Interhaltungsblatt des Horwäris Nr� 280. Dienstag, den 16� September. 1902 (Nachdruck verboten.» 8] Dio Skndk. Roman von Nicolaus Krauß. III. Sie hob sich auf den Zehen und faßte ihn an den Klappen des schwarzen Gehrockes. Ihr volles, von Gesundheit blühen- des Gesicht lachte, die Augen glänzten. Sie liebte ihren Mann noch immer so innig, wie vor dreißig Jahren, als sie, die Erbtochtcr, dem blutarmen Kauftnannsdiener ihre Hand bot. „Tu, Herr Bürgermeister, Du weißt doch, daß heute die Frau Försterin kommt?" Er that, als sähe er über sie hinweg, und machte ein Gesicht, als stände er mit dem Stadtrat und der gesamten versammelten Gemeindevertretung vor einer folgenschweren Entscheidung. Aber sie kannte ihn und wußte, wie oft er sie schon mit dieser Anitsmiene geneckt hatte. Sie lehnte ihre linke Wange an seine Brust, blickte zu ihm ans und schmeichelte: „Du, Ludwig, so laß doch einmal den Bürgermeister!... Du... gelt... Du»virst lieb zu ihr sein?... Sie ist doch eine brave Frau!... Wo man hinhört, reden sie von ihr nur Gutes... Und Du hast selbst gesagt, wenn Du nach der Inspektion von Konradsreuth kamst..." Er sah sie an, immer noch ganz Stadtoberhaupt. „Sie hat ihr Gesuch ordnungsgemäß eingebracht, und mau wird darüber befinden— der Ordnung gemäß." Die kleine Frau schüttelte sich. „Pstli. Ludivig!... Wie bist Du denn heut'?... Deine Frau steht vor Dir. nicht der Stadt-Seff I..." „Herr Joseph Brückner ist Stadtbeamter und—" „— ein Doppelfettfleck, ein grauslicher... Schau l... Ludivig!... Zwölf Gulden das Monat, was ist denn das für eine Pension?... Das ist ja nicht zum Leben und nicht zuni Sterben I... Da hat ja unsre Köchin mehr l..." „Sie hält Studenten!..." „Da wird sie schon fett davon werden!... Ich habe viele Kostfrancn in Eger gekannt, die zu Grunde gegangen sind... Aber das geht uns hier nichts an... Du!... Ludwig!... Mann!... Warum habt Ihr denn den Förste n an Gehalt zugelegt?... Weil Ihr es jetzt könnt, weil Ihr jetzt billiges Geld von der Spartasse habt, weil der Wald mehr trägt und die Förster nicht mehr auf das Anweisgeld an- gewiesen sein sollen... Und wer hat Euch das gesagt, lange Jahre hindurch, inimer und immer wieder, bis Ihr gescheidt geworden seid?... Der alte Grnber!... Und jetzt wollt Ihr seiner Witwe..." Der Bürgermeister wurde lebendig. „Marie, so ähnlich steht es auch im Gesuch!... Das Gesuch ist Amtssache!" Die Frau erglühte. „Tie Frau Grnber hat mir alles erzählt.... Und ja!... Ich Hab' auch das Gesuch gelesen!" „Es giebt nur einen Bürgermeister, keine Bsirgernielsterin!" „Aber eine Frau Bürgermeister! Und ich lasse es mir nicht nehmen!... Hättest Du es doch eingeschlossen, das große Geheimnis..." Jetzt wußte er, daß er einlenken mußte. „Also ja!... Meinetwegen!... Ich werde nicht gegen Deine Försterin sein!..." Sie fühlte, wie sich hinter ihrem Rücken seine Arme schlössen. Leicht faßte sie mit beiden Händen in seinen weißen Bart. „Du?!... Ludwig!..." „Als die Stadt uock, reichsnmnittelbar, wenn auch an die Krone Böhmen verpsändet>var, hatte sie das Zollrecht. Alles, tvas hinausging ins Reich, mußte gestempelt sein, und >vas hereinkam, wurde auch—" gestempelt!... Jawohl!... Jawohl!..." Sie ließ den Bart fahren, bog seinen Kopf herab und küßte ihn mitten auf den Mund. „Da!... Und noch einmal... daß es besser hält, Dein Versprechen!... Und aller guten Dinge sind drei!... So, und"— sie schlüpfte ans seinen Armen— „jetzt wahr' wieder Deine Amtsunene, Herr Bürgermeister! Sie muß gleich kommen I... Um halb zwei Uhr, hat sie gesagt..." Als Lene eintrat, saß der Bürgermeister an seinem Schreib- tisch und las in einem, in der Mitte gebrochenen Folio- bogen. Er legte das Aktenstück beiseite und hieß sie Platz nehmen. Etwas wie Befangenheit zog durch die Seele der Frau, als sie das ernste, würdige Greiseuantlitz vor ihr betrachtete. Aber plötzlich erinnerte sie sich, daß sie schon einnial an derselben Stelle, vor demselben Manne gestanden, wie gütig er sie angehört, und wie sie ganz getröstet nach Hause gegangen, damals... Die gleiche Erinnerung mußte im Bürgermeister erwacht sein. „Wir haben uns hier schon einmal gesehen, Frau Försterin..." Lene hatte ihr Selbstvertrauen wiedergefunden. Ihre Stimme klang ruhig und fest, als sie antwortete: „Ja, damals, wegen Gruber... Als er das Wasser- moos gestohlen haben sollte und der Stadtrat Walz eine Untersuchung eingeleitet hatte..." Ter Bürgernwister sah die Augen der Frau, in denen es aufglonim, und die Röte, die ihr mählich ins Antlitz stieg. „Na ja... Na ja!... Sehen Sie, es ist ja damals auch zu nichts gekomnien... Wir waren auch noch da! Und wir wußten schon, was wir an unserm alten Gruber hatten.., Es ist dann, sehen Sie. auch nach ihm gegangen, wie er's haben wollte, wenn auch nicht ganz so... Wir haben jetzt einen allgemeinen Umtriebsplan, der für alle Reviere gilt... Und der ehemalige