Httierhaltungsblati des Horwäris Nr. 183. Freitag, den 19. September. 1302 Machdruck verbyten.) HZ Die Skadk. Roman von Nicolaus Krauß. An allen Tischen war es still geworden. Die Augen glänzten: Schadenfreude und hie und da Rauflust schauten aus ihnen. Der Wirt kam heran, machte mit beiden Armen eine Be- wegung, als wollte er schwimmen uud sagte: „Seit 1523 sind die Funken ortskundig. Und alles Schuster gewesen bis auf den heutigen Tag.. „Sehen Siel... Wenn's der Toffel sagt.. „Laß's aus sein, Funk! Zu was denn das dumme Gcstreit?!... Sag' lieber, wie bist denn mit den Schützen auseinander gekommen?.. Der Schuster lachte und legte sofort mit der Prahl- freudigkeit eines Jungen los: „Ausg'schlossen haben sie mich, die Krippcnreiter, weil ich ihnen das G'wehr hing'schmissen Hab I Vorgestern haben sie mir einen Brief g'schrieben, ich soll die Patrontaschen, den Säbel und's Bajonett abliefern, weil das ihnen ge- hören thät. Ich Hab' ihnen zurückg'schrieben, sie hätten den- selben Weg zu mir, wie ich zu ihnen; wenn sie etwas von mir haben wollten, sollten sie nur kommen. Heut' früh steht auf einmal mein Vcreinsdiener da. Ich soll auf der Stell' das Zeug hergeben, sonst würd' geklagt.„Was?" sag ich, „klagen auch noch, wo ich meinen Beitrag bis zum neuen Jahr zahlt Hab?... Aussi, du Taglöhner!... Er will net ... Bis ich nach dem Hammer lang'. Da hat er sich ver- zogen, wie's böse Wetter. Ich reiß''s Fenster auf und wart', bis ich ihn unten seh'. Dann Hab' ich den ganzen Kram hinuntergeschmissen. Er hat sich net drum kümmert, ich auch net... Von meinem Schützenmantel reiß' ich die Aufschläg' herunter und steig mit ihm den ganzen Winter umeinand. Ich Hab' ihn von meincni Geld gekauft... Wart', ich wcrd' sie schon noch ärgern!..." An den Tischen erhob sich wieder der Biertuinnlt. Zinnkrüge wurden gehoben, Deckel klappten. „Recht hat D' g'habt l..." „Auf's Wohl, Funk I..." „Bedank' mich!... Auch so viel!. � „Laß Dich bei der Gemeindewahl aufstellen l... Das ganze G'werk ist Dir sicher!..." „Thu ich!... Den Kerl'n werden lvir's schon zeigen!" Um den Beamtentisch, der im Hintergrund des Zimmers stand und über dem bereits eine Gasflamme flackerte, lief ein Murmeln: „Authentisch, die Ehre zu haben!.*. Na, wolln ma a Paar?" Während des Schusters Schützenrede war ein klappriger, schmächtiger Mann hereingekommen, hatte seinen Blechkesscl bei der Thnre niedergesetzt und die Kohlen zur hellen Glut gebracht. Jetzt kochte das Wasser, er häufte die Würstchen mit einem Haken auf den umgekehrten Kesseldeckel, ging herum und bot sie mit seiner Medingen Stimme an, wobei er jedesmal mit dem Zeigefinger nach der rechten Schläfe fuhr und eine Verbeugung machte. „Authentisch, die Ehre zu haben!... Na?..." „Sind ja Pferdeivürstel I" knurrte ein baumlanger Zinn- gießen „Was?" Der Händler schrie es im höchsten Falsett und schielte auf einmal nach beiden Seiten. Dann wandte er sich um. „Da... da sitzt mein Meister!... Mag der reden!..." Die Augen flogen nach dem Tisch an der Thür. Da saß der Ruppert-Fleischer und sah mit seinen rotgerändcrtcn, wässerigen Augen gleichmütig vor sich hin. Die Stirn begann ihm im Nacken, in dem roten Stoppelgesicht stand eine mächtige Hakennase, weiter unten sah man ein scharf an- gezogenes, schlvarzes Halstuch und eine altväterliche Klapp- tveste. das reine Blech. Er begnügte sich mit einem kurzen Nicken. Deu Gästen mußte das genügen. Sofort that einer — er zeigte ein offenes, freundliches Gesicht— recht herab- lassend: „Alsdann zwei Paar, Herr Wurstmann!" Der Händler röhrte sich nicht. Mit verzogenem Munde, als hätte er etwas Bitteres geschluckt, greinte er: „Soll ich Totenvogel zu Ihnen sagen, Herr Löw, weil Sie eine Beerdigungsanstalt haben?" „Aber, Sie sind doch Wurstmann!" „Quarkspitzen!... Der Würstel-Bub bin ich." „Recht hast!... Recht hast!..." schrien einige. Und nun ging's los. Zuerst, wie ein Vorbeter, der Würstel-Bub, dann lachend einfallend der Chor: „Wer hat die besten Würstel in der Stadt?" „Der Würstel-Bub l" Wer von allen Wurstmännern hat allein einen festen Stand, draußen bei der Post?" „Der Würstel-Bub!" „Wer darf auch ein Stamperl Schnaps verkaufen?" „Der Würstel-Bub!" „Wer darf allein im Winter in den Wirtshäusern hinter dem Ofenschirm„wuschern" und Komödie spielen?" „Der Würstel-Bub!" „Wer ist der einzig privilegierte Würstel-Bub?" „Der Hans, der Hans, der Hans, und allweil nur der Hans!" Die letzte Antwort wurde gesungen. Alles lachte. Die Würstchen waren im Nu weg, ebenso die resch ge» backenen kleinen„Wecken", die der Händler in einer Leder- tasche mitführte, weil es beim„großen Christof" oder— wie andre sagten— beim„langen