegen alles, was einer Fessel ähnlich sieht, der Trieb nach farbigen Sensationen, die das Gefühl der imieren Leere übertäuben, ist's, was sie rastlos umhertreibt. Viel weniger das Elend der socialen Verhältnisie. Reichtum könnte ihnen keine Rettung bringen. An den Widersprüchen ihres Ichs würden sie auch dann noch, wie Foma Gordjejew, der reiche Kaufmannssohn, zu Grunde gehen. Nicht die Gesellschaft, die Personen interessieren Gorki, und diese vor allem in ihrer Auflehnung, nicht gegen dies und jenes sociale Unrecht, sondern gegen das gesellschaftliche Gefüge überhaupt. Das ist der erste, allgemeinste Eindruck, den seine Schilde- rungcn hinterlassen. Auf diesem Stoffgebiete liegen die eigentlichen Wurzeln seiner poetischen Kraft, hier' hat er Größtes geschaffen. Eine Lösung der überall wiederkehrende» Fragen nach dem Sinne des Lebens war aber von dem Standpunkt dieser Jndividnalitäts-Romautik ganz unmöglich. Sinnlos, wie das Leben derer, die in feigem Genügen vor den Tiefe» des Lebensrätsels das Ohr verstopfen, ist schließlich auch das Lebe» derer, die, von ihm erfaßt, die Kraft zu jeder Art des nützliche» Schaffens verlieren. Der ästhetische Reiz, des Abenteuerlichen hilft darüber nicht hinweg. Gorki empfindet das, und so klingen auch in den früheren Romanen und Erzählungen schon leise' und gedäinpft neue Töne hinein. Groß und weit lvird das Leben, Farbe und Inhalt erhält es, wenn der Einzelne, aller kleinlichen Sorgen vergessend, sich als dienendes Glied einem großen und guten Werke einordnet. Arbeit, aber Arbeit in kühner, sorgloser Art, die für andre das Leben in die Schanze zu schlagen bereit ist,— die erlöst von dem lähmenden Drucke des Grübelns, in ihr und nur in ihr ist ivahre Lebens- Möglichkeit. Prachtvoll ist in dem„Ehepaar Orlolv" die Schilderung, wie der verlumpte Schuster und sein Weib, bei einer Cholora- Epidemie als Hilfskräfte für die Baracken engagiert, hier nach und nach aus ihrer Lethargie z» neuem Leben erwachen,>vie Stolz und freudiges Selbstgefühl mit dieserneuen Thätigkeit in ihreHerzcn einzieht. Die Frau wird fo gerettet, der Mann stürzt wieder in die Tiefen. Und im Hintergrunde seiner beiden schwermütigen Noinnne, vor allem in den„Drei Mcnfchen", leuchtet bereits ein Schein der große» russischen revolutionären Bclvegung. Wie bedeutsam ist hier der Konirast zwischen dem unreifen, aber durch die Begeisterung für die allgemeinen Ziele getragenen Mädchen und dem zwischen lauter Eigen- interessc» eingesponncnen, in ausiveglosen Gram verfallenen Burschen durchgeführt! Sein Genosse, den der Zufall früher in jenen Kreis verschlagen, arbeitet sich mit rüstigem Mute hinauf, er selbst, Sehnsucht nach jenem höheren Unbekannten im Herzen, verfällt dem Untergang. Das, was hier nur mitklang, wird ein Grundton in dem Drama „D i e K l e i n b ü r g e r". Es ist das erste Werk mit ganz scharf und deutlich geprägten socialen Tendenzen, das wir von Gorki be- sitzen und so zugleich das erste, in dem ein hoffnmigsfroher Optimismus mit elementarer Kraft hindurchbricht. DnS Stück, das Sonnabendabend im Lessing- Theater seine Premiere erlebte, wird an den nächsten Somitagnachmittagen für die Freie Volksbühne gespielt werden. Wenn es mit dem Besten, das Gorki geschaffen, sich gleich nicht messen kann, der große Dichter ver- leugnet sich auch hier nicht. Nach lange» Jahren unfruchtbarer Oede kam hier endlich wieder einmal ein Poet zu Worte. Und so fremd uns die Welt ist� in die er hineinführt, er wußte zum Glanben an die Wahrheit dieses Bildes zu zwingen. Hier sprach ei» Eigen- artiger, der wirklich etwas zu sagen hat, und diese Empfindung, die gleich in den ersten Sceneu packte, hielt bis zum Schlnfse an. Das war ein andrer Beifall, als das gewöhnliche Prcmierenklatschen. Das Lessing-Theater hat sich durch diese Anffiihrimg ein'lvirkliches Ver- dienst erivorben, und ein klein Ivenig davon fällt auch der Volks- bühiie, die so energisch dazu drängte, zu. Der Titel»Die Kleinbürger" iveist nur auf eine Seite der Handlung hin. Der Konflikt zlvischen dem alten Beßjemenow, der als ein typischer Repräsentant seines Standes gedacht ist, und seinen Kindern tritt im Verlaufe des Stückes an Interesse hinter die Schilderung der jungen Generation zurück. Wie die Dinge zwischen Eltern