Stadtrat Walz ist schon lange tot... Wie geht es Ihnen denn, seit Sie in der Stadt sind?" „Man muß es halt nehmen, wie es kommt, Herr Bürger- meister. und zu verbessern suchen, soweit man es kann— hat der Gruber immer gesagt." „Hat er etwas hinterlassen?" „Ein paar Gulden haben wir mis erspart. Aber wenn ich davon leben wollte, wäre ich schnell fertig. Ja, wenn das Gehalt imnier so hoch gewesen wäre, wie in den letzten zwei Jahren!... Grnber hat doch seine volle Zeit gedient!... Und was habe ich? Nicht einmal eine Pension, wenn man es recht betrachtet. Nur eine„Gnadengabe", denn..." „Wohl, wohl!... Das mit den Hinterbliebenen ist noch nicht geordnet!... Sie haben Studenten?..." „Ja! Sieben Stück!" Als ihr das Wort„Stück" entfahren, mußte Lene lächeln. Auch um den Mund des Bürgermeisters zuckte eS; aber sofort blickte er wieder ernst. „Da sollte man doch meinen, daß.. Er räusperte sich leicht. „Allerdings!... Wenn die Konkurrenz und verschiedenes andre nicht wäre..." „Konkurrenz? Wie meinen Sie denn das?" Er blickte sie erstaunt an. „Kann es mir schon denken, daß das im Stadtrat noch nie zur Sprache gekommen ist, und—" Lene warf einen Blick durch das geräumige, hohe Zimmer, über die im stillen Glänze schimmernden, wohlgeformten Mahagoni- Möbel, die weißen Spitzenvorhängc, die von der Decke bis auf den mit Wachs eingelassenen Fußboden reichten, und nickte. Der gefestigte, mit Geschmack verbundene Wohl- stand war ihr noch nie so deutlich entgegengetreten. Leicht aufseufzend fuhr sie fort: „Die Sache ist sehr einfach. Die guten Studenten, ich meine die, welche ein hohes Kostgeld zahlen können, wohnen bei den Professoren. Dann kommen die Kostfranen, welche „Protektion" haben. Ihre Männer sind selbst Beamte, oder man will ihnen einfach was zuschanzen. Auch Bürger, denen es mit dem Geschäft nicht so recht znsaimnengeht, halten Studenten, besonders gern solche von der Lehrerbildungs- austalt. Die spekulieren, eine oder die andre ihrer Töchter los zu werden.... Was nicht viel zahlen kann, was Kofttage bei den reicheren Bürgern, in den Klöstern oder bei Ber- wandten hat, fällt uns zu, den Witfrauen, die auf die paar Gulden angewiesen sind..." „Ja, aber..." „Mehr verlangen? Wenn das nur so leicht ginge. Das Gegenteil ist der Fall. Die Studenten kommen doch überall hin, in die andren Kofthäuser, sehen dort besseres Essen, schönere Wohnungen und Mollen das dann auch von uns haben.... Ich Hab' gleich zu Anfang einen Flügel kaufen müssen." „Aber die Menge, Frau Försterin I Sie sagten doch selbst..." Lene setzte sich fester auf ihren Stuhl und legte den Ze'�c- fingcr der Rechten auf den Daumen der linken Hand. „Wollen mir einmal rechnen, Herr Bürgermeister?... Gut! Unter meinen Studenten ist ein einziger, der sechzehn Gulden für den Monat zahlt. Das ist ein ermachsencr Manu, und er braucht viel. Er hat sich sein Studicrgeld als Maurer verdient und weist, was man für sein Geld verlangen kann... Daun geht's herunter bis auf vierzehn Gulden. Ter Matz hat Kosttage, er zahlt nur acht Gulden... Wenn ich alles zusammenrechne, bleiben mir für den Tag noch nicht drei Gulden. Dafür muß ich fünfmal Essen geben und habe noch nichts für den Hauszins, für Feuerung und für Kleidung. Von der Aufwartefrau will ich gar nicht einmal reden... Und dabei bin ich doch noch viel besser dran, als die andern. Ich habe doch wenigstens nreine zwölf Gulden„Pension" I..." Vom Vorhaus kamen zwei metallische Schläge der hohen Standuhr. Der Bürgermeister wurde unruhig. „Frau Försterin, was das Gesuch betrifft..." „Ich danke Ihnen, Herr Bürgermeister I Ich thue es auch deshalb, damit andre, die nach mir in dieselbe Lage kommen, auch etwas davon haben.... Eine muß doch den Anfang machen und den Bürgern auf dem Stadthause zeigen, wo Gerechtigkeit nötig ist.... Eine„Gnade", Herr Bürger- meister, verlange ich nicht I" Der Bürgermeister hatte sich erhoben und reichte Lene die Hand. „Sie sind wirklich eine tapfere Frau I Ich werde mein Möglichstes thun... Wissen Sie, dast Sie für eüie'Egrische Bürgersfrau wie geschaffen sind? Sie kennen doch die Ge- schichte von dem Sturm auf Franzensbad „Wie die armen Egrischen Weiber den Abfluß der Franzensguelle bezahlen sollten, weil es ein Arzt so wollte? Wie„auf dem alten Schloß" die Frau eines Schlotfegers die Trommel umhing und Sturm schlug? Wie die Weiber sich bewaffneten, nach Franzensbad hinausstürmten und den Doktor nach Sachsen verjagten, daß er das Wiederkommen vergaß? Wie sie den„Tempel" absägten, umwarfen und ihr Recht behaupteten— ja, das weiß ich, Gruber hat es mir cinigemale erzählt..." lFortsetzimg folgt.) Wfl-bDniif Berfioten.) IHttttdvvk Jahre Neilfchvift- forsch»« ttg. lluler den ivlsscnschaftliche» Großthaten des abgelaufenen Jahr- Hunderts nimmt einen Platz in erster Linie ei» die Erschlietzmig jener so lange geheimnisvollen Schriften und Sprachen, die