Haxen" außer Bier nichts andres gab. Er griff nach dem Wurstkeffel. „In einer Stund' bin ich wieder da... Autheutisch, die Ehre zu haben!..." Der Wirt hatte am Tische bei dem alten Klarner Platz genommen, nachdem er auch die oberen Flügel des zweiten Fensters aufgestoßen. Jetzt mußte jeden Augenblick das Waberl kommen. Allsogleich wurde es ruhiger. Und sie kam, frisch und gesund wie ein Haselnußkern. Die braunen Augen, das hellere, etwas widerspenstige Haar, das runde, gebräunte Gesicht, das schwarze Leibchen mit dem bunten Seidontuch darüber, die bloßen, runden Arme mit den kurzen, bauschigen Hemdsärmeln, der dunkle Rock mit der blauen Leinwandschürze, alles paßte zu einander, daß Alten und Jungen das Wasser im Munde zusammenlief. Sie hatte beide Hände voll Zinn-Pleschel und stellte jedem seine Kanne hin, daß der weitausladende Henkel direkt auf die Nase wies. „Wohl bekomm's!" ..Dank' schön!" „Ah.'s Waberl!" „Schön willkommen, Fräulein Betty!" Als alle versorgt waren, trat sie zu ihrem Onkel. „'s Korn ist schön'rein kommen. Schönes Stroh giebt's, hat der Vater g'sagt, und große Körner, aber viel„schütten" wird's nicht." Der Wirt nickte. „Wär' auch ein Wunder, wenn's Deinem Vater einmal wirklich ganz zusammengänge.... Etwas muß doch immer sein!..." Um den Mund des Mädchens zuckte es. Sie wußte, daß man in der ganzen Stadt ihren Vater den„Unglücks- vogpl" mannte, weil ihm nichts, aber auch rein gar nichts gelang. Einmal waren sie sehr wohlhabend gewesen, aber immer mehr tvar es rückwärts gegangen, obgleich der Vater und die Mutter und all die Kinder sich von früh bis in die späte Nacht plagten und rackerten. Er könne nicht handeln und sei zu grundehrlich, sagten die Leute von dem Vater. Jetzt war es soweit, daß er selbst nicht mehr schlachten konnte, weil das Geld fehlte; bald bei dem einen, bald bei einem andren reichen Fleischer borgte er ein Viertel und bezahlte es erst, nachdem er es pfundiveise ausgehackt. Und bei der ganzen Verwandtschaft„hingen" sie, am ureisten beim Onkel Christof. Der alte Schneider sah die traurigen Augen des Mädchens, faßte ihre Hand und streichelte sie. „Fräulein Waberl/ wie mein Schatz sehen S' heut aus... damals in Zaleszik.. Gleich lachte sie wieder. „Aber, Herr Klavncr, Sie sind ja schon viel zu alt!" „Meinst, Mädel, ich war nicht auch einmal jung?,.. Hätt'st mich sehen sollen, wie ich als Grenadier an der russischen Grenze..." „Winter und Sommer auf dem allmächtigen Ofen des ruthenischcn Popen'ruingelegen bin!.. Der Wirt schnippte mit den Fingern. „Na ja. Schorsch, das wissen wir schon. Das hast D' uns ja schon hundertmal erzählt..." „Geh', Betty, mach' Licht!" Als es hell geworden, war der Eckplatz an der Thür leer. Sofort rief der„Totenvogel": „Leut' und Kinder, jetzt ist er mir doch wieder aus- kommen!" „Wer denn?... Wer denn?" „Der Wendclin natürlich, der Ruppert-Fleischer!" Als er die Augen aller auf sich gerichtet sah, fuhr er fort, jeden Satz mit einem Schmatzer bekräftigend: „Ich wollt' ihn nur fragen, ob's denn gar so schön ist, wenil man mit einem Kalb baden geht... Nur ruhig, Männer, ich verzähl's schon... Wie's Schützcnlager war, hat's bei uns auch schon tüchtig g'regnet, aber draußen, in Bayern, muß ein ganzer Wolkenbruch niedergangen sein. Die Woil'Tb war am andern Tag zum Ueberlanfen voll. Gegen Abel wer kommt daher und will in Schöba über den Steg? Mein Wcndelin. Natürlich war er schon wieder drei Tag draußen auf den Bierbänken rumg'rutscht, eh' er ein Kalb verwischt hat. Aber gehabt hat er ein's. Ein großmächtigcs Ding an einem ganz neuen Strick. Er muß net mehr recht fest auf den Füßen g'wesen sein. Und so hat er die zwei Stämm', aus denen der Steg besteht— G'länder gicbt's keins— recht lang und aufmerksam betrachtet. Auf einmal hebt er das Kalb an den Füßen in die Höh', geht auf den Steg zu und fängt an, über den Steg hinüberzureiten,'s Kalb hat er vor sich, den Strick fest um die Hand gewickelt. Und das war sein Glück! Mitt'n auf'm Steg wird meinem Kalberl die Sach' zu dumm, es macht einen Satz und reißt den Reiter mit ins Wasser. Wie niein Wendelin's Wasser im Magen spürt, ist er nüchtern, pfurzt und schimpft,'s Kalberl schwimmt, und so kommen sie beide glücklich auf die andre Seiten... So hat's mir der Schöba'er Müller erzählt, der's mit eignen Augen g'sehen hat.. In das losbrechende Lachen schmetterte die Stimme des Funkenschusters, der sich ärgerte, daß er schon lange nicht zum Worte gekommen: „Ansg'halten, Männer! Auf den Ruppert-Fleischer last' ich nichts kommen!" Der Lärm legte sich. „Er versteht sein G'schäft, arbeitet wie ein Teufel, und hat's zu was gebracht." .