und Kindern stehen, das ist gleich in dem ersten Akt mit einer Deutlichkeit entivickelt, der die späteren Eceneii nichts Wesentliches mehr hinzuzufügen vermöge». Wie denn überhaupt der Mangel einer.Steigerimg bei allen Feinheiten der Psychologie sich recht empfindlich bemerkbar macht I Tatjoni und Peter find dem Ideen- und Jntercssenkrcis des. Alten entivachsen, das kann er nicht verivinden. Mit seinem Gelde hat er sie lernen lassen und nun gehen beide ihre eignen Wege I Wieder und wieder beginnt er mit seinen Klagen über Undankbarkeit. Alles lvas sie thnn und sagen, erregt seinen Groll, und umgekehrt, alle Worte und Hand- lungen des Alten werden von den Kindern als peinigende Nerven- qual empfunden. Es ist eine Atmosphäre, ähnlich mit Erbitterung geladen, wie die in Hauptmanns„Friedensfest". Und ebenso wie dort, ist Unrecht auf beiden Seiten. Weim der Alte ein habgieriger Philister, sind die Kinder unvermögende Schwächlinge. Mehr als die Bildung, der der Alte das ganze Unglück zuschiebt, ist der Gegensatz der Temperamente an dem Streite schuld. Um Tatjana und Peter, die beiden Lebensmüden, aber drängt sich ein munteres Völkchen, lauter einfache und gerade. Naturen, deren ganze Seele am Leben hängt, Menschen voller sorgloser Aktivität, mit. Kraft und Willen, für das Tüchtige und Rechte zu tvirkcn. Da ist vor allem Nil, der Lokomotivführer, der Pflegesohn des Alten, den dieser gar nicht mit Unrecht in den Verdacht hat, daß aus ihm ein arger Social- demokrat werden möchte. Ein immer fröhlicher, kraftstrotzender Ge- sclle. Er weiß nicht, wie man über das Leben immer so jammern kann.„Nur in einem Umstand kann ich nichts Angenehmes finden: darin, daß ich und andre ehrliche Leute von Schweinehunden, Dummköpfen und Spitzbuben kommandiert werden... Aber so ganz gebieten sie doch nicht über das Leben I Sie werden vergehen und verschwinden— wie ein Ausschlag an einem gesunden Körper verschwindet." Da ist Polja, das liebenswürdige Mädchen, die es ihm angethan, da ist Schichki, der Student, Tatjanas Freundin und endlich Helena, die junge grundgntherzige Witwe mit der schelmischen Koketterie, die, iveil Peter, der arme Junge, sie dauert, mit ihm das Hans der Alten verläßt. Er selbst hätte es nie gewagt und wird, wie es der Kirchensänger Tetereiv ihm prophezeit, bald mit versengten Flügeln in das Nest der Alten zurückkehren. In diesen Figuren ist Ivohl das, was Gorki als die Stärke, in Tatjana und Peter, das was ihm als Schwäche der jungen Gelteration er- scheint, symbolisiert. Und die Starken können den Schlvachen nicht helfen. Peter wird Kleinbürger werden— trotz Helena und die Liebe Niels zu Polja treibt, ohne daß die jungen kräftigen Naturen es ahnen, Tatjana zum Selbstmordversuche. Ob die Stimmung, die sich in diesem Hymnus auf Kraft und Lebensfreude ausspricht, eine neue Periode in Gorkis Schaffen einleitet? Und ob sie fruchtbar sein wird? Wer kann es ivissen? Die beiden eindrncks- vollsten Figuren des Dramas haben jedenfalls noch ganz das Schrot und Korn vom alten Gorki: echte Barsnßlertypen, soivohl Teterew,. der Kirchensäiiger, wie Petschichin, der liebensivürdige, alte, leicht- lebige Vogelhändler und Vater Poljas. Auch in der Aufführung, die fast dnrchlveg Erfreuliches und Gutes über alles Erwarten bot.waren diese beiden Rollen von ausschlaggebender Wirkung. Sehr ausdrucksvoll und fein gab Joseph Klein den finsteren Tetereiv, aber Höfer als Vogclhändler tvar geradezu genial. Mit so erstaunlicher, die Individualität ganz in der Rolle hineinversenkender Natürlichkeit sah ich nur Bassermann in einigen Rollen spielen.— KonradSchmidt. Kleines JTemllekmt. m. w. Ein Arbeiterhcim wurde am Montag in dem Wiener Arbeitcrbezirl Favoriten eröffnet. Der Bau dankt seine Entstehung dem„Verein Arbciterhei», Favoriten", der sich vor einigen Jahren konstituierte und so kräftig wuchs, daß die Pläne seiner Gründer bald greifbare Gestalt amiahmen. Im. März des heurlgen Jahres zogen die Arbeitcr-Kolonnen mit Hacke und Schaufel ans und nun steht der Bau, der nicht nur in dem vernachlässigten Prolejarierbezirk, sondern als Saalbau in ganz Wien seinesgleichen sucht, fertig da. Das Arbeiterheim ist das künstlerische Werk des jungen Wiener Architekten Hubert G e ß n e r, der in der Preiskonkurrenz