der uralte» Knltnrvölkcrn von Aegypten und Mesopotamien znin Aus- druck ihrer Gedanken diente». Was ma» vorher von dem Wnnderlande der Pyramiden und von den Erbauern des Turms zu Babel ivußte, stammte ans zweiter Hand, war entweder der Bibel oder den alten Nlassikcrn cnt- nonimen und zu einem erhebliche» Teile sehr unzuverlässig, ins- gesamt aber äußerst lückenhaft. Erst die Entzifferung der Hicro- glyphen und der Keilinschrifte» ließ die Anwohner des Nils und des EnphratS und Tigris, bei denen das Vestafeiicr der Civilisation schon Jahrtausende früher als ini europäische» Abendlande brannte, selber zur Nachwelt sprechen, ihre versunkenen Kulturen neu erstehen. Dorum haben die genialen Bahnbrecher, die den Weg zur Eni- rötselimg der ägyptischen Bilder- und der babyloiiiichcn Keil- schrist eröffnet haben, ein wohlverdientes Anrecht darauf. wenigflens dem Namen nach allgemein bekannt zu sein. Das ist aber höchstens bei dem ersten Entzifferer der Hieroglyphen, dem Franzosen Franyois Champollöon, der Fall: dagegen haben ivohl nur wenige von dem Hannoveraner Friedrich Georg Grote- send gehört, der in einer vor»im hundert Jahren— am 14. Sep- tembcr 18(j2— der Akademie der Wissenschaften in Göttingen>nit- geteilten Abhandlung der gelehrten Welt die epochemachenden Ergebnisse seiner Forschnngen über die Keilschrift bekannt gab. lind doch ist Grotefend der Größcrc. Damit sollen die Verdienste dcS Franzosen leiiieslvegs geschmälert werden. Thntsachc ist aber, daß EKainpollöoiis Aufgabe durch ein Hilfsmittel erleichtert Ivnrde, dessen Grotefend sich nicht erfreut hat. Ehnmpollöon ging von jenem Steiir von Nosetle ans, der 1799 während Napoleons Expedition »och Aegypten anfgcfmideii wurde und ein Dekret eines ägyptischen Königs der Ptvloinäcrzcit in zwei Sprachen und Schriften, ln Hieroglyphen und auf Griechisch gab. In dem ohne tveitcres lesbaren und verständlichen griechischen Text nun fand sich des öfteren der Name Ptoleniäns, er fand sich also auch ini ägyptischen Original und war hier jedesmal dadurch kenntlich gcmachl, daß er in ein ovales Schild eingefaßt war. Da er mit den Buchstaben- zeichen, die sich in der Hieroglypheuschrift neben Silben- und Wort- zeichen finden, geschrieben ivar, so ließ er sich entziffern, und damit lvar ein erster Anfang gegeben, auf den sich— freilich mit großem Scharssinn»ich- unendlicher Mühe— weiterbnnen ließ. Bedeutend schlvieriger lvar Grotcfends Ausgabe. Auch er ging freilich von mehrsprachigen, sogar dreisprachigen Inschriften aus. Das konnte ihm aber gar nichts nützen, iveil von diesen drei Sprachen und den für sie verwandten drei Schriftarten nicht eine einzige bekannt, leserlich ivar. lind vor Grotcfends Auftreten war nicht einmal das Vorhandensein dreier verschiedener Schriftsystcme in de» wenigen damals bekannten Keilinschriften wahrgenommen worden. Sie waren aller Gelehrsamkeit der Orientalisten ein so undurchdringliches Rätsel, daß ma» z» bezlveifel» begann, ob hier überhaupt eine Schrift oder nicht vielmehr ein Spiel des ZnfnllS vorliege: etwa willkürliche Schnörkel nach der Art jener Arabesken, die man in maurischen Palästen findet. Dem durchdringenden Scharfsinn des jungen Grotefend, der nicht einmal Orientalist, sondern ilassischer Philologe ivar, blieb es vorbehalten, den Schlüssel zur Lösung des Rätsels an die Hand zu geben. Er legte seiner Entziffernngsarbeit ztvci kurze Inschriften zu Grunde, die sich in den Rninen der alten Pcrjer-Hanptstadt Perscpolis, in den Trümmern des Königspalastes der Achämcnidc» finden. Sie stammten, wie man annehmen durfte, von persischen Königen ans diesem Gesäilechte her, das seit der Mitte des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts Über Iran und das ganze übrige Vorder- asic» geherrscht hat, bis in den dreißiger Jahren dcS vierten Jahrhunderts die btmtznsamntcngeivürfclten Horden des letzten Achnmeuidenlönigs vor der schwergcrüsteten Phalanx Alexanders von Mnccdonic» in alle Winde zerstoben. Davor ivar aber ein- mal— im ö. Jahrhundert v. Ehr..— eine Zeit gewesen, wo die Pcrserkönige angriffsweise gegen Griechenland vorgingen, wo aber in den Schlachten von Marathon. Salantis, Platacae der orientalische Despotismus von der hellenischen Freiheit abgewehrt ivard. So kannte man ans der grichischcn Geschichte die Namen der Achämenidcn- tönige, von denen die beiden ersten Cyrns und CambyseS, die späteren umschichtig DariuS, Xerxcs und Artaxerxcs hießen. Ten einen oder atidren dieser Namen, natürlich in seiner originalen persischen Forin, durfte Grotefend in den ihm vorliegenden Inschriften anzutreffen hoffen; es jkam darauf an, herauszufinden, welche Zeichen welchen Namen bedeuten sollten. Die sinnreichen Kombinationen, die er anwandte, um diese unlösbar scheinende Aufgabe zu lösen, zu verfolge», ist mich heute noch von Interesse. Die beiden von ihm benutzten Inschriften