„Aber so schau ihn doch nur an, wie er ausschaut!" „Wie ein Säuschneider!" „Wie ein Pechkratzerl" „Das geht mich nichts an! Er g'hört noch zu den Alten; die waren alle so." .„Er sauft wie ein Bürstenbinder!" „Euch schmeckt das Bier auch... Der Wcndelin hat das beste Fleisch in der ganzen Egerstadt!... Stimmt's?... Na als dann!... Sonst würden net die Nonnen von ihm kaufen. Er ist doch noch gröber, als ein Oberpfälzer! Eine Schwester, die bei ihm eing'kauft und an einem Lendenbraten g'mäkelt hat, hat er eine dunime Urschel und eine vermoppelte Baßgeigen g'heißen, und die Oberin am andern Tag g'fragt, ob das denn etwa grob sei?"... Am Mitteltisch, unter dem Spiegel an der Gasscnwand, saß seit einer Viertelstunde ein junger Mann. Als die Rede über den groben Fleischer ging, spitzte er den Mund, als wollte er pfeifen. Und immer wieder zupfte und rupfte er an seinem schwarzen Schnurrbärtchen. Jetzt that er den Mund auf und sprach: „Es ist gut für die Stadt, daß die Sorte ausstirbt!" lFortsetzung folgt.) Vor Die Veriiadilässiglmg der um mehr als etwa anderthalb Jahr- hunderte alten Toiiknnst in unserm Musittreiben beraubt uns un- geahnter Reichtümer. Die wenigen Ausnahmen von dieser Ve- schränkung, die doch noch hie und da vorgeführt werden, leiten den Hörer in eine Welt, die ihm erst uinstäudlich auseinandergesetzt werden müßte und die doch nicht einmal gar so weit hinter uns liegt. Versetzen wir uns etwa in das Ende des tS. Jahrhunderts I Vor aNem fällt uns da eine Trennung der Mnsikerwelt in zwei Partien oder vielleicht sogar Parteien auf, die dem da- maligcn Verhältnis zwischen Kirche und Welt und da- mit auch ztvischen höherer und niederer Bildung entsprach. Die eine, den höheren Stand, bildeten die künstlerischen Sänger der Kirchenkapellen, den andern, niederen, die zünftigen Spicllente. Jene ivare» samt ihren Kapellmeistern die alleinigen Beherrscher der im hohen Sinne kunstvollen Musik; zu ihnen gehörten die Komponisten dieser Musik und seit damals auch die Orgelspieler(andre Justru- mente waren gerade in jener Zeit nicht kirchcnsähig). Ihre Ans- bildung genossen sie in den berühnitcu Sängerschule» zu Rom usw., ohne nähere Berührung mit den Jnsiriimrntalistcn. Ihre nmsikalische Produktion war ein so limstlichcs Stimmengewebe(Blütezeit des eigentlichen„Kontrapunktes"), daß zu deren Reprodncierung Knaben nicht hinreichten. Frauen hatten in der Kirche zu schiveigc». Also mußten die tveiblichen Stimmen so gut ivie möglich von Männern ersetzt ivcrden. Das geschah durch ein Umbilden von männlichen Stimmen in das„Falsett", in die Fistelstimme. Erst später wurde die Kastration üblich, welche die Knabenstimme bewahrte und sie durch die Resonanz im reisen männlichen Körper so verstärkte, daß solche Stimmen an Fülle den Frauenstimmen über- legen waren. Dieser besondere Vorteil des Kastraten geht der tech- »lisch erzwungene» Sopran- und Altstimme des wirklichen Mannes ab; es sehll die Resonanz, die sich bei diesem eben nur für seinen normalen Stinmnnnfang einstellt; und Überdies kann der Aaljettist keine beträchtliche Tonhöhe erklimme». Daß diese gesangstechnische Künstlichkeit noch heute vorkommt, zeigte»ms, von Vereinzeltem in miserm Mnsikleven abgesehen, eines von zivei Konzerten des„Römischen V o l a l- Q n i 11 t e t l s für geistliche Musik". Am Dienstag trat diese»nit dem Jnstrmnenlalbegtciter und Dirigenten zusammen ein halbes Dutzend zählende Gesellschast im Bechsteiu-Saal vor das Berliner Publikum. Der Sopranist und der Altist(„Kontralt") konnten n»S zu keiner Billigung dieser Technik veranlassen. Die Tonbildimg ist schlechtiveg unschön, zumal durch eine Mischung verschiedener Klangfarben, von denen nur hie und da eine etivas ansprechender wirkt. Auch der Tenor ist nicht nach nnserm Geschmack: er erinnert an das Harte, das wir mehrmals schon bei italienischen Teuoren vcklagt haben, besitzt aber himviedch- nicht das schmetternd Glänzende solcher Gesangs- virtuose». Der Barytvn und der Baß tönte» in einer uns vcr- tranlere» Weise. Alle fünf Herren sind jedoch in der Venvertnng ihres Tonmatcriales trefflich geschult, und mSbefondere ihre alt- italienische Kunst des Au- und Äbschwcllens(messa di voce) ist von Interesse.