den Sieg davontrug. Wie genial sein Projekt Ivar, sieht man erst jetzt so recht. Die vorhandene Baufläche mußte drei Zwecken dienen. Es mußte ans sie der Saalbau und ein Wohn» haus gestellt werden und außerdem sollte cii»e Fläche von 400 Quadratmeter für Gartcuzwecke abgespart werden. Geßner erreichte diesen Zweck durch eine Dreiteilung der Fläche. Die Gassenfront nimmt das Wohnhaus ein. dessen MietSerträgnis beitragen soll, die Verzinsung der anfgeivcndetcn Kapitalien zu decken, im ziveiten Drittel steht der Saalbau. Wohnhaus und Saalban sind aber derart mit einander verbunden, daß in. beide direkt von der Gasse separate Eingänge führen, ein kleinerer in das Wohnhans, ein mächtiges schmiedeeisernes Thor in den Vorraum zur Erststiege, über die man in den Saal gelangt. Hinter dem Saalban liegt der Garten. Die Säle sind so geordnet, daß sie allen Bedürfnissen Rechnung tragen können. Namentlich das Parterre ist ein Unikum. Um einen großen Mittelsaal gruppieren sich sechs kleinere Versammlungs- und Sitznngsräume, so daß zugleich sieben Veranstaltungen stattfinden können. Das Ganze kann aber auch zu einem einzigen Fcstraum mit Nebeulokalitätcn nmgelvandelt werden. Die zn beiden Seiten angeordneten Säle sind nämlich von dem Mittelsaal nur durch große ausgebauchte Fenster abgeschlossen. Diese können leicht abgehoben lverdeu, und dann entstehen Logenbrüstungen, von denen man die Vorgänge im Mittelsaal beobachten und an ihnen teilnehmen kann. In der rechten Saalflncht können außerdem noch durch Abhebung einer Wand zivei Räume zu einem berivandelt werden. Breit und mächtig liegt über allen diesen Räumen im ersten Stockiverk der eigentliche Festsaal, der sanit der auf sichtbaren Eisen- träger» ruhenden, amphilheatralisch ansteigenden Galerie, 2000 Besucher aufnehmen kann. Dieser Saal hat seinesgleichen nicht in Wien. Es giebt ivohl einige größere Säle in Wien, aber keinen, in dem so wie in diesem den Bedürfnissen, denen Säle dienen können, Rechnung getragen iväre. Ein freudig stolzes Gefühl überkommt einen, wenn man diese» Saal betritt. Tageshelle flutet durch die hohen Fenster und durch die in die Decke harmonisch eingefügten Zierlichter. Die Decke! Verblüfft steht man nach oben. Das ist ein Wunderwerk moderner Konstruktiv>. Sie ist nach dem System des Brünner Professors Melau gebar.-. Eine lichte Eisenkonstruktion ist mit Beton derart ausgefüllt, daß die Konstruktionsteile gleich roten Bändern die Saaldecke durchziehen. Zur Aufhebung des großen Seitenschubes verbinden die Konstruktions- bnsis sieben straff gespannte Seilpaare. Neber dieser stark gewölbten Jnnendecke rnht eine seitlich tveniger gewölbte Autzendecke. Die da- zwischen liegenden Räume dienen den Ventilationen als LuftkanLIe. Das Podium kann ebenso gut als Versammlungstribnne, wie als Mufilestrade oder als Bühne dienen. Zu seinen beiden Seiten stehen auf hohen Postamenten die Kolossalbüsten Marx' und Engels'. Auch sonst ist in dem Saale, der abends wie alle Räume elektrisch beleuchtet ist. alles prakiisch angeordnet. Speisen- und Getränke» Aufzüge vermitteln den Verkehr mit der im Wohnhans unter- gebrachten Restauration, eine Vorballe dient als Garderobe, ein Zimmer neben dem Podium als Garderoberanm bei Vorstellungen oder Konzerten und drei Ausgänge nach verslhiedenen Richtungen machen ein rasches Entleere» des Ranmes möglich. Das Wohnhaus, das in erster Linie VerzinsuiigSzwccken dienen mich, unterscheidet sich dennoch recht vorteilhast von den Zinsburgen, in die sonst die Wiener Proletarier gepfercht werden. Jeder Arbeiter hat hier bei seiner Wohnung ein eignes Vorzimmer. jeder sein eignes Klosett, jeder seine eigne Wasserleitung, die Kinder haben auf der gut umfriedeten Foherdccke einem Spielplatz in freier Luft und durch die Anordnung, datz der unter dem Dache untergebrachten Waschküche und dem Plättraum auch zivei Brausebäder augegliedert sind, hat auch jede Wohnpartei Gelegenheit, reichlich Bäder zu nehmen, ein Vorteil, den sonst in Wiener Quartieren der Proletarier nirgends hat. Das Wohnhaus dient übrigens auch zu Parteizlveckcn. Der Konsumverein.Vorwärts' hat hier eine Filiale, die.Arbeiter- Zeitung' eine Verkanssstelle, die Allgemeine Arbeiter-Äranlenkasse eine Zahlstelle und der Unterrichtsverband der 2