waren dreisprachig. Grotefend nun zog bei beiden in Betracht nur die oberste, einfachste Schriftart, die im Vergleich zu den andern nur eine geringe Anzahl von Zeichen umfaßte und sonach für eine Buchstabenschrift gelten durfte, tvährcnd die dadurch ausgedrückte Sprache die des herrschenden Volles, also die persische, sein mußte. Was nun die—»tut- maßliche— persische Schrift anging, so liefen ihre ans drei bis fünf Keilen, einfachen beziv.Winkclkcileii, zusammengesetzten Buchstabcnzeicyen gleichmäßig über die Zeilen fort, ohne daß eine Spur von Interpunktion wahrzunehmen gewesru wäre: mit einer gewichtigen Ausnahme. Allcntal nach einer geringen Anzahl Buchstaben fand sich ein einzelner, schräg von linls oben nach rechts unten laufender Keil vor; darin erkannte Grotefend einen Worttciker, ein Zeichen, das die einzelnen Wörter von einander abgrenzte. Damit, daß die Wörter abgeteilt erkannt werden tonnte», dadurch war nun schon viel gewonnen. Ein Wort lehrte in beiden Schriften öfters wieder: je einmal in beiden sogar ztvcinial hintereinander, das zweite Mal mit einer Endung. Dies Wort mußte„König" bedeuten, in seiner Wiederholulig also„König der Könige", die bis heute übliche Titnlattir der persischen Schahs. Davon ausgehend, gelang es Grotefend, den gesamten Wortlaut der beiden Inschriften annähcrungsiveise zn bcstimutcn. Er ver- mutete tiämlich nach dem allgemeinen Bilde der beide» Inschriften, daß sie analog lauteten, wie persische Königsinschriften ans viel jüngerer, nachchristlicher Zeit, die von Herrschern ans dem Hanse der Sassaniden stammten und von dem berühmten französi- scheu Orientalisten Silvcstre de Sacy übersetzt ivorden ivaren; Grotefend übersetzte also eine ztveite Inschrift in ihrem größeren Teile folgendermaßen:„dl. dl., Großkönig, König der Könige, Sohn des Königs X. V...." Die andere hob dann entsprechend also an:„X. Y., Großkönig, König der Könige, König der...*), Sohn des Z. Z,..." Wenn damit der Sinn der beiden Inschriften richtig ivicdcrgegeben ivar, so konnte Grotefend vorläufig doch kein einziges der von ihm übersetzten Wörter in seinem persische» Laute, ja, er kovnte zunächst noch nicht einen einzigen Buchstaben lesen. Aber in seinen Inschriften fanden sich zwei Rainen von Königen, und zivar wie nicht zit bezweifeln war, Könige» ans dem Hanse der Achäuieniden, von denen dl. dl. der Sohn des X. Y. gciiännt ivnrde. Er fing also an— um ihn selber zu citicren—,„die Reihe der *) Länder sdas konnte Grotefend nicht vernmten). Könige dnrchzugeüen und zu nuiersucheii, welche Name» de» Charaktere» der Inschriften sich am leichtesten anschmiegte». Eyrus n»d Cainbyses konnten cS nicht sein, weil die beiden Namen der In- schrifien keinen gleichen Anfangsbuchstaben hatten, es konnte überhaupt weder ein Eyrns noch ein Artaxcrxes sein, weil der ersle Staue im Verhältnisse z» den Charaktere» zu kurz und der zweite zu lang Ivar. Es blieben mir also nur noch die Namen des Darias und Zcrxes übrig, und sie sägten sich in die Charaktere so leicht, datz ich in die richtigeWahl derselbe» keinen Zweifel setzen konnte. Dazu kam. daszinder Inschrift des Sohnes dem Vater gleichfalls der Kvnigslitcl beigelegt war, aber nicht so in der Inschrift des Vaters..." Der Vater deS Tarins, Hystaspes nach griechischer Aussprache, war nämlich nicht König. Solveit>var Grotefend gelangt ans dem Wege einer Reihe von scharfsinnigen Hypolhesen. Diese Hypothesen aber empfinge» den Beweis ihrer Richtigkeit, wenn die drei Namen, Xerxcs. Dariiis, Hystaspes, die Grotefend in seinen beiden Inschriften entdeckt haben wollte, sich den Keilschriftzcichcn ohne Gewaltsamkeit und Wider- spräche so anpassen lietzc». wie sie in persischem Munde lauten mochten. Das war der Fall, und damit erfuhr Grotefends Eni- ziffernngslverk seine Beslätignng. Er hatte angenommen, die Sprache der persischen Kcilinschriften sei identisch mit der des Zend-Avesta, der heiligen Schrift der von Zoroastcr begründeten Religion, die ehemals im Perscrrcich geherrscht hat nnd jetzt als ihre letzten Anhänger die Parsen zählt. Dcmgeniäs; hatte er als persische Form des Namens Hystaspes Goschasp, Gvstajp, Histasp oder Wistasp gesetzt, weil er sich so im Zcnd-Avcsln findet. Nun lies; sich niit Hilfe der durch die Entzifferung der Namen Terxes. Darins und Hystaspes gewonnenen Buchstabcinverte das persische Wort für„König" lesen: es lautete wie im Zcnd, und damit war ein weiterer Beweis sär die Richtigkeit von Grotefends Entdecknng geliefert. Seine Forschungen über die Feststellung von etlva einem Dutzend Buchstaben hinaus iveiterznsnhrcn, ivar Grotefend nicht vergönnt. Dazu fehlte es ihm teils an genügender Bekanntschaft mit den orientalischen Sprachen, teils an hinreichend umfänglichem In- schriftcnmaterial. Diese Kalamität blieb auch noch während der nächsten Jahrzehnte bestehen. Immerhin aber gelang es dein Bonner