— Die vorgetragenen Kompositionen gehörte»» einer über jene Epoche schon hinauSliegenden Zeit an: der älteste der vor- geführten Koinponistcu»vor B. Mmcello(1C06— 1739), dessen Vertonungen von Psalmen zu de» beliebtesten Werken in» 18. Jahr- hundert zählten. Unter den zi» Gehör gebrachten musikalischen Formen nahmen einen beträchtlichen Raum einige Beispiele der „Motette" ein, des mehrstimniige», kunstvoll verschlungenen Kirchen- gesanges, der in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters herrschend war. Dies also ein« verspätete Probe ans dem höheren Mnsikerstand jener Zeit. Den zweiten Musikerstand von damals, dein ersten im »vesentlichen freind. bildete» die Jnstrunientalistcn(Pfciffer.Fiedlerus>v.). Erst waren diese„Spielleute" das verrufene fahrende Volll Als dann im 13. Jahrhundert die Städte aufblühten mrd die Zünfte sich ausbildeten, konsolidierten sich auch die Spiellenle zu Zünsten(und die Jnstrumcntenmacher thaten es auch). Später lebten diese um- fassenderei»„Brüderschaften" als die lollilcn„Stadtpfeifrreicn" weiter; beide Genossenschastsforinen vermittelten zugleich, wie die Zünfte überhaupt, den Unterricht im Fach, und erst seit etwa zwei Menschenaltern erhalten die Jnstriuncntalisten den heute üblichen Konservatoriunrsiiuterricht. Die Mnstkerzünfte fanden ihr Ende hauptsächlich gegen Schluß des 18. Jahrhunderts, der ja auch sonst den Uebergang voin zünftigen zuur freien Gewerbe mit sich brachte. Stadtpfeitcreien gab es»och darüber hinaus, und in London besteht eine Musikerzunst heute noch. Besonders eigentümlich ivaren das Amt eines Musikantenvogtes oder„Königs" der Spielleute und die über diesem Bernfsamt stehende Ehrenstelle eines fürstlichen Schutz- Herrn, des„Oberspiclgrafen" oder obersten.Pfeiferkönigs" oder der- gleichen. Für die elsäffischen Spielleute halte diese Würde der Herr von Rappoltstein bei RappoltSiveiler iuiie. Alljährlich im Herbste fand der„Pfeifertag" statt, niit all dem gc- richtliche»», kirchliche» und bürgerlichen Um mrd Auf, das� zu solche» »nitlelalterlicheu Festen gehörte. Ein derartiger„Pfeifertag" bildet den Textinhalt der gleichnamigen„heiteren Oper" voi» Max Schillings, die vorgestern(Mittwoch) in unserm König- lichen Opernhaus ihre erste Berliner Auffiihrmig erlebte. Man lvird hoffentlich nicht wähnen, daß dieses Theater damit etwas Unterdrücktes rettete. Vielmehr sind auch hier, wie bei Schillings'.Jngwelde' und den allernieisten andren„Premieren" unter den Linden, die Karlsruher, Schweriner»sw. vorangegangen. Den„Pfeifertag" besitzt die Oeffentlichkeit Deutschlands feit beinahe drei Jahren: daß ihn endlich oder schon oder überhaupt auch die Berliner bringen, ist eher ein Wunder als sonst etwas. Und Ivir fürchte» fast,' daß auch dieses nicht gar lang vorhalten iverde. Vor ollem wegen des Textes. Ferdinand Graf Sporck, «in bereits viel beanspruchter Opern-Librettist, hat im ganzen gerade so äußerlich gearbeitet, wie der Dichter der hier vorbildlichen, sogar unfreiwillig parodierten„Meistersinger" innerlich. Und Schillings hat ebenso fein intim gearbeitet, wie effektvollere Opernkomponifteu grob arbeite». Um die Musik zum.Pfeifertag" zu charakterisieren, müßten ivir viel Specialitäten beschreiben: die modernisierte Verwendung alter Formen, wie z. B. der oben erwähnten Motette, des Canons usw.. den eigenartigen Wechsel zwischen Dur und Moll, die iveiten Jntcrvallschritte, � die ausgesprochen graziöse Rhythmik und Melodik— freilich meist ohne die tiefer« Warme älterer Komponisten und spcciell ohne den Glanz, mit dem andre die weiblichen Opernfiguren zu schmücken verstehen. Die vielleicht größte Knust moderner Komponisten, wie es z. B. die zwei künstlerisch Nahvertvaiidteu Dt. Strauß»ud M. Schillings sind, liegt in der Instrumentation. Nicht daß ein effekteifriger„Naturalismus" Spektakel machte; vielmehr gilt es auch hier vorwiegend ein Wirleu mit feinen Äbstnfungcn. Dazu gehört besonders, daß der Komponist die viclberufene Lücke, die im Quintett der Streich- instrnmente zwischen der verhältnismäßig kleinen Bratsche und dem verhältnismäßig großen Violoncello besteht, durch das eine der von Dr. Stelzner erfundenen Instrumente, durch die Violelta aus- füllt. U. dgl. m.(Die„Führer" von Mauke und von Rod- u a g e I sind einer näheren Wißbegierde zu empfehlen.) Die Aufführung ivar von vornherein durch die wohl beste Leitung und Besetzung auf ein günstiges Schicksal gewiesen. Regisseur Dröscher machte Mafien, und Maschinen- B r a» d t wetterte Gewitter, daß es eine Freude war; N i ch. Strauße» 8 Dirigieren bedarf wohl nicht erst einer Rühmung. Gesungen wurde von Frl. H i e d I e r hiedlerisch, von den übrigen technisch gut, von vielen unter ihnen auch klangschön. Frau Herzog, dann G r ü n i n g s ernster und L i e b a n s busfigcr Tenor. Hoff- m a n n s geschmeidiger Barhton und K n ü p f e r s Würdebaß sin einer Figur von trauriger Würde) standen voran. Der Beifallscrfolg Ivar warm, ohne Turbulenz. Wenn mau sich aber beim Heimgehen fragte, was war, so konnte mau doch nur resümieren: eine gekünstelte Komödie im gaiizcu, viel ehrentvclte, niemals niedrige Tonkunst im Einzelnen mit einigem Junigen und Großzügigen. sz. Kloinos �euillekon» ac. Statistisches über dei.tsche Lektüre der Reforniationö- zeit. Oeffentliche Bibliotheken und Vereinigungen mit Bücherfamm- lungcii, die den Mitgliedern zur leihweisen Benutzung osfcnstehen, geben heute manchmal zahlenmäßige Anfstellungen bekannt, wie oft die verschiedenen Bücher benutzt wurden. Diese Statistiken, deren Nutzen unstreitig nicht gering ist, iveil sie einen tiefen Einblick in die geistige Verfafinug eines Volks gewähren, find bekanntermaßen noch «tivas sehr Neues. Indes giebt es bereits aus dem Dentschland des 16. Jahrhunderts schriftliche Aufzeichnungen, die die Stelle einer solchen Statistik vertreten können und die darin» für die Beurteilung des deutschen Geschmacks und Geistesnivcaus im Dieformationszeit- alter entsprechende Dienste leisten. Es handelt sich um ein so- genanntes„Meßmemorial", d. h. um Notierungen eines Buchhändlers. der genau Buch darüber führte, wie viel Exemplare er von jedem Buch seines Bestandes während einer Mcfie— hier kommt die Fastcninesse des Jahres 1b69 zu Frankfurt a. M. in Frage— vcr- kauft halte; dabei ist der Titel jedes Buches ansführlich wieder- gegeben und der erzielte Preis beigefügt. Die Frankfurter Bücher- messe war damals die bedeuteudste Deutschlands, bedentender als die Leipziger, die noch zu sehr unter polizeilichen Cbikancn, obrigkeit- lichen Konfiskationen zu leiden hatte. So Ivar der Gesamtabsatz, den Michael Härder— dies ist der Name des Buchhändlers, desien Meßmemorial im Frankfurter Archiv der Nachwelt erhalten geblieben ist— während der Fnslenmefie lbgll erzielte, ein recht erheblicher: Härder verkaufte im ganzen 6918 Bücher. Wenn man etlva wegen der Zeit» Verhältnisse annehmen wollte, daß dcrLöweunnteil dieses stattlichen Ab- satzes der religiösen Erbaunngs- und theologischen Streitlitteratur zu- gefallen wäre, so befände man sich damit auf dein Holzwege. Derartige Schriften stehen wohl auf Härders Liste, z. B. verschiedene Er- Zeugnisse aus Luthers Feder, aber sie spielen keine erhebliche Rolle in seinem Budget. Dafür verlauste er aber an Schriften aus deni Gebiete der Uuterhaltungslitteratur im ganzen an die ziveiundein- halbtansend Stück. Am besten darunter gingen Erzählungen, wie das„Buch von den sieben weisen Meistern", das mit 238 Exemplaren den Vogel abschoß, oder Wickrams„Goldfaden. Eine schöne, lieb- liche und kurzweilige Erzählung", wovon 116 Exemplare ins Publikum gingen, und dann Schwantsammlungen, wie Paulis„Schimpf und Ernst"(262 Exemplare) und Kirchhofs„Wendunmut"(118). Sehr beliebt waren auch die Volksbücher, vor allem diejenigen französischen Ursprungs, wie„FortunatuS"(196 Exemplare),„Magelone"(176), „Melusine"(158),„Ritter Poutus"(147) usw., wogegen die eigentlich deutschen Volksbücher, abgesehen vom„Eulen« spiegel" mit 77 Exemplaren, scbr zurücktreten: der„Hörnerne Siegfried" z. B. ging nur in 34 Exemplaren ab, davon allein 23 nach Worms, der Vnrguuderhauptstadt der Heldensage. Die zeit- genössischen Dichter Brand, Fischart. Muruer usw.' figurieren in Härders Memorial überhaupt nicht. Man muß also aunehmen, daß er damit überhaupt keine Geschäfte macheu zu können hoffte. Um so mehr brachte ihm eine Reihe von schriftstellerischen Erzeugnissen ein, die nian auch noch zur schönen Litteratnr rechnen muß, nämlich satirische Angriffe auf allerlei Laster, die i»i(ä dem Bilde eines Teufels lächerlich gemacht werden. Diese Art Litteratnr war damals äußerst volkstüinlich: Härder verkaufte davon im ganzen 452 Stück. Am besten verkaufte sich Mathäus Friedrichs„Sausteufel" mit 69 Exemplare», ein„Hofteufel"(67 Stück), der„Eheteufel" von Andreas Musculus(64), Eustachius Schiidas„Spielteufel"(62) usw. Rein wissen» schaftliche Bücher sind fast gar nicht vertreten: bloß etliche Uebersetznngen von alten Klassikern und ein paar Geschichtswerke. Man müßte denn etwa dahin rechnen drei Rechenbücher, von denen Adam Rieses be- rühmte„Rechnung auff der linihen und federn in zal, maß und gewicht auff allerleh handiernng" den größten Absatz erzielte, eine in 56 Exemplaren verkaufte Anleitung zur Garteubankunst, zwei ver- schieden« Briefsteller und zivci Kochbücher: die beiden letzteren wurden zusammen in 141 Exemplaren verkauft. Weiblichen Be- diirfnifien diente auch ein„New Modelbuch, von aller Hand art iiehens und stickens". Daß die Neigung, an sich herumzuknriere», schon im 16. Jahrhundert sehr verbreitet war. beweist der starke Absatz, den das„Haudbüchlein Apollinaris" fand; dies HaitSarzneibuch wurde in 227 Exemplaren verkauft. Ein zweites Arzneibuch, das sich nach dem berühmte» mittelalterlichen