Orientalisten Lassen Mitte der dreiffiger Jahre, in einer Inschrift des Darins ei» Verzeichnis der Provinze» des Perserreichs aufzufinden nnd mit Hilfe davon das von Grotefend aufgestellte Alphabet teils zn berichtigen, teils zu vervollständigen. Zum Ziele geführt konnte das von Grotefend so genial begonnene Entziffernngswerk erst werden, als das bis dahin Sicherst spärliche Material der Forschung eine groge Bereicherung erfuhr, als der englische Offizier Henry Raivlinson 183S— 37 eine unifnngreickic Inschrift des DariuS ab- schrieb, die sich am Bchistan-Berg in Medien findet und ausführlich die Ereignisse während der ersten Jahre der Regierung deS Darins berichtet. Raivlinson selber that, indem er auf Grotefends und Lassens Ergebnissen lvcitcr baute, das Beste, um die Behistan- Inschrift nutzbar zn mache», sie zn übersetzen, zn erklären und die früheren Resultate durch sie zn berichtigen und zu ergänzen. lim ivcnigstens einen Begriff davon zu geben,, wie diese ivichtigste der persischen Keilinschriften sich ansnimmt, sei ein Stückchen daraus wiedergegeben, das die Niederwerfung eines Anfstandes der Nieder niiter einem geivissc» Fravarlisch erzählt und rms den Grosikvnig Darins als einen ziemlichen Gemütsmenschen bcivnnder» läßt; er berichtet nämlich also darüber:„Als ich nach Medien kam, da ist eine Stadt niit Namen Kndurusch in Medien, dahin ivar jener Fravarlisch, der sich König in Medien nannte, gegen mich mit dem Heere gezogen, um eine Schlacht zu liefern. Darauf lieferten ivir eine Schlacht, Aurnmajda brachte mir Beistand, durch die Gnade Auramajdas schlug ich das Heer des Fravnrtisch gar sehr... Darauf zog jener Fravarlisch mit wenigen Reilern dahin, Ivo eine Gegend mit Namen Siaga in Medien ist. Darauf sandte ich ein Heer gegen diese, Fravarlisch ivurde ergriffen nnd zn mir geführt, ich schnitt ihm Nase, Ohren und Zunge ab, ich stach ihm die Augen aus an meinem Hofe ivurde er gefesselt gehalten, alles Volk sah ihn. Dan» lieff ich ihn in Ekbatana kreuzigen..." Die Erforschung der persischen Keilschriften darf seit der Mitte des IS. Jahrhunderts als abgeschlossen gelten und wird es bleiben, bis einmal neue Inschriften autgefnnden ivcrden sollten. Der geschichtliche und vor allem der sprachwissenschaftliche Wert der vorhandenen ist ganz gewiff nicht gering. Aber die Hauptbedeutung der persischen Keilinschriften liegt doch darin, daff sie der Schlüssel zur Enträtselung der babylonisch- asshrischen Liitcraturdenkmälcr und Steinurkrnrden geivcsen sind. Seit den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts fanden auf dem Boden von Rinive und Babylon und auf anderen Ruincustätte» des Zwcistromlandes Ausgrabungen statt, die auger Tempeln, Palästen. Bildiverkcn und anderen Altertümern eine im- ernicbliche Menge von Kcilinschriften in der semitischen Sprache der Babylonicr und Assyrcr ans Tageslicht forderten. Man bemerkte bald, daß die Schriftzüge, womit die Backsteine, ThonpriSmeu. Stcin- tafeln von Assnr und Babel bcdeckr ivaren, identisch sind mit denen der dritten Gattung auf den Achämeniden-Jnschrifle», die man also als babyloiiisch-assyrischc Nebcrseyuug der altpersischen Texte in An- spruch nehmen durfte. Das Allpersische aber las nnd verstand man uu». Das Persische der Inschriften von Behistan nnd Perscpolis leistete also für die Entzifferung der babylonisch-assyrische» Keilschrift die nämlichen Dienste, ivic die griechische llebersetzung des Steines von Rosctle für die Erschliebrmg der Hieroglyphen. Der komplizierte Charakter der babylonisch-assyrischen Schrift mit ihren vielen Hnnderten von Silben- und Wortzeichen machte die Aufgabe freilich sehr schwer und langwierig. Mit Hilfe von Silbenvcrzeichnisfcn, die sich in Ninives Ruinen vorgefunden haben, und den nahe verwandten, übrigen semitischen Sprache» ivar man schon gegen 1800 soweit gelangt, sich assyrische Texte ziemlich richtig zu erklären. Heute— 100 Jahre nach Grotefends grundlegender That— ist die Keilschriftforschung soweit entwickelt, daß es ausführliche Grammatiken nnd dickleibige Wörterbücher der babylonisch-assyrische» Sprache giebt, dah man ncnc babylonisch-assyrische Texte mit der nämlichen Sicherheit liest, ivie etlva eine griechische Schritt, lieber den reichen Geivin», den die geschichtlichen Wissenschaften schon bis heute ans den Ergebnissen der Keilschriftforschnng gezogen haben, ist es kaum noch nötig, viele Worte zu machen. Nicht nur die äußere Geschichte von Vorderasien ist dadurch in ein ganz neues Licht gerückt worden, das gesamte Kultur- lebe» vou Assnr nnd Babel ivird immer mehr bis in seine geheimsten Falten erschlossen. Man kann bereits von einer förmlichen baby- Ionischen Litteratnr mit epischen, lyrischen Gedichlcn usiv. sprechen. Wieviel Licht schon ans die bivfischen Bücher von der Keilschriftforschnng her gefallen ist, darf jetzt als allgemein bekannt gelte». Noch viel mehr aber ist von der Znknnft zn erhoffen: die Smnerologie, d. h. die Erforschnng der Sprache, Geschichte und Kultur des Volkes der Suinerier, die vor den Semiten in Babylonien gehaust nnd den letzteren die Kuliurkeime übermittelt haben, steckt erst in den An« sängen. Hier darf man noch einer reichen Ernte entgegensehen. Da geziemt es sich wohl, mit dankbarer Verehrung an den Mann zu gedenken, der vor hundert Jahren de» ersten Schritt ans dem Ge- biete der Keilschristforschnng gethnn hat, an Georg Friedrich Grotefend.