Gelehrten Albert Magnus aus Köln benannte, setzte Härder 133 mal ab; es brachte im Anhang eine„Erklärung von den Tugenden der vornehmsten Kräuter und von Kraft und Wirkung der Edelsteine, von der Art und Natur etlicher Tiere, aus Apollinaris größere,» Kränterbuch gezogen; auch ein bewährtes Mittel für die Pestilenz, und wie man sich wegen des Aderlassens verhalten soll". Ein paar Worte dieses Titels legen den Verdacht nahe, daß hier ein ordcnt- liches Quantum Cbarlatanerie, einträglicher Spekulation auf die llnwiffeuheit»nd Leichtgläubigkeit der Menge mit unterlief. Daß man hierauf dazumal nicht umsonst seine Hoffnung setzte, beweisen die guten Geschäfte, die Härder mit einigen schon nach ihrem Titel auf überall anzutreffende Arten des Aberglaubens berechneten Büchern machte. Sehr zweifelhaften Charakters ist schon die 166 mal verkaufte„Bauern-Practica oder Wetter- büchle, wie man die Losung der Zeyten durch das gantze Jar er- lcrueu und erfaren mag".' Ganz besonderes Gist aber waren die Planetenbüchcr, Schriften, die dem astrologischen Wahn dienten. Das kleine„Planeten Büchlein. Eins jeden Menschen Art. Statur und Komplexion, nachdem er unter einem Planeten geboren ist, zu erkennen" verkaufte Harber in 168 Exemplaren a 7 Schilling. Das große Plauctenbuch kostete schon 19 Schilling, wurde aber auch noch 86 mal verkauft. Der Titel kündigt freilich einen äußerst vielseitigen, vielverheißenden Jnhntt an:„Das große Planeten Buch. Darin der erst Theil sagt von Natur, Zeichen des Himmels, auch von den 28 Mansionibus, das ist Stellungen des Mond, wie und was sie in der Menschen Geburt würcken. Der ander Theil helt in« die Geomanci, daraus man erlernen mag, was in allen Sachen zu thnn oder lassen sei de» Menschen, mit Reis«», Kaufen oder Verkaufen, in Krankheit oder Gesundheit u. s. w. in ein jede? Plauctenstunde, wie das ausweise» die 14 weisen Meister. Ter dritt Theil malt die Phhsiognomi und Chiromanci, das ist lvie man aus dem Gesicht, Gestalt und Gebärden, auch auS Anzeigung der Häud, der Menschen Geburt, Sitten, Gcbcrdeu und Reigligkeiten(Neigungen) erkennen mag. Alles aus Platone, Ptoloinco, Halt, Albmnasor und Johauue Küuigsbcrger(Regiomoiitcrnj auf Kürtzst gezogen jedermann zu gut, das Böß zu fliehen und das Gut qiizunemen. Mit einem»ützlichen Register. Frankfurt. 1536." Ebenso gut wie dieser Schwindel ging ein andrer:„Wuiidcrzcichc». Wahrhaftige Beschreibung und gründ- liche verzeichuns schrcckliiyer Wunderzeichen»nd gcschichtcn, die von dem Jar von 1517 bis auf jetziges Jar 1536 geschehen und ergangen sind, nach der Jarzal durch Jobum Fiucclimn." Davon wurde Haider nicht weniger als 171 Exemplare loS. Der buchhändlerische Erfolg, den solche wertlosen oder vielmehr höchst verderblichen Scharteken im NefoniiationSzeitalter erzielten, ist vielleicht das iuter- cssauteste Blatt in dem Harderschen Meßmemorial.— Biologisches. cc. Zur IN i m i k r i st i s ch e II T i e r färb n n g hat � der aiiicrikanische Künstler ruid Naturforscher Thaycr sehr iuterefiante Experimente angestellt. Es ivar Thayer, wenn er auf der Jagd war. vielfach aufgefallen, daß mimikristisch gefärbte Tiere, wie Rebhühner, Trappe», Hasen 3C. fast wesenlos erscheinen, wenn sie sich langsam in ihrer normalen Umgebung bewege». Thatsächlich geht bei ihnen alle» die lichte, blänlich-kalte Färbung des Bauches ganz allmählich in die warme, dunkle, bräunliche Färbung deS Rückens über. Auch die Fische, welche oben ivarm-dunkel, nuten kalt-hell gefärbt sind, werden dadurch den Blicken ihrer Feinde entzogen, wenn diese etwa in gleicher Höhe mit ihnen schwimmen und also von der Seite ans nach ihnen huffchen. Gegen tief schwimmende, von unten herauf- schauende Ltaubfische kann die hellere Unterseite keinen Schutz geben; denn gegen den hell leuchlenden Himmel gesehen, ninß sie sich stets sehr deutlich abheben. Doch halten sich die Fische mit ihren 'Fcmdcn meist ouf gleicher Höhe. Thahcr hat mm die an den Tieren gemachten Erfahrungen, die ihre Erklärung in alten, den Maler» iniigst bekannten Licht und Farbenivirknngsgcsetze» finden, zu einem neuen Verfahren verivendct. indem er einen ivirklicheu Ball in der Weise bemalte, daß derselbe als Körper verschivindet. Hierzu»»iß die obere Zone mit einem warmen', dunkeln, der Bodenfarbe gleichen, griinlich-braunen Ton bcnialt werden, der untere Teil da- gegen mit einem helle», kalten, weißlich-blauen Ton, und die Seiten sind so zu bemalen, daß die dunkle Farbe der Oberseite allmählich in die helle Färb» der Unterseite übergeht. Ein so bemalter Ball erscheint ans einiger Entfernung bollständig unkvrperlich, flächenhaft und undeutlich; ein neben ihn gestellter, gleichmäßig gefärbter Ball springt sofort scharf in die Augen.— Psychologisches. — Erinnerungsversuche sind neuerdings auf Anregung des Professors b. Liszt und des Privatdozenten Dr. Stenr in vcr- schiedcnc» Bunzlauer Schulen angestellt ivorden. Wie die„Drcslaner Morgenzeitung" mitteilt, wurde dabei in folgender Weise vor- gegangen: In jeder Klasse wurden etwa zwei Schüler zu den Ver- suchen bestimmt. Bei beiden nahmen diese den gleichen Wer- lauf. Dem ersten— der andre ivar nicht zugegen— wurde ein Bild mit der Aufforderung, sich dieses genau anzusehen, eingehändigt(das Bild lvar für alle Schulen dasselbe). Es stellte eine Bauernstube zur Mittagszeit vor, der Bauer sitzt am Tische und löffelt aus einem Teller Suppe, die Bäuerin steht am Tische und ist im Gespräch mit ihrem Manne be- griffen. Ein etwa sechsjähriger Knabe sitzt am Tische neben dem Vaier, ein kleines Kind liegt in der Wiege usiv. Nachdem sich der Schüler das Bild, eine Minute lang angesehen hatte, wird er unter Fortnahme des Bildes zu einer„spontanen Aussage" aufgefordert. Vorher noch wird an das Kind die Frage gestellt, wie lange es sich das Bild un- gcfähr augeschen habe. Hier schon zeigte es sich in den weitaus meisten Fallen, daß das Kind keine richtigen„Zeitbegriffe" hat. Die eine Minute gestaltet sich zu drei bis fünf Minute». Die„spontane Aussage" wird aufgeschrieben(am besten stenographiert). Fehler werden nicht korrigiert. Am zweiten Tage tvird mit den Schülern ein Verhör angestellt, bei welchem jeder veranlaßt wird, eine Reihe bestimmt gefaßter Fragen, die sich auf das Gesehene beziehe», zu beantivorten. Recht auffallend scheint es. daß die Farbcnangaben meist unrichtig waren. Am dritten Tage wird der Versuchsschülcr abermals zunächst zu einer spontanen Aussage veranlaßt und dann wiederum einem Verhör nach den ersten Fragen unterzogen. Nicht selten zeigen sich beim ziveiten Verhör gegen das erste recht ablvcichcnde Angaben. Die be- merkenstvcrtesten Versuche sind bisher die, bei welchen der Schüler einer Beeinflussung(Suggestion) untcrlvorfcn wird. Es werden ihm hierbei absichtlich Fragen vorgelegt, die falsche Angaben enthalten. In zahlreichen Fällen haben solche Suggcstionsfragen recht über- rascheude Ergebnisse gehabt, indem die Schüler vielfach ihre früheren richtige» Angaben nach den Be ei uflusstuigs fra gen ins Falsche um- änderten. Der durch die Versuche erzielte Belcgstoff tvird uunuichr sorgfältig geprüft werden.— Aus dem Pflinizenleben. — Die Ursachen d c S Bau m s ch w a»n m c S. Die Wochen- schrift„Nerthus"(Altona-Ottcusen. Chr. Adolff) schreibt: An uusren Obstbäumen sowie auch andren Bäumen und Sträucher» sehen ivir oft sogenannte Schwämme der verschiedensten Form und Größe. Mancher Obstzüchter hat wohl auch schon über Entstehung, eventuellen Schaden und so weiter dieser Schwämme nachgcdackit. In folgendem möge hierüber einiger Aufschluß gegeben Iverde». An bloßgclegten Holzteilen und offenen Banmwnnden können sich leicht Fäulnispilze ansiedeln, die den Holzkörper der Bäume durchziehen und langsam seine Zersetzung bewirken. Dieser Vorgang bleibt uns so lange verborgen, bis die Pilze auf der Außenseite ihre Samen- träger ansetzen und uns so sichtbar werden. Diese Samenträgcr NIM sind nichts andre? als eben die Schwämme. Wenn die durch den Pilz bewirkte Zersetzung, des Holzes so ivcit gediehen ist, daß cS in sich zusammensinkt und zu Staub zerfällt, so entstehen an den Aestcn und am Stamm hohle Stellen und wird uns so die Wirkung dieses pflanzlichen Schäd- lings bemerkbar. Nachdem der Obstzüchtcr das Wesen dieser Fäulnispilze kennt, wird er auf deren Bekämpfung bedacht sein. Durch sorgfältige Behandlung der Banmwunden wird er für deren rasche Heilung sorgen und so die Ansiedelung der Schädlinge mög- lichst verhüten. Ist es aber dazu hier und' da schon zu spät und zeigen die Samenträgcr au, daß die Pilze sich schon eingenistet haben, so wird er durch sofortige Entfernung der Schwämme der weiteren Verbreitung entgegenarbeiten. Gute Banmpflcgc ist also auch hier das beste Gegenmittel, und thatsächlich sind da, Ivo in dieser Ve- zichnng bessere Zustände herrschen, Schwämme und hohle Bäume viel seltener geworden.