— C. Vlvines Feuilleton» dg. Witwen.„Fünf Jroschcns habe ick jebe» müssen, Frau Doktor»," sagte die Anfwartcfrn» nnd legte das Fleisch ans de» Tisch.„Haben Se bloß Worte? Fünf Jroschens for'» halbes Pfnnd Rindfleisch I's wird immer schöner mit de Zeiten!" „Ist es denn gilt? Acki, es sind ja Knochen bei— nnd fünf Groschen? Das ist doch kaum möglich. Frau Werter, Sie haben sich geirrt." „Nee, Hab' ick jar nich, ick Hab' noch nfgcmnckt inid'n paar andre ooch.'s is ja aber allens so deier, und de Meestern sagt, 's ivird noch deirer, nnd denken Sc mal,'s Rückenfett, det kost' jetzt schon acht Jroschcn. man kann bald brocken Brot essen, nich mal mehr zn Schmalz langt's." „Aber fünf Groschen l" Fra» Doktor schüttelte den Kopf. Sie hatte das Fleisch ansgeivickclt nnd war dabei, es aufzubringen. „Wo das hinaus soll I" Sie seufzte. Die Aiifwärterm sah von ihrer Arbeit ans:„Ick koche schon lange kccns mehr, Fra» Doktor, dis können Se mich man glooben. Pellkartoffeln nnd Häring und dazwischen Mchlsnppe, nnd ivenn'S mal ivat Besondres sein soll, jeh ich nachjS Fischgeschäft mid hol mi* Schellsischköppe, die jiebl's für nnisonst nnd mit Bollen ran hat man ne seine Suppe. Aber daß im ooch schon's Rückenfett deirer wird s — Alb jeh!" „Ja es sind wirklich schlimme Zeiten!" nickte die Frau Doktor. „Jott nnd ivenn Sie»n auch ichon klagen wollen, Frau Doktor», ivat soll ich'» denn thnn? Ich arme Witlfranl" „Bin ich etwa keine?" Frau Doktor lachte etwas. „Aber dett is doch noch ivaö andres. Frau Doktorn; und Se haben Ihre Pension, was habe ich'»? Bloß ivat ick verdiene." „Sie haben aber auch nich so viel Ansgaben.Fran Werther." Die Frau Doktor seyte sich ans de» Küchenstuhl und begann Kartoffeln zu schälen: „Ach ja, Frau Werther. Pension,'s hört sich nach was an nnd ist qar»ichls. Die geht fast für die Miete drauf, denken Sie mal sünshimdert Mark Miete, das brauchen Sie nicht zn zahlen!" „Nu nee, Frau Doktorn, ickwohn' aber ans'ni Hos 4 Treppen. Die Aufwärterin lachte: und ivenn Se so villc»ich jeben wollen, io't doch Ihr freier Wille." „So?" meinen Sie? Die Dame ivinkie ihr ironisch zn:„Ach, ivenn Sie iväßten! Sic können ans'm Hof wohnen in einer Stube, für Ihren Stand gehört sich's— ich kann's nicht als Doklorwitwe. Sie schicken Ihre Kinder in die Gemeindcschnle und habcn's frei. Ich muß schön zahlen ans'm Gyinnasinm, und all' die Bücher, die mein Junge braucht, und gut augezogen gehen muß er auch." „Ja, ja, Frau Doktorn, aber Se köuncn's doch, und haben'S doch..." Die Aufwartefrau schlug die Arme über die Brust:„Jott, Fra» Doktor'», ivenn ich Ihre Pension hättet Dett ivär' ja'» Leben ivie'» Herrjott. Ick nehm' mir'ne Wohnung für dreihundert und denn'ne Stube vermiel' und zuverdient, inid de Jimgens ooch noch ranjebrrnbt mit Zeitungstragen, denn könnte» ivir ooch mal für fünf Jroschcn Fleisch loosen, denn würde ick noch sparen." „Könnte» Sie aiicki, Frau Werther." nickte die andre.„Sie künute» es, ganz gewiß! Aber ich? Zuverdienen? Womit denn?«-ticken ivär' noch das einzige, ivas man anstandshalber machen kann. Lohnt den» daS aber? lind ivenn man zurückdenkt, ivie man cS gewöhnt luor"— Sie seufzte ans.„Gesellschaften geben? Das kann man gar nicht, nnd'ne Badereise machen? Davon steht nichts drin I Ach Gott ja, Frau Wcrther"— sie stand auf und klopfte der Anfivärterin freiindlich herablassend ans die Schulter.„Ich rede so mit Ihnen, weil Sie 'ne anständige Frau sind, aber das können Sie mir nur glaube», Ivir armen Witwen sind übel dran."— Theater. Freie Volksbühne(Lcssing-Theater).»Die Klein» b ü r g er" von Moxin» G o rli.— Doch einmal i»'as andres, ivas eignes I Kein kiiusilich konstruiertes Konfliktsdranra. in das mensch- liche Figuren als Träger gewisser Absichten mid Ideen„so hinein» komponiert" sind; sondern leibhaftige Originalmenslbcn, dnrch Ivclche uns die Erkenntnis der geistigen, seelischen nnd ökonomischen Enge des ganzen rnssische» Kleinbürgertums aufgeht. Kein eigentliches sociales Drama— nnd doch verspürt man den Sturmwind kommender socialer llnnvälznngen! Bürgerlichem Anffassimgs- vermögen freilich wird der tiefe Sinn des Gorkische» Schauspiels verschlossen bleiben. Ein ganz andres ist cs nur jene Zuschauer- kreise, die sich ans socialistisch geweckten, lern- nnd Ivisibegierige» Lntelligcnzen zlisanimcnsetzcn. Da besteht jedcsnial zwischen Dichter nnd Dichtung, zwischen Darstellern»nd Zuschaneri» der rechte innigste Kontalt. ivclchcr den kmistlerischei» Erfolg sichert. Das beivics die Sonntagiiachmittags-Vorstellnng von Gorkis„Kleinbürgern" vor Mitgliedern der„Freien Volksbühne" in» Lessing-Thcatcr. Mit rrnstem seelischem Interesse, das kaum ein voreiliges Lachen ans- kommen lassen möchte, folgte man den Vorgängen in» Hause Veh- sjemeiioivS. Und es ist gewis; nichts Zufälliges, beobachten zu können, lvie sehr sich alle Anteilnahme gerade auf einzelne Gestalten des Dramas verdichtete, die gewissermaszen dnrch das Herz des Dichters gegangen sind, die er mit innigster mitleidender Liebe gezeichnet hat. Da ist Pertschichin, der lustige Vogelhändlcr. Eine»vundcrbarc Origiiialsignr. wie sie nur auf russischem Boden tvachicn kann, lagt ihn Emil H ö f e r vor uns auslebe». Keine RcmiuiScenz an die eigne schanspiclcrische Persönlichkeit oder gar an entfernt ähnliche Typen, tvic sie ja dein Bühnenkünstler etwa in RestroyS„Lumpazivagabundus" vorkommen, trübt die Verkörperung dieser Gestalt, sondern Höfcr gicbt sie in Maske nnd änszcrcin Wesen, in Mimik nnd Sprechtvcise, kurz in allem russisch schlechtweg. Und das ist gerade das spccifischc Echte an seiner Darstellung I Tetcrcw, der Kirchcnsäuger, ist, obgleich auch ein Schnapssäufer,>vie Pertschichin, doch ans ganz andrem Holze geschnitzt. Verlaugte dieser nichts, so erwartete Tctereiv zu viel von» Leben. Das hat ihn untergepflügt, und so wurde er. was er ist: ein passionierter Trinker, ein Cynikcr, ein Pessimist ans innerlichster Konsequenz, bei dem man aber doch merkt, wie ihn die Seele blutet. Joseph Klein giebt ihn so; und wem» auch nicht jede Linie echt ist, so ist cs doch der Gesamteindruck der Echtheit, den ivir von seiner Gestalt erhallen. Nil, der Lokoiiiotivführcr, bildet de» vollkommenen Gegensatz jener beiden. In ihm verkörpert sich der sieghafte Glaube aus Leben, das Frohgefühl der Arbeit, der eigenen moralischen nnd physischen Kraft. Er repräsentiert die junge Generation, in ivclchcr die Zukunsts- Hoffnungen des russischen Volkes flügge Ivcrden. Eduard von Winterstein gicbt ihn biderb, offen, überzeugend, ohne besondere Unterstreichung. Tüchtig im Einzelnen ist auch der alte Bebsjemeuoiv Karl WaldolvS; weniger gut da» Segen vermögen wir uns mit dein Studenten Peter des Hern» i!> I l y G r u n w a l d abzufinden. Die gutmütige allzu weinerliche Gestalt der Frau Aknlina Jwanowna Beßsjemeuow von Lore So n a, und die schwermütige hysterische Lehrerin Tatjana, von lise Sauer mit bestem Wollen nnd Können gegeben, inter- rssiercn weniger au sich. allerdings kommt durch sie jene gewisse Passivität, die dem Wesen dcS s l a v i s ch e n Volkes eigen, zun, Ausdruck. Die lebenslustige GefängniSinspekiors» Witwe Helena Rikolajewiia Kriwzowa zeigt die andre Wesensart des Nnssciivolkcs. Meto Jäger suchte ihr gerecht zu werden; aber ihre Munterkeit war doch zu sehr die einer deutschen Lnstspielsoubrette— es fehlte der specifisch russische„Timbre". Klara K o l l e n d t als Polja zeigte manchen frischen, natürliche» Zug, der der Braut eincö Nil ivohl ansteht. Unter den Vertretern der Episodenrollen verdient noch Margarete Albrccht als Köchin Stepanida Erwähnung. Der Beifall war ehrlich und stark.— e. k. Musik. Hier und da flammt es mitten in der hergebrachten Operetten- dndclei auf: man glaubt, einen neuen Stil erkannt oder wenigstens in einer Operette gewohnten Schlages so viel hübsche Duette oder dergleichen gefunden zu haben, dah sich eine Rettung lohnt. Zu den Auflammuiigen der letzten Zeit scheint auch der Franzose Audrö M e s s a g e r zu gehören. Seine„kleinen Michns" von 1897 hatten an einer hiesigen Bühne gefallen,»vir eben eine possige Operette gefällt. Dann kau» die in» ganze» so synipatische Stuttgarter Operngcscllschaft lind brachte die MichnS im Opernrahmen; da ivar Mcsfagcr ein Held geworden. Weiterhin erschien im Theater des Westens seine „Brantlotterie", ein unseres Wissens jüngeres Werk von ihin, das ob seines wirknugSvollc» GcsamteindrnckS sich gut hält,»vieivohl es auch»vedcr gute neue Wege bahnt»och auch alte Wege beträchtlich besser macht. Run langen die Bühnen nach Mcssagcr. Ihm nehmen sie gern ab, was sie von einen, andre» vielleicht nicht angerührt hätte». Seine„Veroniqne" von 1898, deutsch als„Brigitte", ist das de»-zcit letzte SIeinltat dieses Langens. Das Gastspiel deS Ccntral-Thcaters im Reue n Königlichen O p e r»- T h e a t e r (Kroll) brachte dieses Resultat an» vergangenen Sonnabend vor die Oeffcntlichkeit. lind NUN bitten wir, in, Besitz des Eindrucks von der zweiten Vorstellung,»im freundliche Geduld zum Anhören der»nvermeidlicheii alten Leier. Text: die gewöhnliche Vcrtaiischnngs» und VcrkciuningS- nnd Erkennnngsposse; nähere Angaben überflüssig. Musik: biege» wohnte Ausstattung mit GesaiigZnumniern ohne dramatischen Ehr» geiz, aber mit einer Anzahl hübscher Stellen, die zeigen. datz der Komponist größeres leisten könnte. die aber erst umständlich herausgesucht werden müssen— vielleicht sür eine Vor- lesnng über die Aesthetik der Operette.