— Technisches. as. D i e B e d e u t n n g d e s e I c k t r i s ch c n O f c n S. Der elektrische Ofen ist von den Errnngenschaften der Elektrotechnik eine der jüngeren. Er stellt nicht etwa einen Ofen z» gewöhnlichen Heizniigszwecken dar, sondern einen Apparat zur Erzeugung außer- ordentlich hoher Wärmegrade durch Vcrniittcliing des elektrischen Bogens. Sein Erfinder, der große französische Chemiker Henri Moissan, hat seine Eigenschaften bereits zu einer Reihe von Entdeckungeii verwertet, die für die Wissenschaft von hohem Interesse sind. Eine andre Frage aber ist, welche praktische Bedeutung der elektrische Ofen besitzt oder ge- Winnen kann. Das wichtigste, was er in dieser Äc- zichnng bisher geleistet hat, ist die Herstellung des CalciumcarbidS, derjenigen Verbindung von Calcium und Kohlenstoff, auf deren Entdeckung die gesamte Accthleiiiiidustric zurückzuführen ist. Die Erzeugung dieses brennenden Gases durch einfache Befeuchtung des Calciuincarbids mit Wasser hat seine Verwendung zu Bcleuchtungs- zwecken überhaupt erst möglich gemacht. Nun ist aber der anfänglich einem Triumphzug gleichende Fortschritt des Accthlen neuerdings etwas ins Stocken geraten, so daß die Produktion des Calcium- carbids hat eingeschränkt werden müssen. Dieses Erzeugnis des elektrischen Ofens wird nun aber voraussichtlich bald einen weit größeren Einfluß auf einem anderen Gebiet erringen, und zwar auf dem der chemischen Industrie, wenn man dort von seiner hervorragendsten Eigenschaft, andren Körpern Wasser zu entziehen. eine zweckmäßige Anwendung zu machen gelernt haben wird. Die Vereinigung mit Wasser erfolgt nämlich unter Eutwickelnng von reinem Wasserstoff. Im bejoiidereu aber rechnet man auf die Ver- Wertung der ebenfalls im elektrischen Ofen zu gewinnenden Kiesel- säureverbindungen(Lilicide) in der Stahlindustrie wegen ihrer Wirkung auf Schwefel und Phosphor. Es ist festgestellt worden, daß durch Benutzung jener Stoffe bei der Stahlerzeugung der Schwefel und Phosphor ganz ausgeschieden wird und in der Schlacke zurück- bleibt, sodaß es möglich ist, auch aus einem an diesen beiden Elementen reichen Eisen einen Stahl herzustellen, der keine Spur von ihnen mehr enthält.— Humoristisches. — Gardinenpredigt im H ii h n e r h o f.(Henne zniii Hahn.)„Den ganzen Tag recht unieinanderspcktakelii, d'Lent recht ucrviös innchfii mit Dein Gckräh, und die andern Gockeln, Deine leibeignen Söhn', nix verglimm, dös kannst, Du Patzi!"— — II e b e r in c n f ch e 11. Sie:„Ich muß mal hinaus— möchten Sic mich nicht durch den Saal begleiten, lieber Freund?" E r:„Dummes Weib! Hab' ich darum Deine Seele befreit, daß Du nicht einmal allein hinausgehen kannst?"— — D i c mitleidige Metzgerin.„O mei, Fräulein Peppi, Sie glaub'» gar uöt, wia»ii die arina Lent dauern; die könna si' jetzt gar loa Stiickcrl Fleisch mehr kauffa l Weil's Viech so teuer is I" „No,'s Viech wird scho wieder billiger wer'n!" „Ja, aber m i r gch'n mit die Flcischpreis nimmer'runter, wenn ma's ainal droben ham!"—(„Jugend.") Notizen. —„Der Hund eine Satire von Metönier und Vois, geht Ende dieses Monats erstmalig im Bunten Theater in Sccne.— — Das Thalia-Theater wird, dem„Konfektionär" zu- folge, im nächsten Jahre bedeutend vergrößert und umgebaut werden.— — Julius L e h n e r t, bisher Kapellmeister am Grazer Stadtthcatcr, ist als Operudirigciil für das Theater deS W e st e n s verpflichtet worden.— — Das in der Photographie verwendete Blitzlicht, durch das Abbrennen eines Gemisches von Magnesium mit Brcunstoffen erzeugt, giebt bekanntlich eine so schnelle Beleuchtung, i daß man die Dauer auf'/iso Sekunde schätzte. A. Londe hat es nun nach der„Naturiviss. Nmidsch." nnteniominen, diese Dauer zu messen, wobei er sich cincr schnell bewegten, lichtempfindlichen Platte be- diente, zu der das Blitzlicht nur durch eine schmale Oesfnniig ge- laugen komitc, die von einer 1000 Schwingungen in der Sekunde aussührenden Stimmgabel mitgeführt wurde. Die gewöhnlichen Blitzpulver wurden untersucht und es hat sich dabei ergeben, daß ihre Verbrennungsgeschwiiidigkeit viel geringer ist, als man ver- mutete. Sic schwankte zwischen V,, und V20 Sekunde, nur wenige brachten es auf Ves Sekunde. Auf die Dauer der Verbreimuiig war die Art der Zündung von Einfluß. Elektricität gab die größte Geschwindigkeit. Die Dauer lvar am größten bei der Zündung mit Streichhölzern.— u. E u m m i s ch 11 h l a ck stellt man sich folgendcrmaßci! her: 100 Teile Weingeist, 1 Teil Kampfor und 16 Teile Harz werden mit 4 Teilen venetianischcm Terpentin gemischt. Dann werden 2 Teile besten Asphalts in 4 Teilen Terpentin gelöst, sowie 1 Teil Zucker in einer genügenden Menge Wasser. Diese drei Lösungen vereinigt man und läßt das Ganze einen Tag in der Wärme stehen. Bei seiner Verwendung wird der Lack erwärmt und mit einem weichen Pinsel auf die zuvor gereinigten und mit Spiritus abgeriebenen Gummischuhe aufgetragen.— Die nächste Numnier des UnterhaltungsblatteS erscheint am Sonntag, den 21. September. Dercumvortlicher Revactcur: Carl Leid in Berlin. Druck und Verlag von Max Badnig in Berlin.