„Der feingebildete Komponist verleugnet sich iiicht"(ich bitte um Entschuldigung, allein cs geht ohne diese Redewendung nun einmal nicht). Sein Quartett im ersten Akt:„Kaum kann ich's erfassen," ist ein zartes Gewebe, nnd einige Duette sind ebenfalls ninsikalischcr Ehren wert; das eine von ihnen wird den» Publikum durch ciuen vcritablen Esel auf der Bühne mundgerechter gemacht. Die Aufführung, die wir hörten, schien zu sagen, daß man sich mit dem Dinge Mühe gegeben, aber keine weitere mehr geben wollte. Besonders Sigmund Kuustadt schränkte seinen guten, aber klein begrenzten Tenor diesmal anscheinend noch mehr ein. Emil S o n d c r n» a n n war wie immer der virtuose Darsteller der Ein- gcbildetheit, und Karl Schulz sowie Emil Albes machten uns noch bessere Eindrücke als sonst. Zu der alten Garde des Cenlral» Theaters ist seit einiger Zeit Josefiue Bcttori dazngetrctcn, und zwar als eine gute Spielerin nnd als eine in» Verhältnis zu andern gute Sängerin— die Klagen über Trockenheiten und Steifheiten der hohen Töne selbst bei besseren Soubrette» keimen nufre Leser ja ebenfalls schon. Therese D e l in a und H e n n y W i l d n e r sind u»S längst als anmutende Opercltenipielerinuen mit nicht ebenso au- mutende» Stimmen bekannt. Zu den bekamitcn Namen der Auf» führnngslciter trat noch der des Jusccuiercrs B. Glefinger dazu! auf ihn scheint manchcr flotte Zug des Ganzen zurück- zugehen. Die Vrigiltc-Vorstellnng zwang uns zun» vorzeitigen Verlassen eines Konzertes, das wir gern länger angehört hätten. Der Männer» gesang-Verein„Schildhorn" gab in der großen Philharmonie einen„Berliner Komponisten-Abend". Neben seinem Dirigenten Paul Kurz stand noch eine größere Menge von Tonmeistern der gemütlichen Muse auf dem Programm! darnutcr Hugo Kau». de: laugjährige Vertreter deutscher Musik in Milwankee, der, wie ich höre, seine dortige Slcllnng»uuinchr mit einem heimatlichen Wirken als Komponist vertauscht hat. Vielleicht bckouinicu wir also bald etwas Gewichtigeres zu hören als seine»„Festsicheii Umzug".— sz. Notizen. — Charlotte Wesel vom Stadttheater in Linz ist für das„Nene Theater" verpflichtet worden.— —«Die l u st igen Nibelungen" ist der Titel einer neuen drciaktigen Operette von OSlar StrauS, zu der N i d e a in u s den Text geschrieben hat. Die Operette geht in der erste» Hälfte dieser Spielzeit in» Bunten Theater in Scene.— —„Die L i e b e s b r ü ck c", eine Komödie von Robert R e i n e r t wird demnächst im M ü n ch e n e r Schauspielhaus in Scene gehen. Die Aufführung zweier andrer Stücke desselben Autors„Die Madonna" und die„Haarnadel" in» Berliner Bunte» Theater ist von der C e n s n r verboten worden.— —„P h i t j e O h r t e n s G l n ck". eine Komödie von Ilse F r a p a n- Akunian wurde bei der Erstanfführuiig im Altonaer Stadt-Theater von» Publik»»»» abgelehnt.— — GobineauS Tragödie„Alexander der Große" wird demnächst in» Weimarer Hofthcater in deutscher Bearbeitung zur Aufführung gebracht werden.— — Die nächste Neuheit des„W i c n e r R a i n» n n d- T h e at e rS Ivird ein drciaktigcS französisches Schauspiel„Der II»» w e g" von Henry B c r» st e i n. deutsch von Amiie Nemiiaim-Hofer, sein.— — Joses L a u f f s Schauspiel„Der Heerohme" er» zielte in, Leipziger Alten Theater einen lebhaften Er« folg.— — HartlcbcnS„Rosen montan" wird im Mai- länder Olyn, pia-Theater demnächst seine erste Aufführung in italienischer Sprache erleben.— — M a s c a g n i veranstaltet im Frühjahr 1903 Gastspiele in Leipzig, Dresden, Hamburg und Berlin.— — D o n i z e t t i s Oper„Don Pasqnale" mit der neuen Bier bau in scheu Textbearbeitnng, fand bei der Anfführnng in Frankfurt a. M. reichen Beifall.— — Eine neue Kunst-Zeitschrift„M onatshcfte fürLitho- graphie" wird von dem Verlage Bruno Heßling in Berlin an- gekündigt. Die Zeitschrift will dein Lithographen künstlerische Vor- lagen liefen», die er unmittelbar in seiner Praxis verwenden oder als Muster benutzen kann. Der Text soll zunächst mehr als Beilag« gelten, in der die Vorlagen erläutert und ihre Absichten weiter ausgebaut werden.— — Einen Preis von 3000 Lire schreibt der Gemeinderat der Stadt Venedig für das Modell einer großen goldenen Medaille ans, die als Preis der hervorragendsten Werke der venctianischcn KnnstaiiSsteiinng 1903 verliehen werden soll. Der Wett- bewerb ist international. Letzter Einliefernngstcrinin ist der 81. Januar 1903. Alles Nähere teilt der Gcmeiiiderat der Stadt Venedig mit.— — Der Geschichtsforscher Professor Ernst Dümmlcr ist, 72 Jahre alt. in Friedrichsroda gestorben.— Veranrwornuvc: Reooereur: Gart Leid in Bern». Druck unv Vertag vor. tvtnx Boviuz in Bcrur.